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Full text of "Das Leben der Sprache und ihre Weltstellung"

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BEQUEATHED BY 
PROZESSOR OF 

6ermanfc Xanguages anö Xfteratutes 

IN THE 

1896-1899. 



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Leben der Sprache 

iinci ihre AVeltstelliing. 



Von 



I>r. Xt^udolf XSIleiiipaul. 



ERSTER BAND: 



Sprache ohne Worte. 




Leipzig. 

Verlag von Wilhelm Friedrich. 

1893. 



Sprache ohne Worte. 



Idee einer allgemeinen Wissenschaft der Sprache. 



Von 



Dr. Rudolf Eleinpaul, 




Leipzig. 

Verlag von Wilhelm Friedrich, 






Alle Rechte vorbehalten. 



Allem, was Sprache hat, 



gewidmet. 



Da ich aus dem Schlaf erwachte, 
Noch nicht wusste, dass ich dachte, 
Gäbest du mich selber mir; 
Liessest mich die Welt erbeuten, 
Lehrtest mich die Rätsel deuten, 
Und mich spielen selbst mit dir. 

Friedrich Rückert. An die Sprache. 



^ 



Vorwort. 



Die drei linguistischen Bücher: „Sprache ohne Worte", 
„Stromgebiet der Sprache" und „Rätsel der Sprache", die 
ich im Laufe von vier Jahren nacheinander herausgegeben 
habe, lege ich hiermit unter Einem Titel vor, wie es von 
vornherein in Aussicht genommen worden war. Sie bilden 
ein geschlossenes System der Sprachwissenschaft, sofern man 
darunter die Lehre vom Leben und Weben der Sprache 
selbst, keine Spezialuntersuchungen, versteht. Das erste 
beschäftigt sich mit der Sprache im denkbar allgemeinsten 
Sinne, sogar mit einer ohne Absicht der Mitteilung und ohne 
Gedankenaustausch — deis zweite mit der Laut- und Wort- 
sprache, deren Entwickelungsgeschichte in grossen Umrissen 
— das dritte mit dem Sprachbewusstsein der Menschheit, der 
Wortdeutung oder Etymologie, wie sich das fertige Werk- 
zeug des Gedankens im Kopfe der Gelehrten und Unge- 
lehrten spiegelt, üngesucht hat sich mir in Bezug auf die 
Sprax^hphilosophie eine ähnliche Dreiteilung ergeben, wie 
sie Hegel mit dem System der abstrakten Philosophie vor- 
genommen hat, indem er dasselbe in drei grosse Gedanken- 
kreise: die Wissenschaft der Idee an sich, die Naturphilosophie 
und die Philosophie des Geistes gliederte. Wie dort das 
unbestimmte Sein, spitzt sich hier im dialektischen Prozess 
die Sprache zu drei Haupterscheinungen: der Gebärden- 
sprache, der Schrift und der Lautsprache zu, welche letztere 
sofort die Führerschaft übernimmt und, nachdem sie durch 
mehrere Stufen der Existenz hindurchgegangen ist, endlich 
im grammatischen Satze, im ersten vernünftigen Worte 
gipfelt; und wie sich dort die Idee aus ihrer Entfremdung 



- vni ~ 

in der Natur wiederzusammenfasst und als Geist zu sich 
kommt, so kommt hier gleichsam die Sprache zu sich, erblickt 
sie in dem denkenden Geiste, der sich ihrer bediente, ihren 
Wiederschein, beginnt ihre Selbsterkenntnis, die, weil sie so 
spät eintritt und inzwischen Laute und Begriffe ihre eigenen. 
Wege geg^gen sind, so sehr erschwert wird. Sie steht 
vor lauter Rätseln, derselbe Mensch, der die Sprache her- 
vorgebracht hat, weiss nicht mehr was er spricht; er ist auf 
einmal im Besitz eines wundervollen Werkzeugs und begreift 
nicht, wo er dasselbe her hat. Die Antwort auf diese Frage 
erteilt die Sprachwissenschaft, zu der sich dcis sprechende 
Volk erhebt, die am Ende des zweiten Teiles das Problem 
vom ,, Ursprung der Sprsiche" aufwirfl, im dritten ihre 
eigenen Gesetze \md Grundregeln untersucht. 

Möge das ganze Werk, das den ernsten und den ersten 
modernen Versuch darstellt, die Sprache als solche wissen- 
schaftlich zu begreifen, allgemeine Gesichtspunkte für die 
Sprachforschung anzugeben und ihre Gebiete abzustecken, 
den Erfolg haben, den die Verlagshandlung wünscht und 
der Gegenstand verdient, und den Fachgelehrten nicht wert- 
los, den Laien nicht unnütz, niemand langweilig sein. 

Leipzig 1893. 

Rudolf Kleinpaul- 



Inhalts -Verzeichnis. 



Erstes Buch. 
Ohne Absicht der Mitteilung und ohne Gedankenaustausch. 

Erstes Kapitel. 
Die Sprache im allgemeinsten Sinne. Seite 

I. Die Weltsprache. Einleitung 3 

Die Idee einer Uhiversalsprache — Versuche diese Idee zu ver- 
wirklichen — inwieweit die einzelnen Sprachen dem Ideal einer 
Weltsprache nahegekommen sind — das Volapük, seine Absur- 
dität und Hoffnungslosigkeit — die Kraft eines Individuums wird 
mit der Kraft eines Volkes verwechselt — eine Sprache kann 
überhaupt nicht erfunden werden — das Volapük selbst ein 
Beispiel für diese Unmöglichkeit — es ist ein Jargon, wie die 
Lingua Franca oder wie das Pigeon English — wir sehen uns 
nach einer andern Art Weltsprache um — nach einer Sprache, 
die diesen Namen verdient — wie uns dieselbe aufgegangen ist: 
persönliche Erinnerungen — die sprechende Nachtigall aus 
Tausendundeine Nacht — die Sprache, welche sie kann, ist 
nicht die einzige, es gibt auch eine Sprache ohne Worte — 
die ganze Welt ist Sprache — die Himmel erzählen die Ehre 
Gottes, die Ruinen predigen laut, Falstaff hat eine ganze Schule 
von Zungen in seinem Bauch — die Welt, wie sie uns erscheint, 
redet von einer höheren Welt, die hinter der Welterscheinung 
steht — dies die erste und älteste, von den Menschen selber 
vor jeder andern gesprochene Sprache. 

II. Die Symbolik 20 

Abermals in Florenz: siehst du den schwarzen Hund durch Saat 
und Stoppel streifen? — wenn wir die Welt mit den Augen 
des Eingeweihten ansehn — die Nachtigall und die Rose — 
jedes Bild als solches sprechend ähnlich — natürliche Abbilder 



— X — 

Seite 

— die Lotosblume, die Passionsblume, die Signatur der Pflanzen 

— Beziehungen der Blumen zu den Geschlechtsteilen — das 
Sinnbild — das Ei, die Kugel, das Sistrum: Weltsymbole — 
das sehende Dreieck; die Schlange, die sich in den Schwanz 
beisst — das Pentagramm , das Ypsilon — das Stehaufchen, 
Symbol des Eigensinns — Tiere und Pflanzen, alte Sinnbilder 
für gewisse Eigenschaften — der Granatapfel und das Mohn- 
haupt, der Hase und der Karpfen — warum die Rose und die 
Myrte der Venus heilig sind — die Weide und das Keusch- 
lamm — das Sieb, das Einhorn und das Hermelin — der Ele- 
fant — drei Bäume mit dauerhaftem Holze: die Akazie, die 
Zypresse und die Zeder — der Lorbeerbaum und die Palme 
-r- der unsterbliche Pfau — die christliche Symbolik — Christus, 
das Licht der Welt — irdische Symbole Christi — der Wein- 
stock — das Schiff — der Fisch, das Lamm und die Taube, 
Hauptsymbole des christlichen Altertums — die heidnischen 
und die christlichen • Symbole sind Worte einer Weltsprache, 

die vor Jahrtausenden gesprochen worden ist. 

in. Die Divination 44 

Drei Träume — wenn wir unter dem Lebensbaume der Welt 
sitzen, ist es' uns auch als ob wir träumten — Piatos Erklärung 
von der Gabe der Weissagung — die Leber nicht bloss ein 
subjektives Organ der Divination — Vorbilder des Kommenden 

— Eingeweideschau und Vogelflug — Spinnen und Schafherden, 
Raben und Krähen, Hornissen und Hasen — persönliche Er- 
lebnisse sind bildlich und vorbedeutend — die Salisation, das 
Niesen — Omina, die auf die letzte Mahlzeit Christi und den 
Karfreitag zurückgehen — das Verschütten des Salzes , die 
Zahl Dreizehn, der Freitag — die Menschen bauen den An- 
zeichen des Unglücks vor — deuten sie um — Bischof Otto 
in Pommern — Vorbilder Christi im alten Testament — heid- 
nische Vorbilder — die Welt, ein Sigtiiwi^ quod a Deo homini- 

hus portenditur. 

IV. Die Traumsprache 57 

Auffassung der Träume im Altertum — der Morpheus des Ovid 

— die Träume eine Art selbständiger Geister, die von den 
Göttern auf die Erde gesendet werden — die zwei Pforten, 
aus denen sie kommen — die Sprache des Traumes, eine vierte 
göttliche Off'enbarung — die Träume Augurien , die Traum- 
deutung Divination — die Bildlichkeit des Traumes — sie er- 
innert an die Ausdrücke der Dichter und Propheten — Paral- 
lelen, die man zwischen den Träumen profaner Personen und 
den Visionen alttestamentlicher Propheten ziehen kann — zwei 



— xr — 



Seite 



von Fredegar mitgeteilte Träume fränkischer Könige — die 
Seele und die Maus — die Bildersprache des Traumes ist oft 
abhängig von der Zeit, der Nation und dem Ilande des Träu- 
menden, sowie von persönlichen Zuständen — Idee ein6r allge- 
meinen Traumsprache und eines "Wörterbuchs derselben — 
Proben: Redensarten des Traums, die durch die ganze Welt 
gehen — Verirrungen, Zahlensymbolik in Italien und in Wien. 

V. Schottisch 74 

Die Sprache der Hochschotten — das Zweite Gesicht — das- 
selbe eine allgemein menschliche Offenbarung und eine Sprache 
Gottes wie der Traum — Hans von Einsiedel und ApoUonius 
von Tyana — Unterschied zwischen Träumen und Visionen — 
letztere erinnern an mythologische Schöpfungen — dämonische 
Kräfte, die hinter der Natur geahnt werden — die Schuld des 
Baron von Neuhof — die wahre Schuld — das weibliche Ge- 
schlecht das Leibgeschlecht ominöser Erscheinungen — Dion 
und Brutus — dämonische Weiber — nichts ist so dämonisch 
als das Weib — Flüche, Sünden, Krankheiten als Frauen an- 
gesehen — der Tod und die Weisse Frau — die vier Apoka- 
lyptischen Reiter — der Apostel Petrus als Todesbote — der 
Dämon in eigener Gestalt — Schutzengel und Genien — gött- 
liche Stimmen im Leben religiöser Personen — der Dämon 
kann unsere eigene Gestalt annehmen und zum Doppelgänger 
werden — es sind entscheidende Momente , die den inneren 
Gott veranlassen zu sprechen — siete soddisfatto? 

:Zweite8 Kapitel. 

Die Sprache des Angesichts. 

I. Allgemeines. Geschichte der Physiognomik .... 92 
Die Quidproquos der Physiognomiker — Fi-onti nulla fides — 
der Schädel Rafaels — das ehrliche Gesicht des Evangelisten 
Marcus — der kleine Talbot — Uhland ein Papiermachergesell 
oder ein Uhrmacher — die Phrenologie — Lavater und Gall, 
verspottet und widerlegt — die Physiognomik immerhin eine sehr 
nützliche Kunst — und eine alte Kunst — Scriptores Physiogno- 
fnoniae veteres — Hippokrates und Aristoteles — wie Sokrates 
von einem Physiognomiker für einen alten Wollüstling erklärt 
wird und er dieses Urteil bestätigt — der Physiognom kann • 
nur die natürlichen Anlagen bestimmen — Tierähnlichkeiten 

— Vogelgesichter, Hundeköpfe, Wildprettypen und Haustiertypen 

— die Volksphysiognomie hat Beziehungen zur Fauna des Lan- 
des — Giambattista della Porta, sein geheimes Wissen und seine 
Analogien — er begründet nach der Meinung der Italiener die 
Wissenschaft der Physiognomik — sie ist eine Sprachwissenschaft 



— xn — 

Seite 

— Animi imago vultus est — die Symbolik der menschlichen 

Gestalt — innere und äussere Bedingungen der Physiognomie — 
die Physiognomik nicht mit der Mimik zu vermengen — der 
menschliche Körper ist wie eine Porträtstatue des Geistes, der 

Modell gestanden hat. 

IL Die leiblichen Analogien 103 

Verhältnisse der einzelnen Körperteile zu einander — die ärzt- 
liche Semiotik — populäre Kennzeichen: der Harn, die Zunge, 
die Fingernägel — Bleichsucht, Gelbsucht, Blausucht — die 
Korpulenz, bedingt durch das Darniederliegen der Geschlechts- 
thätigkeit — einzelne Naturfehler und ihre psychologischen 
Effekte — die Buckligen, die Schwerhörigen — Zeichen der 
Gesundheit: das Auge — die Temperamente, Formen der Ge- 
sundheit — stehende Korrelationen — die Symmetrie des Ske- 
lettes — Nase, Mund und Fuss haben am Körper ihre Korre- 
spondenzen — männliche und weibliche Geschlechtseigentüm- 
lichkeiten — Vorderbacken und Hinterbacken — sogar die 
Muttermale und Leberflecken sollen sich wiederholen — Gibbon 
und die Marquise Du Deffand, die sein Gesicht befühlt. 

ni. LeibundSeele iii 

Die Enthüllung der Mumie des König Ramses IL — seine 
mächtige Habichtsnase — die königliche Nase — die Nase das 
Aushängeschild des Charakters und immer vielsagend — Nasen, 
die bedeutende Männer gehabt haben — die Ohren und das 
Ohrläppchen — die Augen, ein Spiegel der Seele, ein Prüfstein 
der Gesundheit , ein Massstab für das Alter — Taubstumme 
und Blinde — die Accessorien an den Augen: die Augenbrauen 
und der Hoffartsmuskel — die verschiedenen Formen der Hand : 
die sensible und die motorische, die weibliche und die männ- 
liche Hand — die psychische und die elementare Hand — die 
Handfläche — ex ungiie leonem — die Handschriftendeutung — 
der Mund und die Lippen — hiermit sind die Sinnesorgane 
erledigt und wir sehen uns den ganzen Menschen an — die. 
Statur — Homo longus raro sapiens y sed si sapiefis sapientissimus 
Vorliebe grosser und dicker Männer für kleine und zarte Frauen 

— Vir pilosus aut libidinosus aut fortis — der Herakles Melam- 
pygos — das Haar — alles ist in seiner Art charakteristisch: 
der Gang, das Lachen — die Hässlichen — sie haben häufig 
Glück in der Liebe — Krates und Hipparchia, der Herzog von 
Lauzun, Rizzio — Don Quixote und Matthias Claudius über die 

Schönheit. 

IV. Nationalität und Rasse 127 

Zur Beförderung der Menschenkenntnis — die Physiognomie nicht 



X 



— XIII ~ 

Seite 
bloss ein Protokoll des Charakters, sondern auch ein Geburts- 
schein — die ethnographischen Kenntnisse unserer Zeit, nament- 
lich der Grossstädter - — woran die Florentinerin den Engländer 
erkennt — russische, römische, griechische, jüdische, deutsche 
Nasen — Familiennasen, die Kaisernase — il Labbro Austriaco 

— der Nacken des Polen, der Rücken des Friesen, die Stea- 
topygie der Hottentottinnen — Rassenmerkmale: die Hotten- 
tottenschürze — Geschöpfe der Wüste und Geschöpfe des 
platten Landes — die Sitten und Gewohnheiten der Völker: 
Orient und Occident — die Sitten sind nicht bloss an sich 
charakteristisch, sie hinterlassen auch dauernde Spuren in der 
leiblichen Erscheinung — wie an der Nase, am Kopfe, an den 
Geschlechtsteilen, am ganzen Körper herumgebastelt wird — 
einseitige Thätigkeit und abnorme Lebensweise bei den Grossen: 
Lappen und Tataren — sonstige Verunstaltungen durch unver- 
nünftige Zierraten — Natur und Erziehung — das Bild des 

Volkes. 

V. Stand und Profession 136 

Die Hand steckt in einem Handschuh, den ihr das Leben über- 
gezogen hat — der ganze Körper steckt im Mantel des Berufs, 
wie der Glaukos des Plato — durch einseitige Beschäftigung 
wird die Harmonie gestört, bei Individuen wie bei ganzen. Völ- 
kern — jedes Handwerk hat seine besondere Missbildung — die 
krankhaften Beine, die sich die Menschen anstehn und ansitzen 

— Gewerbekrankheiten — das Bäckerbein — Habitus der Schnei- 
der, Schuster, Tischler, Leineweber — die letzteren meist ge- 
drückt und furchtsam — der grosse Kopf des Gelehrten, der 
kleine Kopf des Maurers — Gastwirte und Kellner, Soldaten 
und Seeleute — die protestantischen Geistlichen und die katho- 
lischen Pfaffen — die Bewegungen des Handwerks werden zur 
Gewohnheit: Schneider, Schuster, Musikanten, Studenten — 
Kennzeichen der Erziehung — quo semel est imbuta receiis^ ser- 

vabit odorem testa diu. 

VL Erfahrungen und Schicksal 144 

Vier Brüder — das Leben und das Schicksal zeichnet die Men- 
schen ins Angesicht — die Abenteuer, die Gil Blas erlebt hat, 
sind auf seiner Stirne zu lesen — die wahre Chiromantie — 
man sieht es dem Menschen gleich an, was er für Tage gesehen 
hat, ob er reich oder arm ist, ob er tausend oder zweitausend 
Mark zu verzehren hat — wie der reiche Mann spuckt und 
wie der arme Mann spuckt: Lesefrucht aus Labruyfere — Schick- 
sale und Erfahrungen gelangen nur durch Vermittelung der 
Affekte zum Ausdruck im Gesicht — die Objektivität muss 



^ 



— XIV — . 



Seite 



durch die Subjektivität hindurchgehen — nur das dauernde 
Bild der Seele, an dem Vaterland, Geschlecht und Stand ein 
'für allemal mitgearbeitet haben, ist der Vorwurf des Physiogno- 
mikers. 

VII. Die Kleidung. 148 

Die künstliche Haut des Menschen — weite Ausdehnung ihres 
Begriffs, die jedoch hier nur angedeutet wird — an der Kleidung 
nach Jesus Sirach der Geist des Mannes zu erkennen — zu- 
nächst erkennt man an ihr Stand und Nationalität — . die 
Nationaltrachten vermischen sich, die Standesunterschiede ver- 
wischen sich — der nivellierenden Mode zum Trotz bleiben immer 
noch genug Nuancen übrig, die den Beobachter leiten können 
— auch bringt nicht selten der Beruf eine bestimmte Tracht 
mit sich r— wie die römische Polizei mit Hilfe kupferner Stifte 
eine unbekannte männliche Leiche rekognosziert — innerhalb 
der durch Nationalität und Stand gezogenen Grenzen macht sich 
der Charakter des Individuums geltend — moralische Eigen- 
schaften, die sich in der Kleidung spiegeln — die Eitelkeit, 
die aus den Löchern im Mantel des Antisthenes hervorguckt — 
wie sich der Weltmann kleidet — Vergleich zwischen der 
physiognomischen Prognose und der Bestimmung von antiken 
Marmorbildem, bei welchen ebenfalls auf die Kleidung zu achten 
ist — wie jene auf den dargestellten Gott, leitet diese auf den 
Geist, dessen Ebenbild der menschliche Körper ist. 

Drittes KapiteL 
Die Sprache der Mienen und Geberden. 

I. Die' gelegentlichen Äusserungen. Interjektionen . . 158 
Niemand badet zweimal in demselben Flusse — umsoweniger als 
sich der Badende selbst verändert — dennoch bleibt die Form 
des Organismus bis zu einem gewissen Grade stationär — die- 
selbe wird nur vorübergehend gestört, indem Reize an den 
Organismus herantreten und er auf die Reize reagiert — der 
Spiegel des menschlichen Angesichts zerbricht einmal über das 
andere und stellt sich dann von selber wieder her — zum Bei- 
spiel bei Aufregungen, im Zorne — der Kardinal Wolsey, der 
rasende Ajax, Othello, Hamlet — das Spiel der Mienen macht 
von der stehenden Physiognomie eine Diversion — die Reflex- 
bewegungen sprechende Symptome, sie reden von den Affekten, 
dfe sie hervorgerufen haben, und mittelbar von den entsprechen- 
den Reizen — alle Geheimnisse seines Haushalts schwatzt der 
Organismus, aus — das Tier selbst hat diese Sprache — ^ die 
Ohren der Pferde, der Schwanz des Himdes, das Erwachen der 
Harpyie — Theoderich, durch einen Fischkopf an das Gesicht 



— XV — 

Seite 
des Symmachus erinnert — die Reaktionen teils sichtbar, teils 

hörbar — Begriff der Interjektionen — dieselben sind bei den 
verschiedensten Völkern gleich, gehen von Volk zu Volk — 
wie der polnische Jude macht, wenn man ihm auf den Fuss 
tritt — sie werden gern verdoppelt und untereinander verbunden 
— Ergänzungen des Naturlautes durch Pronomina und andere 
Worte — Gewohnheit, im Schmerz das höchste Wesen anzu- 
rufen — der Name Linos, ein semitischer Klageruf — es läuft 
vieles unter dem Namen Interjektion, was nichts damit zu thun 
hat — ö, bald Ausruf, bald Zuruf — inwiefern Flüche und 
Schwüre die Funktion von Interjektionen erfüllen — sie werden 
oft absichtlich verstümmelt und verdunkelt — Missbrauch des 
Begriffes Interjektion • — Lockrufe, Scheuchrufe und andere Wei- 
sungen, so man den Tieren angedeihen lässt, dürfen nicht mit 
Näturlauten in einen Topf zusammengeworfen werden — die 
Lockrufe bestehen in den Namen der Tiere — wie Gänse, 
Hühner , Enten , Tauben , Schweine , Ziegen , Katzen gerufeö 
werden — in Interjektionen reden ist ein Widerspruch — 
auch die Wörtchen, die man Menschen zuruft, keine Interjek- 
tionen, sie haben vielmehr Beziehungen zu Sprachwurzeln — 
Holla! zu liolen, Hip! zu hüpfen ^ St! zu stehen — Theorie, wo- 
nach die Sprache überhaupt aus Interjektionen hervorgegangen 
sein soll — uns genügt es zu konstatieren, dass einzelne Inter- 
jektionen zu Substantiven und imifangreichen Begriffen erhoben 
worden sind, denn wir können die Interjektionen in unserem 
Buch nur brauchen, nicht sofern sie Worte sind, sondern sofern 

sie keine Worte sind. 

II. Lachen und Weinen 178 

Darwins Prinzip der Antithese — noch wichtiger ist das Prinzip 
der natürlichen Übertragungen oder der psychologischen Meta- 
phern — die ganze Psychologie steckt voll bildlicher und in- 
direkter Ausdrücke , voll volksmässiger Gleichnisse — streng- 
genommen ist sie die Lehre vom Atem — alle Sprachen leiten 
die Vorstellung des Geistes und der Seele aus dem Begriffe des 
Atmens her — anderemale wird die Seele als eine Art zweiter 
Leib oder als ein Tierchen vorgestellt — das Zeugen und das 
Erkennen — äusserliche Vorarbeiten werden für die nach- 
kommende Seelenthätigkeit genommen — die Menge geht über 
die äusserlichsten und unwesentlichsten Erscheinungen des Seelen- 
lebens nicht hinaus — hiernach begreifen wir, wie die Natur 
selbst geistige Zustände als solche nicht begreift — alle Geheim- 
nisse seines Haushalts schwatzt der Organismus nach Einer 
Leier aus — erste Stufe: die Reaktion erfolgt auf einen sinn- 



— XVI — 

Seite 
liehen Reiz — zweite Stufe: die Reaktion erfolgt auf die blosse 

Vorstellung des Reizes, zum Beispiel bei der Furcht — dritte 
Stufe: die Reaktion erfolgt auf allgemeine Störungen hin, welche 
unter dem Bilde eines lokalen Reizes angeschaut werden — die 
physischen Reize liefern das Tertium Comparationis — das 
Weinen und das Lachen: handgreifliche psychologische Meta- 
phern — selbige Metaphern sind neue, aber unbewusste Kund- 
gebungen der Natur und Elemente der Sprache ohne Worte. 

III. Der Kuss 193 

Wie Lude sich die Weltsprache denkt — er kann sich auf 
Shakespeare berufen — r nachdem wir gesehen haben, dass die 
natürlichen Mienen und Geberden auf bestimmte Reize hin er- 
folgen , müssen wir nach dem Grunde fragen , der uns treibt, 
diese Reize hervorzubringen — dieser Grund ist das Gefühl, 

das uns eine Person einflösst — jedes Gefühl hat wieder seine 
spezifischen Geberden, zum Beispiel die Liebe den Kuss — das 
Präludium des Beischlafs — die geschlechtliche Liebe ist ego- 
istisch und hat wenig von der wahren Liebe, die selbstlos und 
nur auf das Wohl des andern bedacht ist — der Kuss ein Vor- 
schmack und eine Probe des Beischlafs und wie dieser ein 
egoistisches Vergnügen — der Küssende küsst sich gleichsam 
selber, wie Philine, die Kusshändchen austeilt — Übertragung 
des Liebeskusses auf Freunde und Verwandte — der Kuss von 
dem Mund auf untergeordnete Teile übertragen — seit den 
ältesten Zeiten grüsste man die Gestirne durch einen Kuss auf 
die eigene Hand — die Kusshand bei der Adoratio der Römer 
— den Göttern und Kaisern werden die Knie, die Füsse, die 
Kleider, die Schuhe geküsst — die drei Stufen des Kusses: der 
Liebeskuss der geschlechtlichen Liebe, der der Ekel; der Kuss 
der wahren Liebe, der der Hass; der Kuss der Hochachtung, 
.der der Stolz und die Verachtung entgegengesetzt ist — alle drei 
Stufen in Christus vereinigt — eine vierte Stufe: das Küssen 

der Verstorbenen. 

IV. Die Selbstbeherrschung 203 

Die diplomatische Miene des Tiberius, die unveränderte Miene 

des Marc Aurel — die Apathie der Stoiker — die alten Ger- 
manen sinken lachend in die Arme des Todes, die Indianer 
singen am Marterpfahle lustige Lieder — wir kaufen das Lachen 
und bestellen die Heiterkeit: die Sandwichmänner in Paris — 
im Dreissigjährigen Kriege lacht der Hauptmann nur am Sonn- 
tag, der Weltumsegler Cook lacht nur Sonnabend abends — 
Krokodilsthränen — die Welt ein grosses Schauspielhaus, die 
ganze Natur auf den Kopf gestellt — die Gewalt, welche wir 



— xvn — 

Seite 
über unsere Mienen und Geberden haben, äussert sich bald in 

negativer , bald in positiver Weise , jenachdem wir sie unter- 
drücken oder reproduzieren — das Reich Monomotapa niest 

— Unterschied zwischen dem falschen Geberdenspiel in der 
Gesellschaft und dem Spiel des Mimen im Theater — die Frauen 
überschauspielern Adrienne Lecouvreur und Rachel F^lix — die 
Menschen wollen beobachtet werden, thuen aber so als ob sie 
nicht beobachtet werden wollten — wenn die Absicht , eine 
künstlich reproduzierte Miene sehen zu lassen , eingestanden 
wird, entsteht eine höhere Form der Sprache ohne Worte — 

Schluss des ersten Buches. 

Zweites Buch. 

Mit Absicht der Mitteilung, aber ohne Gedankenaustausch. 

Erstes Kapitel. 

Ein Schritt vorwärts. Die Reveille 211 

Der Stein der Weisen — es scheint, wir haben ein Pulver ge- 
funden, das die Kraft hat, die ganze Welt in Sprache zu ver- 
wandeln — warum die Weltsprache noch keine rechte Sprache 
ist — der Zweck macht das Wesen der Thätigkeit aus, die 
Absicht der Mitteilung ist es, was eigentlich Sprache macht — 
das animalische Leben der Boden, in welchem die eigentliche 
Sprache keimt — indessen der Gedanke, der mitgeteilt werden 
soll, ist vorerst noch nicht entwickelt — es kann sich fügen, 
dass nur die Absicht der Mitteilung allein zum Ausdruck kommt, 
der Gedanke im Hintergrunde bleibt — die Weckstimmen, 
die Reveille in der Sprache — das Anklopfen — wie man in 
England klopfen muss — diese Verständigung eine Vorstufe des 
Verkehrs — ausgestellte Wachen bei Gemsen, Affen, Kranichen 

— Unterhaltungen zwischen Insekten — der Krokodilwächter 

— Krebs und Muschel — es fragt sich, inwieweit die Signale 
der Tiere bewusst erfolgen — die Zeichen, welche sich die 
Menschen untereinander geben — der Pfiff des Odysseus und 
die Pfeifsprache auf Gomera — die Trommelsprache in Kame- 
run — das Klatschen in der Diamantenwäscherei — das Zei- 
chen wird konventionell und verschieden gestaltet, um seine 
Ausdrucksfähigkeit zu steigern — Kanonenschüsse, Glocken- 
geläute, das Tamtam oder Gonggong — die Flaggensprache — 
wie die Wenden zur Gemeindeversammlung eingeladen werden, 
wie der oberösterreichische Bauer Gevatter bitten geht — der 
Ceremonienmeister, der Droschkenkutscher, der Schutzmann, wie 
sie sich bemerkbar machen — die Klingeljungen der Bolleschen 



— XVIII — 

Seite 

Milchwagen, die seltsamen Weckapparate der Hausierer — diese 

Reveille nur eine Vorstufe der Sprache — wir können damit 
nur den schlafenden Verstand aufwecken. 

Zweites Kapitel. 
Offizielle Wiederholung natOriicher Geberden. 

L Die Beredsamkeit des Marmors 227 

Die Marmorstatue des Philosophen Condillac — Statuen, Typen 
der Kälte und Empfindungslosigkeit — sich in eine Statue ver- 
wandeln heisst zur Leiche werden — die Elfenbeinstatue Pyg- 
malions macht eine Ausnahme hiervon — die griechische Bild- 
hauerkunst hat eine Entwickelung durchgemacht, die an das 
allmähliche Auftauen und Erwarmen der schonen Galatea er- 
innert — versteinerte Geberden: der Zeus des Phidias, der trun- 
kene Satyr, Harpokrates, Narciss — Vergleich zwischen Statuen 
und den Denkmälern Verstorbener — die ersteren beleben sich 
allmählich mit dem Fortschreiten der Kunst und fangen an zu 
reden — der Wunderglaube des Volkes verleiht den Statuen 
häufig eine phänomenale Beweglichkeit und schreibt ihnen die 
Geberden lebender Wesen zu — die klingenden Statuen auf dem 
Kapitol, das wiehernde Pferd des heiligen Georg in Konstan- 
tinopel — Don Juan und der Steinerne Gast — aber die Statuen 
leben und sprechen schon als solche — wir selbst gleichen 
Marmorstatuen, die mit Geberden sprechen — Unterschied zwi- 
schen unserer Geberdensprache und der Beredsamkeit des Mar- 
mors — die gesprächigen Statuen gleichen Modellen, an denen 
wir uns die Sprache ohne Worte deutlich machen, wie sich das 
Volk die Weisheit gelehrter Männer an bronzenen Köpfen 
deutlich macht — jedermann stellt die beste Bildsäule von sich 
dar — die neunte Stutue in dem Märchen aus Tausendund- 
eine Nacht. 

II. Plastische Zeichen der Gesinnungen 241 

Die systematische Darstellung — Zeichen der Liebe : der Kuss, 
die Umarmung und der Händedruck — letzterer aus dem Hand- 
schlag hervorgegangen — Hand in Hand — im Mittelalter reichte 
der Ritter der Dame nicht den Arm, sondern die Hand — der 
Nasenkuss der Fidschiinsulaner — Zeichen der Verehrung — 
sie laufen auf eine Selbsterniedrigung hinaus — Grade der letz- 
teren: die Niederwerfung, das Niederknien, die Vemeigung, 
das Hutabnehmen, das Ausziehen der Schuhe, das Ausweichen 
und Platzmachen — wir verfolgen diese Geberden durch Alter- 
tum, Mittelalter und Neuzeit — Beispiele aus der Bibel, histo- 
rische Belege, Beobachtungen, die auf Reisen gesammelt sind 
— Stellungen beim Gebet — die Adoratio und die ÜQoqxvvrjaiq 



— XIX — 

Seite 

— Abraham und die drei Engel — Herzog Rollo und Karl 

der Einfaltige — der Selam der Türken — Zeichen der Dank- 
barkeit: sie fallen vielfach mit den Geberden der Liebe und 
Verehrung zusammen — Zeichen des Beifalls: das Klatschen 

— die Nachsicht: durch die Finger sehen — Zeichen des Miss- 
fallens: sie sehen den Zeichen des Beifalls oft sehr ähnlich — 
der Zorn: die Ohrfeige — der Verweis: die Nase — Zeichen 
des Spottes: der Storch, das Eselbohren, das Herausstrecken der 
Zunge , Hörner machen , Rübchen schaben , eine lange Nase 
machen, ein Schnippchen schlagen — Zeichen der Verachtung: 
das Ausspeien , das Entblössen des Gesässes , das Bieten der 
Feige, das Ausstrecken des Mittelfingers — die Feige ein Bild 

der Gebärmutter, die Geberde ein Bild des Coitus. 

Drittes Kapitel. 

Die Beibringung von Thatsachen. 

I. Rhetorische Kunststückchen 277 

Die lakonische Kürze, deren sich die Engländer in der Sprache 
befleissen — sie sprechen oft gar nicht, sondern argumentieren 
mit Thatsachen, zum Beispiel die Temperanzler — Facta loquun- 
tur — faktische Beweise, die der Redner beibringt — er lässt 
die Dinge reden, wie Cid mit seinem Degen redet — Edmund 
Burke schleudert einen Dolch ins Parlament — dieser praktische 
Tropus ist verfehlt — Burke hätte sich die Alten zum Muster 
nehmen sollen — Cato wirft frische Feigen in den Senat — der 
Sack ist leer — Lebende und Tote werden zu Zeugen angerufen: 
Hyperides und Phryne, Antonius und Cäsar — der Levit, der 
Stücke seiner Frau an die zwölf Stämme Israels versendet — 
das sind praktische Tropen und die gewaltigsten Redefiguren 

unter allen. 

n. Populäre Argumente 283 

Wie die Bettler reden — wie der Kaiser Augustus die Hand 
aufhält — wie Not und Unglück für sich selber sprechen — Graf 
Eberhard der Rauschebart schneidet das Tischtuch entzwei — 
der Mönch bittet um Verzeihung mit einem Stricke um den Hals 

— der Besiegte übergibt dem Sieger seinen Degen — das Ab- 
schneiden des Haares — Diogenes beweist dem Philosophen 
Zeno die Bewegung, indem er geht — der alte Graf geht dem 
neuen Fürsten, Frau von Pfaffenrath geht der Frau von Glei- 
chen vor. 

m. Offizielle Akte 287 

Wie Herzog Anton Ulrich von seinem Lehen Besitz ergreift — 
moderne Formen der Besitzergreifung — der Bräutigam tritt der 
Braut auf den Fuss, Beispiel im Meier Helmbrecht — warum 



— XX — 

Seite 
der Verlobungs- und der Trauring an den Goldfinger der linken 

Hand gesteckt wird — Absprechen des Besitzes — wie der alte 
Mieter herausgetrieben wird — Lauzun zerbricht sein Schwert 
vor den Augen des Monarchen — St. Dominicus zerreisst eine 
Urkunde vor den Augen des Bischofs, Capponi eine vor dem 
französischen König — eine Drohung ausführen ist besser als 
drohen, ein Versprechen erfüllen ist besser, als versprechen — 
das Ei des Kolumbus — die faktischen Beweise sind zweck- 
mässig gewählte Experimente — Schluss. 

Viertes Kapitel. 

Die Wahl von Bildern. Blumensprache — Briefmarken- 
sprache. 

I. Die Bildersprache des Volkes 293 

Philomela stickt Bilder, da sie nicht mehr sprechen kann — 
wie sie, geht die Sprache von schlichten Worten zu poetischen 
Bildern über — in Bildern zu reden scheint eine Sache der 
Dichter und der Redner zu sein — aber Männer jeden Schlages 
wählen gern Bilder, um ihre Gedanken kurz und treffend aus- 
zudrücken — das Volk selbst ist an dichterischen Anschauungen 
reich, das Volksgemüt die grosse Quelle der poetischen Meta- 
phern — die Bilder wechseln von Land zu Land und von Na- 
tion zu Nation — die Sprache eine phantasievolle Dichterin — 
das Volk wählt gelegentlich noch greifbarere Bilder — es wird 
etwas gezeigt, geschickt, gethan, was ins Auge fällt — sind die 
Dinge in natura nicht zur Hand, so nimmt man »Symbole 
der Dinge — Beispiele werden aufgesucht und Fabeln in Szene 
gesetzt — die Wirkung einer solchen Demonstration eine ausser- 
ordentliche — wie ein Pastor zwei bissige Hunde eine philoso- 
phische Disputation vornehmen lässt — zwei prozessierende 
Bauern, die eine fette Kuh auseinanderreissen, während sie der 
Advokat melkt — wie Sancho Panza als Gouverneur eine Frau, 
die über Notzucht klagt, ad absurdum führt. 
II. Die Bilder werden gewählt, um die Wahrheit ein- 
dringlich zu machen 300 

Das eiserne Schloss und die Leimrute beim Eidschwur Don 
Alfonsos des Tapferen — symbolische Gebräuche und Hand- 
lungen — Napoleon zertrümmert das Papsttum — er wird von 
Pius VII. ein Komödiant genannt — Gelimer, der letzte König 
der Vandalen, bittet in seiner höchsten Not um ein Brot, einen 
Schwamm und eine Harfe — die Botschaft der Scythen an Da- 
rius: ein Vogel, eine Maus, ein Frosch und fünf Pfeile — der 
heilige Bernhard steckt seinem Vater das Haus an, um ihm die 
Hölle anschaulich zu machen — Franklin schickt dem eng- 



— XXI — 

Seite 
lischen Minister Klapperschlangen — Aristodicns jagt die Sper- 
linge aus dem Tempel des Apollo — die Bienen in der Bilder- 
sprache — wie ein Pädagog die abstrakten und die konkreten 
Begriffe bezeichnet — der rote und der schwarze Stiefel Ros- 
kowskis — die Verhaltungsmassregeln, die Justinus Kemer seinen 
Kranken mit verschiedenfarbigen Fahnen gibt — das Bild liegt 
auf der Strasse — die Aufnahme des Prinzen Aureng-Zeyb in 

die Schweigende Akademie. 
III. Die Bilder werden gewählt, um die Wahrheit nicht 

gerade herauszusagen 307 

Die Bildersprache ist ebenso undeutlich wie deutlich — es gibt 
Dinge, die man nicht gern mit Worten sagt — die Engländerin 
und die Türkin, beide geben den Grund, warum sie sich von 
ihrem Manne scheiden lassen wollen, bildlich an — der Schuh 
ein Symbol der weiblichen Scham — die schamhaften Frauen 
sprechen überhaupt von geschlechtlichen Dingen nicht gern 
direkt — die Männer bedienen sich der Bilder aus Furcht oder 
aus Vorsicht — Thrasybulus, der Ähren, Tarquinius Superbus, 
der Mohnköpfe abhaut — Commodus tritt mit einem Straussen- 
kopfe in der Hand xmter die Senatoren — die Bildersprache 
besonders für Schimpf und Spott geeignet — die Belagerung 
von Kufstein — das Hundetragen — anzügliche Zusendungen: 
Hunde, Federbälle, Plätteisen, Kastanien, Hirsekörner, Wasser- 
melonen — zu den anzüglichen und bedeutsamen Sendungen 
gehören auch die Blumen und die frankierten Briefe — der 
Selam der Türken — die goldne Rose, die Lutherrose, die ge- 
heime Gesellschaft der Rosenkreuzer — die Art, die Freimarken 
aufzukleben — das Häckselstreuen und der Sfrohkranz, Andeu- 
tungen, dass das Mädchen ein Kind bekommen habe — der 
Messerschmied und der Advokat, Typen für die Bildersprache 

des Volkes. 
Anhang. Die Blumensprache. Die Briefmarkensprache. 315 

Fünftes Kapitel. 

Significative Waffen und Kleidungsstücke. 

I. Fächer- und Handschuhsprache. Kleine Mitteilungen 

auf dem Wege der Toilette 319 

Ergänzung der Geberdensprache durch Toilettengegenstände — 
die Spielhahnfedern am Hute der jungen Burschen in Tirol und 
Oberbayern — die Stocksprache, die Handschuhsprache — was 
eine schöne Frau mit ihren Handschuhen und ihrem Fächer 
alles sagt — die Akademie, auf welcher junge Damen im Ge- 
brauch des Fächers unterrichtet werden — Spanien, das klas- 
sische Land der Fächersprache — die Kleidungsstücke sind an 



— xxn — 

Seite 
sich significativ — Frauen ziehen sich anders an als Männer, 

verheiratete Frauen anders als Jungfrauen — erstere haben Hau- 
ben, die letzteren gehen im Haar — die Schwestern der Brüder- 
gemeinde zeigen ihren Rang durch die Farbe der Haubenbänder 
an, ebenso die Mädchen auf den florentiner Fastenmarkten — 
in der Bretagne verraten sie ihre Mitgift durch die Streifen 
ihrer Röcke — das Signal der Frau von Soubise: ein Paar 

smaragdene Ohrgehänge. 
IL Stehende Abzeichen. Freiwillige — Aufgezwungene. 324 
Die vorübergehenden Mitteilungen auf dem Wege der Toilette 
gleichen schwarzen und weissen Segeln, die aufgezogen werden 
— uns kommt es auf stehende Signale und dauernde Abzeichen 
an — auf Abzeichen, wie der Pantoffel, den der Ritter Poly- 
phem auf seinen Helm steckt — auch die Frauen tragen poli- 
tische Abzeichen: die Damenhüte in England, die Spanierinnen 
bei den Stiergefechten — in erster Linie sind es die Männer, 
die Farbe bekennen sollen — Farben sind an sich oft Abzeichen 
politischer Parteien — andereraale haften sie an bestimmten 
Blumen, welche die Abzeichen bilden — das Geranium, das 
Veilchen, die weisse und die rote Rose — andere Abzeichen: 
der Bundschuh, der Bettelsack — Erkennungszeichen, die ge- 
wissen verfemten Menschenklassen, wie Sträflingen, vom Staate 
aufgezwungen werden — Tracht der Juden und der prostituierten 
Frauenzimmer — die Brandmarkung — der Strick um den Hals. 

HL Uniformen, Orden und Gradabzeichen 330 

Abzeichen dienen auch dazu, die Lebensstellung, den Rang und 
das Dienstverhältnis zu charakterisieren — sie greifen nicht 
selten auf die gesamte Tracht über — Uniformen, durch die der 
Staat einzelne Stände und Volksklassen auseinanderhält — ihre 
Supplemente, Orden und Gradabzeichen — der Ornat — die 
Uniformierung arbeitet der nivellierenden Tendenz entgegen — 
der doppelte Naturzustand des Menschen — Proben der Art, 
wie die Kleidung in verschiedenen Kreisen geregelt wird — in 
Konstantinopel: Kopfbedeckungen, Beinkleider, Pantoffel sind 
voi^eschrieben — die Jäger und Kutscher der Gesandten in 
Petersburg — die Eisenbahnbeamten — das Militär: nationale 
Farben und Montierungsstücke , Unterscheidungsmerkmale der 
einzelnen Truppenteile und Truppengattungen, Rangabzeichen — 
der Tigerpelz Zietens — nirgends ist das Uniformwesen so sorg- 
fältig ausgebildet und so systematisch durchgeführt als wie beim 
Militär — Feldzeichen und Feldbinden im Dreissigjährigen 
Kriege — die Montierungsstücke wandern von Land zu Land 
und kommen von Nation zu Nation in Aufnahme, zum Beispiel 



— xxni — 

Seite 
der Tschako, der Dolman, der Attila — Husaren, Dragoner, 

Ulanen, von den Franzosen alle als Ulans bezeichnet 

rV. Wappen und Aushängeschilder 337 

Ein Brief des Herrn von Hopfgarten — sein Wappen ist überall 
angebracht, zuerst auf seinem Schilde — die Malereien auf den 
Schilden der alten Deutschen — Wappen sind Waffen — die 
Wappen aus Schildbildern und Helmkleinoden hervorgegangen 
— sie sind ein sprechendes Accidens der Rüstung — nicht alle 
redend, aber alle sprechend — sie erzählen von dem Geschlecht 
und, da sie im Laufe der Zeit darauf übergehen, von dem Be- 
sitz, der Herrschaft, dem Amt des Trägers — der deutsche 
Adler — der zweiköpfige Adler — die Wappenschau der He- 
rolde bei den Turnieren : Blason, Heraldik — die Wappen wer- 
den von Schild und Helm auf alles übertragen, was zur Familie 
gehört — Gesellschaftswappen, Klosterwappen — Herrschafts- 
und Länderwappen sind dem Geschlechtswappen des Herrn ent- 
nommen — die Fahnen der Innungen — der gekrönte Brezel — 
Aushängeschilder der Handwerker — eine mittelalterliche Bilder- 
sprache und Bilderschrift — Auslese von Wappen und Aus- 
hängeschildern in tabellarischer Form. 

Drittes Buch. 

Mit Absicht der Mitteilung und mit Gedankenaustausch. 

Erstes KapiteL 

Die entwickelte Spraclie. Pantomimen und Hieroglyplien des Voiles . 357 

Was ist besser, ein Feuerzeug oder ein brennendes Licht? — 
bisher hat man uns nur das Feuerzeug gereicht — Entwickelung 
des Gedankens aus dem Dinge — Wirklichkeit und Wahrheit — 
was geschieht eigentlich in uns, wenn wir denken? — der den- 
kende Mensch gleicht dem Hirten im Evangelium, der das ver- 
lorene Schaf in seinen Stall zurückbringt — gleich ihm bringt er 
das Individuum in der Art vermöge des Urteils unter — in der 
Sprache wird das Individuum zum Subjekt, die Art zum Prädi- 
kat, das Urteil zum Satz — der Satz wird wiederum in vierter 
Reihe zur Verknüpfung eines Substantivs mit einem Verbum — 
alle Sprache dreht sich um den einfachen Satz — die Reali- 
sierung des Satzes in der Lautsprache und in der Sprache ohne 
Worte — die Darstellungsmittel der letzteren sind die Geberde 
und die Schrift — der Klub des Stillschweigens in London, 
seine seltsamen Gebräuche und Satzungen — er übersieht nur, 
dass sein Stillschweigen kein absolutes und dass die Geberden- 



— XXIV — 

Seite 
spräche auch eine Sprache ist — die Kunst der Pantomime — 

der pontische König erbittet von Nero einen Schauspieler, der ihm 
helfen soll, sich mit Barbaren zu verständigen — die Chironoviia 
der Alten: Beispiel an einer antiken Vase — die Finger kleine 
alpartige Geister — was man mit ihnen alles zu wege bringt 
— die Geberdensprache und der plastische Sinn der Neapoli- 
taner — jeder Neapolitaner vom Lazzarone bis zum König 
spricht mit seinen Händen — die Rede des Re Bomba — die 
Finger als Geschwister, als Sekretäre — die Bilderschrift- des 
Volkes in Wirtshäusern und Schaubuden — Theaterzettel und 
andere Anzeigen in Bildern — Hier wird nicht gepumpt — 
Schimpf und Spott greifen zur Bilderschrift — die Geige, ein 
volksmässiges Sinnbild für das Weib — wie sie gefallenen Mäd- 
chen angehängt und zu einem allgemeinen Ausdrucke des Spottes 
erhoben wurde — in Tirol wird sie an die Wand gemalt — 
Korrespondenz per Postkarten zwischen einem Westfalen und 
seinem Stammtisch in Leipzig — die Bilderschrift dient gele- 
gentlich dazu, die Gedanken des Schreibers zu verhüllen — 
Gaunerzinken und Spitzbubenzinken — Zeichen der Fahrenden 
Leute: der Pfeil — zum Teil sind diese Zeichen uralte deutsche 
Personenbezeichnungen — Pfeile, Herzen, Fackeln auf Liebes- 
briefen des XVI. Jahrhunderts — erotische Wandmalereien — 
die griechische Drei und die polnische Fünf. 

Zweites Kapitel. 
Die vernünftige Geberdensprache. Wilde — Taubstumme — Mönche . 377 

Der Mensch ein Baldanders und ein Proteus — Kunststücke 
des Arabers Abdallah an Bord eines Nilschiffes — an Proteussen 
fehlt es nicht — wir haben alle etwas von einem Proteus und 
ahmen gleich ihm sichtbare Gegenstände mit unserm ganzen Körper 
nach — anderemale bilden wir die Gegenstände nur plastisch 
mit Händen und Füssen ab — noch anderemale begnügen wir 
uns damit, sie in der Luft zu zeichnen oder nur darauf hinzu- 
weisen — Gespräch zwischen der Bella Maddalena und einem 
Dienstmädchen im fünften Stocke — Disputation eines Pfarrers 
und eines Schuhmachers in der Fastenzeit auf der Kanzel — wäh- 
rend wir nur unter besonderen Umständen und aus Not zur Ge- 
berdensprache greifen, ist sie bei gewissen Menschenklassen, die 
entweder immer in der Not sind oder sich die Not grundsätzlich 
selber machen, das stehende und regelmässige Mittel der Verstän- 
digung — dergleichen Menschenklassen sind: einzelne wilde Völ- 
ker, die Taubstummen und die Cistercienser Mönche — natür- 
liehe Übereinstimmung dieser drei Klassen in ihren Geberden — 



— XXV - 



Seite 



merkwürdiges Gespräch zwischen einem Donimus Reverendus 
von Clairvaux, einem Indianer vom Lorenzbusen und einem Zög- 
ling des berliner Taubstummeninstituts — wie sie Feuer und 
Wassety Regen und Hagely Gott und Seele, sehen und geheimhalten 
zum Ausdruck bringen — Idiotismen der einzelnen Klassen — 
das Zeichen für die Stadt Charlottenburg in dem berliner Taub- 
stummeninstitut — wie die Trappisten leben und sterben — wie 
die Indianer den Hund, die Taubstummen das Brot, die Milch und 
das Kind in der Geberdensprache nennen — das Brot in der 
Lautsprache das Gebraute oder das Gebrochene, in der Geberden- 
sprache das Geschnittene — Abbildungen gleicher Gegenstände 
müssen sich ähnlich sehen — wie der liebe Gott nach Ecker- 
mann Goethe die Schöpfung hätte überlassen können, so kann 
auch der Lehrer der Geberdensprache seine Schüler nur ma- 
chen lassen. 

Drittes Kapitel. 

Wie so ich dieses schreibe. 

I. Die alte Bilderschrift 389 

Die Nachbildung der Dinge auf Flächen mittels Linien und 
Farben noch ergiebiger als die plastische Nachbildung — unsere 
eigene Schrift beruht darauf — wie ein Taubstummer rotes Zelt 
schreibt — die Figuren eines Zeltes und einer Zeltthüre gehen 
durch die Jahrtausende — was heisst schreiben? — schreiben 
heisst kleine Bilder zeichnen, denn Hieroglyphen und Sino- 
gramme, Keile und Runen waren von Haus aus Bilder sicht- 
barer Gegenstände — Bilder wie die Sudeleien der Schuljungen, 
die Kritzeleien der Hinterwäldler in Amerika, die Schmierereien 
unserer Narren — es kam nicht darauf an, ob diese Bilder gut 
waren — die roheste Nachbildung genügte, wie sie bei den Cro- 
quis der Einjährig-Freiwilligen und beim Situationszeichnen ge- 
nügt — auch unsere Kalenderzeichen sind nicht viel besser, im 
Gegenteil sie stimmen mit den Hieroglyphen und Sinogrammen 
auf das genaueste überein — Zeichen für Sonne und Mond, Pla- 
netenzeichen, Apothekerzeichen — wie Feuer und Wasser, ein 
Tier und ein Baum, unten und oben ausgedrückt wird — der 
Buchstabe H ein Gitter, O ein Auge — die ägyptischen Hiero- 
glyphen und die chinesischen Sinogramme sind nichts, was nicht 
täglich auch bei uns vorkäme — wir alle malen Quadrate, 
Kreuze, Sterne, Pfeile, Hände, Donnerkeile, Spiesse und haben 
für Begriffe, die häufig vorkommen, konventionelle Bilder — wie 
in Norwegen Kristiania geschrieben wird — Fruchtbarkeit dieser 
einfachen Bilder: sie drücken nicht bloss die Gegenstände selbst 
sondern auch alles das aus, was dieselben begriflflich einschliessen 



— XXVI — 

Seite 
oder symbolisch darstellen — Götter und Naturkräfte» profane 

Dinge — sie vertreten leider auch alle Dinge, deren Namen 
dem Namen des Originals gleichlauten, das heisst alle Ho- 
monymen. 

II. Übergang der Bilderschrift zur Buchstabenschrift . 398 
Die phonetische Krankheit — Wort und Sache wird nicht aus- 
einandergehalten und infolgedessen das Bild nicht bloss für das 
Ding, sondern auch für das Wort genommen — diese Methode 
ist uns nicht fremd, auf ihr beruhen die sogenannten Rehussf — 
historische Beispiele aus Frankreich, Spanien und Italien — 
Charaden, wie sie in Deutschland aufgeführt zu werden pflegen 
— die Ägypter haben auch Rebusse gemacht und Bilderrätsel 
erfunden — wie das Bild des Löwen für den Begriff ll^asser 
verwendet wird und wie darauf die Sitte zurückzuführen ist, bei 
Öffentlichen Brunnen das Wasser aus Löwenrachen quellen zu 
lassen •- die Hinxufügung der Determinativa — derselbe Ent- 
wickelungsgang in der chinesischen Bilderschrift und in der 
Keilschrift, aber in der ägyptischen Schrift ist er am deutlich- 
sten — nachdem das Bild auf das Wort übertragen worden ist, 
schreitet das Volk daiu, das Bild auf den Anlaut des Wortes 
tu übertragen — so gelangte es zu einem System der Laute 
überhaupt - für das Ding, das bisher mit einem einzigen Bilde 
bezeichnet waril, brauchte man nun so viele Bilder als sein 
Name Laute enthielt — die ideographischen Zeichen verschwan- 
den vlamit nicht ganz, aber das frühere System war überwunden. 
dAS Volk hatte Buchstaben gewonnen — Vergleich mit den 
Taubstummen, welche die Buchstaben des Alphabets erlernen. 

IIL Das griechisch-phönirische Alphabet 410 

Die Schritt tritt in den Dienst der Lautsprache — die Phöni- 
iier bekommen die 3^j\*plischen Buchstaben in die Hände und 
geben ihnen neue» aber gleich anlauten vi e Xamea — tias Beth 
ntSv? vUsi<v,r.el in vien Schulen Kai tha^vR »ai Zeit der Vandalen- 
hetrschat^ - - aus viem phÖTiirischeu Alphabet gehen die ver- 
breiietsten >ch:'st:arten viei Ftv'.e, viie arabis^cfce und die latei- 
t:i$sc>ie he:>\M — Ka^i^v.^js bnagt sex^hreha Buchstaben nach 
OriecV.e'nU'^i — .Ue Fi^aren wer.?ev, u^v-irfkehit cni die Zeichen 
ß:T Hiac>lv^'*e i:5 J^eicVie?: tüi Vokale \TfT"tt-aT:.?eh — durch die 
GT-Jory.;?*:?; Si:^/,^f r.* \:r.*« l'Tn:^:i:jiben> wi:\^ ia> T»b5iaÄi>>che Alpha- 
Sä i^-Ä R>ve:T: kS<'tv..^.::c*: - - \\ >»--.: wi<-.ieT Zeichen der 
A>n-^i:'ii:.^K - G^^^>.':c>.:f .->: 1^^* ><:jiSeTi F. V, £ — Verhalt- 
T.T< £*•-: Vi.-fT- ^c>.>:j;>r^ O ::r.* 1^ - AÄ^NTTScV.e .;<< C im 
jÄtt R.xn: — 0>:^^\^ ir.; i^i' K't.yff :'S>-er' - F;r*r.T>eT^:2g an die 



— XXYII — 

Seite 

IV. Die lateinische Schrift in Deutschland 417 

Durch Ulfilas und Cyrillus kommt die griechische Schrift zu den 
Germanen und zu den Slawen — die Cyrillica bildet die Grundlage 
der russischen Schrift — die ältesten Schriftzeichen der Germanen 
waren die Runen — sie sind aus dem lateinischen Alphabet her- 
vorgegangen — das Futhark — jede Rune hatte einen bestimmten 
Namen, der bald aus der Mythologie, bald aus dem Leben genom- 
men war — die Runen wurden auf Buchstaben eingeritzt, welche 
man zur Losung und Weissagung benutzte — sie galten als 
Zauberzeichen — allmählich fingen die Runen an, nur den An- 
laut ihres Namens zu vertreten und wurden schliesslich zu Laut- 
zeichen überhaupt — seit dem V. Jahrhundert wird das Runen- 
alphabet, als ein deutsches und heidnisches, durch das lateinische 
Alphabet verdrängt — die Mönche, die lange im alleinigen Besitze 
der Schreibkunst waren, machten eine ganz neue Schriftart dar- 
aus, die deutsche oder gotische — dieselbe ist jedoch nichts 
Deutsches — von den Klöstern ist auch der Missbrauch ausge- 
gangen, die Hauptwörter gross zu schreiben — die phonetische 
und /die historische Schreibweise — man soll nicht dieselben 
Laute durch verschiedene Zeichen, noch verschiedene Laute 
durch dieselben Zeichen wiedergeben — was dasselbe ist: jeder 
Laut soll nur einunddasselbe Zeichen und jedes Zeichen nur einen- 
unddeiiselben Laut haben — wie viel ein deutsches Kind Unter- 
richtsstunden braucht, um fest in der Orthographie zu werden 

— Vereinfachung der Zeichen — mit allen ihren Mängeln ist 
doch auch unsere Schrift ein Erbteil uralter Weisheit — jedes 
geschriebene Wort ein optisches Vexierbild — dieses Buch, wel- 
ches die Schrift als einen Ableger der Sprache ohne Worte zu 

erweisen sucht, wäre selbst ohne die Schrift nicht denkbar. 
V. Tabelle 429 

Viertes Kapitel. 

Unsere angeborenen Ziffern 436 

Die Ziffern ein Rest der alten Bilderschrift — ihr Ursprung 
dunkel — Erinnerung an einen Professor der Mathematik, der 
die Revolution der Zahlen predigte — er behauptete, jede Ziffer 
müsse so viel Striche haben als Einheiten, danach restaurierte 
er die ZiflFern — wie er die Null geschrieben wissen wollte — 
alle Ziffern sind gewissermassen Nullen — der arabische Ur- 
sprung unserer ZiflFern — Unterschied zwischen einfachen und 
zusammengesetzten Ziffern — nur um die ersteren handelt es 
sich; auf welchem Wege gewannen die Völker einfache Ziflfern? 

— erstens auf dem ebenangegebenen: soviel Striche zu machen 
als Einheiten vorhanden sind — zweitens dadurch, dass sie die 



— XXVIII — 

Seite 
Anfangsbuchstaben der Zahlwörter zu Ziffern erhoben — drit- 
tens, indem sie die Buchstaben des Alphabets zu Zahlzeichen 
benutzten und dieselben die ihrer Stelle entsprechende Zahl ver- 
treten Hessen — an diese Methode, erinnert der Ausdruck Küm- 
tnelbläitcfien , eigentlich Gtmelblättchen — viertens, indem sie die 
Ziffern durch Dinge ausdrückten, welche erfahrungsgemäss eine 
bestimmte Anzahl von Einheiten enthalten — die römische Ziffer 
V hat die Form einer Hand, X ist eine doppelte Hand — es 
gibt Dinge, welche zufallig die Gestalt von Ziffern haben, sie 
gehen uns nichts an, ebensowenig die Ziffern, welche mit den 
Fingern nachgemacht werden — dagegen besteht bei der Hand 
und der Fünf ein innerer Zasammenhang, denn die Hand ist eine 
lebendige Fünf, die Finger sind lebendige Einheiten — die ita- 
lienische Einheit in Neapel — die Dreieinigkeit mit den Fin- 
gern dargestellt — Hand und Fünf sind in der Sprache des 
Volkes geradezu gleichbedeutend, wie bei den modernen Römern 
die Beine der Frau die Zahl Zwei bedeuten — wie, wenn alle 
Ziffern aus solchen natürlichen Zahlen hervorgegangen wären? 

8ach-Register 449 



Erstes Buch. 



Ohne Absicht der Mitteilung und ohne Gedanicenaustausch. 



Kleinpaul, Sprache ohne Worte. 



Erstes Kapitel. 

Die Sprache im allgemeinsten Sinne. 



I. Die Weltsprache. Einleitung. 

Die Idee einer Universalsprache — Versuche diese Idee zu verwirklichen — 
inwieweit die einzelnen Sprachen dem Ideal einer Weltsprache nahegekommen 
sind — das Volapük, seine Absurdität und Hoffnungslosigkeit — die Kraft 
eines Individuums wird mit der Kraft eines Volkes verwechselt — eine Sprache 
kann überhaupt nicht erfunden werden — das Volapük selbst ein Beispiel für 
diese Unmöglichkeit — es ist ein Jargon, wie die Lingua Franca oder wie das 
Pigeon English — wir sehen uns nach einer andern Art Weltsprache um — 
nach einer Sprache, die diesen Namen verdient — wie uns dieselbe aufgegangen 
ist: persönliche Erinnerimgen — die sprechende Nachtigall aus Tausendundeine 
Nacht — die Sprache, welche sie kann, ist nicht die einzige, es gibt auch eine 
Sprache ohne Worte — die ganze Welt ist Sprache — die Himmel erzählen 
die Ehre Gottes, die Ruinen predigen laut, Falstaff hat eine ganze Schule von 
Zungen in seinem Bauch — die Welt, wie sie uns erscheint, redet von einer 
höheren Welt, die hinter der Welterscheinung steht — dies die erste und älteste, 
von den Menschen selber vor jeder andern gesprochene Sprache. 

Seitdem der Philosoph Leibniz die Idee einer Universal- 
vSprache in Europa aufgebracht hat, sind die Projekte nicht 
wieder alle geworden, eine internationale Weltsprache zu 
begründen, wie eine Weltpost, eine Weltzeit und eine inter- 
nationale Weltschrift in den Ziffern und im Morseschen 
Telegraphenalphabet besteht. Deutsche, Engländer, Fran- 
zosen, Russen; Gelehrte, Bischöfe, Taubstummenlehrer, 
Diplomaten haben Vorschläge gemacht, wie dieses grosse 

Desideratum der Völker, dieses notwendige Verständigungs- 

1* 



— 4 — 

mittel am besten zu erreichen sei — da ist das Ntü Bino, 
da ist die Pasüingua, da ist das Volapiik. Johann Martin 
Schleyer, weiland Pfarrer in Lizzelstetten bei Konstanz, 
also ein katholischer Geistlicher, hat aus reiner Liebe zur 
vielgeplagten Menschheit das Evangelium eines neuen Idioms 
verkündet imd macht dafür, namentlich in den Schichten 
der Kaufleute, Propaganda; das Evangelium heisst Volapvk, 

das heisst wörtlich Weltsprache {Vola, Genitiv von Vol, Welt; Pük, 

Sprache). Weltsprache! Das ist leicht gesagt; denkt man 
aber ein wenig darüber nach, so merkt man, welche unver- 
schämte Arroganz in diesem Titel liegt. Der Hochehr- 
würdige, der eine Weltsprache konstruiert, kommt mir gerade 
so vor, wie ein Schulamtskandidat, der ein Programm ver- 
fasst hat und behaupten wollte: Meine Schriften haben 
Weltruf! — oder wie ein Materialwarenhändler, der sich 
in Krähwinkel am Markte etabliert hat und an seinen Laden 
schreibt: Dieses Haus ist ein Welthaus! — Man kennt in 
Leipzig die KaflFeeschenken und die Gosenkneipen, die ihre 
Inhaber in den Zeitungen bombastisch als Weltcafes und 
als Wdtrestaurants ausschreien. So wohlfeilen Humbug 
treiben Herr Pfarrer Schleyer und Konsorten. Ehe man 
eine Weltsprache anzeigt, sollte man doch warten, bis man 
eine hätte. Eine Weltsprache möchte es einmal gegeben 
haben — vor dem Turmbau zu Babel, als noch alle 
Welt einerlei Zunge und Sprache hatte; aus jener 
Zeit stammt, wie verlautet, das Wort Sack, die Bezeich- 
nung des Rucksackes, den die Menschen alle mit auf die 
Reise nahmen, als sie der Herr von dannen in die Länder 
zerstreuete; nebst noch einigen anderen, nicht minder treff- 
lichen antibabylonischen Weltworten. Seitdem hat man von 
einer Sprache, deren alle Nationen der Erde mächtig ge- 
wesen wären, nichts wieder vernommen; selbst die relativ 
verbreitetsten Sprachen des Erdkreises: das Chinesische, 
das Englische imd das Hindi, die Sprache des indobriti- 
schen Reichs, bleiben doch noch soweit hinter dem Begriff 
einer Universalsprache zurück, dass sie mit einer solchen 



— 5 — 

kaum verglichen werden können. Wenn von einer oder 
der anderen ein oder das andere Wort als Fremdwort in 
die meisten andern Sprachen übergegangen und wie Sack 
ein Weltwort geworden ist — wenn einzelne Worte wie 
Palast und Magazin, Sklave und Kuli, Kaffee und Bier durch 
die Welt gehn — so ist das schon viel. Davon, dass eine 
ganze Sprache durch die Welt ginge, kann vorläufig keine 
Rede sein; die Welt ist gross. Die menschliche Bevölke- 
rung der gesamten Erde beträgt nach den neuesten Zu- 
sammenstellungen 1434 Millionen. Nun, das Chinesische 
wird etwa von einem Viertel dieser Summe, das heisst un- 
gefähr von 350 Millionen, das Englische und das Hindi je 
von 100 Millionen gesprochen; während auf das Deutsche 
beiläufig 76, auf das Russische 62, das Spanische 55, das 
Französische 45, das Italienische 35, das Portugiesische 21 
und das Arabische 20 Millionen entfallen mögen. Einzelne 
dieser Sprachen sind allerdings auch ausserhalb ihrer eigent- 
lichen Gebiete als Umgangssprachen gäng und gäbe, wie 
zum Beispiel das Französische in den Salons von Konstan- 
tinopel oder Beirut so gut wie in denen der Republik Haiti 
widerklingt, das Chinesische in Japan, Korea und Anam 
vielfach gesprochen wird, das Arabische von Vorderasien 
bis zur europäischen Türkei hinauf und von Nordafrika bis 
in das Herz von Afrika hinabreicht. Teilen wir die Mensch- 
heit nicht nach Nationen, sondern nach Klassen und Stän- 
den ein, so ist und bleibt das Latein die Lieblingssprache 
der europäischen Gelehrten, Französisch die der Diplomaten 
und der Höfe, Englisch die der Seeleute und Ingenieure. 
Man kann solche Sprachen mit Flüssen vergleichen, die über- 
treten und die angrenzenden Wiesen überschwemmen. Hat 
sich aber auch die bekannteste Umgangssprache jemals zu 
dem emporgeschwungen, was man unter einer Weltsprache 
verstehen müsste? — Höchstens in dem Sinne, in welchem 
sich die höhere Gesellschaft als grosse Welt bezeichnet — 
welch ein verschwindend kleiner Bruchteil ist sie doch da- 
von! — Also mächtigen Völkern ist es mit ihrem tausend- 



— 6 - 

jährigen Einfluss nicht gelungen, ihrer Sprache nur auf der 
halben Erde Geltung zu verschaffen, unendlich viel fehlt 
daran; und ein Pfarrerchen aus Lizzelstetten bei Konstanz 
hat auf einmal über Nacht ein Piik erdacht, wie ich sage, 
in einer schlaflosen Nacht aus der Soutane geschüttelt, das 
in der ganzen Vol gesprochen wird? Das nennt man Genie! 
— Im Gegenteil, das nennt man masslose Reklame. 

Der bescheidene Mann! Er hätte seine herrliche Er- 
findung etwa die nene oder die einfache oder die natürliche 
oder die gute oder meinetwegen wie das Sanskrit die voll- 
kommene Sprache nennen können; er nennt sie nur das, was 
er hofft, dass sie einst werden möchte: Sprache der ganzen 
Welt. Sie ist es zwar noch nicht, sie wird zunächst nur 
von Johann Martin Schleyer und einigen bornierten An- 
hängern gesprochen; aber sie ist wie das Senfkorn; und je 
eher man sie so betitelt, wird sie 's werden. Volapiik eignet 
sich dazu, von allen Menschen der Erde erlernt, gesprochen 
und verstanden zu werden; Volapük ist Volapük in spe, Ei, ei, 
das wäre doch immer etwas, eine Sprache, die Hoffnung hat. 
Leider ist es viel gewisser, dass noch vor Ablauf unseres 
Jahrhunderts niemand mehr von Volapük spricht, als dass 
jedermann es spricht: Herr Pfarrer Schleyer hofft wohl, seine 
Sache selber ist völlig hoffnungslos. Weshalb? Weil eine 
Sprache überhaupt nicht von einem einzelnen Menschen er- 
funden werden kann — wenn Herr Schleyer, der angeblich 
55 Sprachen beherrscht, beim Studium derselben noch nicht 
einmal das gemerkt hat, so ist er wahrlich kein Philosoph. 
Zwischen Volk und Individuum und zwischen der Kraft 
eines Volkes und der Kraft eines Individuums ist ein spe- 
zifischer Unterschied, weil durch das Zusammenleben von 
Millionen Menschen und das Aufeinanderfolgen zahlloser 
Generationen nicht etwa bloss ein vielfaches Individuum, 
sondern ein ganz anderes Wesen höherer Ordnung und 
Art entsteht, das seine eignen Naturgesetze und Lebens- 
bedingungen hat und das eben Volk genannt wird. Es 
gibt Dinge, die der Einzelne machen, durch die er sich in 



— 7 --•• 

seinem Volke auszeichnen und dem Vaterlande nützlich 
erweisen kann; es gibt aber auch Dinge, die der Einzelne 
überhaupt nicht machen kann, weil eben ein Volk dazu 
gehört. Kann ein Einzelner Krieg führen? Kann ein Ein- 
zelner einen Staat entwickeln? Kann ein Einzelner eine 
Kultur, eine Civilisation aufweisen? Und — — kann ein 
Einzelner eine Sprache erfinden? — Der Ausdruck ist 
überhaupt so albern, dass er allein die absolute Unfähig- 
keit, in sprachlichen Dingen mitzureden, darthut. Eine 
Sprache wird nicht erfunden wie eine Dampfmaschine, son- 
dern sie ist unbewusst mit der Kultur und Religion ent- 
standen; sie stellt gleichsam ein Netz von Brückchen dar, 
welche die Menschen der Urzeit über das Wasser zu 
einander schlugen, um untereinander verkehren und sich 
gegenseitig ihre Gedanken mitteilen zu können. Zu allem 
Sprechen sind mindestens zwei Menschen erforderlich, von 
denen der eine spricht, der andere innerlich nachspricht, d. h. 
hört, denn niemals spricht ein einziger Mensch allein; und zu 
dieser Verständigung werden Ausdrücke gewählt, die nicht 
etwa der Pfarrer Schleyer im Studierzimmer ausgeklügelt 
hat, sondern die den Sprechenden selbst eine Art von In- 
tuition im Augenblicke eingibt. So sprach zunächst ein 
Paar, indem vielleicht nicht mehr als ein einziger Satz 
herausgebracht ward — denn auch dies ist eine Thatsache, 
ausschlaggebend bei der Beurteilung unseres Falles: dass 
niemals in einzelnen Worten, sondern (wenigstens dem Sinne 
nach) immer nur in Sätzen gesprochen wird, daher Wörter- 
bücher und Grammatiken einer Sprache nicht vorausgehn, 
sondern erst dann kommen, wenn die Sprache bereits voll- 
endet ist. Zu dem ersten sprechenden Paare gesellten sich 
andere, und indem die gleichsam an tausend Tischchen ge- 
führte Unterhaltung wechselweise gehört und nachgeahmt 
und die Fähigkeit dazu nicht bloss auf die Nachbarn über- 
tragen, sondern auch von Geschlecht zu Geschlecht vererbt 
und weitergegeben ward, entwickelte sich die Sprache, die 
von einem Volke gesprochen wird, die nun wie eine At- 



- 8 — 

mosphäre über dem Lande lieg^ und von der jedes Indivi- 
duum sein Teilchen abbekommt — das Sprachvermögen 
abbekommt, denn die Sprache ruht zunächst nur potentiell 
im menschlichen Gehirne und wird erst bei besonderer Ver- 
anlassung aktuell. Keine von den tausend und aber tau- 
send Sprachen der Erde ist anders entstanden, keine von 
einem einzelnen Weisen erfunden und vorgeschlagen worden 

— erfunden wird die Sprache von einem höheren Genius, 
der so hoch über dem einzelnen Menschengeiste steht, wie 
die Himmelslichter über einem irdischen Lämpchen stehn 

— erfunden, nicht erfunden, sondern nach und nach, auf 
Millionen Male und in übermenschlichen Zeiträumen er- 
zeugt und ausgeboren — nicht geboren wie ein Kind, son- 
dern nur wie eine Fähigkeit im Volksgeiste aufgespeichert 
und bei Gelegenheit geübt. 

Will man etwa hiergegen die schon von uns selbst 
berührte Thatsache geltend machen, dass doch ein Morse 
ein Alphabet erfunden und damit scheinbar eine Art Welt- 
schrift gegeben hat, sintemal es im telegraphischen Welt- 
verkehr gebraucht wird — so antworten wir: das Morse- 
sche Alphabet wird ausschliesslich im Telegraphenbureau 
gebraucht. Trotz der Einfachheit des nur aus Strichen und 
Punkten und aus Kombinationen dieser zwei elementaren 
Zeichen bestehenden Systems hat sich noch keine Nation 
entschliessen können, ihr vielleicht höchst unpraktisches 
Alphabet mit dem Mörseschen zu vertauschen. Beim Tele- 
graphen ist es anders; hier kann man des Morseschen 
Alphabets nicht entraten, weil die Technik des Morseschen 
Schreibtelegraphen für vereinbarte Schrift daran gebunden 
ist. Was die Arabischen Ziffern, die angeblich ein Inder 
erfunden hat, oder die internationale SchiflFstelegraphie an- 
belangt, so sind das viel zu spezielle Zeichen, um Schlüsse 
daraus zu ziehn. Im grossen und ganzen ist es mit der 
Schrift wie mit der Sprache — sie wird nicht erfunden und 
der Pasigraphie fehlt es wie der Pasilalie an nichts Anderm 
als am Fasi {itäai, d. i. für Alle), 



— 9 — 

Aber werden wir denn nicht praktisch widerlegt? 
Eine Sprache soll nicht erfunden werden können, und das 
Volapük ist doch da! Herr Schleyer hat doch eben das 
Volapük erfunden! — Herr Schleyer hat nichts erfunden. 
Was er gekonnt hat? Das Englische verhunzen und die 
Grammatik anborgen. Ein ekelhaftes Gemisch verdorbenen 
Sprachgutes ist sein Werk, schlechter als das roheste Ge- 
plapper weltferner Barbsiren. Es gibt Unsprachen, welche 
sich in Grenzländern, namentlich aber abseits vom Vater- 
land im Verkehr unvereinbarer Volksstämme gebildet haben, 
und die, ruchlos und heimatlos, Abfälle aus dem Wort- 
schatze jedes einzelnen Stammes enthalten. Sie gleichen 
dem verbrecherischen Gesindel, das sie in den Matrosen- 
schenken und in den berüchtigten Strassen der Hafenstädte 
spricht. Solche Jargons sind die Lingua Franca an den 
Küsten des Mittelmeeres, welche in der Levante als Ver- 
kehrsmittel zwischen der einheimischen Bevölkerung und 
den Europäern dient, ein verdorbenes Italienisch, das mit 
französischen, arabischen, neugriechischen, türkischen Wor- 
ten und Wortformen untermischt ist — das Chinook, die 
chinesisch-indianisch-englische Mischsprache der Pelzhändler 
an der Küste von Oregon in Nordamerika — das soge- 
nannte Figeon English, ein mit chinesischen Wörtern und 
Redensarten versetztes Englisch, dessen Fich die Engländer 
und Amerikaner in China im Verkehr mit den Eingebore- 
nen bedienen — die sogenannten Creolendialekte im tropi- 
schen Amerika, welche aus dem Spanischen, Französischen 
und Englischen entstanden sind und die auch die Neger 
sprechen — das Gitano, die Sprache der spanischen Zigeuner, 
das Judendeutsch, das Botwelsch u. s. w. Diese hässlichen, 
unreinen Gebilde des Abschaums der Menschheit, deren 
Keime sich schon im Munde ungebildeter Touristen beob- 
achten lassen und die gelegentlich als Diebs- und Gauner- 
sprachen umgehn, hat sich Herr Pfarrer Schleyer zum 
Muster genommen. Seinem Wortschatze liegt das Englische 
zum Grunde, das er phonetisch schreibt und zurichtet wie 



— 10 — 

ein Wilder. Aus tcorld macht er, wie wnr g-esehen haben: 
volf aus speeik: pük, aus father: fat, aus moon: rnnriy aus meet: 
mit, aus great: glet. Dieses Stammkapital vermehrt er durch 
Wörter, die den verschiedensten andern Sprachen entnom- 
men sind und die er abermals flottweg beschneidet und 
abändert, wenn sie ihm nicht klingen. Zum Beispiel klon, 
Krone, und vitn, Wunde, sind deutsch, aus dem Lateinischen 
entlehnt er das Wort für Haus (dorn) und in der Form von 
pos die Präposition post, aus dem Spanischen die Präposition 
seguriy das lateinische secundum, aus dem Russischen die 
Fragepartikel U (jih) und die Konjunktion ibo, denn (h6o). 
Mit den Romanen sagt er Ja (st) und Nein (no). Den Ar- 
tikel wirft er über Bord, wie die slawischen Sprachen keinen 
haben; beim Genus gefällt es ihm wieder, die englische, 
offenbar höchst umständliche und unschöne Methode zu 
befolgen und das Femininum durch Vorsetzung der Silbe 
ji r= engl, she vor das Masculinum zu bilden; aus man. 
Mann, macht er ji-man, die Frau, wie der Engländer she- 
wolfy die Wölfin, gleichsam der Sie-wolf, she-hear, die Bärin, 
sagt. Doch heisst bei Schleyer das weibliche sie gar nicht 
ji, sondern of. 

Die Grammatik ist nicht origineller. Der moderne 
Mezzofanti hat den Plan der vorhandenen Sprachen adop- 
tiert; er tischt die alten Redeteile, die alten Kasus und 
Numeri, die alten Tempora und Modi und die Genera Verbi 
auf; gerade hier tritt die Impotenz des Mannes, der eine 
neue Sprache schaffen will, recht deutlich hervor. Seine 
ganze Schöpferkraft reduziert sich auf eine willkürliche 
Auswahl unter Formen, die vor ihm geschaffen worden 
sind. Man thut dem Volapük eine unverdiente Ehre an, 
wenn man es unter die Agglutinierenden Sprachen 
rechnet, zu denen zum Beispiel das Türkische gehört. Es 
kennt keine Flexion im engeren Sinne; die Deklination 
wird durch angefügte Kasusendungen, die Konjugation 
durch angefügte Personalendungen, sowie durch Präfixe 
bewirkt, die Laute der Wurzel aber bleiben dabei unver- 



— 11 — 

ändert. So kann zum Beispiel von fat, Vater, ein Genitiv 
(fat'O), ein Plural (fat-s) und ein Genitiv Pluralis (fat-a-s); 
oder von löf, lieben, eine erste Person Singiilaris im Prä- 
sens (löf'Oh), eine dito im Imperfektum {ä-löf-öh), im Futurum 
(O'löf'Oh) und im Futurum Passivi (p-o-löf-oh) gebildet wer- 
den u. s. w. Willkür, regel- und schrankenlose Willkür 
chcirakterisiert dieses armselige Machwerk, das den Anspruch 
erhebt, für den Instinkt der Menschheit massgebend zu sein; 
wie ein Sperling nascht Herr Schleyer bald von diesem 
Kirschbaum, bald von jenem; wie ein Kind wirft er die 
Bausteine der menschlichen Sprachen durcheinander, dass 
es eine Art hat. Das s, womit die Engländer den Plural 
bilden, steht ihm an: men heisst „Mensch", me^is „die Men- 
schen"; das französische on dit scheint ihm nicht ungeeignet, 
er verwandelt es in pük-on; die dritte Person Singularis da- 
gegen fabriziert er mit Hilfe von om, welches doch wohl 
mit dem französischen komme, demnach mit dem französi- 
schen on identisch ist. Oder geruhte er etwa das m, womit 
die Indogermanen die erste Person Singnlciris bezeichneten, 
das m des lateinischen sum und des griechischen öiöco^c zu 
adoptieren, es aber aus Scherz vom ersten Platz auf den 
dritten Platz zu setzen? Warum nicht, da er umgekehrt das 
türkische ol vom dritten Platz auf den zweiten Platz gesetzt 
und du daraus gemacht hat. Ja, Herr Schleyer hat sich 
tüchtig umgesehn. Übrigens, um ihm nicht unrecht zu thun: 
auch Steiners Pasilingua ist nur eine Mischsprache germa- 
nisch-romanischer Sprachelemente auf der Basis des doch 
so schon genug gemischten Englischen; auch seine Gram- 
matik, wenn ich mich so ausdrücken darf, nur eine eklek- 
tische. Ei, die .grossen, die genialen Erfinder! Die sich 
über die alten bekannten Sprachen hermachen, sie verball- 
hornen und wie eine Latwerge untereinanderrühren und 
nun sagen: EvQrjytafiev! Wir haben eine Weltsprache er- 
funden! — Ha! Es Hesse sich wohl denken, was wir schon 
angedeutet haben: dass im Weltverkehr der Völker einzelne 
Fremdwörter und gewisse Redensarten von selbst, wie reife 



— 12 — 

Äpfel von einem Baum abfielen und dass dieser natürlichen 
Weltworte nach und nach so viel würden, um mit ihnen 
durch die Welt zu kommen — dass sich für die Ufer des 
Weltmeeres spontan das bildete, was die Lingua franca für 
die Mittelmeerküsten oder das Neger-Englisch für West- 
indien ist; der Anfang ist schon gemacht. Aber man muss 
dem Genius der Menschheit nicht ins Handwerk pfuschen; 
ihm die Wege vorschreiben, die er gehen soll — die Ge- 
danken eingeben, die er in Zukunft haben soll — die Worte 
diktieren, die er einst sprechen soll — ist eitel und lächer- 
lich. Er wird schon selber sprechen und die rechten Worte 
finden, wenn's Zeit ist; bis dahin wollen wir heber das echte 
Englisch lernen und es nebenbei einmal mit Weltdeutsch 
versuchen. Vale, vale, vale, Volapük! Das Jahrhundert 
ist für die Weltsprache nicht reif 



Tiefere Gedanken, höhere Pläne mochten des grossen 
Leibniz Geist durchkreuzen, als er seine Historia et commen- 
datio linguae characteristiccie universalis schrieb; obwohl es 
nicht das erstemal gewesen wäre, dass ein bedeutender 
Philosoph für die Sprache und ihr Leben nicht den richtigen 
Sinn gehabt hätte, man denke an Plato. Aber wir wollen 
Genio Leibnitii nicht misstrauen: auf den einsamen Höhen der 
Weltweisheit thut man Blicke in eine andere Lingua univer- 
salis, als wie sie von menschlichen Lippen jemals tönen 
dürfte. Ich weiss eine Weltsprache — ich will keinem 
Schleyer und keinem Steiner Konkurrenz machen, Gott 
bewahre mich davor — etwas himmelweit Verschiedenes 
meine ich. Die Weltsprache ist kein Ideal, das erst in 
femer Zukunft verwirklicht werden könnte — sie wird be- 
reits gesprochen und es vernimmt sie, wer Ohren hat zu 
hören. Ein Wunder, eine göttliche Gnade ist das — wie 
Siegfried plötzlich den Gesang der Waldvögel verstand, 
da das Blut Fafhirs seine Lippen netzte — wie dem grie- 
chischen Seher Melampus ein Schlangenpaar die Ohren 



— 13 — 

ausleckte, dass er die Sprache der Tiere deuten und weis- 
sagen konnte — also muss ein Gott den Sterblichen das 
Gehör aufschliessen, wenn sie vernehmen sollen, was die 
Weltesche Yggdrasill rauscht und flüstert. Meint der gütige 
Leser, dass ich phantasiere? — So will ich ihm ein Stück- 
chen aus meinem eignen Leben erzählen; aber ich muss 
weit ausholen. 

Es sind ungefähr zehn Jahre her, dass ich in Rom an 
dem sogenannten Malariafieber schwer erkrankte und nach 
meiner Wiederherstellung von den Ärzten nach Florenz 
geschickt ward, um die Luft zu wechseln. Ich kannte die 
herrliche, toskanische Metropole längst; während ich aber 
früher in der inneren Stadt gewohnt hatte, bezog ich dies- 
mal eine Vorstadtvilla in dem schönen neuen Quartier vor 
der Porta San Gallo nach Fiesole zu, auf der Via Antonio 
Giacomini. Es war Frühling und wundervolles Wetter, 
gerade der Monat, w^o das lachende Florenz am meisten 
lacht: April — wirklich schien mich alles anzulachen, Natur, 
Himmel und Jahreszeit; und ich gab mich mit Behagen der 
weichen, träumerischen, heiter-ernsten Stimmung hin, wie 
sie Rekonvalescenten eigen ist. Und siehe, gleich am ersten 
Tage, während ich ohne bestimmte Beschäftigung am offe- 
nen Fenster sass, geschah etwas, dieser Stimmung Nahrung 
zu geben: es flog mir ein schöner, goldgelber Kanarien- 
vogel zu; ich fing ihn und that den lieben gefiederten 
Gast in einen Bauer, wo er sofort zu singen anfing. Ich 
ging aus und hatte meine Betrachtung über den kleinen 
Vorfall, der alle Tage vorkommt: unter den obwaltenden 
Umständen erhielt er für mich eine unerwartete Bedeutung. 

Ich bildete mir ein, mir sei ein Augurium zu teil ge- 
worden, und ich hätte keinen Kanarienvogel, sondern den 
wunderbaren Charadrius gesehn, dessen Anblick ein Trost 
für Kranke ist. 0, Herr-in, sagt Ekkehard zur Herzogin 
von Schwaben, da sie Sindolt mit einem Silberfasan ver- 
glichen hat, wer ist so vermessen, unter dem was da kreucht und 
fleucht ein Sinnbild für Euch zu suchen? — Da sie aber auf 



— 14 — 

einem neuen Verg-leich besteht, so fährt er fort: Dann weiss 
ich nur Einen Vogel, wir haben ihn nicht und Jtiemand hat ihn : in 
klaren Mittemächten fliegt er hoch zu unsem Häupten und streift 
mit den Schtcingen den Himmel. Der Vogel heisst Caradrion; 
wenn seine Fittiche sich zur Erde senken , soü ein siecher Mann 
genesen: da kehret sich der Vogel zu dem Manne ^ und thut seinen 
Schnabd über des Mannes Mund, nimmt des Mannes Vnkraft an 
sich und fährt auf zur Sonne und läutert sich im ewigen Licht: 
da ist der Mann gerettet. Ekkehard irrt, wir haben den Vogel 
wohl und auch ItaKen hat ihn, hier heisst er Martinello: 
es ist nämlich der bekannte Goldregenpfeifer, der alte XaQu- 
ÖQiog, der unser Vaterland alljährlich zweimal gelegentlich 
seiner Reise nach dem Süden besucht und allerdings bei 
seinem Zuge sehr hoch und hauptsächlich während der 
Xacht fliegt. Die hellen Goldflecken, die ihn charakteri- 
sieren und die mit der Jahreszeit wechseln, brachten die 
^lenschen auf die sinnige Idee, dass er, gleich der Gold- 
ammer, die Gelbsucht an sich ziehe und gleichsam auf sich 
nehme; diese Sage wird bereits in den Tiergeschichten des 
Alian erwähnt- Beide Vögel fliehen daher angeblich viel- 
mehr den Blick der Gallenkranken, anstatt dass sie ihn 
suchen, denn sie müssen, während jene genesen, sterben. 
Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich 
unsere Schmerzen — diese Stelle wollte mir gar nicht aus 
dem Sinn. Ich ging immer weiter. Wie dereinst Petrus 
Forschegrund aus dem Kloster Heisterbach bei Bonn in 
einen nahen Wald ging und über die Ewigkeit nachdachte; 
wie er da plötzlich auf einem Baume einen Vogel singen 
hörte, dessen Töne ihn in Staunen und Entzücken versetzten, 
weil sie einer andern hohem Welt anzugehören schienen; 
wie er stehen blieb und horchte imd sich und alles über 
dem wundervollen Gesang vergass, worüber tausend Jahre 
verflossen — — so schwärmten mir die Gedanken in der 
einmal eingeschlagenen Richtung unwillkürlich abwärts, 
und ich verlor mich in tiefen Träumen und in mystischen 
Kombinationen. 



- 15 — 

Ein Kreuzschnabel kletterte an einer Pinie auf und 
ab: die Pinie war das Kreuz, an dem der Erlöser hing, 
und der Vogel zog mit seinem Schnabel an einem Nagel 
des Kreuzes, um Christus loszumachen — ein Rotkehlchen 
hüpfte auf einem wagerechten Aste hin und her: es sang 
dem sterbenden Erlöser etwas vor und ritzte sich das 

Brüstchen an der Domenkrone blutig da, was war 

das für ein Lied? Träumte ich denn im Ernste oder war 
die ganze Welt verzaubert? — 

Ich war an eine Villa gekommen, die sich wie ein 
himmlisches Paradies am Ufer des Mugnone ausbreitete. 
Die Erde wirkte und webte und sprosste und knospete; 
berauschend stieg der Duft der Orangenblüten auf und in 
den immergrünen Laubhallen der italienischen Eichen girrte 
und zwitscherte es tausendstimmig. Im Hintergrund führte 
eine Allee von mächtigen Cypressen zu einer Laube, in 
der ein Liebespaar sass; darüber wiegte sich auf einem 
Zweige ein buntgefiederter Vogel mit einem purpurroten 
Schnabel, der sang mit menschlichen Worten von der Ver- 
gänglichkeit des Lebens und von der Pflicht der Liebenden, 
die Rose zu brechen, ehe sie verblühe: 

trapassa al trapassar d^un giomo 
della vita mortale il fiore e '1 verde, 
ne perche faccia indietro april ritomo 
si rinfiora ella mai, ne si rinverde .... 

Ha! Jetzt wusste ich es, das war der sprechende Vogel 
von Tausend und eine Nacht — der Bülbülhesar oder die 
tausendstimmige Nachtigall*) der Prinzessin Parisade, die 



*) ßülbül ist der persische Name der Nachtigall, der sogenannten Hafis- 
nachtigall; hezar heisst tausend; ßülb^ülhezar ist demnach so viel wie Tausend- 
nachtigally und man könnte denken, der Ausdruck habe einen Sinn wie etwa 
unser Tausendkünstler, Doch kommt der Name in dem Märchen der Zwei 
neidischen Schwestern^ das jedenfalls persischen Ursprungs ist, wohl daher, dass 
der Sprosser von den persischen Dichtem im Gegensatz zur hundertblätterigen 
Rose, die er liebt, als tausendstimmig (liazär-dastän) bezeichnet wird; die Rose 
heisst Gul-i sadberg [sad, d. i. hundert). 



— 16 — 

dieses Wundertier unter zahllosen Abenteuern und dem 
leidenschaftlichen Widerspruch ihrer versteinerten Vorgänger 
zum Trotz auf dem Gipfel des Hindukusch gesucht und 
geftmden hatte — ich stand vor dem leibhaftigen, unüber- 
trefflichen Symbol der Sprache. 

Der Sprache — nicht um jener italienischen Verse 
willen, wie sie allenfalls auch ein Papagei herausbringt und 
die Tasso in den Gärten Ärmidas wirklich einem solchen 
eingegeben zu haben scheint; Worte füllen den Begriff der 
Sprache nicht aus, der unendlich viel weiter reicht. Die 
Nachtigall, welche der persische Dichter zu Anfang seines 
Gedichtes gleich einer Muse anruft, die ihm seine eigne 
unglückliche Liebe, ja die nach ihrem Gott verlangende 
Seele wiederspiegelt, ist selbst ein klassisches Beispiel einer 
höheren Mitteilung, als sie Menschenmund Menschen zu 
machen pflegt. Das Wort für Sprache wird in vielen Spra- 
chen von der Zunge hergenommen, dem Organ des Spre- 
chens. Aber es gibt auch eine Sprache, die keiner Zunge 
bedarf; eine Sprache ohne Worte, die mit ausdrucks- 
vollen Geberden ins Auge springt und in sfnnreichen Bil- 
dern auf Königsgräbem schläft. Es gibt auch eine Sprache, 
die durch die Himmel wittert und aus den Tiefen der 
Mutter Erde aufhallt. Musikinstrumente, Farben sprechen; 
und wenn die Diplomaten mit ihrem Latein zu Ende sind, 
so fangen die Geschütze mit ihrem ehernen Munde an zu 
singen. Auch die Natur, auch die Weltgeschichte hat ihre 
Sprache und ihre gewaltige Art zu reden, wir müssen sie 
nur lernen. Nein, sprechen heisst wissen lassen, klugmachen 
überhaupt. 

Ist denn, so fragte ich, nicht die ganze Welt Sprache? 
Nicht ein offenes Buch dem Weisen, eine reale Encyklopä- 
die? Ein Buch voller Beispiele, die belehren, voller Ana- 
logien, die beweisen, voller Thatsachen, die predigen? Er- 
zählen nicht die Himmel, .nach dem Ausdrucke des Psal- 
misten, die Ehre Gottes, und zeugen nicht tausend Steine, 
die aus dem Schooss der Erde gegraben werden, lautredend 



— 17 — 

von den edlen Völkern, die einst lebten? — Die Sonne ist 
bewiesen, denn sie scheint, sagt der Rabbi Santos im üriel 
AJcosta. Wir alle lesen in dem grossen Buche, blättern 
ahnungsvoll darin, glauben jetzt ein Stückchen zu verstehen, 
kommen dann nicht weiter, fangen immer wieder von vom 
an und bringen es nie zu Ende; denn es ist seit ewiger 
Zeit geschrieben und wird immer noch fortgesetzt; fort- 
g-esetzt von uns selbst, denn wir arbeiten mit daran und 
bilden in dem dicken Folianten selbst ein Blatt. 

Wahrlich eine Weltsprache, älter als das Volapük des 
Pfarrers Schleyer aus I^izzelstetten bei Konstanz und als 
irgend eine Lingua characteristica universalis! — Sie wird 
unbewusst, blind, wie die Fachmänner sagen, implicite 
von allem, w£is lebt, gesprochen. Wenn der Arzt über eine 
Krankheit, der Naturforscher über ein Tier die Diagnose 
stellt, indem er an den eigentümlichen Merkmalen, welche 
das Exemplar an sich trägt, die Art zu erkennen sucht, so 
spricht die Sache zu ihm — wenn der Philosoph vermöge 
der logischen Induktion aus dem Umstände, dass viele In- 
dividuen derselben Art eine gewisse Eigenschaft haben, 
das Vorkommen dieser Eigenschaft bei allen Individuen 
erschliesst, so spricht die Sache zu ihm — wenn der Histo- 
riker auf Grund der allgemeinen Kausalität folgert, dass 
eine Ursache dagewesen sei, weil er die Wirkung wahr- 
nimmt, so spricht die Sache zu ihm, die Wirkung ist wie 
eine Manifestation des unbekannten Grundes. Unser ge- 
samtes Wissen und Erkennen lässt sich in diesem Sinne 
als das Verstehen einer Sprache auffassen, welche die Dinge 
sprechen — dies ist nicht etwa bloss unsere persönliche Auf- 
fassung, sondern die allgemeine, volkstümliche Auffassung. 

Falstaff sagt (König Heinrich der Vierte, zweiter Teil IV, 3), da ihn 

Sir John Colevile an seinem Bauch erkannt hat: Ich habe 
eine ganze Schule von Zungen in diesem meinem Bauch, und keine 
einzige von allen spricht ein ander Wort als meinen Namsn. 
Aber wir selbst sind uns doch kaum eines Tropus bewusst, 
wenn wir zum Beispiel sagen: dass den Esel die Ohren 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. 2 



— 18 — 

verraten, dass das Benehmen den feinen Mamn anzeige, dass 
bei Beurteilung einer Frage ein Umstand mitzusprechen habe, 
dass etwas widerspreche — obgleich doch sonst nur Wesen, 
die uns gleich sind, verraten, anzeigen, mitsprechen und 
widersprechen können. Ich hörte einmal einen Physiologen 
sagen, der gar nicht poetisch sein wollte: Durst ist eine 
Natursprache, welche, ins Deutsche übersetzt, soviel heisst wie: 
unser Blut braucht Wasser! — Namentlich die Wirkungen 
gleichsam als Herolde der versteckten Ursachen anzusehn, 
den Rauch als Verkündiger des Feuers, die Möven als Bo- 
timien des Landes, den Kuckuck als Fruhlingshoten aufzufassen, 
ist uns etwas ganz imd gar Gewöhnliches. Wir stehen im 
Winter auf und sehen, dass die Fenster gefroren sind: so 
beweisen uns die gefrorenen Fenster, dass die Nacht über 
starke Kälte gewesen sei. Daraus folgt, dass, wenn es sich 
um lebende Wesen handelt, auch wider Willen gesprochen 
werden kann — während sie sich gewiss nicht bemerklich 
machen wollen, thun es dennoch die erschreckten Schnepfen 
beim Aufstehn unwillkürlich durch ihr dumpfes Fuchteln, 
an welchem sie der Waidmann jederzeit erkennt, auch wenn 
er sie nicht zu sehen bekam; und analog offenbaren die 
Menschen, . ohne dass sie daran denken, dem Beobachter 
ihre innersten Herzensangelegenheiten. Thümmels schlauer 
Jude schloss aus dem häufiger oder seltner werdenden Be- 
suche des Grabes der Laura, wie viel es bei den Mädchen 
geschlagen habe; es war so gut, als ob sie ihm ihr Ge- 
heimnis mit Worten anvertraut hätten. Umgekehrt kommt 
es vor, dass wir im Augenblicke nicht sprechen können 
oder wollen, aber dafür absichtlich in jenem uneigentlichen 
Sinne sprechen, indem wir etwas Augenfälliges thun und 
uns darauf verlassen, dass die Andern von der Wirkung 
auf die Ursache schliessen werden. Wir stehen auf einem 
Alpengipfel und wünschen der Menschheit eine Spur der 
stattgehabten Besteigung zu hinterlassen: ein Steinmännchen 
wird aufgerichtet. Wir wollen, dass man unsere Gegen- 
wart merke, und melden uns, aber nicht mit Worten, son- 



— 19 — 

dem durch ein unartikuliertes Geräusch, wie Don Quixote 
nieste, um Emerentia und Altisidora zu verstehn zu geben, 
dass er da sei. Ist das Sprache? Freilich. Heisst das mit 
der Zunge gesprochen? In diesem Falle mit der Nase. 

Die Dinge transscendental betrachtend, können wir 
demnach sagen: dass die Welt selbst, wie sie uns in dieser 
Zeitlichkeit erscheint, von einer anderen, höheren Welt 
spreche, die hinter oder über der Welterscheinung steht. 
Diese Erde, diese Berge, diese ewigen Sterne, diese maje- 
stätische Natur, wir sehen sie bekanntlich nicht unmittelbar, 
wir sehen sie nur so wie sie sich in unserm Auge ab- 
spiegelt; und erfahren ihre Existenz überhaupt nur dadurch, 
dass sie einen unabweisbaren Eindruck auf unsere Sinne 
macht, sonst könnte die ganze Welt ein Traimi sein. Auch 
hier schliessen wir also von der Wirkung auf die Ursache, 
und indem der Philosoph die Welt an sich entdeckt, dringt 
im höchsten Sinne eine Weltsprache an sein Ohr. Und in- 
sofern die Welt an sich wiederum auf einen Gott als Grund 
ihrer Existenz zurückgeht oder als die Entfaltung des gött- 
lichen Wesens selbst betrachtet werden kann, so liesse sich 
zuletzt von einer Sprache Gottes reden, die durch die Him- 
melsräume klingt — alle Weisheit hätte, wer sie erlernt, 
und menschliches Wissen wäre nur ein richtiges Interpre- 
tieren der ewigen Hieroglyphen und der erhabenen Chiffiren, 
in denen der Weltgeist seine Gedanken ausdrückt — der 
Weltgeist, von dem wir selbst ein Teil sind, zu dessen tief- 
sinnigen Abbildern wir gehören, der sich stumm, aber all- 
mächtig in uns kundgibt und offenbart, ehe wir den kleinen 
geschwätzigen Mund aufthun, um ein Wesen wie wir von 
imsem Leiden und Freuden, unsem persönlichen Ansichten 
und subjektiven Meinungen zu unterrichten. 



2' 



— 20 — 



II. Die Symbolik. 

Abermals in Florenz: siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel 
streifen? — wenn wir die Welt mit den Augen des Eingeweihten ansehn — 
die Nachtigall und die Rose — jedes Bild als solches sprechend ähnlich — 
naturliche Abbilder — die Lotosblume, die Passionsblume, die Signatur der 
Pflanzen -~ Beziehungen der Blumen zu den Geschlechtsteilen — das Sinnbild 
— das £i, die Kugel, das Sistrum: Weltsymbole — das sehende Dreieck, die 
Schlange, die sich in den Schwanz beisst — das Pentagramm, das Ypsilon — 
das Stehauf chen, Symbol des Eigensinns — Tiere und Pflanzen, alte Sinnbilder 
fär gewisse Eigenschaften — der Granatapfel und das Mohnhaupt, der Hase 
und der Karpfen — warum die Rose und die Myrte der Venus heilig sind — die 
Weide uud das Keuschlamm — das Sieb, das Einhorn und das Hermelin — 
der Elefant — drei Bäume mit dauerhaftem Holze: die Akazie, die Zypresse 
und die Zeder — der Lorbeerbaum und die Palme — der unsterbliche Pfau — 
die christliche Symbolik — Christus, das Licht der Welt — irdische Symbole 
Christi — der Weinstock — das Schifl" — der Fisch, das Lamm und die Taube, 
Hauptsymbole des christlichen Altertums — die heidnischen und die christlichen 
Symbole sind Worte einer Weltsprache, die vor Jahrtausenden gesprochen 

worden ist. 

Ich komme auf Florenz und meinen dortigen Aufent- 
halt zurück. Nicht lange nachdem mir der Kanarienvogel 
zugeflogen und ohne es zu wissen die Veranlassung ernster 
Betrachtungen über die stumme Weltsprache geworden 
war, begegnete mir abermals ein Tier und verfehlte nicht, 
mich abermals auf das heimliche Rauschen und Raunen 
des göttlichen Geistes auf Erden aufmerksam zu machen. 
Ich hatte damals die Gewohnheit, vormittags einen nahe- 
gelegenen Exerzierplatz zu besuchen, längs desselben ein 
halbes Stündchen auf- und abzugehen und die herrliche 
Luft und die Aussicht auf die anmutigen Hügel Fiesoles 
zu gemessen. Hier war es, wo mir jedesmal ein schwarzer 
herrenloser Pudel vor die Füsse kam und sich zu mir ge- 
sellte, als ob er mich fiir den Doktor Faustus gehalten 
hätte. Die Alten betrachteten das plötzliche Begegnen 
eines schwarzen Hundes, wie das einer trächtigen Hündin, 
als ein böses Omen, und im europäischen Heidentum über- 
haupt ist der schwarze Hund die Maske des bösen Prinzips; 



— 21 — 

ich beachtete ihn kaum, auch blieb er nur so lange ich 
spsizieren ging in meiner Nähe. Allmählich indessen fing 
er an, mich bei meiner Rückkehr zu begleiten, erst ein 
ganz kleines Stückchen, dann ein Stückchen weiter, dann 
immer noch ein Stückchen, endlicH kam er einmal mit bis 
an mein Haus. Ich machte die Thüre auf, ohne ihn zu mir 
einzuladen, weil ich dem Naturtrieb in nichts vorgreifen 
wollte: er aber schien seinen Entschluss zu fatssen, schlüpfte 
hinein, und ward mir nun ein neuer, geheimnisvoller Haus- 
genosse. Ich behielt ihn ebenfalls nur eine Woche, nach 
Ablauf derselben war er wiederum verschwunden. Er kam 
mir plötzlich bei einem Spaziergange abhanden, und wie ich 
mich nicht um ihn bemüht hatte, so thät ich auch nichts 
ihn wiederzugewinnen. Aber sein seltsamer Besuch war 
natürlich von neuem geeignet, das beschauliche Element in 
mir zu wecken, mein Ohr an die mysteriöse Sprache, die 
durch den Lärm des Tages durchklingt, zu gewöhnen, mir 
eben die Worte des Faust zu Gemüte zu führen, dass die 
Geisterwelt nicht verschlossen, dass nur unser Sinn zu und 
unser Herz tot sei. 

Wunderbar und geheimnisvoll erscheint uns diese Welt, 
wenn wir sie mit den Augen des Eingeweihten ansehn. 
Ein rätselhafter Tiefsinn ist in ihr verborgen wie ein Schatz: 
• die Dinge sind nicht sie selbst, sie sind nur Schatten, die 
der Himmel auf die niedere Erde wirft, Symbole eines 
Höheren, Unsichtbaren, Überirdischen, das die Wahrheit 
vom Scheine darstellt. Der Pöbel hält sich an den Schein, 
wie an" die bittere, ungeniessbare Schale einer Nuss; wer 
sich aber der Gnade der Gottheit überlässt, wird emporge- 
tragen zu einem seligeren Dasein, um des Kernes Süssig- 
keit zu schmecken. Eine Nachtigall lässt in dem Garten, 
wo die hundertblätterige Rose blüht, ihr schmelzendes Lied 
ertönen — Bülbül ist wieder da und klagt Gül seine Sehn- 
sucht, während die Blume in selbstgenügsamem Stolz auf 
ihrem Blätterthron ihn nicht beachtet — es ist nicht die 
Nachtigall, es ist nicht die Zentifolie, die. Nachtigall ist die 



— 22 — 

Seele, die über ihre Trennung von der Gottheit klagt, der 
allumfassenden, allerhaltenden, alldurchdringenden Gottheit, 
mit der das Individuum wiedervereinigt werden möchte 
und die wie die hundertblätterige Rose in erhabener Ruhe 
teilnahmlos verharrt. Die Welt ist ein Gleichnis, durch 
welches der Allgeist verschleiert zu uns redet — wie Hegel 
sagt, ein uraltes Rätsel, das wir am Morgen gefunden 
haben, in einen ewigen Felsen eingehauen. Wir glauben 
an das Rätsel, bemühen ims aber vergeblich, es aufzulösen. 
Den ganzen Tag tragen wir es mit uns umher, locken wich- 
tigen Sinn heraus, prägen ihn aus zu Lehren und Bildern, 
welche die Hörer erfreuen, mit edlen Wünschen und Ah- 
nungen beleben; aber die Auflösung misslingt, und wir 
legen uns am Abend nieder mit der HoflEhung, dass uns 
ein göttlicher Traum oder der nächste Tag auf das Wort 
bringen möge, das uns beständig vor dem Munde schwebte. 
Von einem Porträt sagen wir, es sei sprechend ähnlich 
— jedes Bild muss in seiner Weise sprechen, denn es weist 
als solches auf ein Original hin, dessen Bild es ist. In unsem 
Zeiten ist die vervielfältigende Kunst gemein — wir sind 
Tag für Tag von Nachbildungen allerart umgeben, die wir 
als etwas Selbstverständliches hinnehmen; nur diejenigen, 
die ohne unser Zuthun entstanden sind, erregen noch ein 
lebhafteres Interesse. Es gibt viele Bilder, in deren Her- • 
vorbringxmg sich die Natur selber gefallen zu haben scheint. 
Bei den Indem ruht der Weltenschöpfer auf einem Lotos, 
der prächtigen Nelumbo, welche ihrem Bau nach die Erde 
abbilden soll, insofern die Stempel als der goldene, von 
Göttern bewohnte Berg Meru im Mittelpunkt der Welt, 
die Staubfäden als die Gipfel des Himalaja, die vier Haupt- 
blätter des Kelches als die vier Hauptgegenden des Hori- 
zonts gedeutet werden, und die übrigen Blätter gleichsam 
die Erdteile darstellen, welche rings um das heilige Land 
der Brahmanen gelagert sind. So sind bekanntlich in der 
Passionsblume, wie im Kopfe des Hecht, die Werkzeuge 
der Passion enthalten; und alles, was in den alten Kräuter- 



— 23 — 

büchem von den alten Zauberärzten als Signatur der Pflanzen 
bezeichnet wird, läuft auf eine solche äusserliche Ähnlich- 
keit hinaus. Man fand, dass ein Kraut, eine Wurzel, eine 
Blume oder eine Frucht die Gestalt eines bestimmten Kör- 
perteiles habe, und glaubte darin ein wunderbares, von der 
Vorsehung den Menschen gegebenes Zeichen [Signum) zu 
erkennen, dass das betreffende Kraut für den betreffenden 
Körperteil gut sei. Die runden Welschen Nüsse zum Bei- 
spiel haben nach jenen kindlichen Naturforschem die Sig- 
natur des Hauptes, die braungrünen Schalen speziell die 
Signatur der Hirnhaut, daher denn das Salz von der Schale 
zu den Wunden des Hirnhäutleins ein sonderbares Mittel ist. 
Analog galten die kugeligen, nickenden Blüten des Wer- 
mut, die kopfigen Narben des Odermennig, die runden 
Kapseln des Gauchheil (wie hier schon der Name andeutet) 
als Spezifica bei Kopfleiden jederart, bei Tobsucht und 
Melancholie, bei Epilepsie, ja sogar bei der Hundswut und 
der Drehkrankheit der Schafe. Feinblätterige Kräuter wie 
Spargel oder Fenchel heilten Haarschwund; Blüten, deren 
Gestalt an ein Auge erinnerte, wie Maaslieb und Augen- 
trost, Augenentzündungen; die gezahnten Blüten des Zahn- 
trost Zahnschmerzen. Quendel und Eisenhut hatten das 
Zeichen des Ohrs, der Ampfer das Zeichen der Zunge, das 
Lungenkraut das Zeichen der Lunge, das Leberkraut das 
Zeichen der Leber; das Schöllkraut, welches bekanntlich in 
allen seinen Teilen einen scharfen rotgelben Milchsaft enthält, 
war augenscheinlich dazu bestimmt, die Gelbsucht und Som- 
mersprossen zu vertreiben; sollte doch sogar die Nessel 
ihrer Brennhaare wegen Sodbrennen und Seitenstechen 
heilen! — Der Schöpfer hat es in der Natur gemacht wie 
der Bäcker, der zwar für gewöhnlich Brot und Kuchen 
bäckt, gelegentlich aber spielt und für die Kinder kleine 
Hirsche und Reiter aus Teig prägt; der zur Fastenzeit 
Brezeln macht, die das abgehauene Ohr des Malchus bedeu- 
ten sollen, Pfannkuchen, den mit Essig gefüllten Schwamm, 
Baumkuchen, die Domenkrone vorstellend u. s. w. 



— 24 — 

Die zwei rundlidien, nebeneinandersitzenden Knollen 
des sogenannten Knabenkrautes haben seit alter Zeit an 
zwei Hoden erinnert, nach denen wir noch heute die Or- 
chideen nennen (oqxig). Aus diesem Grunde waren jene 
Knollen jahrhundertelang als spezifische Mittel bei Hoden- 
brüchen und als geschlechtliche Reizmittel, sogenannte 
Heiratswurzeln, in Gebrauch; und nur aus diesem Grunde 
pflegte man den Salep, der aus ihnen gewonnen wird. Ge- 
schwächten zu verschreiben. Das Femininum zimi Knaben- 
kraut ist die Myrte. Die schwarze, bisweilen weisse imd 
ovale, mit dem Kelchsaum gekrönte Beere dieser wohl- 
riechenden, der Venus geweihten Pflsmze besitzt, haben die 
alten Griechen herausgefunden, die Gestalt der weiblichen 
Klitoris oder des Kitzlers, des Oestrus Veneris (to fivQzovJ. 
Infolgedessen brauchte man die Myrtenbeeren als Aphro- 
disiaca und zu medizinischen Bädern bei Gebärmuttervorfall 
und Frauenkrankheiten überhaupt Wahrscheinlich ist auch 
die smgebliche Heilkraft der Rose, die von den Alten als 
eine Art Panacee betrachtet wurde, auf die bestimmte Be- 
ziehung zurückzuführen, welche diese Blume zur weiblichen 
Scham hat und auf die wir weiter unten zurückkommen 
werden. 

Das alles sind einfache, unmittelbare Bilder; aber die- 
selben werden um so erwünschter sein und um so eifriger 
gesucht werden, je mehr sich ein Begriff der sinnlichen 
Wahrnehmung entzieht, und je schwerer eine angemessene 
Vorstellung desselben fällt. Wenn sich zum Beispiel ein 
spekulierender Weiser die Welt, richtiger die imentwickelte, 
die Keime aller Dftige in sich schliessende Weltmasse unter 
dem Bilde eines Eies denkt, indem die Schale den Himmel, 
das Eiweiss die Luft, das Dotter die Erde repräsentiert, ein 
Vergleich, den noch Berthold, Bischof von Chiemsee, im 
XVI. Jahrhundert wiederholt — wenn der römische Kaiser 
als Zeichen der Weltherrschaft eine Kugel in der Hand 
hält, die Erdkugel im kleinen, die sich nachmals in den 
Reichsapfel der römisch - deutschen Kaiser verwandelte. 



— 25 — 

sintemal die Kugelgestalt der Erde bereits im Altertum 
bekannt, ja, wahrscheinlich für den Philosophen Parmenides 
Veranlassung war, die Gottheit selbst als eine Kugel auf- 
zufassen — wenn Plutarch erzählt, dass bei dem mystischen 
Musikinstrument der alten Ägypter, demSistrum, der ovale 
Bronzereif den Erdkreis, die vier hindurchgesteckten Stäb- 
chen die vier Elemente bedeuten sollen und dass das 
Schütteln der letzteren die ewige Bewegung, dzts Hin- imd 
Herwogen des Lebensmeers darstelle — oder wenn ein 
Kirchenvater die göttliche Dreieinigkeit unter dem Schema 
eines sehenden Dreiecks oder einer tönenden Harfe zu 
begreifen sucht — wenn . er für die Ewigkeit und die stete 
Wiederkehr der menschlichen Dinge keine bessere Erklä- 
rung als eine Schlange, die sich in den Schwanz beisst, zu 
geben weiss: so sitid es die metaphysischen Begriffe Gott, 
Welt, Erdkreis, Ewigkeit, Dreieinigkeit u. s. w., die den 
sinnenden G^ist gleichsam zu dieser Fassung drängten, die 
ihm nebelhaft vorschwebten, die ihn wie Schemen ängstig- 
ten und quälten, bis er sie vermittelst eines klaren Bildes 
bewältigte. Das Bedürfnis nach Anschaulichkeit trieb den 
Pythagoras, an einem Ypsilon (Y), dem sogenannten Pytha- 
goreischen Buchstaben, die heilige Dreiheit und den Schei- 
deweg der Tugend und des Lasters zu versinnlichen, sowie 
den Drüdenfuss oder das Pentagramm (i;t), den sichtbaren 
Ausdruck der vollkommenen Zahl Fünf, wegen seiner regel- 
mässigen Rückkehr in sich selbst, als Emblem der Gesund- 
heit zu proklamieren. Beide Zeichen haben bekanntlich die 
Freimaurer adoptiert. So mystisch nun auch dergleichen 
Bilder bei der mystischen Natur der Originale werden, 
immerhin ist auch bei ihnen die Absicht, die Originale 
nachzuahmen, nicht zu verkennen: es sind Kopien, die 
ihrem Gegenstande, wie man sich denselben denken könnte, 
gerecht werden wollen, die äussere Ähnlichkeit ist mass- 
gebend für den Vergleich gewesen, die Bildlichkeit bleibt 
immer noch eine einfache und unmittelbare. 

Nun gibt es aber auch Bilder, die keine unmittelbare 



— 26 - 

Ähnlichkeit mit einem Gegenstand besitzen, die vielleicht 
äusserlich ganz und gar anders aussehen, die aber eine 
tiefere Beziehung zu dem Originale haben, weil sie in einem 
«einzigen, bedeutungsvollen Zuge mit ihm stimmen. La- 
bniyere vergleicht {de la cour) einen Hoftnann dem Zeiger 
einer Uhr und ich kenne eine Art Gläser, die, gleich den 
sogenannten Hanselmännchen, immer wieder aufstehen, man 
mag sie umlegen, so oft man will, und die man in meiner 
Heimat Stehauf chen benennt/ Sie haben etwas von einem 
Kinde, dessen Eigensinn die Eltern vergeblich zu brechen 
suchen, das es machen will wie es will und das immer 
wieder auf seine dumme Idee zurückkommt. Das wären 
zum Beispiel ein paar Bilder, wie wir's meinen, verschieden 
und doch ähnlich, und solche Bilder nennen wir Symbole 
oder Sinnbilder, weil sie das Übersinnliche sinnlich ma- 
chen und nur dem Sinne aufgehn, der das Tertium Com- 
parationis erfassen mag. Versteht sie, deutet sie, versenkt 
euch liebevoll in ihre dunkle Meinung: dann sprechen sie 
abermals eine neue, wunderbare Sprache — reden von 
einem Etwas, das durch ihr Wesen wie ein stilles Licht 
hindurchscheint und sozusagen ihre höhere Wahrheit ist 
Sinnbilder werden, wenigstens als solche, nicht gemacht, 
sondern sie sind da; sie werden nicht erfunden, sondern 
nur erkannt. Gott selbst hat ihrer über die Erde aus- 
gestreut, damit die Menschen klug und aufwärts ge- 
zogen werden — er hat den Hindu den heiligen Feigen- 
baum gepflanzt, dass sie eine Offenbctrung der göttlichen 
Macht und ein Symbol des Höchsten hätten — überall 
stehen heilige Feigenbäume, überall wölben sich Tempel 
der Andacht, unter deren Schattendache der Pilger ausruht 
und vom ewigen Leben erzählen hört — die gesamte Wirk- 
lichkeit in ein einziges, erhabenes Symbol der Gottheit zu 
verwandeln, dieses höchste Ziel der Religion, heisst aber- 
mals eine Weltsprache verstehen. 

Seit alter Zeit haben gewisse natürliche Gegenstände, 
Tiere wie Pflanzen, für Symbole von Eigenschaften gegolten. 



— 27 — 

welche sie in ausgezeichneter Weise zu vertreten schienen. 
Sie waren typisch für diese Eigenschaften, und jeder Typus 
ist ein Sinnbild, sobald die Analogie auf einen einzigen, 
charakteristischen Zug beschränkt bleibt. Nehmen wir 
zum Beispiel die Eigenschaft der Fruchtbarkeit, die 
von den naiven Alten höher geschätzt wurde als in un- 
serem überbildeten Zeitalter und die in ihren Anschau- 
ungen tief mit den Ideen des Lebens und der Lebens- 
kraft im allgemeinen zusammenhing. Für die Fruchtbar- 
keit sind einerseits gewisse, besonders samenreiche Früchte 
selbst, anderseits einzelne, besonders zeugungskräftige Tiere 
t)rpisch — unter jenen namentlich der Granatapfel, den 
die Ehegöttin Juno, und der Mohnkopf, den die Liebes- 
göttin Venus in der Hand zu halten pflegt*) — unter diesen 
der Hase, welcher an mehreren Orten der Venus geopfert 
ward und den Rafael in seiner Bibel Adam und Eva als 
die lebendige Hieroglyphe der Worte seid fruchtbar und 
mehret euch zu Füssen setzte; das Schwein, ebenfalls ein 
Lieblingstier der Venus und auch der nordischen Liebes- 
göttin Freya, der es bei Hochzeiten geopfert ward; und 
der Karpfen, überhaupt der Fisch, dessen Fruchtbarkeit 
immer unglaublich gross ist und in den sich die Venus bei 
dem Kampfe zwischen Typhon und den Olympischen Göt- 
tern selbst verwandelte. Der Engel des Herrn verhiess 
dem Abraham Samen wie den Sand am Ufer des Meeres; 
er hätte ihm noch treffender Samen wie den der Fische im 
Meer verheissen können. Der Karpfen ist vielleicht sogar 
nach seiner ausserordentlichen Fruchtbarkeit benannt; schon 
in dem Rogen eines drei Pfund schweren Weibchens hat man 
337000, in ausgewachsenen Rognern bis 700000 Eier ge- 
zählt. Natürlich, dass in dem kräftigen Altertum auch die 
Zeugungsglieder selbst, die Organe der Fruchtbarkeit, zu 



*) Jedenfalls hat auch der Reis, mit dem man in England die Brautleute 
zu bewerfen pflegt, nur den Sinn, dass man dem jungen Paare reichen Kinder- 
segen wünscht. Die Juden nehmen Gerste, die Griechen Haselnüsse, die Ita- 
liener Confetti u. s. w. 



— 28 — 

Symbolen der Schöpferkraft erhoben wurden; dass das 
weiseste und älteste aller Völker, das Volk der Inder, in 
den Tempeln des Siva oder auf offener Strasse dem Lin- 
gam, dem unverhüllten Bilde der Begattung-, opferte, dass 
Grriechen und Römer den Phallus zum Mittelpunkt eines 
ganzen Kultus machten, und dass ein Gott mit aufgerichtetem 
Gliede ihre Obstgärten und Viehherden zu beschützen pflegte. 
Im alten Rom musste sich die Braut am Hochzeitstage 
auf das Glied des Priapus, des in diesem Falle sogenannten 
Mutunus setzen, bei uns wird sie mit einem Myrtenkranz 
geschmückt: beide Sitten, so verschieden sie auf den ersten 
Blick erscheinen mögen, haben ganz denselben Sinn. Die 
Blumen sind bekanntlich als die Geschlechtsorgane der Pflan- 
zen zu betrachten; zwischen ihnen und den Geschlechtsorga- 
nen der Menschen besteht die genaueste Analogie. Man kann 
die Blüten gleichsam vegetabilische Geschlechtsteile und die 
Geschlechtsteile gleichsam animalische Blüten nennen. Bei 
dem weiblichen Geschlecht tritt diese Analogie besonders 
klar hervor, am auffälligsten, wenn der Stempel einfach und 
der Fruchtknoten unterständig ist. In diesem Falle ent- 
sprechen die Blätter des Kelchs und der Blumenkrone den 
beiden grossen und kleinen Schamlippen; die Narbe vertritt 
die Stelle der äusseren Scham, der Griffel die Stelle der 
Scheide; der Fruchtknoten, der sich zur Frucht entwickelt, 
ist eine Gebärmutter, deren enge Höhle sich während der 
Schwangerschaft beträchtlich ausdehnt — der Unterschied ist 
nur der, dass die Organe des menschlichen Individuums nur 
einmal fürs ganze Leben, die der Pflanze ununterbrochen 
neugebildet und, nachdem ihr Zweck erfüllt ist, abgestossen 
werden. Diese Analogie geht so weit, dass die Gärtner bei 
Rosenknospen sogar von einem Jungfernhäutchen (Hymen) 
sprechen. Warum sie es gerade bei Rosenknospen thun? 
— Die Rose gehört zu denjenigen Blumen, die durch Farbe, 
Gestalt, Duft und Blütezeit die vorstehende* Auslegung 
gleichsam herausgefordert haben, die daher im Griechischen 
und in vielen Redensarten anderer Sprachen geradezu die 



— 29 — 

weibliche Scham bedeuten (qoöov). Nicht umsonst war sie 
der Venus geweiht; nicht umsonst reicht das Mädchen dem 
geliebten Jüngling eine Rose; und wenn sie zugleich ein 
Symbol der Verschwiegenheit abgibt, das zum Zeichen, 
dass nichts weitergesagt werden solle, auf die Tafel nieder- 
häng^ und an Beichtstühlen abgebildet wird: so ist die 
Verschwiegenheit der Liebenden gemeint — die Verschwie- 
genheit des Harpokrates, der von Cupido eine Rose ge- 
schenkt erhielt unter der Bedingung, dass er die Liebes- 
händel seiner Frau Mutter nicht verriete. Zwei andere 
Blumen dieserart waren die Lotosblume und die Myrte, 
die wir oben schon erwähnten. Wenn ein Myrtenkranz 
das Zeichen der Braut an ihrem Hochzeitstage ist, so soll 
derselbe nicht etwa die Jungfrauschaft oder die Keuschheit 
der Braut anzeigen. Umgekehrt, die Blume der Venus soll 
bedeuten, dass das junge Weib bereit ist, auf dem Altar 
der Liebesgöttin die Jungfrauschaft zu opfern; darauf mag 
es auch abzielen, wenn man wünscht, dass es der Braut in 
den Brautkranz regne. Man erinnere sich, dass einst in 
Karlen ein Hase, das verliebte Tier, in einen Myrtenbusch 
geschlüpft und dass an dieser Stelle die Stadt Aphrodisias 
gegründet worden ist; und dass die keusche Britomartis, 
als sie Minos verfolgte, mit ihrem Gewände an einem Myr- 
tenstock hängen blieb. Unsere jungen Damen fühlen diese 
Symbolik, durchdringen sie aber nicht, und so gelingt es 
ihnen, durch die Blume Dinge zu sagen, die, gerade heraus- 
gesagt, gelindes Entsetzen bereiten würden. 

Nehmen wir nun einmal die der Fruchtbarkeit feind- 
liche Eigenschaft der Keuschheit. Auch hier fehlt es nicht 
an pflanzlichen vSymbolen, unter denen wohl das Keuschlamm 
obenansteht; indessen scheint nicht nur der Name dieses 
Strauchs ganz und gar das Produkt der sonderbarsten 
Irrungen, sondern auch sein Renommee einzig und allein 
darauf gegründet zu sein, dass sein Same seit Hippokrates 
gleich dem Kampfer, nach dem alle Teile der Pflanze 
riechen, für ein Antiaphrodisiacum gegolten und als solches 



I 



— 30 — 

Verwendung gefunden hat. Der fromme Serapion hat ihn 
Mönchspfeffer genannt, aber schon im Altertum brauchten 
Frauen, die keusch sein wollten, Zweige des Keuschbaums: 
die Thesmophoriazusen legten sich darauf, die Vestalinnen 
trugen welche in den Händen. Bemerkenswert ist, dass in 
England eine verlassene Braut, zum Beispiel Ophelia oder 

Bona (Shakespeare, König Heinrich der Sechste. Dritter Teil. 111,3), Wei- 

denzweige träg^ {wears the mUow); dass überhaupt die dem 
Keuschbaum nicht unähnliche Weide ein Emblem von 
Kummer und unglücklicher Liebe darstellt, daher auch 
Alfred de Musset eine Trauerweide auf sein Grab gepflanzt 
wissen wollte, wie es geschehen ist. Freilich würde die 
Weide somit vielmehr auf eine aufgezwungene, als auf 
eine freiwillige Keuschheit hinweisen, aber immerhin auch 
eine Art von Keuschbaum sein. Und in der That soll 
die Weide ganz analoge Eigenschaften haben wie das 
Keuschlamm. Nicht etwa die traurige, blasse, sozusagen 
verweinte Physiognomie des Baumes hat den Weidenkranz 
zur Kehrseite des M)rrtenkranzes gemacht — wir w^erden 
öfters bemerken, dass sich die Völker an dergleichen un- 
sichere, vage Eindrücke nicht halten, sondern dass sie ihre 
Symbolik auf reale Beobachtungen gründen — sondern die 
antaphrodisische Wirkung, die man ihm wie dem Keusch- 
baum und dem Kampfer zuschrieb. Rinde, Blätter und 
Kätzchen der Weide standen in dem Ruf, jede geschlecht- 
liche Regung zu unterdrücken. Ob sie diese Tugend wirk- 
lich haben oder ob der Glaube daran wieder auf die Beob- 
achtung zurückzuführen ist, dass die männlichen und weib- 
lichen Kätzchen nicht auf einem Baume zusammenstehen, 
sondern auf verschiedene Individuen verteilt sind und dass 
die männlichen Kätzchen gleich nach der Blütezeit abfallen? 
Ich weiss es nicht; die Platane, welche man jezuweilen als 
Symbol der Unfruchtbarkeit betrachtet hat, hält eben- 
falls die männlichen und die weiblichen Kätzchen ausein- 
ander, lässt sie jedoch zusammenwohnen. Als unfrucht- 
bar ist der Baum aber wohl deshalb betrachtet worden. 



— 31 — 

weil er sich durch Stecken der Nüsschen nur schwer ver- 
mehren lässt, kaum der zehnte Teil geht auf und auch 
dann sind es Bastardpflanzen. Auch durch Wurzelsteck- 
linge lässt sich die Platane nicht vermehren, sondern nur 
durch Ableger, und . auf keinen andern Baum pfropfen. 
Umgekehrt lassen sich auch Reiser anderer Bäume nicht 
auf die Platane pfropfen, nicht einmal Platanenreiser sel- 
ber; jdLy wenn man ihr ein Pfropfreis von einem Feigen- 
baume aufsetzt, geht sie im Winter ein. Sie hat in der 
That etwas Steriles. Sie vermählt sich auch nicht, son- 
dern lebt und stirbt im Zustande der Ehelosigkeit, wenig- 
stens wenn wir den Anschauungen der römischen Dichter 
folgen. Im Süden dienen bekanntlich den Weinreben 
Laubbäume zu Stützen, namentlich Ulmen imd Pappeln; 
wenn die Ulme fehlt, wo soll der Weinstock ranken? — Es lag 
jiahe, dies beiderseitige Zusammenthun als eine Art Ver- 
mählung und den Baum als den Mann, die Weinrebe als 
die an ihm hängende Gattin aufzufassen, daher der glück- 
selige Bauer des Horaz adtUta Vitium propagine altas maritat 
populos (Epoden II, lo). An die Platane aber pflegte man 
keine Rebe anzubinden, trotzdem der Baum im Altertum 
beliebt und häufig war, sogar mit Wein begossen wurde, 
und deshalb wurde er unverheiratet oder ehelos genannt 
(Platanus caelehs/ Horaz, Oden, II, 15, 4). Dieses Coelibat 
der Platane würde eine wirklich schlagende Analogfie zur 
menschlichen Keuschheit, bilden, wenn die Auffassung nicht 
etwas zu Subjectives, Geistreiches hätte, um mich so aus- 
zudrücken. 

Die eigentlichen Symbole der Keuschheit sind ausser- 
halb des Pflanzenreichs aufgetrieben worden, allerdings nur 
mit Hilfe kühner Übertragungen. Die Alten versinnlichten 
sie durch ein Sieb, weil die reine Seele sträfliche Gedan- 
ken durchlässt, wie ein Sieb das Wasser. Darum mussten 
die Vestalinnen, wenn das heilige Feuer im Vestatempel 
erlosch, frische Glut in einem Siebe bringen, und ebendes- 
halb trug die Vestalin Tuccia, als sie, der Blutschande an- 



- 32 — 

geklagt, die Keuschheitsprobe ablegte, unter Anrufung der 
Gröttin ein mit Wasser gefülltes Sieb vom Tiber bis zum 
Tempel; das Wunder ist auf einer antiken Gemme ver- 
ewigt, eine Statue der Tucda steht im Vatikan, im Museo 
ChiaiamontL Man könnte freilich auch vermuten, dass das 
Sieb vielmehr nach Art der Wage nur ein Emblem der 
gerichtlichen Untersuchung überhaupt, gleichsam der Sich- 
tung gewesen sei, durch welche das Unreine und Schlechte 
vom Guten gesondert wird; imd dass das Sieb der Vestalin 
Tuccia dem Komsieb entspreche, welches im Mittelalter bei 
der sogenannten Coscinomantie in Anwendung kam, um den 
Urheber eines Diebstahls zu ermitteln, und durch das 
Groethe den Kater in der Hexenküche blicken lässt. Ein 
Rest dieses Gebrauches hat sich auf dem Lande und bei 
den Guunem in dem sogenannten Erbschlüssd erhalten, diuxh 
dessen Ohr man in der Sylvestemacht Blei zu giessen pflegt. 
Jedenfalls verlor sich das Sieb allmählich in dem Aberglau- 
ben und dem tollen Zauberwesen des Mittelalters, und für 
die Tugend der Keuschheit, die mit der Einfuhrung des 
Christentums durch das Klosterwesen und den Mariendienst 
erst recht zur Greltung kam, tauchten andere, natürlichere 
S)rmbole auf, nämlich zwei Tiere, das Einhorn und das 
Hermelin. 

Das Einhorn hatte für das Mittelalter eine seltsame, 
apokalyptische Bedeutung. Es war ein Bild der Kraft, die 
an einer Jimg^frau zu schänden wird; man wird kaum fehl- 
gehen, weim man in dieser Kraft die Kraft des Geschlechts- 
triebs und speziell die göttliche Zeugnngskraft sieht, die 
sich bei der unbefleckten Empfängnis Maria bethätigte. 
Sie erlischt nicht, aber es wird ihr gleichsam die fleischliche 
Spitze abgebrochen. So, indem es die Fleischwerdung des 
göttlichen Wortes im Schoosse der Jungfrau Maria versinn- 
lichte, koimte das fabelhafte Tier zum Symbol der Jung- 
fräulichkeit selber werden. Es gibt ein altes deutsches 
Bild, das Ende des XV. Jahrhunderts sehr populär ge- 
wesen ist. Es stellt die Verkündigung Maria unter dem 



— 33 — 

Bilde einer Treibjagd dar. Der Erzengel Gabriel bläst den 
Englischen Grruss auf einem Jagdhorn: ein Einhorn flüchtet, 
von den Spürhunden gehetzt, zu Maria, der reinen Magd, 
und stösst ihr, die andächtig dasitzt und die Hände kreuz- 
weise über die Brust legt, sein Hom in den Schooss, wäh- 
rend Gottvater droben seinen Segen dazugribt — ein un- 
zweideutiges Pild der mystischen Befiiichtung, auf welchem 
der heidnische Phallus in ein Hörn verwandelt ist. Man 
findet dieses Bild in dem trefflichen Werke des Jesuiten 
P. Ch. Cahier: Caraciiristiques des Saints dans Vart populaire 
(Paris 1867) auf Seite 45 reproduciert; die Quelle ist eine 
deutsche. Unter den gewöhnlichen heiligen Frauen, die 
wegen unverletzter Keuschheit das Einhorn als Attribut 
fuhren, rag^ Justina von Nikomedia hervor; in ihrem Falle 
ist das Einhorn der junge Cyprianus, der sie verführen 
wollte, aber nichts ausrichtete und sich bekehrte. Was das 
Hermelin betrifft, so ist es durch eine Metapher zu seinem 
guten Ruf gekommen. Man fabelte nämlich, das Hermelin 
gehe lieber durchs Feuer als durch Kot und sterbe lieber, 
als dass es sich beschmutze. Um das Hermelin zu fangen^ 
heisst es in der Novelle Unziemliche Neugier im Don 
Quixote, bedienen sich die Jäger der List. Sie verlegen die Auswege, 
die es hat, mit Kot und scheuchen es dann aus seinem Lager auf. 
Wenn es an die kotigen Stellen kommt, so steht es still und lässt 
sich lieher fangen, als dass es sein weisses Fell mit Unrat hesvdde, 
sintemal es die Reinlichkeit mehr liebt als Freiheit und Leben. 
Die körperliche Reinlichkeitsliebe wurde dann auf die der 
Seele übertragen und das Hermelin auch allegorischen 
Figuren der Keuschheit beigegeben und gleichsam ans 
Herz gelegt: in dem römischen Palast Rospigliosi, dem- 
selben, der die bekannte Aurora von Guido Reni einschliesst, 
befindet sich ein Bild des venezianischen Malers Lorenzo 
Lotto, den Sieg der Keuschheit darstellend; hier sieht man das 
zum Beispiel. Ohne Metapher könnte man den Elefanten 
zum Typus der Schamhaftigkeit wählen, wenn es wahr wäre, 
dass er sich nur im Verborgenen und ohne Zeugen paarte. 

Kleinpaul» Sprache ohne Worte. «^ 



— 34 - 

Auf der Piazza della Minerva in Rom steht ein mar- 
morner Elefant und auf dessen Rücken ein kleiner Obelisk; 
die Inschriften auf dem Postamente belehren uns, dass hier 
die (in den Hieroglyphen enthaltene) Weisheit der Ägypter 
von dem stärksten aller Tiere getragen werde, das Monu- 
ment mithin die Kraft der Weisheit zum Ausdruck bringe. 
Diese Manier, ein Genitivverhältnis dadurch anschaulich zu 
machen, dass der Sohn die Mutter auf den Buckel nimmt, 
ist neu; und als Prototyp der Stärke möchte sich wohl 
eher der Löwe oder der Adler des Evangelisten Johan- 
nes empfohlen haben. Aber zum Symbol des Wissens 
hat den Elefanten das Vernunftähnliche seiner Handlungen 
selbst erhoben: Gane^a, der populärste unter den brahma- 
nischen Göttern zweiten Ranges, der Gott der Klugheit, 
den der Inder beim Beginn jedes Unternehmens und am 
Anfange jedes Gedichtes, wie der Perser den Bülbül, an- 
ruft, der Sohn Sivcis, wird dargestellt mit einem Elefanten- 
kopfe und auf der (listigen) Ratte reitend. 

Und so könnten wir noch lange fortfahren, allerhand 
erbauliche Dinge, die uns zu Symbolen dienen, namentlich 
Tiere ausfindig zu machen. So ist die Schildkröte, auf 
welche die Venus Urania tritt, wenn dieselbe nicht etwa 
das Himmelsgewölbe darstellt, das Sinnbild der häuslichen 
Tugenden; der Storch das Symbol der Pietät und der 
Dankbarkeit; das Chamäleon das der Schmeichler und 
Höflinge; das Schaf das der Geduld; der Eber das des 
Zornes. 

Natürlich, dass man für die mehr moralischen Eigen- 
schaften des Menschen die Bilder im Tierreich suchte; 
haben doch die Tiere dem Charakter nach unter allen 
Wesen die grösste, um nicht zu sagen allein eine gewisse, 
Menschenähnlichkeit. Zwar werden auch bei Tugend und 
Laster oft genug Pflanzen herbeigezogen: der Vergleich ist 
dann meistens noch gewagter und weniger unmittelbar. 
Es gibt drei Bäume, deren Holz seit ältester Zeit wegen 
seines Geruchs, seiner Härte und Dauerhaftigkeit berühmt 



— 35 — 

war: die Akazie, die Cypresse und die Ceder. Mit der 
ersteren ist die echte Akazie, die das arabische Gummi 
liefert, der domige, jedem ägyptischen Reisenden wohl- 
bekannte Baum gemeint, in dessen halblichtem Schatten 
der Fellah die Spindel dreht, wahrend auf den Zweigen 
die Tauben ihr unablässiges Gurren ertönen lassen. Dieser 
Baum heisst im Lande gegenwärtig Sont; die Griechen 
nannten ihn ii^xanla, womit sie doch wohl nicht bloss die 
Ungefährlichkeit seiner Domen, sondern andeuten wollten, 
dass es der Baum der Unschuld und der sittlichen Reinheit 
sei (das ii/ als Alpha privativum aufgefasst). Allen drei 
Bäumen eignete nämlich wegen physischer Eigenschaften, 
die man auf moralische übertrug, eine Art von Heiligkeit. 
Alle drei Hölzer faulten nicht, sie waren geradezu unver- 
weslich und wurden auch von keinerlei Ungeziefer ange- 
griflFen: Würmer und Insektenlarven schadeten ihnen nicht, 
weder im lebenden Stamm noch nach der Fällung, wie 
angeblich auch die Platane davon frei ist. Deshalb 
pflegte man diese balsamisch duftenden, unzerstörbaren 
Hölzer zu drei Zwecken zu gebrauchen. Erstens zu 
Tempelbauten. Aus dem Exodus ist bekannt, dass Aka- 
zienholz, von Luther Föhrenholz genannt, hebräisch Sittim, 
von den Kindiem Israel in ausgedehntem Maasse beim 
Bau der Stiftshütte verwendet wurde; desgleichen be- 
standen in Rom die Thüren der alten Basilika von Sankt 
Peter aus Cypressenholz : sie hielten von Konstantin 
dem Grossen bis zum Papst Eugen IV., das heisst elf 
Jahrhunderte, und würden wahrscheinlich noch einmal so 
lange gehalten haben, wenn nicht der erwähnte Papst 
eherne Pforten an ihre Stelle gesetzt hätte, denn sie waren 
noch vollkommen intakt. Zweitens zur Aufbewahrung kost- 
barer Dinge überhaupt; zum Beispiel legten die Alten 
wertvolle Bücher und Kleider (wenn sie sich nicht begnüg- 
ten, sie mit Cedemöl zu bestreichen) in Kästchen von 
Cedemholz; ja, weil die Citronen einen ähnlichen Wohl- 
geruch hatten und ebenfalls Ungeziefer fernhielten, glaub- 

3* 



— 36 — 

ten die Römer, als sie dieselben kennen lernten, es seien 
die Früchte der Ceder, und damit häng^ der Name Citrone 
überhaupt zusammen (Cedms = Citrus). Endlich drittens zu 
Särgen, die bei Griechen und Römern häufig aus Cypressen- 
holz bestanden; auch in die Särge wurden Cypressenzweige 
gethan, wie die Freimaurer ihren Brüdern Akazienzweige 
aufs Grab zu legen pflegen; desgleichen die Scheiterhaufen 
mit Cypressenzweigen umsteckt, damit sie mit angenehmem 
Geruch verbrennten. Cedemholzspäne dienten gleich dem 
Cedemharz zum Einbalsamieren der Leichname. Daher 
mag es wohl kommen, dass die Cj'presse, die, regungslos 
und ernst, mit ihrem an Schwarz grenzenden Grün, aUer- 
ding« sehr gut zu einem Baume der Toten passt, noch 
heute in Italien und überall, wo sie fortkommt, auf Fried- 
höfen und an Gräbern angepflanzt wird; denn gleich den 
beiden andern Bäumen war sie durch ihr unverwesliches 
Holz auch zu einem natürlichen Symbol des Lebens, des 
ewigen Lichtes und der Unsterblichkeit geworden. Des- 
halb schnitzte man wieder Priapusse, die Götter der Frucht- 
barkeit und einer andern Art Unsterblichkeit, nicht bloss 
aus Feigenbaum-, sondern auch aus Cypressenholz, wenn 
es nicht geschah, weil diese Statuen im Freien standen — 
aber warum hätten sie denn überhaupt aus Holz geschnitzt 
sein müssen? 

Non sum de fragil! dolatus ulmo, 

nee quae stat rigida supina vena 

de ligno mihi quolibet columna est, 

sed Viva generata de cupressu: 

quae nee secola centiens peracta 

nee longae cariem timet senectae. Martial VI, 49. 

Andere wollen die Cypresse gerade entgegengesetzt 
als Symbol des unerbittlichen Todes fassen und ihre An- 
pflanzung an Gräbern damit erklären, dass sie, einmal ab- 
geschnitten, nicht wiederausschlage — qtiae semel caesa re- 
nasci nescit. Sie sei nicht xovQod^aXr^g , wie die Griechen 
sagen; und gleiche einer abgebrochenen Säule. Diese Er- 
klärung scheint mir etwas gesucht und weniger tief als die 



— 37 — 

eben gegebene, auch lässt sie sich mit den Anschauungen 
der Völker, die alle auf das Leben weisen, schwer in Ein- 
klang bringen. Am Ftisse des heiligen Bergs auf Ceylon, des 
Adamspiks y erzählt Ibn Batüta, steht eine Cypresse, die niemals 
ein Blatt verliert. Tausende von Büssern warten, dass eins her^ 
unterfalle; denn wer es bekäme und ässe, würde das ewige Leben 
haben. Aber es ist noch keins heruntergefallen; sie sterben noch alle. 
Wie der Cypresse ihr Holz, so mögen dem Lorbeer 
seine Blätter zu seiner symbolischen Bedeutung verholfen 
haben — zu der Bedeutung des Ruhmes und des Sieges, 
vor allem des dichterischen Ruhmes. Von Griechenland ist 
diese Symbolik Italien und vom Altertum der Neuzeit über- 
liefert worden: seitdem Apollo von der geliebten Daphne 
nichts als einen dürren Lorbeerkranz übrig behalten hat, 
setzte, trotz des traurigen Auguriums, das darin liegt, noch 
jeder Dichter seinen Ehrgeiz darein, mit einem Lorbeerkranze 
gekrönt zu werden, womöglich wie Petrarca auf dem römi- 
schen Kapitel, oder wenn das nicht, wenigstens im Theater. 
Alan hat gemeint, es sei ursprünglich deshalb geschehen, 
weil die Alten den Lorbeer für einen Blitzableiter gehalten 
hätten. Wir krönen, sagt Don Quixote, die Dichter mit den 
Blättern jenes Baumes, welchen der Blitz nicht versehrt — zum 
Zeichen, da>ss denjenigen niemand verletzen soll, dessen Schläfe eine 
solche Krone ziert. Es ist doch wahrscheinlicher, dass der 
aromatische Geruch und Geschmack der Blätter zuerst die 
Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Lorbeerblätter, die 
man ja noch heutzutage zwischen die getrockneten Feigen 
legt, damit sie nicht verderben, galten für antiseptisch, 
überhaupt für ausserordentlich heilsam, daher sich nicht 
bloss Apollo, sondern auch sein Sohn, der Mediziner, Äsku- 
lap, sowie im Mittelalter der Baccalaureus medicinae mit ihnen 
schmückte; ja, sie waren narkotische Mittel, welche, gekaut, 
einen Zustand der Verzückung hervorbrachten, in welchem 
die Menschen weissagten und in die Zukunft sahen, wurden 
daher auch an Orakelstätten, wie anderwärts die Samen 
des Stechapfels, ausdrücklich gebraucht. Von der Ekstase 



des Propheten ist aber offenbar die poetische Begeisterung 
nur einen Schritt entfernt, jeder Dichter ein Seher, jeder 
Poet ein Prophet und umgekehrt, daher das lateinische 
Vates und das hebräische Naht das eine wie das andere 
bedeutet; und daher der Lorbeerkranz und die Liebhaberei 
Apollos, des Gottes, der beides war, und aller seiner Nach- 
folger im Singen und im Sagen. 

Ein noch ausgeprägteres Symbol des Sieges und des 
Triumphes als der Lorbeer ist die Palme; sie deutet selbst 
den Sieg im Kampf des Lebens an. Die symbolische Be- 
deutung der Dattelpalme wurde von den Alten wiederum auf 
eine Eigenschaft ihres Holzes zurückgeführt — an die hohe 
Schönheit, die fürstliche Erscheinung der Pflanze dachten 
sie nicht, sie hielten sich fast immer an eine reelle praktische 
Qualität, das ästhetisierende Bewundem späteren, schwäch- 
licheren Zeiten und Völkern überlassend, welche solche 
Bäume nicht immer um sich haben. Was die Alten an 
der Palme bewunderten, war die Elastizität ihres Holzes, 
die Widerstandskraft, die Unzerbrechlichkeit desselben. 
Der Palmbaum erschien ihnen gleichsam wie ein Held, 
denn, wenn er niedergedrückt wurde, wuchs er nur desto 
schneller: er bildete den Mut vor, der sich durch kein Un- 
glück beugen lässt. So kamen sie dazu, auf den Medaillen, 
die sie zum Andenken an schwererrungene Siege und 
mühevolle Eroberungen prägten, den heroischen Palm- 
baum anzubringen, ja, jedem verdienstlichen Athleten, 
jedem ruhmreichen Wagenlenker einen Palmenzweig zu 
dekretieren — so oft man eine Statue mit einer Palme in 
der Hand sieht, kann man sicher sein, dass sie einen glück- 
lichen Spieler dargestellt hat, wie auch eine Palme an 
einem kostbaren Gegenstande anzeigt, dass derselbe ein 
Preis gewesen ist. Dies würde hinreichen, auch die Palmen 
auf Särgen und Gräbern, in den Katakomben und auf Bil- 
dern in der Hand der heiligen Märtyrer zu erklären: sie 
gehören siegreichen Kämpfern an, die den Tod überwunden 
haben. Zugleich aber scheint die Palme noch eine höhere. 



— 39 — 

kosmische Bedeutung gehabt zu haben; nicht umsonst um- 
fasste Latona, als sie das Licht gebar, in ihren Wehen 
auf Delos eine Palme und lehnte sich an den heiligen 
Stamm derselben an. Die Palme war ein Bild des ablaufen- 
den Jahrescyklus, weil sie alle Monate neue Zweige ansetzt, 
und damit ein Bild der Wiedergeburt und der Auferstehung, 
ja, ein vegetabilisches Pendant zu jenem Vogel, der sich 
aus der eigenen Asche verjüngt, zum Phönix. Sie heisst 
selber Phönix (q)oLvt^) im Griechischen, daher man in den 
altchristlichen Mosaiken auf einer Palme regelmässig einen 
Phönix sitzen sieht. Ein analoges Pendant zum Phönix ist 
die Schlange, die jedes Jahr mehrmals die Epidermis ab- 
streift und erneuert und deshalb ein uraltes Symbol der 
Verjüngung (damit der Heilkunde und des Gottes der Heil- 
kunde, des Äskulap) abgibt; ein drittes der Schmetter- 
ling, dieses Sinnbild der unsterblichen Seele, die ihre 
Schale sprengt und in herrlicher Gestalt, mit Flügeln be- 
kleidet den freien Himmelsraum gewinnt; ein viertes end- 
lich der Pfau. 

Gar häufig füllen in den Katakomben die kreisrunden 
Laibungen der Gewölbe radschlagende Pfauen aus. Sie 
passen vorzüglich hinein, aber es scheint, dass sie keinen 
bloss omamentalen Zweck haben, wie sie einen solchen 
allerdings seit dem ersten Jahrhundert in Pozzuoli, in Pom- 
peji und Herkulanum und in den jüdischen Katakomben 
gehabt haben — dass sie auch nicht etwa den gestirnten 
Himmel versinnbildlichen sollen, in den die Gläubigen nach 
dem Tode eingehn — sondern dass hier noch ein anderer, 
merkwürdiger Sinn verborgen ist. Wie man heutzutage 
bei Bällen und Abendgesellschaften Truthähne und Fasanen 
auf der Bratenschüssel aufputzt, indem man sie in einen 
Laib Brot bettet und die Flügel mit den Federn und den rad- 
förmig ausgebreiteten Schwanz daransteckt, dass sie leben- 
dig scheinen: so servierte man im Altertum (und zwar nach 
Phnius zum erstenmal im Hause des reichen Redners Quin- 
tus Hortensius, bei einem Diner, das er dem Kollegium 



— 40 — 

der Augum gab) den damals in Europa noch ziemlich 
neuen Pfau in seinem prachtvollen Federschmucke. Man 
rupfte den Vogel nicht, sondern zog ihm die Haut mitsamt 
den Federn ab, füllte ihn mit Zimmt, Gewürznelken und 
aromatischen Kräutern und briet ihn am Spiesse; worauf 
man ihm sein Federkleid wiederum anzog, die Halsfedem und 
den Federbusch zurechtzupfte und den Schwanz ausbreitete, 
so dass auch er bei Tische gleichsam seine Auferstehung 
feierte. Ein pompejanisches Wandgemälde zeigt vier ge- 
bratene Pfauen, die in dieser Weise angerichtet sind, auf 
einer Schüssel in der Mitte der Tafel; und wahrscheinlich, 
dass bereits der verständige Ofella in den Satiren des Horaz 
(II, 2, 23) mit seinem gesunden Sinne tadelnd auf diese 
Sitte anspielt: es sei ein eitles Schau gericht, der Braten 
werde darum nicht besser, aber man lasse sich durch den 
nichtigen Apparat (vanis rerum) bestechen. Das geschah 
noch im Mittelalter — wenn zur Zeit der Kreuzzüge Ritter 
das heilige Grab zu befreien sich entschlossen, so legten 
sie bei Tische das sogenannte Pfauengelübde (le voeu du paon) 
ab : ein gebratener, neugefiederter Pfau wurde von der 
schönsten Dame auf goldener Schüssel in Ceremonie in den 
Speisesaal gebracht und der Reihe nach vor den Rittern 
niedergesetzt, die auf den Vogel schworen. Der tapferste 
Ritter hatte hierauf die hohe Ehre, den Braten zu zerlegen; 
er that es vor den Augen dessen, der seiner Meinung nach 
den Vorzug vor ihm verdiente. Doch scheint es, dass jetzt 
niemand gross davon wollte, wenn auch jeder Gast etwas 
davon bekommen musste. In der gewürzhaften Zubereitung 
hielt sich das Fleisch jahrelang: der Zoolog Ulisses Aldro- 
vandi erzählt, er habe A. D. 1598 ein Stück Pfau vorge- 
gesetzt bekommen, das A. D. 1592 gebraten worden sei; 
es habe angenehm nach Fenchel gerochen, wenn es auch 
ein wenig madig gewesen sei. Kein Wunder also, wenn 
der Pfau neben dem Fenchelgeruche auch in den Geruch 
der Unverweslichkeit und der Unsterblichkeit kam — quis 
e?iim nisi Deus creator omnium äedit carni pavonis mortui ne pu- 



— 41 — 

tresceret? — fragt der heilige Augustinus; aber uns scheint 
hier der Ort, mit Mephistopheles auszurufen: 

Am Ende hängen wir noch ab 

Von Kreaturen, die wir machten! — 

So mochten schon die alten Ägypter an eine Fortdauer 
nach dem Tode glauben, weil sie den Leichnamen durch 
Einbalsamieren selber eine unendliche Dauerhaftigkeit ver- 
liehen. Wie dem auch sei, deshalb und nicht etwa, weil 
er sich jährlich mausert und seine Schleppe erneuert, wie 
die Palme ihre Blätter, denn das thuen ja alle Vögel — wird 
der eitle Vogel der Juno das stehende Symbol der Aufer- 
stehung und der Unsterblichkeit geworden sein, das er 
jahrhundertelang abgegeben hat und das ihn zu einem 
Repräsentanten aller himmlischen Herrlichkeit erhob: noch 
Hans Memling steckte ' seinen Engeln Pfauenfedern in die 
Flügel. 

Unwillkürlich sind wir tief ins Christentum hineinge- 
raten, welches freilich voll von Sinnbildern Ist und das, wie 
wir sagten, die ganze Zeitlichkeit als ein Symbol der Ewig- 
keit aufzufassen strebt; seine mystischen Anschauungen 
haben wir mit der Muttermilch eingesogen. Diese reiche, 
durch die Kunst ausgebildete Symbolik ist ein Ausfluss 
der orientalischen Phantasie und bald auf die Gleichnisreden 
Jesu, auf seine zahlreichen Parabeln und Apologe, her- 
kömmliche und auch im Alten Testament mehrmals vor- 
kommende Redeformen, bald auf Apergus der ersten 
Christen zurückzuführen. Sie hat einen stark persönlichen 
Charakter: Christus und seine Gemeinde stehen überall im 
Vordergrunde, auf Christus weist alles hin, in Christus hat 
die Welt gleichsam einen konkreten Sinn gefunden. Vor 
allem tritt in der christlichen Religion ein Zug hervor, ein 
allen Religionen gemeinsamer Zug, der aber hier für die 
gesamte Liturgie bestimmend gewesen ist: dass Christus 
als das Licht der Welt, als die Sonne aufgefasst wird, 
die über der Erde aufgegangen ist, nach einiger Zeit unter- 
geht, aber bald darauf wieder aufgeht und nun für immer 



— 42 — 

am Himmel bleibt. Zu Weihnachten geht sie auf: nur der 
Umstand, dass um diese Zeit die Wintersonnenwende ein- 
tritt und die Sonne gleichsam von neuem geboren wird, 
ist die Veranlassung gewesen, das Fest der Geburt Christi, 
deren Datum unbekannt ist, auf den 25. Dezember anzu- 
setzen. In der Kan^'oche geht sie unter: thatsächlich ist 
nach den Evangelisten beim Tode Jesu eine Sonnenfinster- 
nis eingetreten; die Feier der Finstermetten oder der Tene- 
hrae, bei welchen fünfzehn Kerzen nacheinander ausgelöscht 
werden imd die letzte, das Symbol des Erlösers, hinter dem 
Altar versteckt wird, bildet diesen Sonnenuntergang im 
Innern der Kirche nach. Zu Ostern kehrt sie wieder: indem 
das Fest der Auferstehung von Haus aus mit dem Früh- 
ling und dem Wiederaufleben der ganzen Natur zusammen- 
traf, so ergab sich die Beziehung auf die Sonne, w^elche in 
das Zeichen des Widders tritt und den Äquator erreicht, 
von selbst; diese Beziehung wurde durch die Vorschrift, 
dass das Osterfest immer an dem zunächst auf den Früh- 
lingsvollmond folgenden Sonntage gefeiert werden solle, 
nur sanktioniert Ein kleines Abbild gewährt die Kirche 
abermals mit der Osterkerze, welche, am Ostersonnabend 
angezündet und mit fünf Weihrauchkömem besteckt, zu- 
gleich den Leib Christi und die milde, w^urme, belebende 
Frühlingssonne symbolisiert. 

Aber die S^-mbole Christi sind nicht bloss am Himmel 
aufzusuchen, die Erde hat Überfluss daran. Wenn man 
nach Jerusalem kommt und die alten C)lbaume im Garten 
Gethsemane, die Feigenbäume und Weinstöcke auf dem 
Ölberg, die Beduinen mit ihren Schafherden erblickt, so 
wird man an die Zeit, wo Christus die nächstliegenden 
Dinge zu S>Tnbolen wählte, wunderbar erinnert Ich hin 
der Weifisiock und ihr seid die Reben — ick bin ein guter Hirfe 
— siehe, das ist Gottes Lamm, tcelches der Weit Sünde trägt. 
Das sind die Sprüche, die man zur Erklärung der rohen 
Gebilde an den altchristlichen Sarkophagen und der Male- 
reien in den Katakomben braucht Der Weinstock be- 



- 43 — 

deutet Christus; der Hirte, der das verlorene Schaf auf 
seinen Schultern trägt, ist Christus; das Lamm, das tief- 
sinnig, von sieben Leuchtern umgeben, auf dem Stuhle 
sitzt, ist Christus. Die Schafe sind die Glieder der christ- 
lichen Gemeinde: eine Schafherde, die von Wölfen über- 
fallen, aber von wachsamen Hunden verteidigt wird, war 
noch im XIV. Jahrhundert ein Sinnbild der von Irrlehrem 
bedrohten, von Dominikanern bewachten Ecclesia Müitans. 
Ein andermal wird die Gemeinde als ein Flug Tauben 
dargestellt, während derselbe Vogel nachmals ein Emblem 
des heiligen Geistes abgab. Die Kirche ist auch ein Schiff 
— das Leben mit einer Seefahrt zu vergleichen, lag den 
Aposteln, die Fischer gewesen waren, nahe; wer jemals nach 
Rom gekommen und in die Peterskirche gegangen ist, der 
hat sich auch das schöne Mosaik des Giotto, die Navicella 
oder das Schiffchen angesehen, das ehemals die Fagade der 
alten Basilika schmückte und gegenwärtig die Lünette über 
dem mittleren Eingang füllt. In dem Schiffchen stehen die 
Apostel und fahren über das unruhige Galiläische Meer: 
der Sturm rast und es ist nahe am Kentern. Da erscheint 
Christus auf den Fluten und Petrus eilt ihm entgegen und 
ergreift seine rettende Hand; während links auf einer 
Klippe ein Fischer sitzt und angelt. Die Erinnerungen an 
das Fischerleben mochten auch dazu beitragen, den Fisch, 
der als fruchtbares Tier der Venus heilig war, der aber 
schon in seinem Namen CiXSYE) auf den Erlöser hinwies, 
zu einem mystischen Zeichen des Christen und Christi 
selbst zu machen: Fisch, Lamm und Taube sind die drei 
vornehmsten, vieldeutigen Symbole des christlichen Alter- 
tums; es sind Worte einer Weltsprache, die vor zwei Jahr- 
tausenden gesprochen worden ist — nicht doch, die von 
Anbeginn der Welt an gesprochen, aber erst zu Christi 
Zeit verstanden worden ist. 



44 



III. Die Divination. 

Drei Träume — wenn wir unter dem Lebensbaume der Welt sitzen, ist es uns 
auch als ob wir träumen — Plaio's Erklärung von der Gabe der Weissagung 
— die Leber nicht bloss ein subjektives Organ der Divination — Vorbilder des 
Kommenden — Eingeweideschau und Vogelflug — Spinnen und Schafherden, 
Raben und Krähen, Hornissen und Hasen — persönliche Erlebnisse sind bild- 
lich und vorbedeutend — die Salisation, das Niesen — Omina, die auf die 
letzte Mahlzeit Christi und den Karfreitag zurückgehen — das Verschütten des 
Salzes, die Zahl Dreizehn, der Freitag — die Menschen bauen den Anzeichen 
des Unglücks vor — deuten sie um — Bischof Otto in Pommern — Vorbilder 
Christi im Alten Testament — heidnische Vorbilder — die Welt, ein Signum, 

quod a Deo hominibus portenditur. 

Ich erlebte um dieselbe Zeit noch etwas Drittes: die 
apokalyptischen Tiere erschienen mir auch im Schlaf. 
Gleich in der ersten Nacht, die ich auf der Via Antonio 
Giacomini zubrachte, hatte ich einen sonderbaren Traum ; ich 
vermählte mich mit einem Adlerweibchen. Der Sinn dieses 
Gesichtes schien mir aufzugehen, als mir kurz darauf eine 
ostpreussische Dame schrieb, dass sie zum Winter wieder 
nach Italien kommen werde; aber was das sonderbarste 
war, die Dame hatte aus Berchtesgaden geschrieben, wo 
sie sich eben aufhielt, und in ihren Brief eine Adlerkralle 
eingelegt, wie dieselben in Oberbayem imd Tyrol an der 
silbernen Uhrkette getragen werden. 

Kurz darauf hatte ich einen zweiten merkwürdigen 
Traum. Ich träumte, dass ein lastbarer Esel zu mir ge- 
laufen kam und seinen Kopf, wie in der Fabel, liebkosend 
an meine Seite legte. Den nächsten Morgen w^urde von 
einem florentiner Bankhaus ein Bote zu mir geschickt, 
der mir unerwartet eine erhebliche Summe Geld auszahlte. 

Wieder einige Tage darauf hatte ich einen dritten, 
minder harmlosen Traum. Mir träumte, ein guter Be- 
kannter reiche mir eine Welsche Nuss und einen Bissen 
Brot. Aber ehe ich mich's versah, kroch aus der Nuss 
ein hässlicher Wurm hervor, fiel auf die Erde und entwand 
sich. Den Bissen Brot behielt ich in der Hand. Die Auf- 



— 45 — 

lösung- dieses Rätsels war mir wahrhaft überraschend, weil 
ich von dem, was ich gleich auseinandersetzen will, bis 
dcüiin auch nicht die geringste Ahnung hatte. 

Den nächsten Tag besuchte mich nämlich obenerwähnter 
Freund, ein Italiener und Inhaber eines Kurzwarengeschäftes, 
und brachte mir eine stählerne Schraube mit, um die ich 
ihn gebeten hatte, um etwas anzuschrauben. Wie er die 
Spindel probierte, ob sie zur Mutter passe, meinte er, der 
Wurm sei ein wenig länger als das Brot, das schade aber nichts. 
Ich verstand das nicht, und er erklärte mir, dass man im 
Italienischen das Schraubengewinde, welches um die Spin- 
del ausserhalb herumlaufe, deis Brot der Schraube {Pane 
della vüe) und das Schraubengewinde, welches innerhalb der 
Mutter angebracht sei, den Wurm der Schraube {Verme della 
vite) nenne. Jetzt ging mir ein Licht auf! Und ich hatte 
mich schon auf einen Ärger gefsisst gemacht! — 

Dergleichen Träume träumte ich in derselben Stube, 
nur in längeren Zwischenräumen, auch noch später, gewöhn- 
lich bei zunehmendem Monde; und da ich mir bisher diese 
Anlage nicht kannte, so kam es mir vor, als ob ich nicht 
auf einer gewöhnlichen Matratze bei der Porta San Gallo, 
sondern auf dem Widderfelle im Tempel des Amphiaraos 
läge: ganz sicher übte diese Wohnung auf mein empfäng- 
liches Gehirn eine begeisternde Wirkung. 

Aber zum drittenmale ward ich angeregt, auf die ge- 
heime Sprache der Welt zu hören und die Bilder zukünf- 
tiger Schicksale, die uns nicht etwa bloss im Traume, 
sondern auch in der Wirklichkeit, zumal in der Jugend um- 
schweben, im Herzen zu bedenken: es sind Vorbilder, die 
wir im tiefen Spiegel der Zeit erblicken. Schatten, von 
kommenden Ereignissen vorgeworfen, und, wie Cicero sagt, 
Signa, quae a Deis hominibus portenduntur. 

Wie in der mystischen Sprache der Religion erscheinen 
uns die natürlichen Dinge als Sinnbilder, und wie im Traume 
sind die Sinnbilder vorbedeutend. Unter deinen Lebensbäumen 
toird uns sein, als ob wir träumen, heisst es in jenem geist- 



— 46 — 

liehen Liede; aber auch wenn wir unter dem grossen Le- 
bensbaume der Welt sitzen und das Eichhörnchen am 
Stamme der Esche Yggdrasill auf- und abläuft, die Neid- 
worte zwischen Adler und Schlange hin- und hertragend, 
kann uns jezu weilen sein, als ob wir träumen. Plato gibt 
in seinem Timäus eine wundersame Erklärung von der Gabe 
der Weissagung, deren Organ nach seiner Auffassung die 
lieber ist Er unterscheidet zwei Seelen, eine unsterbliche 
und eine sterbliche. Jene liat Gott, der Weltbildner, selbst 
gemacht; diese machten die Göttersöhne, indem sie ihr 
schreckUche Leidenschaften gaben, zuerst die Lust, den 
Köder zum Bösen, dann Schmerzen, die Hindemisse des 
Guten, ferner die unverständigen Ratgeber, Mut und 
Furcht, Jähzorn und trügerische Hoffnung, wozu sie noch 
unvernünftige Empfindung und tolle Liebe mischten. Die 
unsterbliche Seele kam in den Kopf, die sterbliche Seele in 
den Leib, das Fahrzeug des Kopfes. Aber hier wieder an 
zwei Stellen. Das tapfere, mutige, ehrgeizige Teil der 
sterblichen Seele wohnt in der Brust oberhalb des Zwerch- 
fells; das begehrende und bedürftige Teil der sterblichen 
Seele wohnt im Bauche, unterhalb des Zwerchfells, wo die 
Krippe des ganzen Tieres, der Magen, aufgehängt ist. Da 
nun die Götter wohl wussten, dass die sterbliche Seele 
nichts nach der Vernunft fragen, sondern Illusionen und 
Phantasmen gehorchen werde, so gaben sie ihr die Leber 
zu, in welcher ihr die unsterbliche Seele wie in einem 
Spiegel bald trübe, bald heitere Bilder zeigen und sie da- 
durch bald schrecken, bald erfreuen könnte. Damit ge- 
dachter Spiegel beständig rein und glänzend erhalten bliebe, 
setzten sie auf der linken Seite die Milz an die Leber an. 
Und weil Gottvater seine Söhne ermahnt hatte, ihre Sache 
möglichst gut zu machen und die schlechte sterbliche Seele 
doch auch ein wenig von der Wahrheit abbekommen sollte, 
so verliehen sie ihr die Gabe der Weissagung, als wozu 
eben jene Spiegelbilder dienen. Diese Gabe hat mit der 
unsterblichen Seele nichts zu thun, da man niemals bei 



- 47 — 

vollem Bewusstsein, sondern nur im Schlummer und in 
Krankheit weissagt. Der Mensch kann wohl beim Er- 
wachen die Traumbilder analysieren und deuten, aber nicht 
während des Traumes selbst; daher Propheten gesetzt sind, 
die Gesichte der Träumenden auszulegen. 

Also die sterbliche Seele weissagt, wenn sie die gött- 
lichen Bilder im Spiegel der Leber erblickt — Bilder, die man 
natürlich, wenn der Mensch tot ist, nicht mehr bemerken kann. 
Aber die höchst empfindliche Leber, die vielmehr ein Spie- 
gel der Gesundheit ist, galt den alten Griechen und Römern 
nicht bloss für ein subjektives Organ der Divination, son- 
dern auch an sich selbst für ein Eingeweide von höchster 
Vorbedeutung: beim Haruspicium wurde in dem geschlach- 
teten Opfertier zuerst die Leber untersucht, sie hiess, mit 
Anspielung auf den delphischen Dreifuss, der Dreifuss der 
Wakrsagekunst (tqlTtovg Trjg f^avrixrjg). Wenn die Leber ihre 
natürliche Röte hatte, wenn sie gesund und fleckenlos, 
richtig ausgewachsen und zweifach, gleichsam doppelt war, 
wenn die Lappen gehörig von einander abstanden: so ver- 
sprach man sich guten Erfolg bei einer Unternehmung; 
hingegen fürchtete man, wenn die Leber trocken, verwach- 
sen oder ohne Lappen (aloßogj war oder ganz und gar 
fehlte. Als Alexander der Grosse nach Babylon kam, 
opferte der Seher Pythagoras, und die Leber fand sich 
ohne Lappen. 

Überall und zu allen Zeiten hat der Mensch geglaubt, 
dass die Vorsehung, die unablässig über ihm wache, ihn 
an die Schicksale, die ihm bevorstehen, zu erinnern suche; 
überall hat er aus der Erscheinung gewisser Himmelskörper, 
namentlich der Kometen, aus den Sonnen- und Mondfinster- 
nissen, aus Blutschnee und Schwefelregen, aus dem zufäl- 
ligen Vorkommen einzelner lebloser Gegenstände, aus dem 
Auftreten gewisser Tiere günstige oder ungünstige Schlüsse 
gezogen. In tausend Dingen sahen die Alten Vorbilder 
des Kommenden, und sie zeichnen sich dadurch aus, dass 
sie diese Vorbilder nicht bloss an sich herankommen Hessen, 



— 48 - 

wie ein Gott sie schickte, sondern dass sie dieselben g-e- 
flissentlich aufsuchten und befragten wie ein OrakeL Als 
Alexander der Grosse vor den Mauern Babylons stand, 
flogen Raben vor ihm auf, die sich unter einander zer- 
hackten, so dass einige tot niederfielen; und als der ge- 
ächtete Cicero bei seiner Villa in Formiä landete, erhoben 
sich von dem kleinen Apollotempel zahllose Raben, näher- 
ten sich schreiend dem Schiffe des Cicero und setzten sich 
auf die Rahen, deren Tau werk sie zerrissen. Beidemal 
waren sie Todesboten, denn im allgemeinen pflegen Ki^en 
und Raben, die krächzenden Vögel der Walstatt, mehr 
Böses als Gutes vorherzusagen; auch wir halten den Raben, 
den heiligen Vogel Odins, der schon in der Edda den 
Dienst eines Propheten versieht, für einen Unglücksvogel. 
Grosse Krähensch wärme oder einzelne, auf dem Giebel 
eines Hauses anhaltend schreiende Krähen gelten beim 
Volk noch heute für ein schlimmes Vorzeichen. Aber beim 
Auspicium wurden die Vögel ausdrücklich auf ihren Flug, 
ihren Gesang und ihre Zahl hin angesehen, um Anzeichen 
zu erhalten. Romulus stellte sich auf den Palatin und 
Remus stellte sich auf den Aventin und jeder von beiden 
zählte seine Geier; ja, ihre Nachkommen hielten sich eigens 
Hühner, um zu beobachten, wie sie frassen, ganz so, wie 
sich die brasilianischen Indianer Steisshühner hielten und 
vor wichtigen Unternehmungen tagelang auf ihre eigen- 
tümlichen Pfiffe horchten. Die Hauptsache blieb der Flug 
gewisser, freilebender Vögel, obgleich sich bei der Ver- 
wirrung, die in Angaben dieserart herrscht, schwer ent- 
scheiden lässt, ob die deodra oder die sinistra avis glücklich 
oder unglücklich gewesen sei. 

Wir alle sind Auguren, nur weniger systematisch; jede 
Spinne ist uns ein Orakel und jede Herde Schafe eine 
Weissagung. Das Sprichwort sagt: 

Spinne am Morgen, Gram und Sorgen; 
Spinne am Mittag, Glück für den andern Tag; 
Spinne am Abend, süss und labend — 



— 49 — 
was der Franzose ausdrückt: 

Araign^e du matin, grand chagrin; 
Araignöe du midi, grand souci; 
Araignee du soir, bon espoir — 

und ein anderes, in Ostpreussen wohlbekanntes: 

Schäfchen zur Linken, 
Wird Freude dir winken; 
Schäfchen zur Rechten, 
Gibt's was zu fechten. 

Ganz allgemein ist im Christentum der Glaube, dass es 
Unglück bedeute, wenn einem ein Hase über den Weg 
laufe, während das doch vielmehr für den Hasen selber 
Unglück bedeuten sollte; aber das fruchtbare Tier, das der 
Venus geheiligt war, mochte im Mittelalter zu einem Teu- 
felstier gestempelt worden sein, in das sich Hexen verwan- 
delten, umsomehr, als der Hase anderseits einen gewissen 
trüben, unheimlichen Charakter nicht verleugnet, macht 
doch sogar der Genuss seines Fleisches melancholisch. Der 
Hase ist ein einsames, nächtliches Tier: den Tag über 
schläft und ruht er in seinem Neste, er lebt, sozusagen, 
nur bei Nacht: in der Nacht geht er aus, in der Nacht 
schreitet er zur Äsung, zur Fortpflanzung. Und als ein 
verfluchtes, menschenscheues Nachttier weissagt er nichts 
Gutes, zumal dem Reisenden, ja sogar die Soldaten mögen 
sich nicht schlagen, wenn der furchtsame Lampe über die 
Walstatt läuft. In dem hellenischen Unabhängigkeitskampfe 
ist ein solcher Fall wirklich vorgekommen; A. D. 1289 ver- 
loren die Grafen von Holstein eine Schlacht, weil ihrem 
Kriegsheer, das eben gegen die Dithmarschen zog, ein Hase 
entgegenlief Mit einem Worte: 

Wann der Has läuft über den Steg, 
So ist Unglück schon auf dem Weg. 

Der anmutige Steinkauz, dessen Erscheinen die alten 
Athener mit den Worten ykav^ YTtrarai begrüssten und 
den die modernen Griechen dem König Otto bei seiner 
Ankunft als Willkommen überreichten, gilt in vielen Gegen- 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. 4 



— 50 — 

den Deutschlands als unheilweissagender Vogel, nicht viel 
besser als das Picken der Totenuhr. Die Phantasie ist er- 
finderisch, in unvorhergesehenen Ereignissen, namentlich in 
Tieren, die Geister zukünftiger Schicksale und in dem Heute 
das Morgen zu erkennen. Herzog Albrecht reitet nach 
Rheinfelden, und 

unterwegs begegnet ihm ein Schwärm 
von Hornissen, die fallen auf sein Ross, 
dass es für Marter tot zu Boden sinkt. 

Er wird bald ermordet werden. Im Februar 1885 schei- 
terte der auf der Fahrt von Cadix nach der Insel Cuba 
begriffene spanische Dampfer Alfonso XII.; in Spanien 
wurde dieses Ereignis gleich als ein böses Omen für den 
König, der am 25. November desselben Jahres starb, be- 
trachtet. Als die Franzosen im Jahre 18 12 durch Deutsch- 
land nach Russland zogen und die unbestimmte Erwartung 
eines furchtbaren Verhängnisses in der Luft schwebte, sagte 
man, sonst hätten ihre Rosse gewiehert, so oft sie aus dem 
Stall geführt worden wären, damals hätten sie die Köpfe 
gehangen; sonst waren die Krähen und Raben dem Heere 
des Kaisers entgegengeflogen, jetzt begleiteten sie das Heer 
nach Osten über den Niemen, ihren Frass erwartend. 

Der alte Dessauer kehrte wieder heim, wenn ihm im 
Walde alte Weiber begegneten; in Italien hütet man sich, am 
frühen Morgen einem Priester, einem Mönch, einer Jungfrau, 
einer Schlange, einer Eidechse, einem Reh und einem Wild- 
schwein zu begegnen, während man sich freut, wenn man 
unterwegs auf eine Hure, einen Wolf, eine Grille oder eine 
Kröte stösst. Der Angang eines Wolfes war schon unseren 
Ahnen ein glückliches Vorzeichen, daher sie ihre Kinder 
Wolf gang nannten; auch die Schlange bedeutet anderwärts 
Glück — die Sioux oder die Nadowessier töten keine Klap- 
perschlange, vielmehr steht sie bei ihnen wegen ihrer List 
in Ansehen und das Begegnen einer solchen wird von 
ihnen als etwas Günstiges gedeutet. Frauen dagegen 
haben überall etwas Dämonisches; unter den Amerikanern 



— 51 — 

herrscht sogar das Vorurteil, alle Jagden müssten einen 
unglücklichen Ausgang nehmen, bei denen aus Unachtsam- 
keit zuerst ein weibliches Tier erlegt wird. Und bis nach 
Indien ist es ein Unglückszeichen, zuerst am Morgen einer 
Witwe zu begegnen. Endlich die Mönche werden auch von 
dem frommen Spanier gemieden: einer stand eines Morgens 
auf, sagt Don Quixote, ging aus seinem Hause und^ begegnete 
von ungefähr einem Bruder von dem Orden des seraphischen hei- 
ligen Franciscus — stracks kehrt er wieder um, als wenn ihm der 
Vogel Greif begegnet wäre, und läuft nach Hausse zurück. Ein 
anderer verschüttet ein wenig Salz und wird darüber so melancho- 
lisch, als wenn die Natur verpflichtet wäre, künftige Begebeyiheiten 
durch dergleichen Lappalien zu verkünden (II, 58). 

Denn nicht bloss äusserlich, greifbar, in Tiergestalt 
oder in der Mönchskutte tritt das Verhängnis an uns 
heran: auch persönliche, ganz persönliche Erlebnisse 
erscheinen dem ahnungsvollen Gemüt als bildlich und vor- 
bedeutend. Supercilium salit, Oculus dexter mihi salit. Das 
rechte Äuge grimmt mir, ich werde was Liebes sehen. Das rechte 
Ohr klingt mir, es wird jetzt von mir gesprochen. Das Niesen 
wurde schon im höchsten Altertum als ominös betrachtet: 
weil jemand nieste, als Xenophon sein Heer zum Angriff 
ermahnte, sah man sich genötigt, ein Bussgebet auszu- 
schreiben; dagegen ward derselbe Xenophon zum Feldherrn 
ernannt, weil jemand nieste, während er seine Rede hielt. 
Es kam auf Zeit und Umstände an. Von Mittemacht bis 
Mittag wurde das Niesen für schädlich gehalten, ebenso 
bei Tafel, wenn abgeräumt ward, das ein- oder dreimalige 
Niesen und das Niesen zur Linken. Von Mittag zu Mitter- 
nacht dagegen war das Niesen günstig, ebenso das Niesen 
zur Rechten und das zwei- und viermalige Niesen. Beson- 
ders günstig war es, wenn zwei Personen zugleich niesten, 
während sie sich über etwas berieten. Als dem Themi- 
stokles bei einem Opfer drei Gefangene in königlicher 
Tracht gebracht wurden, nieste jemand auf der rechten 
Seite. Der Priester Euphrantides deutete dies dem Themi- 



— 52 — 

stokles als ein Vorzeichen des Sieges. Nach deutschem 
Volksglauben bedeutet dreimal nüchtern niesen Glück, na- 
mentlich Geschenke; und ebenso folgern wir: er hat es be- 
niest , also muss es wahr sein. Man erklärt das damit, dass 
der Niesende gleichsam eine bejahende Bewegnng mit 
seinem Kopfe mache; doch ist das Nicken sicherlich das 
wenigste beim Niesen. Bereits Telemach beniest die Worte 
der Penelope in der Odyssee (XVII, 545). 

Nach dem Berichte des Herodot wurde Darius Hystas- 
pis König von Persien, weil sein Ross gewiehert hatte. 
Als der falsche Smerdis ermordet worden war, beschlossen 
die persischen Grossen, denjenigen zum König zu wählen, 
dessen Ross zuerst wiehere, wenn sie an einem bestimmten 
Tage bei Sonnenaufgang ausritten. Der Hengst des Darius 
brachte die Entscheidung, weil er Tags zuvor von dem 
listigen Stallmeister Oibares in der Vorstadt zu einer Stute 
gelassen worden war. Die Sache ist keine Fabel, sondern 
ganz im Geiste der persischen Religion (Herodot itt, 86). 

Wenn Grosses bevorsteht, so gewinnt jedes kleine Vor- 
kommnis den Schein eines höheren Winkes. Immer wird 
sich die Hausfrau beim Backen darüber freuen, sobald der 
Teig schön aufgeht; wenn sie aber einen Geburtstagskuchen 
bäckt, achtet sie ängstlich darauf, dass er in die Höhe geht 
und nicht etwa klitschig und klantschig bleibt, denn da- 
nach richtet sich das Ergehen ihres geliebten Sohnes im 
neuen Lebensjahre. Noch Anfang des XI. Jahrhunderts 
war es Brauch, in der Neujahrsnacht ein Brot mit den 
Zeichen eines Namens zu backen und nach Römerart mit 
dem Aufgehen des Teiges ein systematisches Augurium 
anzustellen. Und schon bei einer gewöhnlichen Mahlzeit 
wird darauf gesehen, dass wir dcis Brot nicht auf die un- 
rechte Seite legen — dass Messer und Gabel nicht übers 
Kreuz zu liegen kommen — dass man kein Salz verschüttet: 
wenn nun erst bei einer Hochzeit das Salzfass umgeworfen 
und damit ein entsetzliches Omen gegeben wird! — Es ist 
ganz in der Ordnung, dass Judas Ischariot auf Leonardo da 



— 53 — 

Vinci's berühmtem AhendmaM mit dem linken Arme zu- 
fällig das Salzfass umstösst, ja, man könnte vermuten, dass 
es thatsächlich vorgekommen und der Aberglaube auf diese 
Szene zurückzuführen sei, wie ebenfalls seit der letzten 
Mahlzeit Christi und der zwölf Apostel die Zahl Dreizehn 
als eine gefährliche Zahl, und seit dem Karfreitag der Frei- 
tag als ein Unglückstag betrachtet wird. Sitzen Dreizehn 
bei einander zu Tisch, so muss wie damals einer binnen 
Jahresfrist sterben, das ist ausgemacht*); und schon Prokop 
bemerkt, dass Justinian und Theodora ihre Regierung mit 
einem bösen Omen antraten, indem sie es an einem Kar- 
freitag thaten, an welchem der Friedenskuss beim heiligen 
Abendmahl nicht gegeben werden durfte. Der Fliegende 
Holländer wurde grausam gestraft, weil er an einem Karfrei- 
tag in See gegangen war. Vom Karfreitag ging dann das 
Omen auf alle Freitage über: an einem Freitag darf nichts 
unternommen, nicht geheiratet und nicht gereist werden. 
Nur in Amerika gilt der Freitag für glücklich — Kolumbus 
schiffte sich in dem Hafen von Palos, 3. August 1492, an 
einem Freitag ein, und viele der grössten politischen Ereig- 
nisse haben an diesem Tage stattgefunden. Bereits die 
alten Römer hatten ja ihre Dies Nefasti oder Ätri, an wel- 
chen dem Staate ein Unfall begegnet war und nichts wich- 
tiges unternommen werden durfte. Was das Salz betrifft, 



*) Nur der charakteristischen ZusammensetzuDg der Tischgesellschaft des 
Herrn hat man es zuzuschreiben, wenn die Zahl Dreizehn in Misskredit gekom- 
men ist; denn nicht nur dass sie bei den Hebräern und Griechen nichts An- 
stössiges hatte, man findet überhaupt bei allen Vclkem vielmehr eine Furcht 
vor den geraden als v<m: den ungeraden Zahlen. Diese Furcht ist der Gnmd, 
dass die Rabbinen dem Missethäter nicht (nach 5. Mose XXV, 3) 40, sondern 
nur 39, die Hindu umgekehrt nicht 100, sondern loi Hiebe geben lassen ; 
dass bei festlichen Gelegenheiten loi Kanonenschüsse abgefeuert werden und 
dass die Getreuen in Jever dem Reichskanzler jährlich zum Geburtstag 10 1 
Kiebitzeier senden. Niemand im Orient gibt oder nimmt eine Obligation für 
eine gerade Summe; wenn einer 10 000 Rupien ausleiht oder borgt, so wird 
geschrieben 10 001. Der bekannte Titel: Tausend und eine Nackt hat keine 
andere Veranlassung. 



— 54 — 

so scheint das Omen älter, denn bereits die Römer hielten es 
für ein böses Zeichen, wenn das Salz, das man auf das Haupt 
der Opfertiere streute, wieder verschüttet wurde. 

Eine Pensionärin furchtet eine unglückliche Liebe, wenn 
sie einmal aus Versehen die Milch vor dem Zucker in den 
Kaffee thut — sie ist untröstlich, wenn der Schuhriemen 
oder (in Italien) die Spitzenmanschette reisst — eine Braut 
vollends, die beim Gang zum Altar mit dem Fusse an- 
stösst oder fällt, hat nichts Gutes zu erwarten. Das sind 
naheliegende unglückliche Omina; sie zu vermeiden, wurde 
die Braut im alten Rom über die Schwelle hinweggehoben, 
was noch jetzt in Griechenland geschieht. Wir betrachten 
den Tag als verloren, an dem wir mit dem linken Fuss 
aus dem Bette gestiegen sind: im Altertum war es Regel, 
die Stufen zu den Tempeln nur in ungleicher Zahl anzu- 
legen, so dass man mit dem rechten Fusse in das Ge- 
bäude eintrat; man hielt das für einen wesentlichen Punkt 
und für ein ebenso günstiges Augurium, als das Gegenteil 
ungünstig gewesen wäre. Die Menschen sind der Meinung, 
das Unglück abzuwehren, wenn sie den Anzeichen desselben 
vorbauen; und doch kommen diese Anzeichen wie ein Dieb 
in der Nacht, unvorhergesehen und unabwendbar. Noch 
besser, sie mit Geistesgegenwart für sich und andere ge- 
schickt umzudeuten, als ihnen den Eintritt von vornherein 
abschneiden zu wollen. Als Crassus mit seinem Sohne in 
Hierapolis aus dem Astarte-Tempel trat, glitt zuerst an der 
Schwelle der junge Crassus aus, dann fiel der Vater über 
ihn. Sie nahmen ihr Unglück hin. Aber als Cäsar bei der 
Landung an der afi^kanischen Küste (bei Hadrumetum v. C. 
47) hinstürzte, rief er: Teneo te, Africa! Ich fasse dich, Afrika! 
— das widrige Zeichen in ein günstiges verwandelnd, wie 
Friedrich der Grosse, der (am 14. Dezember 1740, vor Be- 
ginn des ersten Schlesischen Krieges) beim Herabsturz der 
Glocke zu Crossen seiner entmutigten Armee zurief: Bas 
Hohe wird erniedrigt , Brandenhurg über Osterreich siegen! — Der 
Fall Cäsar's, der auch von Scipio erzählt \^ird, hat sich 



— 55 — 

angeblich am 28. September 1066 bei Wilhelm dem Eroberer 
zu Pevensee bei Hastings wiederholt. 

Woher aber der tiefe und allgemeine Glaube an der- 
gleichen Omina? Doch, wie gesagt, nur daher, dass die 
Gottheit in allen, selbst in den unscheinbarsten, die Zukunft 
auf geheimnisvolle Weise ab- und vorzubilden scheint. In 
dem scheiternden Schiffe des Königs von Spanien sinkt 
gleichsam Alfonso selber unter; in dem schwarzen Raben 
scheint das Schicksal des Cicero zu fliegen, in dem Hasen 
das bevorstehende Unglück leibhaftig über den Weg zu 
laufen, in dem aufgehenden Geburtstagskuchen das Geburts- 
tagskind selber aufzugehen. Der heilige Bischof Otto, der 
Apostel der Pommern, unterrichtete und taufte die ersten 
Heiden an einem See zwischen Tankow und Himmelstädt. 
Es waren gerade dreissig, die sich aus Neugierde einge- 
funden hatten; und dieser Umstand bestärkte den Heiligen 
in der trostreichen Hoffnung, dass die Lehre des Christen- 
tums von den Drei göttlichen Personen und den Zehn Ge- 
boten in Pommern Eingang finden würde (30 = 3 . 10). 
Das war gaiiz im Geiste eines Bischofs, der vom Seminare 
her gewohnt ist, Vorbilder in der Vergangenheit und in 
der Gegenwart, und im Alten das Neue Testament zu suchen. 
Denn auch unsere Heilsgeschichte enthält unzählige tief- 
sinnige Vorbilder, stumme Boten, die in grauer Vorzeit auf 
Jesum Christum weisen, unbewusste Vorläufer des grossen 
Erlösungswerkes, typische Personen, die sich selbst zu leben 
glauben und deren Sinn erst nach Jahrtausenden bei an- 
dächtiger Betrachtung des erhabenen Weltplans aufgeht. 
Wer sich jemals in das göttliche Weltgedicht vertieft hat, 
das Michel Angelo in der Sixtinischen Kapelle aufrollt; 
wem die steinernen Bilder am Sarkophag des Junius Bassus 
in die Seele gefallen sind; oder wer die lebenden Bilder 
im Passionsspiel zu Oberammergau wie in einem Retroper- 
spektiv erblickte — der kennt die Dinge und die Szenen, 
die, von Nebel und Dämmerung umflossen, das heilige My- 
sterium vorgebildet haben. Das Widderfell auf der Tenne 



- 56 — 

Gideons, allein auf Erden mit Tau benetzt, ein Vorbild 
für die unbefleckte Empfängnis — Abrahams Opfer ein 
Vorbild für Christi Opfertod — Moses, der Wasser aus dem 
Felsen schlägt, ein Vorbild für die Taufe — die Speisung 
mit Manna, ein Vorbild des Abendmahls — Jonas, vom Wal- 
fisch verschlungen und ausgespieen, ein Vorbild der Auf- 
erstehung — Daniel in der Löwengrube, ein Vorbild für 
Christi Höllenfahrt — Elias, der auf feurigem Wagen gen 
Himmel fährt, ein Vorbild für Christi Himmelfahrt: Vor- 
bilder überall. Vorbilder sogar im Heidentum, aus dem 
bald die Danae, bald die Sirene, bald der widdertragende 
Hermes, namentlich aber Orpheus herangezogen wird, wie 
er die wilden Tiere mit seinem himmlischen Spiel bezaubert 
und die Allgewalt des Evangeliums ahnen lässt — der 
Fälle nicht zu gedenken, wo die heidnische Mythologie nur 
die Darstellungsform für christliche Ideen ohne typische 
Bedeutung hergibt 

Auf diese Weise redet Gott mit der Menschheit. Über 
den Wert oder Unwert der heiligen Vorbilder haben wir 
hier nicht abzuurteilen, weder in der heidnischen Divination, 
noch in der christlichen Symbolik: genug, dass die Vor- 
bilder im Gedächtnis des Volkes haften und dass die 
Menschheit bis auf den heutigen Tag an diese Sprache 
glaubt. Denn allerdings ist es eine Sprache, eine geheim- 
nisvolle und uralte Weltsprache, die uns in der Divination, 
wie in der Symbolik anhallt, und, wie Cicero sagt, eine 
SelbstofFenbarung Gottes. Die Welt in ihrer unendlichen 
Entfaltung, ihr mächtig flutendes Leben erscheint dem 
ahnungsvollen Denker als ein Gleichnis und als ein Signum^ 
quod a Deo hominihus portenditur. Die Weltsprache ist ewig 
wie die Welt. Sie ist gesprochen worden, ehe noch ein 
Wesen darauf gehört hat. Wer sie verstünde, wäre der 
weiseste Mann, weiser als Sokrates. 

Mit recht könnte er sagen: Ämicus Flato, amicus So- 
crates, magis amica veritas. 



— 57 — 

IV. Die Traumsprache. 

Auffassung der Träume im Altertum — der Morpheus des Ovid — die Träume 
eine Art selbständiger Geister, die von den Göttern auf die Erde gesendet wer- 
den — die zwei Pforten, aus denen sie kommen — die Sprache des Traumes, 
eine vierte göttliche Offenbarung — die Träume Augurien, die Traumdeutung 
Divination — die Bildlichkeit des Traumes — sie erinnert an die Ausdrücke 
der Dichter und Propheten — Parallelen, die mau zwischen den Träumen profaner 
Personen und den Visionen alttestamentlicher Propheten ziehen kann — zwei 
von Fredegar mitgeteilte Träume fränkischer Könige — die Seele und die 
Maus — die Bildersprache des Traumes ist oft abhängig von der Zeit, der 
Nation und dem Lande des Träumenden, sowie von persönlichen Zuständen — • 
Idee einer allgemeinen Traumsprache und eines Wörterbuchs derselben — 
Proben: Redensarten des Traums, die durch die ganze Welt gehen — Ver- 
irrungen, Zahlensymbolik in Italien und in Wien. 

Die drei Träume von vorhin haben uns zunächst auf 
das weite Gebiet der Divination und auf die Vorzeichen 
gefuhrt, die gleichsam reale Träume sind. Erst jetzt packen 
wir das damals angeregte Thema. 

Als der alte Ovid seine Metamorphosen schrieb, hat er 
sichs gewiss nicht träumen lassen, dass er mit einer seiner 
Fabeln die Chemie und die Pharmacopoea Germanica um 
einen Begriff bereichern würde, der gegenwärtig im Guten 
wie im Bösen die wichtigste Rolle spielt; nämlich um das 
Morphium, welches nächst dem Chinin die vorzüglichste 
aller Pflanzenbasen ist. Eine der schönsten Stellen in den 
Metamorphosen ist bekanntlich die phantasiereiche Beschrei- 
bung der Höhle des Schlafs im elften Buche. Bei dieser 
Gelegenheit gibt der Dichter dem Schlaf drei Söhne: den 
Morpheus, den Icelus oder Phobetor und den Phan- 
tasus, alles drei Traumgötter und Büdner oder Former von 
Traumgestalten, das bedeuten die drei Namen, die griechisch, 
aber von Ovid erfunden worden sind. Exdtat artificem simu- 
latoremque figurae Morphea. Morpheus ist der berühmteste 
unter den drei Brüdern und nachgerade soviel wie der 
Vater selbst: wir betrachten ihn nicht bloss als Traumgott, 
sondern überhaupt als Schlaf gott; von einem Schlafenden 
sagen wir: er ruhe in Morpheus' Armen. Als daher der 



— 58 — 

britische Naturforscher Robert Boyle im XVII. Jahrhundert 
das Alkaloid des Opiums, wie es auch hiess, das Magisterium 
Opii entdeckte, nannte er es, als ein schlafmachendes Mittel, 
nach dem Morpheus des lateinischen Dichters Morphium 
oder wie die Engländer, Franzosen und Italiener sagen. 
Morphin: die Endung — ium haben wir jedenfalls nur dem 
Opium zuliebe gewählt, welches eigentlich ein Diminutivum 
und soviel wie Säftchen ist (orctov). 

Was aber die drei Traumgötter anbetrifft, so erscheinen 
sie mir als eine frostige Erfindung des Ovid, in der Sprache, 
aber durchaus nicht im Geiste der alten Griechen, als 
welche, gleich den meisten Naturvölkern, glaubten, dass 
die Träume eine Art selbständiger Geister seien und von 
den Himmlischen wie Boten oder Engel auf die Erde ent- 
sendet würden. Beim Homer wohnt das Volk der Träume 
da/ wo die Schatten der Verstorbenen wohnen, nämlich an 
den westlichen Ufern des die Erde umfliessenden Welt- 
stroms, des Okeanos; hier harren sie der Befehle der Götter, 
welche sie bald zu diesem, bald zu jenem Schläfer schicken. 
So schickt Zeus am Anfang des zweiten Buches der Iliade 
dem Agamemnon einen Traum, der ihn zur Lieferung einer 
Schlacht auffordert und sich ausdrücklich als einen gött- 
lichen Boten zu erkennen gibt: ^dibg de toi ayyekog eifii. 
Das schliesst freilich nicht aus, dass die Träume nicht auch 
gelegentlich von selber, ohne göttliches Geheiss erscheinen, 
wo sie dann nichts zu bedeuten haben; dass sogar die gott- 
gesendeten gelegentlich trügen, wie denn eben der Traum, 
den Zeus dem Agamemnon schickt, trügerische Hoffnungen 
in ihm erweckt Penelope, die den schönen, bedeutungs- 
vollen Traum gehabt hat, dass ein Adler ihre zwanzig 
Gänse würgte, und den Odysseus darum befragt, sagt, 
es sei eine schwierige Sache um Träume, nicht alle gehen 
in Erfüllung: sie kommen aus zwei Pforten, aus einer elfen- 
beinernen und aus einer hörnernen, jene seien nichtig, diese 
prophetisch — womit die geistreiche Frau nur ein Wortspiel 
zu machen scheint. Im allgemeinen jedoch werden die 



— 59 — 

wahrhaftigen Träume auch für solche gehalten, die von den 
Göttern ausgehen, und dieselben als göttliche Träume unter- 
schieden: ßeiog f.ioi evvttvlov rjkS'ev oveigog. Ein göttlicher 
Traum war es, den Pallas Athene dem Perikles sandte, als 
der Architekt Mnesikles beim Bau der Propyläen vom 
Gerüst gefallen und zu Schaden gekommen war, und in 
dem sie das Kraut anzeigte, das dem Kranken aufgelegt 
werden sollte. Ein göttlicher Traum war es, von dem der 
ältere Plinius erzählt und durch den ein Soldat der Kaiser- 
garde in Rom gerettet wurde, als derselbe von einem 
tollen Hunde gebissen worden war. Ohne davon unter- 
richtet worden zu sein, hatte angeblich seine Mutter in 
Spanien von einem Mittel gegen die Hundswut geträumt 
und den Traum ihrem Sohn geschrieben. Der Brief kam 
gerade noch zur rechten Zeit an, ohne ihn wäre der Kranke 
verloren gewesen. Das Mittel wurde seitdem oft angewen- 
det und es bewährte sich stets (H. N. XXV, 17). Solche 
Träume wurden von den alten Griechen in gewissen Tem- 
peln oft geradezu gesucht, namentlicli von Kranken, die in 

mm 

Askulaptempeln schliefen, um von dem Gotte ein Specifi- 
cum angegeben zu bekommen. Dieselbe Auffassung zieht 
sich auch durch die Bibel, wo es göttliche und natürliche 
Träume gibt. 

Die Unterweisung durch göttliche Träume erschien 
demnach den alten Völkern als eine der vielen Sprachen, 
in denen Gott zu den Menschen redet. Im ersten Buch 
der Iliade meint Achill, man solle einen Seher oder einen 
Priester oder einen Traumdeuter fragen, weshalb Apollo 
zürne; xal yaQ t^ ovag ex Jiog eoriv. Ein Seher hätte die 
Natur, ein Priester die Eingeweide befragt; aber auch ein 
Traum konnte Auskunft geben, denn auch er kommt von 
Zeus. In dreifacher Weise können wir nach dem Vorigen 
sagen, dass Gott zu den Menschen redet. Erstens durch 
die Welt, in der er sich selber offenbart. Zweitens durch 
Symbole, die uns auf eine höhere Welt hinweisen. Drittens 
durch Vorbilder, in denen sich kommende Schicksale auf 



— 60 - 

geheimnisvolle Weise abbilden, die Augurien und die 
Auspizien. Zu diesen drei Offenbarungen kommt hier also 
eine vierte: die Sprache des Traums. 

Offenbar hat diese neue Sprache mit der vorhergehen- 
den die grösste Ähnlichkeit: wenn die Deutung des Vogel- 
flugs und der Eingeweide von Cicero als Divinatio artis, so 
wird die Traumdeutung als Divinatio naturae bezeichnet. 
Träume sind Vorbilder, symbolische und prophetische Vor- 
bilder, wie die realen Augurien. Die Götter senden sie 
uns, um uns dadurch im Bilde das Zukünftige zu zeigen, 
und der Unterschied ist nur der, dass die Vorzeichen ausser 
uns in Wirklichkeit geschehen, während uns die Traum- 
bilder im Schlafe unfassbar und ungreifbar, wie die Seelen 
der Verstorbenen, umschweben. Solange es Tag ist, fan- 
gen wir begierig, mit aufgeschlossenen Sinnen alle Ein- 
drücke der Umgebung auf und verarbeiten sie mit der 
Schärfe des Verstandes; aber des Nachts, wenn unsere 
Sinne ruhen und der ermüdete Verstand seine Funktionen 
einstellt, besucht uns ein Höheres und lässt uns im tiefen 
Spiegel der Zeit, in Nebelbildem das nahende Schicksal 
sehen. Vor uns senkt sich das Gewebe von grauem Flor 
herab, auf welchem Morpheus seine bunten Bilder zu zeigen 
pflegt. Ein Gott spricht zu uns und belehrt uns auf seine 
stille, wunderbare Weise — wie hier eine höhere Intelligenz 
obwalte, scheint dem Plato schon daraus hervorzugehen, 
dass wir unsere Traumbilder nicht während des Traumes 
deuten und analysieren können, sondern erst wenn wir er- 
wacht sind, ja, dass wir sie uns das zehnte Mal erst deuten 
lassen müssen. Dies die naive, aber treffende Auffassung 
der Traumsprache im Altertum, die man nur ihres poeti- 
schen Gewandes zu entkleiden braucht, um sie noch heute 
teilen zu können. 

Konstatieren wir zunächst, dass es prophetische Träume 
gibt. Noch jüngst zuckten die Zeitungsschreiber über die 
Exkaiserin Eugenie die Achseln, weil sie auf einen merk- 
würdigen Traum, wonach sie sich mit Louis Napoleon zum 



— 61 — 

zweitenmal verlobte, etwas gegeben habe. Ihr Mitleid ist 
ebenso wohlfeil, wie übelangebracht. Träume sind Schäume, 
sagt der Deutsche, und der Franzose: Songes Mensonges; die 
elfenbeinerne Pforte wollen wir nicht leugnen. Der Traum 
ist ein grosser Dichter, er macht seine Gedichte auch aus 
der Vergangenheit und aus der Gegenwart. Aber es gibt 
so viele wahrhaft bedeutungsvolle Träume, die von glaub- 
würdigen Männern mitgeteilt worden sind oder die wir ge- 
legentlich selbst haben, dass wir eben mit Frau Penelope 
bekennen müssen: 

Ol 6h dict ^satüiv xeQawv ^kS-wai ^v^ja^e, 

o" ^ ixvfjux XQalvovaif ßQOzdiv oze xh xlq ^örjrau 

Nun ist es für das Wesen der Traumsprache wahrlich 
ganz gleichgültig, ob wir uns die vorbedeutenden Traum- 
bilder von Gott wie Geister senden lassen, oder ob wir sie 
einer eignen Seelenkraft verdanken und ob wir selber Mor- 
pheus und Jupiter sind. Die Bildlichkeit bleibt dieselbe, 
nur dass das eine Mal Gott das Bild braucht und gleich 
einem Stern vom Himmel fallen lässt, das andere Mal ein 
Gott, der m unserer Brust wohnt, zu unserer eignen Über- 
raschung laut wird. Die gute Absicht, die den Traum er- 
findet, dünkt mich das Wesentliche. Die prophetische 
Kraft, das scheinbar Zufällige, ganz Unberechenbare wie 
in einem Spiegel anzuschaun, gehört gar nicht der Sprache 
an, dcis ist Ahnung, Weissagung, Divination; es ist ein 
Stück Allwissenheit, das uns der Schöpfer gelassen zu 
haben scheint. Aber die symbolische Ader, mit welcher 
wir die trockene Wahrheit poetisch umgestalten, mit der 
wir die Dinge, zukünftige wie vergangene, nicht unmittel- 
bar, sondern in tiefsinnigen Bildern anschaun und uns dann 
selbst vorhalten: das ist Sprache, das ist Ausdruck des 
Gedankens, das ist eine Redeweise nach Art der grossen 
Mutter, die unbewusst und unwillkürlich in uns träumt 
und dichtet und psychologische Metaphern ohne Zahl er- 
sinnt, ja, der wir selber im stillen einen seltnen Tiefsinn 
und die Phantasie eines Propheten anzudichten lieben, in- 



— 62 — 

dem wir von den Göttern religiöse Symbole und Vorzei- 
chen verlangen. Bei Bautzen liegt der sogenannte Traum- 
berg, vulgo Dromberg, Hier hatte dem Erbauer der ersten 
Bautzener Wasserkunst, als bei ihrer Eröffnung kein Wasser 
gekommen war, geträumt, dass eine grosse Ratte im Haupt- 
rohr sitze, was sich bestätigte. A la bonne heure; aber das 
konnte unserem Ingenieur allenfalls auch in der Stadt ein- 
fallen. Und Dio Chrysostomus erzählt von einem ägypti- 
schen Lautenschläger, der träumte, er werde vor einem 
Esel spielen: der Esel war Antiochus, König der Syrer, der 
zu seinem Neffen Ptolemäus nach Memphis gekommen war 
und nichts von Musik verstand. Abermals ä la bonne heure; 
aber wenn die Bilder des Traumes alle so vulgär wären, 
so verlohnte es sich kaum davon zu reden. Nein, die 
Sprache, deren sich der Träumende bedient, ist eine ganz 
andere, von überraschender Originalität, sie erinnert an die 
Sprache der Inspirierten, an die Ausdrücke der Dichter imd 
Propheten. Wenn dem Pompejus vor der Schlacht bei 
Pharsalus träumte, er trete ins Theater und das Volk 
klatsche ihm zu, weil er die Venus (die Stammmutter des 
Julischen Geschlechtes) mit Trophäen schmückte — wenn 
Alexander Severus träumte, er werde auf eine hohe Warte 
gefuhrt, wo er Land und Meer überschaute: er griff hinein, 
wie in die Saiten einer Leier und Harmonien fluteten ihm 
entgegen — oder wenn zur Zeit des Tiberius ein gewisser 
Philippus von einem Adler träumte, der ihn mit seinen 
Flügeln decke — das hiess sprechen, wie der Traum spricht, 
Tiberius hatte Grund, den Kronprätendenten zu verbannen. 
Nach Fredegar hatte der fränkische König Childerich, 
der Vater des Chlodwig, als er sich mit Basina vermählte, 
in der Hochzeitsnacht (A. D. 465) einen Traum, welcher die 
Grösse seines Sohnes und die Leiden seiner Nachkommen 
vorausverkündigte. Er träumte, er gehe hinaus in den Hof, 
und der sei voll von Löwen, Leoparden und Einhörnern. 
Er ging abermals hinaus, und siehe, da liefen Bären und 
Wölfe durch den Hof Er ging zum drittenmal hinaus, da 



— 63 — 

balgten und bissen sich Tausende von Hunden und Katzen 
untereinander herum. Die Deutung gab ihm Basina, die 
thüringische Fürstin, die ihm zuliebe ihren Gemahl verlassen 
hatte und Childerich zu den Franken nachgefolgt war. Sie 
sagte ihm, er habe die Zukunft der Merowinger, des ersten 
fränkischen Königshauses erschaut Zuerst, sagte sie, wer- 
den die Könige allein mit einigen Grossen sein. Dann 
wird der Mittelstand regieren; endlich das kleine Volk die 
Macht an sich reissen. Der Traum passt auf alle Staaten, 
die sich gemeiniglich von der Monarchie zur Aristokratie, 
und von dieser zur Demokratie entwickeln. Aber wer 
möchte sich bei dem Traume Childerichs nicht an den des 
Propheten Daniel erinnern, der vier grosse Tiere, einen 
Löwen, einen Bären, einen Parden und ein viertes Tier 
nacheinander aus dem Meere heraufsteigen sah, welche vier 
Tiere die vier Reiche bedeuteten, so auf Erden kommen 
werden? — 

Agariste, die Mutter des Perikles, träumte wenige Tage 
vor der Geburt desselben, sie gebäre einen Löwen; vor der 
Geburt des Königs Ottokar (1230) hatte seine Mutter einen 
Traum, dass sie einen Wolf statt eines Kiiaben empfangen 
habe. Dieser Wolf unterwarf sich das Böhmerland und 
verschlang die benachbarten Länder mit Gewalt, aber über 
diesen Wolf kam ein Löwe, zerriss ihn mit seinen Klauen 
und nahm sein Gut. Und als Juana de Guzman mit dem 
heiligen Dominicus gesegneten Leibes ging, träumte ihr, 
sie bringe ein Hündchen zur Welt, das eine brennende 
Fackel im Maule trage und damit die Welt erleuchte. Den 
ähnlichsten Traum hatte Aletha, die Mutter des heiligen 
Bernhard: bevor sie ihm das Leben gab, träumte ihr, sie 
trage ein Hündlein unter ihrem Herzen, welches bis auf 
den schwarzen Rücken ganz weiss sei und mit allem Eifer 
belle. In ihrer Angst erholte sie sich Auskunft bei einem 
frommen Manne, der sie getrost sein hiess: sie werde einen 
Sohn gebären, der ein treuer Wächter der Kirche sein imd 
seine Stimme mit Macht gegen ihre Feinde erheben würde. 



— 64 — 

Diese Schwangeren, die im Traum statt der Kinder Löwen, 
Wölfe \md bellende Hunde im Mutterschoosse tragen, haben 
sie nicht den Geist des Propheten Ezechiel, der den Thron- 
wagen Jehovahs von einem Menschen, einem Löwen, einem 
Stier und einem Adler tragen lässt, was sehr frühzeitig 
Veranlcussung zu den vier symbolischen Bildern der Evan- 
gelisten gegeben hat? — 

Lassen wir uns von Fredegar noch einen anderen 
Traum erzählen. Der Frankenkönig Guntram, ein Mero- 
winger, war A. D. 567 auf der Jagd. Am Rande eines 
Baches ward gerastet: Guntram legte sein Haupt auf 
das Knie eines Begleiters und schlief ein. Da kam aus 
dem Munde des Königs eine Maus und wollte über das 
Wasser. Der Begleiter hielt sein Schwert über den Bach, 
das Tierchen lief darüber und schlüpfte in den nahen Berg 
zu einem Loch hinein. Nach einiger Zeit kam es wieder 
heraus, lief wieder über das Schwert und in den Mund des 
Königs zurück. Die Maus war die Seele Guntrams ge- 
wesen. Der König hatte geträumt, er gehe auf eiserner 
Brücke über einen Fluss und in einen Berg, in dem ein 
Schatz verborgen sei. Er Hess nachgraben, und es ward 
in der That ein grosser Hort gefunden, von dem Guntram 
ein Ciborium in die Kirche des heiligen Marcellus zu 
Chälons sur Saone, seiner Residenz, stiftete. Dieses Cibo- 
rium war noch zur Zeit Karls des Grossen zu sehen. So 
lautet die merkwürdige Erzählung. Denn in der Mytho- 
logie aller Völker wurde die vom Körper gelöste Seele 
gelegentlich als eine Maus angesehen, wie man die Seele 
andere Male als einen Schmetterling, als einen Vogel, als 
eine Biene ansah; die unterirdischen Gänge der Mäuse 
mochten sie zunächst als kleine Erdgeister erscheinen lassen, 
inspiriert von der Witterung der Erde und begabt mit pro- 
phetischen Kräften wie die Pythia. In dem Apollotempel 
zu Chryse war eine Statue des Gottes mit einer Maus unter 
seinem Fusse, und auf Münzen trägt Apollo eine Maus in 
seiner Hand. Unsere eigene Sprache vergleicht nicht nur 



— 65 — 

die Muskeln mit Mäusen, sondern auch die im Kopfe gleich 
Mäusen hin- und herschiessenden Gedanken, daher wir 
sagen: Mäme im Kopf e haben. In der „Walpurgisnacht" lässt 
Goethe der Schönen, mit welcher Faust tanzt, mitten im 
Gesänge ein rotes Mäuschen aus dem Munde springen. So nahe 
berührt sich der Traum des fränkischen Königs Guntram 
mit der Symbolik der alten Griechen und mit allgemein 
gebrauchten Bildern! — 

Wie in der Religionspoesie aller Völker für gewisse 
Gegenstände gewisse Symbole stehend geworden sind; wie 
z. B. im Alten Testamente das Thor die Gerichtsstätte, der 
Stuhl die könijgliche Gewalt, das Rau^ den Leib, der Adler s- 
flügel den göttlichen Schutz bedeutet: so kann man sagen, 
dass im Traume eine Art natürlicher, nicht erst zu erler- 
nender Symbolik zum Vorschein komme und mit Notwen- 
digkeit wiederkehre, sobald es sich um allgemein bekannte 
und jedermann gegenwärtige Dinge handelt. Die Etrusker 
sagten, einen Feigenbaum im Traume sehen, bedeute Glück. 
Nun, unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum zu 
sitzen^ war schon bei den Hebräern der Inbegriff von Frie- 
den und Glückseligkeit. In einer der ältesten Erzählungen 
und Deutungen eines Traumes, die wir kennen, bedeuteten 
sieben Kühe und sieben Ähren sieben Jahre, und drei Weinreben 
und drei Körbe je drei Tage; das Gebäck aber, welches die 
Vögel aus dem obersten Korbe frassen, war der eigene 
Leib des Bäckers. Nun, Tage, Monate und Jahre unter dem 
Bilde einer Herde weidender Rinder oder unter dem eines 
Büschels Kornähren vorzustellen, ist ganz im Geiste einer 
Mythologie, die dem Helios auf der Insel Thrinacia eine 
Herde von 350 Rindern zuerteilt; die den Hercules, wahr- 
scheinlich ebenfalls einen Repräsentanten der Sonne, die 
roten Ochsen des Geryon rauben lässt; die gewohnt ist, 
die Tage des Jahres als Brüder und als rote, jeden Morgen 
auf die Himmelsweide getriebene, nachts in den dunkeln 
Augiasstall eingesperrte Rinder zu betrachten. Analog er- 
scheint die Zahl der Lebensjahre eines Menschen bald unter 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. ö 



— 66 — 

dem Bilde einer Perlenschnui, bald unter dem einer Flotte. 
Den zwei Gefangenen werden die Tag^ durch Gegenstände 
bezeichnet, welche sich auf ihr gewöhnliches Tagewerk be- 
zogen. Aber als Gegenstände des täglichen Lebens über- 
haupt sind auch sie allgemein gebräuchliche Symbole. Man 
erinnere sich, dciss dereinst das Orakel dem nach seiner 
Heimkehr fragenden Feldherm den nahen Tod durch eine 
zenHssene Weinrehe verkündete, und dass alle Sonntage im 
Abendmahl Brot und Leib identificiert wird! — 

Natürlich laufen neben diesen allgemein menschlichen 
Symbolen persönliche, auf die individuellen Erfahrungen 
und Anschauungen gegründete Bilder nebenher. Sextus 
Quintilius Condianus und Sextus Quintilius Maximus waren 
zwei zärtliche Brüder und in jeder Hinsicht ausgezeichnete 
Männer, die unter den Antoninen lebten. Sie blieben im 
Leben unzertrennlich, sie wurden auch im Tode nicht ge- 
trennt: sie fielen beide zu gleicher Zeit cds Opfer der Grau- 
samkeit des Commodus (A. D. 183). Vor ihrem Tode waren 
sie zu Mallos in Cilicien. Hier verkündete das Traumorakel 
des Amphilochus dem Condianus seine und seines Bruders 
Ermordung durch einen Traum. Er sah dcis Herculeskind 
(Commodus liebte es bekanntlich, den Hercules zu spielen) 
die beiden Schlangen würgen. Condianus Hess sich den 
Traum malen, das Gemälde sah Dio Cassius in Mallos. Der 
Traum ist schön und treffend, aber es leuchtet ein, dass er 
sich keines neuen, sondern eines alten mythologischen Bil- 
des bediente, die Wahrheit kundzuthun ; und dass dieses Bild 
nur einem Zeitgenossen des Commodus kommen konnte, der 
in den Anschauungen der griechischen Mythologie lebte und 
webte: zu einer zindem Zeit und unter einem andern Volke 
würde Condianus sein Gesicht auch anders eingekleidet und 
etwa stilisiert haben wie jenes Bild, das ich neulich an den 
Mauern in London sah, und das für eine neue National- 
zeitung Reklame machen sollte: ein Löwe zerriss eine 
Schlange mit drei Köpfen, den Köpfen des Republikanis- 
mus, des Aufruhrs und des Atheismus. Dasselbe lässt sich 



— 67 — 

I 

von vielen Träumen sagen; nur wenige sind allgemein 
menschlich, allgemein verständlich, vom Geiste der Zeit 
völlig unabhängig. Wohlbekannt und öfters gedruckt ist 
der Traum, welchen Friedrich Myconius, der deutsche Kir- 
chenreformator, im Jahre 15 lo, sieben Jahre bevor Luther 
die Reformation begann, in der ersten Nacht nach seinem 
Eintritt in das Kloster zu Annaberg hatte. Der Apostel 
Pavdus, welcher darin als sein Führer auftrat, hatte, wie 
Myconius nach Jahren zu erkennen glaubte, Person, Gesicht 
und Stimme Luthers. Ebenso bekannt ist der schöne, von 
Vincenzo Viviani mitgeteilte Traum, den Galilei im Kerker 
träumte; und der minder angenehme Traum, den der heilige 
Hieronymus zu Antiochia hatte und der seiner Vorliebe 
für heidnische Schriftsteller einen Zaum anlegte. Hierony- 
mus sah sich im Geiste vor dem Richterstuhle Gottes. Auf 
die Frage, wer er sei, antwortete er: ein Christ. Aber da 
hiess es: Du lügst j ein Ciceronianer bist du, denn wo dein Schatz 
ist, da ist auch dein Herz; und er bekam Prügel mit so un- 
barmherziger Deutlichkeit, dass beim Erwachen der ganze 
Leib mit Schwielen bedeckt war. Von da an las er nie mehr 
einen Klsissiker zum Vergnügen. Um solche Träume zu 
haben, muss man eben ein Myconius, ein Galilei und ein 
Hieronymus sein, ihre eigentümliche Bildung und Geistes- 
disposition besitzen. Anderseits bringen Krankheiten eine 
abnorme individuelle Disposition hervor, die Kranken 
schauen oft ihre eigenen Zustände unter seltsamen Bildern 
an. Schubert erzählt von einer kranken Jungfrau, die vor 
jedem neuen Anfall ihrer furchtbaren Krämpfe von einem 
tiefen Wasser träumte, ja, die aus der Beschaffenheit des 
letzteren die Stärke und die Dauer des Anfalls mit Sicher- 
heit vorausbestimmen konnte: je schwerer das Leiden sein 
sollte, um so dunkler und tiefer war das Wasser. Fieber- 
kranken kommt es nicht darauf an, einen Kamm in ein 
Reitpferd, den Arzt in ein Einmaleins, die Ewigkeit in 
einen Bücherschrank zu verwandeln; Störungen des Herz- 
schlags und des Blutumlaufs spiegeln sich in einer unter- 

5* 



— 68 — 

brochenen, kreuz- und quergehenden Wagenfahrt, ein Bild 
des hohlen Herzmuskels und seiner unruhigen Bewegung; 
dazu treten oft Bilder von Flammen, die auf das Blut hin- 
weisen. Die Lunge wird, wenn die Respiration gestört ist, 
unter dem Bilde eines Ofens angeschaut, der raucht und 
knisternde Funken sprüht; bei Verdauungsstörungen sehen 
bisweilen die Menschen ihre Eingeweide als Labyrinthe von 
Gängen und Gässchen, die Därme als einen Schlangen- 
knäuel und die Harnblase als gefüllte Kanne. Bereits Arte- 
midor erwähnt, dass ein Elranker im Traume nach heissenden 
Mohren und nach Sternenblut verlangte und dass er schw^arze 
Pfefferkörner und Tau damit meinte. Das sind dann keine 
nationalen Eigentümlichkeiten mehr, sondern persönlich 
kapriziöse Wendungen und Idiosynkrasien; man kann sie 
mit den Lieblingsphrasen und den Idiotismen vergleichen, 
die jedem von uns Charakter und Lebensstellung anwirft 
und die wie ein unverständliches Argot auf den gemein- 
samen Hintergrund der Sprache aufgetragen werden. 

Es verlohnte sich nun wohl der Mühe, zunächst jene 
allgemeinen Symbole des Traumes zu untersuchen, die den 
Visionen des Ezechiel und den Orakelsprüchen Apollos 
analog sind; und es wäre nicht absurd, ein Lexikon der 
Traumsprache aufzustellen, wie man ein Lexikon der 
Kawisprache hat. Wie bei einem Wörterbuche könnte 
man die Symbole, respektive die Worte, welche sie be- 
zeichnen, alphabetisch ordnen, erklären und ins Deutsche 
übersetzen. Dieses Wörterbuch würde von allen- Menschen 
zu brauchen sein, denn da wir alles Nationale und Persön- 
liche ausschliessen und nur solche Traumbilder aufnehmen, 
die sich durch die Jahrhunderte und durch die Landes- 
grenzen nicht verändern; die der Europäer von heute so 
gut empfangen kann, wie der alte Grieche und der Zeit- 
genosse Artemidors, weil diese Symbole an der Natur 
hangen wie Lachen und Weinen: so gliche es in Wahrheit 
einem Weltsprachwörterbuch. Und damit man sehe, "v^e 
ich mir ein solches Wörterbuch denke, will ich gleich ein- 



— 69 — 

mal ein paar Artikel zur Probe ausarbeiten; auf das Alpha- 
bet kann es uns dabei nicht ankommen. 

Von den Redensarten des Traumes, die durch die 
ganze Welt gehen, wollen mir eben folgende einfallen. 

Perlen. Ich könnte ihn gram sein^ diesem Geschmeide, sagt Emilia Galotti, 
wenn es nicht van Ihnen wäre. Denn dreimal hat mir von ihn ge- 
träumt, als ob ich es trüge, und als ob sich plötzlich jeder Stein desselb'en 
in eine Perle verwandelte, Perlen aber, meine Mutter, Perlen bedeuten 
7hränen, Ich weiss nicht, ob das Emilia von der Gemahlin des Königs 
Heinrich IV., der am 13. Mai 16 10 von RavaiUac ermordet ward, ge- 
lernt hat. Den König verfolgte das Gespenst des Messers^ wie Wallen- 
stein sagt, unmittelbar; Maria von Medici sah ihre Thränen (deren sie 
in Wahrheit wenig vergossen haben soll) symbolisch voraus. Die Königin 
sollte bekanntlich während des Jülichschen Krieges die Regentschaft 
führen und deshalb am 12. Mai 1610 gekrönt werden. Am 10. Mai 
hatte sie dem Juwelier noch zwei grosse Diamanten in die Krone zu 
setzen gegeben. In der Nacht vom 10. zum 11. Mai träumte sie nun, 
diese beiden Diamanten verwandelten sich in Perlen. Charakteristisch ist 
die Verwandlung, denn an sich bedeuten Perlen und Edelsteine eher 
Kinder, die wie Schmuck am Halse der Mutter hängen, man denke an 
Cornelia, die Mutter der Gracchen. 

Blutstropfen im Schnee. Wie Parzival (sechstes Buch) zu Artus' Hofe 
reitet, haben die Falkner des letzteren eben einen Falken verloren, der 
eine Gans verwundet, dass ihr Blut auf den Schnee tropft. Beim Anblick 
der drei Blutstropfen im Schnee versinkt Parzival in träumerisches Sinnen 
und süsses Andenken an seine Gattin Condwiramurs. Er gedenkt der drei 
Thränentropfen auf ihren Wangen und ihrem Kinn; in weiter, wilder 
Welt überfällt ihn mit einem Male unendliches Heimwdi wie ein schwerer 
Traum. An derselben Stelle aber, wo er die Blutstropfen gesehen, ist 
später das Zelt aufgeschlagen, wo er die Gattin wiedersieht und wo er 
sie mit den Zwillingen, die er noch nie gesehen, in einem Bette schlafend 
antrifft. So erkennen wir, sagt Jakob Grimm, Träume und Gedanken 
der Kindheit wieder, wenn sie uns lange hernach im Leben eintreffen, oder 
wie ein alter Mann, als er die au/gehende Sonne anschaut, sich heimlich 
besinnt, dass er sie schon einmal ebenso als ein Kind, sitzend auf einem 
Hügelchen, und seitdem nicht wieder so betrachtet hat: er weiss, dass sie 
vor ihm geschienen, ehe er zur Welt geboren wurde, und denkt daran, 
dasi sie bald auf sein Grab scheinen wird. Das Bild von den Blutstropfen 
im Schnee ist ein uralt mythischer Zug (Schneewittchen, Machandelbaum). 

Zähne. Schon Artemidor hat aufgestellt, was noch jetzt vom Volke allgemein 
g^laubt wird: dass das Ausfallen eines Zahnet im Traume den Tod 
eines nahen Verwandten anzeige. Der Mund ist das Haus, die Zähne 
sind die Hausbewohner, die auf der rechten Seite die männlichen, die 



— 70 — 

auf der linken Seite die weiblichen. Man kann damit vergleichen , dass 
Leute, die Zahnschmerzen haben, im Traume häufig halbkreisförmige 
gewölbte Säle als Bilder der Mundhöhle und hellblonde Knaben und 
Mädchen als Bilder der Zähne sehen. Der Verlust eines Zahnes bedeutet 
also den Verlust eines Gliedes der Familie, daher auch das Ausfallen 
des Zahnes im Traume oft von lebhaftem Schmerz begleitet ist. Viel- 
leicht dass sich darauf das italienische Sprichwort bezieht: Doglia Ji 
dente doglia dt parente. Nach Anderen: beide Schmerzen vergehen schnell. 

Dornen bedeuten Hindemisse, Kummer und Sorgen, wie Ketten eine unange- 
nehme Verwickelung. Den bevorstehenden Verlust einer geliebten Person 
stellt der Traum wohl auch in der Weise dar, dass man ihr ängstlich 
und doch vergeblich durch lange Korridore nachläuft. Der Traum der 
Gräfin Terzky im Wallenstein ist von Schiller aus einem sehr richtigen 
Gefühl dieser Symbolik heraus erfunden worden. 

Eier, Nach Artemidor bedeuten sie in geringer Zahl Gewinn. Cicero erzählt, 
einer habe geträumt, dass er ein rohes Ei ausschlürfe. Er befragte den 
Traumdeuter, der sagte: das Ei weiss bedeute Silber, das Eidotter Gold. 
In der That machte er kurz darauf eine Erbschaft, die ihm das eine und 
das andere einbrachte. Er bedankte sich beim Traumdeuter und gab ihm 
ein Silberstück. Der Wahrsager meinte: Und für das Dotter gibt's 
nichts ? Nihilne de vitello? — Dieselbe Geschichte wird noch von Johannes 
Pauli erzählt {Schimpf und Ernst, 394). 

Kinder: Kleine Kinder bedeuten etwas Unangenehmes, Arger, Kummer und 
Sorgen. Vielleicht weil wirkliche Kinder dergleichen bedeuten. ^H öioq 
ij kvni] TtaXq Ttaz^l ndvxa XQovov, 

Leichen. In ihnen vericörpert sich ein Vorgefühl des Eintritts von Regen. 
Unerklärt. 

Pferd. Ein Bild der Geliebten; je gehorsamer das Pferd ist, um so mehr 
darf der Mann hoffen. Kriemhild sieht ihren künftigen Bräutigam im 
Traum als einen Falken, den sie aufzieht (Nibelungenlied I). 

Feuer. Reines, glänzendes Herdfeuer ist von guter Vorbedeutung. Manche 
Menschen träumen von Feuer, wenn in der Familie eine Verlobung vor 
sich geht. Vielleicht eine Reminiscenz der antiken Hochzeitsfackeln? 

Das Fliegen im Traum wird aus Lungenreizen erklärt, das Auf- und Nieder- 
schweben in der Luft soll ein Symbol des Ein- imd Ausatmens sein. 
Die höchst angenehme Vorstellung ist aber vielmehr, wie ich selbst er- 
fahren habe, eine Vorbotin von Erfolg. 

Kot bedeutet Gold. Gold und Kot sind Gegensätze, daher sich auch Teufels- 
geld der Sage nach in Dreck verwandeln muss. Eine Eigentümlichkeit des 
Traumes ist es aber gerade, Gegenteil für Gegenteil zu setzen. So be- 
deutet es Krankheit, wenn man jemand geputzt sieht, Zank, wenn man 
sich lieb hat, und so ist lebhafte sinnliche Freude im Traume nicht selten 
eine Vorbotin von Schmerzen: Vae tibi ridenti, quia mox post gaudia ßebis. 



— 71 — 

Das wird ja ein Traumbuch! — höre ich ausrufen. Ein 
Traumbuch, wie man es auf Jahrmärkten und in den öster- 
reichischen Tabaktrafiken bekommt oder in Leipzig unter 
den Bühnen liegen sieht! — Ja, warum denn nicht? Weil 
es schlechte Ware gibt, darum braucht man an der guten 
nicht zu zweifeln, und wie das Sprichwort sagt: Äbiistis non 
tollit tisum. Artemidor hat auf den Antrieb des Cassius 
Maximus, eines Mannes von senatorischem Stande, und auf 
das Geheiss Apollos, der ihm sichtbarlich erschienen war, 
geschrieben. Ich bleibe dabei: der Traum verdient wie der 
grösste Dichter interpretiert zu werden, es kommt nur dar- 
auf an, die Handschrift festzustellen. Die Ausschreitungen 
und die Betrügereien der Traumdeuter sollen natürlich 
nicht geleugnet werden, eine der sonderbarsten ist wohl 
die, in den Traumbildern Lottonummem, natürlich glück- 
liche, zu sehen, was noch heutzutage die Italiener thun, 
daher ein Libro de' Sogni hier zugleich ein Eco della Fortuna 
oder ein Älhergo della Fortuna, aperto ai giocatori del Lotto ist. 
Eben als der tiefsinnige Artemidor von Aldus Manutius 
(151 8) in Venedig herausgegeben und (1548) von Gabriel 
Jolitus ebendaselbst ins Italienische übersetzt worden war, 
kam in dieser Stadt die Lotterie auf, imd nun wurde die 
Traumdeutung in eine ganz falsche Bahn geleitet. Die 
Venetianer fingen an, ihre Träume in Lottonummem zu 
übersetzen, und bald fand sich auch ein Pseudo-Artemidor, 
der die Traumerscheinungen hübsch alphabetisch aufzählte 
und zu jeder einzelnen die richtige Nummer schrieb. Wetin 
einer im Traume die Nummern 45 und 87 sieht, eiferte ein 
Prediger des vorigen Jahrhunderts, gleich läuft er hin, die 
beiden Nummern zu setzen und seine paar Pfennige zu verthun. 
Er war kaum von der Kanzel herunter, so trat ein altes 
Mütterchen zu dem Geistlichen und fragte: Ew. Hochehr - 
würden, toie waren die beiden Nummern? — 

Signora Adalgisa sieht im Traume einen Bekannten, 
der sich vor einem Jahre in Monaco erschossen hat. Sie 
sieht ihn bleich, im Hemde, als ob er zu ihr sprechen 



— 72 — 

wollte. Dies ergibt zwei Nummern: erstens die Nummer 
74, welche dem BegriflFe eines Selbstmörders entspricht; zwei- 
tens die Nummer 2, welche dem Begriffe eines Hemden- 
matzes entspricht. Und hab ich was gesagt? Am nächsten 
Sonnabend kam eine Ambe von 74 und 2. 

Signora Adalgisa war jedoch selbst in Zweifel, sinte- 
mal auch ein Geist ^ der spricht, und ein trauriges Gesicht 
angezeigt sein konnte, was 47 und 39 ergeben hätte. 

Die Symbolik der Zahlen steckt den Italienern über- 
haupt tief im Blute. Auf die Träume bemächtigte sie sich 
auch des Lebens und dessen, was die alten Römer nach 
dem obigen als Augurium angesehen haben würden. Jedes 
Tagesereignis, jedes durchgehende Pferd, jeder herabfallende 
Blumentopf, jede entsetzliche Blutlache, kurz alles, alles 
\vird in Ziffern übersetzt und die Ziffer beim Botteghino ge- 
setzt. Eine Römerin kommt dazu, wie einer überfahren 
wird und ihm Blut aus dem Munde strömt. Mund ist 80, 
Blut 18, sie setzt also die Ambe 80 und 18. Als Pius IX. 
gestorben war, spielte das ganze kleine Volk in Rom die 
sogenannten Papstnummern: 7, 32, 58 und 86, nämlich den 
Todestag, die Regierungsjahre, die allgemeine Papstnummer 
und die Lebensjahre.. Die Regierung machte eine unge- 
heure Einnahme, denn keine einzige dieser vier Nummern 
kam heraus. 

Vor zwei Jahren wütete in Neapel die Cholera. Die 
Cholerakommission besuchte die Kinderasyle und ordnete 
Desinfektionen an. Wie rasend stürzten die unwissenden 
Mütter herzu, denn sie glaubten, es ginge ihren Eandem 
ans Leben. Daraus ergaben sich nun folgende Gleichungen: 

Kinder = 8. 
Mutter =52. 
Furcht = 90. 

Man setzte also in Neapel die drei Nummern, sie kamen 
wirklich heraus, und es wurden an einem Tage (19. Sep- 
tember 1884) hierselbst vier Millionen gewonnen, welcher 
Gewinnst, nebenbei gesagt, unmässiges Essen und Trinken 



— 73 — 

und in den nächsten vierundzwanzig Stunden ein aber- 
malig"es Steigen der KrankenzifFer zur Folge hatte. 

In Wien ist es nicht viel besser. Im Mai vorigen 
Jahres war hier, in dem Hause Nr. 72 der Burggasse eine 
dreiundachtzigjährige Witwe ermordet und ihre Dienerin 
und Nichte der That bezichtigt worden. In der Tasche 
dieser Person wurde ein Lottozettel mit den Nummern 83, 
72 und 47 gefunden. Die Zahlen 83 und 72 bezogen sich 
offenbar auf die ermordete Frau und ihre Wohnung, die 
Zahl 47 aber bedeutet im Argot des Volks Tod und Lehen, 
Es stellte sich femer heraus, dass die Einlage auf die drei 
Nummern im Lottogeschäft am Tage des Mordes, den 1 1. Mai, 
zwischen 7 und 9 Uhr geschehen, dass die Mörderin dem- 
nach sogleich nach der That in die Kollekte gegangen war, 
um die Mordnummern zu setzen. Dieselben Nummern 
sollen später hoch von zahlreichen andern Personen gesetzt 
worden sein. In demselben Wien schreiben sich die Ha- 
bitues der Gefängnisse regelmässig die Nummern ihrer 
Zellen auf, um dann in der Lotterie darauf zu setzen* 

Das sind nun allerdings krankhafte Auswüchse nicht 
bloss der Symbolik des Traumes, sondern der Symbolik 
überhaupt und der antiken Divination. Die Zahl ist freilich 
nach Pythagoras das Wesen der Dinge, über den geheim- 
nisvollen Zusammenhang der Zahlen und Begriffe haben 
die Pythagoreer und die jüdischen Kabbalisten viel geklü- 
gelt, es ist bekannt, dass die Zahl Drei die Signatur des 
göttlichen Wesens ist, dass die Zahl Fünf beim Pythagoras 
die Yollkommenheit y die Gesundheit und den Bund der Ehe 
darstellt und dass in der Offenbarung Johannis durch die 
mysteriöse Zahl 666 der Kaiser Nero angedeutet wird. 
Etwas von der Weisheit des jüdischen Mittelalters mag in 
der That in die italienischen Traumbücher übergegangen 
sein. Die ganze Methode liesse sich auch allenfalls recht- 
fertigen, wenn überhaupt bloss den Zahlen nachgespürt 
würde, welche den Traumbildern entsprechen. Dass aber 
die Zahlen Glücksnummem sein und in der nächsten 



- 74 — 

Ziehung gewinnen sollen, das ist das Lächerliche und der 
Glaube daran ein Beweis für die grenzenlose Dummheit 
des Menschengeschlechts. 

Wie der sterbende Laplace sagte, als die Umstehenden 
seiner grossen Entdeckungen gedachten: Ce que nous con- 
naissons, est peu de ehose; mais ce que' nous ignorons, est immense. 



V. Schottisch. 

Die Sprache der Hochschotten — das Zweite Gesicht — dasselbe eine allge- 
mein menschliche Offenbarung und eine Sprache Gottes wie der Traum — Hans 
von Einsiedel und Apollonius von Tyana — Unterschied zwischen Träumen und 
Visionen — letztere erinnern an mythologische Schöpfungen — dämonische 
Kräfte, die hinter der Natur geahnt werden — die Schuld des Baron von Neu- 
hof — die wahre Schuld — das weibliche Geschlecht das Leibgeschlecht omi- 
nöser Erscheinungen — Dion und Brutus — dämonische Weiber — nichts ist 
so dämonisch als das Weib — Flüche, Sünden, Krankheiten als Frauen ange- 
sehen — der Tod uud die Weisse Frau — die vier Apokalyptischen Reiter — 
der Apostel Petrus als Todesbote — der Dämon in eigener Gestalt — Schutz- 
engel und Genien — göttliche Stimmen im Leben religiöser Personen — der 
Dämon kann unsere eigene Gestalt annehmen und zum Doppelgänger werden 
— es sind entscheidende Momente, die den inneren Gott veranlassen zu sprechen 

— slete soddisfatto? 

Die Sprache der Hochschotten, das sogenannte JSrse, ist 
bekanntlich im Untergang begriffen. Das Irische weicht zu- 
sehends vor dem Englischen zurück, die jungen Hochländer 
vollenden ihre Erziehung jenseits des Tweed und verstehen 
die Gesänge Ossians, die Hirtenspiele Allan Ramsays und 
die romantischen Lieder, welche Robert Bums hinter seinem 
Pfluge in der Mundart des Volkes gedichtet hat, ohne 
Wörterbuch nicht mehr. Nur auf den Hebriden, den west- 
lichen Inseln, bedienen sich die Bewohner noch jetzt des 
alten irischen Idioms; und hier ist es auch, wo der englische 
Schriftsteller Samuel Johnson bei .seiner schottischen Reise 
im Jahre 1773 die Spuren einer andern, noch nicht erlosche- 
nen Nationalsprache aufgefunden hat. Derjenigen, die nach 
seinem Vorgange in ganz Europa das Zweite Gesicht, 



^ J 



— 75 — 

the Scottish gift of second sight 

genannt wird. Man nennt es wohl auch Schattengesicht 
und (in Norddeutschland) Schichtgesicht; und versteht dar- 
unter im allgemeinen Visionen im wachenden Zustande, wie 
sie die Hochschötten häufig haben. Klima, Lage, Vergan- 
genheit mögen sie dazu vorzüglich befähigen — in der 
Fingalshöhle von StafFa oder auf den Ruinen der heiligen 
Insel Jona glaubt der Reisende selbst Geistergesänge und 
Totenglockengeläute zu vernehmen. Macbeths Enkel weiss 
es, wenn jemand sterben muss. Mitten in der Nacht steht 
er auf und tritt vor das Haus, da geht ein Leichenzug vor- 
über. Er kommt bei der Kirche vorbei und thut einen 
Blick hinein, da ist in derselben Mackenzie aufgebahrt. Er 
macht einen Spaziergang und will einen Felsen hinan, da 
sieht er sich selber mit verkehrtem Plaid oben stehen und 
bereitet sich zum Tode vor. Unser Macbeth sieht in die 
Nähe und in die Feme und nicht bloss vorwärts, sondern 
auch rückwärts, was Schopenhauer a retrospective second sight 
genannt hat. Er sitzt am Ufer des Loch Lomond und hört 
den Kelpy wiehernd das Wasser stampfen: an der Stelle, 
wo das geisterhafte Ross erscheint, wird nächstens ein 
Mensch ertrinken. Er fährt über den Atlantischen Ozean 
nach Saint John in Kanada; während der Fahrt trifft er 
auf einmal in der Kajüte einen völlig fremden Mann, der 
die Worte auf den Tisch schreibt: Steuert nach Nordwesten! 

— Gleich St. Patrick, dem von einem Schiff geträumt hat, 
das ihn erwartet, ändert er den Kurs und siehe, wie sie 
nach Nordwesten steuern, stossen sie auf ein verunglücktes, 
nach Quebec bestimmtes Schiff, das mitten im Eise steckt 

— unter den Verunglückten ist der Mann, der heute Mit- 
tag zu Besuch auf Macbeth's Schiffe war, der die obigen 
Worte auf den Tisch schrieb und der um diese Zeit schla- 
fend in seiner Koje lag — es ist auch ein Schotte — — 

Johnson, der gerne der Schotten spottet und sich dar- 
über lustig macht, dass den Hafer in England die Pferde, 
in Schottland die Menschen essen, meinte einst auf die 



— 76 — 

Frage, ob der Mensch seine Existenz frei wählen könne, 
oder ob ihn Gott dazu zwingen müsse: solVs ein Engländer 
tveräen, so wird er sich die Existenz wählen j solVs aber ein Schotte 
oder ein Irländer werden, so wird ihn Gott zwingen müssen f — 
Aber Gott zwingt die Schotten nicht allein zu existieren, er 
zwingt sie auch wie Kassandra zu sehen und zu hören, 
ihr Urteil in rollenden Wolken zu vernehmen, ihr unab- 
wendbares Schicksal in feurigen Lettern an der Felsenwand 
zu lesen. Schweres hast du ihnen beschieden, Pythischer, 
du arger Gott, der du leise in ihnen sprichst! — Es ist in 
der That für unsere Auffassung der Sache völlig gleich- 
gültig, ob wir diese wundersame Sprache einem äusseren 
oder einem inneren Gott zuschreiben, der dem Seher gleich- 
sam seine Allwissenheit zeitweilig leiht und den wir viel- 
leicht nur der Bequemlichkeit halber statuieren, wenn wir 
nur überhaupt darüber einig sind, die Verleihung der pro- 
phetischen Vision abermals als eine Sprache zu betrachten, 
durch welche etwas offenbart und mitgeteilt werden soll. 
Um diesen Gesichtspunkt nicht aus dem Auge zu verlieren, 
müssen wir uns immer wieder das über die Augurien und 
die Träume Gesagte vergegenwärtigen. Gott sendet dem 
Menschen einen wirklichen Vogel und zeigt ihm in dem- 
selben bildlich sein zukünftiges Schicksal an. Hier spricht 
Gott im Sinne der Alten durch ein Augurium. Dann sendet 
er ihm zu demselben Zwecke ein Traumbild; hier spricht 
er die Sprache des Traumes, die wir eben erörtert haben. 
Jetzt endlich sendet er ihm ein Gesicht, und das ist die 
letzte göttliche Sprache, auf die wir in Schottland aufmerk- 
sam geworden sind — ich wiederhole, wer sie eigentlich 
spricht, ob Gott, ob ein prophetischer Geist in unserer Brust, 
ist gleichgültig; es genügt, dass die Sprache besteht, ge- 
redet, gehört, gefürchtet wird. 

Und nicht in den schottischen Hochlanden allein; diese 
neue geheimnisvolle Sprache, die aus einer anderen Welt 
zu uns herübertönt, gehört nicht zum Keltischen. Sie ge- 
hört vielmehr zu einer Offenbarung, die Menschen aller 



— 77 — 

Zeiten und aller Rassen empfangen haben. Ein rätselhaftes 
Ereignis wird aus dem Jahre 1670 von dem Besitzer von 
Lobstädt xmd Grosszössen, Hans von Einsiedel, erzählt, 
der wegen Geistesstörung unter Kuratel gestellt und zur 
genaueren Beaufsichtignng und besseren Pflege von seiner 
Familie auf dem Schlosse Hohenstein untergebracht worden 
war. Am 20. April genannten Jahres liess er den dasigen 
Amtmann Hanitzsch zu sich rufen, mit dem Bedeuten, dass 
er ihm etwas mitzuteilen habe. Als der alte Hanitzsch ein- 
trat, fragte ihn Hans von Einsiedel, ob nichts Neues passiert 
sei. Auf die Antwort des Amtmanns, dass er nichts wisse, 
wies der Patient auf seinen Tisch, worauf mit Kreide ge- 
schrieben folgende Verse standen: 

Curt Löser dauert mich, was aber kann ich machen? 
Gott habe seine Seel — doch miiss ich drüber lachen, 
Er sass auf meinem Dache 
Und girrte wie ein Drache. 
Er hat mich so bethöret, 
Curt hat nun ausgezehret. 

« 

Curt Löser war damsils kursächsischer Erbmarschall 
und ein sehr mächtiger Mann. Merkwürdiger Weise war 
er an demselben Tage und in derselben Stunde, wo dies 
auf Schloss Hohenstein geschah, gestorben. Noch merk- 
würdiger aber war es, dass es sich von dieser Zeit an mit 
Hans von Einsiedel dergestalt besserte, dass er die Ver- 
waltung seiner Güter Lobstädt und Grosszössen wieder selbst 
übernehmen konnte. Er starb zu Lobstädt im Jahre 1695. 

Nun, waren jene Verse etwa weniger merkwürdig, als 
die obigen Worte : Steuert nach Nordwesten! auf dem Tisch 
in der Kajüte? — Oder um ein anderes berühmtes Gesicht 
aus dem klassischen Altertum anzuführen; am 18. Septem- 
ber des Jahres 96 wurde der Kaiser Domitian von dem 
Freigelassenen Stephanus ermordet. In der Stunde, wo er 
fiel, soll Apollonius von Tyana, der bekannte Zeitgenosse 
von Christus, der damals in Ephesus war, über den Markt- 
platz gelaufen sein und ausgerufen haben: So ist^s rechte 



— 78 — 

Stephanm, erscJdage den Mörder! — Nun, das war abermals 
eine echt schottische Vision. Ja, die Sprache des Zwdten 
Gesichts entwickelt anderwärts eine noch höhere Poesie — 
die tiefsinnige Poesie des Traumes mid die überraschende 
Symbolik, die Joseph in Ägypten gedeutet hat; gleich dem 
Traume versteckt sie die Thatsachen in wunderbare Bilder. 
Aber die Sinnbilder, die der Weissagegott im Zweiten Ge- 
sichte wählt, sind andere als im Traume: seine Ausdrucks- 
weise ist eine ganz eigene, ausserordentliche. 

Ein bemerkenswerter Unterschied besteht zwischen 
Träumen und Visionen, wie wir sie bereits im Altertume 
finden. Nicht sowohl der, dass jene im Schlaf, diese im 
Wachen zu erfolgen pflegen: dieser Unterschied trifft durch- 
aus nicht das Wesentliche, ja, man könnte versucht sein, 
einzelne Traumbilder geradezu für Visionen des Zweiten 
Gesichtes zu erklären und umgekehrt. Es kommt auf die 
Art und den Wert der Bilder an. Der Traum ist ein Poet, 
der in Märchen und Gedichten erkennt die ew'gen Welt- 
geschichten. Er ist gleichsam ein guter Übersetzer: er 
übersetzt die Dinge in Symbole, indem er aus Thränen 
Perlen, aus den Hausbewohnern Zähne, aus Verlobungen 
Hochzeitsfackeln macht. Die Gebilde des Zweiten Gesichtes 
erinnern dagegen an mythologische Schöpfungen oder an 
die Ariel und die Calihan in Shakespeares Sturm: es sind 
neue persönliche Wesen und übernatürliche Gestalten. Hin- 
ter der Natur wird eine dämonische Kraft geahnt, sozu- 
sagen aus ihr herausgebildet und leibhaftig angeschaut 
Die Halligen werden von Sturmfluten überwogt — der 
Blanke Hans klopft ans Fenster, sagt man. In dem Wasser 
wohnt der Nix, im Feuer der Salamander, in der Luft 
der Elf, im Erdinnem der Zwerg, auf dem Czemebog 
der Schwarzgott, auf dem Triglav der Zlatorog — genau 
so, wie in dem schottischen See der Kelpy oder nach dem 
Glauben der Irländer auf Felsvorsprüngen in Adlergestalt 
der Fhooka wohnt. Diese elementaren Wesen sind es, die 
den Menschen zu holen scheinen, wenn einer in ihrem Be- 



— 79 — 

reich verunglückt; sie sind es, die dem Auge des Visionärs 
erscheinen, wenn ein Mensch verunglücken soll — sie re- 
sümieren gewissermassen das bevorstehende Ungeheure und 
rufen das Opfer ab, das ihnen verfallen ist. Ja, dergleichen 
Mächte werden vom Volksgeist nicht bloss in den Ele- 
menten, sondern in der Natur und im Leben überhaupt 
empfunden. Hinter allem, was ihn umgabt und zu seinem 
Schickal in Beziehung steht, ja, in seinem eigenen Hause 
und Schiffe erblickt der Heide eine Art von Gottheit, ein 
Phantom, das ihm ähnlich ist; je nach Umständen und je 
nach der besonderen Richtung der Phantasie entstehen 
Geister, Alben, Walküren, Riesen, Kobolde, Klabauter- 
männer, Wichtelmännchen und russische Domowoj§, die 
bald vor Gefahren warnen, bald Unglück bringen, bald 
wichtige Geheimnisse erschliessen; sie werden im Zweiten 
Gesichte unbewusst und unwillkürlich eingeschoben, gleich- 
sam mit Vollmacht ausgerüstet und zu Herolden bestellt, 
daher erscheinen sie unerwartet, unvorhergesehen, wie 
Himmelsboten oder wie Ungeheuer, die von der Hölle aus- 
gespieen sind. In diesem Falle, Engel und Boten Gottes, 
steht uns bei! — Furchtbar ist das Zweite Gesicht des 
Schuldbeladenen: und ich meine hier nicht etwa bloss eine 
Schuld, wie sie jeden Ehrenmann einmal belästigt, obwohl 
auch eine solche fürchterlich werden kann. Dem Baron 
von Neuhof, der als Theodor I. König von Korsika bekannt 
ist, erschien 1743 zu Venedig ein dürres, blasses Gespenst, 
Ketten und Stricke umgaben seine Glieder, und seine 
Kleider waren zusammengesetzt aus Rechnungen, Schtdd- 
scheinen, Vorladimgen und Mahnbriefen mit Latis Deo; es 
zerbrach ihm Scepter und Krone und verschwand mit den 
schrecklichen Worten: Ich hin die Schuld! Je suis la Dette! — 
König Theodor war bekanntlich tief verschuldet Nun, 
diese Art Schuld dürfte wohl eher wie ein Alp drücken, 
als wie eine Furie verfolgen, aber wohl eine andere Schuld. 
Das böse Gewissen spricht eine Sprache, wie sie der höchste 
Richter am Tage des Weltgerichtes spricht — es trifft wie 



— 80 — 

ein Donnerschlag aus heitrem Himmel und stösst in eine 
schreckliche Posaune — seine Gestalten haben die nieder- 
schmetternde Gewalt des finstem Verhängnisses — während 
der gerechte Mann sein Ende gelassen kommen sieht und 
auch wenn er durch eine prophetische Stimme plötzlich daran 
gemahnt wird, nicht erzittert, sondern den Tod betrachtet 
wie der Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg: er 
träumte, auf seiner Gruft in der Kirche zu Heilbronn sei 
ein Engel umgefallen. Zwei typische Gegensätze sind in 
dieser Beziehung Dion und Brutus. Aber ihre beiderseiti- 
gen Gesichte haben auch an sich etwas Charakteristisches, 
zunächst dcis Geschlecht. 

Der Kaiser Severus begegnete einem Negersklaven, 
der einen Cypressenkranz trug; er erschrak als über ein 
böses Vorzeichen und liess den Menschen entfernen. Er 
wäre vielleicht noch mehr über eine Negerin erschrocken, 
denn das weibliche Geschlecht ist gleichsam das Leibge- 
schlecht ominöser Erscheinungen, auf dem Gefühl für diesen 
ominösen Charakter des Geschlechts mag es beruhen, wenn 
man sich nicht nur im allgemeinen vor alten Weibern fürch- 
tet, sondern in Italien auch einer Jungfrau beim ersten Aus- 
gang nicht gern begegnen mag, nur ein lüderliches Frauen- 
zimmer bringt Gewinn; ja, wenn, wie wir gesehen haben, 
in Amerika zu Anfang einer Jagd nicht einmal ein weib- 
liches Tier geschossen werden darf. Die Frauen mit ihrer 
Nervosität, mit ihrer leidenschaftlichen Energie, mit ihrer 
blinden Abhängigkeit von einem höheren Willen, man kann 
dcLzu setzen, mit ihren langen Haaren und mit ihrer Schön- 
heit selbst — haben für den schlichteren Mann etwas Be- 
rückendes, Zauberhaftes, Hexenartiges; und nicht selten 
etwas von einem bösen Geiste. Sie sind unzähligemal in 
Wirklichkeit die bösen Genien des Mannes gewesen, ich 
will nur zum Beispiel an Antonius und Kleopatra erinnern: 
so nehmen die bösen Genien der Menschheit umgekehrt 
unzähligemal die Gestalt von Frauen an; denn nichts ist 
so dämonisch wie das Weib. Von jeher hat das Volk den 



— 81 — 

unheimlichen Wesen, die es^als Ursachen von Verderben 
und Krankheit betrachtete, gleichsam als ihren spezifischen 
Charakter, den Charakter der Weiblichkeit verliehen. Die 
hässlichen Harpyien, Personifikationen der Sturmwinde, die 
gespenstischen Lamien, die in den Ammenmärchen der 
Griechen, bis zur Gegenwart fortleben, die blutsaugenden 
Strigae, gleich der hebräischen Lilith, vermenschlichte Eulen: 
werden alle in Frauengestalt gedacht, so allgemein, dass 
sich aus dem letzteren Wort in Italien und Griechenland 
geradezu der Begriff Hexe' entwickelt hat Und wiederholt 
müssen wir hervorheben, dass es nicht bloss alte Frauen, 
sondern überhaupt Frauen, oft sogar Jungfrauen sind, 
welche als Unholdinnen Menschen und Götter schrecken. 
Die Gorgonen, die Eumeniden sind Jungfrauen, was sage ich, 
schöne Jungfirauen, aber von grauenhafter Schönheit. Wer 
kennt nicht aus seinem Homer die Ate, die personifizierte 
Verblendung, die bethörend über den Häuptern der Götter 
und Menschen wandelt, die sie unbesonnen zu Schuld und 
Sünde fortreisst und hinter der dann langsam die lÄtaSj die 
reuigen Bitten kommen, um wieder gut zu machen, was die 
Ate geschadet hat? Bei den tragischen Dichtem, zumal bei 
Äschylus, erscheint sie in einem anderen Lichte: sie rächt 
wie eine Nemesis oder eine Erinys das Verbrechen und ver- 
hängt die gerechte Strafe. Erinyen, furchtbares Wort! Die 
Erinyefi sind die Flüche, die Flüche von Vater und Mutter, 
die dem Herzen die Ruhe nehmen, das Familienglück zer- 
stören, der Nachkommenschaft berauben; die Flüche, die, 
mit Shakespeare zu reden, himmelan steigen und Gottes sanft 
entschlafnen Frieden wecken. Auch sie werden also von den 
Griechen als Jungfrauen vorgestellt. Hesiod nennt sie die 
Töchter der Erde, aus den herabfallenden Blutstropfen des 
Uranos empfangen. Keine Bitte, kein Opfer, keine Thräne 
vermag sie zu erweichen oder den Verfluchten vor ihrer 
Verfolgung zu schützen: sie jagen ihn wie. Hunde, und 
wenn sie fürchten, er könne ihnen entschlüpfen, so rufen 
sie die Dike oder die Gerechtigkeit zu Hilfe. In ihrem 

Klein paul, Sprache ohne Worte. ^ 



— 82 — 

Äussern gleichen sie den Gorgonen — schwarze Kleidung, 
das Haar mit Schlangen durchflochten, bluttriefende Augen; 
spätere Dichter beschreiben sie als geflügelt. Auf der 
Bühne erschienen sie in milderem Charakter, als ernste, 
feierliche Jungfrauen in reichem Jagdkostüm, mit einem 
Schlangenband um den Kopf und Schlangen oder Fackeln 
in der Hand. 

Wir dürfen uns nun nicht wundem, wenn das Zweite 
Gesicht bei den Alten gelegentlich die Gestalt der Erinyen 
entlehnte. Dion, der berühmte Syrakusaner und Freund des 
Plato, hatte kurz vor seinem Ende und noch bevor er es 
erleben musste, dass sich sein junger Sohn aus einer ge- 
ringfügigen und kindischen Veranlassung vom oberen Stock 
hinunterstürzte und tot blieb, eine wunderbare Erscheinung 
(353 V. Chr.). Der Mann, dessen Charakter über Gebühr 
gepriesen worden ist, sass gegen Abend in der Galerie 
seines Palastes allein und in ein stilles, wehmütiges Nach- 
denken versunken, als es plötzlich am Ende der Galerie 
rumorte und er in der Dämmerung ein grosses Weib 
erblickte, nach Art der Erinyen gebildet und gekleidet. 
Die Frau kehrte mit einem Besen das Haus aus. Zu Tode 
erschrocken und an allen Gliedern zitternd, Hess Dion seine 
Freunde rufen, erzählte ihnen das Gesicht und bat sie, bei 
ihm zu bleiben und die Nacht bei ihm zu verbringen. Er 
war ganz ausser sich vor Angst, dass ihm, wenn er allein 
wäre, das schreckliche Phantom noch einmal vor Augen 
kommen könnte. Dieses Erlebnis ist um so merkwürdiger, 
als es mit einer noch heute in Griechenland kursierenden 
Vorstellung zusammentrifft. Nach dieser besteht die .Fest 
aus drei Frauen, die gemeinsam durch die Städte rennen, 
diese zu veröden. Die eine trägt eine Rolle, die andere 
führt eine Schere, die dritte aber einen Besen, wie Dions 
Erinys. So treten sie in die Häuser ein, aus denen sie ihre 
Opfer holen wollen, die erste schreibt den Namen des 
Verfallenen in die Rolle ein, die zweite schneidet ihm mit 
der Schere eine Haarlocke ab, die dritte fegt ihn aus — 



— 83 — 

eine Umbildung des Mythus nicht sowohl von den Erinyen, 
sondern von den Parzen, 

Denn auch die Krankheiten werden vom Volke häufig 
unter dem Bilde schrecklicher Frauen angeschaut, die den 
Menschen abfordern und wegnehmen — liegt doch in unsem 
eignen Ausdrücken eine gewisse Personifikation, wenn wir 
sagen, dass das Fieber jemand ergreife, jemand wegraffe, 
oder dass es von ihm überwunden werde; eine Personifikation, 
wie w^enn ein Bildhauer den Amor nach Menschenherzen 
schiessen oder ihn die Fackel Hymens ausblasen lässt. 
Nach dem russischen Volksglauben befällt das Kalte Fieber, 
die Schüttlerin oder die Trjassowitza , den Menschen in Ge- 
stalt von neun leiblichen Schwestern, die wie Teufelinnen 
nacheinander ausgetrieben werden müssen; die Italiener 
vergleichen das Fieber mit einer Hydra, der man mit dem 
Chinin einen Kopf nach dem andern abhauen und aus- 
brennen solle; die alten Römer bauten der Febris Tempel. 
Aber es sind namentlich die verheerenden epidemischen 
Krankheiten, die Cholera und die Pest, welche die Phan- 
tasie des Volkes aufi"egen und zu schauerlichen Visionen 
reizen. Durch die Lüfte fliegen sie, auf den Dächern sitzen 
sie, durch die Gassen der Städte schreiten sie, unter denf 
^lasken einer Redoute tauchen sie plötzlich auf Kennst du 
die Pest? Ich hins! Nimm mich auf deine Schultern und trage 
mich auf der Erde herum; übergehe keinen Ort, denn ich muss 
alle besuchen. Du erzittere vor nichts, denn gesund wirst du 
bleiben unter den Sterbenden — mit diesen Worten erschien 
die Pestjungfi"au, eingehüllt in weisses Linnen, im Jahre 590 
bei- verzehrender Sonnenglut einem alten Manne, der zu 
Konstantinopel unter einem Lärchenbaume säss. Vor 
Schrecken wollte er entfliehen, aber sie ergriff den Ge- 
ängstigten mit ihrer langen Hand und klammerte sich an 
ihn; so musste er sie durch ganz Europa tragen, bis er in 
Verzweiflung mit ihr ins Wasser sprang. Bekannt ist die 
hübsche Sage, derzufolge auf dem Wege nach Smyma 
einem Giiechen die Cholera erscheint, ihm verspricht, nur 

6* 



— 84 — . 

zehntausend Opfer zu fordern, und ihm, da sie ihm nacH 
einiger Zeit wiederbegegnet und er ihr vorwirft, sie habe 
nicht Wort gehalten und nicht zehntausend, sondern doppelt 
so viel getötet, zur Antwort gibt: Ich habe nur zehntausend 
getötet, aber andere zehntausend hat die Furcht vor mir getötet 

Wer kennt nicht die vier Apokalyptischen Reiter, die schon 
so oft der Vorwurf fiir schauerlich grossartige Kompositio- 
nen gewesen sind? — Aus der Hand dessen, der auf dem 
Stuhle sitzt, nimmt das Lamm in der Offenbarung Johannis 
das Buch mit sieben Siegeln und bricht die Siegel. Da 
gehen aus den ersten vier Siegeln vier Reiter auf einem 
weissen, einem roten, einem schwarzen und einem fahlen 
Ross hervor. Die vier Reiter sind die Pest, der Krieg, die 
Hungersnot und der Tod. Mit wildflattemdem, rotem Haupt- 
haar, die Brandfackel in der linken, in der rechten Hand 
das gezückte Schwert, sprengt .der Krieg auf einem gpross- 
köpfigen Fuchs durch die stiebenden Wolken — ihn gleich- 
sam überholen wollend biegt von links herum, einen dürren 
Kranz in dem zerzausten Haare, die Pest auf dem gespenstig 
weissen Rosse und schiesst einen Pfeil von dem gespannten 
Bogen — hinter ihr jagt auf einem abgezehrten Rappen 
die Hungersnot, eine Wage in der Hand, darauf gewogen 
wird ein Mass Weizen um einen Ghroschen und drei Mass Gerste 
um einen Groschen — den Schluss macht der Tod, der sich 
mit seinem fahlen Rosse aus düstrem Gewölke vordrängt 
und seine Knochenarme gierig nach der Erde ausstreckt. 
Das ist der böse Thanatos, er kommt auf einem fahlen Boss, wie 
Heinrich Heine sagt; denn bei den Griechen ist der Tod 
wie bei uns Deutschen männlich, und noch heute führt in 
den Liedern der Neugriechen der dunkle Reiter als Charos 
die Scharen der Verstorbenen durch die Lüfte zum Toten- 
reich. Bei den alten Römern und bei allen romanischen 
Nationen ist der Tod ein Femininum. Pallida Mors aequo 
pulsat pede pauperum tdbernas regumque turres. Das macht nun 
allerdings solange nicht viel aus, als der Tod ein blosses 
Gerippe ist, das eine Sense führt, obgleich auch dieses Ge- 



— 85 — 

rippe, wo es bei den romanischen Völkern vorkommt, sicht- 
lich einem Weibe angehört. Aber dass die romanischen Na- 
tionen, wenn sie den Tod vor Augen sehen, überhaupt keinen 
Sensenmann, sondern eine Sensenfrau vor sich zu haben glau- 
ben, geht aus der Darstellung des. Todes in der italienischen 
Renaissance hervor, welche die Sense von einer schreck- 
haften, aus Himmelshöhen herabfliegenden Megäre jäh 
geschwungen werden lässt: die dämonisch ergreifende Aus- 
gestaltung dieser Idee ist das berühmte Bild des Trianfo 
della Horte im Camposanto zu Pisa, das in die Mitte des 
vierzehnten Jahrhunderts fällt und früher Orgagna zuge- 
schrieben wurde. Und ursprünglich haben auch wir in 
Deutschland statt des Sensenmanns eine Todesgöttin gehabt, 
die bleiche, gierige, unbarmherzige' Hei oder, was dasselbe 
ist, die Hölle, die zwar gegenwärtig wie der griechische 
Hades die Unterwelt, das Haus und Reich der Hei be- 
zeichnet, aber deren persönliches Andenken im Volke noch 
nicht erloschen ist; im Schleswigschen reitet zu Pestzeiten 
die Hei auf dreibeinigem Pferde; wenn dann nachts die 
Hunde heulen, so heisst es: die Hei ist bei den Hunden, Die 
Hei mag das furchtbare Weib in alter Tracht mit einem 
Menschenherzen in den Händen gewesen sein, welches der 
Seherin von Prevorst in ihrem Todesjahre (1829) wiederholt 
erschien. Auch die Weisse Frau, eigentlich Berchta, und die 
slawische Smert , beides Feminina, lassen sich vergleichen. 
Man hat gesagt, im Mittelalter sei die Trauerfarbe einer 
Fürstin die weisse Farbe gewesen und so habe der Aus- 
druck: die Weisse Frau ist erschienen, weiter nichts heissen 
sollen als: unser Fürst wird hold fortmüssen. Aber abge- 
sehen davon, dass meines Wissens nicht in Deutschland, 
sondern in China weiss getrauert wird, so ist die weisse 
Farbe nicht einmal obligatorisch, sintemal zum Beispiel im 
neuen Residenzschlosse zu Baireuth die Weisse Frau viel- 
rnehr eine Schwarze Frau sein und sich wie eine Dame 
tragen soll, deren Porträt im Schlosse hängt: dunkles, mit 
Pelz verbrämtes Kleid und Kapuze mit weissem Schleier. 



— 86 — 

So ist sie angeblich Napoleon I. in der Nacht vom 14. zum 
15. Mai 181 2 und dem General d'Espagne erschienen, der 
sie für die Botschaft seines baldigen Todes nahm (1809). 
Und das ist offenbar die richtige Anschauung: die Weisse 
Frau nur eine Form, welche die Todesahnung im Zweiten 
Gesichte annimmt. So oft im ehemaligen Poitou den Grafen 
von Lusignan Unglück bevorstand, wurde ihre Stamm- 
mutter Melusine drei Tage vorher auf dem Turme des 
Schlosses von Lusignan in Trauer gesehen. Wehe schreiend. 
Nun, ähnlich die Weisse Frau, deren Vorstellung wahr- 
scheinlich mit der altheidnischen, leuchtenden, glänzenden, 
weissen Göttin Berchta, der sagenhaften Ahnfrau so 
vieler berühmter Geschlechter, zusammenhängt. Sie ist die 
Gestalt des Todes, einer Pestjungfrau oder einer Erinys zu 
vergleichen; nur, ihrem Charakter gemäss, nicht sowohl des 
Todes im allgemeinen als vielmehr des Todes in einem 
. Fürstenhause. 

Dem Cid erscheint vor seinem Tode der Apostel Petrus 
(in dessen Kloster San Pedro de Cardena er begraben sein 
wollte) und verkündigt ihm, dass ihn Gott in dreissig Tagen 
rufen werde; bei gewöhnlichen Sterblichen übernimmt der 
Dämon die Rolle des Todesboten. Es ist eine ziemlich 
verbürgte Sage, dass dem Brutus vor der Schlacht bei 
Philippi sein böser Dämon erschienen sei. Als er im Herbst 
des Jahres 42 V. Chr. im Begriffe stand, nach Europa zurück- 
zugehen, um den Triumvim die Spitze zu bieten, sass er 
nachdenkend und in tiefes Sinnen verloren in seinem Zelte. 
Es war Nacht, das ganze Lager still, der Raum schwach 
beleuchtet. Da war es Brutus, als ob jemand einträte. Er 
sah nach der Thür und erblickte ein ungeheures und furcht- 
bares Wesen, das schweigend vor ihm stand. Er fasste 
sich ein Herz und fragte: Wer bist Du und was willst Du? 
— Die Erscheinung antwortete: Dein böser Dämon, Brutus; 
Du wirst mich bei Philippi wiedersehen. Worauf Brutus uner- 
schrocken sagte : Ich werde Dich wiedersehen. Und in der 
That sah er zwanzig Tage später, in der Nacht vor der 



— 87 — 

zweiten Schlacht, den bösen Dämon wieder, aber diesmal, 
ohne mit ihm zu sprechen. Shakespeare, dessen Julius Cäsar 
auf den Plutarch in der Übersetzung von North gegründet 
ist, hat aus dem bösen Dämon den Geist Cäsars gemacht. 
• Was heisst Dämon? — Es gibt leibhaftige Dämonen, 
gute und böse, Genien des Lichts und der Finsternis. 
Nicht bloss Frauen, auch gewisse Männer mögen uns in 
einzelnen ^Augenblicken wie unser Schicksal in Person er- 
scheinen; den mysteriösen grauen Mann, der bei Mozart 
kurz vor des Komponisten Tode das Requiem bestellte, 
kann man nicht umhin, mit einem gewissen Schauder zu 
betrachten, wenn man auch zehnmal weiss, dass es Leutgeb, 
der Verwalter des Grafen Walsegg ist. Und anderemale 
lässt sich der Segen nicht verkennen, den höherbegabte 
Persönlichkeiten durch ihre Gegenwart ausgiessen; schon 
Xeniades verglich die Ankunft des Diogenes mit dem Ein- 
tritt eines guten Genius. Was aber die subjektiven Dämo- 
nen anbelangt, so sind sie offenbar gleichfalls Geschöpfe 
einer schwärmenden Phantasie, die das Zweite Gesicht in 
die Wirklichkeit projiziert, nur von einem rein persönlichen 
Charakter. Der böse Dämon erscheint wie eine Personifi- 
kation des bevorstehenden Unglücks, fürchterlich, unerbitt- 
lich; der gute Dämon ist dasselbe, aber indem er die drohende 
Gefahr anzeigt, warnt er vor der Gefahr. Bekanntlich 
schrieb sich Sokrates im Gegensatze zu äusseren Orakeln, 
zu Augurien und Auspicien eine Art göttlicher Wamungs- 
stimme zu, die ihn, wenn sie ertöne, davon abhalte, was er 
zu thun gedenke, niemsils antreibe, und die ihn demgemäss 
auch vom Staatsdienst zurückschrecke; er nannte sie Dämon, 
während wir sie Schutzengel nennen würden {Apologie 3 1 d.). 
Analog behauptete Cardanus, einer der seltsamsten Men- 
schen, die je gelebt haben, er habe keinen Freund auf 
Erden, dafür aber einen familiären Luftgeist auf dem 
Saturn, der im Traum mit ihm verkehre, ihn fortwährend 
leite und an seine Pflichten erinnere. Auch Torquato Tasso 
hatte seinen Genio, den er, wie Leopardi sagt, auf dem 



■ — 88 — 

Boden eines Glases zu erbKcken pflegte; und am Ende ist 
uns, wie schon die alten Römer glaubten, allen ein Genius 
zugeteilt, der uns wie ein zweites Ich begleitet und imser 
Schicksal zum Guten zu lenken sucht, wir überhören ihn 
nur leicht: im stillen Wink des Herzens redet er uns zu, 

ganz leise spricht ein Gott in unsrer Brast, 
ganz leise, ganz vernehmlich, -zeigt uns an, 
was zu ergreifen ist und was zu fliehn. 

Aus dem Leben religiöser Personen ist mehreres be- 
kannt, was man für die Stimme eines guten Geistes halten 
möchte. .Es heisst von der Äbtissin von Maubuisson, der 
sogenannten Princesse PcUatine, sie habe sich im Hühner- 
stalle bekehrt: das gründet sich darauf, dass die Fürstin 
einst eine Henne im Hofe sprechen zu hören glaubte. 
Bossuet, der ihr die Leichenrede gehalten hat, erwähnt 
darin die Anekdote. So hörte schon Augustinus im August 
des Jahres 386 in Mailand, in seinem zweiunddreissigsten 
Lebensjahre, als er weinend und tiefbekümmert im Garten 
unter einem Feigenbaum lag, eine Stimme, wie die eines 
singenden Knaben oder Mädchens, die zu wiederholten 
Malen rief: Nimm und lies, nimm und lies (tolle, lege, toUe, 
lege). Da er sich nicht erinnern konnte, dass Kinder etwa 
in irgend einem Spiel etwas dergleichen sängen, so er- 
kannte er in diesen Worten eine Mahnung des Himmels. 
Er griff zu den Briefen des Paulus und las die Stelle 
Bömer XIII, 13: Lassi uns ehrharlich wandeln, cds am Ta^e; 
nicht in Fressen und Saufen, nicht in Kammern und Unzucht, 
nicht in Hader und Neid; sondern ziehet an den Herrn Jesum 
Christum — und das war der Grund seiner Bekehrung. 
Man darf freilich zweifeln , ob es nicht war wie bei dem 
Jütländer Steno, dem Bekannten von Leibniz und Bischof 
zu Hannover, der plötzlich zum katholischen Fanatiker 
wurde, weil eben, alis er an einem Hause vorüberging, eine 
Dame einige gleichgültige Worte zum Fenster hinunterrief, 
die er für einen Befehl des Himmels hielt — oder wie bei 
Thümmel, der in sich ging, als bei einem lebhaften Selbst- 



_ 89 — 

gespräch neben ihm die Worte erschallten: das sind faule 
Fische! — Genug, der Traum ging in Erfüllung, durch den 
einst die fromme Mütter des Augustinus, die heilige Monica, 
in Karthago getröstet ward: sie stand im Traum auf einem 
Richtscheit, womit das Richtscheit des Glaubens, die Be- 
gula Fidei, gemeint war. Da kam, während sie sich über 
ihren Sohn härmte, ein glänzender und heiter lächelnder 
Jüngling zu ihr. Er fragte, warum sie tagtäglich weinte 
und trauerte. Sie antwortete, sie weine über das Verderben 
ihres Sohnes. Da sagte der Jüngling, sie solle sich be- 
ruhigen und nur hinsehen: wo sie sei, sei auch ihr Sohn. 
Und Monica sah den Augustinus neben sich auf demselben 
Richtscheit stehen {Gonfessiones III, ig). 

Es kann uns nun nicht wundern, wenn die Sprache 
des Zweiten Gesichts noch kühner, aber im Grunde nur 
noch konsequenter und nüchterner wird, indem sie gele- 
gentlich den Genius unsere eigene Gestalt annehmen lässt, 
das Ich in die Aussenwelt projizierend. Jeder Mensch zer- 
fällt, sobald er zweifelt und zwischen zwei Wegen schwankt, 
gleichsam in zwei Personen; wovon die eine zu-, die andere 
abredet; und -spricht, wie Odysseus zu seinem eignen Herzen. 
Jener fromme Geistliche geht aus, um den nahen Milleschauer 
zu besteigen. Unterwegs fragt er sich: Was thust Du hier? 
Hat Dich höherer Beruf oder eitle Neugier hinausgeführt, ist 
es auch recht, dass Du hier gehst? —Er bleibt stehen, tritt unter, 
um besser zu überlegen, und während er überlegt, rutscht 
das Gestein, ein Felsblock löst sich ab und stürzt auf den 
schmalen Fusssteig, den der gute Mann zu seinem Glücke 
verlassen hatte. Wie ihm gerade sein Bedenken gekommen 
war, bleibe dahingestellt, man halte sich daran, dass er sich- 
eben dadurch gewissermassen selber, wie eine leibhaftige 
Warnung, in den Weg trat — man verweile einen Augen- 
blick bei dieser Phrase — und man ahnt, wie so ein* De 
Wette in Basel seinen Doppelgänger sieht. 

Der bekannte Theolog ist eines Abends in einem be- 
freundeten Haus zu Gast gewesen. Aufbrechend tritt er 



— 90 — 

ans Fenster und sieht in seine Wohnung hinüber, die ge- 
rade gegenüber hegt. Er sieht sich selbst, wie er mit dem 
Lichte in der Hand in das anstossende Schlafgemach geht. 
Mittlerweile stürzt in dem Schlafzimmer die Decke ein und 
sein Bett wird durch einen schweren Stein zertrümmert. 
Aber indem der Professor ans Fenster tritt, thut er eben 
gar nichts anderes als der fro^nme Geistliche auf dem Berge, 
gleich ihm fragt er sich wohl: ist es auch recht, dass du 
das thust? Sollst du auch hinübergehen? Wäre es nicht 
besser, noch zu warten? — nur dass er sich mit einem ihm 
selber gar nicht zum Bewusstsein kommenden Akte der 
Phantasie leibhaftig vor sich hinstellt und nach dem obigen 
Ausdruck projiziert. Warum das in einem bestimmten und 
richtig berechneten Augenblick geschieht? — Weil der 
Gott, der diese Phantome in Lebenstiefen schafft, scharf- 
sinniger ist, als der mit der Studierlampe arbeitende Ver- 
stand, und wie Allah die allerschwärzeste Ameise in der 
allerschwärzesten Nacht auf dem allerschwärzesten Marmor 
laufen sieht. 

Denn es sind entscheidende Momente, die den inneren 
Gott veranlassen zu sprechen oder, in die Ausdrucksweise 
des gewöhnlichen Lebens übersetzt, die das Phantom ver- 
anlassen zu erscheinen: beim Zweiten Gesichte handelt es 
sich gewöhnlich um Leben oder Tod. So lange das Schiff 
stolz und sicher über die Nordsee fährt, haust der Klabau- 
termann, der klopfende Kobold desselben, ruhig unter der 
Ankerwinde; droht aber dem Schiff ein Unglück, so kla- 
bautert er oder klopft er, und steht dem Schiff sein Unter- 
gang bevor, so setzt er sich auf das Steuer und zerbricht 
es. So pflegt das Schicksal, solange das Schiff unseres 
Lebens mit vollen Segeln geht, zu ruhen und zu schlum- 
mern; zieht sich ein Ungewitter über ihm zusammen, so 
klopft es, und sind die Würfel gefallen, so erscheint es. 
Wie Brunhilde zu Siegmund sagt: 

Nur Todgeweihten 
taugt mein Anblick: 



- 91 - 

wer mich erschaut, 

der scheidet vom Lebenslicht. 

Nun, es ist eine alte Sache, dass der Blick von Ster- 
benden geschärft ist: was werden sie besser erkennen, als 
eben dass sie sterben? — Sothane Erkenntnis wird einge- 
kleidet in eine Selbsterscheinung, und darum heisst es: iver 
sich im Traume im Wasser spiegelt, stirbt bald. 

Der englische Dichter Shelley ertrank bekanntlich auf 
der Fahrt von Livomo nach dem Golf von Spezia im Mit- 
telmeer. Vor Antritt derselben hatte er, wird versichert, 
ein nacktes Kind aus der See auftauchen, vor Freude in 
die Hände klatschen und ihm lächelnd zuwinken gesehen, 
vielleicht sein Töchterchen Allegra; und zugleich hatte er 
sich selbst gesehen. Eine schwarze Maske erschien ihm 
um Mittemacht, gab sich ihm als sein Doppelgänger zu 
erkennen und fragte: Sind Sie zufrieden? Siete soddisfatto? — 
Ist es nicht, als ob ein Theaterdirektor gefragt hätte: Sind 
Sie mit dem gegebenen Stück zufrieden? Es ist aus: Moriturus te 
salutas! — Aber wir selber wenden uns hier an unser 
Publikum und fragen: Sind Sie zufrieden? Haben wir eine letzte 
Offenbarung des Weltgeistes ausfindig gemacht? Sind Sie mit diesen 
fünf ewigen Dialekten einer Weltsprache zufrieden? — 



Zw^eites Kapitel. 

Die Sprache des Angesichts. 



Nac angnria ;iovi neo mathema* 
ticorum caelum curare aoleo, ex 
valtlbas tarnen hominnm mores col- 
ligo, et onm spatiantem vidi, qaid 
cogitet soio. 

Petronü SaHrae 126, is. 

I. Allgemeines. Geschichte der Physiognomik. 

Die Quidproquos der Physiognomiker — Fronti nulla fides — der Schädel 
Rafaels — das ehrliche Gesicht des Evangelisten Marcus — der kleme Talbot 
— Uhland ein Papiermachergesell oder ein Uhrmacher — die Phrenologie — 
Lavater und Gall, verspottet und widerlegt — die Physiognomik immerhin 
eine sehr nützliche Kunst — und eine alte Kunst — Scriptores Physiognomoniae 
veieres — Hippokrafes und Aristoteles — wie Sokrates von einem Physiogno- 
miker für einen alten Wollüstling erklärt wird und er dieses Urteil bestätigt — 
der Ehysiognom kann nur die natürlichen Anlagen bestimmen — Tierähnlich- 
keiten — Vogelgesichter, Hundeköpfe, Wildprettypen und Haustiertypen — die 
Volksphysiognomie hat Beziehungen zur Fauna des Landen — Giambattista della 
Porta, sein geheimes Wissen und seine Analogien — er begründet nach der 
Meinung der Italiener die Wissenschaft der Physiognomik — sie ist eine Sprach- 
wissenschaft — Animi itnago vultus est — die Symbolik der menschlichen Ge- 
stalt — innere und äussere Bedingungen der Physiognomie — die Physiognomik 
nicht mit der Mimik zu vermengen — der menschliche Körper ist wie eine 
Porträtstatue des Geistes, der Modell gestanden hat. 

In der alten Düsseldorfer Gemäldegalerie hängt ein 
Porträt, das eine auffallende Ähnlichkeit mit einem Christus- 
kopfe hat. Es ist das Bild des unverschämten Pietro Are- 



— 93 — 

tino. Und in der Galerie Pitti hängt ein berühmter Catü 
lina von Salvator Rosa. Eine Dame will wissen, ' wer es 
sei, und versteht statt CatiUna: Göllatinus. Der Gemahl der 
Imcretia! ruft die Fremde begeistert aus. Ja, ich erkenne 
dich, edler Römer! Der Schmerz über den Verlust des geliebten 
Weibes ist so wahr! So ergreifend wiedergegeben! — Quidproquos, 
die bei der Physiognomik unterlaufen. 

Was wurde nicht alles . aus dem Schädel Rafaels in 
der römischen Lukas-Akademie herausgelesen, bis man im 
August des Jahres 1833 entdeckte, dass er es gar nicht sei! 
— Und wie oft haben schon bedeutende Köpfe die physio- 
gnomische Prognose Lügen gestraft! — Fronti ntdla fides, 
möchte man zehnmal für einmal sagen. Die Grräfin von 
Auvergne in Shakespeares König Heinrich VI., erster Teil, 
hält es für unmöglich, dass der Knirps, der vor ihr steht, 
der schreckliche Talbot sei, wie Ludwig XIV. aus gleichem 
Grunde gering vom Prinzen Eugen denkt. Karl V. sieht 
das Mönchlein, das sich Luther nennt und sagt: der sollte 
mich gewiss nicht zum Ketzer machen! — Hogarth will einen 
Dummkopf zeichnen und zeichnet, ohne es zu wissen, den 
berühmten Samuel Johnson — Musäus hält einen Nacht- 
wächter, durch die Art und Weise, wie derselbe seine 
Pfeife raucht, verfahrt, für Klopstock — und Lavater, dem 
eine Reichsstadt die Bildnisse des Bürgermeisters und des 
hohen Rats zusendet, erklärt sie alle für Erzmalefikanten. 
Um noch einen modernen Dichter und Forscher anzuführen, 
dessen Physiognomie der Physiognomik mehrmals ein 
Schnippchen geschlagen hat: U bland hatte nichts weniger 
als das Aussehen eines gelehrten Mannes, der er war, söti- 
dem etwa das eines Handwerkers oder eines Subaltem- 
beamten. Uhland, schreibt Chamisso in einem Briefe von 
Paris aus dem Jahre 18 10, war unscheinbar, dickrindig und 
schier klötzig, und man möchte nicht diese goldene Ader hintei^ 
ihm suchen. Als er einmal, der Universitätsprofessor und 
Abgeordnete, unweit Tübingen vor einer Papiermühle stand, 
sagte ein Vorübergehender zu ihm: Sie sind gewiss auch so ein 



— 94 — 

PapiermachergeselV^ — als worauf Uhland antwortete, Papier 
verderbt habe er schon viel, aber gemacht noch keins; und 
ein andermal hielt ihn auf einem Dampfschiff ein Phrenolog 
für einen Uhrmacher: nicht jeder, fugte er tröstend hinzu, 
nicht jeder könne ein Dichter werden! — Und umgekehrt sagt 
das spanische Sprichwort: So vaina de oro, cuchülo de plomo, 
in einer goldnen Scheide steckt wohl ein bleiern Messer. 
Daher denn die Satire, welche die ganze Kunst bitter 
verspottet, nicht ausgeblieben ist. Vor hundert Jahren, wo 
Lavaters Weizen blühte und ein Chodowiecki die Physiogno- 
mischen Fragmente illustrierte, wurde die Geissei derselben 
von Musäus und Lichtenberg geschwungen, welcher letztere, 
um seinerseits die Menschenliebe und die Menschenkenntnis zu 
hef ordern: über die Physiognomik wider die Physiognomen schrieb 
und das humoristische Fragment von den Sauschwänzen her- 
ausgab. Heutzutage ist die Animosität, ich will nicht sagen 
der Satire, aber der ernsten Wissenschaft vielmehr gegen 
die Phrenologie gerichtet, die offenbar einen kleinen Zweig 
der Physiognomik darstellt und die ihrerseits die allge- 
meine Physiognomik in der Unterhaltung der Gesellschaft 
abgelöst hat; denn auf Lavater folgte Gall, der zu seinen 
Entdeckungen durch ein echt physiognomisches Apercu 
geleitet wurde. Er hatte wahrgenommen, dass Menschen 
mit vorquellenden Augen, sogenannten Kalbsaugen, gewöhn- 
lich ein vortreffliches Gedächtnis besitzen; daraus schloss 
er, dass auffallende Talente mit einer eigentümlichen Schä- 
delbildung zusammentreffen möchten. Femer entdeckte er, 
dass grosse Denker auch eine Denkerstime haben; dass 
die Schläfe bei phantasiereichen Menschen, zum Beispiel 
bei einem Dichter wie Schiller, stark gewölbt, bei realisti- 
schen Naturen, zum Beispiel bei grossen Feldherm, hohl 
zu sein pflegen; dass Leute von starkem Selbstgefiihl, wie 
die Engländer, hohe und fast spitze Schädel besitzen — 
und so hatte er allmählich an seinen Köpfen alle Grund- 
kräfte des Geistes, das Diebsorgan und das Organ der 
Gutmütigkeit, die Religiosität und die Kampfbegier, die 



- 95 — 

Kindesliebe und die musikalischen Stimbuckel herausge- 
funden. Die Physiologie leugnet einen Zusammenhang 
zwischen Schädelkonturen und Himkonturen; und wenn sie 
auch die Lokalisation der einzelnen Himfähigkeiten nicht 
verwirft, so bekennt sie doch, dass ihr erst eine einzige 
wirklich gelungen ist, nämlich die des Sprach Vermögens, 
welches seinen Sitz in der unteren Augenwindung des 
Stimlappens auf der linken Seite, also in der linken Schlä- 
fengegend hat. Infolgedessen steht das grosse Publikum 
auch der Phrenologie jetzt ziemlich skeptisch gegenüber; 
auch für diesen Zweig der edlen Wissenschaft vom Äussern 
und für die musikalischen Stirnbuckel gilt es: fronti nulla 
fides. 

Mag*s sein; die Physiognomik bleibt doch eine Kunst, 
die vieles kennen lehrt, und wer sich ihrer befleissigt, der 
findet zum mindesten für die Beurteilung der Menschen 
kostbare Anhaltspunkte. Wir pflegen uns doch alle unsere 
Leute erst anzusehen, ob ihnen zu trauen ist, selbst die 
Herren Evangelisten; und wohl uns, wenn wir immer so 
gute Erfahrungen machen, wie Michelangelo mit dem 
Evangelisten Marcus: er meinte, auf sein ehrliches Gesicht hin 
dürfe man ihm alles glauben, was er in seinem Evangelium be- 
richtet habe. Das ehrliche Gesicht hatte ihm freilich Dona- 
tello in einer Statue gegeben, die in Florenz an- einem 
Pfeiler der Halle von Orsanmichele steht. Im XVII. Jahr- 
hundert lebte am Hofe Ludwigs XIV. ein Arzt, der sich 
etwas auf seine Menschenkenntnis zu gute that, LaChambre; 
er verdankte dieselbe seinen physiognomischen Beobach- 
tungen. Aus dem Gesichte wollte er erkennen nicht nur, 
was die Menschen für einen Charakter hätten, sondern 
auch, für welche Stellen und Ämter sie geeignet wären. 
Wirklich entschied sich Ludwig XIV. bei einer Wahl nie- 
mals wieder zu Gunsten noch zu Ungunsten eines Kandi- 
daten, ohne zuvor das Orakel des Doktor Physiognomon 
befragt zu haben. Wenn ich vor Eurer Majestät sterbe, sagte 
La Chambre, so läuft Dieselbe grosse Gefahr, in Zukunft manche 



— 96 — 

schlechte Wahl zu treffen! — La Chambre starb in der That 
vor dem Monarchen (1700), und seine Prophezeiung schien 
sich mehr als einmal zu erfüllen. 

Und es ist eine alte Kunst — das beweisen die Scrip- 
tores Physiognomoniae Veteres^ welche J. G. F. Franz (Altenbnrij 
1780) herausgegeben hat. Einer derselben wird von dem 
bekannten syrischen Schriftsteller Abul-Faradsch oder Bar- 
hebräus in seiner Historia Dynastiamm: Philemon genannt 
und von demselben erzählt, er habe einst von den Schülern 
des Hippokrates das Porträt des grossen Arztes vorgelegt 
bekommen — Philemon sagte aus, es sei das Gesicht eines 
alten Wollüstlings, worüber sich die Verehrer des Hippo- 
krates bass verwunderten; aber Hippokrates kam hinzu und 
gab dem Physiognomiker vollkommen recht, seine Natur, 
sei so, doch er habe gelernt, seine sinnlichen Triebe zu 
bekämpfen. Eine ganz ähnliche Anekdote erzählt Cicero 
in den Ttisculanae Disputationes von Sokrates: hier legt der 
Physiognomiker Zopyrus dem Sokrates in Gegenwart 
seiner Schüler eine Menge Laster bei, weshalb er samt 
seiner Wissenschaft verlacht wird; aber auch Sokrates be- 
kennt sich zu den namhaft gemachten Fehlem, deren er nur 
durch Philosophie Herr geworden sei. Es unterliegt wohl 
keinem Zweifel, dass der arabische Geschichtschreiber den 
Hippokrates (Bokrat) mit dem Sokrates (Sokrat) und 
Philemon mit Polemon verwechselt hat, welches wirklich 
der Autor eines kurzen griechischen erhaltenen Werkes 
über Physiognomik gewesen ist. Dass Sokrates zum 
Verwechseln einem Silen ähnlich sah, weiss man und 
wird von Alcibiades in Plato's Symposion bezeugt; Büsten 
des Sokrates sind ja keine Seltenheit. Jedenfalls ist die 
Anekdote geeignet, unsere eigenen Ansichten über die 
physiognomische Wissenschaft zu klären und den Grrund 
zu beleuchten, warum die Zensuren des Physiognomikers 
so häufig scheinbar unzutreffend sind. Der Physiognom 
kann wohl die natürlichen Anlagen eines Menschen be- 
stimmen , aber nicht , was wirklich aus . dem Menschen 



— 97 — 

werden mag; denn derselbe kann bald seine Natur überwin- 
den wie Sokrates, bald gewissermassen gegen seine Natur 
schlecht werden wie Tiberius und Domitian, die beide in 
ihrer Jugend schön gewesen sind. In London war neulich 
in allen Schaufenstern in etwa vierzig Blättern die Eni- 
toickelung eines Trunkenboldes, von den Temperanzgesellschaften 
ausgestellt, zu sehen — wie gut, wie hold, wie lieblich 
waren die Anfänge des Säufers, der nun durch den Oin 
und durch den old Tom unwiderruflich zu Grunde ging! — 
Das Eine hatten die Temperanzler nur vergessen, die Leber 
des Mannes, the gin-drinkers liver, zu malen, denn von dem 
kleinen Schäker Falstaff wissen wir, dass die Säuferleber 
schön rot, die Leber des Nichttrinkers dagegen bleich und 
damit zum gewissen Kennzeichen der Kleinmütigkeit und 
Feigheit wird. Und nach seiner Theorie müsste der Trun- 
kenbold zum mindesten ein Oliver und Roland geworden sein, 
was ihm vielleicht wiederum nicht an der Wiege gesungen 
ward, sodass man wiederum sieht, wie der Physiögnomiker 
ein Tropf ist und nichts von der Zukunft weiss. Indessen 
w^äre es erstens schon viel, die natürlichen Anlagen zu er- 
kennen; zweitens würde die Willenskraft und die moralische 
Energie selbst zu diesen Anlagen gehören, und einerseits 
in den Kalkül des Physiognomikers aufzunehmen, ander- 
seits an ihren physiognomischen Wirkungen zu erkennen 
sein — wenn der Charakter ausgebildet ist, müssten sich 
dem Gesichte die sittlichen Triumphe oder Niederlagen 
ebenso gut absehen lassen, wie man einem Stand und 
Schicksal absieht. Alles in allem kommt man zu dem 
Schlüsse, dass die Herren Polemon oder Zopyrus in der 
Kunst noch keine Meisterschaft besassen, so sehr auch die 
Kunst gerade in ihnen offenbar geworden war. 

Hippokrates, der vier Jahrhunderte vor unserer Zeit- 
rechnung lebte, war selbst ein ausgezeichneter Physiogno- 
miker, der namentüch bewunderungswürdige Klrankheits- 
bilder zeichnete: bekanntlich nennt man nach ihm bis auf 
den heutigen Tag das Gesicht eines Sterbenden; wie denn die 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte i 



— 98 — 

Ärzte durch ihren Beruf vorzugsweise auf die Beobachtung 
der physiognomischen Merkmale angewiesen sind. Ja sogar 
der summtis Aristoteles, wie Lavater der Sohn eines Arztes 
und sein Leben lang ein Liebhaber der Medizin, hat ein 
halbes Jahrhundert nach Hippokrates eine lose Abhandlung 
des Titels fpvaioyvioi^uiid geschrieben; sie ist in der Franz- 
schen Sammlung mitabgedruckt. Von Aristoteles geht 
die Manier aus, Menschen mit Tieren zu vergleichen und 
aus der grösseren oder geringeren Ähnlichkeit eines Indi- 
viduums mit der einen oder der anderen Tierklasse auf 
seine guten oder bösen Neigungen zu schliessen. Wenn 
zum Beispiel einer eine Adlernase, einen Stiemacken, eine 
Aifenhand besitzt, so ist in seinem Charakter auf eine ge- 
wisse Verwandtschaft mit einem Adler, einem Stier, einem 
Affen zu prognostizieren. Der Hirsch hat einen langen Hals, 
sagt Aristoteles, folglich ist ein Mensch mit einem langen Halse 
furchtsam wie ein Hirsch. Der Gedanke ist fruchtbar, die 
Analogie zwischen Menschen und Tieren fällt jedem auf; 
ausserordentlich häufig sind Vogelgesichter, Hundeköpfe, 
Wildprettypen und Haustiertypen. Den Leibesbau der Wind- 
hunde findet man nicht bloss bei den LangarmafFen und 
bei den Geparden, sondern auch bei vielen Menschen 
wieder, und zwar immer als untrügliches Zeichen der Be- 
fähigung zu schneller und anhaltender Bewegung. Der 
Kopf des Herkules Famese erinnert, was das geringe Vo- 
lumen, den dicken Hals und die kurzen krausen Stimlocken 
anbelangt, ganz auffällig an einen Stierkopf — der sieht 
wie ein kleiner fauchender Hamster, der wie ein weisser 
ältlicher Affe aus, der den Weltlauf verachtet und seinen 
Wärter in die Beine beisst. Bekannt, dass einst die West- 
falen Voltaire, der, in eine Wildschur gehüllt, neben Fried- 
rich dem Grossen im Wagen sass, für den Leibaffen des 
Königs hielten und neckten. Ja, Leibniz hat die interes- 
sante Beobachtung gemacht, dass die Physiognomie eines 
ganzen Volkes nicht ohne eine gewisse Beziehung zur länd- 
lichen Fauna ist, dass die Lappen Renntieren, die Neger 



— 99 — 

Affen, die Malaien Tigern, die Araber Kamelen, die Hindu 
Elefanten, die peruanischen Indianer Lamas ähneln u. s. w. 
Wie gesagt, derlei Vergleiche drängen sich jedem auf: 
es gibt Menschen, die eine wahre Sucht haben, ihre Be- 
kannten bald auf den Hund, bald auf den Fuchs, bald auf 
Karpfenmäuler anzureden oder wie Tischbein in Neapel zu 
einem Fremden zu sagen: Verzeihen Sie, ich habe Sie anfangs 
für einen Esel gehalten, eigentlich aber sind Sie ein Ochse — wie 
ausgezeichnet sich die höheren Tiere dazu eignen, mensch- 
liche Eigenschaften und Zustände darzustellen, sieht man 
an den vier Löwen, die den Eingang des Krystallpalastes 
in Sydenham bewachen und die: Determination, Vigilance, 
Peace und War genannt sind. Wer aber den Gedanken des 
Aristoteles mit besonderer Liebe aufgenommen hat, war 
Giambattista della Porta, ein naturkundiger Neapoli- 
taner des XVI. Jahrhunderts, ein Mann von vielem geheimen 
Wissen, Erfinder der Camera obscura und der Vorläufer 
Lavaters und Galls mit seinem Buch: De Humana Physiogno- 
mia (Neapel 1595). Schon zwischen Pflanzen und Tieren 
hatte Porta mehrfache Analogien und vieles herausgefun- 
den, was zu der frühererwähnten Signatur der Pflanzen zu 
rechnen wäre: die versteckte Meinung der Zwiebeln und 
der Knollen, die Ähnlichkeit der Birnen und der Feigen 
mit einer Gebärmutter, die Schamlosigkeit der Nackten Hure 
oder der Herbstzeitlose und der Venusmuscheln waren ihm 
geläufig; dass das Basilikum Skorpione trage und der 
Stechginster oder die Skorpionpfrieme Skorpionsstacheln habe, 
dass in Asien das scythische Lamm aus einer Melone krieche, 
wusste er genau. Diese Analogien bahnten ihm nun den 
Weg zu den physiognomischen Analogien zwischen Tier 
und Mensch. Er verfolgte sie bis ins Einzelne. Sokrates 
hatte für ihn die Züge eines Hirsches, Plato eines Hühner- 
hundes, Sulla eines Tigers, Vitellius eines Uhu — wie nach 
ihm Tischbein in dem Correggio ein Schaf und in dem 
Michelangelo einen Löwen erkannt hat. Es war die Zeit, 

wo Tycho de Brahe den geheimnisvollen Zusammenhang 

7* 



— 100 — 

zwischen den sieben Planeten, den sieben Metallen und den 
Hauptgliedem des Menschen entdeckte und die dessen un- 
kunden Aristoteliker verlachte. Giambettista della Porta selbst 
war kahlköpfig wie ein Fuchs, er hatte eine Adlernase, 
Augen wie ein Reh, Läufe wie ein Hirsch, nicht mehr Bart 
als eine Auster und eine heisere, rauhe Stimme wie ein 
Rabe. So war der Mann beschafifen, der nach der Meinung 
der Italiener die Wissenschaft der Physiognomik begründet 
hat; denn als Wissenschaft wurde sie seitdem betrachtet 
und von Baco dem Organon scientiarum ausdrücklich ein- 
verleibt. 

Aber noch hat sie Baco nicht den Sprachwissenschaften 
eingereiht, was wir hiermit thun. Denn die Züge des 
menschlichen Angesichts, die allerding« bald mehr, bald 
weniger sprechend sind, aus denen bald ein Herz spricht y 
bald, Maria Stuart bezeugt mirs, keins*): sind neue und 
bereits recht hübsch menschliche Proben der Sprache ohne 
Worte, wie dies schon Karl Gustav Carus ausgesprochen 
hat, einer persönlichen Symbolik zu vergleichen. Animi 
imago vulttis est, indices oculi, sagt Cicero; diese Worte ver- 
dienen erwogen zu werden, denn sie enthalten einen gol- 
denen Fingerzeig. Das Gesicht ist ein- Bild der Seele — 
ein Sinnbild für etwas, das nicht in die Sinne fällt. Der 
menschliche Körper erscheint wie die Statue eines . unbe- 
kannten Wesens — wessen ist sie? Welcher Geist ist hier 
abgeformt? Was hat der erhabene Künstler ausdrücken 
wollen, da er dies Menschenbild erschuf? — Gleichgültig, 
ob der Geist selbst dieser Künstler ist, der sich sozusagen 
von innen heraus im Fleische wie in weichem Wachse 
ausdrückt, oder ob ein übermenschlicher Bildhauer, nennen 
wir ihn Naturtrieb oder Gott, den Menschenleib nach dem 
Modell des darin steckenden Geistes wie eine Art von 
Futteral gestaltet; wenn nur eine Ähnlichkeit, eine Ana- 



*) Gotty aus diesen Zügen spricht kein Herz! — ruft sie aus, wie sie 
die Königin Elisabeth sieht. Ciceros Worte gehen auf Aristoteles zurück. 



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— 101 - 

logie, ein Verhältnis existiert, wenn es nur wahr ist, was 
der Dichter sagt, dass die Gesichter aU wie ihre Seelen werden 
und dass dies Eine Oerechtigkeü schon hier auf Erden sei. In 
diesem Falle geht der Physiognom in der volkreichen Stadt 
umher wie der Archäolog im Pio-Clementinischen Museum. 
Er kennt die Figuren alle — alle reden sie zu ihm und 
geben sich ihm zu erkennen: ich hin ein Joviskopf . . . ich 
Jieisse Dionysos , . . ich hohe das feuchte Haar Neptuns . . . ich 
ziehe wie die Venus das untere Augenlid wollüstig herauf , . » ich 
hin ein Satyr , , , ich hin ein Gott — alle, alle nennen ihre 
Namen und sprechen eine Sprache ohne es zu wollen, ja 
oft gegen ihren Willen, aber ohne es hindern zu können, 
sie müssten sich denn maskieren. 

Änimi imago vultu^ est. Es gibt viele Dinge, die ihre 
Spur im menschlichen Angesichte hinterlassen und die auf 
den Körper und auf den Geist zugleich einwirken, sodass 
man sie als äussere Bedingungen der Physiognomie den inner- 
lichen gegenüberstellen muss. Vaterland und Nationalität, 
Geschlecht und Rasse, Stand und Profession, Schicksal und 
Lebensstellung, alle unsere äusseren Verhältnisse haben 
ebenfalls ihr Recht auf die Gestaltung und damit auf die 
Ausdrucksfähigkeit und Sprache unseres Wesens; es steht 
uns frei, auch hier die Wirkungen gleichsam als Bilder der 
Ursachen aufzufassen und uns vorzustellen, dass diese Ur- 
sachen an der Statue unseres Körpers beständig mitarbeiten. 
Nur müssen wir dergleichen ständige Mitarbeiter und die 
Gehilfen, die der Tag bringt, streng auseinanderhalten. 
Statuen bewegen sich nicht, sie ruhen; noch geht uns das 
pulsierende Leben und das Mienenspiel des Menschenleibes 
nichts an, diese Sprache kommt erst, wenn die des Bildes 
selber gehört worden ist; höchstens insofern einzelne Reflex- 
bewegungen öfters wiederholt, dadurch stabil gemacht und 
in das feste Gepräge des Organismus aufgenommen werden, 
fallen sie in den Rahmen einer strikten Physiognomik, Li 
der Heiterkeit gehen die Mundwinkel in die Höhe, in der 
Traurigkeit abwärts; der Zufriedene lächelt, der Unzufriedene 



1 



— 102 — 

mault oder hängt das Maul, das heisst, er lässt die Unter- 
lippe herabhängen, wie der Karpfen sein Karpfenmaul: 
jenachdem also einer vorherrschend heiter oder melancho- 
lisch ist, werden sich die Mundwinkel in der betreflFenden 
Stellung fixieren. Der jähzornige Mann ist leicht an seiner 
Röte, an seiner Kollerader zu erkennen; der weibliche 
Zomnickel pflegt eine Leibfarbe und eine Mundfalte zu 
haben, die selten täuscht. Das wären ein paar stabil ge- 
wordene Mienen; aber es beweist eine bedauerliche Un- 
reife des Gedankens, wenn Leute, die ä la Aristoteles 
Fhysiognomica auskramen, aus der Physiognomik fortwährend 
in die Mimik kommen, ja nicht übel Lust haben, die ganze 
Physiognomik in die Mimik aufzulösen. Das heisst ewige 
und vorübergehende Zustände , stehende Ausdrücke und 
gelegentliche Lebensäusserungen und das eherne Gebilde 
der Natur von der Wirkung eines flüchtigen Reizes nicht 
unterscheiden können. Feme sei das von uns: was sich von 
Charakter und Geist und von unwiderruflichen Lebensbe- 
dingungen im menschlichen Körper dauernd spiegelt, wollen 
wir rein auffangen und einige von den tiefsinnigen Bildern 
zu erhaschen suchen, die dieser zerbrechliche Leib während 
seines kurzen Lebens wie ein ambulanter Guckkasten dem 
hineinschauenden Kenner zeigt. 



— 103 



II. Die leiblichen Analogien. 

Verhältnisse der einzelnen Körperteile zu einander — die ärztliche Semiotik — 
populäre Kennzeichen: der Harn, die Zunge, die Fingernägel — Bleichsucht, 
Gelbsucht, Blausucht — die Korpulenz, bedingt durch das Daruiederliegen der 
Geschlechtsthätigkeit — einzelne Naturfehler und ihre psychologischen Effekte 
— die Buckligen, die Schwerhörigen — Zeichen der Gesundheit: das Auge — 
die Temperamente, Formen der Gesundheit — stehende Korrelationen — die 
Symmetrie des Skelettes — Nase, Mund und Fuss haben am Körper ihre Korre- 
spondenzen — männliche und weibliche Geschlechtseigentümlichkeiten — Vorder- 
backen und Hinterbacken — sogar die Muttermale und Leberflecken sollen sich 
wiederholen — Gibbon und die Marquise Du Deffand, die sein Gesicht befühlt. 

Bevor wir die Statue fragen, welchem Geiste sie an- 
gehört, prüfen wir erst das Verhältnis, in welchem ihre 
einzelnen Teile untereinander stehen. Sie scheinen eine ge- 
wisse Analogie zu haben, sie scheinen Schlüsse vom einen 
auf den andern zu gestatten, sie scheinen von einander zu 
sprechen. 

Die Mediziner haben eine Wissenschaft, die sie Semiotik 
nennen, die Lehre von den Kennzeichen der Krankheiten 
oder, wie wir gewöhnlich sagen, den Symptomen: sie sind 
wie die Glieder einer Kette, die der Arzt in die Hand 
bekommt, sie sind wie Grubenlichter, die ihn durch die 
finstem Stollen und Gänge der Leibeshöhle leiten. Eins der 
populärsten und ältesten Kennzeichen ist der Harn, der 
im Fieber eine rotgelbe, selbst braunrote, bei der Gelb- 
sucht eine schwarzbraune oder schwarzgrüne, bei Gelenk- 
rheiunatismus eine hochrote Färbung annimmt und ziegel- 
mehlartige Niederschläge bildet, überhaupt in Bezug auf 
Qualität wie Quantität die gfössten Verschiedenheiten dar- 
bietet und schon bei den vier Temperamenten wechselt. 
Daher haben sich seit Hippokrates, der Vater und Meister 
aller Semiotik ist und bleibt, Ärzte und Laien gewöhnt, 
bei jeder Krankheit den Harn des Patienten zu betrachten, 
und das zu dieser Betrachtung dienende Uringlas bildete 
im Mittelalter geradezu ein stehendes Attribut der Arzte, 
das die Nürnberger Chronik sogar den heiligen Ärzten Co§mas 



— 104 — 

und DamianuS in die Hand gibt (Cahier, Caracüristiqms des Saints 
dam Vart populaire, Paris 1867. Seite 1 37). Ein anderes, ebenfalls 

sehr populäres Kennzeichen liefert die Zunge: eine gesunde 
Zunge besitzt einen reinen, blassroten Rücken, bei Ver- 
dauungsstörungen erscheint ihre Oberfläche weisslich, sie 
ist, wie man sich auszudrücken pflegt, belegt; daher sich 
auch wieder Arzte wie Laien gleich, wenn einer klagt, die 
Zunge zeigen lassen. Ein drittes bekanntes Kennzeichen 
endlich bieten die Fingernägel dar, in denen sich der 
Ernährungszustand des gauizen Körpers wiederspiegelt: bei 
fieberhaften Krankheiten bleiben sie im Wachstum zurück, 
eine querverlaufende, flache Rinne pflegt nach der Gene- 
sung diese Wachstumshemmung zu bezeichnen; und bei 
Schwindsüchtigen sind sie stark gewölbt, was daher kommt, 
dass das letzte Fingerglied mit dem Schwunde des Fettes 
dünner und schmäler wird. Was ist es anderes als eine 
Anwendung der ärztlichen Zeichenlehre, wenn wir, wie das 
täglich vorkommt, aus dem gelblichen, blassgrünlichen Ko- 
lorit der Haut auf Bleichsucht, aus der gelben Färbung auf 
Krankheiten der Leber, aus blassen Lippen auf Blutarmut 
und aus bläulichen Lippen auf einen Herzfehler schliessen? 
Wenn wir an der eigentümlichen Unsicherheit des Ganges, 
namentlich dem charakteristischen Schleudern der Beine 
den Rückenmarksschwindsüchtigen, an dem Liegen auf dem 
Bauch den Unterleibskranken, an den angezogenen Schen- 
keln die Bauchfellentzündung erkennen? — Andere Symp- 
tome entziehen sich der Beobachtung des Laien und 
wollen vom Arzte aufgesucht sein, der dem Patienten den 
Puls fühlt, der die Milz des Wechselfieberkranken unter- 
sucht, der eine bösartige Zerstörung der Herzklappen im 
Augenhintergrunde wahrnimmt, der misst und wägt, be- 
horcht und beklopft und auf diese Weise seine tiefen Blicke 
thut. Er sieht die fettleibige Frau — ihre Geschlechts- 
thätigkeit liegt darnieder; er weiss, dass nicht bloss bei 
älteren Frauen mit dem Aufhören der Geschlechtsfunktio- 
nen leine grössere Fettentwickelung eintritt, sondern auch 



— 105 — 

bei jüngeren, wenn sie des Beischlafs entbehren; er weiss, 
dciss auch beim Manne die Kastration eine Fettanhäuftmg 
begünstigt. Er sieht den Kastraten — er hört die Kastra- 
tenstimme; er hört eine Gurgelstimme — er sieht den fetten 
quabbeligen jüdischen Bankier. 

Auch bei Zuständen, die man nicht gerade als Krank- 
heiten, zum wenigsten nicht als akute Krankheiten bezeich- 
nen kann, pflegen sich solche Analogien, die dann zu 
Zeichen werden, nicht selten einzustellen. Buckelige sind 
gewöhnlich kurzatmig und haben meist lange Finger, 
gleichwie Spinnen; sie spielen daher häufig gut Klavier. 
Ich kann mich nicht enthalten, gleich hier noch eine 
weitere Eigentümlichkeit des verdriesslichen Vereines zu er- 
wähnen und damit an dieser Stelle eine Thatsache vorweg- 
zunehmen, die eigentlich erst zum Folgenden gehört. Ver- 
wachsene Menschen sind gewöhnlich witzig, wenigstens 
nicht auf den Kopf gefallen. Nichts ist seltener als ein 
kleiner Verdrms und dabei grosse Dummheit; ich möchte 
den Fall wissen. Der Geist macht nicht buckelig, das 
fehlte gerade noch; aber der Buckel macht geistreich, es ist 
ein allgemeiner Erfahrungssatz. Asop, Moses Mendelssohn, 
Schleiermacher, Lichtenberg, Richard III., unzählige bedeu- 
tende Männer waren buckelig; auch der berühmte Diplomat 
Talleyrand soll es gewesen sein, jedenfalls war er lahm. 
Man kann beobachten, dass die Hohe Schulter der Ge- 
schlechtsthätigkeit keinen Eintrag thut, so wenig, wie es 
die Schwäche, ja Lähmung der untern Gliedmassen thut; 
eine Frau, welche hinkt, Mujer coja, entwickelt nach dem 
spanischen Sprichwort sogar eine besondere sexuelle Vir- 
tuosität. Analog scheint die Schiefheit dem geistigen Leben 
förderlich zu sein. Ausnahmen bestätigen die Regel. Eine 
solche Ausnahme war D'Alengon, Sohn eines Pedells im 
pariser Parlament und sein Nachfolger in diesem Amt; er 
wollte für geistreich gelten, es glückte ihm aber nicht, 
daher der gleichfalls buckelige Abbe de Pons verächtiich 
von ihm sagte : Cet animal-lä dSshonore le corps des hossus. Es 



— 106 — 

war derselbe Pons, der jeden Buckeligen, falls derselbe 
nicht leugnete, mon eher confrh-e anredete. 

Gewisse Naturfehler bewirken oft bestimmte psycho- 
logische Effekte. Schwerhörige sperren nicht bloss unwill- 
kürlich den Mund auf, sondern werden auch leicht miss- 
trauisch; Le Sage, der Autor des Oü Blas, machte in dieser 
Beziehung eine rühmliche Ausnahme. Le Sage war halb 
taub, aber doch heiteren Gemüts, er lachte über seinen 
Fehler, lustig bis zum Kaustischen. Er konnte nur mit 
Hülfe eines Hörrohrs hören: das ist mein Wohlthäter, meinte 
er. Ich gehe in ein Haus; ich finde neue Gesichter; ich hoffe, es 
werden geistreiche Leute darunter sein; ich nehme mein liebes Hör- 
rohr, Ich sehe, es sind Dummköpfe; augenblicklich stecke ichs 
wieder ein und sage: jetzt kommt und langweilt mich! — 

Doch wir kommen zurück auf die leiblichen Ana- 
logien. Das Wort Symptom bedeutet eigentlich eine Er- 
scheinung, die mit einer Krankheit zusammentrifft oder zu- 
sammenfällt (avfjLnLiCTBi) und die eben dadurch zur Verräterin 
der Krankheit wird. Es wäre nun wohl schön, wenn es 
solche Zusammenfalle auch im normalen Zustande gäbe und 
auch die Gesundheit ihre Semiotik hätte. Unzweifelhaft hat 
sie die; wie würden wir sonst von roten Wangen und über- 
haupt von gesundem Aussehen reden? — Nur dass fast jeder 
Mensch seine eigene Gesundheit hat und daher auch die 
Zeichen der Gesundheit von Individuum zu Individuum 
merklich wechseln. In einem sehr weiten Sinne könnte 
man ja sogar die sogenannten vier Temperamente, sofern 
das Vorherrschen eines bestimmten Saftes in der Mischung 
doch immer etwas Abnormes hat, als eine Art konstitutio- 
neller Krankheiten betrachten, die den ganzen Habitus be- 
stimmen und in der Farbe des Haares und des Gesichtes, 
in der Kälte und Wärme des Blutes, in der grösseren oder 
geringeren Korpulenz, im Gang und in der Stimme zu 
Tage treten.*) Man wird sich nach näherer Prüfiing gleich- 



*) Berühmt ist der Kupferstich Chudowieckis : Die vür Temperamente vor 



— 107 — 

wohl sagen, dass die vier Temperamente am Ende nur vier 
verschiedene Formen der Gesundheit sind, die letztere 
demnach ihre ganz verschiedenen, unvereinbaren Zeichen 
hat, demnach an denselben nur ausnahmsweise und schwier 
zu erkennen ist. Überhaupt aber schliesst der Begriff der 
Gesundheit, da dieselbe ein Zustand des ganzen Organis- 
mus ist, streng genommen ein bloss lokales Auftreten der- 
selben aus, wenngleich nicht geleugnet werden soll, dass 
sich das Allgemeinbefinden an einzelnen Stellen, zum Beispiel 
im Gesicht und in den Augen (beim Hund in der feuchten 
Nase) vorzugsweise spiegelt, sintemal schon Hippokrates ge- 
sagt hat, dass sich der ganze Körper so verhalte wie das Äuge, 
Dafür lassen sich unter der Voraussetzung der Ge- 
sundheit Vergleiche zwischen den einzelnen Körperteilen 
ziehen und Verhältnisse aufstellen, die noch mehr als blosse 
Hinweise enthalten. Bekanntlich zeigt das Skelett des 
Menschen eine vollkommene Symmetrie, indem alle Kno- 
chen, die nicht in der Mittellinie des Körpers liegen, paarig 
und auf beiden Seiten gleich gebildet sind; und die Gestalt 
der einzelnen Knochen hängt mit dem Bau des ganzen 
Körpers so innig zusammen, dass ein Bein dem Anatomen 
die wichtigsten Aufschlüsse über seinen einstigen Träger zu 
geben und von vorweltlichen Faunen zu erzählen vermag, 
denn aus der Form des KJriochens erkennt er, welcher 
Klasse das Tier angehört und wie es im übrigen beschaffen 
ist. Und wenn es wahr ist, dass die besten Schützen blaue 
Augen haben — dass das linke Auge schärfer als das rechte 
sieht und die Natur den linken Hoden grösser als den rechten 
bildete, wenigstens bilden ihn die alten Bildhauer regel- 
mässig so — dass das Herz (dessen krankhafte Erweiterung 
man als Ochsenherz bezeichnet) an Grösse der geballten Faust 
gleichkommt, indem das Volumen desselben weniger nach 



einem Gemälde, welches den Abschied des Calas darstellt. Der Choloriker ballt 
die Faust und stampft mit demFusse; der Sanguiniker weint; der Melancholiker 
starrt traurig vor sich hin; der Phl^^atiker sitzt gelassen auf einem Stuhl, 
Calas, das bekannte Opfer des religiösen Fanatismus. 



— 108 - 

dem Mute als nach dem Blutgehalte wechselt — dass die 
Nase, wie die Rabbinen behaupten, die Länge des kleinen 
Fingers hat — dass der menschliche Körper nach dem 
Goldenen Schnitte eingeteilt ist, indem der Schnitt in die 
Taille fällt, und dass derselbe mit dem Kanon des Polyklet 
identisch ist: so Hesse sich auch an gewisse andere Pro- 
portionen glauben, die Neugierde und Lüsternheit in Kloster- 
mauern ausgeheckt haben mögen. Es heisst, dass für das 
männliche Glied die Nase und für die weibliche Scham 
einerseits der Mund, anderseits der Fuss charakteristisch sei: 

Ad formam nasi dinoscitur basta baiardi*) 

und mit Wiederholung dieser Analogfie: 

Noscitur ex labiis, quantum sit virginis antrum; 
Noscitur ex naso. quanta sit hasta viri. 

Die nahe Beziehung der Lippen zu dem Geschlechts- 
leben wird durch den Kuss und das Schnäbeln der Vögel 
bewiesen; und mit der Semiotik des weiblichen Fusses 
könnte es zusammenhängen, dass die Männer bei den 
Frauen überall soviel auf hübsche und kleine Füsse geben. 
Wohlbekannt ist die Erzählung des Altertums, dass die 
schöne Rhodopis einst in Naukratis badete und ein Adler 
eine ihrer Sandalen aufhob, damit wegflog und den Schuh 
dem König von Ägypten in den Schooss fallen liess, als 
derselbe eben in Memphis Recht sprach. Überrascht von 
der Seltsamkeit des Vorfalls und von der besonderen Nied- 



*) Baiardus eigentlich ein (rotbraunes) Pferd, so {Bayard) hiess das 
Ross Rainalds von Montalban, eines der vier Haimonskinder ; hasta^ der Spiess, 
ein bekanntes phänisches Symbol, mit dessen Spitze der römische Bräutigam 
das Haar der Braut am Tage der Hochzeit scheitelte {hasta caelibaris^ vergleiche 
Seite 28). Zur Sache vergleiche das Epigramm von Martial: VI, 36. Charak- 
teristisch für die Stärke des Geschlechtstriebes ist nach Lavater die Habichts- 
oder die Adlernase, wie sie zum Beispiel der Apostel Paidus (nebenbd auch 
Dante und Schiller, beides äusserst sinnliche Naturen) hatte, daher derselbe denn 
auch (2. Korinther XII, 7) über den Pfahl im Fleische klagt {cxoko'ip ty accQxC), 
Dass der Apostel mit diesem bildlichen Ausdruck seinen starken Geschlechtstrieb 
bekenne, ist wenigstens die Meinung der römisch-katholischen Exegeten. Sie 
scheint die natürlichste. 



— 109 — 

lichkeit der Sandale, ruhte der König nicht, bis er die 
Eig-entümerin derselben ausfindig gemacht hatte, und sobald 
dies geglückt war, machte er Rhodopis zu seiner Königin 

(Strabo und Alian). 

An die geheimen Analogien, welche unser ehrwürdiger 
Pater oben in lateinische Verse gebracht hat, lässt sich um 
so eher glauben, als das Geschlecht selbst in einem offen- 
baren Zusammenhange mit der ganzen Körperbildung steht. 
Der Physiolog spricht von GeschlechtscharMeren, und sie sind 
bei Menschen und Tieren massenhaft vorhanden. Ein auf- 
fälliger Geschlechtscharakter ist der Bart, den auch der 
Affe und der Ziegenbock besitzt; bei manchen Tieren sind 
die Männchen ausserdem durch Homer, lebhaftere Farben 
und eine stärker entwickelte Stimme ausgezeichnet. Die 
Frauen haben statt des Bartes längere Kopfhaare. Der 
Mann ist in der Regel grösser als das Weib; seine Formen 
sind eckiger, während die des Weibes, bei dem das Unter- 
hautfettgewebe reichlicher vorkommt , grössere Rundung 
haben. Das Weib hat verhältnismässig einen längeren 
Rumpf, breitere Hüften und ein weiteres Becken als der 
Mann; der Mann hat verhältnismässig längere Extremi- 
täten, einen stärkeren Unterkiefer, einen umfangreicheren 
Kehlkopf und einen breiteren und tieferen Brustkasten als 
das Weib. Nicht bloss, dass der kleine Fuss der Frau die eben- 
erwähnte sexuelle Semiotik besitzt, das weibliche Geschlecht 
bringt überhaupt kleinere Füsse hervor als das männliche. 
Aus dem grösseren Umfange des Beckens ergibt sich eine 
grössere Entfernung der Hüftpfannen und die eigentümliche 
Stellung der Oberschenkel nach innen, der Unterschenkel 
nach aussen hin, eine leichte Art von Bäckerhein; im An- 
schluss daran ist der Gang des Weibes schwankender, sein 
Stand unsicherer als der des Mannes. Die Geschlechter 
haben ihre eigentümlichen Zustände, ihre eigentümlichen 
Krankheiten — es liesse sich noch viel anführen, das Vor- 
stehende mag genügen, die aufgestellte Behauptung zu er- 
härten und zu zeigen, dass der ganze Organismus mehr 



— 110 — 

oder minder deutlich von den Geschlechtswerkzeugen und 
deren Hilfsapparaten, die alle diese Unterschiede nach sich 
gezogen haben, spricht. 

Ja, es heisst, dass die gesamte hintere, die Scham- 
glieder enthaltende Körperpartie der edlen vorderen, die 
Posteriora den Anteriortbus und das Gesäss dem Gesicht 
auf das genaueste entsprechen, eine Auffassung, die das 
Volk offenbar selber teilt, indem es den Backen die Hinter- 
hacken, der Brust eine Hinterhrust und dem Mund ein Hinter- 
maul entgegensetzt; der letztere Ausdruck ist von Luther. 
Diese Korrespondenz erstreckt sich bis auf die anhaftenden 
jMale und Leberflecken. Dulcinea hat ein Muttermal auf 
der rechten Seite der Oberlippe, wie ein Schnurrbärtchen. 
Vermöge der Übereinstimmung, welche zwischen den Malen im Gre- 
sieht und denen am Körper obzuwalten pflegt^ sagt Don Quixote, 
muss Dulcinea ein ähnliches Mal oben am Schenkel haben, an der* 
selben Seite, wo es ihr am Gesicht sitzt (Don Quixote li, Kapitel lo). 
Ich glaube, der edle Ritter ist nicht ganz genau berichtet, 
denn der Mund entspricht der Mitte, die rechte Wange 
aber würde dem linken, die linke Wange dem rechten 
Hinterbacken entsprechen. Wenigstens ist das die Theorie, 
die Casanova Esther auseinandersetzte (M^moires Tome rv, Cha- 
pitie i) und auf Grund deren er der schönen Holländerin 
ein wichtiges Geheimnis verraten hatte (Memoires, Tome iii, Cha- 
pitre 19). Unsere Frauen pflegen wohl die sogenannten 
Temperamentsblätter um dergleichen Kleinigkeiten zu be- 
fragen, danach bekommt zum Beispiel ein Kind, das vom 
Januar zum Februar geboren ist, ein Mal am linken Arm. 
Wenn sie erst wüssten, dass sich alle Male, die sich im 
Gesicht, am Kinn, am Nacken, auf den Armen und an den 
Händen finden, an andern, korrespondierenden Teilen Avie- 
derholen! — 

Wir werden hiernach ein Missverständnis begreifen, 
dessen Opfer einst Gibbon, der berühmte Verfasser der 
History of the decline and fall of the Eoman empire geworden 
ist. Der ausgezeichnete Mann, dessen Name eine Affenart 



— 111 — 

bezeichnet, hatte keine starke Konstitution, aber einen un- 
geheuren Kopf wie Hugo Capet und ein Gesicht wie einen 
Globus, fast ohne Nase, Augen und Mund — die beiden 
vorderen Hemisphären verschlangen sozusagen alles; sie 
waren über alle Massen breit und pausig und ausser Ver- 
hältnis, dass man es kaum für möglich halten sollte. So 
ward er einst in Paris der bekannten Madame Du DefFand 
vorgestellt, die, vollständig erblindet, um sich von ihnen 
eine Idee zu machen, die Leute im Gesicht zu befühlen 
pflegte. Als sie dieses Monstrum zwischen die Finger be- 
kam, stiess sie den Gast zurück und rief empört: Yoüä une 
infame plaisanterie! — Die blinde Marquise glaubte, man 
habe sich einen Spass mit ihr gemacht. 



III. Leib und Seele. 

Die Enthüllung der Mumie des Königs Ramses II. — seine mächtige Habichts- 
nase — die königliche Nase — die Nase das Aushängeschild des Charakters 
und immer vielsagend — Nasen, die bedeutende Männer gehabt haben — die 
Ohren und das Ohrläppchen — die Augen, ein Spiegel der Seele, ein Prüfstein 
der Gesundheit, ein Massstab für das Alter — Taubstumme und Blinde — die 
Accessorien an den Augen: die Angenbrauen und der Hoffartsmuskel — die 
verschiedenen Formen der Hand: die sensible und die motorische, die weibliche 
und die männliche Hand — die psychische und die elementare Hand — die 
Handfläche — ex ungue leanefn — die Handschriftendeutung — der Mimd und 
die Lippen — hiermit sind die Sinnesorgane erledigt und wir sehen uns den 
ganzen Menschen an — die Statur — Homo longus raro sapiens, sed si sapiens 
sapientissimus — Vorliebe grosser und dicker Männer für kleine und zarte 
Frauen — Vir pilosus aut libidinosus aut fortis — der Herakles Melampygos — 
das Haar — alles ist in seiner Art charakteristisch: der Gang, das Lachen — 
die Hässlichen — sie haben häufig Glück in der Liebe — Krates und Hippar- 
chia, der Herzog von Lauzun, Rizzio — Don Quixote und Matthias Claudius 

über die Schönheit. 

Wir sind (l Juni 1886) in Bulak, der bekannten Vor- 
stadt von Kairo, in der SoXle des Momies Royales des Ägyp- 
tischen Museums, und wohnen der Enthüllung einer Mumie 
bei, die der Direktor der ägyptischen Ausgrabungen Gaston 
Maspero in Gegenwart des Vizekönigs vornimmt. 



— 112 — 

Es ist der Leichnam des grossen Königs Ramses U., 
der hier nach drei Jahrtausenden in ganz wunderbarer Er- 
haltung wieder an das Licht des Tages kommt — kein 
Wunder, wenn wir der Aufwickelung der Leinen- und 
Musselinbandagen mit Spannung entgegensehen. 

Ein Greis: die schlichten weissen Haare über dem Ohre, 
die in einer aufstrebenden Locke vereinigt sind, zeigen den 
alten Mann an, der siebenundsechzig Jahre lang regierte. 
Aber ein schöner, kraftvoller, im Vergleich mit anderen 
beinahe jugendlicher Greis, Auf einem hohen Körper (die 
Mumie misst an i,8o Meter) sitzt ein grosser, äusserst 
charakteristischer Kopf, an welchem vor allem die mächtige 
Habichtsnase auffällt Hochgesattelt steigt das Nasenbein 
im Bogen zu den schmalen, feinen Nasenflügeln herab. 
Grosse Augen mit sehr nahe gestellten Augenwinkeln, ein 
selbst heute noch schwulstiger Mund mit langen Lippen, 
aber vollkommen geschlossen, nicht eingefallen, mit wahr- 
scheinlich noch gut erhaltenen Zähnen, und ein breites, 
hohes, vom Munde senkrecht abfallendes Kinn geben dem 
Gesichte ebenso wie die zurückliegende schmale Stirn ein 
höchst bestimmtes, unverkennbar ägyptisches Gepräge, wie 
man es heute noch bei einzelnen Kopten findet. Merk- 
würdig lang ist der noch von Leinenhüllen verdeckte Hals, 
die Schultern wie bei den heutigen Ägyptern wag^echt 
ausladend, breite Brust, lange starkknochige Hand, deren 
einzelne Phalangen sechs und fünf Centimenter messen. 
Wie? Nach zweiunddreissig Jahrhunderten wird man noch 
gestört? Nach Jahrtausenden muss noch die verschlafene 
Physiognomie dem Physiognomiker Rede und Antwort 
stehen? — Sie thufs -— leise, aber vernehmlich und feier- 
lich spricht sie zu einem Geschlechte, das ihr fremd ist, 
wie sie vor grauen Jahrtausenden zu ihren Freunden und 
zu ihren Feinden, den Cheta, gesprochen hat; denn schon 
vor Jahrtausenden, in der XIX. Dynastie des altägyptischen 
Reiches, animi imago wMvs erat. 

Was sagte wohl die stolze, verachtende, kühngeschwun- 



— 113 — 

g-ene Nase des alten Königs, der den Nachkommen als 
ein Herrscher ohnegleichen erscheinen sollte? — Es heisst, 
die Nase sei an der gesamten Physiognomie das Aller- 
wichtigste — in mehr als einer Redensart wird die Nase 
^vermöge einer Synekdoche) für das ganze Gesicht genommen 
— eine grosse oder kleine, eine lange oder kurze, eine 
bedeutende oder unbedeutende Nase ist fast gleichbedeutend 
mit einer bedeutenden oder unbedeutenden Person. Die 
Nase ist wie das Organ, mit welchem der Verstand durch 
Nacht und Nebel durchdringt; sie ist das Aushängeschild des 
Charakters und der äusserliche Massstab, der an das Inge- 
nium angelegt werden kann; der erste Napoleon (der selbst 
eine schmale und spitze Nase hatte) ging, wenn es sich 
um die Besetzung einer Stelle handelte, immer nach der 
Nase des Kandidaten und nach seiner Naseweisheit: naseweis 
sein heisst eigentlich eine weise, mit feinem Gerüche be- 
gabte Nase haben, wie sie die wirklich naseweisen Jagd- 
hunde besitzen; und hat erst allmählich einen tadelnden 
Sinn und die Bedeutung des Älles-wissen-und-verstehen-wollens 
angenommen. Zwar haben Sokrates und Boerl\p.ve Stumpf- 
nasen gehabt, und die Nase Michelangelos war geplatscht 
und eingedrückt wie eine Heringsnase, so auffällig breit 
gequetscht, dass man seinerzeit ein Monument, welches in 
dem Kloster bei der römischen Apostelkirche stand, des- 
halb irrtümlich für das Grabmal des berühmten Künstlers 
hielt, weil die Figiu: des Verstorbenen die Michelangelosche 
Quetschung der Nase zeigte, während dieselbe doch von 
einer Beschädigung herrührte. Und diese drei Männer sind 
doch gewiss nicht beschränkt gewesen oder sinnlich und 
träge. Indessen wir wollen hier an die Anekdote erinnern, 
die oben von Sokrates erzählt ward; und nebenbei konsta- 
tieren, dass Dante eine Habichtsnase, der Apostel Paulus 
eine Adlernase, Schiller eine römische, Erasmus eine grie- 
chische, die Königin Elisabeth von England überhaupt eine 
grosse Nase hatte und uns mit diesen Beispielen trösten, 
denen wir, um die Regel zu bestätigen, noch sehr viele 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. O 



-^ 114 — 

hinzufügen könnten. Eine charakteristische Nase ist immer 
vielsagend und gibt viel zu denken — spitze Nase un spitzen 
Kinn, daar sitt der levendige Düvel in — und eine krumme 
Nase ist allein ein beissender Spott, auch wenn sie der In- 
haber noch nicht rümpft und uns nach der Anweisung des 
Horaz 

naso suspendit adunco. 

So mans haben kann, ist es in der That hübsch, wenn 
jeder König wie Ramses 11. eine Adlernase hat, die wie 
der Schnabel des Adlers von der Mitte an gebogen ist und 
die Plato des stolzen Wurfes wegen ausdrücklich die könig- 
liche nennt — wenn der kleinere Edelmann, der arme Land- 
junker, den die Franzosen Baumfalk (hohereau) und die Spa- 
nier Lerchenstosser (tagarote) nennen, auch einen Geierschnabel 
führt — und wenn die Kammerjungfer ein artiges Stumpf- 
naschen bekommt. Kleine, kurze, aufgeworfene Nasen, welche 
von den Tataren als Schönheit betrachtet werden, schicken 
sich gut zu den neugierigen, naiven, naseweisen Kammer- 
kätzchen. Ist es möglich, rief Soliman IL aus, dass so ein 
vertracktes Nischen die Gesetze eines Reiches umwerfe! — Er meinte 
das Naschen der schönen Roxelane, seiner Favoritin, einer 
geborenen Russin, die vielleicht einmal keine Kartoffelnase 
hatte. 

Der Nationalökonom Wilhelm von Hermann in Mün- 
chen hielt dagegen die Ohren für besonders charakteristisch. 
Er sagte: sie sind das Erste, was sich beim Embryo bildet, 
das Letzte, was im Tode seinen Dienst versagt; Sterbende 
sollen noch hören, wenn sie sich schon nicht mehr regen. 
Es ist also nicht mehr als billig, dass sie an der Gestaltung 
des ganzen Organismus einen hervorragenden Anteil neh- 
men. In der That haben nicht nur niedrige Rassen, wie 
z. B. die Neger, Ohren von erschreckender Hässlichkeit; 
man wird auch bei bedeutenden Männern nicht selten be- 
deutende, eigentümlich gespannte Ohren finden. Ciceros 
und Liebigs Ohren sind höchst bemerkenswert. Ja, man 
hat beobachtet, dass allein die Genies eigentliche Ohr- 



. — 115 - 

läppchen besitzen, die bekamntlich den Tieren fehlen und 
bei Dummköpfen angewachsen sind. Die Ohrmuschel 
ist an sich eine Art von Auszeichnung, kein im Wasser 
lebendes Säugetier besitzt sie, ausser den Ohrenrobben: 
der Seehund, dessen Augen einen so klugen, menschen- 
ähnlichen Ausdruck haben, entbehrt eines äusseren Ohres, 
sein Gehörgang ist nur durch eine Hautfalte verschliess- 
bar. Lange Ohren nennen wir zwar Eselsohren; aber 
wer weiss, ob der Esel nicht mit seinen langen Ohren 
mehr und besser als die übrigen Tiere hört und deshalb 
so eigensinnig ist? — Vor hundert Jahren hatten gutge- 
schulte Leute meist härtere Schädel und längere Ohren; der 
ausgezeichnete Johann George wScheffher liebte es, sein 
rechtes Ohr zu zeigen, das durch anhaltendes Zupfen um 
sieben Centimeter länger als das linke geworden war. Man 
könnte demnach lange Ohren als einen Vorzug ansehen, 
so gut wie grosse Augen. 

Die Augen — ja freilich, die Augen! Warum haben 
wir nicht gleich an sie gedacht? In den Augen liegt ja der 
Mensch, selbst die Tiere gucken ihm darnach; Porta wid- 
mete ihnen das ganze dritte Buch. Die Augen sind ein 
Spiegel der Seele und ein Prüfstein der Gesundheit, ja 
sogar ein Massstab für das Alter; denn nicht nur, dass der 
Blick mit den Jahren ein anderer wird, indem das Kind 
gedankenlos umherblickt, der Mann den Gegenstand fixiert, 
der Greis in die Feme sieht: auch die Farbe des Auges, 
die Farbe der Iris oder der Regenbogenhaut und das so- 
genannte Weisse im Auge erleiden um das vierzigste Jahr 
herum eine merkliche Veränderung, beziehungsweise Trü- 
bung; nur wenige bevorzugte Naturen erhalten sich die 
eigentümliche Frische und Klarheit des jugendlichen Auges 
bis zum Tode, so z, B. Friedrich der Grosse und Goethe. 
Greboren werden wir alle mit blauer Regenbogenhaut, wie 
wirs mit blonden Haaren werden, aber nach der Geburt ändert 
sich die Färbung. Indessen um bei dem stehenden Aus- 
druck dieses edlen Organs zu verweilen — jedermann kennt 



- 116 - 

die sanften blauen Augen, die bald schwärmerisch erglühen, 
bald in ruhiger Kälte leuchten, jedermann die feurigen 
schwarzen Augen, die bald leidenschaftlich lodern und 
gleichsam Funken sprühen, bald unergründlich wie tiefe 
Brunnen sind, jedermann die schönen, klaren Augen des 
überlegenen Philosophen und die geröteten, begehrlichen 
Augen roher Sinnesmenschen. Es kommt Vieles zusammen, 
was dem Auge seinen Ausdruck und seine Beredsamkeit 
verleiht; seine Bedeutung liegt durchaus nicht bloss in der 
Farbe, in der Grösse und in dem Glänze des Organs, son- 
dern auch, ja sogar hauptsächlich im Blick, das heisst, in 
der eigentümlichen Art, die Augen zu bewegen. Es gibt 
listige Blicke, durchdringende Blicke, verliebte Blicke, 
strafende Blicke, traurige Blicke, heitere Blicke — die 
letzteren sogar an hübschen Punkten auf der Mutter Erde. 
In den Augenwinkeln sitzen die Falten, welche die Lust 
am Lachen und am Spott anzeigen. 

Der Anblick der Taubstummen hat nichts so trauriges 
wie der der Blinden, denen gerade das fehlt, wodurch das 
Innere des Gemüts sich am lebhaftesten offenbart, das 
Licht des Auges; den Taubstummen ist das Auge das 
Werkzeug, welches den Mangel des Gehörs ersetzen muss, 
daher ist es äusserst lebhaft, beweglich, fixierend, und dies 
gibt ihnen ein geistreiches, ja oft pfiffiges Ansehen und 
einen Anflug von Espieglerie, 

Und die Accessorien an den Augen sind nicht ausser 
acht zu lassen. Die Beschattung durch die Wimpern, 
welche der Wirkung eines vor dem Auge ausgebreiteten 
schwarzen Flores gleicht — die Form und Stellung der 
Augenlider — die Augenbrauen, welche die Alten als Sitz 
des Hochmuts ansahen, wie bei uns einer der sechs Augen- 
muskeln, der den Augapfel hebt, der Hoffartsmuskel heisst. 
Horaz verlacht die pedantischen Maximen der Philosophen 
und das supercüium stoicum. Zusammengewachsene Augen- 
brauen, wo der haarlose Raum zwischen den beiden Bogen, 
und das, was die Franzosen la gldbelle nennen, fehlt, hielt 



— 117 — 

Aristoteles für Anzeichen von Grämlichkeit und Melan- 
cholie. Gewöhnlich aber galten sie im Altertum für eine 
Schönheit, namentlich bei Frauen: Anakreon bewundert 
diese Spezialität an seinem Mädchen, und zur Zeit Ovids 
malte man sie sich künstlich, die kahle Stelle ausfüllend: 

arte supercilii confiDia nuda rq^lebant 

Artis Amatoriae Über III, 201. 

Wir nennen Menschen, deren Augenbrauen über der 
Nase zusammenstossen, Bäzely und halten sie nicht sowohl 
für rätselhaft als vielmehr für bösartig und grausam, aber 
eher für heiter und sinnlich, als für melancholisch. Es 
scheint, dass Aristoteles die zusammengewachsenen Augen- 
brauen für solche genommen hat, die gleichsam von Natur 
zusammengezogen sind, wie das geschieht, wenn wir die 
Stime runzeln. 

Porta riet seinem Sohne: Wenn du mit einem Lump oder 
mit einem Verbrecher sprichst, so sieh ihm mehr auf die Hände 
als auf das Gesicht Vielleicht meinte er damit nur, dass 
es bei Menschen, die lange Finger machen, nicht angebracht 
sei, physiognomische Studien zu treiben; möglich aber 
auch, dass er die Hände von Verbrechern für vorzugsweise 
charakteristisch ansah. Gewisse Physiognomiker geben 
überhaupt alles auf die Hand, z. B. Karl Gustav Carus, der 
über Grund und Bedeutung der verschiedenen Formen der Hand 
bei verschiedenen Personen ein eigenes Buch geschrieben hat 
(Stuttgart 1846). Sie unterscheiden zwei Sorten Hände: die- 
jenige Hand, bei welcher der Charakter als Sinnesorgan, 
und diejenige Hand, bei welcher der Charakter als Greif- 
organ vorwaltet. Dieser Unterschied ist dem der Empfin- 
dungs- und Bewegfungsnerven analog; die eine Hand wird 
daher auch die sensible oder sensitive, die andere die mofo- 
rische Hand genannt. Jene ist zart und feingegliedert, 
massig gross, sehr weich; sie lässt auf ein Überwiegen des 
Gefühlslebens, auf ideale Neigfungen, zugleich auf Schwach- 
heit schliessen. Diese ist stark und kräftig, gross, sehnig 
und muskulös, wie die Hand des russischen Trompeters in 



— 118 — 

Castans Panoptikum; sie lässt auf Energie und Mut, auf 
Brauchbarkeit im praktischen Leben schliessen. Man könnte 
die sensible Hand auch die weibliche, die motorische Hand 
auch die männliche Hand nennen. Eine sensible Hand hat 
z. ,B. Frau Pauline Lucca oder die Königin Victoria von 
England, Correggio trifft sie bei seinen Madonnen bewun- 
derungswürdig; eine motorische hatte z. B. der römische 
Kaiser Maximinus I., dieses historische Vorbild des Königs 
Gargantua, dabei doch kein unschöner Mann: auf seine 
Hand kann man einen Schluss ziehen, wenn man liest, dass 
sein Daumen so stark war, wie das Handgelenk einer Frau, 
und dsiss er das Armband seiner Gemahlin als Ring 
brauchte. 

Don Quixote zeigt der Wirtstochter und Maritornes 
seine Hand: Ich gehe sie euch nicht zum Küssen, sagt der Held, 
sondern damit ihr seht, wie fest das Gewebe ihrer Nerven, wie 
kraftvoll der Bau ihrer Mmkeln und une breit und strotzend ihre 
Ädern sind, woraus ihr entnehmen könnt, wie mächtig der Arm 
sein muss, welchem sie gehört. 

Daneben unterscheidet Carus noch die elementare und 
die psychische Hand, erstere die unvollkommenste, letztere 
die vollkommenste von allen; sie wird von den Künstlern 
gewöhnlich Christus gegeben, z. B. auf dem Zinsgroschen von 
Tizian. Eine ähnliche Hand hat unter Anderen der Gene- 
ralfeldmarschall Moltke. Die psychische Hand vereinigt 
die höchste Kraft mit der höchsten Feinheit, ihre Finger 
sind lang und schmal, aber elastisch wie stählerne Sprung- 
federn; sie ist beinahe ein untrügliches Zeichen von Genia- 
lität. Porta junior wird dagegen bei den empfohlenen Sub- 
jekten selten andere als viereckige und breite Hände mit 
kurzen und dicken Fingern gefunden haben, das heisst ele- 
mentare Hände. Aber auch abgesehen von diesen Grund- 
formen ist an der Hand noch mancherlei zu beachten. 

Zunächst die Handfläche, welche der Gegenstand einer 
wissenschaftlichen Chirognomie, keiner willkürlichen 
Chiromantie sein soll. DesbaroUes behauptet, dass die 



— 119 — 

an der linken Seite, will sagen an der Kleinfingerseite, 
stark entwickelte Handfläche auf Mordlust hindeute, wäh- 
rend die Länge des Daumens auf einen unbeugsamen Wil- 
len schliessen lasse. Ist die um den Ansatz des Daumens 
laufende Lebenslinie tief und breit, so verrät das nach 
demselben Beobachter gleichfalls verbrecherische Instinkte. 
Femer die Wärme und Feuchtigkeit der Hand. Heiss^ heiss 
und feucht, ruft Othello bedenklich aus; dies deutet Fruchtbar- 
keit, freigebigen Sinn, Kalte Hände, warme Liebe, sagt dagegen 
ein Sprichwort, das in vielfachen Modifikationen durch ganz 
Europa geht. En(Jlich auch die Beschaffenheit der Finger- 
nägel. Ex ungue leonem. Sind die Nägel länglich und 
schmal, so darf man auf Phantasie, poetische Anlage und 
Trägheit schliessen. Sind sie lang, breit und flach, so ver- 
raten sie Klugheit und gesunden Menschenverstand. Breite 
und kurze Nägel deuten auf Jähzorn, Streitsucht und Eigen- 
sinn. Rötliche auf Gesundheit und Heiterkeit; vielleicht 
färben deshalb die orientalischen Frauen die Nägel der 
Finger und Zehen mit Alhenna orangerot. Harte und 
spröde auf Grausamkeit und Mordlust. Weiche und bieg- 
same auf Schwäche. Klauenförmig gebogene auf Bosheit 
und Heuchelei. Kurze, bis aufs Fleisch abgebissene auf 
Sinnlichkeit und Dummheit. Cardanus wollte gar die Zu- 
kunft aus den Flecken erkennen, die sich auf seinen Nägeln 
bildeten; zum Beispiel behauptete er, die Einkerkerung 
seines Sohnes aus einem roten Flecken auf dem Nagel des 
Mittelfingers erraten zu haben, der nach der Hinrichtung 
verschwand. Er hat weitläufig über diese Fleckchen ge- 
handelt in seinem Werke: De rerum varietate, und namentlich 
in dem anderen: De suhtilitate, Cardanus hätte vielleicht 
auch erklärt, warum man keine Zahnschmerzen bekommt, 
wenn man seine Nägel Freitags schneidet. Notabene, man 
soll sie rite kreuzweise schneiden, das heisst, an Händen 
und Füssen übers Kreuz schneiden, erst die linke Hand 
nehmen, dann den rechten Fuss, hierauf die rechte Hand 
und endlich den linken Fuss. 



— 120 -- 

Nach dem Vorhergehenden scheint es, dass vor allein 
den Sinnesorganen eine physiognomische Bedeutung inne- 
wohne; es ist dies auch ganz natürlich, massen diese Organe 
gleichsam die Extremitäten und die vorgestreckten Fang- 
arme des Geistes selber bilden. Wir werden demnach auch 
den fünften Sinn, den Geschmack und sein Hauptwerkzeug, 
die Zunge, und ihren Wohnsitz, den Mund, nicht über- 
gehen, obgleich wir uns in diesem Falle hüten müssen, 
Beobachtungen aufzugreifen, die sich nur auf das Sprech- 
werkzeug beziehen; wenn zum Beispiel gesagt wird: je 
länger Zunge je kürzer Hand, oder je stärker die Zunge, je 
schwächer die Arme, so leuchtet ein, dass das Volk keine 
leibliche Ansdogie, sondern das häufige Missverhältnis 
zwischen Worten und Thaten, Versprechungen und Leistun- 
gen im Auge hat. Nur die grössere oder geringere Ge- 
läufigkeit der Zunge, ihre Lösung oder ihre Schwere würde 
für die physiognomische Diagnose eben so wichtig sein, als 
es anerkanntermassen der Klang der Stimme, die Art 
des Lachens oder die Handschrift ist, deren Deutung ja 
eine eigne Wissenschaft, die Graphologie oder die Chirogram- 
matomantie beschäftigt — schon Goethe hat sich für die 
letztere interessiert, und in der That wird kein Menschen- 
kenner leugnen, dass das geistige Wesen eines Menschen 
auch in seiner Schrift bis zu einem gewissen Grade seinen 
Ausdruck findet; dass die Handschrift sowohl den männ- 
lichen als auch den weiblichen Charakter, die rasche Jugend 
und das bedächtige Alter wiederspiegelt, dass bunte Kritze- 
leien wohl Launenhaftigkeit, scharfe, spitzige Buchstaben 
wohl Spottsucht, hintereinander versteckte wohl Argwohn, 
karge und vorsichtig ausgegebene wohl Sparsamkeit ver- 
raten mögen u. s. w.; und dass eine recht zierliche, überall 
gleiche Handschrift, die toie gestochen aussieht, gleich einer 
allzu sorgfältigen Toilette nicht gerade auf einen grossen 
Geist und eine tüchtige Gesinnung, die Ecken hat, schliessen 
lässt. Charakteristisch ist ja doch der ganz verschiedene 
Ductus, den sogar unter den Nationen zum Beispiel die 



— 121 — 

Franzosen und die Engländer in ihren Briefen haben. Doch 
liegen uns dergleichen sekundäre Charaktermerkmale einst- 
weilen noch fem, wir wollen zunächst unsere fiinf Sinne 
zusammennehmen und mit den Taubstummen die Kunst 
lernen, vom Munde abzulesen. 

Der Mund, das heisst die Mundspalte, deren Ränder 
die Lippen sind. Sie, die ein so feines Gefühl für Druck 
und Temperatur besitzen, deren Färbung so charakteristisch 
ist, die den Liebeskuss ermöglichen, und deren reflektorische 
Bewegungen bereits (am Ende von Abschnitt I des laufen- 
den Kapitels) hervorgehoben wurden: haben ihre eigen- 
tümlichen Laute unter den Konsonanten des Angesichts. 
Dünne Lippen deuten auf Geiz und ein gewisses abstraktes 
Wesen; fest geschlossene, im Grunde auch wieder mehr 
ein mimisches als ein physiognomisches Merkmal, auf Cha- 
rakterfestigkeit , auf Hartnäckigkeit und Energie. Der 
Generalfeldmarschall Moltke hat zum Beispiel solche Lippen. 
Gutschmecker sind kenntlich an einer eigenen Mundfalte, 
sie machen den Eindruck, als ob ihnen der Mund beständig 
wässere. Dicke, wulstige Lippen, wie sie eine Eigentümlich- 
keit der äthiopischen Menschenrasse sind, verraten Trägheit 
und Sinnlichkeit: ein Ldbeo oder Dickmaul mag nicht gern reden, 
aber gern küssen. Namentlich wollüstige Frauen kennzeichnen 
sich durch ihre dicke Unterlippe; eine solche wurde zum Bei- 
spiel von den Journalisten bei der in letzter Zeit vielgenannten 
Madame Limousin konstatiert. Dagegen kenne ich auch ein 
volles, rundes Gesicht, dem kleine, geschwollene, kirschrote 
Lippen und kleine Muttermale auf den Wangen und über 
den Brauen einen Ausdruck grosser Gutmütigkeit verleihen. 

Indessen, so wichtig auch die hauptsächlichen Sinnes- 
organe für einzelne Charakterzüge sein mögen, das eigent- 
liche Bild der Seele gewährt doch nur der ganze Leib, das 
Meisterwerk der Schöpfung. Wer den Menschen beurteilen 
will, muss den ganzen Menschen nehmen. Was hat er 
für eine Statur? Ist er klein, ist er gross; ist er schmächtig, 
ist er vierschrötig, ist es eine lange Latte? — Homo longtis, 



122 

raro sapiens, sagt ein bewährtes Axiom, und Baco bestätigt 
es, indem er lange Lottiche mit hohen Häusern vergleicht, 
deren oberster Stock leer steht; sed st sapiens, sapientissimiis, 
fährt es fort. Der Herr Professor Hans Georg Konen 
von der Gabelentz in Leipzig ist ein solcher Vir sapien- 
tissimuSy und auch Schiller ist's gewesen. Der Schriftsteller 
Bode, der Humorist Saphir, der Komponist Spohr waren 
bekannt als grosse Menschen, während der grosse Napo- 
leon wie Talbot eine recht kleine Figur abgab, die im 
Kaisermantel in der Mitte der schönsten Männer von der 
Armee komisch gelassen haben soll. Ist er hübsch dick, 
oder wie sich die romanischen Völker realistisch ausdrücken, 
fett? — Es war ein dicker Mann, folglich ein guter Mann, sagt 
Cervantes, wobei man sich indessen zu erinnern belieben 
möge, dass Nero dick und ein feister Nacken (cervix öbesa) 
sein charakteristisches Merkmal gewesen ist; man könnte 
wohl mit demselben Rechte sagen: es war ein dicker Mann, 
folglich ein fauler Mann; und wieder ein andermal: es war 
ein dicker Mann, folglich ein toitziger Mann, Eine bemerkens- 
werte Thatsache ist die, dass grosse Männer, wie z. B. der 
berühmte Bayle, eine ausgesprochene Vorliebe für zarte 
und schlanke; kleine Männer dagegen, wie z. B. Makart, 
eine solche für grosse, starke und volle Weiber haben. 
Vielleicht hängt es damit zusammen, dass sich die Frauen 
in Marokko nudeln, um dick zu werden und so ihren 
(mageren) Männern zu gefallen. Ist er an Brust, Bauch, 
Armen und Schenkeln stark behaart und ganz rauch wie 
ein Haarmensch? — Ei, ei; vir pilosus aut lihidinosus auf 
fortis, starke Behaarung verrät entweder physische Kraft 
oder Geilheit, die Geilheit des Bockes, der sich auch eines 
zottigen Felles rühmt. Der grosse Conde teilte einst der 
Ninon de Lenclos vielbegehrtes Bett, aber ohne sie zu be- 
rühren. Verwundert betrachtete sie ihn: er war rauch wie 
Esau. Da meinte die kluge Person mit Anspielung auf 
den bekannten Erfahrungssatz und logisch denkend: Ah, 
Monseigneurf Que vous devez etre fort! — 



— 123 — 

Wir sagen von einem ganzen Manne, er habe Haare 
auf den Zahnen; die alten Griechen hielten die starke Be- 
haarung der Steissgegend für ein Zeichen besonderer Mann- 
haftigkeit Hercules hatte davon den Beinamen MeldfXTtvyog^ 
wörtlich Schwarzarsch f und auch andere tapfere und starke 
Leute nannte man so; vielleicht hängt es damit zusammen, 
dass man bei uns dem Adel diese lokale Hypertrichiasis 
zuschreibt. Aber interessant ist es, dass man die abnorme 
Behaarung des unteren Endes der Wirbelsäule in neuerer 
Zeit in Griechenland bei Militäraushebungen von neuem 
häufig beobachtet hat. Man bezieht sie auf Atavismus — 
hei, was Nachkommen des Hercules! — 

Die Länge des Haupthaars an sich ist kein gutes Pro- 
gnostikon, wenigstens nicht für den Verstand, sintemal es 
von den Frauen heisst, dass sie dessen wenig hätten: lange 
Haare, kurze Gedanken, Auch trägt Hercules, trotz seiner 
Melampygie, keineswegs langes, sondern krauses Haupt- 
und Barthaar, wie die Italiener sagen a mallo, nach Art 
eines Lammfells, wollähnlich wie es die Neger haben, wo- 
bei er sich allerdings wieder das Sprichwort gefallen lassen 
muss: krauses Haar^ krav^er Sinn, Ob Hercules auch ein 
Schwarzkopf gewesen ist? — Zu einem solchen pflegt sich 
Prinzessin Omphale ja schon allein grösserer Kraft und 
eines feurigeren Temperamentes zu versehen; jedenfalls sind 
wir überzeugt, dass sein Haar nicht rot gewesen sei, denn 
von einem Fuchse und von einem Judas hat der Held wahr- 
lich nichts gehabt; es weiss es ja jedermann: rotes Haar, kein 
gutes Haar, 

Schliesslich ist alles in seiner Art charakteristisch — 
wie der Mensch geht und steht, wie er spricht und wie er 
schreibt, wie er weint und wie er lacht, wie er sich räuspert 
und wie er spuckt, ja, sogar wie er riecht*) — ob er die 



*) Der heilige Josephus a Cupertino, der merkwürdige fliegende Heilige, 
wusste das längst vor Professor Jäger. Er erkannte namentlich böse Menschen 
am Gerüche. 



- 124 - 

Hände in den Hosentaschen hat oder ob er sie wie Napo- 
leon in die Brusttasche zu stecken pflegt; ob er seine lange 
Pfeife in der Hand hält wie der Dichter Klopstock, ob er 
Zigarren oder Zigaretten raucht, ist dem Physiognomiker 
nicht gleichgültig — nur durch die Zusammenfassimg der 
verschiedensten Merkmale entsteht in seinem Kopfe das 
intuitive Bild, worin sich das Wesen malt. Papst Innocenz IQ. 
meinte, die Kinder, wenn sie geboren würden, weinten alle 
über die Erbsünde, aber je nach dem Geschlecht verschieden: 
die Knaben wimmerten Ä, die Mädchen wimmerten E, jene 
über Ädaniy diese über Eva. Analog behauptete der ge- 
lehrte Damascenus, jedes Temperament habe sein eigenes 
Lachen: der eine lache Haha, der andere lache Hehe, der 
dritte lache Hoho, der vierte lache Hihi — man könnte 
vielleicht auch hier wieder ein männliches und ein weib- 
liches Lachen unterscheiden und das volle herzliche Lachen 
den Männern, das feine Kichern den Frauen überlassen. 
Dergleichen Nuancen, wie sie von Geschlecht zu Geschlecht 
und von Temperament zu Temperament obwalten, bestehen 
natürlich erst recht von Individuum zu Individuum. Es 
gibt ein so albernes Gelächter, ein so dummes Lächeln; 
und es gibt ein so feines Lächeln; . ein Lächeln, das nur 
denjenigen eigen ist, die über den Anderen stehen, ohne 
es selbst zu wissen. Schon dass ein Mensch überhaupt 
lacht, ist ja charakteristisch: M. Licinius Crassus, der Gross- 
vater des Triumvirs, lachte nur einmal in seinem Leben 
und bekam davon den Beinamen Ägelastus — Wallenstein 
lachte nie — Demokrit lachte immer, während Heraklit 
weinte, und er hiess danach der lachende Fhüosoph, 

Wer den Menschen beurteilen will, muss den ganzen 
Menschen nehmen. Er muss in dem Bilde der Seele, das 
der Leib darstellt, wenn es für hässlich gilt, den schö- 
nen Zug entdecken; er muss auch das nicht vergessen, 
dass Wcihre Schönheit und wahre Hässlichkeit vor einem 
höheren Richterstuhle nicht immer da gefunden werden, 
wo der Pöbel diese Eigenschaften sucht. Nicht selten über- 



— 125 — 

nehmen Frauen dieses höhere Richteramt. Es gibt wohl 
wenig arme, unglückliche Stiefkinder der Natur, die nicht 
zu Zeiten einen Monolog wie Glocester, nachmals Richard III. 
in Shakespeares König Heinrich der Sechste. Dritter Teil (III, 2) 
gehalten und an aller Lust der Erde verzweifelt hätten. 

Und bin ich also wohl ein Mann zum Lieben? 

Aber sie haben deshalb nicht nötig, mit Richard ein Böse- 
wicht zu werden. Sie mögen nur wissen, detss Hässliche gar 
nicht so selten Glück in der Liebe haben, ja, dass es, wenn 
sie einmal geliebt werden, eine tolle Liebe ist — ohne dass 
man deshalb mit Labruyere anzunehmen brauchte, es müsste 
hier noch ein versteckterer und stärkerer Zauber als der der 
Schönheit vorhanden sein. Es ist auch Schönheit, aber 
eine höhere und ungemeine Schönheit. Krates von Theben, 
ein ausgezeichneter cynischer Philosoph und eine der ori- 
ginellsten Erscheinungen in einer Zeit, die an sonderbaren 
Charakteren Überfluss hatte; eine hässliche und misgestaltete 
Figur, freiwillig arm, noch dazu ein strenger Sittenrichter, 
der in die Häuser ging, um Kapuzinerpredigten zu halten, 
und dabei namentlich das schöne Geschlecht unbarmherzig 
mitnahm — - flösste Hipparchia, der Tochter eines der besten 
athenischen Häuser, eine so glühende Liebe ein, dass sie 
die reichsten Partien ausschlug und ihren Eltern drohte, 
sich ein Leids anzuthun, wenn sie ihr nicht erlauben wollten, 
den Philosophen zu heiraten. Die Eltern wandten sich an 
Krates selbst, dem Mädchen das auszureden, und wirklich 
that er sein Bestes; er wies Hipparchia seinen Höcker und 
seinen Quersack mit den Worten: Hier ist der Bräutigam und 
das ist sein Vermögen. Umsonst ; Hipparchia blieb dabei, sie 
könne keinen schöneren und keinen reicheren Gatten finden. 
Sie wurden wirklich ein Paar, und die Philosophenbraut 
nahm die Tracht und die Manieren der Cyniker an und 
stürzte sich in alle möglichen Excentrizitäten. Diogenes 
Laertius erzählt aus der Ehe die interessantesten Anekdoten. 

Dieser Fall steht durchaus nicht vereinzelt da. Der 
Musikus David Rizzio, der Vertraute der schottischen Kö- 



— 126 — 

nigin Mairia Stuart, der von ihrem Gemahl in Holyrood- 
house vor ihren Augen ermordet wurde, war imschön, 
grämlich und geradezu abstossend; und wenn sich hier an 
einem eigentlichen Liebesverhältnis zweifeln lässt, so ist 
ein solcher Zweifel andere Male vollständig ausgeschlossen. 
Der Herzog von Lauzun, Günstling Ludwigs XIV., war ein 
hässlicher Zwerg, und doch machte niemand bei den Frauen 
glänzendere Eroberungen. Die Königin von Portugal imd 
ihre Schwester, Mademoiselle d'Aumale, waren leidenschaft- 
lieh in ihn verliebt und losten, welche von beiden ihn 
heiraten sollte. Um ihm ein Vermögen zu sichern, kamen 
sie überein, dass diejenige, welche verlöre, ins Kloster gehen 
und ihre Güter der anderen abtreten sollte. Gibt es in den 
Annalen der Galanterie etwas Schmeichelhafteres für einen 
Mann? — Gerade bei den Frauen, welche mehr ihren In- 
stinkten folgen, pflegt die eigene, unberechenbare, launische 
Natur der Liebe hervorzutreten; sie setzen sich leichter als 
Männer über Gebrechen hinweg, wenn dieselben durch 
andere gute Eigen$chaften kompensiert werden. Und das 
ist bei hässlichen Individuen oft der Fall, sie haben oft 
persönlichen Mut, Tapferkeit und Kühnheit, wie eben 
Lauzun, oder wie der unscheinbare Turenne; sie besitzen 
nicht minder häufig Geist, Bildung, Gelehrsamkeit, so der 
verwachsene, vielfältig geplagte Pope, der Sänger des Op- 
timismus. Und dergleichen Vorzüge werden von den mit- 
leidigen Frauen nun gerade recht hoch angeschlagen. 

Merke dir, Sancho, sagt Don Quixote (11, 58), dass es 
zweierlei Arten von Schönheit gibt, die Schönheit des Körpers und die 
Schönheit des Geistes. Diese letztere wohnt und offenhart sich in 
dem Verstände, in der Wohlanständigkeit, im guten Betragen, in 
der Freigebigkeit, in den feinen Sitten, Alle diese guten Eigen-- 
Schäften können sich auch bei einem hässlichen Manne finden, und 
wenn man sein Augenmerk auf diese Schönheit richtet und nicht 
auf die des Körpers, so pflegt die Liebe dadurch um so heßiger 
und unwiderstehlicher zu wirken. Er hätte dazusetzen sollen, 
dass sich diese geistige Schönheit trotzalledem auch in 



— 127 — 

dem verächtlichen Körper, in queste misere carni, spiegelt und 
zum Beispiel den Blick der Augen, die Bewegungen der 
Hände wunderbar verschönt. 

Und von Matthias Claudius, dem gemütvollen Wands- 
hecker Boten, sind uns die rührenden Worte aufbewahrt, die 
jeder gute Sohn und jedes deutsche Mädchen beherzigen 
sollte: Was ist äussere Schönheit? Es ist doch nur Schönheit des 
Leibes j Glanz einer Zitternadel, darin kein edles Gemüt grossen 
Wert setzen kann. Du hast sie dir nicht gegeben, und du magst 
sie dir nicht erhalten , ein paar Jahre weiter , und sie ist dahin. 

Auch schafft und nützt sie im Hause nicht viel. Auch ist 
Schönheit nicht einmal das, was eigentlich Liebe macht. Den Kopf 
kann sie wohl verdrehen, aber wahre, herzliche Liebe ist nicht an 
sie gebunden. Sieh deine Mutter an: sie ist nicht mehr schön und 
doch liebt sie dein Vater herzlich und trägt sie in seinen Augen. 

Also ein Ding, das in sich keinen Wert hat, das nur kurz 
währet, das im Hause nicht sonderlich nützt und nicht eigentlich 
Liebe macht — so ein Ding ist die Schönheit. Mehr ist sie nicht, 
und Ihr müsst mir nicht böse sein, Ihr schönen Mädchen, dass sie 
nicht mehr ist! — 

IV. Nationalität und Rasse. 

Zur Beförderung der Menschenkenntnis — die Physiognomie nicht bloss ein Pro- 
tokoll des Charakters, sondern auch ein Geburtsschein — die ethnographischen 
Kenntnisse unserer Zeit, namentlich der Grossstädter — woran die Florentinerin 
den Engländer erkennt — russische, römische, griechische, jüdische, deutsche 
Nasen — Familiennasen, die Kaisemase — il Labbro Austriaco — der Nacken 
des Polen, der Rücken des Friesen, die Steatopygie der Hottentottinnen — 
Rassenmerkmale: die Hottentottenschürze — Geschöpfe der Wüste und Geschöpfe 
des platten Landes — die Sitten und Gewohnheiten der Völker: Orient und 
Occident — die Sitten sind nicht bloss an sich charakteristisch, sie hinterlassen 
auch dauernde Spuren in der leiblichen Erscheinung — wie an der Nase, am 
Kopfe, an den Geschlechtsteilen, am ganzen Körper herumgebastelt wird — 
einseitige Thätigkeit und abnorme Lebensweise bei den Grossen: Lappen und 
Tataren — sonstige Verunstaltungen durch unvernünftige Zierraten — Natur 

und Erziehung — das Bild des Volkes. 

Es ist etwas Schönes um die Menschenkenntnis, zu der 
die Physiognomik ihren Anhängern verhelfen will. Je we- 



— 128 — 

niger mitunter in der falschen Welt auf Mienen und Worte 
zu geben ist, um so eifriger muss man eine Sprache stu- 
dieren, die nicht in der Gewalt der Menschen ist und die 
sie nicht verstellen und unterdrücken können. Indessen 
zu der Summe von Merkmalen, in denen sich der Charakter 
und das geistige Wesen ausspricht, kommt noch ein Addend 
hinzu, der erst in unserer Zeit, infolge der lebhafteren 
Reisebewegung, allgemeine Beachtung gefunden hat: die 
lange Reihe der Rassenmerkmale, der Nationaleigentüm- 
lichkeiten und, wenn der Kreis enger gezogen wird, der 
Familienzüge oder der Kennzeichen eines besonderen Ge- 
schlechts. Die Physiognomie (und natürlich nicht bloss das 
Gesicht, sondern die Gesamtphysiognomie) ist dcis Protokoll 
des Charakters — sie ist auch wie ein Geburtsschein: der 
Organismus verrät in Bau und Entwickelung, in Vorzügen 
und Gebrechen Vaterland und Oeschlecht, Nationalität und 
Rasse; in Ländern, die viel bereist werden, in grossen 
Städten, wo viel Fremde zusammenkommen, in Residenzen 
und an Höfen bekommen die Bewohner in der Ent- 
zifferung dieses offenen, unveräusserlichen Dokumentes eine 
merkwürdige Übung. 

Tag für Tag, auf der Strasse, im Hotel, in der Ge- 
mäldegalerie, im Empfangszimmer stellen sie ihre Diagnose. 
Ehe er noch in Her Majesty^s best English debütiert, hat die 
Florentinerin, die in den Uffizien malt, den Engländer 
unterschieden: sie erkennt ihn an seiner Haltung, am 
Gange, an den Lippen, an dem eisernen Kinne, an dem 
ledernen Gesichte, an der tödlichen Langenweile. Allen- 
falls könnte einmal ein Norddeutscher oder ein Holländer 
englisch aussehen, nur dass dieser noch etwas mehr Phlegma, 
jener noch etwas mehr Rasse hat; aber niemals wird unsere 
Malerin den Engländer und den Franzosen verwechseln, 
den die beweglichen, aber geistreichen Züge, die kleinen 
Schweinsaugen und die affenartigen Komplimente charak- 
terisieren. Und obgleich die russischen Geheimpolizisten, 
von denen es beim Zarenbesuche wimmelt, verkleidet sind. 



— 129 — 

erkennt sie doch der Berliner an ihrer fremdartigen Er- 
scheinung, an dem stechenden Blicke und an ihrer russi- 
schen Nase, die man nicht mit Unrecht eine Kartoffelnase 
nennt. Namentlich die russischen Frauen haben diese Nase 
und runde Nasenlöcher, die eine ungezügelte Sinnlichkeit 
verraten: wie sticht dagegen die regelmässige Schönheit 
des griechischen Profils, die römische Adlernase, die jü- 
dische Ramsnase, die geschwippte böhmische Nase und die 
derbe, fast grobe, aber gerade und schroffe deutsche Ncise 
ab, die Nase Martin Luthers! — Diese Nase fällt den 
heutigen Römern so auf, dass sie die armen Deutschen 
Froge, wörtlich Nasenlöcher oder Nüstern nennen; während 
der Franzosenhasser Alfieri die Franzosen als Halbnasen 
(Seminasi) bezeichnete. In Frankreich unterscheiden sich 
die Schönheiten von Arles und Avignon, die noch von 
griechischem Blut abstammen, von den Lyonneserinnen 
und den Pariserinnen namentlich durch die Nase. Es gibt 
Nationalnasen, wie es Familiennasen gibt; vor andern 
bekannt ist von den letzteren die Orleansnase, die dem 
regierenden Fürsten von Bulgarien zugeschrieben wird, und 
die grosse Habichtsnase der Habsburger, die sogenannte 
Kaisemase, die sie von ihrem Stammsitze, der alten Habsburg 
oder Habichtsburg, mitgebracht zu haben scheinen. Schon vor 
Eurer Nase kann ich nicht atisweichen! — schrie ein Fuhrmann 
in einer engen Gasse dem Grafen Rudolf von Habsburg zu, 
welcher seine Nase gefällig zur Seite bog. Diese Szene 
ist im Ehrenspiegel des Hauses Österreich abgebildet worden. 

Eine hangende Unterlippe nennen die Italiener: Läbbro 
ÄustriacOy nach einem andern Distinctivum des Hauses 
Österreich; noch Marie Antoinette hatte diese dicke, vor- 
stehende, zuweilen herabhängende Unterlippe, die ihr nur 
im Zorne stand. Auch die Familienähnlichkeit der Bour- 
bonen und der Bonaparte liegt im Munde. 

Sprichwörtlich ist der starke und kurze Nacken des 
Polen, sowie seine kurze stumpfe Kosciuszkonase — der 
hohle Rücken der Friesen, der ein Zeichen ihres edlen und 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. " 



— 130 — 

festen Charakters sein soll — und der Kropf der Savoyarden 
und anderer Alpenvölker, namentlich der Kretinen. Ge- 
wisse Nationalitäten, wie die Orientalen, Ungarn und Wa- 
lachen, zeichnen sich namentlich im weiblichen Geschlecht 
durch eine Neigung zu übermässiger Korpulenz aus — 
eine Eigentümlichkeit der Hottentottenfrauen und Busch- 
weiber ist ihre Steatopygie, die in einer grandiosen Fett- 
anhäufung am Gesäss besteht, so dass die Fettpolster des 
naiven Teiles treppenartig vorzuspringen scheinen — die 
Japaner und die Koreaner haben bei der Geburt einen 
dunklen Fleck, ein sogenanntes Melasma am Allerwertesten, 
das mit dem Wachstum schwindet; und die Brustwarzen 
der Samojedinnen sind tiefschwarz. 

Je ungleicher die Rassen, um so schärfer die Kenn- 
zeichen, um so leichter die Diagnose. Zwar so schlimm ist 
es nicht, wie sich's der Unerfahrene denkt: Mensch bleibt 
Mensch, und zu dem fremden. Aussehn trägt oft am meisten 
die Kleidung bei. Immerhin sind wir völkerkundig. Dicke, 
wulstige Lippen sind eine Eigentümlichkeit der Äthiopischen 
Menschenrasse — mandelförmig geschlitzte Augen charak- 
terisieren den Ägypter, Ziegenaugen den Perser — bei den 
Negern Afrikas und bei den Australiern fällt der Mangel 
der Waden auf Lepsius hielt aus anatomischen Gründen, 
namentlich der vorgebeugten Haltung des Oberkörpers 
wegen, alle einheimischen afrikanischen Rassen für ver- 
wandt. Haut, Fett und Fleisch, Blick, Haltung und Aus- 
druck, das sind die Dinge, die in der Ethnographie ent- 
scheiden; eine gnte Abbildung sagt oft mehr als ganze 
Bände von Messungen. Und wir lernen heutzutage in 
Deutschland die Menschenrassen nicht mehr bloss aus 
Abbildungen im Konversationslexikon und in der Natur- 
geschichte kennen: wir haben unsere Kolonien in Afrika, 
unsere Zoologischen Gärten, in denen es von Samojeden 
und Singhalesen wimmelt, und unsere Salons, in denen w^ir 
uns mit schwarzen Königen und den hoffnungsvollen Söhnen 
der gelben Rasse befreunden können. Ist das etwa in 



— 131 - 

Leipzig oder in Berlin etwas Seltenes, ein Student aus 
Japan oder ein chinesischer Gesandter? — Wir kennen 
die kleinen intelligenten schmetterlingsartigen Mikados mit 
den zarten Händen und den kleinen Füssen und die Herren 
Mandarinen mit ihren Zöpfen, ihren langen Nägeln, ihren 
kolossalen Visitenkarten auswendig und inwendig; die Söhne 
des Himmlischen Reiches sind ja in Berlin schon beinahe 
so gemein wie in San Francisco, und in Hamburg und in 
London laufen sie haufenweis herum. Aber es erfordert 
ein geübtes vAuge, um die Mandschu von den Chinesen zu 
unterscheiden! Sie sind etwas schwerer gebaut und haben 
mehr Bart. Das ist eine spanische Kreolin, das ist ein Mu- 
latte; durch das wollige Haupthaar zeigt er deutlich die 
Negerabkunft an. Das ist Fatima, die sich der Fürst Pückler 
aus dem Orient mitgebracht hat. Das ist ein Negerkind, das 
hier in die Schule geht. Das ist die Prinzessin von Zanzibar. 

Es gibt auch Eigenschaften, die mehr am Boden und am 
Klima, als am Blute zu hängen scheinen, obgleich sich diese 
Ursachen schwer von einander trennen lassen. Die Geschöpfe 
der Wüste sind dürrh aisig, schlank und hager; die des platten 
Landes schwerfällig und dick. Die blauen Augen, die 
blonden Locken und die heldenhaften Leiber der Germanen 
fielen bereits den alten Römern auf; der Süden erzeugt 
dunkle Augen und schwarzes Haar. Die Küstengegenden, 
die Hochgebirge haben ihre eigenen, unverkennbaren Typen, 
wie die Elemente. Das alles wird der Beobachter notieren: 
es wird ihm als ein Handweiser den Weg nach der Heimat 
des Unbekannten zeigen. . 

Ich bleibe dabei, wir sind in dieser Beziehung weiter, 
als man es vor hundert Jahren war: das Jahrhundert hat 
in der Naturgeschichte des Menschen gehörige Fortschritte 
gemacht Mit einem gewissen Lächeln wird man heute 
lesen, was Lavater, der Physiognom, über die Haupt- 
nationen Europas sagt: einzelne Züge sind richtig hervor- 
gehoben, aber man merkt dem Herrn Pastor durchaus den 
Mangel an Erfahrung und ausgebreiteter Weltkenntnis an. 

9* 



— 132 — 

Die Franzosen j sa,gt Lavater, haben nicht so kühne Züge wie 
die Engländer j noch so kleine als die Deutschen, Ich erkenne 
sie hauptsächlich an ihren Zähnen und an ihrem Laichen. Die 
Italiener erkenne ich an ihrer Nase, den kleinen Äugen und dem 
hervorstehenden Kinn, Die Engländer an ihren Stirnen und der 
SchwäcJie ihres Haares. Die Deutschen an den Winkeln und 
Bunzeln um die Augen und den Backen, Die Bussen an den 
Stumpfnasen und dem lichten oder schwarzen Haar, Wenn er 
noch gesagt hätte, dass die Franzosen und die Italiener 
einen ganz andern Penis haben als die Schweizer, was 
schon junge Mädchen wissen! — Wenden wir uns nun zu 
den Sitten der Völker, die in einem weiteren Sinne eben- 
falls zu ihrer Physiognomie gehören, die der Einzelne samt 
seinen körperlichen Rassenmerkmalen aus der Heimat in 
die Fremde mitbringt, durch die er abermals von seiner 
Heimat ohne Worte fortwährend erzählt. 

Der berühmte Tänzer Marcel machte sich anheischig-, 
bei jedem Fremden die Landsmannschaft aus der Art seiner 
Bewegungen zu erraten. Aber nicht bloss wie einer geht 
und steht, springt und tanzt, ist dem Physiognomiker be- 
deutsam: alle seine Gewohnheiten und Manieren gewähren 
ihm einen Anhalt. Nehmen wir nur einmal Morgen- und 
Abendland: in dem einen wird immer alles umgekehrt ge- 
macht, als es in dem anderen gemacht wird. Im Orient 
empfängt der Ankömmling den ersten Besuch, im Abend- 
land stattet er ihn ab. Der Orientale zieht seine Schuhe 
aus, wenn er die Moschee oder das Haus eines vornehmen 
Mannes betritt, und behält den Turban auf dem Kopfe; 
wenn wir in die Kirche gehn oder dem Herrn Baron auf- 
warten, so behalten wir die Schuhe an und nehmen den 
Hut ab. Die Orientalin weint darüber, dass sie noch Jungfer 
ist, zum Beispiel die Tochter Jephtha's; die Occidentalin weint 
darüber, dass sie keine mehr ist. Der Orientale schläft in 
seinen Kleidern; der Europäer zieht sich aus. Wenn der 
Grieche sich wäscht, so speit er dazu ins Wasser; in Europa 
serviert man nach dem Dessert den Mundausspüler (le rince- 



— 133 — 

hauche). Der Orientale lässt sich den Kopf rasieren; der 
Amerikaner schampuieren. Der Jude isst kein Schweine- 
fleisch und schmatzt beim Essen; wir essen Schweinefleisch 
und halten das Schmatzen fiir unmanierlich, ebenso wie den 
Rülps, der bei Türken und Arabern das Zeichen der 
Sättigung am Ende des Mahles ist. Der Deutsche * raucht 
Zigarren; der Italiener Zigaretten; der Türke seinen Tschi- 
buk oder sein Nargileh. Der Russe trinkt Thee, der 
Spanier Chokolade. Es hilft alles. Die Nihilistin Thekla 
Maschurin, die unter dem Namen einer italienischen Gräfin 
reist, beisst beim Thee ihren Zucker ab — eine russische 
Gepflogenheit Gräfin Bocco di Santo Fiume, und sie heisst 
Zucker zum Thee! — ruft Paklin aus; das ist äusserst unwahr- 
scheinlich. Ein Glück, dass die Polizei nicht hier ist, sie würde 
sofort Verdacht schöpfen! — 

Die Polizei könnte etwa auch Verdacht schöpfen, wenn 
sich eine Dame fiir eine Norddeutsche ausgäbe und nicht 
rechts strickte, sondern links; denn nur die mitteldeutschen 
Damen stricken links, die norddeutschen und ebenso die 
Norwegerinnen und die Französinnen stricken rechts. 

Alle Sitten sind wieder von Einfluss auf die leibliche 
Physiognomie des Volkes; Leben und Gewohnheiten bilden 
und formen die Gesichtszüge des Menschen mit unsicht- 
barem Meissel und drücken ihnen unbemerkbar ihr Siegel 
auf. Woher die stumpfen Nasenspitzen der Fidschiinsu- 
laner? — Weil sie sich mit den Nasenspitzen grüssen. Wo- 
her die mangelhafte Entwicklung der Büste bei den 
Dachauer Frauen? — Weil sie enge und plattanüegende 
Schnürmieder tragen. Die Hauptsache ist natürlich, wie 
ein Volk die Pflege und die Ernährung des Körpers regelt. 
Zunächst die Kindererziehung: die harmonische Ausbildung, 
wie sie in unsem Schulen angestrebt wird, ergibt einen 
andern Typus als die Abrichtung in einer Zigeunerhütte, 
oder im Wigwam eines Indianers, ja die gelegentliche 
Misshandlung der Kinder. Förmliche Rassenmerkmale sind 
auf barbarische Prozeduren zurückzuführen, welche die 



— 134 — 

Eltern mit den Kindern vorgenommen haben. Jedermann 
kennt die sogenannte Hottentottenschürze, vielleicht sog-ar 
aus eigner Anschauung in Natura oder in einem Anato- 
mischen Museum, obgleich nicht jeder wissen wird, wie 
gerade die Hottentottenfrauen zu dieser Bekleidimg kommen. 
Einzig *und allein durch eine mechanische Einwirkung von 
Seiten der Mütter und Hebammen. Wenn die Mädchen 
etwa drei Jahr^ alt sind, wird ihnen durch die Vorhaut 
des Kitzlers, das Praeputium Glitoridis ein Loch gestochen, 
ein Faden hindurchgezogen und daran ein schwerer Gegen- 
stand gehängt, wie ein Ohrgehänge. Dadurch verlängert 
sich die gedachte Vorhaut samt den kleinen Schamlippen, so- 
dass sie die ganze äussere Scham bedeckt. Damit die Jungen 
auch etwas haben, wird, ihnen im Alter von acht Jahren 
der eine Hoden ausgeschnitten, daher die Hottentotten 
halbe Eunuchen sind. Die sogenannten Kolarier oder Kol 
in Vorderindien, die Veranlassung zu dem Weltwort Kuli 
gegeben haben, pressen und schrauben die Schädel ihrer 
armen Kinder, dass sie eine ganz falsche Phrenologie be- 
kommen; und die Maschukulumbwe-Neger, die durch Emil 
Holub bekannt geworden sind, brechen ihren Jungen die 
Vorderzähne aus, dass die Lippen einsinken und die Männer 
die Physiognomie von alten Weibern haben. 

Bekanntlich ersticken die Chinesen bei den Mädchen 
das Wachstum des Fusses durch gewaltsame Einzwängung, 
so dass nun die Frauen ganz verkrüppelte, hufartige Füsse 
haben. Die Schönheit der Frauen von Cumana in der 
südamerikanischen Föderativrepublik Venezuela beruht auf 
fter Magerkeit der Wangen, der Länge des Gesichts und 
der ausserordentlichen Dicke der Hüften. Zu dem Ende 
presst man ihnen in der Kindheit den Kopf mit Kissen zu- 
sammen und unterbindet ihnen die Schenkel in der Gegend 
des Kniees. Am meisten wird an der Nase (und in Neapel am 
Penis, auf den man Salz streut) herumgebastelt. In Persien^ er- 
zählt Olympiodorus, der letzte namhafte Philosoph der Neu- 
platonischen Schule von Alexandria, wendeten die Eunuchen 



— 135 — 

hei den jungen Prinzen ausser anderen Schönheitsmitteln auch 
dieses an, da^s sie die Nase in eine gekrümmte Form zu bringen 
und einer Adlernase nachzubilden versuchten, um anzudeuten, dass 
der Knabe zum Herrschen bestimmt sei. Die hässliche Nase 
der Neger erklären einige Ethnographen daher, dass sie 
sich die Kinder, die von den Negerinnen bei der Arbeit 
auf dem Rücken getragen werden, selber plattgestossen 
haben; aber die Neger sollen den Kindern auch die Nase 
ausdrücklich breitquetschen und die Lippen dickdrücken, 
um das heryorzubringen oder wenigstens zu befördern, 
was in ihren Augen Schönheit ist. Bei uns selbst ver- 
bessern die Hebammen gern heimlich die Nase, wenn sie 
ihnen zu kurz scheint, und ziehen und richten sie, dass es 
eine Art hat. Man kann damit vergleichen, dass, weil 
man sich mit der rechten Hand schneuzt, die Nase bei 
vielen Individuen eine Neigung nach rechts hat; die meisten 
Nasen stehen etwas schief wie der Turm zu Pisa. 

Aber der Physiognomiker hätte danach nicht allein 
die Rasse und die spontane Entwickelung der Spezies, 
sondern auch eine künstliche Verbildung durch gewaltthätige 
Eingriffe in den Gang der Natur zu konstatieren — der- 
jenigen analog, welche eine einseitige Thätigkeit oder eine 
abnorme Lebensweise bei den Grossen nach sich zu ziehen 
pflegt. Bei den Lappen an den Küsten, welche nur von 
der Fischerei oder als Lotsen leben, soll sich durch das 
beständige Sitzen in äusserst engen Kähnen eine eigentüm- 
liche, von Generation zu Generation zunehmende Schwächung* 
und Verkürzung der Beine, dagegen kräftige Muskulatur 
und Grösse der Arme herausgebildet haben; die Tataren, 
die immer zu Pferde leben, bekommen Trainbeine wie 
unsere Kavalleristen. Wie sehr die Kost den Habitus 
ganzer Stämme modifiziere, ist bekannt, man denke nur an 
die Hindu und an die Eskimo und an die obenerwähnten 
Frauen von Marokko, die durch systematisches Brot- und 
Reisessen Fettleibigkeit erlangen. Soll ich etwa noch an 
das Tätowieren und an die Holzpflöcke, Ringe und Steine 



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— 136 — 

erinnern, die in der Unterlippe, der Nase und den Ohren 
in Amerika, Asien, Afrika und — Europa getragen werden? 
Gewiss ist, dass die Sitten eines Volkes nicht bloss an sich 
charakteristisch sind, sondern dass sie auch jezuweilen 
dauernde Spuren in der nationalen Erscheinung hinter- 
lassen, sei es, dass die Eltern die Kinder, sei es, dass sie 
sich selber drillen; nur lässt sich nicht immer ausmachen, was 
auf Rechnung der Natur, was auf Erziehung und Lebens- 
art zu setzen sei. Die Kunst hilft der Natur nach: wo 
fängt sie dies an zu thun? Alte Gewohnheiten, die in 
Fleisch und Blut übergegangen sind, werden selbst Natur. 
Übrigens ändert die Beantwortung dieser Frage an dem 
Bilde des Volkes nichts, zu dem sich das Individuum bekennt 



V. stand und Profession. 

Die Hand steckt in einem Handschuh, den ihr das Leben übergezogen hat — 
der ganze Körper steckt im Mantel des Berufs, wie der Glaukos des Plato — 
durch einseitige Beschäftigung wird die Harmonie gestört, bei Individuen wie 
bei ganzen Völkern — jedes Handwerk hat seine besondere Misbildung — die 
krankhaften Beine, die sich die Menschen anstehn und ansitzen — Gewerbe- 
krankheiten — das Bäckerbein — Habitus der Schneider, Schuster, Tischler, 
Leineweber — die letzteren meist gedrückt und furchtsam — der grosse Kopf 
des Gelehrten, der kleine Kopf des Maurers — Gastwirte und Kellner, Soldaten 
und Seeleute — die protestantischen Geistlichen und die katholischen Pfaffen — 
die Bewegungen des Handwerks werden zur Gewohnheit: Schneider, Schuster, 
•Musikanten, Studenten — Kennzeichen der Erziehung — quo semel est imbuta 

recensy servabit odorem testa diu. 

Die Bemerkungen, die wir am Ende des vorigen Ab- 
schnitts über fremde Völker machten, drängen sich mit 
noch grösserer Evidenz im Umkreis des Vaterlandes auf. 
Wir haben oben den Bauplan der Hand betrachtet und 
vier Grundformen derselben herausgefunden. Das waren 
die natürlichen Formen der Hand; aber sie werden selten 
und nur unter den glücklichsten Verhältnissen rein erhalten, 
bei der Menge durch abnorme Arbeit und die Schädlich- 



— 137 — 

keiten des Berufes alteriert. Wer Pech angreift, besudelt 
sich. Der hat vielleicht ein Wunder von einer psychischen 
Hand, der sie in der Werkstätte verschimpfieren , be- 
schmutzen, abstumpfen, versengen, verstauchen muss. Die 
Hand ist überaus empfindlich, sie gleicht dem Thee und 
den Zigarren: sie nimmt alles an. Auch die Linien, welche 
die innere Fläche der menschlichen Hand durchfurchen^ 
bekommen je nach der Hantierung eine besondere Zeich- 
nung, da sie durch den Druck der Fleischmuskeln ent- 
stehen. Kurz, die Hand liegt gewöhnlich nicht rein vor, 
sie steckt gleichsam in einem Handschuh, den ihr das 
Leben übergezogen hat und den der Physiognomiker erst 
wieder abzustreifen hat. Und deshalb ist die Hand, und 
zwar bis auf die Fingernägel, deren grössere oder geringere 
Pflege ein Streiflicht auf die Erziehung und' Bildung des 
Menschen wirft, nicht bloss für den Charakter und die 
Anlagen, sondern auch für die soziale Stellung, die Be- 
schäftigung, den Umgang des Individuums bezeichnend. 

Das ist freilich beim ganzen Körper der Fall: wir alle 
gleichen dem Glaukos des Plato, dem Sinnbild der mensch- 
lichen Seele, der vom Wogenschwall gemisshandelt und 
verhunzt und mit einer dicken Kruste von Schlamm, See- 
tang und Muscheln bedeckt worden ist. Oder um bei 
unserem Bilde zu bleiben : der Beruf wirft jedem Berufenen 
einen neuen, unveräusserlichen, oft recht hässlichen Mantel um. 
Der Beruf? Ja, weil er fast immer ein ungesunder ist. Der 
Normalmensch bleibt normal bei normaler Beschäftigung; 
eine normale Beschäftigung ist eine allseitige Gymnastik, 
bei welcher alle Kräfte des Leibes und der Seele ab- 
wechselnd und in einem richtig abgewogenen Verhältnis 
bethätigt werden. Wer treibt nun diese Art Gymnastik? 
Man möchte sagen: niemand, denn wir alle üben einzelne 
Organe, der Reiche noch eher gar keins, als sämtliche 
Organe. Aber sobald ein einzelnes Organ überwiegend 
angestrengt wird, ist die Harmonie gestört, denn das ge- 
brauchte Organ entwickelt sich auf Kosten der anderen, 



— 138 — 

nicht benutzten und träge verbliebenen. Käme es nun 
bloss zu einer starken Entwicklung des betrefifenden Glie- 
des ohne Schaden für die Konstitution, wie zum Beispiel 
bei den gewaltigen Händen der Klavierspieler, deren Finger 
sich auffallend verlängern, so möchte es noch hingehen; 
meist aber ist eine eigentümliche Verbildung damit ver- 
bunden — eine Verbildung, wie man sie eben bei ganzen 
Völkern beobachten kann, wenn sie auf eine einseitige, 
naturwidrige Thätigkeit angewiesen sind. 

Die Lappen bekommen durch das ewige Kahnsitzen 
kurze Beine und lange Arme: bei uns sind die einzelnen 
Stände und Professionen in dem Fall der Lappen, unsere 
Einseitigkeit ist nur sozusagen vielseitiger, denn wir sitzen 
nicht alle in einem und demselben Kahne. Auch bei uns 
sind die Fischer und die Seeleute an ihren gespreizten 
Beinen, an ihrem gebückten und stets balancierenden Gange 
zu erkennen ; aber wir haben auch Droschkenkutscher, die 
immer auf dem Bocke, Gelehrte, die immer auf dem 
Schreibbock, Buchhalter, die immer auf dem Kontorbock 
sitzen — sie werden alle bockbeinig, sie sitzen sich alle 
steife Kniee und nebenbei unter den Lenden eine Haut 
wie Sohlenleder an, während bei alten Kavalleristen oder 
Schwägern das gewohnheitsmässige Anschmiegen der Beine 
an den rundlichen Pferdeleib das Genu varum, die Säbelbein- 
oder O-beinform begünstigt; ihre krummen Trainbeine, zwi- 
schen denen ein Pudel durchspringt, sind ja geradezu sprich- 
wörtlich. Der familiäre Titel Schwager, den wir dem Postil- 
lon zu geben pflegen und der durch Goethes Schwager Kronos 
klassisch geworden ist, bedeutet eigentlich einen Reiter, 
nämlich den Postreuter oder den reitenden Boten, welcher 
die Briefschaften beförderte, respektive den Vorreiter bei 
einem vierspännigen Postwagen, französisch Chevalier (ver- 
deutscht Schwaljer, Schwager). 

Aber die Menschen sitzen sich nicht bloss, sie stehen sich 
auch krankhafte Beine an; zum Beispiel Bäckerheine. Die 
Bäcker, die in gebückter Stellung ihre schweren Schieber 



— 139 — 

halten müssen, pressen die Kniee zusammen, während die 
Füsse zum festeren Stehen soweit wie möglich von ein- 
ander entfernt gestellt werden; dadurch entsteht das habi- 
tuelle Genu vcUguMy wobei namentlich das linke Bein nach 
innen einknickt, und die Figur eines Sägebockes oder des 
Buchstabens X. Auch die Tischler haben gewöhnlich nach 
innen gekrümmte Beine, dabei schieben sie die linke Schul- 
ter etwas vor, eine Reminiscenz an die Hobelbank, die 
man zum Beispiel unlängst bei dem jüngst in Leipzig ver- 
urteilten Sozialdemokraten Neve beobachten konnte; und 
überhaupt neigen Leute, die viel stehen und einmal über 
das andere das Gleichgewicht verlegen müssen, Schlosser, 
Kellner, Schneider zu dieser DifFormität. Häufig sind die 
Krümmungen und Knickungen der Beine, Säbelbeine wie 
Bäckerbeine, nicht erworben, sondern, gleich dem krummen 
Rücken und der Hühnerbrust, hinterlassene Spuren der 
Englischen Krankheit, die schon Äsop gehabt hat, wie eine 
antike, entschieden rhachitische Büste des Fabeldichters in 
der Villa Albani zu Rom bezeugt; und bereits früher haben 
wir bemerkt, dass sich die untern Extremitäten aller Frauen 
der Form des X nähern. 

Von hier ist es offenbar nur noch ein Schritt bis zu 
wirklichen Krankheiten, den sogenannten Gewerbekrankheiten 
— zu der Lungenschwindsucht der Steinmetzen, zu den 
Lungenemphysem der Trompeter und Posaunenbläser, zu 
der hohen Schulter der Schreiber, zu den Krampfadem, an 
welchen die Schriftsetzer leiden, weil sie bei ihrer Arbeit 
anhaltend zu stehen genötigt sind, zu dem Ekzema marginal 
tum der Schuhmacher, zu dem Exerzierknochen der Soldaten, 
zu der sogenannten Malerkolik u. s. W. Spuren finden sich 
bereits im klassischen Altertum. Der verstorbene Doktor 
von Gudden schrieb über eine eigentümliche Ohrblut- 
geschwulst, die zuerst bei Gladiatoren wahrgenommen 
ward; die Ohren der Ringer, welche man Pankratiasten 
nannte und die mit dem Ringen den Faustkampf verban- 
den, aber nicht mit der geballten Faust, sondern nur mit 



- 140 — 

gekrümmten Fingern schlugen, hatten regelmässig eine 
plattgedrückte Form: weil einer Statue im grossen Saal des 
Capitolinischen Museums dieses Charakteristikum fehlte^ 
erklärte sich Winckelmann gegen die ihr gegebene Be- 
nennung eines Pankratiasten. Die Krankheiten, von denen 
fast jeder Beruf seine besondere erzeugt, sind die auffällig- 
sten und traurigsten Abzeichen des Berufes, bis herab zu 
der Puerperalphysiognomie. 

Denn es sind nicht bloss die Extremitäten, Beine, 
Arme und Hände, die durch das Gewerbe verändert werden: 
der ganze Habitus erleidet eine dauernde Modifikation. 
Ausser dem krummen Bein charakterisiert den Tischler die 
Erhöhung zwischen den Schultern; den Schuster der 
krumme Rücken und das kräftig abstehende Daumenge- 
lenk. Wer hätte nicht die dicken Bäuche der Bierbrauer, 
die Koteletten der Kellner und die weingrünen, vollen 
Gesichter der Herren Wirte in gutem Angedenken? — 
Auch Fleischer und Köche werden in der Regel fett und 
rund, obgleich sie nur wenig essen; die ersteren, die häufig 
rohes Fleisch kosten, leiden, nebenbei gesagt, gern an 
* Trichinen und Eingeweidewürmern; und endlich sind die 
Müller meist behäbige, dicke Leute, dabei höflich, weil der 
Bauer auf Höflichkeit sieht, und im Besitze schöner Mülle- 
rinnen. Fleischer und Soldaten tragen überall denselben 
farouschen Anstrich, der durch einen martialischen Schnauz- 
bart und eine stramme Haltung noch mehr gehoben wird — 
der wettergebräunte Seemann geht, die kurze Seemanns- 
pfeife im Munde, vollbärtig bis auf die Lippen, die er 
rasiert, breitspurig über das Verdeck des schwankenden 
Lebensschiffs — fest und sicher treten sie alle auf, nur 
die armen gedrückten Weber müssen sich verstecken: 
Leineweber sind bescheiden und still, eher furchtsam, oft 
nachdenklich und Philosophen wie die Schuster. 

Natürlich ist es, dass diejenigen, welche schwere Arbeit 
zu verrichten haben, eine herkulische Gestalt bekommen, 
während eine leichte Beschäftignng und eine sitzende 



— 141 — 

Lebensweise den Körper verkümmern lässt. Man kennt 
die riesigen Auflader in Freytags Soll und Hohen, Alle 
Schmiede sind athletisch, wenn gleich ihr Ahnherr Vulkan 
ein schwächliches, lahmes Kerlchen gewesen ist; die 
Schneider in der ganzen Welt zeichnen sich aus durch 
Zartheit der Glieder und durch den abgeflachten Daumen. 
Es gehen ihrer neune auf einen Mann, und schön zeichnet 
sie die Schnurre: 

Es waren einmal die Schneider, 

Die hatten guten Mut; 

Neunzig und neunmal neunzig 

Tranken aus einem Fingerhut, 

Sassen auf einem Kartenblatt, 

Und da sie zu späte heimkamen 

Mussten sie durchs Schlüsselloch schlüpfen; 

Sie tanzten auf einem Bocksschwanz, 

Ihr Braten war eine fette Maus, 

Und da sie besoffen waren. 

Krochen sie in eine Lichtputzschere, 

Die der Wirt zum Fenster hinauswarf: 

Da lagen die neunzig und neunmal neunzig Schneider 

In der Rinne und endeten jämmerlich! — 

Im Gegensatz zu den beschaulichen Schustern sind 
übrigens die Schneider Krakehler und die ersten bei Revo- 
lutionen, man denke an den Schneider Jetter in Goethes 
Egmond, 

Demgegenüber pflegt wieder bei den arbeitenden 
Klassen der Kopf zurückzutreten, was um so mehr auf- 
fällt, als er gerade bei den höheren Ständen stark ent- 
wickelt ist. Alle Hutmacher wissen, dass die kleinsten 
Köpfe den Arbeitern und den Handlangern angehören; 
die Maurer insbesondere haben den Kopf so klein, dass man 
in Paris von einem kleinköpfigen Individuum sprichwörtlich 
sagt: ü a une tele de magon. Daher auch die Hutmacher in 
den Arbeiterquartieren, z. B. im Quartiere MoufFetard, nur 
kleine Hüte auf Lager haben (2,5 points = 52 cm bis 
3 points =53 cm). Umgekehrt die Huthändler im Schu- 



— 142 — 

lenquartier brauchen grosse Hüte, weil die Kunden grosse 
Köpfe haben (5,5 points = 58 cm bis 6,5 points = 60 cm). 

Aber die grossköpfige Gelehrtenwelt weist selbst 
wieder die grösste Mannigfaltigkeit auf. Unschwer erkennt 
man den praktischen, meist blühend aussehenden Arzt, den 
vertrockneten Bureaukraten, den wildlockigen Konservato- 
risten, den armen Maler mit seinem Plaid — die pedan- 
tische Figur des Schulmeisters, das evangelische Gresicht 
des Kandidaten sind wie offene Visitenkarten. Die Fami- 
lienähnlichkeit, welche die Priester aller Religionen unter 
einander haben, ist notorisch; und doch wie verschieden 
ein katholischer und ein protestantischer Geistlicher! Schon 
Heine sag^, der letztere habe etwas ungleich Rationalisti- 
scheres in seinem Wesen, eine protestantisch vernünftige 
Nase, dünne denkgläubige Beine, einen aufgeklärteren 
Bauch. Heine sagt auch, ein katholischer Pfaffe wandle 
einher, als wenn ihm der Himmel gehöre, ein Pastor gehe 
herum, als wenn er den Himmel gepachtet habe. Bei La- 
vater selbst sind diese Züge nicht zu verkennen. 

Dazu werden dem Menschen die Bewegungen und die 
Griffe, welche sein Handwerk mit sich bringt, selber zur 
Gewohnheit. Wir gehen am Sonntag Nachmittag spazieren: 
wenn öiner unterwegs den Faden langzieht, so wissen wir, 
es ist ein Schneider — wenn er mit beiden Händen den 
Draht auseinanderzieht, ein Schuster — wenn er mit dem 
Fusse wackelt, ein Töpfer — wenn er mit dem Stocke 
fidelt und im Takte geht, ein Geiger — wenn er mit dem 
Stocke Terzen und Quarten macht, ein Bruder Studio. Der 
alte Militär, der pensionierte Beamte, der verkleidete Poli- 
zist — meilenweit riecht man sie: quo semel est imhuta recens, 
servahit odorem testa diu. 

Lange wird das Gefäss den Geruch bewahren, mit dem 
es eingeweiht worden ist — gilt dies nicht auch von der 
Erziehung, dem ersten Unterricht und den ersten Ein- 
drücken der Kindheit überhaupt? -- Denn Handwerk und 
Lebensberuf sind doch erst sekundäre Faktoren der Stan- 



— 143 - 

desphysiognomie. Und freilich, noch eher als man auf 
Schuster oder Schneider diagnostiziert, wird man dem Bur- 
schen ansehen, ob er überhaupt von guter Familie ab- 
stammt oder nicht; man hat .dafür tausend Anhaltspunkte. 
Wenn wir einen jungen Menschen zur Tafel gezogen haben, 
so merken wir ihm gleich an, wes Hauses Kind er ist: er 
isst seinen Fisch mit dem Messer: pah! eine englische Er- 
ziehung hat er nicht erhalten — er nimmt seine Gabel in 
die rechte Hand, er führt sein Messer zum Munde, er 
schneidet sein Brot: das riecht nicht nach gutem Tone. 
Der Anstand im Reiten macht den Unterschied zwische^i dem Bitter 
und dem Reitknecht y sagt Don Quixote. An solchen Kenn- 
zeichen pflegen in den Märchen die Fürstenkinder erkannt 
zu werden, wenn sie in zarter Jugend ausgewechselt worden 
sind; oder die verarmten Edelleute in der Fremde. Nur 
dass die bessere oder schlechtere Erziehung, die ja auch 
noch nachträglich durch den Umgang vervollständigt zu 
werden pflegt, bereits ein Teil des äusseren Glückes ist, 
das der Mensch in seinem Leben hat, respektive gehabt 
hat, wenn es inzwischen anders geworden wäre; denn wenn 
auch ein armer Mann seine Kinder in seiner Art gleich- 
falls erziehen mag, erst Reichtum und Rang bringen, 
wenigstens im Laufe der Zeit, unfehlbar Erziehung und 
Bildung mit sich,, darin liegt sogar etwas sehr Trauriges. 
Und insofern wir hier vom physiognomischen Einfluss des 
Vermögens und der äusseren Lage als solcher noch nicht 
reden, sondern nur den Wirkungen der Arbeit und des 
speziellen bürgerlichen Standes nachspüren wollten, müssen 
wir vorläufig ein Punktum und erst eine neue Über- 
schrift machen, unter welcher wir den angeregten Ge- 
danken weiter ausführen können. 



— 144 — 



VI. Erfahrungen und Schicksal. 

Vier Brüder — das Leben und das Schicksal zeichnet die Menschen ins Ange- 
sicht — die Abenteuer, die Gil Blas erlebt hat, sind auf seiner Stime zu lesen 
— die wahre Chiromantie — man sieht es dem Menschen gleich an, was er 
für Tage gesehen hat, ob er reich oder arm ist, ob er tausend oder zweitausend 
Mark zu verzehren hat — wie der reiche Mann spuckt und wie der arme Mann 
spuckt: Lesefrucht aus Labruyere — Schicksale und Erfahrungen gelangen nur 
durch Vermiltelung der Affekte zum Ausdruck im Gesicht — die Objektivität 
muss durch die Subjektivität hindurchgehen — nur das dauernde Bild der Seele, 
an dem Vaterland, Geschlecht und Stand ein für allemal mitgearbeitet haben, 

ist der Vorwurf des Physiognomikers. 

Man denke sich einen Bauer, dem seine Frau Vier- 
linge gebiert. Es sind vier schöne und gesunde Kna- 
ben, die alle am Leben bleiben, und untereinander von 
grosser Ähnlichkeit. Aber jeder der vier Brüder hat seine 
eigene Laufbahn. Der älteste bleibt Bauer und bewirt- 
schaftet das väterliche Gut. Der zweite wird Soldat und 
bleibt bei den Soldaten; er dient mit Auszeichnung und 
macht verschiedene Kriege mit. Der dritte wird auf dem 
Schlosse als Bedienter angenommen; der Herr Graf, der 
gewöhnlich in Paris lebt, macht ihn zu seinem Kammer- 
diener und nimmt ihn mit auf Reisen. Der jüngste erlernt 
das Schuhmacherhandwerk, geht erst auf die Wanderschaft 
und lässt sich dann in der Landeshauptstadt nieder, wo er 
sich verheiratet und ehrsamer Bürger wird. Vierzig Jahre 
sind seit ihrer Geburt vergangen, und zu ihrem vierzigsten 
Geburtstag kommen sie einmal wieder alle vier in ihrem 
Heimatsdorf zusammen. Aber wie haben sie sich verändert! 
Sind es noch die alten Vierlinge, die man hätte Zeichnen 
mögen, um sie zu unterscheiden? Wie hat sie jetzt der 
Beruf und das verschiedenartige Schicksal ins Angesicht 
gezeichnet! — 

Menschenangesicht, Spiegel des Lebens! Wie die Stürme 
das Meer aufwühlen und Wälder umbrechen, so ziehen die 
Leidenschaften über uns hinweg; wie das unterirdische 



— 145 — 

Feuer die Erdrinde sprengt und Krater aufreisst, so steht 
der Mann, ein ausgebrannter Vulkan, von heissen inneren 
Kämpfen zerspalten und zerklüftet; wie der fliehende Tiger, 
wenn die Kugel das Herz durchbohrt hat, beim Gehen 
gleichsam krampfhaft alle seine Klauen ausstreckt, imd 
diese eine auch dem Unkundigen auffallende Fährte hinter- 
lassen, so gräbt Gram und Sorge noch fliehend tiefe Fur- 
chen in die glatte Stime; und wenn in dem arabischen 
Märchen der kluge Abu-Said aus den eingedrückten Fuss- 
stapfen und dem abgerupften Grase schloss — dass ein 
Kamel vorübergegangen sei, dass dieses Kamel auf dem 
linken Hinterbeine hinkte und ein Junges bei sich hatte: 
so las er auf dem Erdboden wie der Menschenkenner im 
Gesicht. Gril Blas, der spanische Zigeuner, kam eines Tages 
in ein Wirtshaus zu Granada und setzte sich an ein Tisch- 
chen in die Ecke, einem alten graugekleideten Manne 
gegenüber, anscheinend einem Mönche. Er grüsste und 
bestellte sich zu essen. Inzwischen begann ihn der Graue 
zu fixieren und unverwandt anzusehen. Gil Blas ward es 
unheimlich, er ergriff das Wort und fragte: Sollten mr uns 
im Lehen schon irgendwo begegnet sein, ehrtoürdiger Vater? Ihr 
seht mich an, als oh Ihr nicht recht wüsstet, wo Ihr mich hinthun 
sollt? ^ Da antwortete der alte Mann ernsthaft: W&nn ich 
meine Blicke auf Dich hefte, mein Sohn, so geschieht es nur, um 
das staunenswerte Durcheinander von Abenteuern zu entwirren, das 
Deine Stime kräuselt! — So meinte schon der Kaiser Marc 
Aurel zu einem Gesandten, der ihm einen Vortrag halten 
sollte: Ich habe Deine Bede schon gehört; Deine Stirne sagt alles. 
Und Menschenhand, Spiegel des Lebens! Nicht das 
zukünftige, das vergangene Leben zeigt sie, nicht der 
Zigeunerin, sondern der Wissenschaft, dem Auge nicht des 
Chiromanten, sondern des Physiognomikers. Auch Erfah- 
rung und Schicksal wirkt bestimmend auf dieses wunder- 
bare Instrument. Junge Personen haben, so zu sagen, ge- 
dankenlose Hände; wenn sie gelebt und gelitten haben, 
bekommen ihre Hände etwas geschichtlich Reizendes. Es 

Kleinpaiil, Spruche ohne Worte. 10 



— 14Ü — 

ist nicht bloss das bläuliche Geäder und der vornehme 
Glanz der weissen Finger, was die Hand Torquato Tassos 
oder der Prinzessin Leonore von Este auszeichnet; es ist ein 
geistiger Ausdruck,, ein Ausdruck von Seelengrösse, Krank- 
heit und Entsagung, der wie ein undefinierbarer Hauch dar- 
über ausgegossen ist. Es ist ein unsichtbares Wundmal, wie 
das an der Hand des Erlösers und der Hand des heiligen 
Franciscus, welche beiden Hände, unter einem Kreuze über- 
einandergeschlagen, das Wappen der Franciscaner bilden. 
Und auch hier gilt das Wort: das Kreuz im Leben ist wie 
das Kreuz in der Musik; beides erhöht. 

Ja, Menschenleib, Spiegel des Lebens! Wie es einem 
Menschen ergangen ist; ob er gute oder böse Tage ge- 
sehen; ob er auf der Weltbühne den Herrn oder den 
Diener gegeben hat, das kann man ihm, wie das Volk sagt, 
an der Nase ansehen; jedes Tausend Mark Rente mehr 
oder weniger ist gleichsam an seiner Stime aufnotiert. 
Wer gewohnt gewesen ist, zu befehlen, und wer sich immer 
hat bücken müssen; wer in einer goldnen Wiege gelegen 
hat und wer in Not und Entbehrungen aufgewachsen ist; 
wer in Ehren grau geworden ist und wer ein Leben voll 
Schande hinter sich hat: welche Gegensätze auch in der 
Haltung und in der äusseren Erscheinung! Zwischen der 
selbstbewussten, stolzen, freien Miene des Einen und dem 
gedrückten, unsicheren, ängstlichen Auftreten des Anderen! 
Wahrlich Glück und Reichtum und Unglück und Armut 
haben ihre eigenen, unverkennbaren Gesichter, als hätte 
man sie allegorisch abgemalt: Incessu patuit Dea. 

Labruyere entwirft am Ende des Kapitels des biens de 
fortune, unter den Namen Giton und Phedon eine meisterhafte 
Charakteristik des Reichen und des Armen. Als Franzose, 
dem der Auswurf des Speichels sehr am Herzen liegt, ver- 
gisst er auch nicht, darauf aufmerksam zu machen, dass der 
Reiche weit von sich abspuckt, wie er laut niest und sich 
geräuschvoll schneuzt (il crache fort loin); der Arme heim- 
lich niest, seinen Hut darüber hält, wenn er sich schneuzt 



- 147 — 

und räuspert, und sich beinahe selber anspuckt (il crache 
presgue sur soi). Schon vor Labruyere , dessen Caracteres 
A. D. 1688 erschienen, hatte Moliere in den Femmes Savantes 
(1672) die besondere Art des tousser et er acher als ein, bis- 
weilen nachgemachtes, bedeutsames Charaktermerkmal an- 
gesehen, und danach lässt es bekanntlich wieder Schiller 
dem Wallenstein abgucken, wie er räuspert und wie er spuckt. 
Analog erzählt Lady Percy in Shakespeares König Heinrich 
der Vierte. Zweiter Teil, wie die englische Jugend ihrem Ge- 
mahl das Stottern, den Gang, die Lebensart und alle Lau- 
nen und Neigungen abguckte (II, 3). 

Indessen, auf das Leben und seine angeblichen Spiegel 
zurückzukommen: täuschen wir uns nicht, sondern erinnern 
wir uns an das, was wir am Ende des ersten Abschnitts 
über das Verhältnis der Physiognomik zur Mimik sagten. 
Schicksale und Erfahrungen gelangen nicht unmittelbar, 
sondern nur durch Vermittelung der Affekte zum Ausdruck 
im Gesicht. So gewiss die Verhältnisse ihre physiogno- 
mischen Spuren hinterlassen, so erscheinen sie doch auf 
der Bildfläche der Physiognomie nicht selbst, sondern nur 
sofern sie Gemütsbewegungen und mit ihnen Reflexwirkun- 
gen auslösen, die, wenn sie habituell werden, das Aussehen 
dauernd verändern. Die Abenteuer, welche dem Gil Blas 
an der Stime geschrieben sind, kommen nur in Form von 
Eindrücken zutage; was er genossen oder gelitten hat, sieht 
man, nicht seine Reichtümer oder Schulden; um es gelehrt 
auszudrücken: die Objektivität muss, um sich bemerkbar 
machen zu können, durch die Subjektivität hindurchgehen. 
Das ist eigentlich so selbstverständlich, dass es kaum her- 
vorgehoben zu werden braucht, aber es ist doch wesentlich, 
dass man sich dieses Verhältnis klar macht. Man darf 
nicht vergessen, dass unsere Physiognomie im Lauf des 
täglichen Lebens und eben durch die kleinen oder grossen 
Zufälle desselben eine Menge vorübergehender Modifika- 
tionen, beziehentlich Störungen erleidet, die bei öfterer 

Wiederholung stabil und in das Gepräge des Organismus 

10* 



— 148 — 

aufgenommen werden können. Aber diese gelegentlichen 
Lebensäusserungen, die erst später zur Gewohnheit w^erden, 
liegen ausserhalb des Rahmens der anziehenden Sprache, 
die uns nun schon so lange gefesselt hat und noch immer 
nicht ganz loslässt. 

Nur das dauernde Bild, das Gott der Herr von jedem 
geistigen Individuum mit wunderbarer Freiheit hinwirft, 
und an dem Vaterland, Geschlecht und Stand ein für alle- 
mal mitgearbeitet haben, beschäftigt den Physiognomiker, 
wie irgend einen Liebhaber der Antike. Stört die Kälte, 
die tiefe Ruhe des Marmorbildes nicht! — Es fühlt nicht 
und erwärmt nicht, es ist keine Galatea — und seinem 
Betrachter mutet es nicht zu, die Qual des Lebens nach- 
fühlend durchzukosten; gönnt ihm die Ruhe auch. 



VII. Die Kleidung. 

Die künstliche Haut des Menschen — weite Ausdehnung ihres Begriffs, die 
jedoch hier nur angedeutet wird — an der Kleidung nach Jesus Sirach der 
Geist des Mannes zu erkennen — zunächst erkennt man an ihr Stand und Xatio- 
nalität — die Nationaltrachten vermischen sich, die Standesunterschiede ver- 
wischen sich — der nivellierenden Mode zum Trotz bleiben inmier noch genug 
Nuancen übrig, die den Beobachter leiten können — auch bringt nicht selten 
der Beruf eine bestimmte Tracht mit sich — wie die römische Polizei mit Hilfe 
kupferner Stifte eine unbekannte männliche Leiche rekognosziert — innerhalb 
der durch Nationalität und Stand gezogenen Grenzen macht sich der Charakter 
des Individuums geltend — moralische Eigenschaften , die sich in der Kleidung 
spiegeln — die Eitelkeit, die aus den Löchern im Mantel des Antisthenes her- 
vorguckt — wie sich der Weltmann kleidet — Vergleich zwischen der physio- 
gnomischen Prognose und der Bestimmung von antiken Marmorbildem , bei 
welchen ebenfalls auf die Kleidung zu achten ist — wie dort, auf den darge- 
stellten Gott, leitet sie hier auf den Geist, dessen Ebenbild der menschliche 

Körper ist. 

Vestitus, risuSf incesstis, heisst es nach einer Stelle im 

Ecclesiasticus des Jesus Sirach (XIX, 27), arguunt hominis in- 

genium. Mit dem Menschen und seiner eignen Haut wären 

wi nun fertig; es bleibt uns noch die künstliche Haut zu 



— 149 - 

betrachten übrig, die er über die natürliche Haut wirft und 
die anschmiegend und formwiedergebend ist wie sie. 

Sie hat das Eigentümliche, deiss man thatsächtlich aus 
ihr und in sie fahren kann; und dass man sie unter ge- 
wissen Einschränkungen selbst bestimmt. Ja, von den 
Grrossen der Erde wird sie gleichsam noch auf andere Per- 
sonen, auf ganze Länder, wenigstens auf die nächste Um- 
gebung, das Haus und das Gesinde übertragen: zum Bei- 
spiel kennt man in Sankt Petersburg die kaiserlichen Equi- 
pagen an den roten, goldstrotzenden Livreen der Kutscher 
und Diener, und die Wagen der fremden Diplomaten an 
den Federbüschen der Diener, welche stets die betreffenden 
I-andesfarben haben. Überhaupt erweitert sich sozusagen 
bei diesen Grossen der Begriff der einfachen Bekleidung, 
indem er auch die Begleitung und alles was darum und 
daran hängt mitumfasst; daher kommt es, dass sie so 
leicht zu erkennen sind, sie haben, wie Falstaff, eine ganze 
Schvle von Zungen, die ihren Namen sagen. Was das Gefährt 
des deutschen Kaisers in den Strassen Berlins unterscheidet, 
ist ein Jäger mit wallendem Federbusch neben dem Kut- 
scher. Sothaner Federbusch war wie ein öffentlicher Aus- 
rufer, der männiglich verkündete: der Kaiser kommt! — 
Nach der Krankheit Seiner Majestät im Juni des vorigen 
Jahres wurde, um dem Kaiser das viele Grüssen durch 
Anlegen der Hand an die Kopfbedeckung zu ersparen, der 
Federbusch entfernt, der neben dem Kutscher sitzende 
Leibjäger trug fortan nur die Mütze. In der einfachen 
Mütze sass er dann auch in Gastein auf dem Bocke neben 
dem Postillon; und für den Kundigen bildete damals nur 
noch der Adler an dem hohen Kragen des Jägers das 
äussere Zeichen, dass der Herr, der im Wagen sass, der 
deutsche Kaiser war. Doch wir wollen uns mit unserer 
letzten physiognomischen Abhandlung nicht gar zu weit 
versteigen und unsere Beobachtungen innerhalb beschei- 
dener Grenzen halten; schon die einfache Kleidung zur 
Sprache des Angesichts hinzuzunehmen, ist ja eine gewisse Libe- 



— 150 — 

ralität, obgleich sie schon die alten Römer als ein Haupt- 
moment des gesamten menschlichen Habitus, ja geradezu 
als den Habitus selber betrachteten; wohin sollte das fuhren, 
wenn wir unter dieser Rubrik die ganze Umgebung des 
deutschen Kaisers bringen wollten, so sehr auch diese ganze 
Umgebung abermals als ein grosser Leib betrachtet werden 
kann, in dem sich die Seele spiegelt. 

An der Kleidung, dem Lachen und dem Gang sollt 
ihr den Geist des Mannes erkennen. Mit dem Ingenium ist 
es so eine Sache — es kann einer recht viel Ingenium 
haben und doch schlechter gekleidet sein, als der fadeste 
süsse Herr — es kann einer der scharfsinnigste Philosoph 
und der grösste Gelehrte sein und doch einen fadenschei- 
nigen Rock und einen alten Hut aufhaben — es kann einer 
eine Fülle der herrlichsten Gedanken, aber nur einen Gott 

und nur einen Rock besitzen freilich, es liegt immer 

etwas Geist darin, ob der Rock dunkel oder hell, lang oder 
kurz, zugeknöpft ist oder nicht; und in gewissen Moden 
und Trachten kann man den Geist einer ganzen Zeit gleich- 
sam verkörpert sehen, wie zum Beispiel die Allongeperücke 
die Signatur der Zeit Ludwigs XIV., ein charakteristischer 
Ausdruck der steifen Feierlichkeit ihres Ceremoniells und 
ihres gesellschaftlichen Lebens war; und das leinene Hemd, 
ja das Hemd überhaupt gleich dem Taschentuch eine Sig- 
natur der modernen Kultur darstellt. 

Noch unlängst hat man in den Zeitungen tiefsinnige 
Betrachtungen darüber lesen können, wie es komme, dass 
die Männer ihr Gewand nach rechts, die Frauen nach links 
überzuknöpfen pflegen. Ein neuentdeckter Geschlechts- 
charakter, den wir oben vergessen haben. 

Vestitus, risus, incessus arguunt hominis ingenium. Eigent- 
lich erkennt man an der Kleidung zuallererst Stand und 
Nationalität. Lieber Leser, komm mit mir nach Wien, das 
ungleich farbenreicher als Paris und irgend eine Stadt in 
Mitteleuropa ist — welche Trachten! Welche sprechenden 
Kleidungsstücke! — Die Pumphose charakterisiert den 



— 151 — 

Türken; die Fustanella den Griechen; die Bunda den Ungar; 
die Tschamara den Tschechen; die Litewka den Polen und 
das lebhaft gefärbte Kopftuch die polnische Arbeiterin — 
so erkennen wir in London den Schotten an seinem Eült; 
im Palais Royal den Araber, der Räucherkerzchen feil- 
hält, an seinem Burnus ', und in der ganzen Welt den 
Juden an seinem asiatischen Kaftan und den anmutigen 
Peies. Bekanntlich nennen wir bis auf den heutigen Tag 
die Krawatte nach den Kroaten, welche sie zuerst getragen 
und unter Ludwig XIV. in Frankreich Mode gemacht 
haben. Die Nationaltracht zu dem leiblichen T3rpus hinzu- 
genommen, lässt uns über die Herkunft eines Menschen 
keinen Zweifel. Und ebenso gibt die Tracht ursprünglich 
einen Massstab für die soziale Stellung des Trägers ab: 
dass der Reiche prächtige und neue Stoffe, Samt und Seide, 
kostbares Pelzwerk trägt, der Arme in Lumpen gehüllt ist, 
macht sich ja von selbst; die sogenannten Kleiderordnungen 
sorgen dann dafür, dass an den natürlichen Verhältnissen 
nicht gerüttelt wird und dass jeder Stand den geziemenden 
Anzug beibehält. Bis in die neuere Zeit galt die Kleidung, 
in welcher man erschien, auch dem ernsten Manne als eine 
Standesangelegenheit; durch die Frommen war der Bürger 
an dunkle oder matte Farben gewöhnt worden, aber der 
feine Stoff, die Knöpfe, die Stickerei, die Wäsche verrieten 
gleich Perücke und Degen den Mann von Erziehung, der 
sich innerhalb seiner vier Pfähle den Schlafrock gestattete, 
aber ausser dem Hause auf seine Würde hielt. In der 
neuesten Zeit verwischen sich die Kleiderordnungen mehr 
und mehr, auch die Nationalkostüme, die bald aufgegeben, 
bald umgekehrt ganz oder teilweise von anderen Nationen 
angenommen werden. Um die Mitte des XVI. Jahrhunderts 
kleidete man sich allgemein nach spanischer Mode, ein 
Jahrhundert später allgemein nach französischer Mode, und 
wenn die letztere auch im ganzen und grossen bis heute 
tonangebend geblieben ist, so hält es doch nicht schwer, 
bei einem und demselben Individuum ein orientalisches 



— 152 — 

Fes, ein schottisches Plaid und ein paar russische Juchten- 
stiefel zusammen anzutreflFen. So sind die gelben lederbe- 
setzten Zeugstiefel, die in heissen Ländern getragen werden, 
neuerdings auch an Bord englischer und deutscher SchifiFe 
üblich. Aber während die Trachten der Völker mehr die 
Tendenz haben, sich untereinander zu vermischen und zu 
ergänzen, zeigen die Trachten der Stände mehr die andere 
Tendenz, zu gnnsten einer einzigen Durchschnittsform zu- 
rückzutreten und sich auf einem bestimmten, allgemeinen 
Niveau zu halten. In dieser Beziehung ist die französische 
Revolution epochemachend gewesen, die alle gesellschaft- 
lichen Rangunterschiede aufgehoben und an die Stelle des 
Brokats das Linnen, an die Stelle der Seide und des Samts 
das Tuch gesetzt hat. Im Mittelalter waren die Adeligen 
adelig von der Spitze ihrer Hüte bis zu den Absätzen ihrer 
Stiefel und die Bauern Bauern von ihren Lederkappen bis 
zu ihren Filzsocken und Bundschuhen. Heutzutage kleidet 
ein und derselbe Tuchrock nicht bloss den Franzosen und 
den Deutschen, sondern auch den Arbeiter und den Grafen; 
und wenn der letztere nicht von seinen gotischen Ahnen 
her sein Blaues Blut und nach dem Vorgang des mann- 
haften Herkules noch etwas Schwarzes hätte, er wäre nicht 
zu erkennen. 

Immerhin bleiben selbst innerhalb unserer Kreise genug 
Nuancen übrig, die den Beobachter leiten können: der 
nivellierenden Mode zum Trotz grenzen sich Nationen und 
Klassen nach wie vor gegeneinander ab, die beredte 
Sprache der Trachten ist zwar leiser geworden, aber nicht 
verstummt. Dazu kommt, dass doch der Beruf nicht selten 
eine bestimmte Tracht mit sich bringt und dass einzelne 
Klassen bis auf den heutigen Tag ihre natürlichen, durch 
die Verhältnisse gebotenen Farben und Arbeitskleider 
haben. Den Geistlichen erkennen wir an der schwarzen 
Soutane, den Jäger am grünen Rock, den Koch an der 
weissen Schürze, den Arbeiter an der blauen Blouse; Causi- 
dicum, sagt Juvenal, vendit purpura, den Rechtsanwalt em- 



— 153 — 

pfiehlt der Purpur. Die pariser Bäcker tragen in der 
Werkstatt eine Mütze oder eine Mitra von Papier, franzö- 
sisch le mitron; in Rom thuen es die Bildhauer und Gipser. 
Dergleichen natürliche Abzeichen werden im Laufe der 
Zeit konventionell und wie die Uniformen der Soldaten 
und Beamten zu indirekten Standesbekenntnissen — als 
solche gehen sie uns hier, wo es sich um die Sprache ohne 
x\bsicht der Mitteilung und ohne Gedankenaustausch han- 
delt, noch nichts an. Aber schon wie sie sich aus der Art 
des Handwerks von selbst ergeben, ohne dass damit etwas 
bekannt oder angegeben werden sollte, sind sie verräterisch 
und ohne Worte sprechend. 

Es kann sich fügen, dass ein Hemdkragen, ein eng- 
lischer Vatermörder, eine absonderliche Schuhzwecke den 
Spürhunden der Polizei auf die richtige Spur hilft. In Rom 
ist in einem Brunnen eine männliche Leiche gefunden 
worden — niemand rekognosziert sie — guter Rat ist teuer. 
Da kommt die heilige Hermandad: noch am Toten müssen 
ihr die Kleider Rede stehen. Ei, ei, sagt sie zu den um- 
stehenden Quirlten, habt Ihr die Stiefel des Ermordeten 
nicht beachtet? — Die^lben sind mit kupfernen Stiften 
beschlagen, wie sie in Italien nicht hergestellt zu werden 
pflegen: als woraus wir uns abnehmen, dass es ein Fremder 
gewesen ist. Und scheint Euch das etwa der Anzug eines 
Kuriers oder eines armen Malers? Der Kleidung nach zu 
urteilen muss er den höchsten Ständen angehören; die 
Wirte, die den Fremden nach seinem Kleid empfangen, 
haben ihm gewiss recht tiefe Bücklinge gemacht. Seht 
Euch die Tuberose in seinem Knopfloch an — es ist ein 
Engländer: seitdem der Prinz von Wales immer eine duf- 
tende Tuberose im Knopfloch trägt, lieben alle Gentlemen 
diese unschuldige Dekoration. Seht Ihr wohl? Nur Mut! 
Vielleicht kriegen wir noch heraus, wie er heisst und wo 
er wohnt 

YestüuSy Visus, incesstis arguunt hominis ingenium. Innerhalb 
der durch Nationalität und Stand gezogenen Grenzen kann 



— 154 — 

sich nun der Charakter des Individuums geltend machen, 
sofern die vorgeschriebene Toilette wiederum tausendfache 
kleine Modifikationen zulässt und den Liebhabereien und 
Eigenheiten des Einzelnen den weitesten Spielraum gewährt. 
Die Kleidung, sagt Polonius zu seinem nach Paris abgehen- 
den Sohne, 

kostbar, wie's dein Beutel kann; 
doch nicht ins Grillenhafte; reich, nicht bunt; 
denn es verkündet oft die Tracht den Mann. 

Sie verkündet den unpraktischen Stockgelehrten, wenn 
sie schlecht sitzt — den eitlen Gecken, wenn sie ge- 
schniegelt ist — geschmacklos, den Parvenü — liederlich, 
den Zerstreuten — ärmlich, den Geizhals — auffallend, den 
Sonderling — gesucht, das Original. AflFektation, Pedan- 
terie, Strenge, Ordnungsliebe, Sauberkeit, Herzensreinheit, 
Hochmut, Eitelkeit, alle diese Eigenschaften prägen sich 
deutlich im Anzug des Menschen aus, ohne dass er des- 
halb die allgemeine Norm sichtlich zu überschreiten braucht. 
Wie einer sich trägt, ja wie er den Hut aufsetzt, ob er 
ihn tief ins Gesicht drückt, oder ob er ihn nach Art der 
Juden hinten überfallen lässt; ob^ er ihn als glücklicher 
Bräutigam auf die rechte oder als alter Krakehler auf die 
linke Schläfe zieht; ob er ihn in schlechter Laune gar der 
Quere setzt (met son honnet de travers) — sagt oft ebenso- 
viel wie eine Falte des Angesichts und eine charakteristische 
Physiognomie, obwohl dergleichen Manieren bereits wieder 
vielfach in das Gebiet der Mimik hinüberspielen. Sie ver- 
kündet auch das Weib, das adrette Stubenmädchen wie die 
alte Schlumpe; die Hoifart bläht sich, die Demut verbirgt 
sich in ihren Kleidern, die irdische Liebe putzt sich und 
prunkt, die himmlische Liebe zieht gar nichts an, wenigstens 
nach Tizians Auffassung (auf seinem berühmten Gemälde 
VAmore sacro e profano in der Galerie Borghese in Rom, 
siehe Rom in Wort und Bild, Band ii, Seite 443 4). Man kann 
damit vergleichen, was jeder Städter weiss: dass die vor- 
nehme Dame für gewöhnlich solid, aber einfach gekleidet 



— 155 — 

ist, die Tochter der Halbwelt aber, gelegentlich auch die 
des kleinen Mittelstandes Staat macht, und meist nur mit 
Mannheimer Gold und Similidiamanten. 

Die Toilette ist die Domäne der Eitelkeit. Und doch 
trachtet Frau Vanitas nicht immer nach Putz und Flitter- 
staat; eine höhere Eitelkeit mag auch ans der gröbsten 
Vernachlässigung des äusseren Menschen sprechen. Dio- 
genes geht barfuss, unfrisiert, einen Stock in der Hand und 
einen Quersack auf der Schulter als Bettler in Athen ein- 
her und schläft in einer Tonne — er wickelt sich in seine 
Tugend ein und pfeift auf die Welt — er ist ein Weiser. 
Aber schon Sokrates bemerkte zu seinem Lehrer Anti- 
sthenes, dessen Gehrock gleichfalls nicht recht ganz war, 
aus jedem Loche desselben gucke die Eitelkeit des Trägers hervor. 
Die Kleidung ist das erste, womit man einem Menschen 
seine Hochachtung erweist, wenn man ihn ehren will; wer 
sie also geflissentlich vernachlässigt, deutet damit an, dass 
er sich um die andern Menschen nicht kümmere, und da 
sitzt der Hase im Pfeffer. Man nimmt es einem schon 
übel, wenn er sich aus Versehen oder Ungeschick nicht 
ordentlich anzieht; kommt er nun gar absichtlich in un- 
botmässiger Toilette, pocht er auf seine alten Sachen, nicht 
um sie rein zu machen, sondern um sich damit zu brüsten, 
so ist das gleich einer groben Beleidigung. 

Der Philosoph gibt viel auf die Kleidung, ohne sie zu 
schätzen, namentlich auf die Wäsche, weil sie vieles sagt 
und auf die Meinung, welche sich die Menschen von uns 
bilden, von grösstem Einfluss ist. Er weiss, dass wer 
finanziell und moralisch herunterkommt, damit anfängt, 
dass er sich in der Kleidung gehen lässt. Er macht keine 
Mode, aber er macht die Mode mit; wenigstens widersetzt 
er sich derselben nicht, sondern lässt Gott und den Schneider 
walten. In diesem Sinne mag es heissen, dass ein guter 
Anzug Kennzeichen des Weltmanns sei: Vir betie vestitus 
vir creditur esse peritus. 

Wie ein roter Faden zieht sich durch das vorstehende 



— 156 — 

Kapitel die Anschauung hindurch, dass der Mensch, wie 
er dem Physiognomiker erscheint, eine Art von Statue 
vorstelle; dass er wie eine Statue betrachtet und behandelt 
werden müsse; und dass die Sprache des Angesichts die Sprache 
eines Bildes sei, das seiner Natur nach von dem nach- 
gebildeten Originale spricht. Dieses Original ist der Geist 
— ein unbekanntes Wesen wie ein Gott oder wie irgend 
eine mythologische Gestalt; von keinem sterblichen Auge 
gesehn wie Zeus oder Hercules, von denen uns der Bild- 
hauer gleichwohl geniale Bilder macht, die wir für zu- 
treffend halten, ohne sie mit dem Modelle selbst zusammen- 
halten zu können. Eine solche Anschauung liegt dem- 
jenigen nahe, der viel Kunstwerke gesehn und dem Studium 
derselben obgelegen hat; und sie bringt in das ganze 
Problem eine gewisse Klarheit, selbst wenn man den Ver- 
gleich nicht wörtlich nehmen wollte: sie g^ibt die Methode 
an die Hand. Die Kunst bildet nur die Vorschule der 
Natur, aber man kann in dieser Vorschule manches lernen^ 
was dann der Natur zugutekommt, und wer sich in einem 
Antiken -Kabinett in der Bestimmung der Marmorbilder 
geübt hat, dem wird es auch gelingen, wenn es an die 
Bestimmung der Menschenbilder geht. Ist doch die Auf- 
gabe ganz und gar dieselbe, selbst was den letzten Gegen- 
stand, die Kleidung, anbelangt. Alle die göttlichen und 
halbgöttlichen Wesen, die in unserem Museum abgebildet 
sind, haben nicht nur ihre eigentümlichen Attribute, sondern 
auch ihre eigentümlichen Trachten und Kleidungsstücke. 
Athene trägt ihr Ziegenfell, die ÄgiSj Bacchus sein Reh- 
fellchen, die Nehfis, Vulkan sein Arbeitshemd, die Exomis, 
die kurz geschürzte Diana ihre Jagdschuhe; Mercur hat 
einen Reisehut (Petasus), Odysseus eine Filzkappe (Fileus), 
Paris eine Phrygische Mütze auf dem Kopfe. Dass histo- 
rische Personen noch im Marmor die Tracht ihrer Nation 
und ihres Standes nebst ihren persönlichen Eigenheiten 
nicht verleugnen: dass der Römer seine Toga, der Grieche 
sein Pallium y der Spartaner (und nach ihm der stoische und 



— 157 — 

cynische Philosoph) seinen alten Mantel (Trihon), der Perser 
seine Beinkleider (Braccae), der Gallier seinen WaflFenrock 
(Carac(üla)y der Germane ein Stück groben Wollzeugs oder 
ein Tierfell umhat; dass den römischen Soldaten das Äa- 
gum, den Feldherm das Faludamentumj den Pontifex Maximus 
die Pelzmütze (Qalerus) und die purpurverbrämte Toga 
(Toga praeteocta), die Matrone die Stola, die Ehebrecherin 
und das prostituierte Frauenzimmer die Toga charakterisiert, 
versteht ja sich von selbst. 

Alle diese simplen Toilettegegenstände müssen im 
Museum dem Besucher nicht selten nebst der Haartour 
und den beigegebenen Symbolen zur Erkennung des 
Kunstwerks dienen. So leitet uns draussen im Leben, 
wenn andere Anzeichen fehlen, unzähligemal das Kleid zu 
dem Namen des Geistes, dessen Ebenbild der menschliche 
Körper darstellt Wiederholen wir Ciceros Wort mit einer 
Modifikation: Änimi imago vvMus est, indices vestittLs et häbitus. 



Drittes KapiteL 

Die Sprache der Mienen und Geberden. 

I. Die gelegentlichen Äusserungen. Interjeldionen. 

Niemand badet zweimal in demselben Flusse — umsoweniger als sich der Ba- 
dende selbst verändert — dennoch bleibt die Form des Organismus bis zu einem 
gewissen Grade stationär — dieselbe wird nur vorübergehend gestört, indem 
Reize an den Organismus herantreten und er auf die Reize reagiert — der 
Spiegel des menschlichen Angesichts zerbricht einmal über das andere und stellt 
sich dann von selber wieder her — zum Beispiel bei Aufregungen, im Zorne — 
der Kardinal Wolsey, der rasende Ajax, Othello, Hamlet — das Spief der Mienen 
macht von der stehenden Physiognomie eine Diversion — die Reflexbewegungen 
sprechende Symptome, sie reden von den Affekten, die sie hervorgerufen haben, 
und mittelbar von den entsprechenden Reizen — alle Geheimnisse seines Haushalts 
schwatzt der Organismus aus — das Tier selbst hat diese Sprache — die Ohren 
der Pferde, der Schwanz des Hundes, das Erwachen der Harpyie — Theoderich, 
durch einen Fischkopf an das Gesicht des Symmachus erinnert — die Reaktionen 
teils sichtbar, teils hörbar — Begriff der Interjektionen — dieselben sind bei 
den verschiedensten Völkern gleich, gehen von Volk zu Volk — wie der pol- 
nische Jude macht, wenn man ihm auf den Fuss tritt — sie werden gern ver- 
doppelt und untereinander verbunden — Ergänzungen des Naturlautes durch 
Pronomina und andere Worte — Gewohnheit, im Schmerz das höchste Wesen 
anzurufen — der Name Linos, ein semitischer Klageruf — es läuft vieles unter 
dem Namen Interjektion, was nichts damit zu thun hat — C?, bald Ausruf, bald 
Zuruf — inwiefern Flüche und Schwüre die Funktion von Interjektionen erfüllen 
— sie werden oft absichtlich verstümmelt und verdunkelt — Missbrauch des Be- 
griffes Interjektion — Lockrufe, Scheuchnife und andere Weisungen, so man den 
Tieren angedeihen lässt, dürfen nicht mit Naturlauten in einen Topf zusammen- 
geworfen werden — die Lockrufe bestehen in den Namen der Tiere — wie 
Gänse, Hühner, Enten, Tauben, Schweine, Zi^en, Katzen gerufen werden — 



— 159 — 

in Interjektionen reden ist ein Widerspruch — auch die Wörtchen, die man 
Menschen zuruft, keine Interjektionen, sie haben vielmehr Beziehungen zu Sprach- 
wurzeln — Holla! zu holen, Hip! zu hüpfen, St! zu stehen — Theorie, wonach 
die Sprache überhaupt aus Interjektionen hervorgegangen sein soll — uns genügt 
es zu konstatieren, dass einzelne Interjektionen zu Substantiven und umfangreichen 
Begriffen erhoben worden sind, denn wir können die Interjektionen in unserem 
Buch nur brauchen, nicht sofern sie Worte sind, sondern sofern sie keine 

Worte sind. 

Der griechische Philosoph Heraklit hat bekanntlich 
gesagt, dass niemand zweimal in demselben Flusse ge- 
wesen sei; und dabei nicht nur die Bewegung des Flusses, 
sondern auch unsem eignen Wechsel, den Stoffwechsel, im 
Auge gehabt. In der That, so oft wir in einem Flusse 
baden, kreuzen sich gleichsam zwei Ströme, der Strom des 
Wassers und der Strom des Lebens; sie gleichen zwei 
Schnellzügen, die den Bahnhof zugleich, aber in verschie- 
denen Richtungen verlassen, oder um bei unserem Bilde 
zu bleiben, unser Körper ruht nicht wie eine Seerose auf 
dem Wasser, er durchschneidet es wie ein Schiff. Auch in 
einen Teich können wir nicht zweimal hinabsteigen. Es 
ist gewiss seltsam sich vorzustellen, dass man im nächsten 
Augenblicke schon nicht ganz mehr derselbe und nach einigen 
Wochen ganz ein anderer sein soll. Aber die Naturwissen- 
schaft gibt dem Heraklit vollkommen recht, an ein zwei- 
maliges Rheinbad ist gar nicht zu denken, im Gegenteil 
wird durch das kalte Wasser der Stoffwechsel noch be- 
schleunigt. 

Indessen bleibt doch bei allem Wechsel des Inhalts 
die Form unseres Organismus einigermassen stationär, und 
wenn auch das Alter eine gewisse Veränderung hervor- 
bringt, so erhält sich doch der einmal geschaffene Typus, 
namentlich in den mittleren Jahren, mit ziemlicher Hart- 
näckigkeit. Wäre dem nicht so, so würden wir uns ein- 
ander gar nicht wiedererkennen, und die Behauptung des 
griechischen Philosophen erschiene uns selbstverständlich. 
Wir sind keine Chamäleons, die unablässig Farbe wechseln; 
noch weniger Proteusse, die sich in tausend Gestalten ver- 



— 160 — 

wandeln können. Man kann von dem Charakter des Men- 
schen sagen, dass er sich im Laufe des Lebens nicht ändere; 
dass er sich nur aus Politik nicht immer zeige, aber de- 
maskiere, sobald als es die Verhältnisse erlauben; und dass 
sich einer ins Grab lege, wie er in der Wiege geatrtet ge- 
wesen sei. So ändert sich auch die Physiognomie des 
Menschen nicht wesentlich, was auch Alter, Lebensweise, 
Schicksal für Einfluss haben mögen, das Leben des Einzelnen 
ist zu kurz, als dass eine völlige Umbildung vor sich gehen 
könnte, eine solche bedarf ganzer Generationen. Mutter 
Natur hat uns in ihrer Weisheit eine bestimmte Nase, 
einen bestimmten Mund, eine bestimmte Statur gegeben, 
und dabei bleibt es. 

Nur die kleinen Zufälle des Lebens und die Auf- 
regungen des Tags bringen vorübergehende Störungen 
hervor: so oft an den Organismus ein Reiz herantritt, er- 
folgt eine Reflexbewegung, der Organismus erweist sein 
Leben, indem er auf den Reiz reagiert, und aus den phy- 
siologischen Veränderungen, die er bei dieser Gelegenheit 
erleidet, kann eben auf den Reiz zurückgeschlossen werden. 
Ein Stein, den man irCs Wasser wirft, sagt der persische 
Dichter Saadi, erregt kein üngewitter, so wenig als eine Be- 
leidigung in einer grossen Seele, Und doch wird auch der 
Stein auf einen Moment die Klarheit des Spiegels trüben, 
um so gewisser, wenn es ein grosser Stein und ein kleines 
Wasser gewesen ist. Der Spiegel bekommt ein Loch, 
stiebend fliegen die Splitter in die Höhe, ein Kreis auf 
den anderen wird geschlagen wie ein Wundrand; dann ist 
die Wirkung vorüber und der Spiegel wieder glatt. So 
zerbricht der ebene Spiegel des menschlichen Angesichts 
den Tag über tausendmal, sei es, dass ein Steinchen hinein- 
geworfen wird, sei es, dass ein Wind hineinbläst; dann 
stellt er sich von selber wieder her. Seht den Kardinal 
Wolsey, dessen Hirn, nach den Worten des Herzogs von 

Norfolk (Shakespeare, A'öni^ Heinrich der Achte, HI, 2) in seltsamem 

Aufruhr ist: 



— 161 — 

er beisst die Lippe, starrt; 
hält plötzlich an den Schritt, blickt auf die Erde, 
legt dann die Finger an die Schläfe; stracks, 
springt wieder auf, läuft schnell, steht wieder still, 
schlägt heftig seine Brust; und gleich drauf wirft er 
die Augen auf zum Mond. 

Seht den riesigen Ajax, den ein ungerechtes Urteil 
rasend gemacht hat: die Waffen, die er verdiente, sind dem 
Odysseus zugesprochen worden: so sucht er die Waffen 
zusammen, die ihm die Natur am eignen Leibe verliehen 
hat, seine Feinde zu vernichten, ja, sie gegen sich selbst 
zu kehren. Er stampft mit dem Fusse, er ballt die Fäuste, 
er fletscht die Zähne, er nagt grimmig die Unterlippe, seine 
Augen rollen und schiessen gleichsam Blitze; der ganze 
gewaltige Bau erbebt in blutiger Wut, das Blut kocht und 
schäumt in den Gefässen, wie der Vierwaldstättersee, wenn 
er ein Opfer haben will. Der Zornige ist schrecklich wie 
Othello, da er Desdemona mordet — wie Hamlet, da ihm 
der Geist seines Vaters erschienen ist — er wird auch 
wieder gut und entwaffnet sich wie Hamlet, von dem seine 
Mutter meldet, dass- die Hitze bei ihm schnell verraucht sei: 

So tobt der Anfall eine W^eil' in ihm; 
Doch gleich, geduldig wie das Taubenweibchen, 
Wenn sie ihr goldnes Paar hat ausgebrütet, 
Senkt seine Ruh' die Flügel. 

Da dieses Mienenspiel niemals von selbst erfolgt, son- 
dern regelmässig in einem stärkeren oder schwächeren 
Affekte und mittelbar in einem entsprechenden Reize seine 
Ursache hat, so ergibt sich daraus eine physiognomische 
Bedeutung, die, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine 
Diversion von der stehenden Physiognomik macht. Die 
Reflexbewegungen sind sprechende Symptome, sprechend 
wie die Züge des Angesichts, nur dass sie gelegentlich er- 
scheinen und mit den Reizen vorübergehn — es redet der 
Mensch, so oft er weint und lacht, in Traurigkeit und Freude, 
bei jedem Ereignis seiner Brust. Die zwei kleinen Muskeln, 
welche die Haut, auf der die Augenbrauen stehen, bei 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. 11 



~ 162 — 

Verdruss nach innen bewegen; die komplizierten Muskeln, 
welche die Bewegungen der Lippen vermitteln und die 
Mundwinkel bald hinauf, bald hinabziehen, was man neben- 
beigesag^ bei runden Gesichtern kaum unterscheiden kann; 
die geballte Faust, die zuckende Hand, die aufgeblähten 
Nasenlöcher des Apollo von Belvedere — es sind ausge- 
zeichnete Dolmetscher der Vorgänge in unserm Innern. 
Das Tier selbst hat diese Sprache — man achte z. B. auf 
die Ohren der Esel und der Pferde, wie fleissig und aus- 
drucksvoll sie mit ihnen spielen, auf den Schweif des 
Rosses und den Schwanz des Hundes; im Zorn legt das 
Pferd die Ohren hinter sich, die Katze krümmt den Rücken, 
der Löwe peitscht sich die Flanken mit dem Schwänze und 
die lebhaften Augen funkeln. Aufrecht und in steinerner 
Ruhe sitzt die Harpyie in ihrem Käfige, nur das drohende 
Auge glänzt von stillem Grimme. Plötzlich, durch den 
Anblick eines ihr überlassenen Tieres aufgestachelt, belebt 
sich die Statue, mit Wut stürzt sich der majestätische Vogel 
auf sein Opfer und tötet es mit zwei Schlägen. Alle leben- 
digen Wesen äussern ihre Empfindungen, ihre Leiden und 
Qualen in Lauten und Geberden, und es ist eine Sprache, 
die keines von ihnen misshört, denn alle aus gleichem Stoff 
geformt, verstehen wir einander, wie Thetis die Seufzer 
ihres Sohnes in den Tiefen des Meeres hört Oder hat 
Homer den Schmerz des Achilles beim Tode des Patroklus 
nicht auch für ims geschildert? Ist uns die Niobe ein Rätsel? 
Brauchen wir einen Cicerone für den Laokoon? — Natur, 
unsere Mutter! Wer verkennte deine mächtigen Geberden! 
Und welcher Fremdling ist deiner heiligen Stimme taub? 
Du bist beredt, wenn die Zunge mühsam stammelt; du 
rührst und erschütterst, wenn Worte im Wind verhallen; 
du sprichst das uralte, bilderreiche Idiom, in dem sich Götter 
und Götterwesen unterhalten. 

Es heisst, dass König Theoderich durch einen grossen 
Fischkopf, der vor ihm auf der Tafel stand, an das ver- 
zogene Antlitz des hingerichteten Symmachus erinnert 



— 163 — 

wurde; dass er sich darüber entsetzte, das Fieber bekam 
und starb. Täglich blicken wir in solche verzogene Ge- 
sichter, und sie melden uns, wenn nicht von Todesqualen, 
so doch von anderen Qualen; von den vielfachen Störungen, 
denen die Gesundheit und Ruhe des Organismus hienieden 
ausgesetzt ist. Und wir sehen ihn nicht nur das Gesicht 
verziehen, wir hören auch, wie er sich krampfhaft der 
Quälgeister erwehrt — wie er hustet, weil ihm ein Krüm- 
chen in die unrechte Kehle gekommen ist, wie er niest, 
weil ein Kömchen Tabak oder ein Lüftchen seine Nasen- 
schleimhaut reizt, wie er weint und schluchzt, seufzt und 
ächzt, händeringend klagt und schreit und gleich einem 
müssigen Verwalter alle Geheimnisse seines Haushalts aus- 
schwatzt. Er behält nichts bei sich und schweigt nur, wenn 
er zufrieden ist. 

Denn wir können unter unsem Reaktionen, obgleich 
diese beiden Klassen selten getrennt auftreten, zwischen 
sichtbaren und hörbaren unterscheiden; und wenn wir das 
thun und was von Reflexbewegungen mit der Stimme aus- 
geführt wird als ein eigenes Gebiet absondern, so streifen 
wir damit an das, was die Grammatiker Interjektionen nennen, 
so nahe, dass man beim Weinen und Lachen, beim Seufzen 
und Schreien schon geradezu unter die Interjektionen gerät. 
In der That sind diese interesisanten Lebensäusserungen, 
obwohl eigentlichen Worten scheinbar ähnlicher als Mienen, 
doch nur in demselben Sinne sprechend, wie es die Mienen 
waren: sie stellen Reaktionen auf Reize dar, sie beruhen 
wie die Falten, in die sich die Stime legt, auf einer Kette 
mechanischer Wirkungen, sie wollen nichts ausdrücken, 
nichts malen, sie verraten die inneren Zustände nicht als 
Bilder, sondern nur als Folgen. Wenn wir in der Ver- 
wunderung nicht bloss die Hände über dem Kopfe zu- 
sammenschlagen, sondern auch in ein Ah! ausbrechen, das 
sich bei der Überraschung in ein Aha! verwandelt — wenn 
■wir im Schmerze Au!, bei einer geringeren Verletzung Fft! 

machen, indem wir die Lippe an die Zähne legen und, 

11* 



- 164 — 

gleichsam um darauf zu blasen, die Luft einziehen — wenn 
der Frierende Hu!, der im Wundfieber Schaudernde Schock! 
ausruft — wenn sich der Widerwille in IfuH, die Bedenk- 
lichkeit in JEfm/, die Freude in Jtich! und Heisa! Luft macht: 
so sind das reine Naturlaute oder Empfindungslaute, 
die zwar einer instinktiven Beziehung zu dem vorherge- 
gangenen Reize und einer Anpassung an ihn nicht ent- 
behren, immerhin nur ein rein persönliches Bedürfnis, das 
Bedürfnis der Reaktion befriedigen, daher auch, wie Pris- 
cian sag^ per exclamationem interjiciuntur , das heisst, in die 
Rede hineingeworfen werden, ohne selbst Redeteile zu sein 
und ohne im Satze eine bestimmte Stelle einzunehmen. 

Deshalb sind auch die Interjektionen bei den verschie- 
densten Völkern gleich: sie gehören gleichsam zum Haus- 
halt des menschlichen Organismus, und wie bei allen Men- 
schen das Blut durch dieselben Gefässe läuft, wie sie alle 
dieselben Nerven haben, so brechen sie auch alle in die- 
selben Thränen und in dieselben Laute aus. Nicht bloss wir 
verwundem uns mit einem 0/, schon die alten Griechen 
und Römer thaten es. Nicht bloss uns reisst das Erstaunen 
zu einem Äh! hin, sondern auch den Araber, wie jeder 
wissen wird, der das langgedehnte Äah! des Publikums bei 
Erzählungen in Kaffeehäusern vernommen hat. Nicht bloss 
in Deutschland macht der erschöpft Keuchende oder der 
Erstickende D/"/, sondern auch in Frankreich (Ouß, Unser 
Weh!, eine Interjektion, aus der das Substantivum Wehe 
entsprungen ist, englisch Woe!, entspricht aufs deutlichste 
dem arabischen Weh!, dem hebräischen '»IN !,*) dem lateinischen 
Vae! und dem griechischen ^l\ oder Ovall; unser Pfui!, eng- 
lisch Fy!, italienisch und französisch Fi!, dem lateinischen 
Phy! und dem griechischen ^evV, unser Hm! dem französi- 
schen Hein! und dem lateinischen Hern!; unser JtLchf dem 
lateinischen lo! und dem griechischen Yw. Kleine Modifi- 



*) Daneben rtn« und »». Noch heute macht der pohlische Jude, wenn man 
ihm auf dem Brühl in Leipzig auf den Fuss tritt: 0/! 



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— 165 — 

kationen laufen selbstverständlich unter. Ausgeschlossen 
ist auch nicht, dass die Gleichheit auf Entlehnungen beruht, 
denn nichts geht leichter von Volke zu Volke als Inter- 
jektionen. So scheinen die Italiener ihr Oihd!, soviel wie 
M was! Ei hewahrßf, den Griechen abgelernt zu haben, denen 
Aißol! ein Ausruf des Unwillens ist. Endlich wechselt wohl 
auch der Gebrauch einer Interjektion von Volke zu Volke. 
Zum Beispiel ist JJii! bei uns ein Ausruf freudiger Ver- 
wunderung, in Italien fast immer ein Schmerzensruf: Mi son 
Iruciato un dito, ahil — wir wimmern vielmehr, wenn wir uns 
einen Finger verbrennen; auch in Frankreich drückt AM! 
und in Spanien Äy! die Empfindung eines heftigen Schmerzes 
aus. Das Aliif der Romanen mag aber gar nicht mit un- 
serem Ähif, sondern vielmehr mit unserem Ach! identisch 
sein. Im grossen und ganzen stimmen die Nationen in 
ihren Interjektionen merkwürdig überein, und zwar von 
Haus aus, wie die Vögel. 

Auch die Art und Weise, diese Naturlaute hervorzu- 
bringen, ist so ziemlich bei allen Menschen eine und die- 
selbe. Überall werden die Interjektionen gern verdoppelt, 
wie die Ausdrücke der Kindersprache: wir schreien Au! au! 
oder Ei! ei! wie der sophokleische Philoktet: Alal alail 
oder gar IlaTiaTtTtaTtaTtTtartrtaTtai ! — Das herzliche, volle 
Lachen, das wir mit Haha! wiedergeben, und das feine 
Kichern, das wir mit Hihi! bezeichnen, das eine wie das 
andere beruht, wissenschaftlich ausgedrückt, nur auf einer 
Reduplikation, so gut wie das indogermanische Perfektum. 
Unser Lachen ist eben weiter nichts als eine schnelle 
Wiederholung der Interjektionen Ha! und HU, welche beide 
als solche bei etwas Unerwartetem, PlötzHchem, Über- 
raschendem ausgestossen werden ; das Unerwartete im 
Hervortreten eines Irrtums macht uns eben lachen, ja ohne 
das verfehlt schon der körperliche Kitzel seine Wirkung. 

Desgleichen werden die Interjektionen gern unterein- 
ander, zum Beispiel 0! und Weh! y verbunden; wenn wir 
einen schlechten Kalauer hören, so sagen wir, weil er uns 



— 166 — 

ge Wissermassen wehthut, Auweh! — die armen Juden haben 
oft g-enug bei realeren Anlässen Ämceih! geschrieen. Na- 
mentlich liebt es der Sprechende, die Beziehung auf sein 
liebes Ich durch einen Casus des Pronomens der ersten 
Person anzugeben, eventuell auch noch ein und das andere 
Prädikat ergänzend hinzuzusetzen, wo er dann mit einem 
Fusse in das Gebiet der wirklichen Sprache überzutreten 
scheint. Wie Rüdiger im Nibelungenliede auf die Bot- 
schaft, dass die Könige kommen, mit berliner Färbung 
spricht: Nu ivol ir^ich dirre mceref — so ruft umgekehrt der 
unglücklich liebende Schäfer aus: weh mir armen Koryäm! 
— Im Lateinischen sind Hei mihi! Hei trdhi misero!, im Grie- 
chischen 0)'fioij ja sogar mit Verdoppelung, Oijlioi fioi die 
allerge wohnlichsten, bei den Dichtern fortwährend wieder- 
kehrenden Schmerzensrufe.*) Analog wird wohl auch an- 
deren Personen ein Wehe! zugerufen: Vae victis! sagte Bren- 
nus in Rom, sein Schwert in die Wagschale werfend; 
Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Sethsaida! schalt Christus die 
Städte, in welchen am meisten seiner Thaten geschehen 
waren. Indessen man notiere, dass hier das Wehe! kaum 
noch als Naturlaut gelten kann; die Interjektion schickt 
sich ihrem Wesen nach nur zu dem Pronomen der ersten 
Person. Aber es läuft überhaupt manches unter dem Namen 
Interjektion, was gar nichts damit zu thun hat. 

Wenn der ursprüngliche Naturlaut Wehe! zu Weherufen 
über zweite und dritte Personen verwendet wird, so ist der 
freiere Gebrauch desselben wenigstens von der Interjektion 
ausgegangen; es kann aber auch vorkommen, dass ein und 
derselbe Laut bald Interjektion, bald Nicht-Inteijektion ist 



*) Der Name Linos scheint der Rest einer derartigen pränominalen Ver- 
bindung zu sein. Linos war nach der griechischen Mythologie ein schöner 
Jüngling, auf dessen frühen Tod Trauerlieder gesungen wurden. Diese Linos- 
lieder hiessen AlXlvol, und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, das Aikivog auf 
den semitischen Klageruf Oilänu (hebräisch) oder (arabisch) Welanä, wörtlich 
wehe uns, zurückgeht und der Name Linos selbst nur die Personifikation dieses 
Klagerufes, der durch Aphäresis die erste Silbe verloren hätte, darstellt. 



— 167 — 

und beide Ausdrücke gar nicht unter einander zusammen- 
hängen. Die Interjektionen dienen zu Ausrufen, nicht zu 
Anrufungen oder Zurufen — per exclamationen interjiciuntw. 
Der Zuruf will gehört und verstanden sein; der Ausruf ist 
sich Selbstzweck, er erfolgt unbewusst und unwillkürlich 
und ist für den Beobachter nur lehrreich als ein Natur- 
ereignis. Nun nehme man aber einmal den Vokal 0. Ihn 
stossen wir bald im Affekt hervor, bei der Verwunderung, 
in der Freude, im Zorne und im Schmerze, indem wir die 
Hände ringen; der gebrochene Othello wiederholt ihn 
dreimal: 

O, Desdemona, Desdemona, tot? 
Tot? O! O! O! -. 

Ein andermal ist das Zeichen des Vokativs, wir ver- 
binden es mit dem Namen, um die Anrede zu verstärken 
und gleichsam an die Thüre des Verstandes anzupochen, 
wie wir zu demselben Zwecke He! brauchen und wie die 
alten Römer Heus! riefen: Heus! heus! Syre! — dies ist zum 
Beispiel der Fall, wenn Benjamin Schmolck singt: 

O, Mensch, gedenk ans Ende! 

Beide Bedeutungen, Ausruf und Zuruf, sind nun offen- 
bar streng auseinanderzuhalten, was schon die Engländer 
einsahen, die das 0! als Empfindungslaut lieber Oh! schrei- 
ben wollten; die Sache ist nur nicht so einfach als sie aus- 
sieht. Dass ein 0! durch die ausdrückliche Beziehung auf 
das Ich zur Interjektion gestempelt wird, leuchtet ein; wenn 
ich sage: 0, ich Ärmster! oder wenn Lenore zu ihrer 
Mutter sagt: 

O, Mutter, Mutter, hin ist hin! 
Nun fahre Welt und alles hin! 
Bei Gott ist kein Erbarmen, 
O weh, o weh mir Armen! — 

SO sind das echte Empfindungslaute. Aber ist es nun so, 
dass jedesmal die Verbindung des mit dem Namen einer 
anderen Person bewiese, das sei ein Vokativzeichen und 



— 168 - 

keine Interjektion? — Weitgefehlt; schon bei 0, Desdemona 
und bei 0, Mutter, Mutter lässt sich über den Sinn des Vo- 
kales streiten. Es ist dem Menschen eine fromme Gepflo- 
genheit, in seinem Schmerz das höchste Wesen anzurufen 
— Gott soll gleichsam Zeuge des erduldeten Wehes sein, 
Gott soll helfen, Gott soll rächen — Gott oder der Himmel 
oder der Heiland oder die heilige Mutter Gottes. 0, Gott! 
heisst es, oÄ, Dio! 0, Lord! 0, Himmel! 0, Heavens! 0, Hei- 
land! 0, Jesus! und so weiter. Gleichwohl ist die Anrufung 
in solchen Fällen keine direkte, wie man schon daraus ab- 
nehmen kann, dass statt 0! auch Ach! eintreten, anderseits 
das 0! ganz fehlen darf; es heisst wohl ebenso oft: Mein 
Gott! Gott im Himmel! Allmächtiger Gott! Mon Dieu! Dio mio! 
Herr Jeses, Herr Jeses! Corpo di Gristo! Madonna santa! Maria 
santissima! und so weiter. Zum mindesten hat sich nach- 
träglich der anrufende Charakter dieser Phreisen erheblich 
abgeschwächt, so dass sie gleich den Formeln des Schwurs, 
des Fluchs und der Verwünschung geradezu die Stelle von 
Interjektionen vertreten müssen und per exclama^tionen inter- 
jiduntur. Dann dürfte aber auch das vorgesetzte 0/ kein 
Vokativzeichen, sondern ein echter Naturlaut sein, der durch 
die nachgesetzten Begriffe nur eine formelhafte Erweiterung 
erführe. 

Darf man denn aber etwa Flüche und Schwüre selbst 
als Interjektionen gelten lassen? — Dass sie die Funktion von 
solchen erfüllen, häufig erfüllen, ist zweifellos. Man hat den 
Fluch: Hol mich der Teufel! das Soldatengebet genannt; nun 
wenn der deutsche Soldat: Hol mich der Teufel! oder Fotz- 
hunderttausend- Sack-voll- Enten! ruft, der Franzose Morhleu!, der 
Spanier Caramba!, der Nordamerikaner by the living Jingol 
schwört, so macht sich damit für gewöhnlich nur eine leb- 
hafte, oft ganz unschuldige Empfindung, die Verwunderung, 
die Ungeduld, der blaue Ärger Luft. Und diese seltsamen 
Formeln eignen sich zu besagtem Zwecke um so mehr, als 
sie nicht nur freiwillig, durch die mechanische Verwitterung 
der Sprache, zu völlig unverständhchen, formlosen Klumpen 



— 169 — 

zusammenballen, sondern auch gar gern absichtlich ver- 
stümmelt und verdunkelt werden, indem das Volk vor dem 
unfrommen Ausdruck scheut und den Namen Gottes, wie 
den des Teufels verkleidet und verhüllt. Aus Jesu mein! 
wird Jemine !j aus Sacre nom de Dieu: Sackerlot !y aus Teufel: der 
Deixel! , in Wien: Kruziadaxl! und aus Volant: Samt Veiten! 
gemacht, wenn man nicht gar den Kuckuck und seinen Küster 
dafür braucht vStatt Himmeldonnerwetter! bringt der Hand- 
werker ein Himmel 'Donnerstag -und- Freitag!^ Donnerlüchting ! 
oder Himmel-Ha^el-Regenschauer ! hervor; das Potz in Potz- 
tausend! ist aus Bocks oder Gotts entsprungen. Sothane Ver- 
kleidung geht durch alle Sprachen, durch die deutsche 
und englische so gut wie durch die französche und italie- 
nische. Das Gebot: du sollst den Namen deines Gottes nicht 
misshrauchen wird in England wohl beachtet. Anstatt Gott 
im Himmel! sagt die Engländerin: Oh, dear me! — während 
die jungen Herrn by Jove oder hy Jingo schwören. Diesseits 
des Kanals missbrauchen sie den Namen Gottes, ohne dass 
mans merkt. So ist das französische Morhleu! soviel wie 
Mort de Dieu! — Parhleu! soviel wie Par Dieu! — Jarnihleu! 
soviel wie Je renie Dieu, ich verleugne Gott. Jarnidieu! 
sagten sonst die Franzosen in der Hitze sehr gewöhnlich, 
auch Heinrich IV. bediente sich dieses Schwurs, und es ist 
bekannt, dass er, weil ihm der Jesuitenpater Coton, sein 
Beichtvater, darob Vorwürfe machte und ihm sagte, er 
möge ihn lieber selber verleugnen, das Wort Jar nicoton! 
einführte. Aus Diable! macht der Franzose Diantre!, und 
die LiebUngsphrasen der Gascogner: Sandis! und Cadidis! 
beruhen auf Sang Dis! Blut Gottes, und Gap de Dis! Haupt 
Gottes. Der Italiener, der diese Art zu verdrehen als Jona- 
dattico bezeichnet, ist nicht minder reich an interjektionalen 
Formeln von schwer zu erratender Herkunft. Er verwandelt 
Per Dio! in Perdinci! — Cospetto di Dio! oder bloss Gospeito! 
das ist: Anblick Gottes! in Gaspita!^ eine namentlich in Nea- 
pel gehörte, zugleich spanische Interjektion; Diavolo! in 
Diamine! oder Diascolo! oder Diascuci! ; ÄccidentH, eigentlich 



— 170 — 

H colga un accidentel, das ist: dich treffe ein Unglück! oder 
Dio ti mandi un accidente! das ist: Gott schicke Dir ein Un- 
glück!, in: Acdderha! und so weiter. Der Römer hat ganz 
eigene, gottlose Flüche, zu deren Verständnis weiter nichts 
als die Bekanntschaft mit der schlechten Bedeutung der 
Ableitungssilbe -accio gehört. Er bringt es fertig zu sagen: 
Per Cristo, Vammazzo! Bei Christus, ich schlage ihn tot! und 
dabei noch per Cristo in per Gristaccio! zu verhunzen; er 
schwört krass: Pei mortacci tuoi! Bei den Äsern, die du be- 
graben hast! — was an den Fluch der Südseeinsulaner er- 
innert: Grabe deines Vaters Geheine aus zur Suppe! oder Schmore 
deinen Grossvater, und seine Hirnschale sei dein Imbiss! — Nun, 
wenn über die Bedeutung der Worte der gegenwärtige 
Zweck und der Gebrauch entscheidet, so sind diese Floskeln 
der menschlichen Rede, deren Reichtum man nie erschöpfen 
und deren Ursprung man nur in gewissen, gutartigen Fäl- 
len erraten kann, sicherlich Interjektionen, wie unser 0/ und 
Ach!y ja, volltönende, kräftige Interjektionen. Wenn es aber 
auf den ersten Sinn des Ausdrucks ankommt, so weit wir 
ihn eben blosszulegen imstande sind, so erhebt ihn gerade 
dieser Sinn, der einer blossen Interjektion niemals inne- 
wohnt, über das Gebiet mechanischer Reflexbewegungen. 
Und wir müssen bedenken, dass, wollte man alles, was im 
Sturme des Gefühls von Sätzen und Phrasen zwischen die 
Rede eingeschoben wird, zu den Interjektionen rechnen, 
das Gebiet der letzteren gar unendlich wäre. 

Man missbraucht vielfach den Begriff Interjektion, Es 
sieht bald so aus, als ob die Grammatiker und die Lexiko- 
graphen jedes kleine, ausserge wohnliche Wörtchen, mit dem 
sie nichts anzufangen wissen, aufs Geratewohl zu den Inter- 
jektionen geschlagen hätten. Hü! Interjektion. Hott! Inter- 
jektion. Heda! Interjektion. Pst! Interjektion. Pütt, putt! In- 
terjektion. Aber, den Teufel auch! was hat das mit Inter- 
jektionen zu thun, wenn ich den Tauben oder den Hühnern 
Putt, putt! mache? — Lockrufe und andere Weisungen, wie 
wir sie namentlich den Tieren angedeihen lassen und die 



— 171 — 

bewusste, absichtlich hervorgebrachte und geschickt formu- 
lierte Willensäusserungen darstellen, darf man doch nicht 
mit Natur- und Empfindungslauten in einen Topf zusammen- 
werfen. Wenn wir auf der Hetzjagd Tai! oder Wallof rufen 
— wenn der Fuhrmann seine Pferde mit Hü! antreibt und 
mit Brr! oder Oho! anhält: so ist das doch von einem Haha! 
oder Eiei! himmelweit verschieden. Oder sind etwa diese 
Zurufe von Haus aus Interjektionen, die nun in befehlendem 
Tone reproduziert werden? Wer eine bittere Arznei geniesst, 
schneidet Grimassen und schüttelt sich mit einem Brrr! — 
Vielleicht, dass er damit instinktiv gegen den bitteren 
Trank ankämpfen und ihm gleichsam Stillstand gebieten 
will; und dass der Fuhrmann diesen Naturlaut verwertet, 
indem er zu seinen Pferden Brr! sagt? — Die Erklärung 
dürfte im vorliegenden Fall wohl zutreffen, aber ich zweifle, 
dass sie für gewöhnlich zulässig sei. Die Befehle, welche 
wir den Tieren geben, scheinen der eigentlichen Begriffs- 
sprache viel näher zu stehen, als der Sprache ohne Worte, 
zu der wir die Interjektionen zählen — abgesehen davon, 
dass eine Interjektion, die man zu einer bewussten Mittei- 
lung benutzte, strenggenommen aufhören würde, eine Inter- 
jektion zu sein. Wir verstehen nur die Etymologie jener 
Befehle nicht. Hott! bedeutet in der Fuhrmannssprache 
Rechts!, Har! und Wist! ist soviel wie Links!; der Franzose 
ruft, wenn die Pferde rechts gehen sollen, Hue! oder noch 
häufiger Huhaut!, denn Hue!, offenbar identisch mit unserem 
Hü!, dient auch im allgemeinen dazu, die Pferde anzutreiben; 
wenn die Pferde links gehen sollen, ruft der französische 
Fuhrmann Dia! — Daher heisst es in Frankreich von zwei 
Personen, die sich gegenseitig zuwiderhandeln, sprichwört- 
lich: Vun tire ä hue et Vautre ä dia. Aber gewiss wurzeln 
diese Wörtchen ebensogut im Boden der indogermanischen 
Sprachen wie das Sta hos! der Auvergnaten darin wurzelt: 
mit diesem Zuruf halten sie, wenn sie mit dem südlichen 
räderlosen Pflug, der kaum das Erdreich ritzt, die schweren 
Schollen bearbeiten, ihre langsamen Ochsen an. Die Auver- 



— 172 — 

gnaten verstehen ihn selbst nicht: ist er deshalb nicht latei- 
nisch? Steh, Ochse, steh! — 

Und wenn wir unserem bellenden Hunde mit Kusch! 
Kiisch dich! Schweigen auferlegen, ist das nicht französisch? 
Allez vous coucher f Lege dich nieder! — Ich empfehle es 
der sprachreinigenden Gesellschaft, diesen charakteristischen 
Rest eines französischen Fremdwortes auszumerzen. 

Unsere Landleute haben eine Menge interessanter Lock- 
und Scheuchrufe für die Haustiere, Schweine, Ziegen, Gänse, 
Hühner, Tauben u. s. w.; sie gehören einer eigenen Sprache 
an, die sich zwischen Menschen und Tieren entwickelt hat 
und die sich im allgemeinen der Berechnung ganz entzieht. 
Wir rufen die Katze Miez! ; die englische und auch die 
schweizer Katze bleibt gegen den Ruf Miez! gleichgültig, 
sie will Pm55/ respektive Bus! angeredet sein, während 
Bussel ein Hundename ist; und die französische Minet! — In 
Bayern rufen sie die Schweine SukH, in der Niederlausitz 
Tschinka! — Tauben und Hühner werden mit Butt! Pütt!, 
die letzteren auch mit Büe! Bile! gelockt; die Italienerin 
ruft den Hühnern, wenn sie ihnen Futter geben will, zu: 
Büle! Bille! Billi! Büli! Curra! Curra! — Wer zum Beispiel 
in der Umgegend von Dresden eine Herde Gänse gesehen 
hat, der wird beobachtet haben, dass die böhmischen Hirten 
sie mit Hussa! Hussa! oder Husche! Husche! dirigieren. Aber 
in einzelnen Fällen lässt sich doch eine Etymologie mit 
Wahrscheinlichkeit ermitteln, eben der Lockruf für die 
Gänse ist in dieser Beziehung schlagend. Wie es scheint, 
ist sothane Sprache doch nicht durch eine Art Kompromiss 
zwischen Menschen und Tieren zustande gekommen, son- 
dern wir muten den Tieren zu, unsere menschliche Sprache 
zu erlernen. Es muss jedem auffallen, dass die Lockrufe 
zugleich geläufige Namen der Tiere sind. Und wir dürfen 
vermuten, dass wir die Tiere einfach mit ihren Namen 
locken, mit anderen Worten, dass es besondere Lockrufe 
gar nicht gibt. Die Gans heisst auf böhmisch, wie jeder- 
mann von dem Reformator Johannes Huss her weiss, Husa 



— 173 — 

oder Hus; wenn die Böhmen also Hussa! Hussa! rufen, so 
ist das geradeso, als ob sie Gänse! Gänse! riefen. Im Wen- 
dischen ist Liha Liba Schmeichel- und Lockname der ein- 
zelnen Gans, eine Abkürzung von Gottlieb; für die Herde 
gilt gleichfalls Huso. Wir locken die Tauben nicht nur mit 
PuM! Futt!y sie heissen auch selber Puttchen, wie die Katze 
selber Mieze heisst. Mieze selbst ist weiter nichts als die 
Koseform des Namens Mane, die auch für menschliche 
Marien angewendet wird; der Kater führt den Namen Hinz 
= Heinrich, Auch in der ersten Szene von Shakespeares 
Macbeth heisst die Katze so, nämlich Gray-Malken, d. i. Grau- 
Mariechen. Die Ente heisst auf italienisch Anatra oder 
Anitra: deshab lockt also die Hausfrau in Italien ihre Enten 
mit Ani! Ani! oder mit Ane! Ane! oder (wie bei Nanna = 
Anna ein N vorschlagend) mit Nane! Nane! — Die Ziege 
nennt man in Ober- und Mitteldeutschland nicht bloss Geiss, 
sondern auch Heppe; Heppe! oder H^! ist zugleich Lockruf 
für die Ziegen. Wenn den Juden spottweise Hep! Hep! zuge- 
rufen wir, so geschieht es angebUch um ihres Ziegenbartes 
willen.*) In Italien rufen die Bauern die Ziege Ciocia!, ein 
durch die Ziegenhirten in den südlichen Teilen des alten 
Kirchenstaates, die sogenannten Giociari, bekanntes Wort; 
vielleicht bedeutet es ursprünglich die junge Ziege, das 
Zicklein, welches noch am Euter saugt oder zutscht (doccia), 
wenigstens weisen viele verwandte Ausdrücke darauf hin. 
Und so kann man auch den erwähnten bayrischen Lockruf 
für die Schweine: Suki! Suki! als einen deutlichen Überrest 
des althochdeutschen Sü = Sau, lateinisch Sv^, betrachten. 
Wenn wir aber mit den Tieren niemals in Interjektionen 
reden, so mit den Menschen erst recht nicht. Was reden! 
In Interjektionen reden ist ein vollkommener Widerspruch, 
weil jede Rede die Absicht der Mitteilung voraussetzt; so 
oft eine solche vorliegt, hat man es mit dem bewussten 



*) Wohl richtiger eine Abkürzung von Hebräer. Das Akrostichon Hi^xo- 
solyma EsX -Perdita beruht auf Spielerei. 



— 174 — 

Willen, nicht mit der Natur zu schaffen. Anstatt die merk- 
würdigen Wortkörperchen, mit denen wir uns untereinander 
etwas zu verstehen geben, als Naturlaute abzuthun, ziemte 
es sich wohl ihre Beziehung zu den ältesten Sprachwurzeln 
zu beleuchten. Die Wörtchen Holla! und Hallo! dienen uns 
dazu, die Aufmerksamkeit zu erregen, uns zu melden und 
Entfernten zuzurufen. Wir pochen an eine Thüre an und 
rufen: Holla, Holla! thu auf mein Kind! Hallo! ist niemcM 
hier? — Der thüringer Bauer pflegt sich vor einer Thür 
mit Hold! zu melden. Wir stehen am Ufer eines Flusses 
und wollen übergesetzt sein; wir rufen: Hallo, hallo! Hol 
über! Schon im Mittelalter rief man dem Fährmann am 
andern Ufer zu: Hola, Ferg! Hol über! — Holla! und HM. 
sind überhaupt Mittel, die Leute herbeizurufen und imsere 
Gegenwart kundzuthun; es sind Mittel, ein Hailoh, das heisst 
ein Getümmel oder ein Geschrei zu machen, dieses Substan- 
tivum ist aus dem Rufe Hallo! genau so hervorgegangen, 
wie das Substantivum Lärm aus dem Ruf: AlVarme! Zu den 
Waffen! Alarm! — Erst daraus entspringt die warnende 
Bedeutung, die beide Rufe gelegentlich haben können: sie 
enthalten die Aufforderung aufzupassen und sich vorzu- 
sehen. Hallo! sagte jener Eisläufer und rutschte aus. Diese 
Rufe haben nun nicht bloss wir, sondern auch die Eng- 
länder und Franzosen : das französische Holla! ist Holä!, 
das englische Hallo! ist Halloo! — Wenn zur See ein Schiff 
angerufen wird, ist bei den Engländern die gewöhnliche 
Antwort: Hollo! — Woher nun diese beiden allgemein ge- 
bräuchlichen Rufe, die offenbar zusammengehören? — Wei- 
gand hält Holla! für französisch und das -la für identisch 
mit dem französischen lä, dort, sodass französisch Holä! un- 
serem Heda! entsprechen würde; in diesem Falle hätte man 
die Silben He! Ho! und Ha!, die in der That als selbstän- 
dige Zurufe gäng und gäbe sind, gleichsam als absichtlich 
hervorgebrachte Geräusche zu betrachten; sie enthielten 
weiter nichts, als eine Art sprachliche Reveille, für welche 
der Hauchlaut charakteristisch scheint. Er findet sich auch 



— 175 — 

an dem obenerwähnten Heus! der Römer; ja man könnte 
etwa vermuten, dass das anrufende Ol, welches durch alle 
Sprachen geht, ursprünglich mit unserem Ho! identisch und 
der schon in der Augusteischen Zeit schwankende, im Ro- 
manischen fast allgemein erloschene Buchstabe H nur frühe 
verloren gegangen sei, wie er in dem italienischen Olä! = 
Holla! verloren gegangen ist. Grimm meint dagegen, der 
Auslaut von Holla! und Hala! repräsentiere jene mittelhoch- 
deutsche Partikel a, die sich an lautausgerufene. Wörter, 
Imperative sowohl als Substantive und Partikeln, hänge 
und sie dadurch sinnlich zu Interjektionen stempele; die erste 
Silbe Hol aber sei mit dem Zeitwort holen identisch, welches 
eigentlich erschallen lassen, rufen , herbeirufen bedeute, etymo- 
logisch gleich yiakelv, lateinisch calare. Mir ist es allerdings 
wahrscheinlich, dass nicht Holla! von holen, sondern umge- 
kehrt holen von Holla! kommt und dass holen bedeutet Holla 
machen oder Hallo machen ^ gerade so wie das französische 
hder, Hunde hetzen, auf Hallo! zurückgeht; oder wie das 
Zeitwort hissen von dem Rufe Hissa! kommt, den man beim 
Aufziehen des Segels oder des Gepäcks auf schwedischen, 
italienischen, französischen, griechischen, ägyptischen und 
deutschen Schiffen hört (mit langem Vokale: heissen). 

Wenn uns demnach hier der begriffliche Gehalt des 
Rufes vorderhand noch zweifelhaft erscheint, so berührt 
sich dagegen der kleine Befehl andere Male an sich selbst 
aufs innigste mit wirklichen und weitverzweigten Wurzeln. 
Ein bekannter ermunternder Zuruf der Engländer ist Hip! — 
Hip! Hip! Hurrah! in England die hergebrachte Art, ein Hurra 
auszubringen. Noch neulich (Dezember 1887) begrüsste die 
Bemannung des Herzoglich Edinburgschen Aviso Surprise, 
auf den Rahen stehend, die Töchter des Kronprinzen in 
San Remo mit diesem nationalen Rufe. Nun, die Inter- 
jektion hip ist unzweifelhaft mit dem englischen Zeitwort 
to hip oder hop, hüpfen, verwandt, denn das Herz hüpft einem 
ja vor Freude. Oder, um ein analoges Beispiel anzuführen : 
Schweigen gebietet man in der ganzen Welt, indem man 



— 176 — 

die Zunge hinter oder zwischen den Zähnen in Bewegung 
setzt, sodass ein scharfes S herauskommt, mit welchem 
schon der Star seine Leute bedeuten soll, dass er Ruhe 
haben möchte. Wenn man dann die Zunge gewaltsam an 
die Zähne anstösst, so entsteht die Lautverbindung ST, 
Wenn auch noch die Lippen für einen Moment geschlossen 
werden, so entsteht PST, Bei ungehörigem Lärm im 
Theater machen wir also Pst! oder Stf, während der Fran- 
zose mit Chutf, der Spanier mit Chiton!, der Italiener mit 
Zitto! Silentium ansagt; die deutschen Formen scheinen die 
ursprünglichen zu sein, denn die alten Römer riefen wie 
w4r: St, st, tacetef, und wahrscheinlich sind die Zurufe der 
altgriechischen Hirten an ihr Vieh: IlzTa oder TcTra, die 
man jetzt noch hören kann, von Haus aus Scheucherufe. 
Wesentlich ist offenbar der Doppelkonsonant ST, und ich 
frage, ob er nicht deutlich an die indogermanische Wurzel 
STA anklingt, welche stehen bedeutet und eben in unserem 
deutschen stehen steckt? — Unsere Vorfahren sagten nicht 
stehen, sondern stän, dieses Verbum hat erst unter dem 
Einfluss des Zeitworts gehen seine Lautgestalt geändert. 
Wie die Wurzel I: gehen und SAB: sitzen bedeutet, so be- 
deutet also die Wurzel STA: stehen, und die Wahl dieser 
Laute scheint mir keine unglückliche gewesen zu sein, denn 
wird nicht in STA die Dauer des S durch die Tenuis T ge- 
wissermassen angehalten und in ihrem Laufe gehemmt.-' 
Da^ englische Stopf, das man vergleichen kann, verdankt 
doch seine allgemeine Verbreitung sicherlich seiner treffen- 
den Nachahmung. Kurz, in der Lautverbindung ST, voller 
PST, liegt für das Ohr etwas Hemmendes, Stillstandgebie- 
tendes, und diesen Begriff des Stillstehens malen wir eben- 
sowohl, wenn wir mit einem St! zur Ruhe mahnen, als 
wenn wir auf deutsch sagen: meine Uhr steht. 

Pst! höre ich rufen. St, st, tacete! Wollt Ihr hier über 
den Ursprung der Lautsprache philosophieren? Wir sind 
hier bei der Sprache ohne Worte, und die indogermanischen 
Wurzeln gehen uns nichts an! Ohe, jam satis est! — Ver- 



i 



— 177 — 

zeihung, meine Herren. Es war nur so hingeworfen. Es 
war selbst nur eine Interjektion in unserer geordneten Rede 
über die Sprache der Mienen und Geberden; und eine ge- 
legentHche Lebensäusserung , veranlasst durch den Reiz 
derartiger Untersuchungen. Denn auch die richtigen und 
eigentlichen, unbewussten Reaktionen stehen, sofern sie mit 
dem Munde geschehen, der gewöhnlichen Sprache näher 
als man denkt; so nahe, dass die letztere einzelnen Philo- 
sophen geradezu aus Interjektionen hervorzugehen scheint. 
Schon im Laufe dieses Kapitels haben wir erwähnt, wie 
sich das Wort Lärm aus Alarm und mittelbar aus dem 
romanischen Schlachtruf aWarmel zu den Waffen! entwickelt 
hat; so sind auch die Naturlaute unzähligemal substantiviert 
und zu Begriffen erhoben worden, die noch mehr besagen, 
als das abstrakte Wesen der betreifenden Interjektion. Das 
Hurra deckt sich am Ende noch mit Hurraruf oder 
Hurrageschrei; wenn wir aber sagen ein Hallo machen, so 
meinen wir gerade nicht, dass nur hallo! gerufen wird, 
sondern wir verstehen darunter Lärm und Getümmel über- 
haupt. Welch eine reiche Entfaltung ist dem Substantivum 
Weh zuteil geworden, das sich aus einem Schmerzenslaut 
in die Bezeichnung des Schmerzes selbst, des Unglücks, ja 
g-anz speziell der Geburtsschmerzen verwandelt hat! — Mit 
dieser geringen, aber sicheren Ausbeute wollen wir uns 
vorläufig begnügen: selbst wenn es sich bestätigen sollte, 
dass die menschliche Sprache aus Lauten wie Ah! und 0/ 
entsprungen wäre und, was doch gewiss seltsam erscheinen 
müsste, alle Worte im letzten Grunde auf den Interjektionen 
beruhten, die keine Worte sind: so könnte uns das in einem 
Buche nichts verschlagen, das seiner Anlage nach die letz- 
teren eben nur* insofern sie das nicht sind, brauchen und 
berücksichtigen könnte. 



K I e i n p a u 1 , Sprache ohne Worte. 



12 



178 — 



II. Lachen und Weinen. 

Darvrins Prinzip der Antithese — noch wichtiger ist das Prinzip der natürlichen 
Übertragungen oder der psychologischen Metaphern — die ganze Psychologie 
steckt voll bildlicher und indirekter Ausdrücke, voll volksmftssiger Gleichnisse 

— strenggenommen ist sie die Lehre vom Atem — alle Sprachen leiten die 
Vorstellung des Geistes und der Seele aus dem BegrifTe des Atmens her — 
.anderemale wird die Seele als eine Art zwdter Leib oder als ein Tierchen vor- 
gestellt — das Zeugen und das Erkennen — äusserliche Vorarbeiten werden fiir 
die nachkommende Seelenthätigkeit genommen — die Menge geht über die 
äusserlichsten und unwesentlichsten Erscheinungen des Seelenlebens nicht hinaus 

— hiemach begreifen wir, wie die Natur selbst geistige Zustände als solche 
nicht begreift — alle Geheinmisse seines Haushalts schwatzt der Orgamsmns 
nach Einer ]>ier aus — erste Stufe: die Reaktion erfolgt auf einen sinnlichen 
Reiz — zweite Stufe: die Reaktion erfolgt auf die blosse Vorstellung des Reizes, 
zum Beispiel bei der Furcht — dritte Stufe: die Reaktion erfolgt auf allge- 
meine Störungen hin, welche unter dem Bilde eines lokalen Reizes angeschaut 
werden — die physischen Reize liefern das Tertium Cofnparatioms — das 
Weinen und das Lachen: handgreifliche psychologische Metaphern — selbige 
Metaphern sind neue, aber unbewusste Kundgebungen der Natur und Elemente 

der Sprache ohne Worte. 

Unter den Prinzipien, auf welche Darwin die Mimik 
der Tiere und des Menschen zurückzufiihren sucht, figuriert 
an zweiter Stelle das Prinzip der Antithese, demzufolge 
bei entgegengesetzten geistigen Zuständen auch die ent- 
gegengesetzten Muskeln in Aktion gesetzt werden. Der 
Hund schmiegt sich, wenn er schmeicheln tvül, weil er sich streckt 
und steift, wenn er sich zum Kampfe vorbereitet; die Katze steift 
sich dagegen zum Liehkosen, weil sie sich duckt und schmeidigt, 
wenn sie arigreife^i will. Wir wagen einem so grossen Natur- 
forscher nicht zu widersprechen; nur scheint uns noch vor 
besagter Antithese ein anderes Prinzip zu kommen, das von 
der grössten Wichtigkeit für das Verständnis der Mienen- 
sprache ist: das Prinzip der natürlichen Übertragungen 
oder der psychologischen Metaphern. Ehe der tierische 
Organismus in seinem dunkeln Drange auf den Gegensatz 
verfällt, überträgt er, was ihm zustösst und was er gleich- 
sam nicht verstehen und nicht bewältigen kann, instinktiv 



— 179 — 

auf einen lokalen Reiz, auf den er in normaler Weise rea- 
giert, ohne dass derselbe thatsächlich eingetreten wäre, um 
das verlorene Gleichgewicht herzustellen — gewiss eine 
ganz merkwürdige Manier, dem Störenfried beizukommen. 
Aber sie stimmt mit der elementaren Psychologie und der 
gesamten kindlichen, bildlichen Weltanschauung des Volkes 
überein, durch die eine und dieselbe urwüchsige Natur- 
poesie hindurchweht. 

Im Menschenhime malt sich die Welt anders, als sie 
ist und als sie der Philosoph zu konstruieren sucht. Bunter, 
farbenreicher, einfacher malt sie sich. Wo der Naturfor- 
scher nur Schwingrungen einer den Raum erfüllenden, 
dünnen und elastischen Flüssigkeit sieht, sehen wir Licht 
und Farben; wo nach der Lehre vom Schalle eine Saite 
gestrichen wird, die gestrichene Saite in mehr oder weniger 
schneller Bewegung hin und her schwingt, ihre Bewegung 
der umgebenden Luft und durch diese unserem Ohre mit- 
teilt, hören wir einen wundervollen Ton. Einen See voll 
Bakterien halten wir fiir ein Glas Wasser, und Hlze, die auf 
Speisen und Getränken vegetieren, nennt die Hausfrau 
Schimmel, Ein Haufen ausserordentlich kleiner Teile, die 
nur darum so fest aneinanderhaften, weil sie auf einander 
eine Anziehungskraft ausüben, erschieint uns als ein Stück 
Eisen — eine Anhäufung kleiner loser Quarzkömer und 
G-limmerblättchen ist uns Sand — die chemische Verbin- 
dung des Kohlenstoffes mit dem Sauerstoff der Luft er- 
scheint uns als eine Flamme — ein Beweg^ngszustand der 
Moleküle ist uns Wärme, Dunkle Kxäfte, Modifikationen 
einer einzigen Grundkraft, von der nicht ein Minimum im 
Weltall verloren geht, verwandeln wir in Steife, und Bilder, 
die nichts als Gesichtsempfindungen sind und die wir erst 
nach aussen projizieren, legen wir in Raum und Zeit, in 
Natur und Geschichte glänzend auseinander und machen 
daraus, was Welt heisst. Auf geistigem Gebiete entfernen 
sich die populären Vorstellungen von der Natur eines 

Gegenstandes, der gar nicht in die Sinne fällt, noch mehr. 

12* 



— 180 — 

Die Psychologie, wie sie das Volk versteht, sieht eher 
nach allem andern aus, als nach einer Seelenlehre, ja, ohne 
es zu wissen und zu wollen, nimmt die Wissenschaft selbst 
die hahnebüchenen Metaphern und die unzutreffenden Um- 
schreibungen der Menge in ihre Terminologie auf, sie kann 
sich derselben gar nicht entbrechen. Eine wissenschaftliche 
Psychologie ist noch zu schreiben, denn der Begriff Psycho- 
logie selbst ist eine Konzession an volksmässige Anschau- 
ungen. Auch der Laie fühlt wohl, dass das griechische 
Wort Psyche darin steckt, was heisst das aber eigentlich? 
— Hauch oder Atem. Die Psychologie ist, streng ge- 
nommen, die Lehre vom Atem, Alle Sprachen leiten aus 
den sinnlichen Begriffen des Wehens, Rauchens, Blasens 
und Atmens die Vorstellung des Geistes und der Seele 
her, indem sie sich stufenweise vom Atem zum Lebens- 
odem, vom Lebensodem zum Leben, vom Leben zur Seele 
als der Trägerin des Lebens erheben. Und er blies ihm 
ein den lebendigen Odem in seine Nase. Sämtliche hebräische 
Worte für Seele: Bucha, Nefesch und Neschamah, bedeuten ur- 
sprünglich Atem und Wind, genau so wie unser Q^ist und 
das lateinische Spiritus; denn hinter Geist steht ein Stamm 
für hauchen, wehen, blasen, wie spirare hinter Spiritus und 
wie Ttveiv hinter Ilvevfjia, Das lateinische Animus, Geist, und 
das griechische ^'Avefiog, Wind, sind eins: im Griechischen 
hat sich die physikalische Bedeutung erhalten, während im 
Lateinischen die psychologische überwog, gerade umge- 
kehrt wie bei ßvfxoc^, Mut, und Fumus, Rauch; auch diese 
beiden Worte sind identisch, das lateinische F entspricht 
dem griechischen Ö, wie Theodor bei den Russen zu Feodor 
und wie das th im Munde der Engländer zu f wird. Es 
ist demnach ganz und gar folgerichtig, wenn unsere Vor- 
fahren, den Spiritus sanctus übersetzend, gelegentlich heiliger 
Atem sagten: eine Zeitlang schwankte die althochdeutsche 
Kirche zwischen ätum und geist für den heiligen Geist, erst 
allmählich gewann Geist die Oberhand, so dass ätetn im 
Mittelhochdeutschen die abstrakte Bedeutung nicht mehr 



J 



— 181 — 

hat. Bei Geist erlosch umgekehrt die sinnliche Bedeutung. 
Und so ist also auch xpvxij eigentlich soviel wie Hauch und 
Atem, verwandt mit dem Verbum tpvxco, hauche, kühle, 
und mit unzähligen Worten, die kühl und kalt bedeuten, 
denn man kühlt ja die heisse Suppe, indem man auf sie 
bläst, und dem Kinde, das sich die Finger verbrannt hat, 
sagt man, es solle darauf blasen. Psychologie ist eine erste 
Konzession an den Verstand der Laien, die der Philosoph 
machen muss, heisse er Herbart oder Leibniz. 

Und es gibt viele solcher Konzessionen! Ist etwa unser 
Seelenlehre entsprechender? Das Wort Seele wird von Grimm 
mit See zusammengebracht und als die bewegende, wogende, 
flutende Kraft gedeutet. Die Seele soll die bewegliche sein, 
wie die See die bewegte Wassermasse ist. Diese Deutung 
will, wie so manche andere, nicht recht befriedigen; am 
ersten würde sie noch auf das Blut passen, von dessen 
Begriffe sich zu dem des Lebens und der Seele gelangen 
lässt, wie von dem des Atems. Und wie hinwiederum 
Blut, ein junges Blut, a hlood in unserer und der englischen 
Sprache nicht selten den ganzen Menschen und das lebende 
Wesen selbst bezeichnet, so sagen wir auch gern Seele für 
die Person, ohne dass dabei eine bestimmte Beziehung auf 
die Lebenskraft hervorzutreten braucht; wir sagen: Du gute 
Seele! Geh, liehe Seele! Eine Gemeinde mit zehntausend Seelen 
u. s. w. Dies führt weiter dazu, die Seele als eine Art 
zweiten Leib zu fassen, der im ersten Leibe steckt, wie 
dieser in den Kleidern: sie ist ein Geistletb oder ein Astral- 
leib, wie die Spiritisten sagen, oder, wie die Griechen sagen, 
ein Menschenbild (Eidwlov), Vergleicht doch Luther sinnig, 
nur ein wenig gar zu anschaulich den menschlichen Geist 
mit dem Portemonnaie in der Hosentasche: was in Hosen 
und Wams steckt, sagt er. Fleisch und Blut, ist von der Welt, 
der Geist aber ist das kleine Beutelein, da Patengeld, ungarisches 
Gold inne liegt. Solche Anschauungen haben in der Kunst 
einen monumentalen Ausdruck gefunden. Das Mittelalter 
über bediente man sich, um eine Seele darzustellen, fast 



— 182 — 

regelmässig einer kleinen nackten menschlichen Figur, 
sagen wir eines Kindes, das bald, ins Leichentuch gewickelt, 
von Engelshänden zum Himmel emporgetragen wird, bald 
auf seinen eigenen Füssen in die mandelförmige Glorie ein- 
geht, welche die ewige Herrlichkeit bedeutet Verliess die 
Seele gerade den Körper, so malte man wohl eine kleine 
Menschenfigur, die unten wie eine Eidechse in einen 
Schwanz auslief und damit aus dem Munde des Sterbenden 
hervorkroch, um hier, je nachdem, von einem Engel oder 
von einem Teufel in Empfang genommen zu werden — die 
beiden Schacher von der Kreuzigung Christi gaben hierzu 
eine schöne Gelegenheit, vergleiche Bevue archeologique 
1844/45. deuxi^me partie, p. 513, 514). Aber die rohe Bildlichkeit 
früherer Zeiten gefiel sich nicht bloss, kleine Menschen, 
sondern auch kleine Tiere in den Menschen hineinzuthun: 
Schmetterlinge, Insekten, Vögel, Eidechsen, Wiesel, Mäuse 
— aus dem Munde der sterbenden Sancta Reparata sieht 
man auf Abbildungen eine weisse Taube zum Himmel 
emporfliegen, und man erinnert sich an den Traum des 
Frankenkönigs Guntram, der auf der Jagd sein Haupt auf 
das Knie seines Stallmeisters legte und einschlief, worauf 
aus seinem Munde eine Maus hervorsprang (vergleiche 
Seite 64 ff.). Auch diese phantastischen Vorstellungen 
haben in der Sprache Boden gewonnen; oder reden wir 
nicht tagtäglich von Orillen, von Schnaken und von Mucken? 
Beruht nicht das fi"anzösische Gaprice und das italienische 
Capriccio auf einem Vergleich der menschlichen Launen mit 
den unerwarteten Sprüngen einer Ziege? — Der Mutwille, die 
Unruhe, der beständige Trieb, den Ort zu wechseln, ist ein 
Hauptmerkmal der Ziege, italienisch öapra. Darum haben 
die Italiener unsere wunderlichen Einfälle und alles, was 
wir Unvernünftiges und Unüberlegtes thun, gleichsam Ziegerei 
genannt: ungefähr dasselbe bedeutet dzis italienische TicchiOy 
welches aus unserem Zicke entstanden ist, während man in 
Frankreich auch sagt: cette femme a des rata dans la tete. 
Wer dagegen recht hochmütig ist, von dem heisst es, er 



— 183 — 

habe einen Wurm oder einen Spatz. Ja, wie stellen wir uns 
am Ende die Seele Gottes vor? Nicht abermals als einen 
Vogel, und zwau: wie bei der heiligen Reparata als eine 
Taube, das Sinnbild der Reinheit? Mit ausgebreiteten Flü- 
geln schwebte der Greist Gottes auf dem Weisser, gleich 
als eine Taube fuhr der heilige Geist vom Himmel herab 
und kam über den getauften Jesus, eine Taube sitzt Papst 
Gregor dem Grossen auf der Schulter und flüstert ihm gött- 
liche Geheimnisse ins Ohr. Und an alle diese kindlichen 
Versuche, ^das Unsichtbare zu verkörpern, muss die wissen- 
schaftliche Psychologie Konzessionen machen. 

Sie kommt aus den Konzessionen gar nicht heraus! 
Denn da die wahre Thätigkeit der Seele nur geahnt, aber 
nicht angeschaut werden kann, hat das Volk auch gar 
keine Ausdrücke dafür erfunden, sondern es behilft sich 
mit halben Bezeichnungen und unangemessenen Bildern. 
Um über psychologische Vorgänge halbwegs korrekt zu 
schreiben, wäre eine ganz neue Terminologie vonnöten, 
denn die, welche die Sprache bietet, sieht einer Fabel ähn- 
lich. Wir reden wie die Blinden von der Farbe; unsere 
Ausdrücke sind entweder bildlich oder zum mindesten in- 
direkt. Zwischen den Begfriffen des Erkennens imd des 
Zeugens, zwischen den Wurzeln QNO und GEN findet in 
den indogermanischen Sprachen ein unverkennbares Ver- 
wandtschaftsverhältnis statt, obgleich sie bereits in der Ur- 
zeit unterschieden worden sind. Als vermittelnden Begriff 
betrachtet man bald den des Keimens, bald den des Kom- 
mens; vielleicht aber bedarf es dieser Vermittelung gar 
nicht Unser können ist eigentlich so viel wie wissen, diese 
Begriffe tauschen sich ja auch in anderen Sprachen aus: 
ich kann tanzen entspricht auf das genaueste dem französi- 
schen je sais danser oder dem italienischen so hcUlare. Erst 
später entwickelte sich aus dem Wissen die Bedeutung des 
yermögens. Indessen ist ich kann eigentlich kein Präsens, 
sondern ein Perfektum, nämlich ein sogenanntes starkes 
Präteritum, anolog den Formen ich sann, ich begann, ich ent- 



— 184 — 

rann: das Perfektum ich kann setzt ein Präsens kinnen vor- 
aus, welches kinnen etwa dem lateinischen noscere zu ver- 
gleichen wäre, so dass ich kann dem lateinischen novi gleich- 
steht. Das Zeitwort kinnen nun hatte wiederum ursprünglich 
die Bedeutung erzetigen, ich kann hiess: ich habe erzeugt. Ich 
kann ihn, durfte etwa ein Vater von einem natürlichen 
Sohne sagen, wenn es galt, ihn £ds erbberechtigt hinzu- 
stellen; ich kann ihn war soviel wie ich hin sein Vater, und 
dies soviel wie ich kenne ihn, ich erkenne ihn an. Ich kann ihn 
durfte auch die Mutter im gleichen Falle sagen ^ dann war 
es soviel wie ich habe ihn gebaren. Aus der Anerkennung 
eines Kindes wäre demnach der Begriff aller Kenntnis 
überhaupt hervorgegangen, und es unterliegt ja keinem 
Zweifel, dass die Kenntnis, welche Vater und Mutter von 
ihrem Kinde haben, die allerstärkste imd die allerbeste ist, 
sintemal dem Volksglauben nach dem Vater und dem 
Sohne, wenn sie sich unbekannterweise küssen, sogar die 
Nase blutet und das Mutterauge den Wandersmann am 
ersten wiederzuerkennen pflegt. Bei dem lateinischen con- 
siderare, welches eigentlich die Sterne (Sidera) betrachten 
heisst, ist ein beschränkter Begriff in ähnlicher Weise ver- 
allgemeinert worden. Lassen wir diese Genesis des Be- 
griffes gelten, so steht also ich kann so ziemlich auf der- 
selben Stufe wie ich weiss, welches abermals ein iu"altes 
Perfektum ist und eigentlich ich habe gesehen bedeutet, ent- 
sprechend dem veda des Sanskrit, dem griechischen oUa 
und dem lateinischen vidi, nur dass das Erzeugthaben eine 
noch entferntere Ursache des Wissens ist als das Gesehen- 
haben. Aber hier wie dort wird nicht das Wissen selbst, 
sondern ein Erlebnis angedeutet, welches zum Wissen ge- 
führt und den Zustand der Wissenschaft möglich gemacht 
hat; ich kann und ich weiss sind blosse Voraussetzungen des 
Wissens. Und das nenne ich einen indirekten Ausdruck. 
Aber diese Mode, äusserliche Vorarbeiten fiir die nach- 
kommende Seelenthätigkeit zu setzen, beherrscht die ganze 
Psychologie. Wir sagen, dass wir uns etwas vorstellen, eine 



— 185 — 

Meinung verstehen, eine Sache hegreifen, eine Geschichte 
überlegen. Dergleichen Ausdrücke sind nicht gerade bildlich, 
aber sie machen Thätigkeiten namhaft, die bloss Mittel 
zum Zwecke sind, und verlieren die Funktionen der Seele 
über Präliminarien, die auf ein exaktes Wissen abzielen, 
ohne das Wissen selbst zu sein. Das Leben und Treiben 
unserer Seele ist den Menschen ein Geheimnis, sie haben 
Worte für alles, wodurch das Denken vorbereitet wird, 
aber sowie sie an die Grenze des unentdeckten Landes 
kommen, geht ihnen der Atem aus. Sie haben den guten 
Willen, vom Geist zu reden, aber sie tappen wie im Finstern; 
sie möchten fliegen und können nicht. Wenn ich mir einen 
Stuhl vorstelle, wenn ich ihn vor mich hinstelle, so dass 
ich ihn recht genau sehen und mir seine Konstruktion ein- 
prägen kann, so ist das ganz zweckmässig und ganz im 
Geiste der empirischen Naturforschung. Aber ich hole den 
Stuhl doch nur deshalb, um ein Bild von ihm in meine 
Seele zu bekommen und um mir den Stuhl innerlich vor- 
. stellen zu können. Wie? Was ist das? Muss ich hier 
wieder vorstellen sagen? — Freilich; für die stille Funktion 
der Seele oder des Gehirns, kraft deren ieine Anschauung 
reproduziert wird, fehlt uns eben jegliches Verständnis, wir 
kommen wie Blödsinnige immer wieder auf das materielle 
Vorstellen zurück. Oder was heisst das: ein Ding verstehen? 
Doch wohl dasselbe, was das griechische kTtlarafxai besagt 
— dass wir durch das Hintreten vor ein Ding und durch 
langes Stehen vor demselben, dass wir dadurch dem Dinge 
auf den Grund kommen — wie wir ja auch sagen: hinter 
etwas kommen. Jeder Forscher steht in diesem Sinne lange 
und prüfend vor seinem Gegenstand, bis er ihn endlich 
versteht — aber es ist doch kläglich, dass wir in der Sprache 
den Anfang für das Ende und das elementarste Vorstudium 
für die Blüte der Erkenntnis halten. Wir überlegen uns eine 
Geschichte, das heisst, wir wenden sie um und um, drehen 
sie hin und her, wie ein Stück Kattim, das wir kaufen 
wollen und von dem wir eine Seite über die andere legen. 



— 186 — 

Es ist wirklich das, was etwa bei der Prüfung eines Planes 
zu geschehen pflegt, aber das Geistige daran, das Hin- 
und Herschwanken der Seele, entgeht uns, es klingt, 
als ob wir leblose Automaten wären. Und so begreifen wir 
die Wahrheit wie Isaak seinen Sohn, wir erfassen sie wie 
einen Zipfel, wir erwägen sie wie ein Pfund; penser und peser 
ist im Französischen identisch , das eine wie das andere 
kommt von dem lateinischen pensare, welches selbst schon 
die doppelte Bedeutung des Wagens und des Abwägens 
oder Erwägens hat. 

Neben solchen halb bildlichen Wendungen gehen die 
allgemeinsten, ungenauesten und vagsten Ausdrücke neben- 
her. Ausdrücke wie erinnern — empfinden, das ist entfinden 
— vergessen, das ist verlieren, das Gegenteil zu dem eng- 
lischen to get, erhalten — wahrscheinlich bedeutet auch das 
lateinische oUivisci einfach verloren haben, nicht ein Ding auf 
der Tafel des Gedächtnisses ausstreichen oder überstreichen, 
wie etwas Geschriebenes (oblinere). Es steht schlimm um 
die Psychologie: der Philosoph hat hier alles, alles neu zu 
machen, er verkündigt wie der Apostel Paulus einen unbe- 
kannten Gott, er erzählt von einer Seele, von der das Volk 
so gut wie gar nichts weiss. Man darf das noch keinen 
Materialismus nennen, denn der Materialismus hat doch 
wenigstens ein Gehirn, während sich die Psychologie des 
Volkes um das Gehirn nicht viel mehr als um eine imkör- 
perliche Seele kümmert. Sie geht über die äusserlichsten 
und unwesentlichsten Erscheinungen des Seelenlebens nicht 
hinaus und sie spricht noch eher von einem Herzen und von 
einem Eingeweide, als von einem Grehirn. 

Und nun wird der geneigte Leser genügend vorbe- 
reitet sein, um das zu vernehmen, worauf wir eigentlich 
hinauswollen. Die Natur selbst scheint sich in Metaphern 
zu gefallen und über grobsinnliche Ausdrücke nicht hinweg- 
zukommen. Ich sage, scheint: denn was wir Natur nennen, 
ist doch nur Wirkung einer dunkeln Phantasie, die unser 
Wesen leitet Aber was es auch sei, die Thatsache steht 



— 187 — 

fest, dass nicht bloss die volkstümliche Psychologie die 
Erscheinungen des Seelenlebens ganz verballhornt, sondern 
dass auch unser eigner Körper, wenn er auf diese Er- 
scheinungen reagiert, ausnehmend ungeschickt ist und unter 
seinem Gegenstande bleibt. Ich meine die Reflexerschei- 
nungen, die durch gewisse Empfindungen und Gefühle her- 
vorgerufen werden, wie Lachen und Weinen. 

Alle unsere Thränen, Seufzer, Schreie und Jauchzer 
sind Reaktionen, die auf Reize zu erfolgen pflegen. Auf 
Reize, die von aussen an uns herantreten und wie kleine 
Feinde den Organismus aus seiner Ruhe aufstören. Um 
ein einfachstes Beispiel anzuführen: wenn uns etwas ins 
Auge gekommen ist, so fängt es an zu thränen. In diesem 
Falle ist die Reaktion eine natürliche und zweckentspre- 
chende; denn unsere Thränen haben die Bestimmung, den 
Augapfel zu reinigen und die Mücke oder was uns sonst 
belästigt wieder hinwegzuspülen, wie man bei Häfen die 
Schleusen öffnet, um Versandungen wegzuspülen. Bekannt- 
lich weint der Mensch in geringem Masse beständig, indem 
fortwährend Thränen abgesondert werden, um die Ober- 
hautschüppchen von der Bindehaut und Hornhaut wegzu- 
spülen und die letztere durchsichtig zu erhalten. 

Aber die Erfahrung lehrt, dass eine reale Ursache nicht 
immer vorzuliegen braucht, um die Reaktion auszulösen: 
oft genügt die blosse Vorstellung der Störung. Man erzählt 
von einem Schüler Boerhaves, der alle Krankheiten der 
Klinik selbst bekam und die Medizin an den Nagel hängen 
musste, weil er einen solchen praktischen Kursus nicht 
aushalten konnte. Wir alle haben etwas von diesem Stu- 
denten, denn unsere Einbildungskraft wirkt Wunder, wir 
schlagen uns mit Himgespinnsten und Phantasiebildem 
herum. Die Furcht erbleicht lange vor der Schlacht*) und 

*) Sie thut auch noch etwas anderes, wie alle Soldaten wissen. Bei 
grossem Schrecken erschlaffen die Schliessmuskeln des Afters, es erfolgen 
unwillkürliche Entleerungen von Harn und schlechtbereiteten Fäkalstoffen , die 
besonders übel riechen. Plutarch erzählt das von Aratus (Kapitel 29), Descuret 



— 188 — 

die Keuschheit errötet bei einem Wort. Nehmen wir an, 
Heine habe im Traum geweint, weil ihm träumte, dass ihm 
etwas ins Auge gekommen sei. Die Phantasie ist wahrlich 
eine verhängiüsvoUe Gabe, die unsere Schmerzen verdoppelt 
und verdreifacht, steigert und verlängert. 

Was werden wir nun sagen, wenn dieselbe Maschine 
nicht bloss auf die Vorstellung der natürlichen Störung, 
sondern auch auf ganz und gar andere, allgemeine Ein- 
griffe, auf schwere Verluste und Unglücksfälle in der alten 
Weise reagiert, als ob sie nur lokale Schmerzen hätte? 
Wenn unser Auge, sonst nur gewohnt, bei Anwesenheit 
eines Stäubchens oder einer Mücke zu schmelzen, bei einer 
Hiobspost überfliesst, 

wie Arabiens Bäume thaun 

von heilungskräffgem Balsam? — 

Was werden wir sagen? — Dass es eine neue Gelegenheit 
ist, sich zu verraten, sich kundzugeben, dem Beobachter 
die innersten und unsichtbarsten Vorgänge zu erschliessen. 
Unsere Thränen sind ein handgreiflicher Beweis för 
die absolute Unfähigkeit des Menschen, in Sachen der 
Psychologie über die nächstliegenden sinnlichen Eindrücke 
hinauszukommen. Wir können sie Metaphern nennen, die 
sich von Generation zu Generation forterben und gleich 
wirklichen Metaphern nachgesprochen werden; aber sie 
verraten doch weniger den Erfindungsgeist als die Furcht 
des Organismus, sich in etwas Höheres hineinzudenken. 
Die Thräne, nach dem Worte des Dichters 

dem Menschenangesichte 
So lang er lebt, ein köstliches Geschmeide, 
In dessen feuchtem Wunderglanz sich gerne 
Der Himmel spiegelt und der Glanz der Sterne, 



vom Marschall Luxembourg (Medeäne des patsions^ Band 11. Seite 64), der 
Simplicissimus (Ende des I. Buches) und Casanova (Memoiresy Tome III., Chapitre 3) von 
sich selbst. Auch das Hermelin ergiesst in der Angst eine stinkende Feuchtig- 
keit aus den Schwanzdrüsen. Daher der derbe Ausdruck für einen Feigling: 
Hosenscheisser, Läuft das nicht auf eine Verteidigungsmassregel der Natur hinaus? 



— 189 — 

ist doch nur ein Tropus des in uns wirkenden Lebens- 
geistes, der ein grosses, persönliches Leiden lokalisiert, weil 
er es nicht anders fassen und fühlen kann. Man wende 
nicht ein, dass das Weinen in Leid und Freude eine rein 
mechanische Sache sei, weil der Thränenapparat durch 
Nerven in so naher Beziehung mit dem Gehirne stehe, 
dass durch Gemütseindrücke leicht eine vemvehrte Ab- 
sonderung und ein Überlaufen der Thränen über die Augen- 
ränder zustandekomme; warum würde denn da bei ande- 
ren heftigen Gemütseindrücken nicht geweint? Nein, nein, 
dahinter steckt eine naive Poesie. Von dem Geiste, der in 
uns wohnt, der wohl im Traume Domen und Skorpione 
daraus macht, wird der Schmerz gleichsam in ein Stäub- 
chen übersetzt, das ins Auge gekommen ist: der Organis- 
mus versucht es beinahe kindisch hinwegzuspülen. Ich 
weiss nicht, ob es wahr ist, dass auch gewisse Tiere, 
Hirsche, Seehunde und Delphine im Todeskampfe weinen 
und ohne Laut, aber mit einer Thräne im Auge zusammen- 
sinken: beim Homer weinen bekanntlich die unsterblichen, 
von Weltschmerz ergriffenen Rosse des Achill. Das würde 
nur beweisen, dass diese edlen, menschenfreundlichen Ge- 
schöpfe auch unsere Sprache reden. Und wie merkwürdig! 
Sobald der Schmerz zu gross, zu furchtbar und unerwartet 
ist, versagt unsere Bildlichkeit und der Geist steht gleich- 
sam eine Weile still: das Lachen ist uns nahe: wir ver- 
mögen es nicht nach unserer Art zu fassen, wir könnens nicht 
überwinden. Wenn wirs können, fliessen auch die Thränen. 
Dieses Prinzip der psychologischen Metaphern, deren 
Wahl von lokalen Nerveneinflüssen abhängen mag, ist für 
dcLs Verständnis des organischen Haushalts von der höchsten 
Wichtigkeit: auf ihm beruhen alle Naturlaute und Lebens- 
äusserungen, die durch mehr als bloss physische Reize 
hervorgerufen werden. Die physischen Reize liefern das 
Tertium comparationis. Wie wir den Schmerz beim Weinen 
in eine materielle Störung des Auges übersetzen, so sehen 
wir ihn ein andermal unter dem Bilde einer drückenden 



— 190 — 

Last, ein drittes Mal unter dem Bilde eines Feindes, den 
wir erweichen, ein viertes Mal unter dem Bilde eines dro- 
henden Ungeheuers an, das wir verscheuchen wollen. Der 
Mensch seufzt von Natur, wenn ihm ein wirklicher zentner- 
schwerer Stein die Brust beklemmt und die Lunge am 
Atmen hindert; er seufzt aber noch viel öfter aus Kummer 
oder aus Liebesschmerz, der ihm toie ein Stein auf dem 
Herzen liegt Der Mensch klagt und jammert von Natm-, 
um einen grausamen Gregner zum Mitleid zu bewegen und 
ihn durch die rührenden Laute umzustimmen; er klagt aber 
auch am Sarge eines Toten, wo kein Gregner zu sehen ist, 
indem er sich an das unerbittliche Schickssd wendet Der 
homerische Krieger schreit, wenn er auf der Walstatt 
vom Speer getroflFen wird — er will gleichsam den Feind 
durch seinen lauten Schrei erschrecken und verjagen; aber 
wir alle schreien auf, wenn uns eine furchtbare Nachricht 
überrascht, als verfolgte uns Diomedes. Es ist dieselbe 
Manier, mit der wir in der Freude und Verwunderung die 
Hände zussunmenschlagen , weil wir ims des unverhofft 
kommenden Wunders erwehren wollen. Weshalb steckt 
ein Bauemkind, wenn es einen Fremden erblickt, seinen 
Finger in den Mimd und verbirgt sich hinter der Schürze 
seiner Mutter? Weshalb kratzt sich der Verlegene am 
Kopfe oder mit dem Rücken der rechten Hand die Bart- 
stoppeln gegen den Strich? Weshsdb räuspert er sich, wes- 
halb kaut er an der Feder, weshalb dreht er sein Taschen- 
tuch um und um? — Luther wischte, wenn er in Erörte- 
rungen kam, wie der Japaner beim Grrusse, mit der Hand 
über seine Knie, dieser Gestus war ihm eigen — Turgenjews 
MeirkelofiF stiess bei derselben Gelegenheit den Zeigefing-er 
vor sich hin. Überall die Tendenz, den unsinnlichen Reiz 
zu versinnlichen, gleichsam verständlich zu machen und 
nun dagegen zu reagieren: wie Schulmeister halten wir 
uns an das Konkrete, um dem Abstrakten beizukommen. 
Wie ein Vogel, dem die Flügel gebunden sind, fallt 
die Seele immer wieder auf die Erde und in die- Sinnlich- 



— 191 — 

keit zurück. Wir möchten Gott und die Welt anklagen, 
und wir weinen; wir möchten einen guten Einfall haben, 
und wir kratzen uns am Kopfe; wir lesen die Knallerbsen, 
und wir soUen und müssen lachen. Wir lachen nach einer 
Bemerkung des Aristoteles nicht vor dem vierzigsten Tage 
unseres Lebens; aber wenn wir es dann können, so thun 
wir es nicht, ohne sozusagen einen Kitzel des Gedankens zu 
empfinden — ein ebenso gewöhnliches wie lehrreiches Bei- 
spiel psychologischer Übertragungen. Über unsere Achsel- 
höhlen oder über die Fusssohlen läuft ein sonderbarer Reiz, 
eine leicht hinstreichende Berührung, die, wechselweise her- 
vorgebracht und unterbrochen, zwischen Sein und Nichtsein 
gewissermassen schwankend, die Empfindungsnerven neckt 
und das Zwerchfell erschüttert. Einen analogen Reiz ruft 
im Verstand das Lächerliche hervor, indem es ihn fast 
gleichzeitig auflichtet und niederdrückt und aus dem Ge- 
fühl seiner Überlegenheit unversehens in das Gefühl seines 
Nichts überspringen lässt. Sei es, dass die Natur durch 
Zufall das Widersprechende verknüpft; sei es, dass der Witz 
wie ein gewissenloser Priester jedes ihm vorkommende 
Pärchen traut: immer sind wir für einen Augenblick die 
Düpen des Spassmachers — aber unmittelbar darauf durch- 
blitzt uns etwas wie unsere eigene Ungereimtheit — wir 
yersuchens noch einmal und gehen abermals in die Falle, 
dann besinnen wir uns wieder — so werfen wir unsem 
Irrtum gleich einem Balle in die Höhe und fangen ihn 
wieder auf, um ihn abermals auszuwerfen; bis wir dann, 
gleichsam im Gehirn gekitzelt, zu lachen anfangen, halb 
über die eigene, halb über die fi-emde Dummheit — zu 
lachen wie Lear oder wie Hannibal in ihrem gerechten 
Schmerze. Nur muss uns hierbei die Wahrheit aufgehen 
wie ein Licht; darum lachen wir nicht, wenn wir in dem 
alten Kasten der Schule langsame und regelrechte Fort- 
schritte auf der Strasse der Erkenntnis machen, aber wohl, 
wenn wir uns des Abends mit den Gästen im Schaukel- 
stuhle wiegen, die Geister, die Wortspiele, die guten Witze, 



N 



1 



— 192 — 

die Puns und die Quibbles wie Raketen aufeinanderplatzen 
und die Nasenflügel sich heftig bewegen, weil alles Schel- 
merei treibt 

Vielleicht dass man da auch einmal die psychologischen 
Metaphern des Menschen zum Lachen fände. Er gleicht 
dem Papierdrachen, der nur soweit steigt, als der Bindfaden 
in der Hand des spielenden Knaben reicht; er ist wie ein 
Fisch, der sich höchstens auf einen Augenblick über den 
Spiegel des Wassers emporzuschnellen und den wahren 
Himmel und die wahre Erde im Fluge zu sehen vermag, 
aber gleich wieder untertaucht; 

Er scheint mir, mit Verlaub von Ew. Gnaden, 

Wie eine der langbeinigen Cicaden, 

Die immer fliegt und fliegend springt 

Und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt! — 

Es ist das alte Liedchen von den Sinnen, von sinnlichen 
Reizen, von sinnlichen Erfahrungen, von sinnlichen Thätig- 
keiten, das kein Wort für die Seele hat. 

Wer darf sagen, er glaube an keine Seele? Sie ver- 
birgt sich wie ein Künstler hinter ihrem Werk! Aber 
spricht die Seele, so spricht, ach, schon die Seele nicht mehr. 



— 193 — 



III. Der Kuss. 

Wie Lude sich die Weltsprache denkt — er kann sich auf ShiJcespeare berufen 

— nachdem wir gesehen haben, dass die natürlichen Mienen und Geberden auf 
bestimmte Reize hin erfolgen, müssen wir nach dem Grunde fragen, der uns 
treibt, diese Reize hervorzubringen — dieser Grund ist das Gefühl, das uns eine 
Person einflösst — jedes Gefühl hat wieder seine spezifischen Geberden, zum 
Beispiel die Liebe den Kuss — das Präludium des Beischlafs — die geschlecht- 
liche Liebe ist egoistisch und hat wenig von der wahren Liebe, die selbstlos 
und nur auf das Wohl des andern bedacht ist — der Kuss ein Vorschmack 
und eine Probe des Beischlafs, und wie dieser ein egoistisches Vergnügen — 
der Küssende küsst sich gleichsam selber, wie Philine, die Kusshändchen austeilt 

— Übertragung des Liebeskusses auf Freunde und Verwandte — der Kuss von 
dem Mimd auf untergeordnete Teile übertragen — seit den ältesten Zeiten grüsste 
man die Gestirne durch einen Kuss auf die eigene Hand — die Kusshand bei 
der Adoratio der Römer — den Göttern und Kaisern werden die Knie, die 
Füsse, die Kleider, die Schuhe geküsst — die drei Stufen des Kusses: der 
Liebeskuss der geschlechtlichen Liebe, der der Ekel; der Kuss der wahren 
Liebe, der der Hass; der Kuss der Hochachtung, der der Stolz und die Ver- 
achtung entgegengesetzt ist — alle drei Stufen in Christus vereinigt — eine 

vierte Stufe: das Küssen der Verstorbenen. 

In einem Witzblatte war neulich zu sehen, tvie Lude 
sich die Weltsprache denkt, mit der man sich Überall mündlich 
verständigen kann: er küsst die Kellnerin. Lude kann sich 
wegen dieser Auffassung auf Shakespeare berufen, der 
ganz denselben Gedanken Edmund Mortimer in den Mund 
legt: er kann kein Welsch und versteht Glendowers Tochter 
nicht, während Lady Mortimer umgekehrt kein Englisch 
kann und Mortimer nicht versteht; da tröstet er sich damit, 
dass er ja ihren Kuss und sie den seinigen verstehe, und dies 

doch eine gefühlte Unterredung sei (König Heinrich der Vierte. Erster 

Teil, ni, i). Auch ist ja der Gedanke recht natürlich, der 
Kuss ein Weltwort, das überall gebraucht wird, einer un- 
umwundenen Liebeserklärung gleich; für lieben und küssen 
hat die griechische Sprache nur Ein Wort (cpilelv). Denn 
ich mu^s dir sagen, Sancho, falls du €S noch nicht weisst, dass 
die Handlungen und Geberden der Liebenden untrügliche Boten 
sind, welche Nachricht geben von allem, ' was im Innersten ihrer 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. 13 



— 194 — 

Seele vorgeht (Don Quixote II, lo). Solche Liebeszeichen machen 
nennt der Spanier Kokosnüsse machen ßacei' cocos), vielleicht 
wie wir sagen Lebkuchen austeilen oder Süssholz raspeln; und 
so wird auch Nannerl die süsse Kokosnuss, die sie von Lude 
auf den rosigen Mund bekam, nicht missverstanden haben. 
Ja, wenns nur ein Kuss auf die Stime oder aufs Haar ge- 
wesen wäre! Aber Nannerl weiss, dass so nur Freundschaft 
und ruhige Zuneigung und Mutterliebe küsst; die Liebe 
begnügt sich damit nicht. Seht doch, die Sprachkenntnisse, 
die sich da entpuppen! — Nur kommt uns dieser Dol- 
metscher des Gefühls ein wenig unvermittelt — wir sind 
nicht recht im Bilde — nehmen wir den Faden der Unter- 
suchung wieder auf. 

Wenn uns die Frau Gräfin die Hand reicht, so werden 
wir sie an unsere Lippen führen; wenn wir aber dabei in 
allzugrosser Zärtlichkeit zugreifen und ihr die langen, zarten 
Finger zusammendrücken, so schreit sie wie Aphrodite, da 
ihr Diomedes die Hand zersticht. Wenn die Mutter des 
Achilles nebelgleich aus den Tiefen des Meeres auftaucht, 
sich zu ihrem kummervollen Sohne setzt und ihn streichelt, 
gleichsam um ihm den Gram hinwegzustreicheln, wie ein 
unordentliches Haar: so macht sich das gepresste Herz in 
tiefen Seufzern und in strömenden Thränen Luft. Wenn 
der lüsterne Knecht die Bäurin unter den Achselhöhlen 
kitzelt, so lacht das verbuhlte Weib. Wenn wir die Dame 
unseres Herzens geistreich unterhalten, gute Witze machen, 
komische Gesichter schneiden, so lacht sie wiederum, weil 
wir sie geistig kitzeln. Ganz recht, das haben wir im 
Vorigen gelernt; aber wir werden jetzt gewahr, dass wir 
die Mienen und Geberden erst von einer Seite kennen. 
Wir wissen, dass einer schreit, wenn er getreten wird; 
lacht, wenn er gekitzelt wird — auch das wissen wir, dass 
dergleichen Reaktionen schon auf die blosse Vorstellung 
des Reizes und in übertragenem Sinn erfolgen. Aber, 
was treibt denn auf der andern Seite uns, zu drücken und 
zu treten, zu streicheln und zu kitzeln, zu herzen und zu 



I 

j 



— 195 — 

küssen? Der Grund, eine andere Person sanft oder unsanft 
zu berühren, dass der Mund verzogen und die ganze Skala 
der Naturlaute abgesungen wird? — Der Grund ist das 
GefuW, das uns diese Person einflösst und das sie ihrerseits 
nicht durch einen vorübergehenden Eingriff, sondern durch 
die Wirkung ihrer gesamten Gegenwart in uns hervorruft, 
das Gefühl der Liebe und des Hasses, der Furcht und des 
Vertrauens; welche Gefühle nun abermals ihre spezifischen, 
sprechenden Geberden auszulösen pflegen, wie die Liebe 
den Kuss. 

Wer erschöpft die vielfältige Narrentheidung der Ver- 
liebten? Ihr Äugeln und Händedrücken, ihr Hätschen und 
Tätscheln, ihr Patschen und Klatschen, ihr Kitzeln und 
Kritzeln, ihr Fingern und Umarmen, ihr Hin- und Her- 
wiegen, ihr Aufeinanderhocken und -bocken, ihr wollüstiges 
Beissen und das endlose Präludium des seligen Augenblicks, 
wo sich die Engel, um nicht neidisch zu werden, ihre 
Flügel vor die himmelreinen Augen halten? — Denn was 
ist der kurze Sinn des Spiels der edlen Minne? — Der 
Beischlaf; das ganze Liebesgetändel ist nur ein Ansatz 
zu diesem wichtigen Naturakt — immer hitziger, immer 
dringender wird die geschlechtliche Näherung, immer un- 
widerstehlicher der Trieb, sich zu vereinigen, immer deut- 
licher der Zweck der, man möchte sagen, qualvollen Pan- 
tomime, die nur auf einer grausamen Begierde wie auf 
brennendem Durst beruht; ist derselbe endlich erreicht, so 
wird das Ballett für eine Weile suspendiert, bis es wieder 
von vorne anfängt. Ist das Liebe? — Schwerlich; denn 
keiner von beiden Teilen will eigentlich dem andern etwas 
zuliebe thun — am ersten thuen sie noch der Natur etwas 
zuliebe, welche die Art erhalten will; aber persönlich liegt 
doch nur die Absicht vor, mit Hilfe des anderen die eigene 
wahnsinnige Brunst zu löschen: wenigstens gilt dies für 
den Mann, der die Frau nur liebkost, damit sie ihn ge- 
währen lasse — wie das Kind der Mutter schmeichelt, um 

einen Leckerbissen zu bekommen. Beim Weibe ist der 

13* 



— 196 — 

Geschlechtstrieb in der Regel minder heftig, und es kann 
wohl vorkommen, dass es sich nur aus Gefälligkeit, daneben 
aus Schwäche, gelegentlich aus Berechnung hingibt Die 
geschlechtliche Liebe, die vorzugsweise Liebe genannt 
wird, hat davon gerade am allerwenigsten; das Weib, wel- 
ches der Mann als solches liebt, ist für ihn nur ein kost- 
bares Werkzeug, einen Naturtrieb, für ihn einen völlig 
egoistischen Trieb, zu befriedigen. 

General Ollendorf, der Komtesse Laura auf die Schulter 
küsst, wird von ihr mit dem Fächer ins Gesicht geschlagen; 
jener Enthusiast, der Mrs. Bellemy angesichts des Hauses 
auf den Nacken küsste, erhielt gar eine Ohrfeige. Da 
hatten sie's; denn die echte Liebe ist schüchtern: der wahr- 
hafte Verehrer scheut sich, den letzten Saum des Gewandes 
zu berühren, das seinen Engel umgibt: Monsieur, sagte 
der berühmte französische Schauspieler Lekain zu einem 
Debütanten, der im Feuer der Leidenschaft seine Prinzessin 
beim Arm ergriff, Monsieur, si vems voulez paraitre passionne, 
ayez Vair de craindre de toucher la rohe de celle que vous aimez! 
— Das macht, dass es sich bei dieser Rolle noch um die 
erste, zarte, unaufgebrochene Blüte der Liebe handelt, die 
zu beleidigen, zu kompromittieren fürchtet; dass hier noch 
die wahre Liebe ist, mit der die Geschlechtsliebe bisweilen 
anfängt, ja die auch ab und zu, das soll nicht geleugnet 
werden, neben der geschlechtlichen Liebe wie eine himm- 
lische Schwester hergeht, obgleich sich die beiden Schwe- 
stern eigentlich nicht vertragen. Die wahre Liebe ist selbst- 
los, wie Mutterliebe, nur auf das Wohl des andern, auf 
eigenen Vorteil aber gar nicht bedacht, im Gegenteil im- 
stande, sich für den geliebten Gegenstand zu opfern; der 
echte Liebhaber setzt den Ruf seiner Dame über Gewinnst 
und Wollust, und wenn er den Minnesold begehrt, so ist 
es ihm noch weniger um den sinnlichen Hochgenuss, als 
um das höchste Liebesunterpfand zu thun, das ihm von der 
Geliebten gegeben werden kann. Die Geschlechtsliebe nährt 
eine Selbstsucht, wie sie aufs beste ist; sie ist wohl auch 



— 197 — 

auf das Wohl des andern Teils bedacht, aber in keinem 
besseren Sinne, als wie man auf das Wohl eines schönen 
Reitpferdes, das man ja auch streichelt und auf die Seiten 
klatscht, auf die gnte Erhaltung irgend eines nützlichen 
Gegenstandes bedacht ist: man freut sich seiner wie ein 
Türke seines Harems, der Verlust schmerzt uns nur um 
jenes Gliedes willen, das nach Salomos Sprüchen zu den 
drei unersättlichen Dingen gehört (XXX, 15). 

Und der Kuss? Er verkündet den heiligen Coitus, wie 
Bethlehem der Komet, doch gehört er nicht eigentlich zu 
dem Präludium, das wir oben geschildert haben, denn er 
ist nicht sowohl eine Vorbereitung zum Beischlaf, als viel- 
mehr ein Vorschmack und eine schüchterne Probe des 
Beischlafs selbst,*) daher sich auch Brautleute mehr küssen 
als Eheleute, die's nicht mehr nötig haben; und wie der 
Beischlaf ein egoistisches Vergnügen. Oscula quae Venus 
quinta parte sui nectaris imhuit. Dieser anmutige Vor- 
läufer eines grösseren Augenblicks, dieser süsse Wechsel, 
der auf zwei noch süssere Lippen gezogen wird, er wird 
doch nur von jedem der beiden Beteiligten apart genossen, 
so notwendig auch einer den anderen dazu braucht — sie 
scheinen ineinander überzufliessen, sie beissen sich, aber wenn 
man genauer hinsieht, so kommen doch die beiden feurigen 
Lebensströme, die sich im Kuss entgegeneilen, über den 
Damm der Lippen nicht hinaus, sondern müssen, am Rande 
derselben angekommen, wiederumkehren und in entgegen- 
gesetzter Richtung abwärts fluten. Eins ist nur im andern 
sich bewusst, und doch sind beide, wie zwei Elektrizitäts- 
leiter, isoliert; der verliebte Knabe, der mit seiner Gnädigen 
Frau im Rausche seiner Liebe von vom und von hinten 
schön thut, der sie nicht bloss auf den Mund, der ihr Hals 
und Nacken, Brust und Arme, Augen und Ohren, Taschen- 
tuch und Fächer küsst, der seiner Venus Kallipygos am 



*) Bei der sogar gelegentlich in raffinierter Weise die Zunge zu Hilfe 
genommen wird, was die Griechen xaTay).(OTTll^€iv nannten. 



— 198 — 

liebsten ihr unsterbliches Teil ableckte — der die Fischart- 
sche Regel gewissenhaft befolget: 

Rucken aus Brabant, Hand von Cöln, 

Den Ars aus Schwaben küsst ihr Geselln — 

er küsst sich fortwährend selbst — wie Philine hundert 
Kusshände austeilt, die wirkliche Küsse vertreten sollen, 
und doch nichts anderes küsst, als die Spitzen der eigenen 
Finger. 

Aber ein KjLisshändchen kann selbst zum Ausdruck 
einer reineren Liebe werden. Es wird zugeworfen, so oft 
man in der Lage ist, einen wirklichen Kuss nicht geben zu 
können; also zum Beispiel auch den Göttern und den er- 

j 

habenen Himmelskörpern. Seit den ältesten Zeiten grüsste 
man die Sonne, den Mond und die Gestirne mit einem 
Kuss auf die eigene Hand: habe ich jemals meine Hand ge- 
küsst, fragt Hiob, dem dies eine heidnische Sitte ist, im 
27. Verse des XXXI. Kapitels, wenn ich die liehe Sonne oder 
den Vollmond ansah? — Diese Ehre erwiesen die Babylonier, 
Phönizier und Hebräer Baal; auch die alten Römer führten 
die rechte Hand zum Munde, wenn sie bei einem Tempel 
vorüberkamen. Bei der eigentlichen Anbetung oder Ado- 
ratio"^) streckten sie die rechte Hand nach dem Götterbilde 
aus, küssten die Hand und warfen die Kusshand leicht 
vorwärts geneigt und mit halbgebogenem Knie der Statue 
zu, worauf sie sich um und um drehten, während bei der 
Oratio oder dem Gebet die Hände einfach zusammengelegt 
und nach den Göttern ausgestreckt wurden, die natürliche, 
schon von Homer erwähnte Bittgeberde: wir MenschenMfder 
alle, sagt Aristoteles, strecken unsere Hände gen Himmel aus, 
wenn wir heten (De Mundo vi). Und zwar wird in diesem Fall 

*) Altere Etymologen haben sogar das Wort adorare auf die obligate 
Kusshand zurückgeführt und gemeint, es heisse eigentlich: (die Hand) twn 
Mtmde führen, (manum) ad os admovere. Dies ist irrig : orare hängt allerdings 
mit OS, wie jurare mit jus zusammen, bedeutet aber sprechen, dann besonders 
öffentlich sprechen (oratio, orator), und in religiösem Sinne %u den Göttern spre- 
chen, beten (adorare, exorare). 



— 199 — 

die Kusshand gewiss nicht den Kuss auf den Mund, sondern 
etwa den Fusskuss, das demütige Küssen des Gewandes, 
der Schuhe, ja des Bodens, auf dem die Gottheit steht, be- 
deutet haben, sintemal man auch in der Kaiserzeit, als die 
Sitte einriss, die römischen Kaiser wie Götter zu odorieren, 
vor ihnen niederfiel und ihnen Füsse imd Knie küsste. 
Der Kuss ist zunächst eine Sache, die zwischen Mann 
und Weib ausgemacht wird; indem man sothane Geberde 
bei Freunden und Verwandten beiderlei Geschlechts wieder- 
holt, ohne an etwa Geschlechtliches zu denken, wird der 
Kuss zum Ausdruck der Liebe und Freundschaft über- 
haupt; indem man sie endlich auf Körperteile überträgt, 
die zum Liebesgenuss gar nicht dienen, weil man sich der 
Liebe des Geküssten gar nicht wert erachtet und sich dem- 
gemäss an indifferente, ja untergeordnete Glieder desselben 
wendet, wird der Kuss zum Zeichen der Hochachtung und 
der Demut, die zu allermeist für den Verkehr des Menschen 
mit seinem Gott massgebend ist. Das Wort Beligion be- 
deutet den frommen Skrupel, die ehrfurchtsvolle Scheu vor 
der Gottheit. Beligio est, quae superioris cujusdam naturae, 
quam divinam vocant, curam caerimoniamque affert (Cicero). Ein 
höheres, ein allmächtiges Wesen waltet über uns, bald 
schrecklich und bald gnädig, aber immer als ein König 
von unerreichbarer Majestät. Wenn wir uns jemand gegen- 
über klein fühlen, so ist es der Gottheit gegenüber; wenn 
uns ein Gedanke unwillkürlich zu Boden drückt, so ist es 
der Gedanke an die Gottheit Unwillkürlich falten wir die 
Hände: es ist die Geberde des Wehrlosen, der den Sieger 
um Gnade fleht. Moses, da Jehova mit ihm redet, verhüllt 
sein Angesicht; er zieht seine Schuhe aus, denn der Ort, 
da er aufsteht, ist ein heiliges Land. Er steht, er beugt 
sein Knie, er wirft sich nieder und berührt mit dem Kopf 
die Erde, eine orientalische Sitte, die auch in der Bibel 
vorkommt (i. Könige xviii, 42): noch heute beten die Juden 
stehend, auch die alten Griechen und Römer standen beim 
Gebet und erhoben beide Hände flach gen Himmel, wie 



— 200 — 

ein Redner; die ersten Christen standen ebenfalls, breiteten 
aber die Arme aus, um die Kreuzesform nachzuahmen. 
Wir alle schwören stehend und erheben die rechte Hand: 
ich erhöh meine Hand ist ebensoviel, wie ich schtour im Alten 
Testament. Und bei aller Ehrfurcht küsst der Mensch 
seinen Gott, wenn auch furchtsam und im Staube — beim 
Sonnenaufgang wirft er dem ewigen Lichte eine Kusshand 
zu — und beim Ausbruch des Gewitters, bei krachenden 
Donnerschlägen spricht er: 

Wenn der uralte 
Heilige Vater 
Mit gelassener Hand 
Aus rollenden Wolken 
Sengende Blitze 
Über die Erde sät, 
Küss' ich den letzten 
Saum seines Kleides, 
Kindliche Schauer 
Treu in der Brust 

Goethe, Grenzen der Menschheit. 

Damach lassen sich also beim Kusse gleichsam drei 
Stufen unterscheiden: auf jeder derselben verdolmetscht er 
ein spezifisches Gefühl, dem jedesmal ein anderes Gefühl 
mit anderen Geberden gegenübersteht. Die erste Stufe, 
die natürliche Grundlage und Quelle aller Küsse, ist der 
geschlechtliche Liebeskuss, diese Anticipation des Bei- 
schlafs. Er entspringt jener unerklärlichen, natürlichen 
Sympathie, die man im engeren Sinne Liebe nennt und 
der eine ebenso unerklärliche Antipathie, der geschlechtliche 
Widerwille entgegengesetzt ist; denselben Mann, der hier 
Feuer und Flamme ist, überkommt wohl dort ein derartiger 
Ekel, dass er ausspeit, als ob er sich übergeben müsste. 
Die zweite Stufe ist der Kuss der wahren, uneigen- 
nützigen Liebe, die wir oben von der sinnlichen Liebe 
abgesondert haben und die am reinsten in der Mutterliebe 
und in der Freundschaft zutage tritt. Dieser Liebe, die den 
geliebten Gegenstand um seiner selbst willen zu erhalten 



— 201 — 

strebt, und die an ganz anderen Früchten als an Küssen 
zu erkennen ist, steht der Hass entgegen, der darauf aus- 
geht, den Todfeind zu vernichten — wäre der Mensch nicht 
durch Gesetze und Herkommen gebunden, so würde er ihn 
in der That vernichten, vergiften, verderben, zertreten, 
morden oder morden lassen: Tyrannen und alle, die sich 
kein Gewissen daraus machen, haben dies oft genug gethan; 
und wenn es ihnen nicht gelang, so suchen sie den Un- 
glücklichen wenigstens mit Blicken zu durchbohren, mit 
Worten zu erdolchen, mit Ohrfeigen zu traktieren, sie 
ziehen nur die natürliche Konsequenz des tödlichen Ge- 
fühles. Nur weil diese Konsequenz so häufig nicht gezogen, 
der glühende Hass zurückgedrängt und auf Umwegen be- 
ftiedigt werden muss, entsteht jene düstere Miene, jene 
Bleichheit, jene allgemeine Magerkeit, die verhaltene Lei- 
denschaften charakterisiert, die Wange gelb und grün, des gif- 
tigen Neides sichtharliche Strafe; denn die eigentlichen Geber- 
den des Hasses sind die Thaten; von andern Beziehungen, 
von einer Bildlichkeit, einer Analogie zwischen dem Gefühl 
und seinen Äusserungen entdecke ich ebensowenig eine 
Spur, wie bei der Liebe. Les Haines sont si longues et si opi- 
niätres, sagt Labruy^re, qtie le plus grand signe de mort dans 
un komme malade, c'est la reconcüiation. Dann reicht man sich 
die Hand, und es folgt der Versöhnungskuss. Endlich die 
dritte Stufe ist der hochachtungsvolle Kuss, der gar 
nicht auf den Mund, sondern auf die Hand und den Fuss, 
wenn nicht, wie bei dem Teufel, auf den Hintern gegeben 
wird — die Hochachtung, die sich ängstlich zusammen- 
nimmt, die, wie Machiavelli bei der Lektüre der alten 
Klassiker, Feierkleider anzieht, die sich fireiwillig verkleinert 
und erniedrigt, auf die Knie fällt und sich in den tiefsten 
aller Stäube wirft, reicht nicht bis zu den Lippen ihres 
Gottes, sie küsst den Saum des Kleides; ihr steht die Ver- 
achtung und der Stolz entgegen, der sich in die Brust 
wirft wie ein Adler, wenn er mit kühn blitzendem Auge, 
gesträubten Nackenfedern und halb gelüfteten Schwingen 



— 202 — 

auf seiner Beute steht und sein Siegesgeschrei ausstösst; 
der überall voran und durch die mittlere Thüre geht; der 
dem vornehmsten Mann den Rücken kehrt, und lebt er 
mit ihm zusammen, keine Rücksicht nimmt, sich vor ihm 
gehen lässt, ja, sich vor ihm, wie der Römer vor seinem 
Sklaven entblössen würde, denn er ist ihm Luft. 

Wollen wir eine Person, die alle diese drei Stufen -in 
sich vereinigt, so nehmen wir Christus, des Menschen und 
Gottes Sohn. Tausend fromme Nonnen und heilige Katha- 
rinen hat es gegeben, denen Christus ihr himmlischer Bräu- 
tigam gewesen ist und die im Traum oder in der Ekstase 
von ihm besucht, umarmt und geküsst worden sind, ein 
Liebeskuss voll wollüstigen Verlangens und voll sinnlicher 
Glut, wenn irgend einer sonst. Den Kuss der Freundschaft 
und der ruhigen Zuneigung hat Christus bei Lebzeiten 
empfangen und gegeben, das beweist der Judaskuss, der, so 
falsch er war, dennoch die treue Liebe des Jüngers be- 
weisen sollte, sonst hätte er ja gar keinen Sinn gehabt 
Endlich dem Erlöser, dem Sohn Gottes küsste bereits 
Maria Magdalena die Füsse, als sie dieselben salbte (Lucä 
VII, 38); und diese Ehre wird dem Heiland von seiner Ge- 
meinde bis auf den heutigen Tag in seinen Bildern er- 
wiesen: dem Michelangelo'schen Christus in Santa Maria 
sopra Minerva zu Rom sind die Zehen ganz abgeküsst, so 
gut wie der alten Statue des Apostels Petrus in der Peters- 
kirche. 

In der alten Kirche wurden, wie dies noch heute bei 
den griechischen Katholiken üblich ist, die Toten zum Ab- 
schied und zum relevTalog danaofibg geküsst. Man könnte 
das eine letzte und vierte Stufe nennen: der Kuss der 
Liebe auf bleiche Lippen, die nimmermehr erwarmen — 
das geht noch über den demütigen Kuss hinaus, den wir 
einem höheren Wesen auf seinen Pantoffel geben, der aber 
doch empfunden und angenommen wird. Hu! Du schiebst 
Deine Brote in einen kalten Backofen! — sagte der Schatten 
Melissa's zu ihrem Gemahl, Periander von Korinth, als sie 



— 203 — 

ihm in dem Totenorakel am Acheron in der Landschaft 
Thesprotia erschien. Er hatte der Leiche des geliebten, 
in der Eifersucht ermordeten Weibes ehelich beigewohnt 

(Herodot V, 92, 7). 



VI. Die Selbstbeherrschung. 

Die diplomatische Miene des Tiberius, die unveränderte Miene des Marc Aurel 

— die Apathie der Stoiker — die alten Germanen sinken lachend in die Arme 
des Todes, die Indianer singen am Marterpfahle lustige Lieder — wir kaufen 
das Lachen und bestellen die Heiterkeit: die Sandwichmänner in Paris — im 
Dreissigjährigen Kriege lacht der Hauptmann nur am Sonntag, der Weltum- 
segler Cook lacht nur Sonnabend abends — Krokodilsthränen — die Welt ein 
grosses Schauspielhaus, die ganze Natur auf den Kopf gestellt — die Gewalt, 
welche wir über unsere Mienen und Geberden haben, äussert sich bald in nega- 
tiver, bald in positiver Weise, jenachdem wir sie unterdrücken oder reproduzieren 

— das Reich Monomotapa niest — Unterschied zwischen dem falschen Geberden- 
spiel in der (xesellschaft imd dem Spiel des Mimen im Theater — die Frauen 
überschauspielem Adrienne Lecouvreur und Rachel F61ix — die Menschen wollen 
beobachtet werden, thuen aber so als ob sie nicht beobachtet werden wollten — 
wenn die Absicht, eine künstlich reproduzierte Miene sehen zu lassen, einge- 
standen wird, entsteht eine höhere Form der Sprache ohne Worte — Schluss 

des ersten Buches. 

Denn wenn mein änssres Thun je offenbart 

Des Herzens angeborne Art und Neigung 

In Haltung und Geberde, dann alsbald 

Will ich mein Herz an meinem Ärmel tragen 

Als Frass fttr Kiüh'n. Ich bin nicht, was ich bin! — 

Jago in Sbakenpeares Othello (I| 1). 

Tacitus kennzeichnet die künstliche, verstellte, diploma- 
tische Miene des Tiberius mit dem treffenden Ausdruck: 
Vidtus jussus, Miene auf Kommando. Der Kaiser hatte 
seine Gesichtszüge in seiner Gewalt, er beherrschte sie wie 
die Römer, sie mussten gleichsam nach seiner Pfeife tanzen. 
Dieser gekrönte Heuchler war das Muster eines Diplo- 
maten der alten Schule, die es als ein Standesprivilegium 
betrachtete, zu lügen und zu täuschen und mit ihren Ab- 
sichten hinterm Berg zu halten — Diplomaten sind immer 
Meister in der Kunst gewesen sich selber zu beherrschen) 



— 204 — 

erst neuerdings sehen sie ein, dass sich auch mit Offenheit 
und Freimut etwas erreichen lässt. Aber auch der Nicht- 
diplomat strebt darnach, seine Mienen und seine Geberden 
in seiner Gewalt zu haben: darauf beruhte die sogenannte 
Apathie der Stoiker, ihre Leidenschaftslosigkeit und Un- 
empfindlichkeit, kraft deren sie sich nicht bloss von den 
natürlichen Trieben und Gefühlen, sondern auch von den 
natürlichen Zeichen derselben emanzipieren wollten; wenn 
es wahr ist, was Julius Capitolinus von einem andern rö- 
mischen Kaiser, dem trefflichen Marc Aurel erzählt — dass 
er seine Miene niemals verzogen habe, weder in der Freude 
noch im Schmerz: erat tantae tranquiUitatis , ut vuUum nwm- 
quam mutaverit moerore vel gaudio: so verdankte er diese un- 
störbare Ruhe seiner stoischen Philosophie. Und selbst 
unter uncivilisierten Völkern finden sich Spuren einer wil- 
den Tapferkeit, die, weil der Natiu" zuwider und nur aus 
Trotz angenommen, immerhin als eine Art Heuchelei be- 
zeichnet werden muss. Die homerischen Krieger haben 
noch geschrieen und geweint; aber von den alten Dänen 
heisst es, dass sie einen Krieger ehrten, der den Tod nicht 
fürchtete, sondern ihn lachend kommen sah. Der nordische 
Högni lacht, als man ihm das Herz ausschneidet; lachend 
stirbt Ragnar Lodbrok, der mit Schrecken in den Mönchs- 
chroniken genannte Wikingerkönig, in Britannien den Tod 
unter Schlangen. Auch von den amerikanischen Indianern 
wird erzählt, dass sie, von Kindesbeinen an gewöhnt, 
Schmerzen lautlos zu ertragen, am Marterpfahle unter den 
ausgesuchtesten Qualen schauerlich lustige Lieder sangen, 
des grausamen Feindes spottend. Endlich in unseren Zeiten, 
wo die Sitten milder geworden sind, sinken wir zwar nicht 
mehr lachend in die Arme des Todes, wie die Helden 
Odins, dafür wird die Natur in anderer Weise gemeistert 
und abgerichtet — man kauft das Lachen, man bestellt 
die Heiterkeit, um Reklame damit zu machen; und es fällt 
mir eben eine Gruppe Sandwichmänner ein, die man im 
letzten Oktober auf den pariser Boulevards sehen konnte. 



— 205 — 

Ein Sandwichmann ist ein armer Teufel, der mit je einer 
Anzeigetafel auf der Brust und auf dem Rücken wie ein 
belegtes Butterbrot durch die Strassen zieht; seine Heimat 
London. An einem schönen sonnigen Herbstsonntag- 
nachmittag des vorigen Jahres bemerkte man nun einen 
Zug von etwa fünfzig solcher Sandwichmänner in Paris, 
Sie boten nicht den gewohnten Anblick trübselig hinschlei- 
chender, stumpfer Kopfhänger, sondern schienen allesamt 
von einer unbändigen Lustigkeit erfasst zu sein. Jeder 
hielt ein Blatt in der Hand, in dem er las oder zu lesen 
vorgab, und drückte auf die manftigfaltigste Weise das 
grösste Ergötzen aus. Der eine blieb alle paar Schritte 
stehen, warf den Kopf zurück und hielt sich die Seiten 
vor Lachen, der andere krümmte sich von einem lautlosen 
Gelächter geschüttelt, und schlug sich mit der Hand immerzu 
klatschend auf die Schenkel, der dritte machte Luftsprünge 
und hob beide Hände wie ausser sich in die Höhe, und so, 
mit beständiger Abwechselung, die ganze Reihe der Fünfzig 
entlang. Was bedeutete das? Waren die Leute plötzlich 
verrückt geworden? Hatten sie Lachgas geatmet? Nein. 
Die Sache war viel einfacher. Wie ein Blick auf ihre An- 
zeigetafel lehrte, waren sie dafür bezahlt, die Aufmerksam- 
keit des Publikums auf ein neues Witzblatt zu lenken, und 
ihre Auftraggeber hatten den Einfall gehabt, die grossartig 
erheiternde Wirkung ihrer Zeitung durch Sandwichmänner 
mimisch darstellen zu lassen. 

O, Schauspielhaus, Schauspielhaus! Wo jedermann seine 
Rolle spielt und die Zuschauer selber bestochen sind. 
Klatschen sie doch in die Hände, pfeifen sie doch, drehen 
und winden sie sich doch, als wären sie — nicht bezahlt! — 
Jedes Amt, jeder Tag hat nicht bloss seine eigne Plage, 
sondern auch seine eigene Miene — im Dreissigjährigen 
Kriege sollte der Hauptmann nach einem alten Sprichwort 
die Woche hindurch sauer sehn und die Kriegsleute nicht 
eher anlachen, als am Sonntag, wenn man im Felde predigte 
— vielleicht ist diese Regel daran schuld, dass Wallenstein 



— 206 — 

selbst so wenig redete und so selten lachte. Man kann ihn 
mit Cook vergleichen, der während seiner Reise um die 
Welt nur einmal gesungen und gepfiffen haben soll und 
den man nur Sonnabend abends lächeln sah, wenn die 
Matrosen, die dann frei hatten, sich zutranken und riefen: 
Saturday Night! — 

Süsse Stimme der Natur, holdlächelnde Aphrodite, wo 
bist du hin? — Unter uns lächelt ja niemand mehr für sich: 
wir leben nicht um zu leben, wir leben um gesehen zu 
werden; und gesehen zu werden, wie es uns eben ziemt 
Es ziemt uns aber, entzückt zu scheinen, wenn wir vor 
Langerweile bersten; gleichgültig zu scheinen, wenn wir im 
Innern triumphieren; zufrieden zu scheinen, wenn wir Tau- 
sende verspielen; und nicht zu mucksen wie Talleyrand, 
wenn uns jemand von hinten Fusstritte versetzt. Das 
Lächeln von heute ist ein Gesellschaftslächeln, das Gold 
der Natur entwertet, es kursiert nur noch falsche Münze; 
und gehen wir mit dem Herzog in den Ardenner Wald; 
setzen wir uns unter die bemoosten Eichen, die Adler über- 
leben, oder an die Ufer des alten Nils: nur Spottdrosseln 
hört man kichern und Krokodile weinen. Es ist doch 
charakteristisch, dass wir selbst den Tieren nicht mehr 
trauen; dass wir eben vom Krokodile fabeln, es klage und 
seufze, um die Vorübergehenden zu berücken, und es ver- 
giesse, während es dieselben auffresse, heuchlerische Thränen. 
Schon die alten Griechen kannten rä yt^onodelkov ddnQva, 
Alles lügt auf dieser falschen Erde — die Zeit ist lange 
vorüber, da man das volle Herz durch Freudenschreie und 
Wehklagen erleichterte — selbst die uralte Sprache der 
Thränen brauchen wir nur noch wie Talleyrand, um unsere 
Gedanken zu verbergen, und unsere Küsse sind durch 
Judas' Verrat vergiftet: 

Deiner heiligen Zeichen, o Wahrheit, hat der Betrug sich 
Angemasst, der Natur köstlichste Stimmen entweiht. 

Die das bedürftige Herz in der Freude Drang sich erfindet; 
Kaum gibt wahres Gefühl noch durch Verstummen sich kund. 

Schiller, der Spaziergang, 



— 207 — 

Kaum durch Verstummen; im Gegenteil, dem Gefühl 
Schweigen gebieten, ist eine erste Selbstbeherrschung. Wenn 
wir die verschiedenen Formen derselben überblicken, so 
finden wir, dass sich die Gewalt, die wir über unsere 
Mienen und Geberden haben, in doppelter Weise äussert: 
in negativer und in positiver Weise. Negativ ist 
unsere Gewalt, sofern wir eine Geberde, die natürlicher- 
weise zu erfolgen hätte, unterdrücken; positiv ist unsere 
Gewalt, sofern wir eine Geberde, die keine Statt hat, will- 
kürlich hervorbringen. Bekanntlich gilt es für einen Ver- 
stoss gegen den guten Ton, in Gesellschaft, vollends bei 
Tische, zu niesen und zu husten. Man wird sich also das 
Niesen verhalten, selbst wenn der Kitzel krampfhaft werden 
sollte, und damit eine negative Selbstbeherrschung be- 
thätigen. Umgekehrt, aus dem afrikanischen Reiche Mono- 
motapa, einer im XVII. Jahrhundert vielgenannten Neger- 
konföderation, wird erzählt, dass, wenn der König nieste, 
seine nächste Umgebung gleichfalls zu niesen gehalten 
war; dass sich das Niesen vom Hof in die Residenz, von 
der Residenz in die Provinz fortpflanzte und dass schliess- 
lich das ganze Reich Monomotapa nieste. Das war posi- 
tive Selbstbeherrschung. 

Das eine wie das andere Mal spielt man die Natur; 
doch darf man dieses falsche Spiel nicht ohne weiteres mit 
dem Spiel des Mimen im Schauspielhaus verwechseln. 
Freilich ist die Welt ein grosses Schauspielhaus; aber im 
wirklichen Leben wird der Natur ungleich mehr zu nahe 
getreten, als im Theater. Denn im Theater liegen doch, 
nach der Bestimmung dieses Kunstinstituts, die Verhältnisse 
so, dass wir eigentlich von einem Spiele und von darstellen- 
den Künstlern gar nichts merken. Die Bretter bedeuten 
die Welt, und die auftretenden Schauspieler nimmt die 
Illusion des Publikums gläubig für die handelnden Personen. 
Wenn Rachel Felix im Theätre Frangais Ädrienne Lecouvreur 
spielt, so identifiziert sie sich mit ihrer Rolle, und je voll- 
ständiger ihr das gelingt, um so weniger Kunst braucht 



— 208 — 

sie, denn sie gibt sich selbst und alle ihre Geberden gehen 
ihr von Herzen. Wenn dagegen die Maintenon oder die 
Pompadour am französischen Hofe unter ihrer eigenen 
Firma intriguieren, so geben sie sich keinesweges selbst, 
ihre Geberden gehen ihnen nicht nur nicht von Herzen, 
sie widerstreben ihnen geradezu, schon ihr Geschlecht 
bringt es mit sich, dass sie sich verstellen müssen. Die 
Verstellung scheint für alle Frauen eine wahre Ehrenpflicht 
zu sein, sie ist hauptsächlich an der Unergründlichkeit des 
weiblichen Herzens schuld. Ja, die Frauen überschauspielem 
die Lecouvreur und die Rachel, denn sie accomodieren sich 
nicht bloss einer sympathischen Natur, sie verleugnen ihre 
eigene Natur und verwandeln sich schnvirstracks in ihr 
eignes Widerspiel. Aber wie merkwürdig! Auch das Spiel, 
das die Menschen auf der grossen Weltbühne betreiben, 
muss verdeckt bleiben, um nicht zwecklos zu sein. Auf 
die Beobachtung ist gerechnet, aber es soll nicht den An- 
schein haben, als ob man beobachtet werden wollte. Es 
ist schon bewusste Sprache, und doch trägt sie noch die 
Maske des Instinkts. 

Aber diese Schauspielkunst, welche die Natur auf den 
Kopf stellt, indem sie natürlich scheinen will und an sich 
zu den geschilderten Lebensäusserungen nicht das geringste 
neue Moment hinzuthut, ist ein grosses Mittel der Sprache 
ohne Worte, sobald die Maske abgeworfen und die Ab- 
sicht, gesehen zu werden, eingestanden wird. Sie kann 
immer noch Lüge sein; aber der offenkundige Zweck erhebt 
sie zu einer wirklichen Mitteilung. Natürliche Mienen und 
Geberden künstlich vormachen, um seine Gesinnungen zu 
zeigen, das ist die erste und hauptsächliche Form der ab- 
sichtlichen Mitteilung, die einen besseren Ausdruck des Ge- 
dankens noch nicht gefunden hat. Damit haben wir das 
Ziel erreicht, das unserem ersten Buche gesteckt ist: ohne 
Absicht der Mitteilung und ohne Gedankenaus- 
tausch. Die Absicht der Mitteilung bezeichnet ein zweites 
Buch und eine zweite Stufe. 



Zweites Buch. 



Mit Absicht der IVlitteilung, aber ohne Gedanl<enaustausch 



Klein paul, Sprache ohne Worte. 14 



Erstes Kapitel. 



Ein Schritt vorwärts. Die Reveille. 

Wachet anf! ruft ans die Stimme 
Der Wächter sehr hoch auf der Zinne. 

Pkili^^ Nicolai. 

Der Stein der Weisen — es scheint, wir haben ein Pulver gefunden, das die 
Kraft hat, die ganze Welt in Sprache zu verwandeln — warum die Weltsprache 
noch keine rechte Sprache ist — der Zweck macht das Wesen der Thätigkeit 
aus, die Absicht der Mitteilung ist es, was eigentlich Sprache macht — das 
animalische Leben der Boden, in welchem die eigentliche Sprache keimt — 
indessen der Gedanke, der mitgeteilt werden soll, ist vorerst noch nicht ent- 
wickelt — es kann sich fugen, dass nur die Absicht der Mitteilung allein zum 
Ausdruck kommt, der Gedanke im Hintergrunde bleibt — die Weckstinmien, 
die Reveille in der Sprache — das Anklopfen — wie man in England klopfen 
muss — diese Verständigimg eine Vorstufe des Verkehrs — ausgestellte Wachen 
bei Gemsen, Aflfen, Kranichen — Unterhaltungen zwischen Insekten — der 
Krokodilwächter — Krebs und Muschel — es fragt sich, inwieweit die Signale 
der Tiere bewusst erfolgen — die Zeichen, welche sich die Menschen imter- 
einander geben — der Pfiff des Odysseus und die Pfeifsprache auf Gomera — 
die Trommelsprache in Kamerun — das Klatschen in der Diamantenwäscherei 
-T das Zeichen wird konventionell und verschieden gestaltet, um seine Ausdrucks- 
fähigkeit zu steigern — Kanonenschüsse, Glockengeläute, das Tamtam oder 
Gonggong — die P'laggensprache — wie die Wenden zur Gemeindeversammlung 
eingeladen werden, wie der oberösterreichische Bauer Gevatter bitten geht — der 
Ceremonienmeister, der Droschkenkutscher, der Schutzmann, wie sie sich be- 
merkbar machen — die Klingeljungen der BoUeschen Milchwagen, die seltsamen 
Weckapparate der Hausierer — diese Reveille nur eine Vorstufe der Sprache — 
wir können damit nur den schlafenden Verstand aufwecken. 

Der Stein der Weisen war bekanntlich ein Pulver, 

welches alle Körper in. Gold verwandelte. So scheint es, 

14* 



— 212 — 

dass wir einen Stein der Weisen gefunden haben, welcher 
die Kraft hat, die ganze Objektivität in Sprache zu ver- 
wandeln. In der grossen und der kleinen Welt, im Makro- 
kosmus und im Mikrokosmus, überall haben wir die goldnen 
Adern einer schlummernden Vernunft und, was dasselbe 
ist, einer Sprache ohne Worte angehauen. Und doch, fast 
möchten wir mit den Adepten der Alchimie bekennen: den 
Stein der Weisen haben wir gefunden, Gold zu machen ist 
uns dennoch nicht gelungen. Ein goldähnliches Produkt 
nichts weiter. Wir haben vieles sprechen lassen, eine rechte 
Sprache ist es nicht geworden. Die Welt, welche die 
Summe aller menschlichen Erkenntnis einschliesst , deren 
Eindrücke uns zurechtzulegen das Ende alles Forschens 
und alles Erkennens ist, sie kann wohl mit einem Chemi- 
schen Laboratorium verglichen werden, in welchem sich 
Millionen Studierende privatim in der qualitativen und in 
der quantitativen Analyse üben: sie gleicht wohl einem 
Lehrsaal, welcher selbst doziert: aber die Natur doziert doch 
nur insofern, als sie eben die Basis jedweder Lehre dar- 
stellt, sie selbst thut zu unserer Belehrung nichts hinzu. 
Denn weder die Jehovahs Ruhm verkündigende Feste; 
noch die faltenreiche Stime; noch die jedes Geheimnis aus- 
schwatzende Geberde — nichts davon hat den Zweck uns 
klüger zu machen, uns zu bessern und zu bekehren, sinte- 
mal selbst wer die letztere künstlich nachmacht, um ge- 
sehen zu werden, uns gern vom Gegenteil überzeugen 
möchte. Verstehen wir diese Hieroglyphen zu entziffern, 
ausgezeichnet; aber es ist keine andere Weisheit darin als 
unsere Weisheit, sie sind blinde Wirkungen unvernünftiger 
Gesetze, nicht selbstleuchtend wie Sonnen, sondern nur wie 
Planeten das Licht zurückwerfend, das sie von uns em- 
pfangen haben. 

Das Rad der Welt rollt, rollt und rollt. Da ist kein 
Gedanke, der es in Umdrehung versetzte; keine Seele, die 
sich seiner als Symbol bediente, dem Menschengeschlechte 
ewige Wahrheiten zu enthüllen. Oder sollten die Gestirne 



— 213 — 

in Wahrheit wundervollen Chiffren eines göttlichen Verstan- 
des gleichen? Die Träume, die Gesichte wirklich Boten 
Gottes sein, die den grossen Geschicken wie himmlische 
Geister voranzuschreiten und die Menschen zu warnen 
hätten? Diese schneebedeckten Alpen, diese grünenden 
Wälder, diese kraftbegabten Organismen nur Evolutionen 
der träumenden Weltseele darstellen, die zum Bewusstsein 
ihrer selbst gelangen will? — Wir halten das für eine 
schöne, aber freie Phantasie; wenn wir im vorigen Buche 
wiederholt von einer Sprache Gottes, von göttlichen Sinn- 
bildern und Vorzeichen, von der leisen Stimme eines in 
unserer eigenen Brust wohnenden Gottes gesprochen haben, 
so geschah das nur gleichnisweise, um dem Verständnis 
des sinnigen Lesers, der die "'rein objektive Sprache der 
Natur nicht recht begreifen kann, zu Hilfe zu kommen: 
andernfalls wäre es ja gar keine Sprache ohne Absicht der 
Mitteilung gewesen. Und die Absicht der Mitteilung ist 
es doch, die eigentlich Sprache macht; fehlt die Absicht, 
so können wir wohl für unsem Geist tausendfältige Nah- 
rung finden, aber es ist niemand, der uns dieselbe reicht. 
Ein mit Sinnen versehenes Gehirn empfängt die Ein- 
drücke einer unbekannten Welt; es sichtet, vergleicht, ordnet 
diese Bilder, und diese Anordnung nennen wir Gedanke. 
Es will dann seine Gedanken einem anderen Wesen von 
gleicher Beschaffienheit mitteilen, sucht die Mittel auf, um 
eine derartige Mitteilung zu machen und sich Geist dem 
Geist zu off^enbaren: diese Mitteilung nennen wir Sprache. 
Die aliquid ut dtio simus. Solche Sprache mag dann an sich 
selbst betrachtet eine Geberde, ein vernunftloses Bild, ein 
Ding wie vorhin sein; ja strenggenommen ist die Sprache 
in der That und in der Wahrheit niemals etwas anderes 
als ein Stückchen nachgemachte Welt. Aber der Zweck 
macht das Wesen der Thätigkeit aus und dieser adelt hier 
ge Wissermassen die blosse Materie und erhebt sie in die 
Sphäre des Verstandes — wie ein Edelstein zum Geschenke 
wird, wenn man ihn von liebender Hand empfängt. 



— 214 — 

Kry stalle schiessen an, Pflanzenzellen wuchern, Tier- 
leiber verbrennen im Sauerstoff der Luft — so weit reicht 
die begriffene, nie begreifende Realität. Aber hier, im 
Haushalt des animalischen Lebens blitzt der Gedanke wie 
ein elektrischer Funke auf, und augenblicklich wird er zur 
Flamme und um sich greifend, zündet er ein Licht an, das 
die ganze Welt erleuchtet: Poca favüla , sagt Dante, poca 
favüla gran fiamma seconda (Paradiso l. 34). 

Indessen nur nicht so hitzig! — Wenn wir es zu etwas 
bringen wollen, müssen wir klein anfangen. Wir sind über- 
eingekommen, dass die Absicht, einen Gedanken mitzuteilen, 
das sei, was eigentüch Sprache macht; wir haben sie nur 
einem Wesen zugestanden, dem nach langer Finsternis das 
Lichtlein der Erkenntnis aufgegangen ist und das, erstaunt 
übet die plötzlich eintretende Helle, den Wunsch hat, einem 
anderen Wesen ein solches Lichtlein gleichfalls aufzustecken. 
Aber mit dem Gedanken sieht es noch windig aus: er ist 
noch nicht entwickelt, er existiert sozusagen erst in nuce, 
und ein regelrechter Gedankenaustausch steht noch im 
weiten Felde. Ja, es kann sich fügen, dass zunächst nur 
allein die Absicht der Mitteilung zum Ausdruck kommt, 
der Gedanke aber, welcher mitgeteilt werden soll, sich wie 
das bescheidene Veilchen nicht hervorwagt. Es hat einer 
etwas zu sagen: was er zu sagen hat, gibt er gar nicht 
von sich. Es ruft einer: Wachet auf! — wir spitzen schon 
die Ohren — aber es bleibt still. Das sind die geistlichen 
Weckstimmen, wie sie nicht bloss in der Wüste, sondern auch 
bei uns zu Lande, ja an unsem eigenen Thüren den Tag 
über hundertmal erschallen. 

In der mündlichen Tradition der Franziskaner kommt 
die Regel vor, dass ein Mönch beim Terminieren, w^enn er 
an sieben Thüren vergeblich angeklopft habe, zuversicht- 
lich an die achte klopfen solle, denn dort werde es ihm 
nicht fehlen. Die Bettler hören also, wie sie's zu machen 
haben — sie müssen nur immer wieder anklopfen, an acht 
verschiedenen Thüren; vielleicht hülfe es auch, wenn sie 



— 215 — 

achtmal hintereinander an einer und derselben Thür an- 
klopften. Aber warum flenn nur immer anklopfen, es han- 
delt sich doch darum, die Leute anzusprechen? Natürlich, 
aber man geht doch nicht sans fagon in ein fremdes Haus 
hinein; man pflegt sich erst zu melden. Und wenn man 
wollte, so könnte man nicht hinein: es muss erst aufge- 
schlossen werden. Klopfet an, so wird euch aufgefhan. Klopfen 
thuts freilich nicht; es dient nur dazu, den Bewohner auf- 
merksam zu machen, dass jemand draussen ist — wer draussen 
ist und was er will, geht aus dem Klopfen nicht hervor, 
wenigstens bei uns, auf dem Kontinent nicht. In England 
lässt sich allerdings schon aus der blossen Art des Klopfens 
Verschiedenes entnehmen. 

Dem Fremden, der zum erstenmal in London bei einer 
befreundeten Familie einen Besuch macht, kann es vor- 
kommen, dass er von der Dame des Hauses freundschaft- 
lich belehrt wird, er habe nicht recht geklopft. Er habe 
nur einmal geklopft, und daraus schliesse- man hier zu Lande, 
dass ein Händler oder ein Diener draussen sei. Ein Gentle- 
man und wer einen Besuch machen wolle, klopfe zweimal, 
er bringe den kunstgerechten Double-Knock hervor, eigent- 
lich keinen blossen Doppelklopfer, sondern zwei lange, durch 
mehrere kurze Noten verbundene Schläge, was man musi- 
kalisch etwa so ausdrücken könnte: 




während der Bäcker dreimal klopfe, der Briefträger dagegen, 
wenn er die Briefe in den Kasten geworfen habe, einen 
Jambus, das heisst einen kurzen und einen langen Klopfer 
mache {the Fostman's Knock), desgleichen der Telegraphen- 
bote. Wo solche Signale hergebracht sind, hat man an 
ihnen einen gewissen Anhalt, das ist keine Frage; auch 
Hessen sie sich, wenn es darauf ankäme, noch weiter aus- 
bilden. Nur enthalten sie durchaus nichts von der that- 
sächlichen Mitteilung, die doch der Zweck des Kommens 



— 216 — 

ist. Sie beweisen nur, dass jemand da ist, der etwas sagen 
will, dass der oder jener darauf^ wartet, eingelassen und 
gehört zu werden — was er bringt, wird sich erst hemach 
ergeben. Das Kllopfen entspricht nur dem Rufen des Fern- 
sprechers, das die Aufmerksamkeit rege machen und den 
Adressaten veranlassen soll, sein Ohr an den Apparat zu 
legen; es soll nur das Bewusstsein vorbereiten und den 
schlummernden Verstand aufwecken. Es ist eine Art Be- 
veiUe, 

Diese BeveiUe spielt eine grosse Rolle in der Sprache, 
nicht bloss der Menschen, sondern auch der Tiere; ja, die 
Sprache der letzteren besteht gewöhnlich nur in einer Re- 
veille. Um es noch einmal zu wiederholen: eine eigentKche 
Sprache, wenn man eine solche der deutlichen, aber unbe- 
wussten Sprache, welche die Dinge und die Thatsachen 
sprechen, entgegensetzt, entsteht erst mit der Absicht der 
Mitteilung. Solche Absicht kann allein zum Ausdruck 
kommen, ohne dass sich eine förmliche Mitteilung daran 
schliesst, so dass die letztere zu erraten bleibt Eine der- 
artige Verständigung ist gleichsam die Vorstufe des Ver- 
kehrs, die beschritten zu haben unter Umständen, wenn es 
sich um bekannte Dinge handelt, genügt, den anderen m 
fait zu setzen und die immerhin das Aufblitzen des spre- 
chenden Geistes anzeigt 

Das Tier hat auch Vernunft, 
das wissen wir, die wir die Gemsen jagen. 
Die stellen klug, wo sie zur Weide gehn, 
'ne Vorhut aus, die spitzt das Ohr und warnet 
mit heller Pfeife, wenn der Jäger naht. 

Die Sache hat ihre Richtigkeit, wenn auch dcis Wäch- 
teramt nicht offiziell übertragen werden mag: bei jedem 
gelagerten Rudel bemerkt man regelmässig eine oder 
mehrere aufrecht stehende und um sich blickende Gemsen; 
so wie diese etwas Verdächtiges gewahren, zeigen sie dies 
durch ein auf weithin vernehmbares, mit Aufstampfen des 
einen Vorderfusses verbundenes Pfeifen an, und das Rudel 



— 217 — 

ergreift, sobald es sich von der Thatsächlichkeit der Gefahr 
überzeugt hat, nunmehr sofort die Flucht, wobei immer 
eine, wahrscheinlich die älteste Geiss, die Führung über- 
nimmt. Dergleichen Einrichtungen sind bei Tiergesell- 
schaften gar nichts seltenes: auch eine Kranichherde stellt 
regelmässig Wachen aus, denen die Sorge für die Gesamt- 
heit obliegt, und wenn die Affen in Trupps durch den Ur- 
wald ziehen, so befinden sich immer einzelne Affen im 
Vortrab und im Nachtrab, sowie zu beiden Seiten; diese 
stossen dann, wenn sie Gefahr merken, laute Schreie aus 
und benachrichtigen das Hauptkorps. Bei den Menschen 
nennt man das Alarm und Alarmsignale. 

Hierher gehören vermutlich auch die Unterhaltungen, 
die zwischen Insekten beobachtet worden sind und die, 
stumm und lautlos, einigermassen an unsere Pantomimen 
oder die Fingersprache der Taubstummen erinnern. Eine 
Biene, eine Ameise eilt auf die andere zu, berührt sie mit 
den Fühlhörnern und gibt ihr damit ein Zeichen, das diese 
wiederum weitergibt. Was bedeutet dieses Zeichen? Wahr- 
scheinlich auch nicht eine wirkliche Mitteilung, sondern 
nur ein konventionelles Alarmsignal, das wie ein Lauffeuer 
durch die Gesellschaft fliegt, denn sofort werden Mass- 
regeln ergriffen. Man hat diese gegenseitige Alarmierung, 
die der schnellen Verbreitung eines Extrablattes gleicht, 
bei den Bienen immer bemerkt, wenn ein Weisel gestorben 
ist; bei den Ameisen, wenn ein Krieg mit einem anderen 
Volk in Sicht ist. 

Ja, es kommt sogar der Fall vor, dass ein Tier einem 
anderen, ganz verschiedenen Tiere Wächterdienste leistet, 
wie das der sogenannte Krokodilwächter, ein hübscher und 
gewandter Vogel, dem Krokodile thut. Plinius erzählt, er 
warne das Krokodil vor dem Ichneumon, indem er herbei- 
fliege und die Panzerechse teils durch seine Stimme, teils 
durch Picken an der Schnauze aufwecke: die Freundschaft 
zwischen ihm und dem Krokodil besteht wirklich, und das 
Geschrei, welches der kluge Vogel beim Anblicke nicht 



— 218 — 

gerade des Ichneumons, aber irgend eines ihm fremdartig 
oder gefährlich dünkenden Wesens oder Gegenstandes aus- 
stösst, erweckt das schlafende Krokodil und veranlasst das- 
selbe, sich in die sicheren Fluten zurückzuziehen. Analog 
glaubten die Alten, diesmal aber irrigerweise, an ein Freund- 
schaftsbündnis zwischen Krebs und Muschel. Die Steck- 
muschel oder Pinne sollte in ihrer Mantelhöhle einen rund- 
lichen Krebs beherbergen, den sie Finnoteres oder Pinno- 
phylax, Pinnenwächter, nannten. Wenn die kleinen Fische, 
von denen die Pinne lebt, angeschwommen kommen oder 
wenn Gefahr zu befürchten ist, kneipt der mit guten Augen 
begabte Krebs die Steckmuschel, damit sie ihre Schalen 
schliesse; der Krebs, fügt Plinius hinzu, erhält dann für 
seinen Dienst einen Teil der Beute. Also selbst die Krab- 
ben, könnte man mit Schiller sagen, haben Vernunft, wenig- 
stens in der Fabel. 

Es ist nun allerdings schwer auszumachen, inwieweit 
diese bald mit der Stimme, bald mit einem Bewegungs- 
organ gegebenen Signale der Tiere bewusst, inwieweit sie 
unbewusst, als unwillkürliche Reaktionen gegen den eigenen 
Schreck, erfolgen, die von selbst zu Warnungen und Be- 
nachrichtigungen werden. Die ausgestellte Gemsenvorhut 
pfeift — hat man sie wirklich ausgestellt und weiss sie, 
dass sie gleichsam ihre Pflicht thut, wenn sie pfeift? 
Schwerlich. Wie klug sind die Hunde und wie viel geben 
sie uns, ihren alten Freunden, durch Zeichen zu verstehen. 
Der Hund scharrt an der Thür und bellt: er will herein- 
gelassen werden. Der Hund schlägt an und weckt uns 
mitten in der Nacht: ein Dieb schleicht sich in den Hof. 
Wir fahren übers Meer und haben einen Neufundländer an 
Bord: derselbe wittert das Land in grosser Entfernung und 
gibt das durch Bellen zu erkennen. Ja, gibt zu erkennen! 
Freilich verstehen wir den Hund, mag er scharren oder 
bellen. Aber will er verstanden werden? Regt ihn nicht 
der Anblick des Einbrechers, der Geruch des Landes plötz- 
lich auf, dass er bellen muss, was dem Menschen dann zu 



— 219 — 

einem willkommenen Zeichen wird? Auf die Absicht, die 
Absicht kommt es an! — 

Indessen, es hiesse unsere eigene Sprache bedeutend 
überschätzen, wenn wir glaubten, dass alles in ihr berech- 
net und vorgesehen sei; das Unbewusste, Instinktive spielt 
auch in den menschlichen Äusserungen, die ganz absicht- 
lich scheinen, die allergrösste Rolle. Denn wie gesagt, 
auch unser Leben ist voll von Zeichen, die keinen selb- 
ständigen Inhalt haben, sondern die nur die Absicht be- 
kunden, etwas zu sagen, und die dennoch verstanden 
w^erden. Wir pfeifen, wir klatschen, wir räuspern uns, wir 
pochen und kratzen an der Thüre wie der Hund — vor 
ein paar Jahren war in den Zeitungen von einer hohen, 
unglücklichen Persönlichkeit zu lesen, wie der Verkehr mit 
den unentbehrlichsten Bediensteten bei verschlossenen 
Thüren stattfand und wie der erhabene Herr durch Kratzen 
an denselben zu erkennen gab, dass er den auf der anderen 
Seite Sprechenden verstanden habe. Wie inhaltslos an 
sich dergleichen Signale seien und wie eben nichts als die 
Absicht in. ihnen zutage tritt, sieht man zum Beispiel an 
dem Klopfen, das bei den verschiedensten Gelegenheiten 
angewendet wird. Zwei Menschen haben ihr Bett an der- 
selben Wand in zwei anstossenden Zimmern. Während sie 
darin liegen, wird dem einen ein Glück gemeldet, was der 
andere hört. Er bringt seinen Glückwunsch dar, indem er 
klopft. Der Glückliche klopft w^ieder: er dankt. Wir 
nennen das Sprache, weil die Zeichengeber wirklich wollen, 
dass der andere höre und sich etwas aus dem Geräusch 
entnehme; daher auch Homer im zehnten Buche der Ilisis, 
wie Odysseus und Diomedes in das Lager der Trojaner 
eingebrochen sind, der erstere die Pferde des Rhesus weg- 
geführt hat und nun den Diomedes davon durch einen 
Pfiff benachrichtigt, ausdrücklich dazusetzt, er habe mit 
diesem Pfiff gesprochen (QoiCrjae Tticpavaiaov II. X, 502). Der 
Premierlieutenant a. D. Quedenfeldt, der im vorigen Jahre 
(1887), in der letzten Sitzung der Berliner Anthropologischen 



— 220 — 

Gesellschaft einen Vortrag über die Ffeifspracke auf der 
Insel Gomera hielt, hätte sich auf diesen homerischen Vers 
berufen können. Die Insel Gomera, eine der Kanarischen 
Inseln, ist von tiefen Schluchten durchfurcht, in welchen 
schöne, an Wasserfällen reiche Bäche rauschen; daher Leute, 
die sich ganz nahe sind, um zu einander zu kommen und 
mit einander sprechen zu können, oft stundenweite Umwege 
machen müssen. So bedienen sie sich zur Verständigung 
gellender Pfiffe, aus denen sich eine besondere Sprache 
entwickelt hat. Schon in einer (Anfang des XV. Jahr- 
hunderts von französischen Geistlichen geschriebenen) Histoire 
de la dScouverte des Canaries findet sich ein Hinweis auf die 
Pfeifsprache, indem von den Bewohnern Gomeras gesagt 
wird, sie sprächen mit den Lippen, als hätten sie keine Zunge, 
In Wahrheit geschieht das Pfeifen mit den Lippen und der 
Zunge; einzelne bedienen sich dabei, wie es auch bei uns 
geschieht, eines oder zweier Finger. Namentlich beim Volke 
ist dieses Sühar articulado sehr entwickelt. Als Quedenfeldt 
mit seinem Führer auf einem Ausflug begriffen war, tönte 
ihm aus der Feme ein Pfiff entgegen, den der. Führer be- 
antwortete; gefragt, was das bedeute, erklärte letzterer, er 
habe auf die Anfrage, mit wem er gehe, geantwortet: mit 
einem Engländer, Mit dieser Pfeifsprache kann man die Trom- 
melsprache der Eingeborenen in Kamerun vergleichen, die 
man unlängst in den Zoologischen Gärten zu hören Ge- 
legenheit hatte; beiden Kundgebungen wird man in ihrer 
jetzigen Ausbildung die Bezeichnung von Sprachen kaum 
versagen können, wenn sie gleich aus reinen, bedeutungs- 
losen Weckstimmen 'hervorgegangen sind; während man 
ein andermal sogar den Charakter der Weckstimme in 
Frage stellen muss. Es gibt genug Fälle, wo man bei den 
Menschen, wie bei den Tieren an der klaren Absicht zwei- 
feln und an den Instinkt appellieren kann; natürlich darf 
man das nur, solange die Zeichen noch nicht durch den 
Gebrauch geheiligt, sondern noch ganz ursprünglich und so 
herzlich sind wie ein Lockton oder eine Interjektion. 



— 221 — 

Wir stehen in einer ostindischen Diamanten Wäscherei: 
sobald ein Neger einen Diamanten findet, klatscht er in 
die Hände. Welch ein natürliches Signal! — der Ausdruck 
der Freude, einen so kostbaren Stein entdeckt zu haben. 
Aber was der Neger zunächst, so sehr er sich auch eben 
dadurch verriet, dennoch halb unwillkürlich that, das thut 
er jetzt absichtlich, weil er sonst von dem Aufseher ge- 
prügelt wird, weil das Klatschen als konventionelles Zeichen 
des Fundes eingeführt worden ist; er soll es sagen, wenn 
er einen Diamanten hat, und er sagt es wirklich. 

Viele solcher Signale, die, wie das Anklopfen, an sich 
selbst noch nicht die geringste Mitteilung enthalten und 
nur dazu dienen, die Aufmerksamkeit zu erregen, sind durch 
den Gebrauch zu wirklichen Meldungen geworden, die 
ihren Zweck nur deshalb erfüllen, weil sie herkömmlicher- 
weise zur Anzeige eines bestimmten Ereignisses verwendet 
werden; und wie das Anklopfen in England je nach seiner 
eigentümlichen Art eine gewisse Aufklärung über die 
klopfende Persönlichkeit in sich schliesst, so mag auch die 
konventionelle Annonce wieder verschieden gestaltet werden, 
um ihre Ausdrucksfähigkeit zu steigern; zum Beispiel bei 
den Vorposten im Kriege. Auf diesem Wege wird aus 
einem Pfiff die ebenerwähnte Pfeifsprache, aus einem Trom- 
melwirbel die Trommelsprache geworden sein; und analog 
Hesse sich von einer Kanonensprache, einer Glockensprache, 
einer Flaggensprache reden. Die Flaggen und Fernsignale des 
internationalen Signalbuchs ermöglichen eine grosse Zahl ver- 
schiedener Mitteilungen, gleichviel, welche Sprache geredet 
wird; aber schon zu Lande dienen Fahnen zu den kompli- 
ziertesten Meldungen. Bei der Entbindung der Königin von 
Spanien erfuhr man die Zeichen, durch welche Madrid von 
dem Geschlecht des Infanten unterrichtet zu werden pflegt 
Ist dasselbe männlich und der zukünftige König des Lan- 
des geboren worden, so wird auf der Punta del Diamante 
genannten Spitze des Schlosses die spanische Flagge auf- 
gezogen und es erfolgt eine Salve von 24 Kanonenschüssen. 



- 222 - 

Ist es weiblich, so wird eine weisse Fahne aufgezogen und 
eine Salve von 15 Schüssen abgefeuert. Erfolgt die Ent- 
bindung nachts , so wird am Fuss der Fahnenstange 
je nach dem Geschlecht eine rotgelbe oder eine weisse 
Laterne angebracht. Die Fahnen und die Laternen erinnern 
an die beim Eisenbahn- und Marinedienst gebräuchlichen 
farbigen Signale; bleiben wir einmal bei den Kanonen- 
schüssen stehen. Ein Kanonenschuss an sich ist nichts — 
er sagt uns nichts — wir horchen auf und fragen: was ist 
los? — denn niemand kann das erraten. Aber es ist aus- 
gemacht, dass geschossen wird, wenn ein Infant geboren 
wird; wie anderwärts eine Kanone gelöst wird, wenn der 
Kaiser kommt oder wenn die Sonne durch den Meridian 
des Ortes geht, das heisst, wenn es Mittag ist; und so gilt 
uns das nichtssagende Signal für eine thatsächliche Anzeige, 
die durch ihre besondere Modifikation noch ausführlicher 
wird. Mit dem Läuten der Glocken ist es gerade so. Ob 
der Glockenstrang einfach angezogen, ob die Glocke beim 
Sturmläuten mit dem Hammer einseitig angeschlagen wird 
— ob zur Kirche oder beim Einzug. des Kaisers geläutet 
wird: alles beruht auf Übereinkvvnft. Der Glockenton an 
sich ist stumm, ein tönendes Erz und eine klingende Schelle, 
der Gedanke kommt erst, wenn der Herr Pastor predigt 
Tamtam nennen die Inder, Gonggong die Chinesen ein In- 
strument, das, mit einem hölzernen Klöppel geschlagen, einen 
dröhnenden Klang gibt; in englischen Familien und in 
einzelnen Hotels bedient man sich desselben vielfach zum 
Zusammenrufen, zum Beispiel, wenn angerichtet ist. Der 
Fremde, der mit dieser Sitte unbekannt ist, hört nur das 
Gonggong dröhnen und ahnt höchstens, was der Ton be- 
deuten soll, ohne es zu wissen: er muss fragen. Bei den 
Wenden in der Oberlausitz hiess es vor dreissig Jahren: 
Der Hammer geht herum; das heisst, es wurde vom Dorf- 
schulzen ein hölzerner Hammer herumgeschickt und damit 
an das Hofthor geschlagen, um die Bewohner zu einer 
Gemeindeversammlung, einer sogenannten Hromada, einzu- 



— 223 — 

laden. Dieser Hammer hiess Hejka und war ursprünglich 
ein Kieferholzhaken; und zwar schickte ihn der Dorfschulze 
gewöhnlich im Dorfe rechts herum; war aber eine Leiche, 
so wurde er abgeschält und links herumgeschickt. Man 
kann damit vergleichen, dass bei den Jagden auf der 
Schorfhaide die Treiber zum Zeichen, dass sich jagdbare 
Hirsche in dem Jagen befinden, mit langen geschälten 
Stöcken bewaffnet werden. Und mit den oben angeführten 
spanischen Usancen mag man den Brauch der Bauern in 
Oberösterreich vergleichen, wonach einer, der Gevatter 
bitten geht, während er seinen Spruch hersagt, das rechte 
Knie beugt, wenn es ein Knabe, das linke, wenn es ein 
Mädchen ist. Was sich die Menschen alles für Grimassen 
ausdenken, um sich ein paar Worte zu ersparen, ist fireilich 
wunderbar; es ist als ob sie gar keine Sprache hätten, 
weder eine Laut- noch eine Geberdensprache. Es ist als 
ob sie immer nur auf dem Standpunkt der Tiere ständen, 
sprechen wollend und nicht könnend, mühsam einander an- 
stossend, ob sie wohl endlich erraten möchten, unfähig, 
herauszubringen was sie meinen. 

Im gewöhnlichen Vejrkehr begnügen wir uns erst recht 
mit Klopfern und mit Schnipsen ohne Kommentar. Der 
preussische Landtag wird eröffnet und der Kaiser erwartet. 
Nachdem der Ceremonienmeister mit seinem Stabe drei 
Stösse auf das Parquet gethan, erscheint Seine Majestät im 
Rahmen der Eingangsthüre. Es ist eine Abendunterhaltung 
im Weissen Saale des königlichen Schlosses: sowohl wenn 
der Kaiser als wenn die Kaiserin kommt, klopft der Cere- 
monienmeister oder der Hofmarschall mit seinem Stabe 
auf. Will König Richard IL bei Shakespeare den Zwei- 
kampf suspendieren? Er wirft seinen Stab hinunter. Will 
ein londoner Schutzmann, dass Halt gemacht werden soll? 
Er hebt seinen Stab in die Höhe. Will auf einer londoner 
Strasse in einer Reihe von Wagen der vorderste Kutscher 
stehen bleiben, so hebt er die Peitsche in die Höhe, wel- 
ches Zeichen weitergegeben wird. Will uns in London 



— 224 — 

ein Cäbman eine Fahrt anbieten, so hebt er den rechten 
Arm in die Höhe; in Neapel bedeutet man mit dieser Geste 
einen Vorübergehenden stehen zu bleiben. Aber man hüte 
sich, in diesen Beweg^ungen etwa plastische Greberden und 
im eigentlichen Sinne ausdrucksvolle Zeichen zu erblicken: 
sie sind in einer Umgebung, wo vielleicht das gesprochene 
Wort unhörbar verhallen würde, nur Mittel sich bemerkbar 
zu machen und auf die Thatsache, dass man etwas zu sagen 
habe, hinzuweisen, aber von den Adressaten unschwer zu 
einem wirklichen Befehle zu ergänzen. Der Ceremonien- 
meister, welcher mit seinem Stabe aufklopft, sollte eigent- 
lich dazusetzen: Macht euch fertig, der Kaiser kommt! — der 
Droschkenkutscher, der seinen Arm in die Höhe hebt: 
Wollen Sie mit mir fahren, ich hin frei! — und jeder so ein 
Sätzchen; aber unser Verstand ist so gross, dass wir dessen 
nicht bedürfen. 

Wenn wir im Restaurant den Kellner zitieren wollen, 
so klopfen wir mit dem Biergleis oder mit dem Deckel des- 
selben oder wir machen: Pst! — im Orient klatscht man 
dem Kellner; die Alten schnipsten dem Sklaven, indem 
sie mit den Fingern schnellten: diese Geste, Crepitus ge- 
nannt, brauchen auch wir, um dienende Greister und Hunde 
herbeizurufen. Jedes Instrument, jedes Mittel, Spektakel zu 
machen, wird ergriffen, wenn unsere eigenen Hände und 
Füsse nicht durchdringen. Vor hundert Jahren wurde die 
Wiener Stadtpost in der Art betrieben, dass Boten mit 
einer Klapper, ähnlich einer Ratsche, durch die Strassen 
zogen und klapperten. Hörte man die Klapperpost draussen, 
so warf man ihr die zu expedierenden Briefe vom Fenster 
aus zu oder hiess den Boten zu sich in die Wohnung 
kommen. Ja, man braucht nur in Berlin auf die Bolleschen 
Milch wagen zu achten, wie sie von einem Kllin geljungen 
begleitet werden, der den Kunden die Ankunft derselben 
durch Klingeln meldet*) — man braucht nur in Leipzig 



*) Bolle, eigentlicli Bolle, aus einer französischen Refugi^s- Familie, 



- 225 — 

auf die Strasse zu sehen und zu hören, wie die Hausierer, 
die nicht immer ihre Ware ausrufen und die Äppel, Äppel, 
Äppel, die Heedelberrn, die warmen weecken Brätzeln oder Sallat 
Sallat Radüüschen beim Namen nennen, tausend Weckapparate 
und die seltsamsten Mittel, sich bemerklich zu machen, in 
ihren Händen haben ; der Holzmann bläst auf einem Feuer- 
rohre, der Kohlenmann benutzt ein Timbre, ja, ein Mann, 
der mit einem Hundefuhrwerk herumging und, wenn ich 
nicht irre, mit Bettstroh handelte, führte eine Maschine aus 
Holz mit eisernen Schwengeln, ganz ähnlich derjenigen, die 
im kaiserlichen Harem zu Konstantinopel gebraucht wird, 
um das Aufstehen, das Schlafengehen und die Mahlzeiten 
anzuzeigen. Alle diese Freihändler schlagen gleichsam un- 
seren Sinnen Reveille, und diese Reveille ist, wie wir oben 
sagten: eine Vorstufe der Sprache. 

Nur eine Vorstufe. Mag nun getrommelt oder ge- 
pfifiFen, angepocht oder mit Kanonen geschossen werden, 
die wahre verständliche Mitteilung steht noch aus, und nur 
auf Grund besonderer Übereinkunft kann allenfalls dcis un- 
artikulierte Geräusch statt einer solchen dienen; um einen 
schon gebrauchten Vergleich zu wiederholen: wenn es 
im Telegraphenbureau klingelt, so wird der Beamte auf- 
merksam gemacht, aber die Depesche folgt erst nach. Ver- 
liert der Empfänger die Depesche oder kann er sie nicht 
erraten, so mag es klingeln so viel es will, das hilft 
nichts, die Neuigkeit entgeht ihm. Im Gegenteil, er ist 
nur neugierig gemacht. Die Reveille an sich gleicht einer 
tauben Nuss. 

Ist es Dir nicht schon vorgekommen, lieber Leser, dass 
Du Deine Freundin oder einen Bruder in Gesellschaft 
unter dem Tische leise mit dem Fusse gestossen hast, um 
zu erinnern, um zu warnen, aber nicht verstanden worden 
bist? — Da Telemach in der Nacht von der Athene die 



war der erste, der von der berliner Polizei am Ausgang der siebziger Jahre das 
Privilegium erhielt, auf den Strassen zu klingeln. 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. 15 



-. 22« — 

Weisung bekommen hat, Lakedämon zu verlassen, stösst 
er seinen Grefährten auch mit dem Fusse, nämlich mit der 
Ferse (Xd^) an, um ihn zu wecken, dann sagt er ihm, er 
solle anspaimen: 

Odyssee XV, 46 £ 

^EyQio, Tviiog vU! ruft Nestor (Hias X, 158) dem Mo- 
medes zu, nachdem er ihn gleichfalls mit der Ferse ge- 
stossen hat! Aufgewacht, aufgewacht! — Ja, was können 
wir mit unserer Reveille mehr als den schlafenden Ver- 
stand aufvirecken? 



•«V 



Zweites Kapitel. 

Offizielle Wiederholung natürlicher 

Geberden. 



L Die Beredsamkeit des IMarmors. 

Die Marmorstatue des Philosophen Condillac — Statuen Typen der Kälte und 
Empfindungslosigkeit — sich in eine Statue verwandeln heisst zur Leiche werden 
— die Elfenbeinstatue Pygmalions macht eine Ausnahme hiervon — die grie- 
chische Bildhauerkunst hat eine Entwickelung durchgemacht, die an das all- 
mähliche Auftauen und Erwarmen der schönen Galatea erinnert — versteinerte 
Geberden: der Zeus des Phidias, der trunkene Satyr, Harpokrates, Narciss — 
Vergleich zwischen Statuen und den Denkmälern Verstorbener — die ersteren 
beleben sich allmählich mit dem Fortschreiten der Kunst und fangen an zu 
reden — der Wunderglaube des Volkes verleiht den Statuen häufig eine phäno- 
menale Beweglichkeit imd schreibt ihnen die Geberden lebender Wesen zu — 
die klingenden Statuen auf dem Kapitol, das wiehernde Pferd des heiligen Georg 
in Konstantinopel — Don Juan und der Steinerne Gast — aber die Statuen 
leben tmd sprechen schon als solche — wir selbst gleichen Marmorstatuen , die 
mit Geberden sprechen — Unterschied zwischen unserer Geberdensprache und 
der Beredsamkeit des Marmors — die gesprächigen Statuen gleichen Modellen, 
an denen wir uns die Sprache ohne Worte deutlich machen, wie sich das Volk 
die Weisheit gelehrter Männer an bronzenen Köpfen deutlich macht — jeder- 
mann stellt die beste Bildsäule von sich dar — die neunte Statue in dem Mär> 

chen aus Tausendundeine Nacht. 

Um die Entstehung unserer Vorstellungen zu zeigen 

und die sinnliche Wahrnehmung als die Quelle aller 

menschlichen Erkenntnis zu erweisen, machte bekanntlich 

der französische Philosoph Condillac die Fiktion einer Mar- 
io* 



— 228 -^ 

morstatue, der nach einander die einzelnen Sinne gegeben 
werden. Zunächst verleiht er ihr den Geruchssinn, worauf 
er die Freuden und Leiden, die Wünsche, die abstrakten 
Begriffe eines so beschränkten Wesens beschreibt. Dann 
bekommt sie den Tastsinn, den Geschmack, das Grehör, 
endlich das Gesicht — mit jedem Sinne wird das Seelen- 
leben der Statue vollkommener und reicher, bis sie zuguter- 
letzt alle ihre Sensationen in der Idee des Ich zusammen- 
fasst. Die Fiktion ist geistreich und überaus treffend, 
sintemal dem Menschen nichts mehr gleicht als eine Mar- 
morstatue und doch die Empfindung bei ihr auf dem Null- 
punkt steht. 

Statuen sind geläufige und abgebrauchte Typen der 
Kälte, der Härte und der Stummheit. Sie steht da wie me 
Statue, Er ist zur Büdsävle geworden , wie (in der Schluss- 
szene des ersten Aktes des Barbiers von Sevilla durch den 
ruhigen Abzug der Wache) der Doktor Bartolo. Es ist ein 
schöner Bildstock. Ja, fast möchte man sagen, Statuen sind 
Typen des Todes und als solche geradezu dem Leben ent- 
gegengesetzt Sich urplötzlich und wirklich in eine Statue 
verwandeln ist soviel wie plötzlich zur Leiche werden. Vrd 
Lots Weih sähe hinter sich und ward zur Salzsäule, heisst es 
I. Mose XIX, 26. Die Königin Niobe, die in ihrem unge- 
heuren Schmerze keine Thränen und keine Worte findet, 
starr und unbeweglich auf einem Flecke steht, gleicht 
einer Statue; da sie aber ein Gott auf dem Berge Sipylus 
thatsächlich in eine Statue verwandelt erlöst er sie vom 
Leben. Der florentiner Bildhauer Donatello hat zwei präch- 
tige, sprechende Marmorstatuen geschaffen, den David oder 
den sogenannten Zuccone, will sagen, den Kahlkopfe am 
Glockenturm und den Evangelisten Marcus an Orsanmichele. 
Beide sind so sprechend, dass man sich wundert, warum 
sie den Mund nicht aufthun. Zu dem Zuccone soll Dona- 
tello selber gesagt haben: FaveUa! So rede doch! — den 
Evangelisten firagte Michelangelo: Marco, percM non mi parli? 
Marcus, warum sprichst du nicht zu mir? — Aber Marmor- 



— 229 — 

Statuen reden und fühlen nimmer. Wenn Diogenes auf 
dem äusseren Topftnarkt spazieren ging, pflegte er die da- 
selbst aufgestellten Bildsäulen um ein Almosen anzusprechen: 
er wollte, so sagte er, lernen, tvie man abschlägt. Und als 
die gefeierte Phryne in dem tugendhaften Philosophen 
Xenokrates ihren Meister gefunden hatte, bemerkte sie auf- 
gebracht, sie komme nicht von einem Manne, sondern von einer 
BildsätUe, Von einer Bildsäule, der Condillac ihre fünf Sinne 
noch nicht gegeben hatte, der namentlich d£LS abging, was 
man den sechsten Sinn nennt. Was sage ich, Condillac? 
Der standhafte Philosoph strafte vielmehr eine Statue der 
griechischen Sage Lügen, die das gerade Widerspiel von 
ihm war: die Elfenbeinstatue des Königs Pygmalion, die 
unter dessen glühenden Umarmungen belebt, ja, thatsäch- 
lich in Fleisch und Blut verwandelt ward. Cela echaufferait 
du marhre! — Aber die schöne Galatea, wie man die Geliebte 
Pygmalions getauft hat, ist wiederum für viele Gebilde 
typisch. 

Die griechische Bildhauerkunst selbst hat eine Ent- 
wicklung durchgemacht, die an das allmähliche Auftauen 
und Erwarmen dieser Fig^ur erinnert. In der ersten Periode 
Starrheit; in der zweiten erhabene Ruhe; in der dritten 
Pathos und Leidenschaft. Wie die schöne Galatea fangen 
die Statuen des Altertums nach und nach an zu fühlen und 
zu leben, und ihr Leben und ihr Gefühl in ausdrucksvollen 
Bewegungen zu äussern, die von den Künstlern festgehalten 
werden. Mächtige Geberden, Dolmetscherinnen des ver- 
borgenen Gedankens, erschüttern die ebenmässige Gestalt 
— selbst der Zeus des Phidias, das Weltwunder, war gleich- 
sam eine versteinerte Geberde, denn der Vater der Götter 
und Menschen war nicht passiv dargestellt, er schien sein 
majestätisches Haupt zu neigen, dass die Haarmassen vor- 
wärts fielen, diese Auffassung wird durch die Erzählung 
Strabos, wonach Phidias seinem Neffen Panänus als die 
Quelle seiner Inspiration die bekannten homerischen Verse 
nannte, nur bestätigt. 



— 230 — 

Sprach's und huldvoll nickte mit beiden Brauen Kronion; 
Wallend fiel das ambrosische Haar dem ewigen Vater 
Über die hohe Stirn; es erbebte der ganze Olympos. 

Ilias I, 528 ff. 

Je mehr Virtuosität die bildende Kunst gewann, um 
so vollständiger schmolz, wenn ich mich so ausdrücken darf, 
der Körper unter ihren Händen, um so leichter liess sie die 
Gestalten in seelenvollen Zügen, in Geberden und Mienen 
sprechen; zumal die menschlichen Gestalten, zu deren sterb- 
licher Natur sich eine solche Unruhe besser schickte, als 
zur Majestät der Olympier. Harpokrates, der als Gott des 
Stillschweigens den Zeigefinger der rechten Hand auf seine 
Lippen legt*); der Redner, der den Arm ausstreckt, um 
Schweigen zu gebieten; der betende Knabe, der beide Hände 
gen Himmel erhebt; der Fechter, der den Finger in die 
Höhe hebt und sich für besiegt erklärt; der Zuschauer, der 
den Daumen nach unten wendet und den Befehl zur Ertei- 
lung des Todesstosses gibt; Narciss, der auf das Echo lauscht 
und mit den Fingern nach der Gegend hinweist, woher die 
Töne kommen; der trunkene Satyr, der der Welt ein 
Schnippchen schlägt — sie alle sind ja Figuren, die gleichsam 
leben, im Steine sprechend und ausdrucksvoll im Tode; der 
Künstler, der sie schuf und ein ganzes Dasein in einen 
einzigen prägnanten Moment zusammenpresste, musste eben 
diesen Moment so wählen, dass er möglichst viel sagte und 
dem Beschauer möglichst viel zu denken gab. 

Wenn wir auf einen Friedhof, in ein Pantheon oder 
eine Westminster- Abtei gehen und die gesetzten Denkmäler 
mustern, so begegnen wir einer dreifachen Auffassung. 
Bald sind die Toten schlummernd, von Todesnacht um- 
fangen dargestellt; das war die altchristliche Manier. Bald 
wachen sie, befinden sich aber in einem Zustande ernster 
Ruhe; dieses Motiv zogen die alten Griechen und Römer 

*) Harpokrates, Solin des Osiris und der Isis, war identisch mit Horus, 
nämlich Horus als Kind. Er wurde deshalb auch als Kind dargestellt; als 
solches steckte er nach Art der Säuglinge den Finger in den Mund. Erst philo- 
sophierende Griechen nahmen diese kindische Geberde für ein Gebot zu schweigen. 



— 231 — 

vor. Bald wiederum hat man sie abgebildet, wie sie im 
Leben waren, so dass sie auf uns zuzukommen und mit 
uns reden zu wollen scheinen; solche Monumente herrschen 
in der neueren Zeit vor. Diese drei Formen, in denen uns 
die Verstorbenen auf den Friedhöfen erscheinen, sind auch 
die Formen, in denen die Kunst das Leben porträtiert. 
Ihre Erstlingswerke blicken uns leblos und glanzlos an wie 
eine Leiche. Allgemach werden die Toten auferweckt, sie 
beginnen langsam zu leben und zu atmen, aber sie ver- 
harren noch regungslos in ihrer Stellung, sie gleichen einem 
Wesen, das nicht stumm ist, aber schweigt. Endlich stehen 
sie auf und wandeln. Wie? Die Bildsäulen stehen auf? 
So wäre denn nicht jede Statue ein Typus der Kälte, der 
Stummheit und der Unempfindlichkeit? Gewiss nicht; und 
wenn Condillac eine Marmorstatue belebt, so darf er sich 
höchstens etwa den Apollo von Tenea oder sonst ein alter- 
tümliches Werk aussuchen, das in seiner maskenhaften 
Starrheit allerdings einer Bildsäule ähnlicher ist, als einem 
Menschen. 

Dass die Statuen gleich dem Töchterlein Jairi aufstehen 
und wandeln, wäre zwar nichts Seltenes, wenn es nach der 
Sage ginge, welche gern Abgötterei treibt und die Ab- 
bilder lebender Wesen mit den lebenden Wesen selbst ver- 
wechselt. Im Mittelalter erzählte man sich von den Mira- 
hüien der Stadt Rom. Das erste war, d£LSS auf dem Kapitol 
oder auf dem Kolosseum eherne Statuen der römischen 
Provinzen standen, in ihrer Mitte Roma mit einem goldenen 
Apfel in der Hand. Sobald sich eine Provinz im Reich 
empörte, läutete ihr Stamdbild in Rom ein Glöckchen und 
kehrte der Roma den Rücken zu. Avis au lecteur. Tali arte, 
setzt der Grrammatiker Ugxitio hinzu, Bomani Trojani mundum 
subjugäbant Er hätte statt der Bomani Trojani auch sagen 
können: Bomani Byzantini; denn aus Konstantinopel wird 
von Nicephorus Gregoras ein analoges Miräbüe erzählt. 
In dem kaiserlichen Palaste zu Konstantinopel befand sich 



— 232 - 

• 

seit dem Jahre 1227 ein Gemälde, welches den heiligen 
Georg zu Pferde darstellte. Dieses Pferd pflegte laut zu 
wiehern, so oft ein Feind die Stadt mit Erfolg zu be- 
rennen drohte. Aber überall hat der Wunderglaube des 
Volkes den Statuen eine phänomenale Beweglichkeit ver- 
liehen, namentlich den Heiligenstatuen, die bald reden, 
bald weinen, bald mit dem Finger drohen, bald ausweichen 
mussten, wenn eine Kugel geflogen kam : dem heiligen 
Januarius in Neapel juckt es in allen Gliedern, ja, eine 
seiner Statuen in Pozzuoli bekam sogar einmal die Pest. 
Und anderseits heftet sich der Volkswitz mit Vorliebe 
an die steinernen Männer, die in der Stadt herumstehen — 
es ist schrecklich, was man den achtundzwanzig Bildsäulen 
nachgesagt hat, welche das Geländer der Prager Karls- 
brücke krönen — der berliner Schusterjunge kann sich nicht 
entbrechen, den Freiherm von Stein zu bewundern, weil 
er die Hand vorstreckt und sagt: es trippelt schon — und 
dem Grafen von Brandenburg die Worte in den Mund zu 
legen: mag der Dreck auch fusshoch liegen, mit die Stebbel komme 
ich dorch. Immerhin ist das ein Leben, welches den Statuen 
nur geliehen wird, indem man für den Augenblick vergessen 
will, dass man tote Bildsäulen vor sich hat; es ist ein von 
den Originalen erborgtes Leben — ein Leben, an welchem 
das steinerne Bild allerdings auf kurze Momente Teil hat, 
das aber in dieser Fülle nur Eine Statue besitzt: der Mensch. 
Man kennt den Don Juan des Antonio de Zamora, der 
eigentlich eine Nachahmung eines Stückes von Tirso de 
Molina ist. In Sevilla, einer der üppigsten Städte der ein- 
stigen Weltmonarchie, hat ein Edeln>ann aus dem Ge- 
schlechte Tenorio die Tochter des Gouverneurs Komtur 
UUoa entführt und den alten Herrn im Zweikampf erstochen. 
Der Ermordete wird im Franziskanerkloster in der Familien- 
gruft beigesetzt, das Denkmal ist ein Reiterstandbild. Don 
Juan, dessen Familie hier gleichfalls eine Kapelle hat, 
kommt in das Kloster und in einer übermütigen Laune 
lädt er den Komtur zu sich auf die Calle de San Leandro. 



— 233 — 

Der steinerne Mann nickt, wie oben Zeus genickt hat, nur 
dass er wirklich den Kopf bewegt: er nimmt die Einladung 
an und stellt sich ein: er reicht Don Juan die eiskalte 
Hand: er fuhrt ihn an den Ort der ewigen Verdammnis. 
Wer hätte den Herrn Gomendador, den Convidado de Piedra, 
der in Sevilla noch gezeigt wird, nicht im Opemhause ge- 
sehen? Der Augenblick, in welchem sich das Haupt des 
steinernen Reiters regt und das erste Zeichen eines ge- 
heimen Verständnisses erfolgt, ist ein sehr merkwürdiger 
— wir schaudern, wie wir im Zampa schaudern, da die 
Marmorbraut den Ring angesteckt bekommt und zukrampft. 

Warum erschrecken wir nicht über uns selbst? Denn 
wir sind auch steinerne Gäste und unheimliche Pantomimen. 
Belebten Bildsäulen gleich, sprechen wir, ohne den Mund 
aufzuthun, eine leise, wunderbare Sprache — kein Geräusch, 
keine unheilige Stimme stört unsere geisterhafte Unter- 
haltung — nur der stumme Gruss, nur der schweigende 
Händedruck geht vielsagend hin und her, ein leuchtender 
Blick, ein blitzartiger Fingerzeig genügt, die Situation zu 
klären, Fragen werden gestellt und Antworten erteilt, in- 
dem eine Wimper zuckt: tausiend edle, bildsame Menschen- 
leiber gaukeln wie Traumgestalten durcheinander und ver- 
körpern ihre heimlichsten Gedanken einen ganzen langen 
Tag mit angeborener Plastik; und wenn es Abend wird, 
so faltet sich die wandelnde Statue zusammen, ruht von 
ihrem Tanze aus und wird, was die Schlafende Äriadne ist, 
ein Ebenbild des Todes. 

Ich weiss wohl, dass im gemeinen Leben neben dieser 
stummen und geisterhaften Unterhaltung die Lautsprache 
hergeht, wie ein Tambour neben der Kompagnie. Aber es 
wird g^t sein, den Trommelschlag einmal ganz wegzu- 
denken, uns gleichsam auf eine stille Insel zu flüchten, wo 
nicht mit Worten, sondern nur mit Geberden gesprochen 
wird, und zu dem Ende die Menschen für einen Augenblick 
als Statuen anzusehen, die sich gleichsam selber formen, 
die den unerschöpflichen Bildnergeist in ihrem Innern 



— 234 — 

tragen und die als solche auf die Sprache ohne Worte 
ausschliesslich angewiesen sind. Zwischen Statuen und 
Menschen ist, solange die letzteren schweigen, der Theorie 
nach kein anderer Unterschied als der, welcher bei Be- 
wegungen hervortritt; in der Ruhe gleichen sie sich durch- 
aus. Aber sobald es sich um eine lebendige Bewegung 
handelt, wird man inne, wie der Marmorstatue die Freiheit 
mangelt. Der Mensch führt die ganze Bewegung vom 
ersten bis zum letzten Momente aus und durchläuft alle 
Stadien derselben ; die Statue ist an einen einzigen be- 
stimmten Moment gebunden. Der Mensch, der eine Ge- 
berde macht, verwandelt sich in eine ganze Reihe von 
Statuen, nämlich in so viel einzelne Statuen, als die Greberde 
Momente hat; die Statue stellt nur einen dieser Momente 
dar, die übrigen werden vom Beschauer hinzugedacht. Aber 
in diesem einen Momente gleichen sich Statuen und Men- 
schen wieder ebenso vollkommen wie in der Ruhe. 

Wir können daher wohl von einer Beredsamkeit des 
Marmors reden, wenn wir die schöne Fähigkeit des Men- 
schen, in Mienen und Geberden zu sprechen, bezeichnen 
wollen, indem der Marmor diese Fähigkeit gleichfalls und 
reiner zu besitzen scheint als wir. Zwar erfolgen unsere 
Geberden vollkommener und mit einer grösseren Ausführ- 
lichkeit, aber sie werden bei uns fortwährend von Lauten 
unterbrochen und mit tönenden Phrasen ergänzt, gleichsam 
mit einem Accompagnement versehen, während eine Ver- 
sammlung von Marmorbildem , wie ein Klub des Still- 
schweigens, jedwede Rede ausschliesst, so dass ihre Ge- 
berden sauber und isoliert auftreten. Und wenn dieselben 
gleichzeitig, der Beschränktheit des Elementes wegen, kurz 
und prägnant sein müssen, erscheinen sie nicht als um so 
viel bessere rhetorische Leistungen? Sie geben von unseren 
Bewegungen nie mehr als die Quintessenz und erreichen 
doch dasselbe, weil sie alles Charakteristische enthalten. 
Es versteht sich, dass diese Beredsamkeit nur die natür- 
lichen, allgemein menschlichen und allgemein verständlichen 



— 235 — 

Geberden braucht, nicht solche, die in bestimmten Gesell- 
schaftskreisen, zum Beispiel in Taubstummenanstalten, aus- 
gebildet und von ihnen vereinbart worden sind, denn daraus 
würde der gewöhnliche Zuschauer nicht klug. Und ander- 
seits versteht es sich, da es sich um Beredsamkeit handelt, 
dass hier nur bewusste Geberden in Frage kommen, welche 
eine Mitteilung beabsichtigen, wenn sie gleich die Mitteilung 
in keine Satzform bringen. Beredt ist der menschliche 
Organismus in allen seinen Mienen, ja sogar schon in den 
Zügen des Angesichts und in den Formen des Skelettes, 
die alle etwas verraten. Aber beredt im engeren Sinne 
wird er erst, wenn er etwas verraten will und er zu dem 
Ende die natürlichen Äusserungen reproduziert. 

Wild und regellos macht der Naturmensch seinen 
Empfindungen Luft, blindlings folgt er den Impulsen des 
mächtigen Genius, der ihn wie einen Besessenen durch- 
waltet und bald in die Höhe, bald in die Tiefe schleudert. 
Auf alles, was ihm vorkommt, hat er eine Antwort, die 
mit Natumotwenigkeit erfolgt, sei es, dass er sich vor 
seinem Gotte niederwirft, sei es, dass er dem besiegten 
Feinde den Fuss auf den Nacken setzt, sei es, dass er den 
Freund ans Herz drückt, sei es, dass er vor einem Verräter 
ausspeit — das ist seine instinktive imd unüberlegte Bered- 
samkeit, auf die bald eine künstlichere folgt. Denn all- 
mählich wird er inne, wie gnt diese Äusserungen von allen 
Menschen verstanden werden, wie jedermann auf seine Ge- 
berden achtet und Schlüsse daraus zieht, und wie er selbst 
bei anderen darauf achtet. Er geht also nun systematischer 
vor und unterdrückt seine Geberden, wenn sie ihm schaden 
können; umgekehrt wiederholt er sie geflissentlich, ohne 
dass er von der Natur dazu getrieben wird, wenn er das 
für vorteilhaft erachtet. Der Schauspieler auf der Strasse 
handelt ganz konsequent und die Berechnung, die er an- 
stellt, entbehrt nicht eines gewissen Scharfsinns. Er fühlt 
nichts und würde, wenn es nach der Natur ginge, kalt 
bleiben wie ein Stein. Aber die Erfahrung lehrt, dass auf 



— 236 — 

ein gewisses Gefühl eine gewisse Geberde als Reaktion 
erfolgt, und es liegt dem Manne daran, andere an sein Ge- 
fühl glauben zu machen. Er bringt also die Wirkung her- 
vor, damit es so aussehe, als ob die Ursache existiere. 
Und indem diese Reproduktion ausdrücklich an die Adresse 
des Zuschauers gerichtet wird, entsteht eine absichtliche 
Mitteilung, wie sie der Kulturmensch alle Tage macht 

Zu derartigen Mitteilungen werden vorzugsweise solche 
Geberden benutzt, die plastisch hervortreten und im Auge 
einen ausgesprochenen Eindruck hinterlassen — das ist der 
Grrund, weshalb sie nicht nur im Steine nachgeahmt, sondern 
auch oft geradezu den Statuen selber zugeschrieben worden 
sind. Durch nichts können wir doch die Verehrung, die 
wir für jemand haben, und die Unterwürfigkeit unter seinen 
Willen deutlicher machen, als indem wir uns faktisch vor 
ihm verkleinem, den Hut abnehmen und uns verneigen, 
und deshalb ist diese Geberde unser stehender Gruss ge- 
worden; in China verneigt sich das Volk neunmal vor einem 
Mandarinen und der Mandarin neunmal vor seinem Kaiser. 
Und abermals, weil diese Geberde so deutlich, so plastisch 
ist, hat sie Phidias nicht verschmäht, als er seinen Zeus 
modellierte — sie bedeutet hier nicht minder eine Art Unter- 
würfigkeit, nur nicht im allgemeinen, sondern in dem beson- 
deren Falle des Gewährens und des Erhörens einer Bitte, 
was nur scheinbar entgegengesetzt ist; denn der Herr, der 
dem Diener einen Wunsch erfüllt und ihm eine Zusage 
macht, ordnet sich dem Willen des Dieners gleichfalls unter. 
Endlich wird dieselbe Geberde von der Sage dem Komtur 
von Sevilla zugeschrieben. Gepriesen sei die Beredsamkeit 
des Marmors! Sie ist den tiefsten Bass wert! — 



Als der scharfsinnige Junker Don Quixote von der 
Mancha zu Barcelona im Hause des Don Antonio Moreno 
war, machte sich dieser einen Scherz mit ihm. Er führte 
ihn in ein abgelegenes Gemach, in welchem ein Tisch von 



— 237 — 

Jaspis stand. Auf dem Tische war eine bronzene Büste 
aufgestellt, die wie das Brustbild eines alten römischen 
Kaisers aussah. Diesen Kopf hatte ein Zauberer gemacht: 
er antwortete auf alle Fragen, die man ihm ins Ohr sagte. 
Bei einer Probe sprach er in der That und gab nicht nur 
Don Quixote und seinem Schildknappen, sondern allen An- 
wesenden die merkwürdigsten Aufschlüsse. Es war das 
Abenteuer mit dem verzauberten Kopfe, la Äventura de la 
üabeza Encantada, 

Cervantes hat die sinnreiche Vorrichtung, vermöge 
deren die Antworten erfolgten, selbst beschrieben; die 
Sache war, dass das Mittelalter an die Existenz solcher 
allwissenden Köpfe wirklich glaubte. Nicht weniger als 
fünf könnte man namhaft machen, denen in verschiedenen 
Ländern Zauberkraft zugeschrieben ward und die nicht 
bloss Kunstwerke gewöhnlicher Hexenmeister waren. Nein, 
durch den Besitz derartiger Köpfe suchte sich das Volk 
das erstaunliche Wissen einzelner Gelehrter zu erklären. 
Der kenntnisreiche Albertus Magnus zu Köln fabrizierte 
im Xni. Jahrhundert einen irdenen Kopf, der sprechen und 
die Miene verändern konnte: er hatte Albert dreissig Jahre 
Arbeit gekostet und schliesslich zerbrach ihn sein Schüler, 
der heilige Thomas von Aquino, in tausend Stücke. Ger- 
bert, der Lehrer Ottos ÜL, nachmals Papst Sylvester IL, 
hatte dagegen schon im X. Jahrhundert ein sprechendes 
Haupt von Erz gemacht; und ebenso beseiss der englische 
Mönch Roger Bacon, der Doctor Mirabilis, im XIII. Jahr- 
hundert zu Oxford sein Brazen Head. Ja, von dem letzteren 
hat sich bis auf den heutigen Tag die Nase erhalten — 
jene eherne Nase, welche man am Thorweg eines Ox- 
forder College sieht und nach welcher dasselbe Brazenose 
CoUege heisst. Man nimmt an, dass hier ursprünglich ein 
Brasenhus oder Brazing Htmse, das heisst ein Brauhaus, ge- 
standen habe und dass Brazenose eine Umdeutung des alten 
Wortes sei, doch kommt der Name Brazenose Hall für das 
einstige KoUegiatgebäude schon in einer Urkunde von 



— 238 — 

A. D. 1278, der Zeit Roger Bacons, vor; und das Zusam- 
mentreffen mit der Sage von dem Brazen Head scheint mir 
um so mehr zu beachten , als die Formen Brasenhus und 
Brazing House nichts als Hypothesen sind.*) 

Aber wie seltsam und ungeschickt ist doch der Ge- 
dankengang des Volkes, das solche Märchen erfindet! Es 
sieht einen grossen Mann, der in der Natur unendlichem 
Geheimnis liest und der, wie man zu sagen pflegt, einen 
guten Kopf hat — lieber als ihm den ausgezeichneten Kopf 
zu lassen, schreibt es ihm die Verfertigung eines bronzenen 
Kopfes zu, der für ihn denkt und ihm das Vergangene und 
Zukünftige offenbart! Denn es ist doch gar kein Zweifel, 
dass der bronzene Kopf des Roger Bacon im Grunde sein 
eigener Kopf ist, der nur gewissermassen vom Rumpfe ge- 
trennt und wie eine wunderbare Maschine vor ihn auf den 
Tisch gestellt wird. 

Wie daran kein Zweifel ist, dass Götzen und Heiligen- 
bilder nur einzelne Personen sind, in welche das Original 
zerlegt wird. Das menschliche Begriffsvermögen ist so 
schwach und der Anschauungen so bedürftig, dass es seinen 
Gott verdoppeln und verdreifachen muss, um das Wesen 
desselben zu erfassen — es wird uns leichter, die Eigen- 
schaften eines Wesens zu erkennen, wenn wir sie gleichsam 
abstrahieren und auf Bilder desselben Wesens übertagen — 
worauf dann diese Bilder eine Macht über uns gewinnen, 
dass wir schier vergessen, woher sie genommen sind. Und 
doch ist jedes Bild, und gehörte es zu den Acheropitis, 
noch schattenhafter als der Mensch, der doch selbst nur 
der Traum eines Schattens ist. 

Wenn wir darüber recht nachdenken, so kommen wir 
zu dem Schluss, dass die gesprächigen Statuen, an denen 



*) Das Haupt des Orpheus, welches der Sage nach nebst seiner Leier von 
den Wogen zu den Küsten von Lesbos getragen wurde und hier das blutige 
Ende des Cyrus unter den Massageten vorausgesagt haben soll, war kein künst- 
liches, sondern das natürliche Haupt des mythischen Sängers, vielleicht wie das 
des heiligen Januarius in einer kostbaren Büste eingeschlossen. 



— 239 — 

wir die Beredsamkeit des Marmors studieren wollten, nur 
Modellen gleichen, die ein Zeichenlehrer seinen Schülern 
vorlegt; und dass wir uns an ihnen die Sprache ohne Worte 
deutlich machen, wie sich das Volk die Weisheit eines 
Mönches an einetn bronzenen Kopfe deutlich macht. Mo- 
delle sind vorzügliche Lehrmittel, ja, als solche vielleicht 
instruktiver als die Natur selbst, aber doch nur Proben und 
Beispiele der Natur. So mögen wir an den Statuen sehen, 
was die Menschen für Geberden machen, sie lehren das 
vortrefflich, sie eignen sich in ihrer steinernen Ruhe viel 
besser zu Demonstrationen als lebendige Individuen. Aber 
auf die letzteren kommt es an: die Bildsäule ist ja nur eine 
Drahtpuppe, die sich anstellt und geberdet, bückt und auf- 
richtet, wie es ihr der Mensch vormacht, der sie innerlich 
regiert — ihre Beredsamkeit wie die Aarons, der für Moses 
zum Volke spricht, aber dem sein Bruder Moses alle Worte 
in den Mund legt. 

Jedermann stellt offenbar selbst die beste Bildsäule 
von sich dar, was denjenigen zum Tröste gesagt sein mag, 
denen noch keine gesetzt worden ist und die deshalb ge- 
legentlich bei ihren nächtlichen Spaziergängen ein leeres 
Piedestal besteigen. 

Kennst Du, lieber Leser, die Geschichte des Prinzen Zeyn 
Älasnam, der Zierde der Bildsäulen aus Tausendundeine 
Nacht? — In der alten Stadt Basra, dem Athen des Orients, 
war ein junger König, dem hatte sein Vater acht diaman- 
tene Bildsäulen hinterlassen, jede einzelne von unschätz- 
barem Werte. Diese acht Bildsäulen standen in einem 
unterirdischen Gemach auf goldenen Fussgestellen. Aber 
es gab noch ein. neuntes Fussgestell, ebenfalls von gedie- 
genem Golde, auf dem lag nur ein Stück Atlas mit der 
Inschrift: 0, mein lieher Sohn! Diese acht Bildsäulen zu erwerben 
hat mir viel Mühe gemacht, und sie sind sehr schön. Aber Du 
musst vjissen, dass es noch eine neunte auf der Welt gibt, welche 
sie übertrifft , Sie allein ist mehr wert, als tausend solche, une 
Du hier siehst. Willst Du Dich in ihren Besitz setzen, so mache 



— 240 — 

Dich auf und gehe in die Stadt Kairo. Der König Hess sichs 
gesagt sein, er reiste nach Kairo und fand dort einen alten 
Sklaven seines Vaters, Namens Mobarek, der ihn unter 
mannigfachen Abenteuern auf eine Insel zu einem mäch- 
tigen Geiste brachte. Der Schutzgeist des königlichen 
Hauses empfing sie gnädig: er war es, der dem verstorbe- 
nen König die acht Bildsäulen, eine nach der anderen, 
geschenkt und seinem Sohn die neunte, ungleich schönere, 
zu geben versprochen hatte. Nun gab er Zeyn Alasnam 
auf, ihm eine fünfzehnjährige Jungfrau zu bringen, die noch 
von keinem Manne wisse und überdies ausgezeichnet schön 
sei; sie zu erkennen, sollte ein Spiegel dienen. Der König 
zog denn abermals mit dem alten Sklaven aus, die Jung- 
frau ausfindig zu machen imd fand endlich nach langem 
Suchen in Bagdad eine, wie sie sein sollte, die er am 
liebsten selber behalten hätte, die er aber standhaft genug 
war, dem Geist zu überliefern. Dieser war zufrieden und 
befahl dem König Zeyn nach Basra zurückzureisen, in dem 
unterirdischen Gemache werde er jetzt die neunte Bildsäule 
finden. Und richtig, als er zu Hause war und mit seiner 
Mutter hinunterging, stand die neunte Bildsäule auf dem 
neunten Fussgestelle — es war das schöne Mädchen, das 
er mit schwerem Herzen dem Geist überlassen hatte. 

Mein König, sprach die Jungfrau zu dem überraschten 
Jüngling, Du erwartetest etwas Kostbareres zu sehen, als mich, 
und bereust jetzt ohne Zweifel, dass Du Dir so viele Mühe gegeben 
ha^st .... wollen wir abwarten, was der König Zeyn Alas- 
nam erwiderte oder wollen wir die Antwort für ihn geben? 
Wer liesse nicht ein Pio-Clementinisches Museum für die 
holde, zitternde und schamhaft errötende Beredsamkeit der 
neunten Statue? — 



241 



II. Plastische Zeichen der Gesinnungen. 

Die systematische Darstellung — Zeichen der Liebe: der Kuss, die Umarmung 
und der Händedruck — letzterer aus dem Handschlag hervorgegangen — Hand 
in Hand — im Mittelalter reichte der Ritter der Dame nicht den Arm, sondern 
die Hand — der Nasenkuss der Fidschiinsulaner — Zeichen der Verehrung — 
sie laufen auf eine Selbsterniedrigung hinaus — Grade der letzteren : die Nieder- 
werfung, das Niederknien, die Verneigung, das Hut abnehmen, das Ausziehen der 
Schuhe, das Ausweichen und Platzmachen — wir verfolgen diese Geberden 
durch Altertum, Mittelalter und Neuzeit — Beispiele aus der Bibel, historische 
Belege, Beobachtungen, die auf Reisen gesammelt sind — Stellungen beim 
Gebet — die Adoratio und die IlQogscvvTjCig — Abraham und die drei Engel 

— Herzog Rollo und Karl der Einfaltige — der Selam der Türken — Zeichen 
der Dankbarkeit: sie fallen vielfach mit den Geberden der Liebe und Ver- 
ehrung zusammen — Zeichen des Beifalls: das Klatschen — die Nachsicht: 
durch die Finger sehen — Zeichen des Missfallens: sie sehen den Zeichen des 
Beifalls oft sehr ähnlich — der Zorn: die Ohrfeige — der Verweis: die Nase 

— Zeichen des Spottes: der Storch, das Eselbohren, das Herausstrecken der 
Zunge, Homer machen. Rübchen schaben, eine lange Nase machen, ein Schnipp- 
chen schlagen — Zeichen der Verachtung: das Ausspeien, das Entblössen des 
Gesässes, das Bieten der Feige, das Ausstrecken des Mittelfingers — die Feige 

ein Bild der Gebärmutter, die Geberde ein Bild des Coitus. 

Nach dieser Exkursion in das Reich der Marmorstatuen, 
welche uns auf die angeborene Beredsamkeit des leben- 
digen Menschenbildes nur vorbereiten sollte, indem sie uns 
dieselbe im Spiegel der Bildhauerkunst zeigte: schreiten 
wir jetzt zu einer systematischen Übersicht über die plasti- 
schen Zeichen, welche sich die Menschen untereinander von 
ihrer jeweiligen guten oder schlechten Gesinnung geben, 
und über die bewussten Reproduktionen der natürlichen 
Geberden, sofern dieselben eingestandenermassen an die 
Adresse des Beobachters gerichtet sind. Wir ordnen die- 
selben nach den Gefühlen, denen sie entspringen und die 
dadurch, aufrichtig oder nicht, zum Ausdruck gebracht 
werden sollen — die Aufrichtigkeit ist am gewissesten, 
wenn es sich um feindselige Kundgebungen handelt, hier 
wird nicht geheuchelt, wie nur allzuhäufig bei den 

A. Zeichen der Liebe geheuchelt wird. Wenn wir einem 
Freunde die Hand schütteln, wenn wir ihn beim Wie- 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. 16 



— 242 — 

dersehen küssen und umarmen, streicheln und an uns 
drücken, so kommt uns das wohl von Herzen und wir 
folgen einem natürlichen Impulse. Aber es wird doch 
dabei bezweckt, ihm einen offiziellen Liebesbeweis zu 
geben, und der Fall ist ja nicht selten, dass der Beweis 
noch beibehalten wird, wenn die Liebe schon erkaltet 
ist, ihre Fortdauer gleichwohl durch diese ihre natür- 
lichen Äusserungen annonciert werden soll — 

in welcher Rücksicht, 
obgleich ich ihn wie Höllenqualen hasse, 
weil mich die gegenwärtge Lage zwingt, 
ich aufziehn muss der Liebe Flaggt und Zeichen. 

Jago in Shakespeares Othello (I, i). 

So zog schon Judas der Liebe Flagge und Zeichen 
auf, als er seinen Meister küsste. Der (a) Kuss, und 
zwar der eigentliche Kuss oder der Kuss auf den Mund, 
wie ihn die Umarmung, das Embrassement der Franzosen, 
mit sich bringt,*) ist immer das vornehmste offizielle 
Zeichen der Liebe, respektive der Versöhnung gewesen 
und geblieben, er stellt daher auch eine Hauptform der 
freundschaftlichen Begrüssung dar. Vergessen Sie mcW, 
zu mir auf einen Kaffee und a%kf einen Kuss zu k<miiiim, 
schrieb Klopstock an Gleim unterm 1 6. Juni 1750. Weil 
der Kuss indessen den bekannten geschlechtlichen Bri- 
geschmack hat und von rechtswegen nur am Platze ist, 
wenn Amor und Psyche zusammenkommen, so sollten 
Männer untereinander und Frauen untereinander spar- 
samer mit ihren Küssen sein, als sie es in vielen Län- 
dern sind; und die englische Sitte nachahmen, wonach 



*) Die Umarmung oder Umhalsung allein, französisch Accolade, ist im 
Mittelalter gleichfalls eine offizielle Ceremonie gewesen. Wenn ein Junker in 
einen Ritterorden aufgenommen ward, umarmte ihn der Grossmeister des Ordens 
oder wer sonst den Ritterschlag erteilt hatte, feierlich, indem er ihm seine Arme 
um den Hals (a col) legte. Später wurde Accolade auch für den Akt des Ritter- 
schlages selbst gebraucht. 



— 243 — 

sich nur die nächsten Angrehörigen mit einem Kuss be- 
grüssen. Auf mehreren Insebi Polynesiens, den Gesell- 
schafts-, den Freundschafts-, den Fidschiinseln küssen 
sich die Bewohner nicht mit den Lippen, sondern mit 
den Nasenspitzen, welche letzteren dadurch ganz abge- 
stumpft werden: auch die Lappen drücken, wenn sie 
sich begrüssen, die Nasen fest aneinander: wenn sie's 
nicht lassen mögen, können Personen einerlei Geschlech- 
tes auch das nachahmen. 

Das wäre freilich eine allzufreie, dichterische Er- 
weiterung des Begriffs, wollte man, so oft sich zwei 
Personen mit den entsprechenden Körperteilen berühren, 
von einem Kusse reden: dann würden sich auch die Leute 
küssen, wenn sie sich herzen, wenn sie sich liebhaben, 
das heisst, die Wangen, die Schenkel, die Knie anein- 
anderdrücken , und wenn sie sich die Hände reichen. 
Bei dem geistlichen Dichter Spee bedeutet allerdings 
Bäcklein wirklich soviel wie Kuss, entsprechend dem 
Ausdruck Mäulchen, doch weiss man nicht recht, was er 
eigentlich damit meint. Aber alle diese zärtlichen Duale, 
welche nach Analogie des Kusses in Szene gesetzt 
werden, sind gleich ihm und nächst ihm hergebrachte 
Beweise der Liebe und Freundschaft Sein Händedfitck 
und ach, sein Kuss! — — Zumal der (b) Händedruck, 
der nicht seitlich auf die Finger, sondern vermittels 
des Daumens auf den Rücken der Mittelhand wirken 
und von einem kräftigen Stoss nach unten begleitet 
sein soll (englisch to shake hands toith). Die Sitte, sich 
beim Kommen und Gehen die rechte Hand zu drücken, 
ist uralt; iv ö' aga ol g)v xblqLj gleichsam ikre Hände ver- 
wuchsen miteinander, liest man häufig bei Homer, und 
schon bei den alten Römern waren, wie man aus antiken 
Medaillen sieht, zwei verschlungene Hände (dextrae) 
Symbole der Gastfreundschaft und der Eintracht. Es 
gibt wohl Leute, die ihre Briefe zu schliessen belieben: 

wU herzlichem Oruss und deutschem Handschlag Ihr ergehener 

16* 



— 244 — 

N. N. Dazu wäre zweierlei zu bemerken. Erstens, dass 
man sich nicht bloss in Deutschland, sondern in ganz 
Europa die Hand zum Abschied gibt, sintemal auch der 
Franzose seine Briefe schliesst: je vous serre la main und 
der Italiener: vi stringo la mano, oder ricevete una stretta 
dl mano; den Händedruck nennen die Franzosen: une 
poignee de main. Überall gilt Heines Wort: wem zwei 
von einander scheiden, so geben sie sich die Hand, Zweitens, 
dass Handschlag etwas anderes ist als Händedruck, 
nämlich nicht ein Zeichen der Freundschaft, sondern die 
altherkömmliche Bekräftigung eines Versprechens, eines 
Gelübdes, eines Ehe Verlöbnisses, die man auch einfach 
als Handtreue bezeichnet; noch heute werden bei der 
Reichstagswahl Protokollführer und Beisitzer von dem 
Wahlvorsteher mittels Handschlags an Eides Statt ver- 
pflichtet, und beim Handel, namentlich auf" Viehmärkten, 
kommt der Handschlag als Zeichen des erfolg^ten Ver- 
tragsabschlusses häufig vor. Allerdings gehen beide 
Geberden, Handschlag und Händedruck, vielfach inein- 
ander über, denn nicht nur, dass der Handschlag ge- 
legentlich für einen Gruss, auch der Händedruck wird 
wieder gelegentlich im Sinne eines Gelöbnisses ge- 
nommen; 

wann einst fromme Herzen deutsch sich finden, 
ohne Eide, mit dem Händedruck 
werden sie hier Treue binden, 

sagt der alte Arndt in seinen Gedichten. Aber gerade 
die Amdtschen Verse leiten uns vielleicht zu einer rich- 
tigen Auffassung des Verhältnisses, in welchem die bei- 
den Gesten zu einander stehen. Der iniiige Zusammen- 
hang beider leuchtet ja ein, und es ist sehr wahrschein- 
lich, dass der Handschlag als Gelöbnis das Ursprüngliche 
darstellt, der Händedruck als Zeichen der Liebe das 
Sekundäre, der Gruss aus dem Versprechen hervorge- 
gangen ist Zuerst hat man sich die Hand darauf ge- 
geben, dass man etwsis thun, etwas leisten, etwas kaufen 



\ 



— 245 — 

wolle, dass ein Geschäft abgeschlossen sei; dann hat 
man sich durch den Handschlag zu Schutz und Trutz 
verbündet, sich ewige Freundschaft und ewige Treue 
versprochen, sich verheiratet und verlobt: bei Huldigun- 
gen nach Lehnrecht faltete der Mann die Hände und 
der Herr nahm sie zwischen die seinigen, und einer Dame 
seine Hand anbieten ist ja gerade soviel wie um sie freien 
und sie zur Ehe hegehren. Endlich reicht man sich die 
Hand zum Grusse, indem man die Versicherung bei 
jeder Gelegenheit erneut: toir wollen Freundschaft halten. 
Der Händedruck ist ein Handschlag, nur durch die all- 
zuhäufige Wiederholung abgeschwächt und verblasst — 
ein heiliges Versprechen, das zum Grusse erhoben wird 
— nicht sowohl ein Zeichen der Liebe selbst, als viel- 
mehr ein Liebesschwur. Und dieser feierliche Liebes- 
schwur, diese, wie es formelhaft genannt wird, hand- 
gehende Treue scheint zwar allen Nationen und allen 
Zeiten bekannt gewesen zu sein. Aber zu einer stehen- 
den Form der Begrüssung mögen sie erst die Deutschen 
benutzt und als solche in den romanischen Ländern 
Mode gemacht haben, denn ein Gruss durch Handgeben 
wird meines Wissens weder in der Bibel, noch im rö- 
mischen Altertum erwähnt*) Noch heute begrüssen sich 
ja die Türken und die Araber nicht mit einem Hand- 
schlag; Hand in Hand gehen habe ich junge Musel- 
männer zum Beispiel in Kairo, in dem Esbekiye-Garten 
oft gesehen. Wenn bei uns ein Pärchen Hand in Hand 
geht, so denkt man, es sind Geschwister oder Liebes- 
leute: wie Friedrich Wilhelm Gotter in seinen Gedichten 
sagt: 



*) Manum dare heisst: einem die Hand reichen, um ihn zu führen; wohl 
auch: sich ergeben oder für überwunden erklären. Dexteram ferre war soviel 
wie Handschlag leisten. Manum conserere, dem homerischen (pvvcu iv XElQecoi 
scheinbar so ähnlich, bedeutet doch etwas ganz anderes, nämlich: handgemein 
werden. In der Bibel kommt allerdings der Händedruck als Gruss nicht vor, 
doch der Handschlag als Gelöbnis wird erwähnt: Sprüche XVII, i8. 



— 246 — 

die frühe sich verloren hatten, 
begegnen sich im Abendschatten 
und gehen Hand in Hand zur Ruh. 

Vor Jahrhunderten konnte es auch blosse Höflich- 
keit sein, dass der Ritter die Dame bei der Hand nahm. 
Im Mittelalter und noch lange nach dem Mittelalter 
reichte der Herr der Dame nicht den Arm, sondern die 
Hand, wenn er sie zu Tische oder zum Tanze führte; 
das Fassen unter den Arm galt für bäuerisch. Ich 
möchte auch sagen, dass ein Hand-in-Hand ein anmuti- 
tigeres, gleichsam vornehmeres Bild gewährt als ein 
Arm-in-Arm. 
B. Zeichen der Verehrung. Da man, wie die Welt läuft, 
noch häufiger seine Hochachtung darzuthun hat als seine 
Liebe; da das Gefühl der Demut nicht bloss für den 
Umgang mit den Menschen, sondern auch für den täg- 
lichen Verkehr mit dem höchsten Wesen bestimmend 
ist: so sind die Zeichen der Verehrung unter allen osten- 
tativen Geberden vielleicht die wichtigsten und am meisten 
ausgebildeten. Soviele ihrer aber auch sein mögen, alle 
laufen sie auf ein imd dasselbe Prinzip hinaus, das nur 
bald mehr, bald minder vollständig durchgeführt wird: 
das Prinzip der Selbsterniedrigung. Die Komplimente 
aller Sorten, von dem freundlichen Kopfnicken des Euro- 
päers bis herab zu dem demütigen Grusse des Japaners, 
der seine Sandalen auszieht und die rechte Hand in den 
linken Ermel steckt, als worauf er die Arme langsam 
an den Knien herabgleiten lässt und in ängstlichem Tone 
ausruft: Augh! Äughf Füge mir kein Leid zu! — sind nur ver- 
schiedene Grade einer einzigen Grundgeberde, mit der man 
sich selbst erniedrigt und den anderen erhöht. Wer den 
ersten Buckel machte, sagt ein geistreicher Schriftsteller, dem 
die furchtsame Geberde des Japaners vorgeschwebt haben 
mag, muss sich vor einem Schlag ins Gesicht gefürchtet hohen 
Er muss wenigstens, können wir hinzufügen, die Über- 
macht eines Wesens empfunden haben, das ihn allenfalls 



— 247 — 

schlagen konnte: denn vor einem solchen beugen wir 
uns unwillkürlich, es ist, als ob einer, der uns in seiner 
Gewalt hat, auch leiblich grösser wäre, es ist, als dürften 
wir nicht so gross sein, wenn wir es etwa sind. Die 
Majestät hat etwas Niederdrückendes, wir kriechen in 
uns zusammen, wir fühlen uns wie Zwerge einem Riesen 
gegenüber — bei wenigen Begriffen schmeckt die ur- 
sprüngliche sinnliche Anschauung so vor, wie bei den 
Begriffen Hoch und Niedrig. Daher denn die Selbst- 
verkleinerung, welche diesen Eindruck mit Bewusstsein 
widergibt und die Unterwürfigkeit, die Ergebung in den 
fremden Willen sprechend malt. Tigranes, erzählt Plu- 
tarch in seinem Lehen des LucMtis, Tigranes hatte immer 
vier Könige als Trabanten bei sich, die, während er ritt, 
in kurzen Hemden nebenherliefen und wenn er auf 
seinem Throne sass und Audienz erteilte, mit gekreuzten 
Armen, nicht unähnlich den Statuen gefangener Barba- 
ren, tiefgebückt um ihn standen, indem diese Haltung toie 
eine die Knechtschaft auszudrücken y Lehen und Person der 
Willkür des Herrn preiszugeben schien (XXI, lo). Wenn ich 
in China bin und auf einem Pferde sitze und einem 
gleichfalls reitenden Mandarin begegne, so werde ich 
absitzen — wenn ich in Rom bin und in einer Droschke 
fahre und dem Heiligen Vater begegne, so werde ich 
aus dem Wagen springen — ja, hiermit noch nicht zu- 
frieden, werde ich als guter Katholik dem Papste zu 
Füssen fallen und ihm den Pantoffel küssen. Da haben 
wir noch in unserer Zeit und in Europa jenen höchsten 
Grad der Selbsterniedrigung, der im Orient von jeher 
üblich und die älteste Form der Begrüssung gewesen ist. 
a) Die Niederwerfung. Als der heilige Bernhard A.D. 
1 1 1 3 mit dreissig Gresinnungsgenossen nach Citeaux 
zog, um in den Cisterzienserorden zu treten, warf sich 
die heilige Schar an der Pforte des Klosters vor dem 
Abt Stephan auf die Erde und flehte unter Thränen 
um Aufnahme. Wenn heutzutage ein Reisender in 



- 248 — 

Frankreich der Grossen Trappe einen Besuch abstattet, 
wird er umgekehrt von den Mönchen gleich einem 
Gott bewillkommt: sie werfen sich die Länge lang 
vor ihm auf den Boden. Sie folgen hierbei dem Bei- 
spiel Abrahams (i. Buch Mose XVIII, I— 16). Als der Pa- 
triarch im Haine Mamre vor der Thür seiner Hütte 
sass, erschien ihm der Herr in Menschengestalt, be- 
gleitet von zwei Engeln, den Dienern seines Zornes 
gegen Sodom. Wie Abraham die drei Männer er- 
blickte, lief er ihnen entgegen und bückte sich nieder 
auf die Erde, das heisst, er fiel auf seine Knie und 
neigte dann seinen Körper tiefer und tiefer, bis er 
mit der Stirn den Boden berührte. Diese Art der 
demütigen Verehrung war in der That beim Gottes- 
dienste wie beim Götzendienste Regel; doch darf man 
zweifeln, ob Abraham seinen Freund Jehovah gleich 
erkannt hat. Zwar die griechischen Maler, und mit 
ihnen Rafael, haben, im Einklang mit den Worten der 
Liturgie, die drei Gäste des Abraham für die heilige 
Dreieinigkeit selbst genommen; doch glaube ich kaum, 
dass Abraham die drei göttlichen Personen selbst zu 
bewirten sich vermass. Wenigstens beweist dcis seine 
Begrüssung nicht — die Niederwerfung war auch im 
Verkehr mit den Menschen obligat und die her- 
kömmliche Form, Gäste zu empfangen, Königen Ehr- 
furcht zu bezeigen. Gleichstehende seiner besonderen 
Hochachtung zu versichern; gelegentlich wurde sie 
dreimal und siebenmal wiederholt. Dazu kam meist 
das Umfassen der Knie imd der Füsse und das Küssen 
des Bodens, auf welchem der Gewaltige stand, wohl 
auch das Küssen der Füsse selbst. Diese Sitte herrschte 
noch zur Zeit Christi, wie man nicht nur aus den zahl- 
reichen Fällen, in welchen sie gegen die Person des 
Erlösers selbst beobachtet wurde, sondern auch aus 
der Parabel von dem Unbarmherzigen Knechte sieht 
{Evangelium Matthäi XVIII, 26). Selbst der Hauptmann 



- 249 — 

Cornelius machte dem Apostel Petrus keine geringere 
Reverenz, doch wollte sie Petrus nicht annehmen, 
weil er auch ein Mensch sei, umsoweniger, als der 
Römer die Niederwerfung nicht gewohnt war {Apostel- 
geschichte X, 25). 

Während nämlich der fussfällige Gruss nicht bloss 
bei den Hebräern, sondern auch bei den Babyloniem, 
den Persem und im ganzen Osten vorkam, wussten 
die freien Griechen und die stolzen Römer in der 
guten Zeit nichts von einer Demütigung, die etwas 
Sklavisches hatte, nicht einmal den Göttern gegen- 
über: den ersteren, welche sie ÜQogzvvrjaig nannten — 
noch heute klingt dieses griechische Wort in den 
Proscinemi der römischen Katakomben wieder, man 
nennt so die Gebete und Anrufungen, welche die 
Pilger auf dem Wege zu berühmten Grüften in die 
Wände gekritzelt haben — fiel dieselbe namentlich 
am persischen Hofe auf. Als die beiden edlen Spar- 
taner Sperthias und Bulis im Jahre 485 v. Chr. nach 
Susa reisten, um sich dem König Xerxes vorzustellen, 
und die Garden sie zwingen wollten, sich vor der 
Majestät in den tiefsten aller Stäube zu werfen, sägten 
sie, die noch dazu für ein Verbrechen ihrer Vaterstadt 
bestraft werden sollten, trotzdem unerschrocken, wie 
die Protestanten im römischen Vatikan: sie würden das 
nie thun, denn sie beteten keinen Menschen an {ov ydg og>i 
€v v6^(^ elvav avd-QWTtov Ttqoo'KvveBiv. Herodot Vll, 136). 
Alexander der Grosse, der in Asien ein asiatischer 
Despot ward, wollte auch die IlQogytvvrjaig einführen, 
die er von den Makedonien! selber forderte, stiess 
aber bei denselben auf heftigen Widerstand, der Philo- 
soph Kallisthenes eiferte laut gegen diese Schmach. 
Analog verlangten nachmals auch die römischen 
Kaiser die orientalische Ädoratio: auch vor ihnen 
musste man sich auf die Erde werfen und ihnen 
Füsse und Knie küssen; und zwar war es Diokletian, 



— 250 — 

der A. D. 290 statt der Salutatio die Ädaratio einfiihrte 
und damit die kaiserliche Herrschaft dem orientalischen 
Despotismus näherte. Wenn ein Unterthan nach end- 
losen Schwierigkeiten zur geheiligten Person des 
Kaisers zugelassen ward, musste er, welches auch sein 
Rang sein mochte, niederfallen, den Fusskuss leisten 
und nach persischer Manier die Gottheit seines Hemi 
und Meisters anbeten. Diese Sitte erhielt sich im 
Oströmischen Reiche bis zum letzten Ende der grie- 
chischen Monarchie. Ausgenommen die Sonntage, an 
welchen man sie aus Bigotterie erliess, wurde die 
demütige Reverenz von allen gefordert, die Audienz 
erhielten, von gekrönten Häuptern und von Gesandten 
unabhängiger Staaten, von den Gesandten der Kalifen, 
der Könige von Italien und Frankreich und der rö- 
misch-deutschen Kaiser. A. D. 968 ^oirde Liutprand, 
ein Italiener aus longobardischem Geschlecht, Bischof 
von Cremona, von Kaiser Otto I. nach Konstantinopel 
gesandt, um beim Kaiser Nicephorus für Otto 11. um 
die Prinzessin Theophania zu werben. Er vergab dem 
Freiheitssinn des Germanen und der Würde seines 
kaiserlichen Herrn nichts, dennoch konnte er sich den 
despotischen Zumutungen, welche die Etikette bei 
seiner ersten Audienz stellte, nicht entziehen. Als er 
sich dem Throne näherte, wirbelten die Vögel des 
goldnen Baumes ihre Noten, dazu brüllten die beiden 
goldnen Löwen. Mit seinen beiden Begleitern ward 
Liutprand angewiesen, sich zu beugen und niederzu- 
fallen: dreimal berührten sie den Boden mit der Stirne. 
Er stand auf, mittlerweile war der Thron durch eine 
Maschinerie bis zur Decke gehoben worden, die kai- 
serliche Figur erschien in neuem Glänze, ein majestä- 
tisches Schweigen schloss die Erscheinung ab. Die 
Beherrscher der alten Reiche vererbten ihren An- 
spruch wieder den römischen Päpsten und den deut- 
schen Kaisem, ja, noch viel kleineren Potentaten. 



— 251 — 

Als der nordische Seekönig Rollo A. D. 911 Karl 
dem Einfältigen von Frankreich für die Abtretung 
der Normandie den Lehnseid leistete, sollte er dem 
König den Fuss küssen; der stolze Herzog weigerte 
sich und rief die englischen Worte: Ne se hi Godf 
Nimmer hei Gott! — woraus angeblich der Ausdruck 
bigott entstanden ist. Schon schien der Abbruch der 
Verhandlungen unvermeidlich, als einige Hofleute 
dem Herzog die Hände nahmen und sie mit Gewalt 
in die Hände des Königs legten, zu mehr war er 
nicht zu bewegen, er schlug an sein Schwert und 
wiederholte: Ne se hi Godf — Wie die Franzosen 
sahen, dass nichts mit ihm auszurichten sei, wandten sie 
sich an einen seiner Offiziere, der sollte die Ceremonie 
zu Ende bringen; aber der, nicht minder stolz als der 
Herzog, nahm den Fuss des Königs und zog ihn, 
ohne sich zu bücken, bis an seinen Mund hinauf, so 
dass er den ganzen Mann vom Stuhle zog und sich 
der Monarch auf die Erde setzte. Jetzt wäre die 
Sache beinahe ernst geworden, aber die Hofleute 
wussten wohl, dass Karl nicht bloss einfältig, sondern 
auch schwach war, und es blieb ihnen nichts übrig 
als gute Miene zum bösen Spiele zu machen. 

Unsre Kaiser wären keine Germanen gewesen, 
wenn sie dieses Gefühl nicht zu würdigen verstanden 
hätten, sie duldeten den Fusskuss mehr als dass sie ihn 
gerne sahen, ja, Maximilian I. und Karl V. protestierten 
förmlich dagegen, die zweifelhafte Ehre den römischen 
Päpsten überlassend, welche sie seit Gregor VII. (A. 
D. 1077) als ihr Privilegium betrachteten, ja, eben von 
den Kaisem selber erwiesen haben wollten. Wirklich 
haben die deutschen Kaiser den Päpsten nicht bloss 
den Pantoffel geküsst, sondern auch wie Reitknechte 
den Steigbügel gehalten, zuerst Kaiser Lothar III. dem 
Papst Innocenz IL zu Lüttich, A. D. 1130, sodann 
Friedrich Barbarossa dem Papst Hadrian IV. zu Sutri 



— 252 — 

A. D. 1155 und dem Papst Alexander III. zu Venedig 
nach der Niederlage bei Legnano, A. D. 1177. Heut- 
zutage wird der Fusskuss fürstlichen Personen vom 
Papste meist erlassen, während ihn der gemeine 
Katholik nach wie vor zu leisten hat Weltlichen 
Grossen küsst man in unsem Kreisen höchstens die 
Hand oder nach polnischer Art die Schultern oder, 
kindliche Schauer treu in der Brust , den letzten Smm 
des Kleides, wie es die Böhmen thun. 

Bei den slavischen Nationen kann man die alte 
Sklaverei noch heute beobachten. Der Russe wirft 
sich zu den Füssen seines Väterchens nieder, um- 
klammert dessen Knie und küsst sie; der Pole ver- 
neigt sich bis zur Erde oder wirft sich ebenfalls dem 
Herrn zu Füssen. Desgleichen bei andern, fernen, 
halb- oder unkultivierten Völkern. Die Abessinier 
fallen bei der Begrüssung auf die Knie und küssen 
die Erde. Auf der Insel Ceylon legt man in gewöhn- 
lichen Fällen die flache Hand an die Stirn und ver- 
beugt sich tief dabei; vor einem Vorgesetzten aber 
wirft man sich auf die Erde und spricht dessen Namen 
und Titel wohl fiinfzigmal aus, während der erhabene 
Herr gravitätisch vorüberschreitet und kaum mit dem 
Kopfe nickt. Ein andermal wird die Niederwerfung nur 
angedeutet, indem der Grüssende Erde und Stime mit 
der Hand berührt, so zum Beispiel in Bengalen. Die 
Bewohner der Marianneninseln dagegen malen sie 
womöglich noch widerlicher aus — sie lassen sich 
gleichsam treten; das heisst, sie fassen den Herrn 
beim Fuss und reiben sich mit dem Fusse das eigene 
Angesicht, 
b) Das Niederknien ohne Beugung des Oberkörpers, 
jetzt die gewöhnliche Haltung beim Gebet, namentlich 
beim Bussgebet und bei der Bitte um Verzeihung; 
im Alten und im Neuen Testamente häufig erwähnt, 
zum Beispiel bei Salomos Tempelweihe (2. Chronica vi, 13) 



— 253 — 

und bei Stephan! Steinigung (Apostelgeschichte vir, 59); von 
den Aposteln geboten: dass in dem Namen Jesu sich 
beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel, und auf 
Erden, und unter der Erde sind (Philipper ii, 10). Von dem 
frommen Apostel Jakobus dem Jüngeren berichtet 
die Tradition, er sei Tag für Tag im Tempel gesehen 
worden, wie er Gott auf den Knien um Vergebung 
für sein Volk bat, sodass die Haut über der Knie- 
scheibe hart wurde wie die Haut eines Kamels. Sonst 
entsteht bei Personen, die viel knien, eine Wasser- 
sucht des Schleimbeutels am Kniescheibenband (eng- 
lisch House-maidS'knee, Scheuerfraüenknie). 

Die Kniebeugung oder die Genufleocio wurde von 
den ersten Christen als Symbol von Adams Fall 
betrachtet, daher auch am Sonntag, dem Tag der 
Auferstehung Christi, und in der Osterzeit unterlassen: 
Die Dominica, sagt Tertullian in seinem Buche De Corona, 
nefas dudmus de geniculis orare, eademque immunita/te a die 
Paschae in Pentecosten usque gaudemus. Doch ist sie offen- 
bar nur eine Milderung, ein Rest der Hauptgeberde, 
der vollständigen Niederwerfung, und selbst dieser 
Rest wird gewöhnlich nicht vollständig ausgeführt. 
Daher finden wir die Kniebeugung nicht bloss bei 
den Israeliten, sondern auch bei den Heiden, nicht 
bloss in der Römisch-katholischen, sondern auch in der 
Anglikanischen Kirche und nicht bloss Gott gegen- 
über, sondern auch den Menschen. An den Stufen 
des Jupitertempels auf dem Kapitol, in welchen als 
dankopfernder Sieger einzuziehen ein fast übermensch- 
liches Glück erschien, beugte der stolze Cäsar ehr- 
furchtsvoll seine Knie, um so demütig hinaufzuklimmen, 
genau so wie die Romfahrer noch heute die achtund- 
zwanzig Marmorstufen der Treppe, die einst zur jeru- 
salemer Landpflegerschaft führte und die der schmer- 
zensreiche Erlöser hinaufgestiegen sein soll, gegen- 
wärtig in Rom in der Nähe des Lateran, auf den 



— 254 — 

Knien zu ersteigen gehalten sind. Die Russen be- 
trachten es für unschicklich, auf den Knien zu Gott 
zu beten, und auch die modernen Juden beten nie 
anders als stehend. Man erinnert sich noch an den 
mehrjährigen, im bayrischen Landtage ausgefochtenen 
Streit, welcher A. D. 1838 darüber entstand, ob auch 
die protestantischen Soldaten die Knie zu beugen 
hätten, wenn sie dem Sanctissimum auf der Strasse be- 
gegneten, zum Beispiel bei der Fronleichnamsprozession. 
Da Petrus auf Jesu Geheiss das Netz ausgeworfen 
und eine grosse Menge Fische gefangen hatte, fiel 
er, wie es im Evangelium heisst, dem Erlöser zu den 
Knien und sprach: fiierr, gehe van mir hinaus, ich hin 
ein sündiger Mensch (Lucä V, 8). Es kann niemand wun- 
dernehmen, wenn die Kniebeugiing , wie die voll- 
ständige Niederwerfung, gelegentlich auch mensch- 
lichen Gröttem geleistet wird. Als Cortez in der Stadt 
Mexiko ankam, wurde er von Montezuma als Herr, 
von den Einwohnern als Gott empfangen: sie knieten 
in den Strassen nieder, wenn ein spanischer Bedienter 
vorüberkam. Ja, selbst in europäischen Ländern war 
bis in die neuere Zeit hinein das Knien an der Tages- 
ordnimg. Lit de justice hiess der erhabene Sitz, auf 
welchem die alten Könige von Frankreich, umgeben 
von ihren Baronen und Pairs, Gericht hielten. Wer 
mit dem Könige sprach, war es nun ein Deputierter 
des dritten Standes, war es ein Mitglied des Parla- 
mentes, war es ein Gerichtsbeamter, ja der Kanzler 
selbst, der that es, ein Knie auf der Erde. Auch die 
stolzen Engländer näherten sich ihren Königen nicht 
anders als kniend, und man erinnert sich der Szene 
aus Shakespeares König Heinrich dem Ächten, wo sich 
die gefallene Königin Katharina über einen Boten 
entrüstet, der in der Eile eingetreten ist, ohne die 
Knie zu beugen (IV, 2). Heutzutage kniet man nur 
noch im höchsten Affekt und oft vor seinesgleichen 



— 255 — 

— auf den Knien bittet der Sohn der Mutter das 
begangene Unrecht ab — auf den Knien, die Knie 
des Mächtigen umfassend, bittet vielleicht die Schwe- 
ster ihren Bruder, einem geliebten Manne das Leben 
zu schenken — auf den Knien beschwört die Freundin 
ihren Freund, nicht auf seinem Willen zu bestehen, 
sie nicht unglücklich zu machen, nachzugeben. Und 
je seltener die Geberde Menschen gegenüber ist, um 
so tieferen Eindruck macht sie. 
c) Die Verneigung, bald mehr, bald weniger tief, häufig 
mit dem Kuss der Hand verbunden, das Kompliment 
oder die B&verence par excellence*) Hier wird die Ge- 
berde noch mehr abgeschwächt, gleichsam nur ange- 
deutet — dass dies die auf die vorige folgende Stufe 
ist, sieht man schon daraus, dass das weibliche Kom- 
pliment, der sogenannte Knicks y noch in einer Knie- 
beugung besteht. Aber diese Abschwächung ist, wie 
aus Josephs Träumen, wo sich die Garben und die 



*) Kompliment j italienisch CompHmento , französisch Cotnpüment, von dem 
italienischen Zeitwort coinplire = (lat.) complcrey bedeutet eigentlich Erfüllung, 
Vollendung; konkret das was eine Sache vollmacht und fertig macht, wie wir 
sagen karnpleitierty gleichsam das Pünktchen aufs i. Das italienische Compimento 
hat denselben Sinn, es kommt ebenfalls von dem lateinischen cotnplerey das sich 
in compiere und compire verwandelte. Wenn man nun erwägt, dass im Italie- 
nischen un uomo compito einen vollendeten Weltmann, französisch un hotnme 
accofnpU; compitezza die vollendete Erziehung und Lebensart bezeichnet: so er- 
scheint es als das natürlichste, auch complimento für die vollendete Höflichkeit 
und weiter für diejenigen Geberden und Worte zu nehmen, in welchen sich 
diese vollendete Höflichkeit erweist, das heisst für das einzelne Kotnplitnent» An 
eine Erfüllung der gesellschaftlichen Pflichten, wie sie Webster, oder an eine 
Komplettierung der Liebesbeweise, wie sie Nicolö Tommaseo meint, indem er 
sagt: il complimento dovrebb* essere cofnpimento alle prove di cordialitä, ma so- 
vente n*e il supplemento — wird meines Erachtens nicht gedacht. Littr^ Er- 
klärung ist unklar. Im Französischen bedeutet Complitnent nicht eine Verbeugung, 
sondern nur die höflichen Worte, die man bei besonderen Gelegenheiten an eine 
Respektsperson mündlich oder brieflich richtet; die Verbeugung, wie sie der 
Tanzmeister lehrt, heisst Reverefice, italienisch River enza, und es ist dies einer 
der Fälle, wo die Deutschen ein französisches Wort in unangemessener Bedeu- 
tung aufgenommen haben. 



— 256 — 

Sterne vor ihm neigen, hervorgeht, ebenso alt wie die 
ausgeführte Niederwerfung. Man darf annehmen, dass 
die letztere immer nur eine besonders feierliche Art 
der Begrüssung gewesen ist, dass man sich dagegen 
in gewöhnlichen Fällen nur verbeugte, wie das heute 
noch allerorten und im Mbrgenlande selbst geschieht. 
Der Staub ^ den du trittst ^ sei geküsst und auf mein Haupt 
erhoben! — Mit diesem Selam verbeugt sich der An- 
kömmling in der Türkei tief vor seinem Pascha, wäh- 
rend die Rechte den Boden, dann Brust, Mund und 
Stirn berührt — der Paspha schlägt beide Arme über- 
einander, legt sie auf die Brust und bückt sich wieder 
— der Ägypter streckt die Hand aus, legt sie auf 
seine Brust und neigt den Kopf, auf den er, wenn er 
besonders artig sein will, die ausgestreckte Hand legt, 
nachdem er sie geküsst hat — die Hindu berühren 
mit der rechten Hand die Stime und beugen den 
Kopf — die höflichen Perser machen ihren Gästen 
die ehrfurchtsvollsten Komplimente. Und so finden 
wir das Neigen des Kopfes auch in Deutschland, 
schon zur Zeit des Nibelungenliedes, wo sich Siegfried 
vor Kriemhilde fleissig verneigt (v. Aventiure, 293) — fleissiger 
noch, als es ein neuer Gesandter vor dem deutschen 
Kaiser thut, denn er hat doch bei seinem Empfange 
nur die drei Hofverbeugungen zu machen. Die erste, 
nachdem er die Thürschwelle überschritten hat Die 
zweite in der Mitte des Saales. Die dritte, wenn er 
sich an den Kaiser wendet. 

Die Selbsterniedrigung bei einer einfachen Ver- 
neigung ist geringer als bei der Niederwerfung; das 
Prinzip bleibt dasselbe. Fiesko! ruft Verrina, mein Geist 
neigt sich vor dem deinigen — mein Knie kann es nicht! — 
Es ist doch bezeichnend, dass es heisst, wenn einer 
sich verbeugt: er muche einen Diener, 
d) Das Hutabnehmen, der schwächste Grad, selbst 
dieser oft genug nur angedeutet. Man hat gesagt, der- 



— 257 — 

selbe sei nur als eine mechanische Folge der Vemeigung 
zu betrachten, indem dabei die Kopfbedeckung von 
selbst abfalle: ich glaube das nicht; denn gerade in 
den Zeiten, wo die Vemeigung am tiefsten ging, 
findet sich von einer Entblössung des Hauptes keine 
Spur, man beobachtet sie auf Bildwerken erst im 
XV. Jahrhundert, zum stehenden Gruss wurde sie erst 
im XVII. Jahrhundert. Und doch ist die Sitte, Hüte zu 
tragen, in Europa ziemlich alt und wenigstens bei den 
Römern nach dem Tode Neros ganz allgemein gewesen. 
Eher Hesse sich hören, dass das Hutabnehmen nur eine 
symbolische Bedeutung habe, indem der Hut bei den- 
selben Römern ein Zeichen der Freiheit gewesen sei, 
das die Sklaven bei ihrer Freilassung erhielten — wenn 
ein Sklave freigelassen war, wurde ihm das Haupt 
geschoren und ein weisser, ungefärbter Hut aufgesetzt. 
Nach Cäsars Ermordung setzten Brutus und Cassius 
den Pileus der Freigelassenen zwischen zwei Dolchen 
auf Münzen, was die Republik der Vereinigten Nie- 
derlande nach Abwerfung des spanischen Joches nach- 
gemacht hat. In der französischen Revolution führten 
bekanntlich die Jakobiner die Phrygische Mütze, weil 
die Statue der Freiheit eine solche hatte. Den Hut 
abnehmen wäre demnach soviel als sich der Freiheit 
wiederum begeben. Doch ist es wohl das AUernatür- 
lichste, das Hutabnehmen als eine Fortsetzung der 
Hauptgeberde und als eine äusserliche Verkürzung 
der Existenz aufzufassen, die man vor jedem Heiligen- 
bilde und vor jedem Dominus Reverendus in Scene 
setzt. Lord Byron nahm den Hut vor der Stadt 
Florenz ab, als er zum ersten Mal auf die Piazza della 
Sighoria trat; dies ist um so mehr anzuerkennen, als 
der Engländer sonst den Hut fast nie beim Grusse 
abnimmt, ihn auch an allen öffentlichen Orten, in 
Läden, Restaurants, Museen, ja, selbst im Theater auf- 
behält, wie der Jude in der Synagoge. 

17 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. 



— 258 — 

Der Chinese lässt zum Zeichen der Ehrfurcht 
seinen Zopf, wenn derselbe aufgewickelt ist, über den 
Rücken fallen. 
e) Das Ausziehen der Schuhe. Aus der Bibel wissen 
wir, dass es ein Zeichen der Ehrerbietung war, bei 
der Annäherung an einen heiligen Ort oder eine 
heilige Person die Schuhe abzulegen oder entsprechend 
dem hebräischen Ausdruck abzuwerfen ih'Q}^)', daher der 

TT 

(2. Mose III, 5) Mose und der (josua V, 15) Josua gegebene 
Befehl. Demgemäss sollen die Priester im Tempel 
ihres Amtes barfuss gewaltet haben; ja die Talmu- 
disten verboten es männiglich, in Schuhen durch den 
Tempel zu gehen. Sothanes Zeichen der Ehrerbietung, 
welches ein Pendant zu dem heidnischen Hutabnehmen 
bildet, war nicht auf das Judentum beschränkt: wir finden 
es im Altertum beim Dienst der Cybele in Rom, so- 
wie (nach einem Gemälde aus Herculanum) bei dem 
Dienst der Isis und überhaupt bei ägyptischen Priestern 
wieder. In der Neuzeit legen bekanntlich die Moham- 
medaner ihre Schuhe beim Betreten einer Moschee 
und namentlich beim Betreten der Kaaba in Mekka 
ab; ebenso thun es die Jeziden Mesopotamiens, wenn 
sie das Grab ihres Patrons besuchen, und die Sama- 
ritaner auf dem Gipfel des Bergs Garizim bei Sichern. 
Auch die Gewohnheit der heutigen Ägypter, ihre 
Schuhe abzulegen, wenn sie den mit Teppichen beleg- 
ten lAwan betreten, scheint mehr auf einem Gefühl der 
Ehrfurcht, als auf Reinlichkeitsliebe zu beruhen, denn 
dieser Raum dient zum Beten. Übrigens war das öffent- 
liche Barfussgehen im Altertum zugleich ein Zeichen von 
Trauer und heftiger Bewegung, das uns hier nichts angeht. 
f) Das Ausweichen und Platzmachen, im Gegen- 
satz zu dem burschikosen Rempeln. Nicht gerade eine 
Selbsterniedrigung, wohl aber ein freiwilliges Nach- 
stehen und das Aufgeben eines Vorteils oder Rechts 
zu gnnsten eines anderen. 



— 259 — 

C. Zeichen der Dankbarkeit. Ein Diener, der seinen 
Herrn flehentlich um etwas bittet, wirft sich wohl vor 
ihm nieder und umfasst seine Knie; ist er erhört worden, 
so kniet er vielleicht abermals und küsst seinem Wohl- 
thäter inbrünstig die Hände. Überhaupt wird man beob- 
achten, dass sich die Geberden der Liebe und Verehrung, 
die für den Umgang mit Menschen zunächst bestim- 
mend sind, mit besonderer Deutlichkeit bei Bitten und 
Danksagungen wiederholen, sintemal gewöhnliche Leute 
ihre Vorgesetzten am sichersten lieben und verehren, 
wenn sie von ihnen eine Wohlthat oder eine Gnade 
empfangen haben, und umgekehrt die Hoffnung eine 
solche zu empfangen, gemeiniglich Veranlassung wird, 
Liebe und Verehrung zu erweisen. Deshalb sind die 
meisten Grüsse zugleich Zeichen der Dankbarkeit. Wir 
verneigen uns ebensogut, wenn wir einer vornehmen 
Frau begegnen, als wenn wir an ihrem Tische sitzen 
und sie uns fragt, ob sie uns noch ein Stück Braten 
reichen soll; wir drücken einem Freunde nicht nur beim 
Wiedersehen die Hand, sondern auch, wenn er uns 
einen Dienst erwiesen hat, und der Maure legt seine 
beiden Hände den Tag über wohl zwanzigmal kreuz- 
w^eise über die Brust, ohne dass man weiss, will er uns 
seiner Treue oder seiner Ergebenheit oder seiner Dank- 
barkeit versichern. 

Der verstorbene Prinz Friedrich Karl pflegte zu 
danken, indem er die Hand aufs Herz legte — noch in 
seinen letzten Augenblicken bediente er sich dieser sin- 
nigen Geberde, da man ihm Papier und Blei gebracht 
hatte, um an Seine Majestät zu schreiben. Er hatte sie 
vielleicht von seiner orientalischen Reise mitgebracht, 
denn auch der Araber legt die Hand auf die Brust, 
wenn er uns Selam aleikum zuruft; endlich legt man auch 
beim Schwüre die Hand aufs Herz, mit dieser Geberde 
leisteten sonst die Frauen ihre Eide. In allen drei Fällen 

soll auf den vermeintlichen Sitz der Seele hingewiesen 

17* 



— 260 — 

werden: der Araber will sagen: mein Wunsch kommt mir 
von Herzen; die schwörende Frau will sagen: meine Worte 
und Gedanken stimmen Oberein; der Prinz will sagen: ich 
werde den geleisteten Dienst flicht vergessen. Dank ist ja 
etymologisch nichts anderes als Denken; wer dankt, denkt 
an das Gute, das er empfangen hat, und fühlt sich dafär 
verpflichtet, erst später folgt der Ausdruck dieses Ge- 
fühls durch Worte und Handlungen. An sich ist die 
Pantomime nur ein stummer Appell an die Gesinnung, 
die leider nicht selbst gezeigt werden kann; von den 
Umständen hängt es ab, ob der Zuschauer an die Treue 
des Gedächtnisses oder an die Aufrichtigkeit des Wun- 
sches oder an die Wahrheit der Aussage zu glauben 
hat. Für den Dcink, wenn derselbe gleichsam das Gefühl 
und die Gesinnung selbst ist, eignet sie sich allerdings 
vorzugsweise, denn sie protestiert gegen jene Unab- 
hängigkeit des Herzens, die Undankbarkeit genannt wird. 
D. Zeichen des Beifalls , etwas lauter als die vorigen, 
was sich daraus erklärt, dass sie durchgängig systema- 
tisch wiederholte Freudenausbrüche sind. So vor allen 
Dingen das Klatschen, das Claguer der Franzosen, das 
Ftaudere der Römer, das im römischen Theater von dem 
letzten Schauspieler ausdrücklich gefordert ward: Nunc, 
spectatoreSf clare plaudite! — Es ist bekannt, dass dies die 
letzten Worte des sterbenden Kaisers Augustus waren. 
Die Erklärung ist leicht: zunächst klatscht man vor 
Lust, wohl auch vor Verwunderung, um sich gleichsam 
des Eindrucks zu erwehren, in die Hände; dann gibt 
man damit ein offizielles Zeichen der Befriedigung. Aber 
in der Freude strampelt man auch mit Händen und 
Füssen; daher gibt das Publikum im Theater seinen 
Beifall auch durch lebhaftes Pochen kund, namentlich 
in England (beating with the feet), imd daher mögen auch 
die Studenten das Kommen und Gehen beliebter Docen- 
ten in den und aus dem Hörsaal, ja ihre Vorträge selbst 
mit Trampeln begleiten. 



— 261 — 

Andere Beifallsbezeigungen scheinen einfache Ehren- 
bezeigungen zu sein, denjenigen analog, die wir oben 
als Zeichen der Verehrung namhaft machten. Ob man 
sich selbst erniedrigt oder den Anderen erhöht, läuft 
auf dasselbe hinaus; wenn also die Bulgaren im Mai 
1886 Karawelow, den Führer der nationalen Partei, unter 
begeistertem Hurra nach Landessitte mit ihren Fäusten 
packten und in die Luft hoben, dass sein breitkrämpiger 
Calabreser davonflog: so war das sogut und vielleicht 
nur noch drastischer, als wenn sie sich vor Karawelow 
niedergeworfen hätten. Wenn dagegen, wie es vorge- 
kommen ist, die leipziger Studenten, von dem muntern, 
schelmischen und naiven Spiel einer Hedwig Raäbe hin- 
gerissen, am Schluss der Vorstellung, nachdem sie gehörig 
geklatscht haben, den Wagen der Schauspielerin ausspan- 
nen und ihn eigenhändig ins Hotel ziehen: so ist das 
wiederum sogut, als ob sie Hedwig Raabe in den Him- 
mel höben, denn sie machen sich selbst zu ihren Pferden. 
Nur werden solche Ehren den Helden des Tags nicht ein 
für allemal, sondern bloss bei einzelnen Gelegenheiten 
erwiesen, wenn sie eben besonderes Wohlgefallen er- 
regt und besonderen Dank verdient haben, und das ist 
der Grund, warum wir die Zeichen des Beifalls, wie die 
der Dankbarkeit, unter eignen Nummern bringen; der 
Sache nach stimmen sie mit den vorigen Nummern so 
ziemlich überein. 

Ein geringerer Grad des Beifalls ist die Nachsicht, 
bei der man etwas Unrechtes geschehen lässt, das man 
verhindern könnte und das man wohl bemerkt, aber 
wozu maji ein Auge zudrückt. Wir wollen freundlich 
durch die Finger sehen^ verspricht Leonore von Este ihrem 
Bruder, dem Herzog von Ferrara, da derselbe zu ver- 
stehen gibt, er werde bei dem allgemeinen Geliebele 
auch kein Kostverächter sein {Torquato Tasso I. 2). Was 
will sie damit sagen? — Auch die Tochter Noahs, die 
sogenannte Vergognosa di Pisa (auf dem Gemälde Benozzo 



— 262 — 

Gozzoli's im Campo Santo zu Pisa, welches die Trunken- 
heit Noahs darstellt) hält sich die Finger vor die Augen, 
indem sie nach der Scham ihres entblösst daliegenden 
Vaters hinlugt; sie sieht im eigentlichen Sinne durch die 
Finger, aber gewiss nicht im Sinne der Prinzessin Leo- 
nore. Die Vergognosa ^\H[11 etwas sehen, sie heuchelt nur 
Schamhaftigkeit. Die Prinzessin will im Gegenteil nichts 
sehen, um nicht einschreiten zu müssen; wenn sie sich 
die Finger vor die Augen hält, so thut sie es, um sich 
am Sehen zu hindern und nicht ordentlich zu sehen; sie 
könnte ebensogut die Augen schliessen (xarai^veiv) oder 
wenigstens blinzeln (connivere) und wie wir oben sagten 
ein Äuge zudrücken. Aber welche Komödie! Es wäre 
doch viel einfacher, überhaupt nicht hinzusehen und die 
Augen von vornherein abzuwenden ! Ja, aber durch diese 
Komödie wird etwas erreicht. Das wird erreicht, dass 
einerseits den Sündern gegenüber offiziell Straflosigkeit 
zugesichert, anderseits den andern gegenüber die Parole 
der Nicht-Intervention und des Gewährenlassens ausge- 
geben wird. Wer gar nicht hinsieht, von dem kann 
^man nicht wissen, wie er sich verhalten würde, falls er 
sähe. Wer durch die Finger sieht, der sagt: Meinetwegen 
könnt ihrs thunf Wir wollen euch nicht stören! — 
E. Zeichen des Missfallens. Wenn die Zeichen des 
Beifalls Freudenausbrüche sind, so entspringen die Zei- 
chen des Missfallens einer lebhaften Ungeduld. Beide 
können sich sehr ähnlich sehen und doch verschieden 
sein. Dieselben Studenten, die ihren Professoren tram- 
peln: scharren und pochen, wenn ein Fremder eintritt 
oder ein Bursche, der im Verschiss ist; dasselbe Publikum, 
das in einem londoner Theater beifällig pocht, wird in 
Lissabon mit den Füssen scharren, mit den Stöcken auf- 
klopfen und eine sogenannte Pateada machen, die ein 
Zeichen der Missbilligung ist. Natürlich, man stampft 
ja im Zorne mit den Füssen. Die alten Grriechen machten, 
wenn ihnen ein Stück, ein Schauspieler oder Redner 



— 263 — 

missfiel, das, was sie in ihrer Sprache xkoiKeiv nannten 
und was wohl ein dentaler, durch Anschlagen der Zunge 
an die Alveolen der Oberzähne hervorgebrachter Schnalz- 
laut war, wie die Engländer sagen a dental duck; auch 
wir bringen denselben zu Hause in der Unzufriedenheit 
hervor, und namentlich lieben ihn die Italiener, die 
gleichzeitig mit dem rechten Zeigefinger eine abwehrende 
Bewegung machen und damit nicht sowohl zu tadeln, 
als vielmehr ein einfaches Dementi zu geben pflegen; 
die Franzosen und Spanier haben dem Laut die vollere 
Form Ta, Ta, Ta, Taf gegeben, sie wollen damit einen 
Verirrten warnen und auf eine drohende Gefahr auf- 
merksam machen. Gewisse Zeichen des Missfallens 
dürften geradezu den Scheucherufen zu vergleichen sein, 
die wir in dem Kapitel über Interjektionen kennen ge- 
lernt haben. Wenn wir in einer Volksversammlung 
zischen oder pfeifen, so klingt es, eis ob wir den Vor- 
tragenden durch das Geräusch wie ein lästiges Tier, wie 
eine Fliege vertreiben wollten. Die Schlangen geben 
allerdings ihrem Zorne durch ein heiseres, langanhal- 
tendes und nur auf Augenblicke unterbrochenes Zischen 
Ausdruck, sie pfeifen wohl auch. Aber sollten wir von 
den Schlangen zischen und pfeifen gelernt haben? — 

Als Christus dem Hohenpriester nicht mit dem 
Respekt antwortete, der ihm gebührte, gab ihm einer 
der Umstehenden eine Ohrfeige oder, wie es Luther 
edler ausdrückt, einen Backemtreich (Evangelium Johannis xvili, 
22); wenn heutzutage einem Beamten, sagen wir dem 
Friedensrichter Tosini in Florenz, etwas verwiesen wird, 
so heisst es, er bekomme eine Nase, Man kennt das 
Hebeische Rätsel: 

Gott gibts im Mutterleib, ein andrer aufs Papier; 
Das eine putzt oft uns, das andre putzen wir. 

Aber was ist das für eine sonderbare Art Verweis, die 
Nase? — Die Lexikographen haben wundersame Er- 



- 264 - 

klärungen. Sie leiten den Ausdruck von der angeblichen 
Sitte her, dem Empfänger einer Rüge eine bunte Nase 
von Pappe aufzusetzen — sie erinnern an die lange Nase, 
mit welcher der Genaste abzieht, an das lange GesicM, 
das er in seiner Beschämung mafht, wie die Franzosen 
sagen: ü allonge le nez; die Nase wird ja, wie wir früher 
einmal (auf Seite 113) selbst bemerkten, gar häufig für 
das ganze Gesicht genommen. Indessen, dass ein Ver- 
weis deshalb eine Nase genannt worden wäre, weil der 
Empfänger darnach eine lange Nase machte, scheint 
mir etwas weit hergeholt; und was die Pappnase anbe- 
trifft — wer hätte sie denn dem Empfanger des Verweises 
aufgesetzt? Doch nicht etwa derjenige, der den Verweis 
erteilte? — Höchstens etwa das schadenfrohe Publikum, 
das doch das zehntemal von dem Verweise gar nichts 
weiss, auch keineswegs immer damit zufrieden ist. Das 
Ganze würde nach der Schule schmecken, in welcher 
auch Hörner und Eselsohren aufgesteckt werden, und 
viel mehr dem Spotte über den Verweis als dem Ver- 
weise selbst entsprechen. Wie viel natürlicher ist es 
doch anzunehmen, dass die Sache. wie bei Christus ge- 
wesen sei und dass derjenige, der jetzt eine Nase 
schwarz auf weiss bekommt, ursprünglich faktisch eins 
auf die Nase, einen Na^enstreich oder einen 'Nasenstüher 
erhalten habe! — Ohrfeigen und Nasenstüber werden 
als Strafen oft zusammengenannt. Ganz analog gibt der 
Franzose einem eins auf die Na^se, wenn er ihn ausschelten 
will: donnei^ sur le nez ä quelqu^un, einen ins Gesicht 
schlagen, ist soviel wie le tancer, 
F. Zeichen des Spottes. Der lateinische Dichter Persius 
deutet in drei Hexametern die drei Geberden an, mit 
denen sich die antiken Gassenjungen über die Menschen 
hinter ihrem Rücken lustig machten. Die erste war der 
Storch; die zweite das Eselhohren; die dritte das Heraus- 
strecken der Zunge nach Art eines lechzenden apulischen 
Hunds. 



— 265 — 

O lane, a tergo quem nulla ciconia pinsit, 

Nee manus auriculas imitari mobilis albas 

Nee linguae, quantum sitiat canis Appula, tantae! 

(Satirae I, 58 ff.). 

Der Storch oder die Ciconia bestand darin, dass man 
den Zeigefinger wie den Hals eines Storches auflichtete 
und krümmte ; diese Geberde , auf deutsch einem den 
Storchschnäbel stechen, ist uns nicht mehr recht bekannt, 
auch nicht mehr recht verständlich. Das Eselhohren war 
eine Geberde des Mittelalters, darin bestehend, dass man 
einem mit den Fingern Eselsohren deutete oder drehte 
und, wie die Schwaben sagen, mit gabelförmig ausge- 
streckten Fingern ein Gäheli machte; aber nicht mit dem 
Hörner machen weiter unten zu verwechseln. Bei dem 
Schiessen zu Coburg A.D. 1614 war oben auf der Spitze 
der Zielstatt ein Männlein angebracht, welches nach 
einem guten Schuss eine Fahne schwenkte, dem schlech- 
ten Schützen höhnend einen Esel bohrte. Bei anderen 
Freischiessen geschah es wohl, dass der Pritschenmeister, 
wenn er die Preise verteilte, zuletzt den Unglücklichen 
rief, der den weiten Schuss gethan hatte. Er hielt ihm 
eine höhnende Anrede, doch, sagte er endlich, ich merke, 
ihr seid ein guter Christ, ihr wollt anderen auch was Übrig 
lassen. Darum, liehe Vexatoren, nehmt euch seiner an, pfeift 
ihm einen hübschen Reihen vor, und bohrt ihr ihm Esels- 
ohren, so seid anständig und thuts hinter seinem 
Bücken! — Der Esel muss ja häufig herhalten, die 
Menschen zu beschimpfen, nicht bloss in Worten, sondern 
ganz eigentlich: der Kaiser droht, den Abt von St. Gal- 
len auf einem Esel verkehrt, statt des Zaumes den Schwanz 
in der Hand, durchs Land führen zu lassen; faule Schüler 
mussten einen hölzernen Esel reiten, einen gemalten 
Esel umhängen, papierne Eselsohren aufstecken, und 
noch spät war der Eselritt eine Strafe für Soldaten. 
Dass man das Nachmachen von Eselsohren mit den 
Fingern gerade Eselbohren nennt, hat einen bildlichen 



— 266 — 

Sinn. Die Redensart entspricht der anderen: einem defi 
Esel stechen oder den Gauch, das heis^ den Narren, stechen: 
der Gehöhnte wird durch die Geberde wie mit einer 
Nadel angestochen, dass der Esel herauskommt, wie der 
Eiter aus einem Geschwür. 

Die dritte Geberde, das Herausstrecken oder 
Blecken der Zunge geht noch heute durch ganz 
Europa (italienisch trarre la tingua, französisch tirer la 
langue ä quelqu^un, spanisch sacar la lengua ä alguno). Man 
kann sich verschiedenen Erklärungen zuneigen, eventuell 
sogar einer obscönen: am ungezwungensten scheint mir 
folgende zu sein. Das Ausreissen und Ausschneiden 
der Zunge ist früher bei den Deutschen eine nicht allzu 
seltene Strafe, namentlich für Verleumder und Verräter, 
gewesen. Der Gassenjunge nun, der die Zunge heraus- 
streckt, fordert gleichsam neckend die Strafe heraus, da 
er sich aber in Sicherheit weiss, wird diese Herausforde- 
rung zum Hohn. Schon im Alten Testament, bei den 
Assyrern, Babyloniem und anderwärts, kommt diese 
Strafe, die rkwaaorof/la, mittellateinisch Linguatio, das ist 
ElingnatiOy vor: der König Antiochus befahl dem ältesten 
unter den sieben Brüdern, die kein Schweinefleisch essen 
wollten, die Zunge auszuschneiden {2. Mäkkabäer VII, 4); 
Judas Maccabäus liess dem Nicanor die Zunge aus- 
schneiden und den Vögeln geben {J2, Mäkkabäer XV, 33). 

In Italien machen die Kinder Pfötchen zum Hohn: 
sie nennen das far pepe, wörtlich Pfeffermachen, weil man 
die Fingerspitzen zusammenliält, wie wenn man in die 
Pfefferbüchse greift und Pfeffer nehmen ,will. Von Haus 
aus macht das Kind sein Pfötchen, wenn es vom Schul- 
meister mit dem Panter Schläge darauf bekommen soll. 
Diese Geste wiederholt es nun spottweise, wenn es in 
Sicherheit ist. 

An diese Gesten schliessen sich noch folgende an: 

a) Hörner machen, französisch faire les cornes ä quelqu^^''^, 

italienisch far le corna. Die Geberde, die auch zur 



— 267 — 

Abwehr des Bösen Blickes dient, besteht darin, dass 
man gegen einen, dem man trotzt, zum Beispiel gegen 
den Lehrer, den Zeigefinger und den kleinen Finger 
ausstreckt, während die drei übrigen Finger einge- 
bogen werden. Man könnte glauben, es sei dies eine 
Andeutung von Hörnern, wie vorhin von Eselsohren, 
soviel wie: Du bist ein Bindvieh; wirklich werden ja 
wohl auch Kindern, die nichts gelernt haben, Papier- 
hömchen hinter die Ohren gesteckt, wie vorhin pa- 
pieme Eselsohren (mettre des cornes ä un enfant). Doch 
scheint es mir natürlicher, die Sache so zu erklären, 
dass derjenige, welcher Hörner macht, die Homer 
bietet, wie der zum Kampfe bereite Stier. Der Spanier 
sagt estar de cuerno con alguno, um auszudrücken, dass 
man schlecht mit jemand steht, ebenso der Ita- 
liener: pigliare uno sulle corna. An das Aufsetzen von 
Hörnern ist jedenfalls nicht zu denken, 
b) Rübchen schaben, auch Möhrchen schaben, ein 
Ausdruck der Schadenfreude, darin bestehend, dass 
man den Zeigefinger der linken Hand mit dem der 
rechten Hand wie ein Rübchen oder Möhrchen schabt, 
wobei man dem Verspotteten zuruft: Ätsch I Ätsch! — 
Dieses Ätsch erinnert an die Interjektion Autsch f, die 
bei lebhaft empfundenem sinnlichen Schmerze ausge- 
stossen wird; und die ganze Geberde scheint auch 
wirklich den Schmerz oder Ärger malen zu sollen, 
der am Herzen des Unglücklichen nagt, wie das 
Messer an der Rübe oder wie die Feile am Metall. 
Das letztere Bild brauchen die Kinder in Italien, 
welche dieselbe Geberde haben, aber dabei rufen: 
Lima, limal Vello, Vello! das heisst: Feile, Feile! Siehe 
ihn, siehe ihn! — Lima, Feile, hat im Italienischen in 
der That die Bedeutung einer verzehrenden Leiden- 
schaft, ja sogar einer lästigen, gleich einer Feile wir- 
kenden Person; dergleichen Übertragungen, die an 
die psychologischen Metaphern von oben erinnern, stecken 



• • * * 



— 268 - 

den Italienern und allen Menschen tief im Blute. 
Man kennt den Ausdruck Tribulation für Plackerei, 
Not und Drang-sal, lateinisch tribtUatio, italienisch tribo- 
lazione. Er kommt von dem lateinischen TriMum, 
worunter ein schwerer, hölzerner, unten mit eisernen 
Stiften und spitzen Steinen versehener Dreschschlitten 
verstanden ward; derselbe, der von Ochsen über das 
ausgebreitete Getreide hin- und hergezogen wurde, 
ist noch jetzt im Oriente vielfach in Gebrauch. Bei 
uns selbst, wo das Getreide bisher gewöhnlich mit 
dem Dreschflegel bearbeitet wurde, hat dreschen nicht 
nur den Sinn von schlagen und durchprügeln, sondern 
auch den von quälen und plagen angenommen: es hmn 
wohl sein, sagt Goethe, dass der Mensch durch öffentliches 
und häusliches Geschick zu Zeiten grässlich gedroschen wird, 
allein das rücksichtslose Schicksal, wenn es die reichen Gar- 
ben trifft, zerknittert nur das Stroh, die Körner aber spüren 
nichts davon und springen luftig auf der Tenne hin und 
wieder, unbekümmert, ob sie zur Mühle, ob sie zum Saatfdd 
wandern. Das Wort Tribulum ist jedenfalls von terere, 
reiben, herzuleiten, aus welchem Begriffe auch die 
kirchlichen Ausdrücke Ättrition, Reue, und Kontriti<m, 
Zerknirschung, gezogen sind — alles grobsinnliche 
Bilder für die Betrübnis einer Seele. 
c) Einem eine lange Nase machen, französisch faire 
un pied de nez ä quelqv/un, die höhnende Geste, wobei 
man die ausgespreitete Hand mit dem Daumen an die 
Nasenspitze und den Daumen der andern Hand an 
den kleinen Finger der ersten Hand anlegt. Viel- 
leicht soll dadurch dem Verspotteten abermals die 
lange Nase, mit der er hat abziehen müssen, seine 
enttäuschte, verlängerte Miene vorgemacht werden 
(vergleiche unter E. Nase als Verweis), Möglich aber 
auch, dass es der Hohn eines Mannes ist, dem die 
Nase hat abgeschnitten werden sollen, der sich aber 
in Sicherheit weiss. Denn das Abschneiden der Nase 



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— 269 — 

war in früheren Zeiten, wie das Ausschneiden der 
Zunge, eine nicht allzuseltene Leibesstrafe, 
d) Einem ein Schnippchen schlagen, indem man mit 
dem Daumen und dem Mittel- oder Zeigefinger 
schnalzt, wie der trunkene Faun von Herkulanum im 
Museum von Neapel, lateinisch digitis concrepare. Wir 
haben die Geberde schon auf Seite 224 als einen 
Weckruf kennen gelernt; hier ist sie ein Zeichen, dass 
man sich aus jemand, respektive aus seinen Schelt- 
worten nichts macht und dass man nicht mehr darum 
gibt als diesen Schnalz, der völlig wertlos ist. In 
diesem Sinne pfeift man auch auf die Welt, hustet man 
auf die Welt — ich werde dir was hupten, sagt die 
Jungemagd zu dem verliebten Knecht, der einen Kuss 
von ihr haben möchte, und wenn du mir drohst, so gehe 
ich darum keinen Schnips! — So war schon der letzte 
König von Assyrien Sardanapal nach einer weitver- 
breiteten Sage auf seinem Grabe zu Anchiale als ein 
Mann abgebildet, der mit den Fingern schnipst und 
ausruft: Iss wnd trink und mache dir gute Tage, aUes 
übrige ist Schwindel und nicht soviel wert! Beliqtia ne 
digitorum quidem crepitu digna sunt! — 

Die Sprache ohne Worte ist reich an Wendungen, 
die dem leidigen Spotte dienen. Sie bringt der bejahrten 
Witwe, die sich wieder verheiratet, eine Katzenmusik, 
sie treibt die gefallenen Mädchen ins Haberfeld, sie 
streut ihnen am Hochzeitstage Häckerling, sie flicht der 
Braut im Falle einer Unzucht anstatt des Myrtenkranzes 
einen Strohkranz. Auch Christi Domenkrone war ein 
Kranz mit der ironischen Bedeutung einer Königskrone: 
und flochten eine Dornenkrone, und setzten sie auf sein Haupt, 
und ein Bohr in seine rechte Hand, und beugten die Knie vor 
ihm, und spotteten ihn, und sprachen: Oegrüsset seist du, der 
Juden König! (Evangelium Matthäi XXVII, 29). Eine analoge 
Szene ereignet sich in Shakespeares König Heinrich der 
Sechste. Dritter Teil, WO die Königin Margareta dem ge- 



— 270 — 

fangenen Herzog von York eine papieme Krone auf- 
setzt und die Lords sich tief vor ihm verneigen heisst 
(I, 4). In Wilhelm von Kaulbachs Narrenhaus sieht man 
einen Irren, der in seinem Grössen wahn eine papieme 
Krone träg^; er ist ein Vorbild für alle Prätendenten, 
die ihr Spiel verloren haben. Indessen mit dergleichen 
Manifestationen gehen wir über die blossen Geberden 
hinaus, sie gehören einem andern, reicheren Kreise von 
Kundgebungen an, der uns erst im nächsten Kapitel 
erschlossen werden wird. 

G. Zeichen der Verachtung. Dieselben stehen mit den 
Zeichen des Spottes in engem Zusammenhang und 
mischen sich mit ihnen, sie sind nur noch kälter und 
noch energischer. Die hauptsächlichsten dürften fol- 
gende sein. 

a) DasAnspeien. Nachdem die Kriegsknechte Jesu einen 
Purpurmantel angelegt, Szepter und Krone gereicht 
und ihn wie einen König gegrüsst hatten, spien sie 
ihn an (Evangelium Matthäi XXVII, 30). Schon vorher hatten 
ihn, wie Jesaias geweissagt, die Juden angespien 
(XXVI, 67); das Anspeien ist überhaupt bei den Juden 
ein gewöhnliches Zeichen der Verachtung. Gemäss 
der sogenannten Leviratsehe musste, falls ein Mann 
ohne Kinder starb, der Bruder des Verstorbenen die 
Witwe ehelichen; weigerte er sich dessen, so hatte 
die Witwe ihrem Schwager vor den Richtern mit der 
rechten Hand oder mit den Zähnen den Schuh aus- 
zuziehen und ihn anzuspucken, weil er seinen Verpflich- 
tungen nicht nachkam (5. Mose xxv, 5—10). Diese Sitte 
gilt noch heute bei den modernen Juden. Aber auch 
die Christen haben diese schimpfliche Geberde — der 
heilige Philippus Neri empfahl Seinen Schülern, hölli- 
schen Visionen ins Angesicht zu speien und den 
Teufel auszuschimpfen; man speit auf Dinge, auf Ge- 
schenke, die verächtlich sind, und namentlich speit 



— 271 — 

man vor einem Manne aus, indem man die Geberde 
mildert und nicht ganz ausfuhrt. Auch die ebener- 
wähnte Witwe hat nach der Erklärung der Talmudisten 
nur vor ihrem Schwager auf den Fussboden zu speien. 
Im Grunde ist überhaupt das Ausspeien das Wesent- 
liche, sintemal die ganze Geberde den heftigen Ekel 
anschaulich machen soll, welchen die verachtete Person 
und ihre Handlungsweise der schönen Seele einflösst. 
Beim Gefühl des Ekels läuft einem unwillkürlich der 
Speichel im Munde zusammen; es ist daher natürlich 
ihn auszuwerfen. Diese natürliche Funktion wird zum 
Zeichen der Verachtung absichtlich reproduziert, 
b) Einem den Hintern weisen. Seit alter Zeit erweist 
der gemeine Mann dem andern seine souveräne Ver- 
achtung dadurch, dass er vor ihm den Hintern aufdeckt 
und vielleicht dazusetzt: Lecken Sie mich im Ärsche! — 
eine Aufforderung, deren Ausführung in rohen Zeiten 
gelegentlich erzwungen worden ist. Wenn vorhin der 
heilige Philippus Neri jungen Mädchen empfahl, den 
Teufel anzuspeien, so wandte eine Protestantin, der 
er in Gestalt einer Ratte über das Bett lief, ihren 
Podex zum Bett heraus und spr^ach: Da, Teufel, hast 
du einen Stah, wallfahrte damit nach Rom zu deinem Ab- 
gotte und lass mich! — und ebenso machte es Luther 
selbst: wenn der Teufel in der Nacht schädenfroh an 
seinem Lager stand und ihn ängstigte, streckte er 
seinen Allerwertesten zum Bett heraus; das half, denn 
verächtliche Behandlung konnte der hochmütige Satan 
nach seiner Meinung nicht vertragen. Fürst wie Bauer, 
Kardinal und Gesandter boten in Luthers Zeit den 
Arsch: es wird erzählt, dass der päpstliche Nuntius 
Campani, der A.D. 147 1 in Deutschland war, um die 
weltlichen Fürsten zu einem Kriegszuge gegen die 
Türken zu veranlassen, aber unverrichteter Sache 
wieder über die Alpen gehen musste, auf der Brenner- 
strasse wütend seine Beinkleider herunterzog und. 



— 272 — 

Deutschland die beiden blanken Hinterbacken zukeh- 
rend, rief: 

aspice nudatas, barbara terra, nates! — 

Die Geschichte des Mittelalters liefert mehr als 
ein Beispiel, dass solche Schmach vorüberziehenden 
Feinden von der Burgmauer herab angethan wurde, 
man wolle nur die Autobiographie des Götz von Ber- 
lichingen und die erste Ausgabe von Goethes Götz 
von Berlichingen (1773. Seite 133) lesen; ja noch im 
vorigen Jahrhundert, während des Österreichischen 
Erbfolgekrieges, im Frühjahre 1744 bot der bekannte 
österreichische Oberst Mentzel auf einer Rheininsel 
der Festung Fort Louis den blossen Hinteren, was 
ihm schlecht bekam; denn ein Vorposten nahm den 
naiven Teil für eine willkommene Scheibe und traf 
das Schwarze so genau, dass Mentzel Knall und Fall 
niederstürzte. 

Namentlich die Frauen lieben es, sich die Röcke 
aufzuheben und dem Gegenstand ihres Zornes ihren 
Allerrosensten zu weisen, was ihnen durch die Tracht 
erleichtert wird. Wie jene Herzogin, deren Söhne 
im Felde erschlagen worden waren, auf der Mauer 
der Stadt stehend, ihr Klleid in die Höhe hob, den 
verzweifelten Bürgern ihren Schooss zeigte und rief: 
Hier ist die Form zu netten! — so werden die zartbe- 
saiteten Geschöpfe mitunter zu energischen, ganz un- 
glaublichen Demonstrationen der Leidenschaft hinge- 
rissen. Calpumia, die letzte Gemahlin Cäsars, hob sich 
auf der Rednerbühne auf, nachdem sie ihre Sache 
fruchtlos verteidigt hatte, was die Veranlassung war, 
dass seitdem die römischen Frauen nicht mehr vor 
Gericht erscheinen durften (?) — Charlotte, Prinzessin 
von Hessen und Gemahlin des Kurfürsten Karl Lud- 
wig von der Pfalz, beschimpfte denselben auf dem 
Reichstage zu Regensburg, wohin er sie mitgenom- 
men, bei einer Jagd durch mutwillige Entblössung 



— 273 — 

ihres Leibes, wie Kayser in seinem Schauplatz von 
Heidelberg erzählt — und als der Simplicissimus mit 
seinem Herzbruder auf der Donau nach Wien fuhr, 
machte er die Bemerkung, dass die Weibsbüder, so 
an dem Strand wohnen, den Vorüherfahrenden, so ihnen 
zuschreien, nicht mündlich , sondern schlechthin mit dem Be- 
weistum selbst antworten. Vieler andern Fälle zu ge- 
schweigen, denn es fallen mir eben noch drei Prinzes- 
sinnen aus Menzels Geschichte der Deutschen ein, die 
dasselbe einem alten Minister anzuthun sich nicht 
entblödeten. Meines Erachtens hat die Geberde keinen 
anderen Grund als den — dass das Gesäss als Sitz 
des Afters ein verachteter Körperteil ist; auch die 
sogenannten Schamglieder machen uns wohl nur des- 
halb eine gewisse Schande, weil sie zugleich zur Aus- 
scheidung des Harns dienen und in der Nähe des 
Afters gelegen sind, sonst brauchte man sich ihrer 
doch wahrlich nicht gerade zu schämen, wenn man 
sie auch aus andern Rücksichten sorgfältig hütete 
und verbärge. Man bedeckt also das Gesäss wie 
einen Flecken, den man an sich hat. Jemand nun 
diesen Flecken zeigen, ja, ihm denselben gar zum 
Kusse darzureichen, ist eine Beleidigung, wie wenn 
man einem Gaste Pferdeäpfel, Ziegenbohnen und Esels- 
feigen vorsetzen wollte, 
c) Das Bieten der Feige, mittellateinisch Ficham facere, 
italienisch far la Fica, französisch faire la Figue, spa- 
nisch hazer la Higa, auch im Böhmischen und Polni- 
schen bekannt. Seit dem Mittelalter von Italien her 
ins Volk gedrungen. Die Geste besteht darin, dass 
man den Daumen zwischen den Zeigefinger und den 
Mittelfinger steckt und zugleich die Faust ballt. Man 
sagt daher auch: einem den Daumen stecken. Denkbar 
wäre, dass man den Daumen neckend wiese wie 
die Zunge, indem auch das Abhauen des Daumens 
eine Strafe war. Lassen wir uns zunächst an eine 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. 1° 



V 



— 274 — 

Anekdote erinnern. Bemardino Corio und nach ihm 
Rabelais erzählt, A. D. 1162 sei Beatrix, die Gemahlin 
Kaiser Friedrich Rotbarts, in das unterjochte Mailand 
gekommen und das Volk habe sich an ihr rächen 
wollen , indem es die Kaiserin rücklings auf eine 
Mauleselin setzte und so durch die Strassen der Stadt 
führte ; worauf sich wieder der Kaiser an den Mai- 
ländern also rächte: der Mauleselin wurde eine Feige 
in die Mutterscheide gesteckt, und ein Mailänder nach 
dem andern musste diese Feige mit den Zähnen her- 
ausholen, sie dem Henker zeigen und sagen: Ecco la 
ficaf und sie dann wieder auf dieselbe Weise, ohne 
Beihilfe der Hände, hineinpraktizieren. Wer es nicht 
that, wurde auf der Stelle gehängt. Manche zogen 
in der That den Tod dieser Schmach vor, aber die 
meisten machten das Kunststück. Dadurch soll die 
Feige zu einer Geberde der Verachtung geworden 
sein: man müsste sich etwa denken, dass der Daumen 
die Feige, der Spalt die Mutterscheide der Eselin be- 
deuten sollte. Die ganze Erzählimg wird von den 
Historikern angezweifelt, aber selbst wenn sie wahr 
wäre, würde sie wegen ihrer Sonderbarkeit vielmehr 
auf eine bereits bekannte Bedeutung der Feige 
schliessen lassen. Zweierlei kann man sich denken. 
Erstens Barbarossa wollte die Mailänder gleichsam 
Eselsmist verschlingen lassen, da derselbe mit Feigen 
verglichen wird: dann aber würde die Feige der Ese- 
lin in den After gesteckt worden sein. Zweitens, die 
Feige wurde ebendeshalb der Eselin in die Scheide 
gesteckt, weil Feige seit den ältesten Zeiten die weib- 
liche Scham bedeutet. Schon das griechische avuov hat 
diese Bedeutung, im Lateinischen weist ficetum darauf- 
hin, selbst im Hebräischen teenah , vergleiche taanah; 
notorisch aber ist die obscöne Bedeutung von Fka 
im Italienischen, wo deswegen die Feige als Frucht 
Fico genannt wird, während sonst die Obstbäume 



— 275 — 

männlich, die Früchte weiblich sind. Einerseits hat 
die weibliche Gebärmutter, vergleiche Seite 28 und 99, 
die Gestalt einer Feige, anderseits erscheint sie dem 
Volke gleichsam nackt und unbedeckt, weil sie un- 
mittelbar, ohne vorhergegangene Blüte hervorwächst. 
Aus demselben Grunde heisst die Herbstzeitlose Fut 
und Nackte Hure, weil sie scheinbar die Früchte vor 
der Blüte entwickelt. Es ist gewiss nicht zufällig, 
dass sich die ersten Eltern ihre Scham gerade mit 
Feigenblättern bedeckten, und wahrscheinlich kommt 
von dem italienischen Fica das deutsche Wort ficken 
her. Man vergleiche, auch den Ausdruck Feigwarze, 
das heisst zunächst: Warze an den (weiblichen) Geni- 
talien. Die Geberde ist nun ofiFenbar ein Bild nicht 
bloss der weiblichen Scham, sondern der weiblichen 
Scham, in der das männliche Glied in Form des 
Daumens steckt, das heisst der Begattung, ein Pendant 
zum Lingam. Noch heute kann man die Feige gele- 
gentlich in Restaurants und auf der Strasse beobachten^ 
wo sich Männer und Frauen mit ihr zu verstehen 
geben, dass sie sich begatten wollen. Die Geberde 
mag schon zu Barbarossas Zeiten bekannt gewesen 
und auch Fica genannt worden sein, weil am Ende 
das ewig Weibliche die Hauptsache dabei ist. Wer 
aber einer Frau gegenüber dieses Zeichen macht, sagt 
ihr damit, dass er sie als eine Hure ansehe. Eine 
Hure ist aber wiederum ein verachtetes Wesen und 
dadurch gewinnt die Geberde einen verächtlichen 
Sinn. Hure ist ein böses Schimpfwort. Wird nun 
vollends diese Geberde auf Männer übertragen, werden 
sie gehurenzt, so ist es das ärgste Zeichen der Ver- 
achtung, weil damit dem Manne gesagt wird, dass er 
sich wie eine Frau brauchen lasse und dass er, wie 
Jago sich ausdrückt, zum schmucken Weibe versündigt sei: 
In Italien ist die Geberde auch Schutzmittel gegen 

den Bösen Blick. Dante erwähnt die Geste Inferno 

18* 



— 276 — 

XXV, 2: ein Dieb macht Feigen. Auf der Rocca 
di Carmignano in Toscana sah man im XHI. Jahr- 
hundert zwei Hände, welche Florenz die Feige 
boten, 
d) Das Ausstrecken des Mittelfingers, lateinisch m«- 
diuim ostendere aigitum. Der Mittelfinger, auch der un- 
züchtige Finger, ist ein Bild des aufgerichteten männ- 
lichen Gliedes, welches hinwiederum der elfte Finger 
heisst. OstendU digitum, sed impudicum Älconti Dasiog%e 
Symmachoque (Martial vi, 70, 5). Der Sinn der Geberde 
ist daher derselbe wie vorhin. Weim Grimm Wörter- 
buch in, Spalte 1651 den vierten Finger als den namen- 
losen oder unzüchtigen bezeichnet, so beruht das wohl 
auf einem Missverständnis; eher dürfte noch dem 
Daumen eine obscöne Bedeutung zuzusprechen sein. 
Mnem den Daumen beissen, englisch to hite the thumb of 
a person, das heisst den Daimien vor jemand in den 
Mund stecken, war ebenfalls ein Zeichen der Verhöh- 
nung imd sogiit wie eine Herausforderung zum Kampf 
(vergleiche Shakespeare Bomeo und Julia I, i). Viel- 
leicht sollte es zunächst eine Einladung sein, das zu 
thun, was Martial feUare nermt. 



Drittes Kapitel. 

Die Beibringung von Thatsachen. 



Athener! Was dieser sagte, thue ich. 

Ein griechischer Banmeistar. 

I. Rhetorische KunststUckchen. 

Die lakonische Kürze, deren sich die Engländer in der Sprache befleissen — 
sie sprechen oft gar nicht, sondern argumentieren mit Thatsachen, zum Beispiel 
die Temperanzler — Fcicta loquuntur — faktische Beweise, die der Redner bei- 
bringt — er lässt die Dinge reden, wie Cid mit seinem Degen redet — Edmund 
Burke schleudert einen Dolch ins Parlament — dieser praktische Tropus ist ver- 
fehlt — Burke hätte sich die Alten zum Muster nehmen sollen — Cato wirft 
frische Feigen in den Senat — der Sack ist leer — Lebende und Tote werden 
zu Zeilen angerufen: Hyperides und Phryne, Antonius und Cäsar — der Levit, 
der Stücke seiner Frau an die zwölf Stämme Israels versendet — das sind 
praktische Tropen und die gewaltigsten Redefiguren imter allen. 

Wer in England reist, wird nicht ohne Wohlgefallen 
die gedrungene Kürze bemerken, deren sich das praktische 
Volk in seiner Sprache überall befleisst. Alle öfiFentlichen 
Verordnungen, alle Plakate, alle Briefadressen sind in Tele- 
grammstil abgefasst, jedes entbehrliche Wort bis auf Pro- 
nomina und Verba ist weggelassen, oft ein ganzer Satz in 
einen anderen gedrängt, und gleichsam als zu weitschweifig 
rückgängig gemacht Trotz dieses Lakonismus, der auch 
alle mündlichen Mitteilungen der Engländer charakterisiert, 
versteht man die kernigen Ausdrücke recht gut, ja sie sind, 



— 278 — 

wie man denken kann, eindringlicher als Phrasen. Mitunter 
ersparen sie sich auch die Worte überhaupt und fuhren 
Dinge und Thatsachen ins Feld, auf welche sich die Zu- 
schauer den Vers selber machen mögen. Wie erfinderisch 
ist die Reklame, wenn es gilt, die VortreflFlichkeit von 
Pearls Soap oder sonst einer neuen Seife durch Beibringung 
von Thatsachen zu erweisen! Da wird ein Mohrenkind in 
einer Wanne damit gewaschen und, man denke sich, ur- 
plötzlich weiss gewaschen; nur das Gesicht bleibt schwarz, 
weil es noch nicht eingeseift ist, schwarz wie die Tinten- 
flecken an Lady Montagus Hand, die sie nicht ab- 
wäscht, damit alle Welt sehe, dass sie eine Schriftstellerin 
ist Oder wenn es gilt, die entsetzlichen Wirkungen des 
Branntweins und den Segen des Wassertrinkens anschau- 
lich zu machen, dass sie jeder mit Händen greifen kann. 
Wir haben bereits auf Seite 97 eine Probe von der Pro- 
paganda der Temperanzgesellschaften mitgeteilt; einer dieser 
Vereine hielt vor kurzem seine Jahresversammlung ab. Um 
den zahlreich erschienenen Mitgliedern und deren Gästen 
die Folgen der Trunksucht und die Vorteile eines nüchter- 
nen Lebenswandels zu Gemüte zu fahren, bediente man 
sich diesmal der Reid'schen Verwandlungsbilder. Ein lebens- 
grosses Gemälde zeigte einen gänzlich heruntergekommenen 
Trunkenbold, dem es schwer wird, sich aufrecht zu erhalten. 
Nachdem man das Bild mit Wasser abgewaschen hatte, 
traten die Gestalt und die Züge eines bekannten Mässig- 
keitsapostels in die Erscheinung. Ein anderes Bild zeigte 
einen zerlumpten, dem Trünke ergebenen Mann, der aus 
dem Pfandhause kommt und seinen mit zerrissenen Hosen 
und defekter Jacke gekleideten Knaben misshandelt. Als 
dasselbe mit Wasser abgewaschen worden war, erschien 
ein anständig gekleideter Herr, welcher ein gutanzogenes, 
lächelnd und heiter dreinschauendes Kind an der Hand 
fuhrt. Von diesem Bilde, das kleiner als alle anderen war. 
wurde eine Anzahl von Exemplaren an die Anwesenden 
verteilt. 



— 279 — 

Aber mit blossen Bildern begnügen sich die praktischen 
Engländer nicht; Dinge, Dinge, Dinge wollen sie. Nur 
reden wüL ich Dolche, keine hraiichen, sagt Hamlet. Der eng- 
lische Redner braucht sie. Vor einem Jahrhundert, A. D. 
1790, trat der berühmte Staatsmann Edmund Burke, der 
unversöhnliche Gegner des revolutionären Frankreich im 
Parlament gegen die französische Bruderschaft und gegen 
den Bruderkuss auf, den die Franzosen den Belgiern, den 
Niederländern, den Savoyarden, dem linken Rheinufer und 
aller Welt geben wollten. Timehat OcUlos et oscula ferentes! 
Burke bewies, dass diese Bruderküsse Dolchstiche seien, 
ja, in auflodernder Leidenschaft zog er einen wirklichen 
Dolch aus seinem Busen, schwang ihn pathetisch über 
seinem Haupte und rief: this is the hrotherly kiss, thtts they will 
fratemize yaul Das ist der Bruderkuss, so wollen sie euch ver- 
hrüdemf — worauf er die WafiFe in den Saal schleuderte. 
Das Haus staunte ob dieser drastischen Illustration und 
Richard Sheridan bemerkte: Bravo! Die Bhetorik ist durch 
Sie um einen praktischen Tropus bereichert worden. 

Nur dass mir hier einmal die englische Rhetorik und 
ihre praktische Beweiskraft nicht recht gefallen: will. Wäre 
ich wie Sheridan gewesen, ich hätte gerade diesen Tropus 
keineswegs bewundert Er erscheint mir mehr neu als 
glücklich. Warum? Weil er gar nichts beweist. Ja, wenn es 
ein französischer, von Bruderblut geröteter Dolch gewesen 
wäre! Wenn Edmund Burke selber mit seinem Dolche Hel- 
denthaten verrichtet hätte, wie der Cid mit seinem Degen! 

Mit dem Degen, 
.mit ihm redet mein Gemahl, 

sagt Dona Ximena. Aber so beschränkt sich die Wirkung 
des affektierten Wurfes darauf, das Wort Dolch zu illustrie- 
ren, und das ist gar nicht nötig, denn wie ein Dolch aus- 
sieht, wissen alle. Wenn in Websters Wörterbuch neben 
Bagger ein Dolch abgebildet ist, so dient dieses ideogra- 
phische Zeichen zur Erklärung, die hier bei jedem, auch 
dem bekanntesten Worte gefordert wird; die Abbildung 



— 280 — 

vertritt die Stelle eines hieroglyphischen Determinativs. 
Aber das Wort Dolch will doch im englischen Parlament 
niemand erklärt haben, es soll doch nur die Behauptung 
erhärtet werden, dass die französischen Bruderküsse Dolch- 
stiche seien. Und das hilft der prächtigste Dolch nicht 
erhärten, dieser praktische Tropus hat keinen praktischen 
Nutzen. Burke, Burke, was wolltest du mit dem Dolche, 
sprich? — Er liegt ziemlich überflüssig im Saale herum. 
Er ist nicht nur ein schwaches, sondern gar kein Argument 
Freilich, es gibt wohl derartige Argumente und fak- 
tische Beweise, die der Parlamentsredner mit Glück bei- 
bringen kann, sintemal Facta loquunturi Aber Dinge sind 
keine Fa^ta. Edmund Burke hat sich nicht recht über- 
leget, worauf es bei dieser Methode ankommt: nicht auf 
Dolche, sondern darauf, dass mit den Dolchen gestochen 
worden, überhaupt etwas mit ihnen vorgegangen ist. Ei, 
es ist nicht das erste Mal, dass ein Redner einen realen 
Gegenstand zur Unterstützung seiner Behauptungen von 
der Tribüne herab ins Haus geworfen hat. Der alte vier- 
undachtzigjährige Cato war bekanntlich einer der Haupt- 
anstifter des ^rfritten Punischen Krieges. Er war selbst in 
Karthago gewesen und behauptete, Rom würde niemals 
sicher sein, so lange als Karthago so mächtig, so feindselig 
und so nahe wäre. Einmal zog er eine Handvoll frühreifer 
Feigen unter seinem Gewand hervor und warf sie auf den 
Boden des Senatsgebäudes. Die versammelten Väter staun- 
ten über die Frische und Schönheit der Früchte: diese Feigen, 
sagte Cato, sind vor nur drei Tagen in Karthago gepflückt 
worden; so nahe ist der Feind an unseren Mauern! Tarn prope 
a muris hdbemus hostem! — Und seit jener Zeit datiert sein 
ewiges ceterum censeo, Carthaginem esse delendam. Die reifen 
Feigen müssen gleich nach dem Abpflücken gegessen und 
dürfen nicht viel mit den Fingern berührt werden, daher 
die drastische Argumentation. Hehn meint, sie seien wohl 
unreif gepflückt worden und durch Zeit und Drücken reif 
geworden, eine ganz unberechtigte Annahme, die den Cato 



— 281 - 

als Lügner erscheinen lassen würde. Diese Greschichte, 
welche ein Gegenstück zu der Fahrt des Züricher Breitopfs 
nach Strassburg bildet, sticht sehr zu ihren Gunsten von 
der Burke'schen Redewendung ab; denn Cato hat wirklich 
etwas bewiesen. 

Facta loquuntur! Wenn nicht viel gesprochen werden 
soll, ist ein faktischer Beweis mitunter das einzige Mittel, 
welches dem Redner übrig bleibt, um seiner Ansicht Gel- 
tung zu verschaffen. Man kennt den Lakonismus der alten 
Spartaner. Die Bewohner einer benachbarten Insel, ich 
glaube der Insel Cythera, leiden Hungersnot und schicken 
einen Gesandten nach Sparta, um Unterstützung zu erbitten. 
Derselbe setzt den Grund seines Kommens in einer länge- 
ren Rede auseinander. Wie er %einen Vortrag beendet 
hat, wird er entlassen, denn die Ephoren haben das Ende 
nicht verstanden und den Anfang nicht behalten. Jetzt 
wird ein zweiter Bote abgeordnet, der sich möglichster 
Kürze befleissigen soll. Er nimmt einen leeren Sack mit 
in die Volksversammlung, wendet ihn vor aller Augen um 
und spricht: Es ist nichts darin; thut etwas hinein! — Ihm 
wird Getreide verabfolgt, indessen die Bemerkung vom 
Magistrate nicht erspart — er hätte sich kürzer fassen 
können; dass der Sack leer gewesen, habe man gesehen; 
dass er ihn voll haben wollte, habe sich von selbst ver- 
standen. Ein andermal solle er nicht so weitschweifig sein. 

Facta loquuntur! — Die Alten waren überhaupt gross 
darin, die Thatsachen reden zu lassen und sie bei ihren 
oratorischen Leistungen, auch wo sie sich einen Zwang 
nicht anzuthun brauchten, als die letzten und höchsten 
Trümpfe auszuspielen. Sie Hessen die Lebenden, sie Hessen 
die Toten sprechen. Nicht so, wie Kriemhild den erschla- 
genen Siegfried sprechen Hess, indem sie des Bahrrechts 
wartete und den Mörder durch das Bluten der Wunden 
überführte — sondern so wie der Levit, der sein gemisshan- 
deltes Kebsweib in zwölf Stücke stückte und an alle Gren- 
zen Israels sandte (Richter, XIX, 29) — die Mordthat sollte 



— 282 — 

als solche sprechen und den Mörder verklagen, der bekannt 
war. Als Julius Cäsar im Jahre 44 an den Iden des März 
unter den Dolchen seiner Mörder gefallen war, da trug 
man den grossen Toten wie gewöhnlich über das Fonim 
und setzte ihn vor den Rostris nieder, auf denen Marcus 
Antonius die Leichenrede, die laudatio funebris, hielt Anto- 
nius war ein guter Redner, er rührte und entflammte das 
Volk mit seinen Worten, er las mit klugem Bedacht Cäsars 
letzten Willen vor. Endlich hielt er das blutige durch- 
löcherte Hemd des Ermordeten in die Höhe und zeigte 
der Menge den Leichnam mit der dreiundzwanzigfachen 
Wunde. O, ungeheurer Anblick! Gewaltige Redefigur! 
Das war ein praktischer Tropus und eine Beredsamkeit, an 
der sich Edmund Burtee abermals ein Beispiel nehmen 
konnte. 

Facta loquunturf — Ein charakteristisches Pendant zu 
dem Leichnam Julius Cäsars bietet der lebendige Beweis, 
den einmal ein klassischer Redner gegeben hat Ein Athe- 
ner, Namens Euthias, hatte die berühmte Hetäre Phryne 
der Ketzerei (daeßelag) angeklagt. Der galante Hyperides, 
einer ihrer Liebhaber, verteidigte sie vor Gericht. Als es 
ihm mit all seiner Beredsamkeit nicht gelingen wollte, die 
Richter günstig zu stimmen, bat er die Angeklagte, ihren 
blühenden Leib zu enthüllen, und erlangte durch dieses 
gewagte Mittel ihre Freisprechung. Nein, eine solche über- 
irdische Schönheit konnte nicht strafbar, nicht gottlos sein! 
Sie war selbst etwas Göttliches, ein Ebenbild der Venus 
Anadyomene! — Es heisst, dass der Ankläger Euthias 
seitdem nie wieder vor Gericht gesprochen habe. 



283 — 



II. Populäre Argumente. 

Wie die Bettler reden — wie der Kaiser Augustus die Hand aufhält — wie 
Not und Unglück für sich selber sprechen — Graf Eberhard der Rauschebart 
schneidet das Tischtuch entzwei — der Mönch bittet um Verzeihung mit einem 
Stricke um den Hals — der Besiegte übergibt dem Sieger seinen Degen — das 
Abschneiden des Haares — Diogenes beweist dem Philosophen Zeno die Be- 
wegung, indem er geht — der alte Graf geht dem neuen Fürsten, Frau von 

Pfaffenrath geht der Frau von Gleichen vor. 

Faktische Beweise sind rhetorische Kunststückchen, 
die ihre Wirkung nie verfehlen, wenn sie geschickt aus- 
gefiihrt werden, und der Platz dazu ist nicht bloss die 
Tribüne des Redners. Sie gelingen überall, sie werden 
zum Beispiel mit Vorliebe angewandt, wenn es sich darum 
handelt, die Not anschaulich zu machen und Mitleid zu 
erwecken. Jener Gesandte kann die lakonische Beibringung 
seines Armutszeugnisses von jedem Bettier lernen. Der 
Blinde, der sich, ohne ein Wort zu sagen, an die Kirch* 
thüre stellt — der Taubstumme, der uns aufsucht, mit der 
eigenen Behendigkeit dieser Unglücklichen auf seinen Mund 
weist und milde Gaben sammelt — der Krüppel, der in 
Lumpen, in Tafeln, auf denen die Geschichte seines Un- 
glücks zu lesen ist, vielleicht ein Gemälde vor den Knien, 
an der londoner Strasse sitzt und thut, was jener Cythereer 
hätte thun sollen, schweigend die Hand ausstreckt — die 
blosse Schaustellung der Armut, des Elendes, des Unglücks, 
welch ein vielbedeutendes Orakel! Der Kaiser Augustus 
selbst, der durch einen Traum bewogen worden war, all- 
jährlich an einem bestimmten Tage und Orte zu betteln, 
machte es nicht anders; er genügte seiner Pflicht, indem er 
die Hand aufhielt und wartete, bis man ihm eine SextuLa 
hineinwarf Und der Indianer, der sein klopfendes Herz ent- 
blösst — der Neger, der den Kopf auf die Hand legrt, als 
ob er schlafen wollte, aber vor Frost zusammenschüttert — 
der Mensch, der auf der Reise. von Jerusalem nach Jericho 
unter die Mörder fällt, und der, halbtot, ausgeplündert und 



— 284 — 

zerschlagen, zu dem barmherzigen Samariter aufsieht — 
Sancho Panza, der (Don Quixote II, 54) zum Zeichen, dass 
er keinen Heller habe, seinen Daumen an die Gurgel hält 
und die Hand in. die Höhe streckt — ha, der bewegliche 
Anblick dieser Leiden, welche rührende, eindringliche 
Sprache reden sie! Ich hebe meine Augen auf zu den 
Bergen, von welchen mir Hilfe kommt. Keine Worte! 
Worte für den, der nicht in den Herzen liest! Für den 
Leviten, der, unbekannt mit unseren Schmerzen, gleich- 
gültig vorübergeht! Warum sollen wir den menschen- 
freundlichen Arzt bestürmen, da er doch am besten weiss 
was uns fehlt, da er doch mit Seherblicken in uns hinein- 
schaut und Öl und Wein in unsere Wunden giesst? — 

Die Liebe durchdringt uns mit göttlichem Scharfsinn, 
vor ihren Argusaugen wird das Verborgenste offenbar; sie 
errät in einer Handbewegung eine Welt, in einem Blick 
ein Menschenleben; sie gleicht dem Alborak des Erzengels 
Gabriel, dem geflügelten Rosse, das den Propheten Moham- 
med, währenddass ein Wasserkrug umstürzte und auslief, 
durch sieben Himmel trug und ihm die Herrlichkeiten 
eines jeden zeigte; sie eilt den mündlichen Erklärungen 
voraus, wie der elektrische Telegraph den Briefen. Ottilie 
und Eduard führen in den WaMverwandtschaften ein eigenes 
Gespräch. Durch einen Zufall stehen sie einander gegen- 
über; sie sieht ihn an, ohne einen Schritt vorwärts noch 
rückwärts zu thun; er macht eine Bewegung, sich ihr zu 
nähern; sie thut einen Schritt zurück bis zum Tisch. Auch 
Eduard tritt zurück und zeigt ihr den Brief, der sie vor- 
bereiten sollte. Ohne die Miene zu verändern, hatte sie «Ä« 
gelesen, und so legte sie ihn leise weg; dann drückte sie die flachen, 
in die Höhe gehobenen Hände zusammen, führte sie gegen die Brust, 
indem sie sich nur wenig vorwärts neigte und sah den dringend 
Fordernden mit einem solchen Blicke an, dass er von aUem abzu- 
stehen genötigt war, was er verlangen oder wünschen mochte. 

Aber in allen Fällen ist das Auge ein trefflicher Kund- 
schafter, sein Bericht zugleich schneller und treuer als der, 



— 285 — 

welchen wir durchs Ohr aus dem Munde des anderen em- 
pfangen. Gewisse alte Bräuche, mit denen man seinen 
Gesinnungen faktischen Ausdruck gab, sind kostbare Reste 
einer stärkeren, wortärmeren, aber thatenreicheren Zeit. 
Wir sagen die Freundschaft auf; Graf Eberhard der 
Rauschebart fasst, wie sein Sohn Ulrich nach der verlore- 
nen Schlacht bei Reutlingen nach Stuttgart kommt, da er 
gerade bei Tische sitzt, ein Messer, spricht kein Wort und 
schneidet das Tafeltuch entzwei (1377). Wir bitten ednen 
Vorgesetzten um Verzeihung, versichern ihm unsere Reue, 
versprechen ihm Besserung, flehen ihn an, uns die verdiente 
Strafe zu erlassen. Aber der Mönch, der den Abt des 
Klosters um Verzeihung bittet, kniet demütig vor ihm 
nieder mit einem Stricke um den Hals, wie die Italiener 
sagen, colla fume oder colla coreggia cd collo. Und der Grross- 
vezier, der von Harun-al-Raschid einen Befehl erhält, legt 
die Hand auf seinen Kopf: im Falle des Ungehorsams wird 
er den Kopf verlieren. In einem ähnlichen Sinne musste 
vermutlich nach normannischem Rechte ein Mann, der eine 
Beleidigung zurücknahm, während er das aussprach, mit 
den Fingern seine Nasenspitze halten (nasum suum digüis 
per summitatem tenere), Nelson nahm A. D. 1797 nach der 
Schlacht bei St. Vincent, wie man sich von einem Relief 
der Nelsonsäule auf Trafalgarsquare in London her erinnern 
wird, den Degen des spanischen Befehlshabers in Empfang; 
und Napoleon III. übersandte dem König von Preussen am 
I. September 1870 seinen Degen und hatte am folgenden 
Tage mit ihm und Bismarck persönliche Unterredungen. 
Aber einst wurde von dem besiegten Feinde gefordert, dass 
er im Büssergewande, ohne Helm und ohne Schuhe dem 
königlichen Sieger zu Füssen fiel. Auch die Hohenstaufen, 
Friedrich und Konrad, der spätere König, mussten so vor 
ihrem Rivalen Lothair barfuss knien, als sie im Kampfe 
unglücklich gewesen waren. Fehlte dieser Akt, so hatte 
sich der Biesiegte gar nicht unterworfen und ein neuer 
Vertrag wurde unthunlich. 



— 286 — 

Umgekehrt: wie drückt man besser die Überhebung- 
aus, als indem man einem vorgeht, wie der letzte Graf von 
Hanau dem neugebacknen Fürsten oder wie Frau von Pfaf- 
fenrath der Frau von Gleichen? — Im Herzoglichen Schlosse 
zu Meiningen hatte im Jahre 1746 die Frau Landjäger- 
meisterin Christiane Auguste von Gleichen den ersten Rang 
unter den Hofchargen. Aber eine andere Hofdame, eine 
gewisse Frau von Pfaffenrath, zwar eine geborene Gräfin 
Solms, aber doch nur Regierungsrätin und Frau eines eben 
erst geadelten Mannes, noch dazu keine recht legitime 
Frau, wurde durch den abwesenden Herzog Anton Ulrich 
protegiert. Sie sollte den Rang vor aUen Damens haben, Frau 
von Gleichen wollte sich das nicht gefallen lassen, aber als 
es zur Tafel ging, hatte Frau von Pfaffenrath eine gün- 
stige Aufstellung genommen und schnitt der Frau Land- 
jägermeisterin den Vortritt ab, bevor diese es hindern 
konnte. Darüber grosse Aufregnng: Frau von Gleichen er- 
klärte dem Kabinettsminister, wenn Frau von Pfaffenrath ihr 
wieder vorgehe, so werde sie dieselbe an ihrem Reifrocke 
zurückzerren; sie liess ein Pasquill gegen Frau von Pfaffen- 
rath. verbreiten. Deshalb sollte nach dem Willen des 
Herzogs wieder die Frau Landjägermeisterin der Frau 
von Pfaffenrath kniend Abbitte thun und sie auf das buss- 
fertigste um Vergebung bitten. Es ist bekannt, dass dieser 
Weiberzank den Wasunger Krieg entzündete (1747). 



— 287 — 

III. OfHzielle Akte. 

"Wie Herzog Anton Ulrich von seinem Lehen Besitz ergreift — moderne Formen 
der Besitzergreifung — der Bräutigam tritt der Braut auf den Fuss» Beispiel 
im Meier Helmbrecht — warum der Verlobungs- und der Trauring an den 
Goldfinger der linken Hand gesteckt wird — Absprechen des Besitzes — wie 
der alte Mieter herausgetrieben wird — Lauzun zerbricht sein Schwert vor den 
Augen des Monarchen — St. Dominicus zerreisst eine Urkunde vor den Augen 
des Bischof, Capponi eine vor dem französischen König — eine Drohung aus- 
führen ist besser als drohen, ein Versprechen erfüllen ist besser, als versprechen 
— das Ei des Kolumbus — die faktischen Beweise sind zweckmässig gewählte 

Experimente — Schluss. 

Unerschöpflicher , wundervoller Genius der Sprache, 
lehre mich meinen Gedanken Ausdruck geben! Welches 
sind deine liebsten Zeichen? Wo finde ich die kurzen, un- 
missverständlichen Depeschen, die wie Blitze in das Gemüt 
des Nebenmenschen fallen? — Nicht bloss in unseren eige- 
nen Bewegungen und Geberden. In jeder Sache, die mit 
einer Wahrheit schwanger geht und sie, gleich einem Rebus, 
erraten lässt Die ganze Welt ist ein solches Rebus, das 
uns von einem Gott gezeigt wird, und diesem Gott lernen 
wir die reale Methode ab, indem wir Thatsachen exhibieren 
— indem wir aus dem unermesslichen Schatze einer lehr- 
reichen Realität mit Bewusstsein ein kleines Bruchstück 
wählen, dem auffassenden Verstand vorhalten und dadurch 
zu einem Organe der freundschaftlichen Mitteilung erheben. 

Wir erwähnten im Vorhergehenden Anton Ulrich, 
Herzog von Sachsen-Meiningen. In seiner Jugend hatte er 
sein stolzes Haus durch eine Mesalliance gekränkt; die 
Räte des Landes benutzten den Zwist, ihm seine Revenuen 
zu verkürzen. Aber Anton Ulrich war scharf dahinter her. 
Als im Jahre 1722 der letzte Lehensträger des Altensteins, 
ein Hund von Wenckheim, auf den Tod lag und die Kom- 
missäre der Regierung schon auf dem Sprunge standen, 
das erledigte Lehen in Besitz zu nehmen, da ritt plötzlich 
An^on Ulrich in den Schlosshof. Wie der Vasall die Augen 
zugedrückt hatte, trat er bewafi&iet in das Sterbezimmer, 



- 288 - 

setzte sich in einen rotsamtnen Lehnstuhl und sprach: 
Hiemit ergreife ick Possession für meinen dritten Teü, unbe- 
schadet der zwei Drittteüe meiner Herren Ghbriider. Darauf 
rückte er mit der Hand an dem Tische, dem Symbol 
der Mobilien, und Hess aus den Stubenthüren Späne, so- 
wie Splitter aus dem Eichwald und Rasenstücke aus den 
Wiesen schneiden, als womit er Besitz von den Immobilien 
ergriff. Dann kehrte er nach Meiningen zurück. Das war 
die alte Form der Besitzergreifung oder der sogenannten 
Apprehensionj wie sie das deutsche Recht vorschrieb und 
wie sie jetzt noch bisweilen vorkommt, obgleich man sich 
gegenwärtig meist damit begnügt, das Grundstück zu be- 
treten, die Schlüssel eines Hauses in Empfang zu nehmen 
und die Hand an den Riegel der Thür zu legen; von 
ganzen Ortschaften ergriff man Besitz, indem man ein Laub 
von der Linde nahm, wie das z. B. die zweihundert Mann 
der Grafen von Oettingen in Bissingen, dem Gute Schärt- 
lins, ihres Nachbarn, thaten (1561). Die ganze Prozedur 
läuft offenbar darauf hinaus, dass der Besitzergreifende sein 
Recht nicht ausspricht, sondern teilweise faktisch Besitz 
ergreift, was unter allen die deutlichste Sprache ist. 

Im Mittelalter hatte der Bräutigam am Schlüsse der 
Trauung der Braut auf den Fuss zu treten: 

und gap Lembersllnde 
ze manne Gotelinde. 
si sungen aUe an der stat: 
üf den fuoz er ir trat — 

heisst es in dem (um A. D. 1240 verfassten) Meier Edm- 
brecht 1 531 ff. Das Treten auf den Fuss war einzelnen Per- 
sonen gegenüber ein Zeichen der Besitzergreiftmg und der 
angetretenen Herrschaft, wie umgekehrt das Abschneiden 
des Haares ein Zeichen ist, dass man sich jemand zu eigen 
gibt, zum Beispiel wird Knechten, Mönchen und Nonnen 
ihr Haar abgeschnitten. Noch heute herrscht in vielen Ge- 
genden die Sitte, dass sich die Brautleute vor dem Altar 
nach der Einsegnung einander auf den Fuss oder den Rock 



— 289 — 

zu treten, und dadurch während der Ehe das Regiment im 
Hause, sozusagen den Pantoffel an sich zu reissen suchen — die 
nämlichen Brautleute, die sich durch Verlobungs- und Trau- 
ringe ewige Treue und ewige Ergebenheit versprechen und 
dieselben an den Goldfinger der linken Hand stecken, weil von 
diesem Finger nach alter, schon aus römischer Zeit stammen- 
der Überlieferung eine Ader direkt nach dem Herzen geht. 

Es ist heutzutage viel von Besitzergreifungen die Rede; 
die dabei üblichen Modalitäten haben im Grunde denselben 
Sinn. Die spanischen und portugiesischen Schiffskomman- 
danten pflegten in den Gebieten, die sie erreichten, ein 
Kreuz, einen Altar oder sonst einen heiligen Gegenstand 
zu errichten, den sie einweihten und mit dem sie das ganze 
Gebiet gewissermassen unter die Herrschaft der römischen 
Kirche stellten. Dann wurde eine Messe gelesen und in 
feierlicher Prozession eine Strecke weit nach verschiedenen 
Himmelsrichtungen umhergegangen, womit die Besitzer- 
ergreifung für vollzogen galt. Geradeso thut Buddha gleich 
nach seiner Geburt je sieben Schritte nach den vier Him- 
melsrichtungen und ebenso nach dem Nadir und dem Zenith, 
wobei er jedesmal seine unbestrittene Obergewalt erklärt; 
in der That stehen alsbald, wie er in die heidnischen Tempel 
tritt, alle Gatter auf und fallen ihm zu Füssen. Auch 
Privatpersonen richteten gern auf unbekannten Inseln 
Kreuze auf, soder Simplicissimus und Robinson Crusoe, 
dessen Name bekanntlich Kreuzinsel bedeutet. Wir hissen 
dagegen die deutsche Fahne auf 

Herzog Anton Ulrich schnitt aus den Thüren des Al- 
tensteiner Schlosses Späne ; etwas Ahnliches thaten die 
Boten der Femgerichte. Dem Vorzuladenden wurde näm- 
lich der Ladebrief nicht persönlich übergeben, sondern an 
seiner Behausung oder einem dieser nahe gelegenen Orte 
angeheftet. Dabei wurden drei ausgehauene Späne als 
Wahrzeichen der Fem gebraucht. Hier sollten sie indessen 
wohl nur für die Anwesenheit des Boten Zeugnis geben. 

Wenn man dagegen einem Herrn den Besitz einer 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. 1«^ 



— 290 — 

Sache absprechen will, was thut man? Kommt man ihm 
mit Gründen? Mit Prozessen? Der energische Mann lässt 
sich darauf nicht ein — er vertreibt den widerspenstigen 
Inhaber, wie der neue Mieter den alten Mieter, wenn dieser 
nicht herauswill, indem er einen Stuhl in die gemietete 
Wohnung stellt — er zerreisst die Urkunde, die ihn bindet, 
wie Pietro Capponi in Florenz*) — er vernichtet den Be- 
sitz vor den Augen des Prätendenten. Mon epSe au roi. 
Der Herzog von Lauzun sollte von Ludwig XIV. zum 
Grossmeister der Artillerie ernannt werden; Louvois, der 
eifersüchtige Louvois war dagegen. Lauzun forderte kühn, 
der König solle sein Versprechen halten, und da er ihn 
unentschlossen sah, zerbrach er vor den Augen des Monar- 
chen sein Schwert,- weil er keinem wortbrüchigen Fürsten 
dienen wollte. Ludwig XIV. warf dafür seinen Stock zum 
Fenster hinaus und sagte: er wolle es sich nicht zum Vor- 
wurf machen, einen Edelmann geschlagen und das argumen- 
tum haculinum hervorgesucht zu haben. 

Die Überzeugungskraft derartiger Beweise ist eine un- 
gemeine. Vor Drohungen muss man sich nicht fürchten 
und über Zusagen soll man sich nicht freuen; aber eine 
auf der Stelle ausgeführte Drohung macht das Blut er- 
starren und ein Versprechen, dem man die Erfüllung un- 
mittelbar folgen lässt, hebt allen Zweifel auf Anton Wohl- 
fart hat 200 Thaler auf den Tisch gelegt und die Rollen 



*) A. D. 1494, als der französische König Karl VIIL in Florenz einge- 
zogen war und übertriebene Forderungen stellte. Capponi nahm dem Sekretär das 
i'apier in Gegenwart des Königs aus der Hand und zerriss es in tausend Stücke, 
wobei er sagte, ehe die Florentiner solche unbillige Bedingungen eingiogcD» 
würden sie sich bis aufs Blut verteidigen, /'ate dar fiato alle vostre trombe, e 
not suoneremo U nostre campant! — vergleiche Rudolf Kleinpaul, Florenz in Wort 
und Bild^ Seite 26. So zerschnitt der heilige Dominicus auf dem ersten General- 
kapitel zu Bologna eine ihm zugestellte Schenkungsurkunde vor den Augen des 
Bischofs und liess den Beschluss fassen, dass kein Besitz angenonmien werden 
dürfe (Au D. 1220); und so zerriss Karl XII. mit seinen Sporen dem bestochenen 
Grossvezier, der am Pruth mit Peter dem Grossen Frieden machte, das lange, 
prächtige Gewand. 



— 291 — 

durch .vier Kreidestriche eingeschlossen. Schmeie Tinkeles 
soll die 200 Thaler haben, wenn er Anton die gewünschte 
Auskunft gibt. Der Jude kämpft einen schweren Kampf; 
er sieht auf Anton und verzieht sein Gesicht zu einem 
harmlosen Lachen, er versucht, unbefangen auszusehen und 
blickt wie gleichgültig in der Stube herum, aber immer 
wieder fällt sein Blick auf Antons Zeigefinger und das 
weisse Viereck auf dem Tische. Keiner spricht, das stumme 
Schweigen dauert einige Augenblicke, und doch ist es eine 
lebhafte und beredte Unterhaltung. 

Die 200 Thaler in dem weissen Viereck auf dem Tische 
thun es! Wie der Edelknabe in Shakespeares König Richard 
der Dritte (IV, 2) sagt: 

Gold ist sogut bei ihm, wie zwanzig Redner! 

Bares Geld lacht verführerisch und Liebeserklärungen, wie 
sie August der Starke der Gräfin Cosel machte: in der 
einen Hand einen Beutel mit 100,000 Kronen, in der an- 
deren Hand ein Hufeisen, das er zerbrach wie eine Semmel 
— sind nicht bloss die willkommensten, sondern auch die 
sichersten. Hie Rhodus, hie saUa! Ein Danimm, meint Sancho 
Panza, ist besser als ein Ichwerdedirgehenf Hätte August der 
Starke bloss ich wills und ich kanns gesagt, so würde die 
schöne Gräfin vielleicht gelächelt haben. Da er es aber 
that, so musste sie ernst drein sehen und aib esse ad posse 
schliessen. Darauf beruht ja am Ende schon der Wert des 
Angelds oder Draufgelds, das eine teilweise vorläufige Be- 
zahlung ist. Wer etwas daransetzen will, der nehme sich 
an dem starken Mann ein BeispieL 

Darum wird so viel Wert auf die Experimentalphysik 
und auf die Experimentalchemie gelegt; jeder faktische 
Beweis, den der Redner auf der Tribüne und der gemeine 
Mann in der Unterhaltung gibt, ist im Grunde nichts an- 
deres, als ein zweckmässig gewähltes Experiment. Filippo 
di Ser Brunelleschi , der Erbauer des florentiner Domes, 
fragt seine Kollegen in Florenz, da sie alle die Kuppel 

wölben wollen und nicht können, ob sie sich wohl getrauten, 

19* 



— 292 — 

ein Ei aufrebht auf den Marmortisch zu stellen? -— Einer 
nach dem andern versucht es, aber das Ei steht nicht Es 
kann nicht stehen! Da nimmt Brunelleschi das Ei, stösst es 
mit der Spitze auf die Tischplatte, und es steht.*) Der 
Eleat Zeno, um 450 v. Chr., leugnet die Bewegxmg. Ein 
gewisser Diogenes antwortet gar nichts, sondern beweist 
dem Philosophen die Bewegung, indem er geht! Einer 
Akademie der Wissenschaften wird die Frage vorgelegt, 
wie es komme, dass ein Eimer voll Wasser nicht überlaufe, 
wenn man einen Karpfen in den Eimer stecke? Es entsteht 
die lebhafteste Debatte; die scharfsinnigsten Erklärungen 
des Phänomens werden laut; die Gelehrten können sich 
lange nicht einigen. Endlich nimmt einer einen Eimer, 
füllt ihn mit Wasser, steckt einen Karpfen hinein, und der 
Eimer läuft über. Damit war die Sache ad octdos demon- 
striert! Hatten etwa sothane physikalische Demonstrationen 
einen anderen Zweck als die Enthüllung des Redners Hy- 
perides? — 

Das ist es ungefähr, was ein Lehrer der Beredsam- 
keit bei dem rhetorischen Kunststückchen des Herrn Ed- 
mund Burke zu erinnern hätte. Wenn wir in Büchern 
Anmerkungen machen, so weisen wir auf diese Anmer- 
kungen erst mit Sternchen, dann, wenn diese nicht aus- 
reichen, mit Kreuzchen hin — der Gebrauch soll aus den 
kirchlichen Agenden stammen, wo jedesmal, wenn der 
Geistliche beim Gebete ein Kreuz zu schlagen hatte, ein 
solches angezeichnet war. Die Engländer nennen ein solches 
Kreuzchen der Ähnlichkeit wegen (denn es ist ein lateinisches 
Kreuz mit einem langen Unterarme) einen Dolch (a dagger), 
wie es andere Male ein Spiess genannt wird (an ohdisk). 
Hat Edmund Burke den Dolch geschleudert, müssen wir 
nicht die Anmerkung dazu machen? Man halte es mir zu 
gute, wenn sie ein wenig lang ist: ich bin ein Deutscher. 



*) Diese Anekdote soll nachmals auf den Kolumbus übertragen worden 
sein, vergleiche Rudolf Kleinpaul Florenz in Wort und Bild, Seite loi. 



Viertes Kapitel. 

Die 'Wahl von Bildern. 

Blnieispraclie — BriefiarkeBspraclie. 



I. Die Bildersprache des Vollces. 

Philomela stickt Bilder, da sie nicht mehr sprechen kann — wie sie, geht die 
Sprache von schlichten Worten zu poetischen Bildern über — in Bildern zu 
reden scheint eine Sache der Dichter und der Redner zu sein — aber Männer 
jeden Schlages wählen gern Bilder, um ihre Gedanken kurz und treffend auszu- 
drücken — das Volk selbst ist an dichterischen Anschauungen reich, das Volks- 
gemüt die grosse Quelle der poetischen Metaphern — die Bilder wechseln von 
Land zu Land und von Nation zu Nation — die Sprache eine phantasievolle 
Dichterin — das Volk wählt gel^entlich noch greifbarere Bilder — es wird 
etwas gezeigt, geschickt, gethan, was ins Auge fallt — sind die Dinge in natura 
nicht zur Hand, so nimmt man Symbole der Dinge — Beispiele werden aufge> 
sucht und Fabeln in Szene gesetzt — die Wirkung einer solchen Demonstration 
eine ausserordentliche — wie ein Pastor zwei bissige Hunde eine philosophische 
Disputation vornehmen lasst — zwei prozessierende Bauern, die eine fette Kuh 
auseinanderreissen, während sie der Advokat melkt — wie Sancho Panza als 
Gouverneur eine Frau, die über Notzucht klagt, ad absurdum fuhrt. 

Von der Philomela wird erzählt, deiss sie, von Tereus 
entehrt und der Zunge beraubt, ihrer Schwester Prokne 
das Verbrechen durch ein Gewebe kundgethan habe, in 
welches sie den ganzen Hergang stickte — es wäre absurd 
anzunehmen, dass sie ein paar Worte hineingewoben habe, 
denn das hätte sie leichter haben können; man muss sich 
vielmehr denken, dass Philomela sticken konnte wie gemalt 



— 294 — 

und auf einem Peplus menschliche Figuren und Szenen 
darzustellen wusste, die mündlich zu beschreiben sie nicht 
mehr imstande war. Sie wird dadurch zu einem Typus für 
die Sprache, die sogem von schlichten Worten zu poeti- 
schen Bildern übergeht und der es oft leichter wird, die 
Dinge zu malen als adäquat auszudrücken. 

In Bildern zu reden, Metaphern und Allegorien ver- 
schwenderisch auszuteilen, mit kühnen und prachtvollen 
Vergleichen um sich zu werfen, erscheint uns im allge- 
meinen als die Sache der Dichter und Propheten; die Lehre 
von den poetischen Bildern, den Tropen, den Metaphern und 
anderen Figuren macht ja einen Hauptbestandteil der Poetik 
und der Rhetorik aus. Aber längst ehe es eine Poetik 
gab, haben die Poeten in der Lüie ein Bild der Unschuld, 
in der Böse ein Bild der Glückseligkeit gesehen und die 
Schönheit geliebter Mädchen im Stil des Hohenliedes aus- 
gemalt. Der Freiherr von Vincke hält im prei|ssischen 
Landtag eine Rede — während derselben zieht ein Gewitter 
auf und wieder vorüber — gleich knüpft er mit Geistes- 
gegenwart an dieses Naturereignis an und spricht von der 
durch Wolken brechenden Sonne und dem wiederherge- 
stellten Frieden der Natur. Und die Poeten haben auf 
diese Blumen der Rede durchaus kein Pri\dlegium, sintemal 
bedeutende Männer jeden Schlages gern Bilder wählen, um 
ihre Gedanken kurz und treffend auszudrücken. Selbst 
Generale, die doch gewiss das Leben mehr von der rauhen 
Seite ansehen. Der kluge und energische Feldherr der 
Athener Iphikrates — derselbe, welcher die beherzigens- 
werte Äusserung that, ein Kommandant könne nichts 
Dümmeres sagen, als: ich hätte das nicht erwartet (ov% av 
TtQoaedÖTCYjaaJ — Iphikrates behauptete, ein Heer Hirsche, von 
einem Löwen geführt, sei mehr zu fürchten,- denn ein Heer Löwen, 
von einem Hirsch geführt. Und Philipp von Makedonien 
sagte, wenn ich nicht irre, er getraue sich jede Festung zu er- 
obern, wenn es ihm gelinge, einen mit Gold heladenen Esel hinein- 
zutreiben, was die Engländer ausdrücken: An ass looM 



— 295 — 

with gold climbs to the top of a Castle y oder die Spanier: Asno 
€on ovo cdcanzalo todo. Die Raben wollen einen Geier haben, 
sagte Kurfürst Friedrich von Sachsen seinen Getreuen, als 
sie ihm Vorwürfe machten, dass er die Wahl Karls V. 
unterstützte, in demselben Stile. Viele solche Bilder sind 
nachmals ins Volk gedrungen und sprichwörtlich geworden; 
welch ein unerhörtes Glück hat zum Beispiel die Phrase 
Schwamm drüber gemacht, die aus dem Bettelstudenten stammt 
und ziemlich genau mit den Versen Comeilles zusammentrifft: 

Sur les noires couleurs d'un si triste tableau 
II faut passer P^ponge, ou tirer le rideau — 

WOZU ein Kritiker bemerkt, dass diese Metapher bei den 
Römern nicht erträglich gewesen wäre, weil bei ihnen das 
AVort Schwamm einen schlechten, schmutzigen Klang hatte. 
Aber das Volk selbst ist an dichterischen Anschau- 
ungen überreich und das Volksgemüt die grosse Quelle 
der poetischen Metaphern; der gewöhnliche Ausdruck des 
Indianers und des Orientalen enthält kühnere Figuren als 
der höchste lyrische Schwung des Europäers. An dieser 
Quelle haben die grossen Männer, die ein Bild aufbrachten, 
gewöhnlich selbst geschöpft, aus dem reichen Schatze der 
deutschen Sprichwörter entnahm der Fürst Bismarck noch 
in seiner letzten Rede im Reichstag (6. Februar 1888) das 
Bild von den Hechten im europäischen Karpfenteich. Man fragte 
den König von Sparta Agesilaus, warum Sparta ohne 
Mauern sei. Er wies auf die Soldaten: das sind die Mauern 
Lacedämons! — . Aber sagt das nicht jeder Kriegsbericht- 
erstatter, dass meinetwegen die Sachsen vor Paris wie 
Mauern gestanden haben? — Wir alle reden wohl nach 
dem Vorgange Daniels von einem Koloss mit thönernen 
Füssen, Bekanntlich drohte Pius IX. am 24. Juni 1872, dass 
dem Koloss des neuen Deutschen Kaiserreiches ein Steinchen den 
Fuss zerschmettern werde. Indessen, das Traumgesicht des 
Königs Nebukadnezar, denn dieser war es, der die Vision 
hatte, kann uns nicht so sehr befremden, wenn wir be- 
denken, dass es solche eiserne und thöneme Statuen wirk- 



— 296 — 

lieh gab und dass man vielleicht schon damals von dem 
eisernen und irdenen Topfe sprechen mochte (c'est le pot de 
terre contre le pot de fer). Stein gegen Krug und Krug gegen 
Stein, wird immer des Kruges Verderben sein, heisst es im Dim 
Quixote. Wer hat zum erstenmal von einer lcu:henden Gegend, 
vom Lauf der Dinge und vom Zahn der Zeit gesprochen? 
Wer zum erstenmal die untere Partie eines Berges seinen 
Fuss, den Gipfel sein Haupt genannt? — Bilder sind etwas 
allgemein Menschliches, den Isländern und den amerikani- 
schen Wilden so gut wie den Arabern und Persem Eigen- 
tümliches, wenn sie gleich von Nation zu Nation und von 
Land zu Land wechseln. Der Deutsche spricht vom Mai 
des Lehens, der Italiener vom Äprile deUa vita. Der Bewohner 
des Nordens vergleicht den geliebten Gegenstand mit einem 
wolkenlosen Himmel, der Südländer vergleicht ihn mit dem 
Tau. Der Psalmist vergleicht den Frommen mit dem 
Schönsten, was der Hebräer kennt, dem charakteristischen 
Emblem üppiger Fruchtbarkeit und materiellen Wohlstandes, 
mit einem Baume, gepflanzet an den Wasserhächen ; in China 
wird ein Kaiser, der sein Volk glücklich macht, dem Süd- 
winde verglichen. Unter seinem Weinstock und unter seinem 
Feigenbaum zu sitzen, galt den Juden für den Inbegriff von 
Frieden und Glückseligkeit; wenn die Armen in London 
unter freiem Himmel übernachten, so schlafen sie unter der 
blauen Bettdecke (under the blue blanket) , und den londoner 
Nebel nennen sie Erbsensuppe (Peas' soup). In den Bädern 
von Lucca sagen die Eingebomen, sie leben von HöUhrod 
und Wolkenwein, sie meinen, sie hätten kein anderes Mehl, 
als das von Kastanien und kein anderes Getränk als Wasser; 
in den Gebirgsdörfem des Vogtlandes und des Erzg^ebirges 
sagen die Leute, es schneie Brod, weil bei Schneefall die 
Bewohnerschaft aufgeboten wird, Strassen und Wege offen 
zu halten und die Gemeinden von Staatswegen eine Ver- 
gütung dafür erhalten. In den Gegenden, wo Baumwolle 
gesponnen wird, heisst es auch, es schneie Betteüeute, weil 
die Spinner die abfälligen Baumwolleflocken Bettelleute 



— 297 — 

nennen; während umgekehrt ein Neger, der zum erstenmal 
ein Schneegestöber sah, in die Hände klatschte und rief: 
da regnet's BaumwoUe! — Bei allen diesen Vergleichen ist sich 
das Volk des Bildes noch bewusst; wie viele Bilder braucht 
es erst, ohne darum zu wissen. Unsere ganze Psychologie, 
was sage ich, jedwede Wissenschaft steckt voll Metaphern, 
die Sprache ist eine phantasiereiche Dichterin, das erste 
beste Wörterbuch eine bunte Bildersammlung. 

Ja, das Volk spricht gelegentlich in noch greifbareren 
Bildern. Es wird gar nicht gesprochen, gesprochen in 
unserem Sinne: es wird etwas gezeigt, etwas geschickt, 
etwas gethan, was ins Auge fällt. Daran mag sich der 
aufmerksame Zuschauer, wie es ehemals hiess, ein Bude 
nemen, das heisst, ein Beispiel nehmen;, denn was geschieht 
und vorgemacht wird, ist abermals bildlich gemeint. Unter 
allen Umständen würde es natürlich das Beste sein, wenn 
wir die Gegenstände, von denen wir reden, selbst exhibieren 
und, wie jener irrsinnige Böttcher aus Frankfurt (der vor 
zwei Jahren dem Kaiser in Ems ein Mittel gegen Über- 
schwemmungen angeben wollte und zu dem Ende einen 
mit Erde gefüllten Wasserkrug vor ihn hinwarf) dem ver- 
ständnisvollen Blicke unseres Freundes unterbreiten könnten; 
leider sind sie nur nicht immer zur Hand. Alexander der 
,Grosse wollte Xenokrates, den Freund und Schüler Piatos, 
mit Geld bestechen: statt aller Antwort lüftete der Weise 
den Deckel seines Linsentopfes. Aber wir sitzen nicht 
immer bei Tische und haben nicht immer Linsentöpfe vor 
uns. Wir müssen uns also zu helfen suchen und anstatt 
der Dinge in natura Symbole der Dinge und Analogien 
bringen, die sich bieten; und zwar malen wir diese Symbole 
nicht, wir nennen sie nicht, wir schreiben sie nicht, sondern 
wir greifen sie aus dem Leben selbst heraus und produ- 
zieren sie leibhaftig. Vielleicht, dass wir mündlich ein paar 
erklärende Worte hinzufügen, aber nötig ist es nicht — der 
Mann mag selber denken, selber erraten, was geschehen 
ist, geschehen wird und muss, und klug werden durch Er- 



— 298 — 

fahning. Und wozu diese kindliche Belehrung, dieser An- 
schauungsunterricht? Warum machen wir uns die Mühe, 
Beispiele aufzusuchen, wo wir doch reden könnten? Ah, 
zunächst um der Wirkung willen. Die Wahrheit, die man 
sagt, wird überhört; die Wahrheit, die man zeigt, wird nie 
vergessen. Die Prediger reden in den Wind; die Fabel 
geht zu Herzen. Wirklich gleicht das Bild, wenn dadurch 
Moral gepredigt werden soll, oft völlig einer Fabel, die 
man in Szene setzt, wie damals, als Lykurg seinen Spar- 
tanern die Macht der Erziehung an zwei von Einer Mutter 
stammenden, aber verschieden erzogenen Hunden versinn- 
lichte: er warf einen Knochen hin und liess einen Hasen 
laufen; der Schoosshund stürzte sich auf den Knochen, der 
Jagdhund auf den Hasen. Analog liebte es ein alter jovialer 
Landpastor, dem Herrn Kandidaten mit seinen zwei grossen 
Hunden einen Begriff von einer philosophischen Disputation zu 
geben: die beiden Hunde hatte er Aristoteles und Gartesius 
getauft, und nun brachte er sie zusammen. Aber die Bestien 
waren einander keineswegs gewogen: wie er sie näher be- 
freunden wollte, fingen sie an zu murren und zu knurren, 
und das Ende vom Liede war, dass sie übereinanderher- 
fielen und eine wütende Beisserei entstand. Das war eben 
die philosophische Disputation. Und wie schön hat Lafontaine 
in seiner Fabel von den zwei Ziegen, die sich auf einem 
schmalen Brückchen begegnen, einander nicht ausweichen 
wollen und darüber selbander ins Wasser fallen, den lächer- 
lichen Rangstreit geschildert, der oft beide Rivalen zu 
Grunde richtet! Der Dichter glaubt in den beiden Ziegen 

avec Louis le Grand, 
Philippe-Quatre qui s'avance 
Dans Püe de Conference, 

ZU sehen; ich wünschte, dass die kaustische Zeichnung, 
welche Grandville der Fabel vorausgeschickt hat, im Okto- 
ber 1746 den Damen von PfaiBFenrath und von Gleichen am 
Meininger Hofe vorgehalten worden wäre — dass das Bild 
im Fürstenschlosse zu Meiningen gehangen hätte, wie in 



— 299 — 

der Gaststube des Hotels zum Boten Kliff in Kampen auf 
Sylt zu Nutz und Frommen der prozessierenden Friesen ein 
anderes Bild hängt. Eine fette Kuh wird von zwei Bauern 
hin- und hergezerrt: der eine zieht sie an den Hörnern, der 
andere am Schwanz, das arme Tier möchte sich zerreissen. 
A^or der Kuh sitzt gemächlich der Advokat und melkt sie. 
Eine solche Demonstratio ad oculos ist die beste unter allen, 
wie die Schule des Lebens die beste ist. Das Rätsel regt 
die Einbildungskraft an und gewährt dem Empfänger das 
Vergnügen des Selbstfindens, des Erratens. Wie die Fran- 
zosen sagen: die Augen haben mehr Kredit als die Ohren (les 
yeux ont plus de credit que les oreüles). 

Unter den vielen Beweisen von wahrhaft salomonischer 
Weisheit, die der treifliche Sancho Panza als Statthalter 
der Insel Barataria gibt, ist auch der folgende. Eine junge 
Frau fleht ihn um Gerechtigkeit an, weil sie von einem 
Schweinehirten genotzüchtigt worden sei; der Mann leugnet, 
Gewalt gebraucht zu haben, sie sei nur nicht zufrieden ge- 
wesen und klage ihn fälschlich an. Sancho Panza fragt 
den Hirten, ob er Geld bei sich habe, und da derselbe ein 
Beutelchen voll Dukaten vorbringt, so heisst er ihn das 
Beutelchen der Frau einhändigen. Wie die letztere voll 
FVeuden abgezogen ist, so sagt Sancho Panza zu dem 
Hirten, er solle ihr nachgehen und es ihr wiederabzu- 
nehmen suchen. Die Frau aber hält ihr Beutelchen fest, 
versteckt es unter ihren Röcken und verteidigt es wie ihr 
Leben. Als worauf sie Sancho Panza bedeutet, dass sie 
kein Herkules imstande gewesen wäre zu entehren, wenn 
sie sich damals ebenso tapfer gewehrt hätte, die Schwätzerin 
von der Insel ausweist und das Geld dem Hirten wieder- 
gibt {Don Quixote, Secunda Parte, Capitulo 45). Die Geschichte 
kursiert in vielen Variationen, eine der bekanntesten und 
zugleich treffendsten ist die, wonach ein Dorfschulze einer 
ebenfalls über Notzucht klagenden Dirne eine Degenscheide 
vorhält und sie bittet, das Käsemesser hineinzustecken: er 
aber fährt immer mit der Scheide hin und her, und zieht 



— 300 — 

sie, wenn das Mädchen drum und dran ist, jedesmal wieder 
weg, sodass die Dirne endlich ganz ärgerlich wird und sagt, 
ja, wenn er nicht still halten wolle, bekomme sie das Ding 
freilich nicht hinein — das nennt man Bildersprache des 
Volkes. 



II. Die Bilder werden gewShIt, um die Wahrheit eindring- 
lich zu machen. 

Das eiserne Schloss und die Leimrute beim Eidschwur Don Alfonsos des Tapferea 
^- symbolische Gebräuche und Handlungen — Nap>oleon zertrümmert das Papst- 
tum — er wird von Pius VII. ein Komödiant genannt — Gelimer, der letzte 
König der Vandalen, bittet in seiner höchsten Not um ein Brot, einen Schwamm 
und eine Harfe — die Botschaft der Scythen an Darius: ein Vogel, eine Maus, 
ein Frosch und fünf Pfeile — der heilige Bernhard steckt seinem Vater das 
Haus an, um ihm die Hölle anschaulich zu machen — Franklin schickt dem 
englischen Minister Klapperschlangen — Aristodicus jagt die Sperlinge aus dem 
Tempel des Apollo — die Bienen in der Bildersprache — wie ein Pädagog die 
abstrakten und die konkreten Begriffe bezeichnet — der rote und der schwarze 
Stiefel Roskowskis — die Verhaltungsmassr^eln , die Justinus Kemer seinen 
Kranken mit verschiedenfarbigen Fahnen gibt — das Bild liegt auf der Strasse 
— die Aufnahme des Prinzen Aureng-Zeyb in die Schweigende Akademie. 

Vorm Altare der Gadea 
Kniend seine Hand gelegt 
Auf das Evangelium 
Und ein Eisenschloss und eine 
Leimrut — 

also schwört Don Alfonso der Tapfere in Herders CW. 
Es ist anzunehmen, dass das Schloss und die Leimrute die 
Bestimmung haben, ihn auf die bindende Kraft des Schwu- 
res aufmerksam zu machen, wie im Aberglauben des Mittel- 
alters auch ein eingeschlagener eiserner Nagel zur Bezeich- 
nung einer festen und bleibenden Sache dient. Dergleichen 
symbolische Grebräuche tragen wesentlich dazu bei, die Feier- 
lichkeit sei es nun eines Eides oder sonst eines öffentlichen 
Aktes zu erhöhen: lasst bei einer Verlobung die Ringe, 



— 301 — 

bei einem Begräbnis die Handvoll Erde, bei einer Grund- 
steinlegung die drei Hammerschläge, bei einer Eidesleistung 
auch nur die Hand weg, die in die Höhe gehoben werden 
soll — die rechte Weihe fehlt. 

Und jede Rede gewinnt durch eine symbolische Hand- 
lung, die gleichzeitig ausgeführt wird, einen ungeahnten 
Nachdruck — vor der dramatischen Aktion verlieren die 
gesprochenen Worte allen Klang, ja die Aktion ist so sieges- 
gewiss, dass sie gelegentlich die Rede abwirft, wie ein 
feuriges Ross den Reiter, und selbständig dahinstürmt. 

Ein Steinchen, hatte Pius IX. prophezeit, werde dem 
Koloss des Deutschen Reiches den Fuss zerschmettern. 
Das Steinchen kam nicht geflogen, dagegen war einem 
seiner Vorgänger der thöneme Fuss vorübergehend wirklich 
zerschmettert worden. Bekanntlich wurde der E^irchenstaat 
A. D. 1 809 dem französischen Kaiserreich einverleibt und der 
Papst Pius VII. nebst seinem Staatssekretär Kardinal Pacca 
gefangengenommen und nach Frankreich gebracht. Bei 
einer Unterredung mit ihm zu Fontainebleau warf Napoleon 
eine porzellanene Vase um und rief: so will ich das Papsttum 
zertrümmern! — Der Papst zuckte die Achseln und nannte 
den Kaiser einen Komödianten. 

Wie viel diese Bezeichnung für sich hatte, will ich 
hier nicht entscheiden, aber konstatieren, dass die drastische 
Illustration der ausgestossenen Drohung bei einem mäch- 
tigen Manne wie Napoleon diu-chaus nicht unglücklich und 
überhaupt nicht ungewöhnlich war. In Glück und Unglück 
haben Könige und Bettler zu Bildern gegriffen, ihre Mei- 
nung zu erläutern und den Menschen eine Wahrheit besser 
zu Gemüte zu führen, sie ihnen eindringlicher zu machen, 
als es mit blossen Worten hätte geschehen können; und 
wenn das einem Papste komödienhaft erscheint, so geruhe 
sich Seine Heiligkeit zu erinnern, dass ein Komödiant wohl 
einen Pfarrer lehren könnte. 

Als der letzte König der Vandalen, Gelimer, in Afrika 
von Belisar geschlagen und in eine Bergfeste eingeschlossen 



— :u)2 — 

worden war, wies er wiederholte Aufforderungen sich zu 
ergeben zurück und erbat in seiner höchsten Not nichts 
weiter als ein Brod, um wieder einmal zu wissen, wie dies 
schmecke; einen Schwamm, um sein thränendes Auge zu 
trocknen, und eine Harfe, um sein Unglück zu singen. 
Die Form dieser Bitte hat etwas Rührendes, aber sie ist 
offen ausgesprochen und lässt, falls Gelimer den Zweck der 
gewünschten drei Gegenstände selbst so ausfiihrHch ange- 
geben hat, nichts zu supplieren übrig. Dagegen stelle man 
sich einmal vor, die Feinde hätten dem Gelimer ungebeten 
ein Brod, einen Schwamm und eine Harfe geschickt, und 
er selbst hätte den Sinn der Sendung erraten sollen. Das 
wäre Bildersprache gewesen, kurze, prägnante, konzentrierte 
Bildersprache, wie sie die Scythen sprachen. Als Darius I. 
um 513 in das Land der Scythen eingefallen war, forderte 
er den feindlichen Feldherrn auf, ihm zum Zeichen der 
Unterwerfung Erde und Wasser darzubringen. Heutzutage 
hätte er vielleicht Brod und Salz, die bekannten Symbole 
der russischen Gastfi"eundschaft , gefordert. Genug, der 
Scythe antwortete, Darius solle sehen, was er Schönes be- 
kommen werde. Wirklich, als das persische Heer aus 
Mangel an Lebensmitteln nicht mehr weitermarschieren 
konnte, kam ein scythischer Herold an und überbrachte 
dem Darius eitien Vogel, eine Maus, einen Frosch und ßnf 
Pfeile. Zu bestellen war nichts dabei. Darius triumphierte, 
er legte sich die Botschaft in dem Sinne aus, dass man 
sich unterwerfen wolle : denn die Maus lebe von Feld- 
firüchten wie der Mensch; der Frosch sei ein Geschöpf des 
Wassers; der Vogel gleiche dem Pferde; und die Pfeile 
seien die Stärke der Feinde, die sie ihm hiermit übergäben. 
Gobryas, ein edler Perser, löste das Rätsel. Nach seiner 
Meinung hiess das: Wenn ihr nicht in die Luft auffliegt, 
Perser, wie die Vögel; oder euch in die Erde verkriecht, wie 
Mäuse; oder mit den Fröschen in die Seen springt — werdet ihr 
nicht in euer Land zurückkehren, getroffen von diesen Pfeüenl 
— Darius fühlte sich in der That bewogen, umzukehren. 



— 303 — 

Hei, welch ein kurzes, bündiges Telegramm! Das nur vier 
Kemworte enthält und die Ergänzung dem Verstände des 
Adressaten überlässt! Und wie steigert gerade diese Kürze 
die Energie des Ausdrucks! — 

Im Gegenteil, wer in diesem Stile zu reden vermag, 
der ist ein grosser Redner; mit solchen Argumenten wird 
mehr durchgesetzt als mit rührenden Vorstellungen. 

Ein gewöhnlicher Prediger macht seinem Beichtkind 
die Hölle heiss; der heilige Bernhard zündete seinem Vater 
Tesselin gleich den Schlosshof an, um ihm die Hölle an- 
schaulich zu machen, in der er brennen werde, wenn er 
die Eitelkeit der Welt nicht verlassen wolle! — War es 
zu verwundem, wenn der General Tesselin alles im Stiche 
Hess, seinem Sohne nach Clairvaux folgte und von ihm 
unter die Ordensnovizen aufgenommen werden konnte? — 

Zwei ähnliche Anekdoten fallen mir ein, die mit der 
Botschaft der Scythen verglichen werden können, die eine 
aus der neueren Zeit, die andere aus dem grauen Altertum. 
Das eine Mal handelt es sich um Individuen, die man los 
sein will, das andere Mal um Individuen, gegen die man 
das Gastrecht nicht verletzen soll; beidemale müssen Tiere 
herhalten, um die Beweisführung zu unterstützen. Bekannt- 
lich bestand in England bis vor kurzem das System der 
Deportation. Das nur auf sich bedachte Mutterland er- 
sparte den Bau von Zuchthäusern und Gefängnissen, wenn 
es seine Verbrecher nach überseeischen Provinzen, nament- 
lich nach Nordamerika, brachte. Dieses System stiess bei 
den freien Einwanderern auf erbitterten Widerstand, weil die 
Deportierten in jenen weiten, menschenleeren Gegenden 
schwer zu überwachen und ein gefährliches Bevölkerungs- 
element waren. Der treffliche Franklin gab diesem Wider- 
stände einen schlagenden Ausdruck. Als eben wieder eine 
Flotte Sträflinge angekommen war, schickte er dem eng- 
lischen Minister einen Knäuel Klapperschlangen. Für den 
königlichen Garten! — Die Verbrecher wurden indessen 
erst seit der Parlamentsakte von 1784 nicht mehr nach 



— 304 — 

Nordamerika, sondern nach Vandiemensland und Neusüd- 
ti'ales deportiert 

Das Pendant zu diesen Klapperschlangen bilden Sper- 
linge, die ähnlich wie die Schwalben seit alter Zeit mit 
einer Art Verehrung betrachtet werden. Die Einwohner 
der kleinasiatischen Stadt Cyme waren wiederholt durch 
ein Oreikel aufgefordert worden, den Persem einen gewissen 
Pactyes auszuliefern, der in Cyme Schutz gesucht hatte. 
Ein angesehener Bürger Aristodicus wollte dem Apollo 
beweisen, wie unrecht es sei, einen Flüchtling zu verraten. 
Er jagte alle Sperlinge aus dem Tempel, die daselbst niste- 
ten. Der Grott stellte ihn ob dieses Frevels zur Rede; 
tcie, sagte Aristodicus, Du, o Herr, hilfst den Bittenden, und 
wir soUen einen armen Menschen herausgehen, der uns um unseren 
Schutz angefleht hat? — Der Sperling hat ein Haus gefunden, 
nämlich Deine Altäre, Herr Zebaoth, heisst es schon in den 
Psalmen. 

Ludwig XIL, le Pere du peuple, zog 15 lo in das mein- 
eidige Genua, auf seinem Panier war eine Bienenkönigin 
mit der Umschrift: Notre Boi n'a point d'aiguiüon; dies machte 
Papst Urban VIII., ein Barberini, nach, indem er, dessen 
Wappen die Bienen waren, auf den- anzüglichen Hexameter 
eines Franzosen: 

Gallis mella dabunt, Hispanis spicula figent 

antwortete : 

Cunctis meUa dabunt, nulli sua spicula figent; 
Spicula rex etenim figere nescit apum — 

wobei zu bemerken wäre, dass die Bienenkönigin doch einen 
Stachel hat, ihn allerdings gegen Arbeitsbienen und gegen 
den Menschen nicht, wohl aber gegen andere Königinnen 
gebraucht. 

Immer wieder haben wir wie in der Fabel die Tiere 
sprechen lassen; aber in ihrem Streben nach Anschaulich- 
keit und durch die Verhältnisse gezwungen, verfallen die 
Leute oft auf die abenteuerlichsten Metaphern. Wozu haben 
Sie diese Fahnen da stecken, Herr Oheramtsarzt? Und wozu haben 



— 305 — 

sie die Farben Bot, Gelb und Schwarz? — Also ward Justinus 
Kemer , wie der Sohn des Dichters erzählt , von seinen 
Gästen in Weinsberg interpelliert, unter denen auch Uhland 
war. Jtty das hat eine eigene Bedeutung, sagte der originelle 
Arzt. Sie tvissen, ich habe immer viel Besuch, und da kann ich 
nicht immer zu meinen Kranken aufs Land fahren, deshalb gebe 
ich ihne7i vom Turme au^ ein Zeichen, was sie zu thun haben. 
Stecke ich eine rote Fahne heraus, so heisst es: es herrscht ein 
entzündlicher Zustand, man muss Ader lassen! Eine gelbe bedeutet: 
es ist galliger Zustand, laxiert! Eine schwarze: keine Medizin hilft 
mehr was; geht zum Pfarrer! Stecke ich aber eine schwarz-rot- 
goldne aus, da heisst es: Batbern, ihr habt die Freiheit! Ihr dürft 
thun, was ihr wollt! — Uhland lachte herzlich über diese Er- 
klärung. Buko von Lüneburg, ein Pädagog des vorigen 
Jahrhunderts, bezeichnete die konkreten Begriffe mit einem 
gestiefelten, die abstrakten Begriffe mit einem blossen Fusse; 
und der polnische Edelmann Roskowski scheint an dieser 
konkreten Ausdrucksweise Gefallen gefunden zu haben. Im 
Jahre 1768 war Westpreussen noch polnisch, und die natio- 
nale Partei des polnischen Adels verfolgte im Bunde mit 
den Jesuiten die Deutschen und die Protestanten leiden- 
schaftlich. Damals zog denn besagter Roskowski einen 
roten und einen schwarzen Stiefel an, der eine sollte Feuer, 
der andere Tod bedeuten — so ritt er brandschatzend von 
einem Orte zum anderen und Hess endlich in dem Städtchen 
Jastrow dem Pastor Willich Hände, Füsse und Kopf ab- 
hauen. Mich dünkt, ich höre die Jastrower Kinder schreien: 
der rote und der schwarze Stiefel kommt! — Aber man sieht, 
dass die Sprache, die vielbeschäftigte Malerin, wenn es gilt 
zu charakterisieren, selbst die Stiefel nicht verschmäht. Sie 
nimmt, was ihr gerade in die Hand kommt, sie kann alles 
brauchen. Das Geld liegt auf der Strasse, sagt der Kauf- 
mann, man muss es nur aufheben. Auch das Bild liegt 
auf der Strasse. 

Geistesgegenwart! Es kursiert eine hübsche Geschichte 
aus dem Orient, die ich (mit allem Vorbehalt) auf historische 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. 20 



— 306 — 

Personen zurückzuführen versuchen will. In Ahmednagar, der 
Hauptstadt des Grossmogids, gub es im XVII. Jahrhundert 
eine Akademie, die schweigende zubenannt. Die Mitglieder 
derselben dachten viel, schrieben wenig, sprachen noch 
weniger. In diese Akademie wollte Aureng-Zeyb, der Sohn 
des Grossmoguls, der seine weitgehenden Pläne durch die 
Pflege religiöser Übungen und durch anscheinende Zurück- 
haltung zu verbergen suchte, aufgenommen werden. Aber 
die Schweigende Akademie durfte nur hundert Mitglieder 
zählen, und diese Zahl war gerade voll. Um daher dem 
Prinzen sein Bedauern auszudrücken, nahm Melik-Saleh, 
sein Lehrer, ein Glas und füllte es bis an den Rand mit 
Wasser. Aureng-Zeyb wollte sich zurückziehen, als er zu 
seinen Füssen ein Rosenblatt bemerkte; er hob es auf und 
legte es behutsam auf die Wasserfläche, die dadurch kaum 
die leiseste Erschütterung erlitt. Er ward einstimmig ge- 
wählt. 

Die Aufnahme war schön, und schön waren auch die 
Komplimente, welche folgten. Aureng-Zeyb sollte sich be- 
danken; er schrieb die Zahl Hundert an die schivarze Tafel 

und eine Null davor: 

oioo; 

das sollte ausdrücken, dass die Akademie darum nicht mehr, 
nicht weniger wert sein werde. Augenblicklich antwortete 
Melik-Saleh damit, dass er die Null anhing: 

looo; 

das hiess, die Akademie werde nun zehnmal so viel wert 
sein. Es ist bekannt, dass Aureng-Zeyb, der 1707 zu Ahmed- 
nagar starb, ein extravaganter Kopf, selbst mehrere Aka- 
demien gründete und viele Gelehrte an seinen Hof zog. 



— 307 — 

III. Die Bilder werden gewählt, um die Wahrheit nicht 

gerade herauszusagen. 

Die Bildersprache ist ebenso undeutlich wie deutlich — es gibt Dinge, die man 
nicht gern mit Worten sagt — die Engländerin und die Türkin, beide geben 
den Grund, warum sie sich von ihrem Manne scheiden lassen wollen, bildlich an 
— der Schuh ein Symbol der weiblichen Scham — die schamhaften Frauen 
sprechen überhaupt von geschlechtlichen Dingen nicht gern direkt — die Männer 
bedienen sich der Bilder aus Furcht oder aus Vorsicht — Thrasybulus, der 
Ähren, Tarquinius Superbas, der Mohnköpfe abhaut — Commodus tritt mit 
einem Straussenkopfe in der Hand unter die Senatoren — die Bildersprache be- 
sonders für Schimpf und Spott geeignet — die Belagerung von Kufstein — das 
Hundetragen — anzügliche Zusendungen: Hunde, Federbälle, Plätteisen, Kasjta- 
nien, Hirsekörner, Wassermelonen — zu den anzüglichen und bedeutsamen Sen- 
dungen gehören auch die Blumen und die frankierten Briefe — der Selam der 
Türken — die goldne Rose, die Lutherrose, die geheime Gesellschaft der Rosen- 
kreuzer — die Art, die Freimarken aufzukleben — das Häckselstreuen und der 
Strohkranz, Andeutungen, dass das Mädchen ein Kind bekommen habe — der 
Messerschmied und der Advokat, Typen für die Bildersprache des Volkes. 

Die Bildersprache ist die deutlichste unter allen, sobald 
sie verstanden wird. Ja, sobald sie verstanden wird! Und 
wer kann sagen , dass er richtig verstanden hat? Das 
scheint ein Widerspruch zu sein, und doch ist es so. Wer 
in Bildern spricht, hat immer den Vorteil, dass er an den 
Verstand des anderen appelliert und eventuell diesen Ver- 
stand in Zweifel ziehen kann. Ein oft benutzter Vorteil! 
— Spürt man den Motiven nach, welche die Menschen 
veranlassen, sich einer so seltsamen Ausdrucksweise zu be- 
dienen, so entdeckt man nicht immer die Absicht, deutlich 
zu sein. Häufig genug gerade die entgegengesetzte: nicht 
deutlich zu sein, die Wahrheit nicht unumwunden, für jeder- 
mann verständlich herauszusagen und sich nicht zu kompro- 
mittieren. Es gibt Dinge, die man nicht gern mit Worten 
sagt, und wir sind gelegentlich in dem Falle jener Englän- 
derin, die auf Scheidung klagte, den Scheidungsgrund nicht 
angeben, aber aufschreiben wollte und keine Tinte in der 
Feder hatte. 

Oder in dem Falle der Türkin, die gleichfalls von ihrem 
Manne geschieden werden will, weil sie derselbe auf un- 

20* 



- 308 — 

natürliche Weise braucht, auf die Frage des Kadi's aber: 
weshalb sie denn geschieden werden wolle, wiederum nichts 
antwortet, sondern ihren Schuh auszieht und denselben dem 
Kadi verkehrt hinhält. Ich weiss nicht, ob die Tochter des 
Megukles ihrer Mutter gegenüber dcisselbe Bild gebraucht 
hat, als sie sich über eine gleiche Behandlung von Seiten 
des Pisistratus beklagte; jedenfalls ist diese Symbolik, die 
der österreichische Diplomat Augier Ghislain de Busbecq 
bekannt gemacht hat,*) da sich der Fstll bei den eigentum- 
lichen Neigungen der türkischen Männer häufig wiederholt, 
in der Türkei hergebracht wie die Ausschuhung des ehe- 
scheuen Schwagers durch die verwitwete Schwägerin, die 
sogenannte Chaliza, die wir auf Seite 270 erwähnten, bei 
den Juden; und gründet sich auf die weitverbreitete An- 
schauung, nach welcher der Schuh der weiblichen Scham 
entspricht: der Fuss passt in den Pantoffel, wie das männ- 
liche Glied in die Mutterscheide. Daher sagen die moder- 
nen Araber, wenn sie eine Frau Verstössen, nach Johann 
Ludwig Burckhardt (Notes on the Bedouins and Wahäbys I, 113): 
Sie war mein Pantoffel; ich hohe ihn weggeworfen — und man 
erinnere sich an die Antwort, die einst ein Römer seinen 
Freunden gab, als er sich von einem schönen, verständigen 
und fruchtbaren Weibe hatte scheiden lassen: er streckte 
seinen Fuss vor und zeigte ihnen seinen Schuh, einen tadel- 
losen Calceus — ist dieser Schuh nicht elegant? Nicht neu und gut- 
gemacht? Und doch weiss keiner von ev^h, an welcher Stelle er mich 

drückt (Plutarch, Leben des L. Aemilius Paulus Macedonicus, Kapitel V). 

Überhaupt ist dem Menschen alles Geschlechtliche, so 
sehr sich auch seine Gedanken deirum drehen, um mich 

*) Divortia fiunt inter Turcas pluribus de caussis, quas viris commini*:» 
facile est. Dimissae redditur dos, nisi probrum aliquod dissrdio caussam dedit 
Mulieres a^jius a viris divortunt. In caussis, quibus id eis permissum, hac con- 
tinentur : . . , item si praeter naturae praescriptum (quod nefas Turcis familiäre) 
eis abuti conentur. Tunc ad iudicem profectae se non posse diutius apud man- 
tum manere testantur: iudice caussam quaerente, nihil respondent, sed exutum 
pede calceum invertun t. Id iudici abominandaeVeneris indicium est (Z^/ö- 
tionis Turcicae Epistola III, Seite 184. Amsterdam x66o, Druck von Elzevicr). 



— 309 — 

eines preussischen Ausdrucks zu bedienen, äscherig — nur 
wenige Männer bringen es fertig, vernünftig davon zu reden, 
in der Regel thun sie es mit einem lüsternen Lächeln, das 
ebenso verdächtig wie kindisch ist, als ob sie vom Baum 
der Erkenntnis wohl gegessen hätten, aber das doch nicht 
verraten dürften — die sittsamen Frauen vollends scheinen 
die unzüchtigen Worte mehr als die Unzucht selbst zu 
perhorrescieren , sie glauben, die Feigenblätter seien vor 
allem für den Mund gewachsen, sie lieben herzlich, aber 
scheinen unwissend, was Liebe ist, imd wenn sie ihr Jawort 
geben sollen, so flüchten sie in die Bilder. Eine Indianerin 
von Neu-Mexiko verlobt sich, indem sie dem Erwählten eine 
Schüssel Maisfladen stumm in die Hütte setzt; eine Deutsche 
macht's ebenso, nur dass sie Weizenmehl nimmt und Rosen 
darum herumsteckt. Die prüde Engländerin würde sich 
scheuen, zu den Brautleuten nach den Worten der Schrift 
zu sagen: Seid fruchtbar und mehret euch! — aber Reis wirft 
sie nach der Trauung, dass es eine Art hat, von den Pake- 
ten Reis, welche die Theehändler in der Nähe der Kirchen 
feilhalten, verbraucht sie wenigstens ein paar (Seite 27). 

Die Männer, die von Natur weniger zimperlich sind, 
flüchten voreinander aus Furcht oder wenigstens aus Vor- 
sicht in die Bilder. Sie wagen es nicht, ihre Pläne, ihre 
verbrecherischen Absichten vor Uneingeweihten zu beken- 
nen, sie furchten Verrat von Dritten, und deshalb gehen 
sie in Gegenwart der letzteren mit der Sprache nicht heraus, 
sondern hüllen sich in undurchdringliche Symbole, in Rätsel, 
die nur der Wissende errät. Periander, Tyrann von Korinth, 
war einer der Sieben Weisen. Er schickte, wenn wir dem 
Herodot glauben wollen, einen Boten an den Tyrannen von 
Milet, den befreundeten Thrasybulus. Der sollte ihm sagen, 
mit welchen Mitteln er seinen Thron am besten befestigen 
könnte. Thrasybulus machte mit dem Boten einen Spazier- 
gang vor die Stadt. Sie kamen an ein Getreidefeld; hier 
Hess er sich von dem Boten den Grund seiner Sendung 
noch einmal auseinandersetzen und schlug daboi i.nmer die 



— 310 — 

r 

hervorragenden Ähren ab. Darauf entliess er ihn, ohne 
ein Wort hinzuzufügen. Als der Bote wieder in Korinth 
ankam und Periander wissen wollte, was Thrasybulus Kluges 
geraten habe, sagte der Bote, Thrasybulus sei ein Narr. 
Das und das habe er gethan. Periander verstand die Mei- 
nung, die dahin ging, dass er die einflussreichsten Bürger 
aus dem Wege räumen sollte, und handelte danach. Und 
dadurch ward, er angeblich im Grunde verändert. 

Ganz so machte es ein Jahrhundert später Tarquinius 
Superbus, der letzte König von Rom. Er war in Krieg 
mit der Stadt Gabii. Unfähig, den Platz mit Waffengewalt 
zu nehmen, brauchte er eine List. Sein Sohn Sextus 
musste so thun, als werde er von seinem Vater schlecht 
behandelt, und mit Striemen bedeckt nach Gabii entweichen. 
Die Einwohner ernannten ihn zu ihrem Oberbefehlshaber 
und schenkten ihm volles Vertrauen. Nun schickte Sextus 
einen Boten zu seinem Vater und liess anfragen, wie er 
ihm die Stadt in die Hände liefern sollte. Der König ging 
eben in seinem Garten auf und ab, und da er niemand, 
auch dem Boten nicht traute, gab er keine Antwort, son- 
dern begnügte sich, von den längsten und schönsten Mohn- 
stengeln mit seinem Stocke die Köpfe abzuhauen. Sextus 
verstand: die leitenden Persönlichkeiten wurden zum 
Tode verurteilt oder verbannt, und dann hatte er leich- 
tes Spiel. 

Selbst wenn der Tyrann die Macht hat, jemand zu 
töten, so fehlt ihm doch wohl der Mut, ihm das ins Gesicht 
zu sagen. Der feige Commodus, der soviel Schmach auf 
den Senat gehäuft hat, drohte ihm doch nur bildlich. Er 
trat einst während der Spiele, den abgehauenen Kopf eines 
Strausses in der einen, das blosse Schwert in der anderen 
Hand, unter die zuschauenden Väter und wackelte bedeut- 
sam mit dem Kopfe. Die Pantomime soll so possierlich 
gewesen sein, dass die Senatoren Lorbeerblätter kauten, 
um nicht herauszuplatzen. 

Diese eigentümliche Kombination von Deutlichkeit auf 



— 311 — 

der einen, Undeutlichkeit auf der anderen Seite macht die 
Bildersprache besonders für Schimpf und Spott geeignet. 

Als Kaiser Maximilian im Jahre 1504 Kufstein belagerte, 
Hess der pfalzbayerische Festungskommandant Hans Pinze- 
nauer diejenigen Stellen der Mauern, welche eine Stück- 
kugel getroffen hatte, jedesmal mit einem Fuchsschwanz 
abkehren. Welch ein Hohn! Der aufgebrachte Kaiser 
schwur, dass von der Besatzung nicht ein Mann am Leben 
bleiben solle. 

Vor kurzem las man, dass der Kawass Mohammed, 
der Mörder des österreichischen Konsuls Martin Hansal in 
Chartum, auch Hansais Hund getötet und neben die Leiche 
gelegt habe, sagend, anstatt eines Engels sei ein Hund 
gekommen, ihn zu holen; und ebenso sah man während 
des französisch -mexikanischen Kriegs am 5. Mai 1862 bei 
Puebla, wo die Franzosen durch den mexikanischen General 
Zaragoza geschlagen worden waren, die Leiche eines fran- 
zösischen Offiziers an einem Baume und über ihm seinen 
toten Hund hängen. Aber schon im Mittelalter musste der 
Landfnedensbrecher , bevor das Todesurteil an ihm voll- 
streckt wurde, einen Hund aus einem Gau in den anderen 
tragen, um anzuzeigen, dass er wert sei, gleich einem Hund 
erschlagen und aufgehängt, an der Seite eines Hundes auf- 
gehängt zu werden. 

König Christian, wie Alphonse Daudet Franz IL, den 
Exkönig beider Sizilien nennt, schickte seinen Mätressen, 
wenn er sie satt hatte, einen Affen; König Heinrich L, stark 
genug, den Ungarn den Tribut zu verweigern, Hess im 
Jahre 933 den ungarischen Gesandten einen verstümmelten 
räudigen Hund überreichen. Die Geschichte kennt eine 
Menge ähnlicher, mehr oder weniger anzüglicher Ge- 
schenke. König Heinrich V. bringen, wie männiglich aus 
Shakespeares gleichnamigem Drama (I, 2) bekannt, die fran- 
zösischen Gesandten vom Dauphin eine Tonne Federbälle. 
Die Semiramis des Nordens, Margareta, erhält von dem 
schwedischen König Albrecht ein Plätteisen und einen 



— 312 — 

Schleifstein für Nähnadeln zugeschickt. Im Jahre 1016 er- 
oberten die Sarazenen die italienische Stadt Luni, verjagten 
den Bischof und verheerten das Land. Papst Benedict VIII. 
stellte sich an die Spitze einer Armee, griff die Ungläubigen 
an und Hess sie bis auf den letzten Mann niedermetzeln. 
Ihr König rettete sich, die Königin wurde gefangen ge- 
nommen und enthauptet. Erbittert sandte der König der 
Sarazenen dem Statthalter Christi einen Sack voll Kastanien 
und liess ihm sagen, er werde das nächste Jahr mit ebenso 
viel Soldaten wiederkommen. Der Papst bediente ihn mit 
gleicher Münze und schickte ihm ein Säckchen voll Hirse- 
kömer. Der Sarazene liess sichs gesagt sein und blieb 
hübsch zu Hause. 

Der obenerwähnte Busbecq erzählt an einer anderen 
Stelle, der Premierminister Rustan des Padischah Soliman 
habe ihm, mit dem Bedeuten, dass demnächst bei Budapest 
hart gekämpft werden würde, wenn Busbecq nicht auf die 
Friedensbedingungen eingehe , gleichsam zur Abkühlung 
für seine heisse Kampfbegier eine riesige Wassermelone 
geschickt. Zu Pest und Belgrad gebe es noch mehr und 
noch schönere solcher Früchte. "Worauf der Gesandte nebst 
höflichem Danke sagen liess: und in Wien gebe es deren 
auch. 

Jener Fürst, dem ein Rezensent eine Kritik Virgils 
überreicht hatte, liess einen Scheffel Weizen bringen, das 
Getreide worfeln und dem Rezensenten die Spreu geben; 
und diese dem Landleben entnommene Symbolik mag uns 
daran erinnern, dass bis auf den heutigen Tag gefallenen 
Mädchen am Hochzeitstage Häckerling vor die Thür ge- 
streut wird: 

Das Kränzel reissen die Buben ihr 

Und Häckerling streuen wir vor die Thür, 

sagt Lieschen im Faust, in der Szene am Brunnen. Häcker- 
ling oder Häcksel ist kleingeschnittenes Stroh und das 
letztere dcis Wesentliche: in Bayern wird die Gefallene ins 
Haberfeld getrieben, in Ostpreussen bekommt sie einen 



— 313 — 

Strohkranz. Man schilt sie Strohwitwe, weil sie einen Mann 
und doch keinen Mann hat, daher man auch einen verhei- 
rateten Mann, dessen Frau verreist ist, als einen Strohuntwer 
bezeichnet. Mit dem Stroh ist das Bettstroh und nicht ein 
besonders ärmliches Bett, wie der Strohsack, auf den man 
Sterbende zum Zeichen der Demut legt, sondern überhaupt 
das Bett gemeint, in das die Kindbetterin kommt. Aufs 
Stroh kommen heisst soviel wie: ein Kind bekommen. Das 
Häckselstreuen gibt häufig zu Prozessen Veranlassung; noch 
in den letzten Jahren erregte eine Frau in Ottendorf bei 
einer Hochzeit grosses Ärgernis, indem sie auf den Weg 
zum Altar Häckerling und Papierschnitzel gestreut hatte, 
und ein analoger Fall ereignete sich vor kurzem in Hohen- 
dodeleben. Übrigens hat es an vielen Orten seinen ur- 
sprünglichen Sinn verloren und dient nur noch als allge- 
meines Zeichen der Verachtung, aber immer gegen Frauen, 
während die Franzosen bekanntlich auch den unordentlichen 
Lebenswandel eines Mannes mit dem Stroh charakterisieren 
(Paülard, Paillardise), 

Doch kommen wir zum Schlüsse. Die wächserne Nase 
des Rechts auszudrücken, malte man wohl vor Zeiten einen 
armen Messerschmied, der aus krummen Sicheln gerade 
Messer machte: 

Das Krumme wollt ich gern machen schlecht 
Und blieb daher ein armer Knecht; 

ein in Scharlach gekleideter Mann gegenüber, ein eigent- 
licher Krummacher oder Rechtsverdreher, macht aus ge- 
raden Messern krumme Sicheln: 

Das Recht kann ich krumm maken. 
Und trage deswegen Rotscharlaken. 

Es ist sonderbar, dass man das Volk mit seiner Bilder- 
sprache auf der einen Seite dem armen Messerschmied, auf 
der anderen Seite dem Advokaten Krummacher verglei- 
chen kann. 

Diese Bildersprache ist einerseits naiv, unumwunden, 



— 314 — 

direkt aufs Ziel losgehend; das Gegenteil krummer Rede, 
die sie, gleich dem armen Messerschmied, schlecht, will 
sagen schlicht, oder gerade machen will. Cervantes sagt 
von den Mauren, sie hätten eine besondere Art Verstand: 
man könne sie durch keine Grründe von ihren Irrtiimem 
überzeugen, man müsse ihnen handgreifliche Beispiele mit 
mathematischen Beweisen geben, und wenn sie das Ding 
in Worten nicht begreifen, so müsse man es ihnen mit den 
Händen zeigen und vor die Augen stellen. Cervantes irrt, 
diese Art Verstand haben nicht bloss die Mauren, sondern 
alle Menschen, und der beste Beweis ist, dass Lotario, dem 
Cervantes die Beobachtung in den Mund legt, sich eben 
selbst genötigt sieht, Anselmo gegenüber von besagter 
Methode Gebrauch zu machen. Der gerade Weg ist der 
beste und auch der kürzeste. 

Die Bildersprache ist anderseits ein Ausweg eines 
Mannes, der mit der Sprache nicht herauswill, ein vorsich- 
tiges Umgehen, eine kluggewählte Maske; das Gegenteil 
gerader Rede, die sie, gleich dem Mann im Scharlachkleide, 
krumm macht. Sie hat etwas Zweideutiges, sie weiss es 
so einzurichten, dass sie den Kopf aus der Schlinge ziehen 
und sie niemand ertappen kann. Ein alter Herzog von 
Braunschweig, der seine Schulden nie bezahlte, zankte zum 
Schein mit dem Rentmeister, so oft der Gläubiger mahnte, 
schlug aber den Daumen ein, was der Rentmeister wohl 
verstand. So oft nämlich der alte Herr eine Bitte gewähren 
wollte, hielt er dem Kanzler die Hand entgegen und reckte 
nur den Daumen in die Höhe; sollte aber dem Bittsteller 
nicht geholfen werden, so schloss er den Daumen in die 
Hand. Ebenso machte er es auch mit dem Rentmeister. 
Dahinter kam denn nachgerade auch der verzweifelte 
Bankier und da er sah, wie der Herzog bei allem schein- 
baren Lärm den Daumen nicht ausreckte, rief er überlaut: 
Dat Dumken ruti 0, gnädiger Herr, das Däumchen heraus! So 
möchte man dem schauspielernden Volk unzählige Male zu- 
rufen: Das Däumchen heraus! Keine Faxen! Sagts offen, was Ihr 



— 315 — 

wollt/ Das Recht könnt Ihr krumm maken und tragt deswegen Rot" 
Schariaken! Aber wenn nun der Herzog von Braunschweig ver- 
wundert aufblickte und sagte: Ihr seid ein Narr! Ihr phantasiert! 
Alle Sprache ist eben dem Menschen so gut gegeben, 
um seine Gedanken zu verbergen, als um sie mitzuteilen. 

Anhang. Die Blnmenspraehe. Die Briefinarkengpraehe. 

Zu den anzüglichen und bedeutsamen Sendungen, auf 
welche die Menschen so gern verfallen, wenn ihnen die 
gewöhnliche Sprache nicht am Platze scheint, gehören noch 
zwei, die allgemein gemacht zu werden pflegen und die 
deshalb zu sogenannten Sprachen ausgebildet worden sind: 
die Blumen und die frankierten Briefe. 

Um die letzteren vorauszunehmen, so dürfte es aller- 
dings befremden, wie ein Schriftstück, das doch eine ganz 
normale, in der Landessprache abgefasste Mitteilung ent- 
hält, zugleich in seinem Aussem der Sprache ohne Worte und 
zwar einer absichtlichen und bewussten Sprache ohne Worte 
dienen solle. Freilich ist es nicht völlig gleichgültig, ob 
ich zu meinem Briefe grobes oder feines Papier, einen 
Bogen in Quart- oder in Oktavformat, schwarze oder blaue 
Tinte nehme, ich drücke eine höhere oder geringere Ach- 
tung damit aus; doch erschiene es uns kleinlich, hierauf 
näher einzugehen, abgesehen davon, dass nichts Bildliches 
in jenem Ausdruck läge. Nein, wir denken hier an die so- 
genannte Briefmarkensprache j die ihren Ursprung einer Art 
Spielerei der Damenwelt verdankt und durch die ein Brief 
in der That für den Empfänger zu einer Botschaft wird, 
noch ehe er ihn aufmacht. Vorschriftsmässig soll die Frei- 
marke auf dem Kouvert in die Ecke rechts oben geklebt 
werden; da aber diese Vorschrift nicht streng ist, so wählt 
der Absender auch andere Stellen und ausserdem hat er 
die Freiheit, die Marke aufrecht oder schräg oder verkehrt 
oder der Quere aufzukleben. Daraus ergeben sich folgende 
Kombinationen und folgende Bedeutungen, die ich nach 
den Mitteilungen einer jungen Berlinerin zu Papier bringe. 



— 316 — 
Rechts oben 

aufrecht: Ich wünsche Deine Freundschaft! 
quer: Liebst Du mich? 
verkehrt: Schreibe nicht mehr! 
schräg: Schreibe sofort! 

Rechts unten 

aufrecht: Deine Liebe macht mich glücklich! 

Links oben 

aufrecht: Ich liebe Dich! 

quer: Mein Herz gehört- einem Andern! 

verkehrt: Grüss Dich Gott, Liebchen! 

Links unten 

aufrecht: Treue findet ihren Lohn! 

quer: Lass mich allein in meinem Schmerz! 

verkehrt: Du hast Dich durch Prüfungen bewährt! 

In einer Linie mit dem Familiennamen 

aufrecht: Nimm meine Liebe an! 
quer: Ich sehne mich Dich zu sehen! 
verkehrt: Ich bin vergeben! 

Die Blumensprache gilt für eine Erfindung des 
sinnigen Orients, wo sie Selam, das ist Gruss, eigentlich 
Friedensgruss , genannt und vorzugsweise in den Harems 
gepflegt wird. Zwar scheint sie das ganze Osmanische 
Reich zu lieben, sintemal die Türkei selbst eine Wappen- 
blume hat — den Weissen Mohn; aber den rechten Sdam 
versteht doch nur die Sklavin Rosenduft oder die Sonne des 
Ostens, die Favoritin des Padischah. Man ahnt den Sinn 
der Bezeichnung Selam sofort, wenn man daran denkt, dass 
ein Blumenstrauss ja auch bei uns eine stehende Huldigung 
und ein obligater Willkomm ist und dass dem Ankömmling, 
dem Gast, der heimkehrenden Hausfrau fast regelmässig 
zum Grusse Blumen auf den Tisch gestellt, Guirlanden 
aufgehängt, Bouquets überreicht zu werden pflegen. Wer 



— 317 — 

hätte eine Freundin und brächte ihr nicht zum Geburtstag, 
zum Jahreswechsel, zu einem Balle, einem Konzerte ein 
paar Rosen? — Genau so im Orient, nur dass das schöne 
Geschlecht in der Einsamkeit des Harems noch mehr über 
die Rosen nachdenkt als bei uns, weil kein Liebesbrief 
dabei liegt und kein Besuch darauffolgt. Eine Blume, auch 
-wohl eine Frucht wird übersandt, und die Adressatin muss 
sich aus dem Namen derselben, gelegentlich auch aus einem 
bekannten Worte, das sich auf diesen Namen reimt, ab- 
nehmen, was der Absender gemeint hat — ob er mit der 
Mose hat sagen wollen: komm und kose! oder mit der Pflaume: 
ich sah dich im Traume! — Bei uns ist es mehr die symbolische 
Bedeutung der einzelnen Blumen selbst, die sie in der Hand 
der Menschen zu oft sehr detaillierten Mitteilungen geeignet 
macht, und aus dieser natürlichen Blumensprache wird sich 
-wohl auch im Orient der künstliche Selam heraus entwickelt 
haben. Dass die Rose die Liehe, das Veilchen die Beschei- 
denheit , der Goldlack Glück, das Heidekraut Einsamkeit , die 
Aster Kummer, die Holunderblüte Krankheit, die Orangen- 
knospe eine Jungfrau, das Moos oder ein dürrer Zweig eine 
alte Person, und ein Nesselblatt die Grafschaft Schaumhurg be- 
deutet, weiss ja jedermann, und es lässt sich denken, wie 
dergleichen Beziehungen allmählich dazu führen, mit ein 
paar Blumen ganze Sätze herauszubringen. Durch Anord- 
nung und Haltung der Blumen werden jene Beziehungen 
noch modifiziert. Zum Beispiel bedeutet der Goldlack ab- 
wärts gekehrt nicht Glück, sondern Unglück, eine Nelke rechts 
geneigt heisst Ich, links geneigt Du u. s. w. 

Die Blumensprache könnte allein ein ganzes Buch aus- 
füllen und eins der interessantesten; uns muss es hier ge- 
nügen, ihrer nur gedacht und sie als eine Hauptform der 
Sprache mit Absicht der Mitteilung aber ohne Gedankenaustausch 
erwähnt zu haben. Auch dcis Christentum bedient sich 
dieser Form — die Kirche hat nicht nur die Segensformel 
des Selam, sondern auch den Selam in Blumen adoptiert. 

Wen der Papst ehren will, dem schenkt er am Sonntag 



— 318 — 

Lätare eine goldene Rose. Es ist dies ein goldener blühen* 
der Rosenzweig, der in einem silbernen Topfe auf einem drei- 
eckigen Untersatze steckt. In der Rose, welche der Zweig 
auf seiner Spitze trägt, befindet sich eine kleine Kapsel voll 
Balsam und Moschus mit einem durchlöchertön Deckelchen 
verschlossen — utinam divinus odor in sensus penetreL Friedrich 
der Weise erhielt 1 5 1 8 eine solche Rose mit der Anrautung, 
Luther und seine Lehre zu unterdrücken. Demselben Luther 
liess Herzog Johann Friedrich, der nachherige Kurfürst, 
das Siegel in Stein schneiden und in einen goldenen Ring 
fassen, welches die sogenannte Luther-Bose enthielt, wie er 
sich sie wünschte — das erst sollt ein schwarz Kreuz sein zur 
Erinnerung, dass der Glaube an den Gekreuzigten uns selig mache; 
dieses Kreuz solle mitten in einer weissen Bösen stehn, anzuzeigen, 
dass der Glaube Freude, Trost und Friede gibt; solche Böse stehe 
im himmelfarben Felde, dass solche Freude ein Anfang der himm- 
lischen Freude ist; und um solch Feld einen gülden Bing, dass 
solche Seligkeit im Himmel ewig währet und köstlich Über aüe 
Freude und Güter ist, (Luther an Lazarus Spengler, von der 
Veste Coburg, 8. Juli 1530.) 

Schon im Jahre 1532 findet sich das Rosenkreuz auf 
Titeln lutherischer Predigten nachgebildet, es liegt dem be- 
kannten Vers zu Grunde: 

Des Christen Herz auf Rosen geht, 
Wenn's mitten untenn Kreuze steht. 

Anknüpfend an Luthers Petschaft führte der Theolog 
Jakob Andrea (X VI. Jahrhundert) ein Andreaskreuz zwischen 
vier Rosen im Wappen und mit Anspielung darauf nannte 
sein Enkel Valentin Andrea den Helden seiner mystischen 
Romane und den angeblichen Stifter des geheimen Bundes 
der Bosenkreuzer : Christian Bosenkreuz. 



Fünftes Kapitel. 

Significative 'yy'affen und Kleidungs- 
stücke. 



I. Fächer- und Handschuhsprache. Kleine Mitteilungen auf 

dem Wege der Toilette. 

Ergänzung der Geberdensprache durch Toilettengegenstände — die Spielhahn- 
fedem am Hute der jungen Burschen in Tirol und Oberbayem — die Stock- 
sprache, die Handschuhsprache — was eine schöne Frau mit ihren Handschuhen 
und ihrem Fächer alles sagt — die Akademie, auf welcher junge Damen im 
Gebrauch des Fächers unterrichtet werden — Spanien, das klassische Land der 
Fächersprache — die Kleidungsstücke sind an sich significativ — Frauen ziehen 
sich anders an als Männer, verheiratete Frauen anders als Jungfrauen — erstere 
haben Hauben, die letzteren gehen im Haar — die Schwestern der Brüder- 
gemeinde zeigen ihren Rang durch die Farbe der Haubenbänder an, ebenso die 
Mädchen auf den florentiner Fastenmärkten — in der Bretagne verraten sie ihre 
Mitgift durch die Streifen ihrer Röcke — das Signal der Frau von Soubise: 

ein Paar smaragdene Ohrgehänge. 

Wenn die Blumensprache und die Briefmarkensprache 
gleichsam Dialekte der allgemeinen Bildersprache waren, 
so findet die natürliche Geberdensprache ihre Ergänzung in 
den mimischen Operationen, die mit gewissen Toilettengegen- 
ständen vorgenommen werden und die, konventionell ge- 
regelt und festgestellt, nicht minder zu einer Art von 
Sprache führen können. In Tirol und in den bayrischen 
Hochgebirgen wird dem Birkhahn oder Spielhahn eifrig 
nachgestellt, weil seine Schwanzfedern von den jungen 



— 320 — 

Burschen am Hute getragen werden. Bis auf die neueste 
Zeit galten diese Spielhahnfedem als ein Zeichen der Her- 
ausforderung und Rauflust, jenachdem sie am Hute be- 
festigt waren. Gewöhnlich wurden sie auf der linken Seite 
getragen; nur der Teufel trägt, wenn er als Jäger ercheint, 
einen halben Spielhahnstoss auf der rechten Seite seines 
Hutes. Man könnte also in jenen Gegenden recht wohl 
von einer Federsprache reden. Aber wenn wir nur unsem 
Hut trotzig der Quere setzen — wenn wir nur unsem Stock 
drohend in die Höhe heben — wenn wir nach mittelalter- 
licher Manier den Handschuh als Aufforderung zum Kampf 
hinwerfen: versteht man nicht unsere Meinung? Ist es nicht, 
als ob wir eine Hutsprache hätten, eine Stocksprache und eine 
Handschuhsprache? Wirklich redet man gelegentlich von sol- 
chen Sprachen, und eben die Handschuhsprache der 
eisernen Ritter ist noch unvergessen, aber seither von dem 
schöneren Geschlechte übernommen und ausgebildet worden. 
Eine zarte Dame weiss mit einem Handschuh Ja und Nein 
zu sagen, jenes indem sie ihn fallen lässt, dieses indem sie 
ihn in der rechten Hand dreht — Gleichgültigkeit und 
Beifall, Unzufriedenheit und Zorn drückt sie mit ihren 
Handschuhen aus, jenachdem sie gelangweilt ein wenig an 
dem Handschuh der linken Hand zieht, mit dem Handschuh 
ermutigend auf die linke Schulter schlägt, den Handrücken 
mit dem Handschuh ungeduldig streicht oder beide Hand- 
schuhe blitzenden Auges fortlegt. Namentlich aber ist es 
der Fächer, den sie kunstgerecht spielen lässt, mit dem sie 
oft grösseres Unheil anrichtet, als ein General mit seinem 
Schwerte — wer sich um ihre Gunst bemüht, der hat ihre 
geheimnisvolle Fächersprache gründlich zu erlernen. 

Ein Spassvogel in England schlug vor einigen Jahren 
vor, eine Akademie zu gründen, auf welcher junge Mäd- 
chen im Gebrauch des Fächers unterrichtet werden sollten. 
Die Kommandos lauteten: 

Preparez vos ^ventails! 
Deferlez vos eventails! 



— 321 — 

Dechargez vos ^ventails! 
Mettez bas vos ^ventails! 
Reprenez vos ^ventails! 
Agitez vos 6veiitails! 

Es gehörte ein Semester dazu, wenn es eine in diesen 
sechs Bewegungen zur Perfektion bringen wollte. PrSparer 
Veventaü, das hiess, den Fächer nehmen und geschlossen 
halten, um damit dem einen Schlag auf die Schulter zu 
geben, einem andern damit übers Gesicht zu fahren, hier- 
auf den Knopf zum Munde zu fuhren und den Fächer 
endlich nachlässig zwischen zwei Fingern herunterhängen 
zu lassen. Dif erler Veventaü y das hiess, ihn allmählich öffnen, 
ihn halb offen halten, ihn wieder schliessen und ihn unter 
Wellenbewegungen öffnen. Dicharger Veventaü , das hiess, 
den Fächer plötzlich öffnen und entladen, indem man mit 
den Stäbchen und den Falten ein allgemeines Knattern 
hervorbrachte. Mettre has Veventaü, das hiess, den Fächer 
auf den Kamin oder auf den Tisch legen, wenn gespielt, 
gegessen, das Haar in Ordnung gebracht oder eine lose 
Stecknadel festgesteckt werden sollte. Beprendre Veventaü^ 
das hiess, den Fächer wieder in die Hand nehmen, wenn 
die Partie vorüber oder der Besuch abgemacht war. Ägiter 
Veventaü, das hiess, sich Kühlung damit zufächeln, wenn 
man nichts mehr zu sagen, nichts besseres zu thun wusste, 
wenn man sich langweilte, wenn man in Verlegenheit war. 
Die Führung des Fächers, VagUation de Veventaü, war der 
interessanteste Teil der Lektion. 

Die Arten den Fächer zu führen oder zu fächern waren 
mannigfaltig. Der Professor unterschied eine verdriessliche, 
eine bescheidene, eine furchtsame, eine verlegene, eine, lustige, 
eine verliebte Art; denn die Bewegung des Fächers hing 
ganz von der augenblicklichen Disposition der Inhaberin 
ab. Man konnte von traurigen und munteren Fächern reden; 
es gab düstere und fröhliche, schalkhafte und melancholische 
Fächer, wie es schalkhafte, lustige, heitere, sentimentale, 
melancholische, träumerische Gemüter gab. 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. ^1 



— 322 — 

Das Land, wo die neuentdeckte Sprache wirklich ge- 
sprochen wird, ist Spanien: der englische Professor hätte 

seine Zöglinge gleich nach Spanien schicken können, der 

< 

hohen Schule des Äbanico und Ähanicazo, des Fächers und 
Fächerschlages. Die spanische Fächersprache geht noch 
über die deutsche Handschuhsprache, wir wollen nur einige 
Proben geben. Der geschlossene Fächer an der Fächer- 
schnur am rechten Arm getragen bedeutet: ich suche einen 
Mann; am linken Arm getragen: ich hin verloht; in der 
Tasche behalten: ich brauche keine Liehe. Mit dem Fächer 
leicht in die flache Hand schlagen heisst: ich weiss nicht, oh 
Du der rechte bist; den Fächer zu den Lippen führen: ich 
zweifle an Deiner Aufrichtigkeit. Mit dem Fächer das Haar 
auf der Stirn zurech tstreichen heisst: ich denke an Dich; die 
Malerei des Fächers beschauen: Du gef allst mir sehr. Das 
langsame Schliessen des Fächers gilt gleich einem Jawort; 
das nachlässige Fächeln ist ein Zeichen von Gleichgültig- 
keit; das rasche Hin- und Herfahren mit dem Fächer (dba- 
niqueo) ein Zeichen leidenschaftlicher Liebe; das rasche 
Schliessen des Fächers ein Zeichen von Argivohn und 
Eifersucht. Den Fächer fallen lassen bedeutet, wie oben 
beim Handschuh: ich gehöre Dir an; den Fächer aufs Herz 
legen: ich liehe Dich und leide; das Gesicht teilweise mit dem 
Fächer bedecken: nimm Dich vor meinen Eltern in acht! — 
das Gesicht ganz mit dem Fächer bedecken, was der Fran- 
zose recourir ä son eventail nennt: so etwas will ich nicht höreii. 
Die Stäbe des Fächers zählen heisst: ich möchte Dich sprechen; 
mit dem Fächer mehrmals schnell hintereinander in die 
Handfläche schlagen: ich möchte Dich sobald tote möglich 
sprechen. Dem Geliebten den Fächer reichen heisst: es steht 
Schlimmes bevor; endlich sich am Fenster ohne Fächer zeigen: 
ich gehe heute nicht aus. 

In der That, es ist ein gehöriger Zuschuss, der durch 
die Kombination der Geberden mit Handschuhen, Fächern 
und anderen Toilettegegenständen zur Sprache ohne Worte 
gegeben wird ; doch greifen wir damit strenggenommen auf 



— 323 — 

ein bereits verlassenes Gebiet zurück^ während wir in dem 
fünften und letzten Kapitel vielmehr die hinweisende und 
bezeichnende Kjraft der Tracht selbst, die absichtlich zu 
diesem Zwecke ausgesucht wird, Fächer und Handschuhe 
inbegriffen, behandeln wollten. Von diesem unserem Vor- 
haben wollen wir uns hier nicht abbringen lassen und einen 
wohlüberlegten Plan nicht aufgeben. Die Kleidungsstücke 
sind an sich significativ, mögen sie getragen oder gehalten 
werden, wie sie wollen, und schon darin, dass die Ge- 
schlechter ihre besonderen Hemden, Röcke und Hüte 
haben, liegt ja allein eine wichtige Kundgebung, die man 
Sprache nennen kann. Der Fächer am rechten Arm be- 
deutet: ich suche einen Mann, am linken Arm: ich hin verloht 
Aber jede verheiratete Frau zeigt uns doch diese ihre 
Würde schon durch ihr aufgebundenes Haar und durch ihre 
Haube an, denn die Jungfrau, die noch nicht unter die 
Haube gekommen ist, lässt ihr langes Haar frei herabfallen 
und geht, wie es heisst, im Haar, auf dem sie einen Kranz 
trägt. Anderemale werden die Männer durch die Farbe 
der Haubenbänder über die Verhältnisse verständigt. Die 
Schwestern der Brüdergemeinde tragen alle glattanliegende 
Häubchen, mögen sie verheiratet sein oder nicht, aber jeder 
Chor hat seine besonderen Bänder, der Chor der jungen 
Mädchen bis zum i8. Jahre hat feuerrote, der Chor der 
ledigen Schwestern hat blassrote, der Chor der Ehefrauen 
hat blaue, der Chor der "Witwen hat weisse Haubenbänder. 
Desgleichen sieht man auf den florentiner Fastenmärkten, 
wo eine Art von Brautschau abgehalten wird, gleich aus 
den Bändern, was noch zu haben und was nicht mehr zu 
haben ist: diejenigen Schönen, die bereits vergeben sind, 
le Impegnate, pflegen eine rotseidene Rosette ins Haar zu 
stecken, von der zwei weisse Bänder auf die Schulter herab- 
hängen; bei denen die noch zur Verfügung stehen, den 
Disponihiliy fehlen diese Bänder; endlich diejenigen, welche 
zwar versprochen, aber nicht recht glücklich sind, le Mal- 

contente, führen eine violette Rosette mit zwei dunklen 

21* 



— 324 — 

Bändern [Kleiupaul, Kreuziget iJm, Seite 326]. Ja, in der Bretagne 
geben die praktischen Mädchen an den roten Röcken, in 
denen sie zu Tanze kommen, zugleich die Höhe der zu 
erwartenden Mitgift an. Sind die Röcke weissgestreift, so 
bedeutet das Silber oder eine Jahresrente von wenigstens 
100 Francs. Sind die Röcke gelbgestreift, so bedeutet das 
Gold oder eine Jahresrente von nicht unter 1000 Francs. 
Das ist keine Geberden-, keine Fächer- und Handschuh- 
sprache mehr, das nennt man Kleidersprache. 

Neben seiner offenkundigen und erklärten Verbindung 
mit Frau von Montespan unterhielt Ludwig XIV. noch ein 
geheimes Liebesverhältnis mit Frau von Soubise. Das Signal 
der Rendez-vous bildeten ein Paar smaragdene Ohrgehänge. 
Frau von Soubise trug sie an den Tagen, wo ihr Gemahl 
in Paris, und sie fehlten, wenn er fort war. 



II. Stehende Abzeichen. 

Friiwllllgi — Aifiiiwiiitti. 

Die vorübergehenden Mitteilungen auf dem Wege der Toilette gleichen schwar/en 
und weissen Segehi, die aufgezogen werden — uns kommt es auf stehende 
Signale und dauernde Abzeichen an — auf Abzeichen, wie der Pantoffel, den 
der Ritter Polyphem auf seinen Helm steckt — auch die Frauen tragen jx)litiscbe 
Abzeichen: die Damenhüte in England, die Spanierinnen bei den Stiergefechten 
— in erster Linie sind es die Männer, die Farbe bekennen sollen — Farkn 
sind an sich oft Abzeichen politischer Parteien — audei^emale haften sie an be- 
stinmiten Blumen, welche die Abzeichen bilden — das Geranium, das Veilchen, 
die weisse und die rote Rose — andere Abzeichen: der Bundschuh, der Bettel- 
sack ^ — Erkennungszeichen, die gewissen verfemten Menschenklassen, wie Sträf- 
lingen, vom Staate aufgezwungen werden — Tracht der Juden und der prostituierten 
Frauenzimmer — die Brandmarkung — der Strick um den Hals. 

Aber uns kommt es nicht auf solche kleine, vorüber- 
gehende Mitteilungen an, wie sie die Frauen auf dem Wege 
der Toilette zu Stande bringen — ob sie bereits engagiert 
sind oder nicht — ob sie Lust haben, einen Liebhaber zu 



— 325 — 

erhören — ob der Herr von Soubise zu Hause ist. In 
der bekannten Erzählung von Tristan und Isolde wird ver- 
abredetermassen ein weisses und in der attischen Sage von 
Theseus bei der Rückkehr von Kreta irrtümlicherweise ein 
schwarzes Segel aufgezogen. So wird gleichsam am Schiff 
des Lebens bald ein weisses, bald ein schwarzes Segel auf- 
gezogen und damit Glück und Unglück, Leid und Freude 
signalisiert: es sind wechselnde Zeichen, die je nach den 
Umständen erfolgen, wie sie kommen. Gibt es denn nicht 
aber auch stehende Signale, die der Mann ein für allemal 
als Ausdruck seiner Gesinnung annimmt und trägt, Flaggen, 
unter -denen er fährt, Fahnen, auf die er schwört? — Auf 
solche fahnden wir. 

In der Provinz Kandahar im östlichen Afghanistan 
existiert der Volksstamm der Viziris. Will eine Viziri hei- 
raten, so sendet sie ihrem Erwählten eine Nadel, mit wel- 
cher er an seiner Mütze ein buntes Tuch zu befestigen hat. 
Wenn er das Liebeszeichen ansteckt, so findet Tags darauf 
die Hochzeit statt. Aber als im Mittelalter der tapfere 
Ritter Polyphem der Dame seines Herzens seine Liebe auf 
dem Turnierplatz beweisen wollte, steckte er ihren kleinen 
goldgestickten Pantoffel auf seinen Helm, er stellte sich 
weder unter den Krummstab des Papstes, noch unter das 
Szepter des Kaisers, er stellte sich unter den Pantoffel, und 
unter dem Pantoffel rannte er zwölf Ritter mit scharfer 
Waffe nieder.*) In hoc signo vicit! Ja, dieser Pantoffel war 



*) Als die Schwester des Kaisers dem siegreichen Ritter Pblyphem mit der 
eisernen Siirn den Kampfpreis, eine goldgestickte Schärpe, -über die Schulter 
hing, redete sie ihn, erzählt der schwäbische Augustinermönch Benedict Ansel- 
mus, folgendermassen an: Herr Ritter ^ Ihr stellt Euch weder unter den Papstf 
noch unter den Kaiser ^ Ihr bedürft niemandes Schutt: Euch vertnag kein Mann 
zu überwinden j aber unter dem Pantoffel steht Ihr doch! — Dieses Wort sei 
bald im ganzen Reiche herumgekommen und es habe sich mit einem Male ge- 
zeigt, dass der Pantoffel mehr Unterthanen habe als Krummstab und Szepter. 
Die Redensart unter dem Pantoffel stehen hat, mag die Anekdote wahr sein oder 
nicht, einen tieferen, geschlechtlichen Sinn, indem der Pantoffel nach dem vorigen 
Kapitel (Seite 308) ein uraltes Symbol des weiblichen Gliedes ist. 



— 326 — 

ein Zeichen, ein Abzeichen des Dienstes, dem der Ritter 
sein Leben geweiht hatte, und wenn bei Bällen im Schles- 
wigschen noch heute ein Frauenpantoffel aufgehängt wird, 
um anzudeuten, dass für eine kurze Zeit die Frauen das 
Regiment zu fuhren und zum Tanze aufzufordern haben, 
so beweist das nur, wie gut die wortlose Sprache des Ritters 
Pol)rphem von allen Männern verstanden worden ist. 

Und nachgeahmt wordeit ist; denn von jeher haben 
die Bürger bei inneren Kriegen oder bei politischen Partei- 
kämpfen ihre Parteistellung durch Abzeichen notifiziert 
O, auch die Bürgerinnen! Die Damen sind auch dieser 
politischen Blumensprache nicht abhold. In England hat 
sich die Home-Rule-Frage sogar der Damenhüte bemäch- 
tigt: es gibt konservative Hüte, die sich durch tüllumwun- 
dene gelbe und weisse Primeln kennzeichnen; unionistische 
Hüte, die Chamberlains Lieblingsblumen, die Orchideen auf- 
gepflanzt haben; und Home-Rule-Hüte, die das irische Klee- 
blatt neben blauen Kornblumen zur Schau tragen. Bei den 
Stiergefechten pflegen die Spanierinnen in weisser Mantilla 
zu erscheinen und eine Rose oder eine Granatblüte auf- 
zustecken; sie wollen damit sagen, dass auch sie Anhänge- 
rinnen der uralten Volksvergnügungen sind. Aber in erster 
Linie sind es doch die Männer, denen eine politische Rich- 
tung zukommt und von denen geradezu verlangt wird, dass 
sie Farbe bekennen sollen. Farbe? Ja wohl, Farbe, denn Far- 
ben sind an sich, respektive an Kokarden, Schleifen oder 
Bändern, oft genug erklärte Symbole der politischen Par- 
teien gewesen. Jede Stadt hat wie Florenz zur Zeit Dantes 
ihre Weissen und ihre Schwarzen. Die Klerikalen sind über- 
all die Schwarzen, die Radikalen die Roten; in Deutschland 
kamen nach den Freiheitskriegen die alten Reichsfarben, 
Schwarz-Rot-Gold als Zeichen nationaler Gesinnung auf, in 
der französischen Revolution diente die Trikolore: Blau- 
Weiss-Rot der Bewegungspartei zum Erkennungszeichen, 
während die Royalisten dcis Weiss der Bourbonen trugen. 
Die herrschenden Protestanten in Irland und die Anhänger 



— 327 — 

des Hauses Oranien in den Niederlanden und in England 
wählten, dem lautlichen Anklang zuliebe, das Orangegelb zu 
ihrer Farbe. Andere Male hafteten die Farben an bestimm- 
ten Blumen, welche die Abzeichen bildeten: so vertrat in 
Frankreich nach der Wiederherstellung der Bourbons das 
dreifarbige Geranium oder der Storchschnabel die Stelle 
der Trikolore, während das Veilchen Abzeichen der Bona- 
partisten war und als solches auch nach dem Sturze des 
zweiten Kaiserreiches wiederangenommen wurde. Wie 
viele merkwürdige Abzeichen finden sich in England! Hier 
trugen die Anhänger der Restauration der Stuarts, zur Er- 
innerung an die Eiche, in der sich Karl II. nach der Schlacht 
bei Worcester verborgen hatte, an seinem Geburtstag 
(29. Mai) einen Eichenzweig (OakJ, Uralt und durch histo- 
rische Begebenheiten veranlasst ist die Distel der Schotten 
(Thistle) und der Lauch der Walen (Leek) — die Wälschen, 
sagt der ehrliche Fluellen in Shakespeares König Heinrich 
der Fünfte (IV, 7) zu König Heinrich, thaten guten Dienst in 
einem Garten, wo Lauch wuchs, und trugen Lauch auf ihren Man- 
mouther Mützen y welches, wie Eure Majestät weiss, bis auf diese 
Stunde ein ehrenvolles Feldzeichen ist, und ich glaube, Eure Maje- 
stät verschmähen es nicht, das Lauch auf Sankt Davidstag (i. März) 
zu trafen. Weil endlich die Anhänger der York die weisse 
Rose (the rose argent), die der Lancaster die rote Rose (the 
rose gute) als Feldzeichen (Badge) an ihren Hüten führten, 
nannte man die Kämpfe der Häuser York und Lancaster 
um den Thron von England die Kriege der weissen und 
der roten Rose (the Wars of the Roses), 

Natürlich hat es auch Abzeichen gegeben, bei denen 
die Farbe gar nicht in Betracht kam. Im Jahre 1502 
machten die schwäbischen Bauern den Bundschuh zu ihrem 
Krieg«- und Wahrzeichen , sei es , dass sie denselben in 
natura vor sich hergetragen oder nur auf ihre Fahne ge- 
setzt haben, weshalb man auch die Aufstände während des 
Bauernkrieges geradezu Bundschuh und sich vorschwören 
einen Bundschuh machen nannte; im XVI. Jahrhundert führten 



— 328 — 

die Geusen als Abzeichen Bettelstäbe und Bettelsäcke und 
kleideten sich wie Bettelmönche; auch schlug man damals 
den sogenannten Geusenpfennig , eine ovale Münze in Silber 
oder Gold, die auf dem Avers das Brustbild Philipps, auf 
dem Revers einen von zwei verschlungenen Händen ge- 
fassten Bettelsack zeigte (jusqu'ä porter la hescLce), Von den 
Guelfen und den Ghibellinen ist hauptsächlich das Feld- 
geschrei berühmt, welches bei jenen Hie Weif! bei diesen 
Hie Waiblingen! gelautet haben soll, doch hatten sie auch 
ihre äusserlichen Abzeichen, die Ghibellinen eine weisse 
Rose oder eine rote Lilie, die Guelfen einen Adler, welcher 
einen blauen, mit der Lilie gekrönten Drachen mit seinen 
Klauen zerriss. Die Zinnen an den gnelfischen Türmen 
waren viereckig, ä la Grecque; die der Ghibellinen schwal- 
benschwanzförmig. Noch nach dem Dreissigjährigen Kriege 
galt die weisse Feder auf dem Samtbaret für gut weifisch 

(Garzoni, Piazza universale^ übersetzt von Mathäus Merlan 1610/1641). 

Den geraden Gegensatz zu diesen freiwilligen, mehr 
oder weniger mit Stolz getragenen und zur Ehre angerech- 
neten Abzeichen der Parteien bilden die gewissen verfem- 
ten Klassen vom Staate aufgezwungenen Unterscheidungs- 
zeichen, die den Trachten der Sträflinge, den Tüchern der 
Gefangenen parallel gehen. Die Cagots, die Kretinen der 
französischen Pyrenäen, waren im Mittelalter von der mensch- 
lichen Gesellschaft ausgeschlossen und mussten als Ab- 
zeichen ein Stück rotes Tuch oder eine Eierschale auf der 
Kleidung angeheftet tragen, wie man den Untersuchungs- 
gefangenen in Berlin an dem Tuch, das er um die Schulter 
hat, erkennt; die Aussätzigen mussten im Mittelalter ein 
schwarzes Gewand und einen Hut mit weissem Bande 
tragen, in der Hand hatten sie eine Klapper, ihre Annähe- 
rung bekannt zu geben. Namentlich wurden zwei Men- 
schenklassen Abzeichen oktro5dert, die auch beide in beson- 
dere Quartiere eingeschlossen wurden: den Huren und den 
Juden. Die Huren trugen schon im alten Rom ein Gewand, 
das dem der Männer ähnlich war, anstatt der Stola, daher 



— 329 — 

Togata und Meretrix gleichbedeutend war; und so wurden in 
allen Gemeindeordnungen unserer Zeit für die Huren be- 
sondere Kleider und Zeichen vorgeschrieben, zum Beispiel 
in Neapel mussten sie eine rote Nestel auf der linken 
Schulter tragen, erst in der neueren Zeit ist man davon 
zurückgekommen. In Deutschland mussten die Dirnen eine 
bestimmte Art von Mänteln, rote Käppchen und eine rote 
Schleife auf der linken Schulter oder ein farbiges Armband 
tragen. Besonders die gelbe Farbe war hier bezeichnend, 
genau so wie bei den Juden; sie ist heute noch die Farbe 
der Sträflinge in dem londoner Gefängnis Coldbath. Im 
Mittelalter trug der Jude im Reiche einen hohen gelben 
Hut, später nur noch eine gelbe Kokarde an seinem Rocke; 
in Böhmen charakterisierte ihn noch 1694 der gekrauste 
Kragen, welchen die Juden mit blauem Kraftmehl gestärkt, 
ringförmig um den Hals trugen; in Italien der rote Mantel. 
Noch im 17. Jahrhundert war der lederne Sack, sein breit- 
krempiger Hut und der gelbe Tuchring am Rocke das 
Abzeichen des Juden im Reiche, wie er am häufigsten in 
der Münze gesehen wurde. Auch in der Provence trugen 
die Juden einen bestimmten Kopfschmuck, daher wurde der 
wunderliche Hammerhai in Marseille Poisson Juif (Peisso 
juzieu) genannt Alles das erinnert an die Brandmarkung 
vermittels eines Rades oder sonst eines Feuermales: die 
Römer brannten entflohenen Sklaven, wenn sie dieselben 
wiederkriegten, ein Ffugitivus], die Franzosen den Galeren- 
sträflingen T[ravaux] Fforces] auf Sogar die Karpokratianer, 
eine Art Gnostiker, sollen ihre Schüler gezeichnet haben, 
indem sie dieselben auf der Rückseite des rechten Ohr- 
läppchens brannten und, wie sie sich ausdrückten, mit Feuer 
tauften. 

Wir erwähnten weiter oben (Seite 285), dass der Mönch, 
wenn er um Verzeihung bat, dies mit einem Stricke um den 
Hals that. Wir müssen jetzt hinzufügen , dass dieser 
drastische Akt der Selbstdemütigung auch ausserhalb der 
Klostermauem vorkam — 



— 330 — 

und demutsvoll mit Stricken um den Hals 
Erwarten sie von Eurer Hoheit Spruch 
Nun Leben oder Tod, 

sägt Clifford in Shakespeares König Heinrich der Sechste. 
Zweiter Teil (IV, g); und abermals müssen wir hinzufugen, 
dass wer zum Tode verurteilt und begnadigt worden war, 
seinen Strick zeitlebens um den Hals zu tragen gehalten 
war. Noch in unserem Jahrhundert (um 1830) schmückte 
eine Frau m Leipzig und die durch Napoleon I. bekannte 
Gräfin Kielmannsegg dieses significative Halsband. 



III. Uniformen, Orden und Gradabzeichen. 

Abzeichen dienen auch dazu, die Lebensstellung, den Rang und das Dienstver- 
hältnis zu charakterisieren — sie greifen nicht selten auf die gesamte Tracht 
über — Uniformen, durch die der Staat einzelne Stände und Volksklassen aus- 
einanderhält — ihre Supplemente, Orden und Gradabzeichen — der r)mat — 
die Uniformierung arbeitet der nivellierenden Tendenz entgegen — der doppelte 
Naturzustand des Menschen — Proben der Art, wie die Kleidung in verschiedenen 
Kreisen geregelt wird — in Konstantinopel: Kopfbedeckungen, Beinkleider, 
Pantoffel sind vorgeschrieben — die Jäger und Kutscher der Gesandten in Peters- 
burg — die Eisenbahnbeamten — das Militär: nationale Farben und Montienmgs- 
stücke, Unterscheidungsmerkmale der einzelnen Truppenteile und Truppen- 
gattungen, Rangabzeichen — der Tigerpelz Zietens — nirgends ist das Uniform- 
wesen so sorgfältig ausgebildet und so systematisch durchgeführt als wie beim 
Militär — Feldzeichen und Feldbinden im Dreissigjährigen Kriege — die Mon- 
tierungsstücke wandern von Land zu Land und kommen von Nation zu Nation 
in Aufnahme, zum Beispiel der Tschako, der Dolman, der Attila — Husaren, 
Dragoner, Ulanen, von den Franzosen alle als Ulans bezeichnet. 

Nach dem vorigen scheint es, dciss Abzeichen selbst 
keine Kleider, sondern nur kleine Unterscheidungszeichen 
an der Kleidung; und dass sie niemals etwas anderes als 
selbstgewählte Symbole einer Gesinnung, einer politischen 
Richtung, einer Parteinahme sind. Dies ist nicht völlig 
sachentsprechend. Denn einerseits dienen die Abzeichen 
auch dazu, die Lebensstellung, den Rang oder das Dienst- 



— 331 — 

Verhältnis einer Person zu charakterisieren: zum Beispiel 
haben die Journalisten in Amerika ein Abzeichen, an wel- 
chem sie die Polizei erkennt — einen unter dem Rock ge- 
tragenen kleinen Stern; wenn dieses gerade vielleicht noch 
freigewählt worden ist, so sind die Rangabzeichen in der 
Armee und in der Marine keineswegs dem Belieben des 
Individuums überlassen. Anderseits beschränken sich die 
politischen Abzeichen durchaus nicht immer auf Schleifen 
und Kokarden, Blumen und bunte Bänder; sie greifen nicht 
selten auf die Kleidung und die gesamte Tracht, nament- 
lich die Haartracht und den Schnitt des Bartes über. Die 
politische oder kirchliche Parteistellung pflegt bald Locken- 
köpfe, bald Rundköpfe (Bound-heads), bald altdeutsche Röcke, 
bald Kalabreserhüte, bald Karbonarimäntel, bald Garibaldi- 
blusen hervorzubringen. Doch ist eine gleichartige Modi- 
fikation der ganzen Kleidung gewöhnlich allerdings nicht 
mehr eine Sache der Wahl und des persönlichen freien 
Willens einer Korporation, sondern eine Sache des Staates, 
welcher einzelne Stände, wohl auch einzelne Nationalitäten 
durch die sogenannten Uniformen auseinander halten will; 
mithin auch nicht mehr das Zeichen einer Parteistellung 
oder einer politischen Gesinnung, sondern vielmehr das 
Zeichen eines Standes, dem man angehört, oder einer Be- 
amtenklasse. Einzelne Beamte, wie die Geistlichen und die 
Richter, sind insofern freier, als sie ihre Uniformen, den 
sogenannten Ornat, nur während ihrer Amtshandlungen zu 
tragen gezwungen sind. Die Uniformen der Soldaten und 
der Beamten sind samt ihren Supplementen, den Orden und 
Gradabzeichen, gleichsam die Livreen, welche der Staat den 
Korps seiner Diener liefert, und die er nicht nur bei Hofe 
in den sogenannten Hof uniformen, sondern auch im gemeinen 
Leben fordert. Sothane Uniformierung scheint mit der 
Tendenz in Widerspruch zu stehen, welche nach einer frü- 
heren Ausführung die bestehenden Kostüme haben sollen: 
der Tendenz sich zu verwischen. Auf Seite 151 ff. be- 
merkten wir, dass sich die Nationalitäten einerseits, die 



— 332 — 

Stände anderseits gegenwärtig in der Kleidung weniger 
unterscheiden als dies vor Jahrhunderten der Fall war. Der 
pariser Elegant und der berliner Stutzer sehen sich fast 
gleich ; der Edelmann trägt keine Stickerei und rund um den 
Hut keine weisse Flume mehr wie noch vor hundert Jahren, 
auf Maskeraden kann man ihn nicht mehr an dem rosa- 
farbenen Domino erkennen, den Friedrich der Grosse 1743 
für ein Privilegium des Adels erklärt hatte. In der That 
arbeitet die Uniformierung, die nur nicht im ganzen Volke, 
sondern nur in gewissen Lebenskreisen durchgeführt ist, 
dieser nivellierenden Tendenz entgegen, sie schliesst sich, 
und zwar ohne Beigeschmack von Luxuspolizei, den alten 
Kleiderordnungen an , sie sucht die natürlichen Trachten 
der Völker, der Stände, der Ämter und der Würden (die 
sowieso gern wieder aufleben, namentUch bei festlichen 
Gelegenheiten, wo es auf Repräsentation ankommt) aus- 
drücklich festzuhalten, alle Ausgleich versuche rückgängig 
zu machen und jedem Individuum einen oflFenen Brief mit- 
zugeben, mit welchem es sich in die Gesellschaft einfuhrt, 
einen Orden obendrein. 

Ein Orden ist ein Zeichen, dciss der Inhaber einem Ordn, 
das heisst, einem geistlichen oder weltlichen Ritterorden zu- 
gehört; hergenommen von dem Kreuz an der Kleidung der 
Ordensritter. 

Als Jean Jacques Rousseau im vorigen Jahrhundert alle 
Kultur verfluchte und die Welt mit der barocken Idee 
verblüffte, dass die Künste und Wissenschaften vielmehr 
zur Verschlimmerung als zur Verbesserung der Sitten bei- 
getragen hätten: ward auf einmal der Naturzustand des Men- 
schen wieder Mode, jener Zustand, wo der Mensch so viele 
überflüssige Dinge noch nicht, unter anderm auch noch 
keine Kleider hatte, sondern wie Adam in puris naturalibus 
erschien. Der grosse Irrtum jener passionierten Wilden 
war, die Kultur der Natur entgegen und vorauszusetzen, 
dass die Natur unter allen Umständen vollkommener und 
besser sei als die Kultur, was sie keinesweges ist. . Doch 



— 333 — 

auf eine Widerlegung der Rousseau'schen Ansichten wollen 
wir uns nicht einlassen, sondern nur ein wenig bei dem 
Naturzustand verweilen, den wir in Bezug auf die Kleidung 
verloren haben sollen. Man braucht nicht so tief zu graben, 
um auf die Natur zu stossen — auf den ersten Naturzustand, 
den der Mensch in seiner Blosse feiert, folgt sozusagen ein 
zweiter Naturzustand, der Naturzustand der Kleider, denn 
auch an dem bekleideten Körper kann man wieder eine 
natürliche und eine künstliche Periode unterscheiden. In 
der ersteren kleidet sich der Mensch, wie er will und kann. 
In der letzteren kleidet sich der Mensch, wie er soll und 
muss. Im ersteren Pralle besagt die Kleidung, dass ihr In- 
haber ein reicher Mann oder ein armer Teufel sei. Im 
letzteren Falle besagt sie, dass ihr Inhaber ein Militär oder 
ein Postbeamter sei. Im ersteren Falle ist die Kleidung 
zufällig. Im letzteren Falle ist die Kleidung, weil damit 
absichtlich ein Stand angezeigt wird, significativ. 

Wir stehen am Goldenen Home, dem Hafen von Kon- 
stantinopel, dem Märktplatz dreier Weltteile, mitten im 
Völkergewühl. Auf den ersten Blick können wir die Haupt- 
typen herauserkennen, wir brauchen nur auf die Kopfbe- 
deckungen, die Pantoffel und die Beinkleider zu achten, 
die meist ausdrücklich vorgeschrieben sind. Der türkische 
Efendi trägt den roten Fes und den schwarzen, bis zum 
Hals zugeknöpften Beamtenrock ohne Aufschläge, die so- 
genannte Stambulina, Die Alttürken, darunter die Geist- 
lichen, die Studenten, die Bürger, die Kaufleute und Hand- 
werker, tragen einen bunten Turban, gelbe Pumphosen und 
gelbe Pantoffel. Der Fanariot hat einen schwarzen Turban 
und schwarze Hosen. Der Hebräer einen blauen Turban, 
blaue Hosen und blaue Pantoffel. Der Armenier eine hohe 
Filzmütze, Kaipak genannt, rote Hosen und rote Pantofifel. 
Der Tatare die plumpe, pyramidale Lammfellmütze, die 
ebenfalls KcUpak heisst. Der Nizam-tschedid oder der reguläre 
Soldat eine Kappe in Melonenform. Der Imam oder der 
Priester einen schneeweissen Turban, der mit einer breiten 



— 334 — 

(ioldborte eingefasst ist. Der Scherif, das heisst der Nach- 
kömmling Mohammeds, den roten Fes mit blauer Quaste, 
der mit einem grünen Tuch umwunden ist Der Derwisch 
eine hohe, zuckerhutförmige, spitze Mütze von grauem Filz, 
die sogenannte Kulah. Der Franke den Cylinderhut 

Oder wir stehen auf einem sächsischen Bahnhofe und 
wollen einen Beamten etwas fragen. Suchen wir den 
Stations vorstand? So sehen wir uns nach dem Manne mit 
der roten Mütze um. Suchen wir den Zugführer? So sehen 
wir uns nach dem Manne mit der roten Tasche um, die 
über die rechte Schulter gehängt ist. Suchen wir den 
Schaffner? So sehen wir uns nach dem Manne mit der 
schwarzen Ledertasche um. Den Portier? Er trägt auf der 
linken Seite ein herzförmiges Schild. Den KoflFerträger? 
Er hat auf der linken Brust ein ovales Schild. 

Die Jäger und Kutscher der Gesandten in Petersburg 
haben gewöhnliche, nach russischem Schnitt gemachte 
Kutscherröcke, aber, weil sie in keinem Fall angehalten 
werden dürfen, Tressen an denselben und auf den Hüten 
nicht nur die bereits auf Seite 149 erwähnten farbigen 
Federbüsche, sondern auch besondere Abzeichen in Form 
von Kokarden. 

Oder endlich wir wohnen einem Manöver bei, im Ver- 
ein mit Offizieren aus aller Herren Ländern. Wie wir da 
wiederum sofort den Preussen an seinem Helm und seinem 
blauen Rock, den Österreicher an seiner weissen Uniform, 
den Franzosen an dem Käppi und an den roten Hosen, 
den italienischen Scharfschützen an dem breitkrempigen 
Filzhut mit dem wallenden Federbusch erkennen! Inner- 
halb der Armee, wie scharf grenzen sich die einzelnen 
Truppengattungen und Truppenteile durch die Farbe der 
Kragen und Aufschläge gegeneinander ab! Der Infanterist 
hat einen roten, der Artillerist einen schwarzen Kragen. 
Und nun wiederum innerhalb dieser engeren Kreise die 
diversen Grad- und Rangabzeichen, deren lange Reihe bei 
grossen Gelegenheiten noch durch Orden und persönliche 



— 335 — 

Auszeichnungen fortgesetzt werden kann! Leiten uns nicht 
die Adlerknöpfe, die Tressen, die Schärpen, die Gradsteme, 
die Epauletten, die Achselklappen, die Offizierssäbel und 
die Marschallstäbe, die Pelze vom Gefreiten bis zum Oberst- 
lieutenant und zum Generalfeldmarschall? — Zieten erhielt 
bekanntlich für den Husarenritt im Mai 1745 vom König 
einen mit goldnen Sternen, Sonnen und Monden übersäten 
Tigerpelz geschenkt. Nirgends ist ja das Uniformwesen so 
sorgfältig ausgebildet und so systematisch durchgeführt als 
wie beim Militär; die Details alle zu beherrschen, setzt ein 
durch Übung geschärftes Auge, ja ich möchte sagen, eine 
eigne Wissenschaft voraus. Im Dreissigj ährigen Kriege, 
erzählt Gustav Freytag in seinen Bildern aus dem Jahrhundert 
des grossen Krieges ^ Seite 32, erkannten die Soldaten ein- 
ander am Feldgeschrei und an den Feldzeichen, die am 
Hut oder Ärmel befestigt waren, daher es hiess, die Seele 
des Landsknechts sitze auf dem Hute oder Ärmel; die 
Offiziere an den Feldbinden. Bei Breitenfeld trugen zum 
Beispiel die Tillyschen weisse Bänder um Hut und Helm 
und weisse Schnüre um den Arm, die Schweden grüne 
Zweige. Die kaiserliche Feldfarbe war rot, Gustav Adolf 
verbot deshalb seinen Schweden, Rot zu tragen; die Feld- 
binden der schwedischen Offiziere in der Schlacht bei 
Lützen waren grün, die kursächsischen Feldbinden während 
des Krieges schwarz und gelb, später, seit Erwerbung der 
polnischen Krone, rot und weiss. 

Wollte man übrigens glauben, dass die alles nivellie- 
rende Mode auf die Montierung der Heere ohne Einfluss 
gewesen sei, so würde man sehr irren. Unzählige Mon- 
tierungsstücke sind, oft mit den Truppen selbst, von Land 
zu Land gewandert und von Nation zu Nation in Aufnahme 
gekommen, sogut wie tiroler Joppen und spanische Mäntel- 
chen. Der ungarische Tschako hat zuerst in der französi- 
schen Armee (1806) und dann in allen übrigen Heeren den 
früher üblichen dreieckigen Hut der Infanterie verdrängt; 
in der preussischen Armee wurde er unter Friedrich Wil- 



- 336 — 

heim IV. (1840) durch die Pickelhaube oder den Helm ersetzt, 
den nachmals wieder Russland und England angenommen 
haben. Die Husaren stammen bekanntlich aus Ungarn und 
haben aus ihrem Vaterland die ungarische Nationaljacke, 
den Dolman, mitgebracht, der jetzt vielfach durch den eben- 
falls ungarischen Ättüa ersetzt ist; die Ulanen aus Polen 
sogut wie ihre kurze ülanka und ihre Czapka, die viereckige 
Kopfbedeckung; polnisch (oder vielmehr litauisch) ist auch 
die Litewka, ein langschössiger Uniformrock, wie ihn die 
preussischen Invaliden tragen. Endlich die Dragoner, die 
ihren Namen von dem Drachen (dragon) in ihren Fahnen 
haben sollen, sind französisch, eine Schöpfung des Marschall 
Brissac, der mit ihnen A. D. 1543 in Piemont operierte. 
Infolgedessen g^bt es nun nicht bloss bei uns, sondern in 
allen europäischen Armeen Husaren, Ulanen und Dragoner, 
die nun wieder durch bestimmte nationale Abzeichen und 
Waffen auseinandergehalten werden müssen, wie zum Bei- 
spiel die Dragoner gewöhnlich mit Kavalleriesäbel und 
Karabiner bewaffnet sind, in Russland aber Bajonnettge- 
wehre haben; denn zunächst lassen sich nur die Truppen 
an sich nach den Uniformen unterscheiden. Den Franzosen 
scheinen im Krieg von 1870/71 nicht einmal die letzteren 
significativ genug gewesen zu sein, denn sie bezeichneten 
die gesamte leichte Kavallerie des deutschen Heeres, also 
nicht bloss die Ulanen, sondern auch die Dragoner, Husaren 
und Chevaulegers, als ülans. 



— 337 — 

IV. Wappen und Aushängeschilder. 

Ein Brief des Herrn von Hopfgarten — sein Wappen ist überall angebracht, 
zuerst auf seinem SchUde — die Malereien auf den Schilden der alten Deutschen 
— Wappen sind Waffen — die Wappen aus Schildbildem und Helmkleinoden 
hervorgegangen — sie sind ein sprechendes Accidens der Rüstung — nicht alle 
redend, aber alle sprechend — sie erzählen von dem Geschlecht und , da sie im 
Laufe der Zeit darauf übergehen, von dem Besitz, der Herrschaft, dem Amt 
des Trägers — der deutsche Adler — der zweiköpfige Adler — die Wappen- 
schau der Herolde bei den Turnieren: Blason, Heraldik — die Wappen werden 
von Schild und Helm auf alles übertragen, was zur Familie gehört — Gesell- 
schaftswappen, Klosterwappen — Herrschafts- und Länderwappen sind dem Ge- 
schlechtswappen des Herrn entnommen — die Fahnen der Innungen — der ge- 
krönte Brezel — Aushängeschilder der Handwerker — eine mittelalterliche Bilder- 
sprache und Bilderschrift — Auslese von Wappen und Aushängeschildern in 

tabellarischer Form. 

Wir erhalten einen gesiegelten Brief, wie wir ihn heut- 
zutage nur noch von Ministerien oder von Edelleuten zu 
erhalten pflegen. Er ist von einem der letzteren, und zwar, 
wie wir an der Krone mit den fünf kleinen Perlen sehen, 
nicht von einem Grafen, nicht von einem Freiherm, sondern 
von einem einfachen Edelmann. Wir erraten auch gleich, 
von welchem: das Wappen enthält zwei Mistgabeln, die 
übers Kreuz gelegt sind: das ist das Wappen derer von 
Hopf garten. Ein Hopfengärtner warf, als Peter von 
Amiens durch das Land zog, die Mistgabeln fort und ging 
mit nach Jerusalem. Dafür ward er vom Landgrafen ge- 
adelt und ihm besagtes Wappen zuerteilt. Wir brauchen 
also den Brief nicht aufzumachen, um zu wissen, dass uns 
Herr Bodo von Hopfgarten geschrieben hat. 

Ebenso brauchen wir nicht in den Wagen zu gucken, 
um zu wissen, dass ein Hopfgarten darin sitzt, wenn wir 
das Wappen am Kutschenschlag beachten; wir brauchen 
nicht ins Haus zu gehen, wenn wir das Portal ansehen, 
das damit geschmückt ist; die Frau von Hopfgarten doku- 
mentiert sich als solche, indem sie das Wappen auf ihre 
Wäsche und auf ihre Bettdecke sticken lässt: wenn wir aber 
zur Zeit der Kreuzzüge selbst gelebt hätten und im Schlacht- 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. 22 



.— 338 — 

getümmel einem gehamischten Ritter begegnet wären, so 
hätte er nicht nötig gehabt, sein Visier zu öffiien; er gab 
sich zu erkennen, indem er die beiden Mistgabehi auf seinem 
Schilde führte. 

Das ist die ursprüngKche Bestimmung der Bilder, 
welche wir Wappen nennen und die bisweilen, wie im gegen- 
wärtigen Falle, an ein historisches Ereignis oder eine kühne 
That erinnern, ursprünglich aber Symbole des Trägers ge- 
wesen sind. An ihnen war der gehamischte, ganz in Eisen 
gehüllte Ritter zu erkennen, zu diesem Ende liess er sich 
die Wappen auf seine Wappen setzen, daher haben sie ihren 
Namen. Wappen sind Waffen, genau so, wie die französischen 
Armes und die englischen Arms; Wappen, mittelhochdeutsch 
wäpen, ist die niederdeutsche, am Niederrhein übliche Form 
des Wortes Waffen, mittelhochdeutsch wäfen, von Flandern 
stammend, welches seinerzeit den deutschen Landen die 
höfische, ritterliche Bildung PVankreichs übermittelte. Doch 
sind es nicht die Waffen überhaupt, die in diesem Sinne 
signifikativ und zu Wappen in unserem Sinne wurden, son- 
dern nur die Schilde und die Helme; und auch diese wur- 
den es nicht als solche durch ihre eigene Form und Farbe, 
sondern niu* als Träger der ebenerwähnten Bilder, die man 
darauf anzubringen pflegte. Bereits den Sieben gegen Thehen 
gibt Äschylus Devisen, und bereits zu Tacitus' Zeit pflegten 
die Germanen ihre Schilde mit Malereien zu verzieren; als 
sich dann im Mittelalter für den gehamischten Ritter im 
Schlachtgetümmel ein Erkennungszeichen notwendig erwies, 
so war es natürlich, die Figuren auf den Schilden zu solchen 
Erkennungszeichen zu benutzen und den bisher mit Adler- 
büschen, Pfauenwedeln und Stierhömem geschmückten 
Helm mit einer entsprechenden Figur, einem sogenannten 
Kleinod, zu versehen. Gewöhnlich war es ein reissendes, 
fernes, ich möchte sagen fabelhaftes Tier oder ein seltener 
Raubvogel, ein Löwe, ein Leopard, ein Adler, ein Greif, 
kurz ein sogenanntes Wappentier, das den Mut, den Adel, 
die Kraft des Mannes versinnbildlichen sollte; später wählte 



— 339 — . 

• 

man auch Haustiere, Lämmer, Fische, Rosen, Hirschhörner, 
Burgen, Werkzeuge jederart und folgte dabei dem Zufall. 
Aus Schildbildem und Helmkleinoden sind die Wappen her- 
vorgegangen» die bald gleich den Nainen zu bleibenden 
und erblichen Kennzeichen für ganze Geschlechter und zu 
romantischen Musterbildern derselben wurden. Von Schild 
und Helm übertrugen die Ritter ihre Wappenbilder auf 
den Wappenrock, auf das Banner, die Pferdedecke, auf 
Schloss und Hausgerät, auf das Siegel, kurz auf alles, was 
irgendwie mit der Familie zusammenhing — oder vielmehr 
sie übertrugen Schild und Helm mitsamt den Wappen- 
bildem auf diese Gegenstände; die Bilder wurden von den 
Waffen, an denen sie ursprünglich hafteten, gar nicht mehr 
getrennt In der That sind die meisten alten Wappen, wie 
man sie zum Beispiel in der sogenannten Manessischen Hand- 
Schrift abgebildet findet, derart, dass man sich nur den 
Ritter zu Pferde dahinter, den Schild am linken Arme, den 
Helm auf dem Kopfe, zu denken braucht. So wurden die 
Schilde und Helme von den Rittern, die zum Turnier ge- 
kommen waren, auf einem besonders bestimmten Platze 
behufs der Wappenschau aufgestellt und vom Herolde 
untersucht, als welcher über die Tumierfähigkeit entschied. 
Es wird erzählt, der Ritter habe an den Tumierschranken 
den Herold mit einem Hörn gerufen und auf dem Turnier- 
platz das gebrauchte Hom als Zeichen der geschehenen 
Zulassung an seinem Helm befestig^; von dem Blasen auf 
dem Home komme das französische Blason, Wappen und 
Wappenkunde. Sicherer dürfte sein, dass Heraldik die 
Wissenschaft der Herolde bedeutet, denen die erwähnte Wap- 
penschau bei den Turnieren oblag und welche demgemäss 
die genaueste Kenntnis der Wappen und des hohen und 
niederen Adels haben mussten. 

Wir nennen ein Wappen redend, wenn die Figur auf 
dem Schilde gleichsam nur ein ideographisches Zeichen für 
den Familiennamen ist und an die chinesische Bilderschrift 

erinnert; ein redendes Wappen ist zum Beispiel das der 

22* 



- 340 — 

Grrafen von Henneberg, welches (in seiner jüngeren Gestalt) 
eine Henne auf einem Berge zeigt Nun, redend sind nicht alle 
Wappen, es wäre das auch sehr schade, weil dabei jedwede 
persönliche Symbolik wegrfällt; aber sprediend im höchsten 
Grade. Jedes Geschlecht hat in seinem Wappen gleichsam 
eine silberne Marke, die es unterscheidet, ein Tier, das vor 
ihm hergeht und seinen ruhmvollen Namen in die Welt 
brüllt, eine Hierogl3rphe, die wie ein Sternbild über seinem 
Dache strahlt. Ja, da nachgerade nicht bloss Individuen, 
sondern ganze Gesellschaften, höhere Individuen, diese Zei- 
chen brauchten, indem Korporationen und Vereine, Klöster 
imd Stifte, Gemeinden und Städte Wappen annahmen und 
Wappen bestätigt erhielten; da femer die Wappen im Laufe 
der Zeit auch auf den Besitz und weiter auf die mit sotha- 
nem Besitz verbundenen erblichen Amter, auf Herrschaften 
imd Herzogtümer, Grafschaften und Bistümer übertragen 
wurden: so entwickelte sich diese mittelalterliche Hierogly- 
phenschrift zu einer allgemeinen S3rmbolik, vermittelst deren 
jedes selbständige Wesen einen bildlichen Ausdruck fand, 
um damit der Welt zu imponieren. Hat doch schon jede 
Indianersippe ihr meist dem Tierreich entlehntes Sinnbild 
und ihr Totem. Wenn wir eine Flasche Benedictine aus der 
Ähhaye von FScamp kaufen, so bekommen wir auf dem Um- 
schlag das SigiUum Prioratus Sandissimae Trinitatis Congrega- 
tionis S. Mauri: auf dem Avers den S. BENEDICTUS, auf 
dem Revers einen von zwei Palmen umgebenen Schild mit 
drei Bischofsmützen, auf dem Schilde eine Bischofsmütze 
imd einen Kxiunmstab — mit in die Hand; wenn der Sedan- 
festzug die Fahnen der Innungen, z. B. das Banner der 
Bäcker an uns vorüberfuhrt, so flattert der gekrönte Brezel, 
beziehentlich der Brezel, Über den zwei Löwen die Krone 
halten, durch die Luft; und wenn wir eine Mark umwenden, 
so erblicken wir den einköpfigen Adler des Deutschen 
Reiches, über dem die deutsche Kaiserkrone mit fliegenden 
Bändern schwebt Der Adler soll von Karl dem Grossen 
bei seiner Krönung in Rom (25. Dezember 800) nach dem 



— 341 — 

Vorbilde der Römer zum Symbol des von ihm gegründeten 
Reiches erhoben worden sein; der Doppeladler, seit Sigis- 
mund beständiges Wappenzeichen der deutschen Kaiser, 
jetzt das des österreichischen und russischen Kaiserreichs, 
bezieht sich auf das ost- und weströmische Reich; bereits 
das byzantinische Kaisertum führte seit der Teilung des 
römischen Reiches den zweiköpfigen Adler. 

Graf Stillfried- Alcantara hat ein Buch über die Attribute 
des neuen Deutschen Beichs geschrieben. Ich finde diesen 
Ausdruck nicht korrekt. Das Wappen geht regelmässig vom 
Träger des Wappens aus, wenigstens wird es von ihm ge- 
fuhrt, um seine Gegenwart anzuzeigen; ein so grosses Wesen 
wie das Deutsche Reich lässt sich seinen einköpfigen Adler 
nur scheinbar machen, im Grunde macht es ihn sich selbst. 
Das Attribut wird, wie der Name sagt, einer Gottheit vom 
Künstler beigelegt (attrtbuitur), um sie dadurch besser zu 
charakterisieren, weil ihr der Gegenstand notorisch heilig 
ist. So zum Beispiel, wenn der Bildhauer eine Juno durch 
den Pfau, eine Minerva durch die Eule, eine Venus von 
Milo durch die Schildkröte charakterisiert — das Attribut, 
so wichtig, um sich in Museen zurechtzufinden, hat seine 
Stelle (eigentlich nur in der Kunst. Niemals ist es einer 
Jimo eingefallen, mit einem Pfau zu siegeln, sagen wir 
besser, es würde ihr nie eingefallen sein. Bei sterblichen 
Personen ist es anders, bei ihnen kann Attribut und Wappen 
allerdings zusammenfallen. 

Der Plan unseres Buches gestattet uns nicht, auf die 
Geheimnisse der Heroldskunst näher einzugehen und die wei- 
tere Ausbildung und Entwickelung des Wappenwesens zu 
verfolgen; wir wollen uns daher mit diesen Grundzügen 
begnügen und nur zur Illustration noch einige Proben aus 
dem Orbis Fictus der mittelalterlichen Bildersprache und 
Bilderschrift anführen. Erstens werden wir, und zwar mit 
spezieller Rücksicht auf Italien, wo sie am häufigsten 
monumental erscheinen, eine kleine Auslese von einigen be- 
sonders interessanten und charakteristischen Geschlechts- 



342 — 



Wappen, respektive von sogenannten Devisen, die an Wap- 
pen angebracht werden, englisch Badges, veranstalten. Da- 
mit verbinden wir zweitens eine Übersicht über eine andere 
Art von Schilden, nämlich über die sogenannten Aus- 
hängeschilder oder über die an den Häusern ausgehängten 
Zeichen der in den Häusern getriebenen Gewerbe — sie 



Geschlecht 


Wappenbild 


Devise 


Barberini [Papst Ur- 


Bienen. Vergleiche Seite 304. 




ban Vm.] 






Borghese [Papst 


Ein Adler, darunter ein Greif, 




Paul VJ 


scheinbar eine Fledermaus. 




Borgia [Papst Alexan- 


Der Stier. 




der VL] 






Borromeo 


Das Einhorn. 




Chigi [Papst Alexan- 


Sechs goldene Berge und ein Stern. 




der vn.] 






Chlodwig 


Zwei Lilien und drei Frösche. 




Coleoni 


Drei Hoden. 




Colonna [Papst Mar- 


Eine Silnle, angeblich die Trajans- 




tin V.] 


säule. 




Cybo [Papst Inno- 


Blaue und silberne Würfel in rotem 




cenz VriT.] 


Feld (x^ßog). 




Czacki 


Eine Sau. 




Dürer 


Drei silberne Schilde in blauem 






Felde. 





— 343 — 

sind bürgerliche Wappen, bescheidene Sinnbüder eines 
Handwerks, über dem man die Familie vergisst, ein Haupt- 
bestandteil der populären Sprache ohne Worte, wie sie 
schon im Altertum gesprochen worden Jst Wir stellen 
über beide eine kleine Tabelle auf. 



Fundort 



Bemerkungen. ^ 



Deckengemälde des 
grossen Saals im Pa- 
laste Barberini zu 
Rom. 



Brunnengebäude der 
Acqua Paola in Rom. 
Portal der Villa Bor- 

ghese in Rom. 

Appartatnento Borgia 

im Vatikan. 

Vatikan. 



Innsbruck , Grabmal 

Maximilians I. in der 

Franziskanerkirche. 

Cpleoni - Kapelle in 

Bergamo. 

Palast Colonna in 
Rom. 



Als A. D. 1653 Childerichs Grab in Toumai entdeckt 
wurde, fand man in demselben unter anderm seinen 
Siegelring und viele goldne Bienen, mit welchen wohl 
sein Mantel besetzt gewesen war. Auf diese Veran- 
lassung nahm nun auch Napoleon I. die Bienen zu 
Emblemen seines Kaisertums. 



Nicht zu verwechseln mit dem Wappen der Familie Mon- 
talto, die von Papst Sixtus V. gegründet ward: Drei 
Berge und ein Stern. (Obelisk auf dem Petersplatz.) 



Der Ahnherr der Coleoni hatte angeblich drei Hoden, da- 
her der Name [Kleinpaul, Menschen- und Völkemanien^ 
Seite 154]. 

Von dem Ortchen La Colonna an den Albanerbergen über 
der labicanischen Strasse, das seinen Namen von einer 
antiken Säule hat. 



Dürer hatte sich mit Anspielung auf seinen Namen, der 
oft Thürer geschrieben wurde, zum Siegel eine Staffelei 
gewählt, auf der ein Wappenschild mit einem Thor und 
offenen Thüren lag. Geadelt erhielt er obiges Wappen. 



— 344 



Ges< 


:hle 


cht 


Wappenbild 


Devis,c 


Este 
Franz I. 
reich 


von 


Frank- 


Weisser Adler (the bird of Este). 


Ein Salamander im 
Feuer. Nutrisco et 


Gaetani 






Ein Stierkopf zwischen zwei Schil- 
den. 


exstmguo. 


Gonzaga 
Lucrezia 


Gonzaga 


Altes Wappen: Drei schwarze Bin- 
den in goldnem Feld. Seit 1365 
der gekrönte silberne Löwe von 
Böhmen. Seit 1433 vier schwarze 
Adler in Weiss. 


Domine prohastu 
t)Av^05. Fides. 

Hirschkuh. Nessm 








• 


mi tocca. 



Hamilton 
Haugwitz 
Hohenlohe 



Karl V. 



Mattei 



Medici [die Päpste Leo 
X. u. Clemens VIL] 

Königin Maria von 

Medici 
Wilhelm von Mont- 

joye 

Olivarez 



Trog und Säge. 

Steinbock. 

Phönix. 



Zweiköpfiger Adler mit ausgebrei- 
teten Flügeln. 

Ein Schachbrett mit einem quer 
durchgehenden Gurte, darüber ein 
gekrönter Adler. 

Sechs Kugeln (Falle) in goldnem 
Felde. 



Plus ultra. 



Feuer im Winde. 

Crescit adversis. 
Taube. Forte Vertu. 

Schäfer und Schäfer- 
hund. Fiel y segredo. 



— 345 — 



Fundort 



Bemerkungen. 



Mauern der Burg, 
welche sich an das 
Grabmal der Caecilia 
Metdla, das Capo dt 
Bcve, an der Appi- 
sehen Strasse an- 
schliesst. 



S. Maria in Ara-Celi, 
Eingänge der Kirche. 



Die Legende von dem italienischen Motto entlehnt: Nu- 
drisco il huono e spengo il reo. 

Ein Stierkopf ist bekanntlich bei ims das Wappen Meck- 
lenburgs. In Rethra, der Kultusstätte der Polaben, be- 
fand sich ein Bild des Gottes Radegast, derselbe hatte 
auf seinem Haupte einen Vogel, auf der Brust einen 
Stierkopf. Letzteren nahm Mecklenburg zum Wappen. 



Vielleicht dem Petrarca entlehnt, welcher (Soneiti in vüa 
di Madonna Laura No. 138) Laura als weisse Hirsch- 
kuh und auf dem Halsband die Worte geschrieben sieht: 
Nessun mi tocchi; libera farmi al mio Cesare parve. Be- 
zieht sich auf das antike Motto : Caesaris sum ; noli nu 
tangere. 



Der Mythus von der Verbrennung des Phönix passte zu 
dem Namen Hohenlohe (hohe Flamme). Einen Phönix 
hatte auch der Herzog von Longueville in seinem Wap- 
pen (Morir por no morir). 



Clemens VII. nahm als Kardinal zur Zeit Hadrians VI. 
das Sinnbild einer Glaskugel mit dem Motto Candor 
illaesus an [Rafaels Tapeten im Vatikan]. Siehe Klein- 
paul, Florenz in Wort und Bild, Seite 6. 18. 



— 346 — 



Geschlecht 



Wappenbild 



Devise 



Pamphili [Papst Inno- 
cenz X.] 

Richelieu 

Scala 
Sforza 

Grafen von Soissons 

Sultan Soliman 

Thurn und Taxis 



Eine Taube mit einem Ölzweige. 



Vecchietti 



Wasa 



Leiter (lat Scaia), 
Die löwenköpfige Schlange, welche 
ein Wickelkind verschlingt. 



Vier Leuchter, von denen einer an- 
gezündet ist. 
Silberner Dachs im Blauen Felde. 



Schiff im Sturme, fu- 
renübus eminetaustris. 



Fünf Mäuse. 



Reisigbündel, schwedisch wasa^ ei- 
gentlich Garbe. 



Eine gespannte Pistole. 

Si tangar! 
Allah . vere! Gebe 
Gott! 



Gewerbe, Stände 



Apotheker 



Arzte 



Bäcker (vergleiche 
unten Weissbäcker) 



Wappen. Zeichen. 



Äskulapstab, auch Symbol der Heilkunde und Abzeichen 
an den Achselstücken der Militärärzte. 



Urmglas, vergleiche Seite 103. Fünf Pillen oder Schropf- 
köpfe. 

Sichel und Ähren, Embleme des Landbaus, Attribute der 
Demeter (auf den Innungsfahnen). 



— 347 — 



Fundort 



Bemerkungen. 



Gipfel des Obelisken 
auf Piazza. Navona in 
Rom. 



Die Torrianiy Herren von Mailand, legten sich w^en 
ihres Besitzes in dem an Dachswild reichen Gebirge 
von Tassis bei Bergamo den Namen derer von Taxis 
bei. 

Mit Anspielung auf den Namen der Familie Vec^ietii 
sagt man in Florenz von einem, bei dem sich die Spu- 
ren des Alters zeigen, er habe tnesso su Varme dei cin- 
que topi. 

Nach diesem Reisigbündel wurde Gustav Eriksson vom 
Volke Gustav Wasa genannt. 



Bemerkungen. 



Einer schrieb über eine Apotheke: 



Hio Tenditor 

Catharticam, Emetlcam, Narooticnm 

Et onrne qnod exit in um 

praeter Remediam. 

Die Pillen oder Schröpf köpfe sind angeblich mit den Kugeln der Medici iden- 
tisch, deren Ahnherr ein Arzt gewesen sein und Kaiser Heinrich VIL kuriert 
hiiben soll. 

Auf den Bäckersiegeln alle Sorten Backwaren, namentlich der Brezel^ über den 
zwei Löwen die Krone halten. 



— 348 — 



Gewerbe, Stftnde 


Wappen. Zeichen. 


Barbiere 


Rasierbecken. Totenkopf mit zwei Knochen. 


Bauern 


Karst, d. i. eine Haue oder Hacke. 


Bergleute 
Bettfederhftndler 


Schlägel oder Fäustel und Eisen (Bergeisen). 

Ausgestopfte Gans, die in Federn schreitet Auch kleine 
rote, mit Federchen besteckte Kissen. 


Bierbrauer 


Drei Gerstenähren, von Hopfen umwunden. Maischgabel 
und Maischbottich. 


Buchdrucker 


Schwarzer, zum Fluge gerichteter, in den Krallen Tenakd 
mit Manuskript und Winkelhaken haltender Doppeladler 
in Gold. Kleinod: wachsender Greif, zwei Druck- 
ballen in den Pranken. 


Drechsler 


Hirschgeweih. 


Eiserzeuger 
Essenkehrer 


Eisbär (London, Freexing-Machine and Ice Company). 

Leiter und Besen, von welchem letzteren sie in Frankreich 
den Namen haben (Ramoneur von Ramcn). 


Farbenlager 


Bunter Stern. 


Fischhändler 


Steinerner Karpfen mit zwei Aalen, zum Bdspiel Espen- 
hain Nachfolger, Ranstädter Steinw^, Leipzig. In 
Altona: Blecherner Hering. 


Fleischer 


Ochsenkopf. Die Bockschlächter (italienisch Beccai\ haben 
den aufsteigenden Ziegenbock (Becco) in gelbem Feld; 
die Schweineschlächter, französisch Charcutiers, den 
Schweinskopf. 


Friseure 


Wachsbüste mit frisiertem Kopfe. Auch Konfektions- 
geschäfte haben eine Büste. 


Gerber 


1 

Haareisen. 



— 349 — 



Bemerkungen. 



Ein Barbier in Versailles, in der Nfthe des Sitzungsgebäudes der AssembUe Con- 
stUuante schrieb auf sein Aushängeschild: Je rase le derge, je peigne la 
noblesse et faccommode le tiers-etat. 

In Frankreich zur Revolutionszeit die Wage, als Symbol der Gleichheit. 



Den Buchdruckern verliehen von Kaiser Friedrich in. in Frankfurt; der Adler 
ist der kaiserliche. Daher «fuhren einzelne Buchhandlungen den Adler (z. B. 
Duncker & Humblot), andere den Greif (z. B. Cotta xmd Brockhaus). Die 
Abnlichkeit des Adlers mit dem österreichischen Doppeladler gab gelegentlich 
zu Beschwerden der wiener Hofbuchdrucker Veranlassung. 

Auch Zeichen der Jagdgerechtigkeit, vergleiche Wand er, einem Homer auf- 
setzen (II, Spalte 784). 

Den Eisbären führen auch die Eiswerke leipziger Gastwirte, 

Bin gutes Wappentier wäre das Murmeltier, das in Felsenspalten auf- und absteigt 
und dem die Savoyaxden das Schomsteinf^erhandwerk abgesehen haben sollen. 
Der Simplicissimus hatte es in hohlen Bäumen gelernt (II, Kapitel 31). 

In Holland wird in den sogenannten Oesterputs oder Austernbrunnen ^ wenn es 
neuen Hering gibt, über den Eingang eine Krone von Epheu, darunter ein 
nachgemachter Hering gehängt. 

Die Thonschweine in den Schaufenstern unserer Fleischer haben gewöhnlich die 
Form des antiken Ebers in Florenz. 



Ein Friseur in Troyes in der Champagne stellte in sein Schaufenster einen Ab- 

salom, wie er im Walde mit seinen Haaren an der Eiche hängen bleibt und 

von Joab erstochen wird (2. Samuelis XVIII, 9 ff.)»* darunter las man: 

Fassants, contemplez la douleor 
D'Absalon penda par la naqae: 
n eüt dyittf ce malheur 
8*11 eüt port^ perrnqae. 

So zu sehen bei dem k. k, ausschliesslich privilegierten bürgerlichen Weiss- und 
Sämischgerber , auch Pianofortejabrikantenleder er zeuger Daxl zu Wien im 
Hundsturm. 



— 350 — 



Gewerbe, Stände 


Wappen. Zeichen. 


Glaser 


Fenster mit bunten Scheiben, gewöhnlich ein r^elmässiges 
Sechseck, ans bunten Glasrauten zusammengesetzt 


Goldschmiede 
Handschuhmacher 


Becherlein und Ketten hinter den grünen Fensterranten der 
Werkstatt, denn Schaufenster gab es noch nicht pdV. 
Jahrhundert). 

Grosser roter Handschuh, der in einer gelben Manschette 
hängt und von weitem wie eine abgeschmttene blutige 
Hand aussieht. 


Holzschnitzer 


Hölzerner Löffel. 


Italiener 


Weisse Austemschalen mit einem hölzernen Pomeranzen- 
und Zitronenkranz. 


Kaffeewirte 


Hebe mit einer Kanne in der Hand (Italien). 


Kolonialwarenhändler 


Mohr mit Anker. Türke, einen Tschibuk rauchend. 


Kupferschmiede 


Kessel. 


Kürschner 


Ausgestopfte wilde Tiere, Löwen, Tiger, Luchse, Bären, 
Füchse, Seehunde u. s. w. Früher Pelzwerk, nament- 
lich Grauwerk, italienisch Vaioj nach welchem in Ita- 
lien die Kürschner (i Vaiai) benannt sind, wie in 
Deutschland nach dem Pelzrock oder der Kursen, 


Müller 


Hölzerne Windmühle. Wohl auch eine Metze. 


Milchwirtschaft 


Eine Kuh von Gips. Kühe mit Kälbern. 


Möbelhändler 


Tafel mit aufgemaltem Spiegel und Sopha. 


Pfandleiher 


In England: drei goldene Kugeln (three golden balls). 


Prostituierte 


An einem pompejanischen Lupanar findet sich das Signum 
emes Phallus, mit der Inschrift HIC HABITAT FELI- 
CITAS. Ein Cunnus wäre richtiger. 


Sattler 
Schlosser 


Aufgezäumter Pferdekopf. 
Grosser Schlüssel. 



— 351 



Bemerkungen. 



JBine blutrote Hand ist die unterscheidende Wappenzier der englischen Baronets, 
doch hat diese einen heraldischen Sinn. Es ist die Hand O'Neill's, der bei 
einer alten Expedition nach Irland der erste am Land sein wollte und sich, 
da ihm ein anderes Boot zuvorkam, die linke Hand abhieb und sie an die 
Küste warf [Brewer, Dictionary of Phrase and Fable: Red Hand of Ireland\, 



Der MHller mit der Meteen, 
Der Weber mit der Gretzen, 
Der Schneider mit der Scher, 
Wo kommen die drei Diebe her? 

Pistorius Th/etaurtta Paroemiarum III, 49 (Leipzig 1716). 

In Pompeji hat ein Milchhändler ein Kind, welches eine Kuh melkt, als Aus- 
hängeschild oder Signum, 



Die Medici, die Rotschilds ihrer Zeit, erhoben in allen Ländern den Peters- 
pfennig und machten Lombardgeschäfte. Daher gingen ihre Kugeln wieder auf 
die Pfandleiher über. Nach anderen vom heiligen Nikolaus, vergleiche Klein- 
paul Florenz in Wort und Bild, Seite i8. 



— 352 — 



Gewerbe, Stände 



Wappen. Zeichen. 



Schmiede 



Hammer und Zange in einem Schild (an den Hftnsem, wo 
I ihre Innungsstuben waren). 



Schneider 



Schuhmacher 



Schulmeister 

Schwertfeger 
Seifensieder 

Weissbäcker 



Wirte (besonders 
Weinschenken) 



Wollenweber 

Wursthändler 
Zimmerleute 



Schere und Bügeleisen. 



Leisten und Leistenzieher. 



Das Aushängeschild eines Schulmeisters gemalt von Hol- 
bein A. D. 1516 (Baseler Museum). (?) 

Stossdegen und Soldatenjacke (italienisch Giaco). 
Atlas, der eine seifene Weltkugel trägt. 



Ein schreitender Löwe, der eine Brezel anbietet. Ur- 
sprünglich eine gekrönte Brezel, gehalten von zwei 
schreitenden Löwen, welche in den anderen Pranken 
ein Schwert halten. 

Ein vor dem Hause aufgehängter Kranz oder Reif^ der 
wohl das herrliche, lustige Leben drin versinnbildlichen 
soll. Im Laufe der Zeit ist von dem Kranze nur ein 
grüner Zweig, ein Busch, ein Maie oder Strauss, ita- 
lienisch Frascuy übrig geblieben, daher ein Wirt, der 
verzapft, Strausswirt heisst. In Frankreich wird der 
Eingang der Schenken durch einen Tannenzweig oder 
Tannenzapfen bezeichnet. 



Weisses Schaf mit weissem Fähnchen, welches ein rotes 
Kreuz in blauem Felde zeigt (Florenz). 

Schwein von Schmalz. 

Hobel und Säge oder Winkelmass. 



— 353 — 



Bemerkungen. 



Das Wappen setzten sich die Schmiede angeblich nach dem Vorgange Wittich^s, 
welcher der Sohn des Schmiedes Wieland war; ein deutscher König verlieh 
es ihnen wohl auch ausdrücklich, weil sie ihm tapfer beigestanden. 

Ein Schneider Hess sich einen Schild malen: Zwei Löwen halten eine Schere, 
Auch Greife kommen vor, die eine ungeheure Schere halten. Der Scheren 
wegen wird der Schneider gelegentlich mit einem Krebs verglichen [Grimm, 
Wörterbuch V, Spalte 2128]. 

Auch ein grosser hölzerner Stiefel dient als Aushängeschild. Vergleiche Shake- 
speare König Heinrich der Vierte. Zweiter Teil (II, 4): und trägt seine Stiefel glatt 
an, wie an einem ausgehängten Bein auf einem Schilde. 

Ich fürchte Gott und lass ihn walten. 

Mach neue Schuh und flick die alten (Graupen bei Teplitz). 



Alexander war ein grosser Held, Help God in Genaden, 

Hier gibts die beste Seife von der Welt! Hier wird ok S6pe gesaden! 

Das Wappen den Weissbäckem wegen ihres Löwenmutes von Kaiser Karl IV. 
zugeteilt (A. D. 1348). An den Innungsstuben. 



Die alten Römer schmückten den Eingang ihrer Cauponae mit einer Epheu- 
ranke, weil der Epheu dem Bacchus heilig war. Daher Publilius Syrus in 
seinen Sentenzen sagt: suspendere vino per se vendibili non opus est hederam, 
wie es noch jetzt in Italien heisst: il buon vino non vuol frasca, oder in 
Frankreich: a bon vin pas d*enseigne, uüd selbst bei uns: guter Wein darjf 
keins ausgesteckten Reyffs, In Shakespeares König Johann II, 2 sagt der Bastard, 
dass auf jeder Schenke Schild der drachenspies sende Ritter St. Georg zu Pferde 
sitze. In Pompeji bildet ein viereckiges Täfelchen in gebranntem Thon, zwei 
Männer darstellend, welche eine Ampiwra an einer Stange tragen^ das Aus- 
hängeschild einer Weinschenke (Signum), 

Auch wohl Krempeln, Krätzel, Wollkämme und dergleichen. 



K 1 e i n p a u l , Sprache ohne Worte. ^^ 



Drittes Buch. 



Mit Absicht der Mitteilung und mit Gedanl^enaustauscii. 



23* 



Erstes Kapitel. 



Die entwickelte Sprache. Pantomimen und Hieroglyphen 

des Volks. 

Was ist besser, ein Feuerzeug oder ein brennendes Licht? — bisher hat man 
uns nur das Feuerzeug gereicht — Entwickelung des Gedankens aus dem Dinge ' 

— Wirklichkeit und Wahrheit — was geschieht eigentlich in uns, wenn wir 
denken? — der denkende Mensch gleicht dem Hirten im Evangelium, der das 
verlorene Schaf in seinen Stall zurückbringt — gleich ihm bringt er das Indi- 
viduum in der Art vermöge des Urteils unter — in der Sprache wird das In- 
dividuum zum Subjekt, die Art zum Prädikat, das Urteil zum Satz — der Satz 
wird wiederum in vierter Reihe zur Verknüpfung eines Substantivs mit einem 
Verbum — alle Sprache dreht sich um den einfachen Satz — die Realisierung 
des Satzes in der Lautsprache und in der Sprache ohne Worte — die Darstel- 
lungsmittel der letzteren sind die Geberde und die Schrift — der Klub des 
Stillschweigens in London, seine seltsamen Gebräuche und Satzungen — er über- 
sieht nur, dass sein Stillschweigen kein absolutes und dass die Geberdensprache 
auch eine Sprache ist — die Kunst der Pantomime — der pontische König er- 
bittet von Nero einen Schauspieler, der ihm helfen soll, sich mit Barbaren zu 
verständigen — die Chironotnia der Alten: Beispiel an einer antiken Vase — 
die Finger kleine alpartige Geister — was man mit ihnen alles zu Wege bringt 

— die Geberdensprache und der plastische Sinn der Neapolitaner — jeder Nea- 
politaner vom Lazzarone bis zum König spricht mit seinen Händen — die 
Rede des lie Bomba — die Finger als Geschwister, als Sekretäre — die 
Bilderschrift des Volkes in Wirtshäusern und Schaubuden — Theaterzettel und 
andere Anzeigen in Bildern — Hier wird nicht gepumpt — Schimpf und Spott 
greifen zur Bilderschrift — die Geige, ein volksmässiges Sinnbild für das Weib 

— wie sie gefallenen Mädchen angehängt und zu einem allgemeinen Ausdrucke 
des Spottes erhoben wurde — in Tirol wird sie an die Wand gemalt — Korre- 
spondenz per Postkarten zwischen einem Westfalen und seinem Stammtisch in 
Leipzig — die Bilderschrift dient gelegentlich dazu, die Gedanken des Schreibers 
zu verhüllen — Gaunerzinken und Spitzbubenzinken — Zeichen der Fahrenden 



— 358 — 

Leute: der Pfeil — zum Teil sind diese Zeichen uralte deutsche Personenbe- 
zeichnungen — Pfeile, Herzen, Fackeln auf Liebesbriefen des XVI. Jahrhunderts 
— erotische Wandmalereien — die griechische Drei und die polnische Fünf. 

Wir haben eine Sprache gefunden und wir suchen nach 
einer besseren, ohne noch zu wissen, ob es eine bessere 
wirklich gibt. Mehr Licht! Mehr Licht! — rufen wir mit 
Goethe und andern Sterbenden. Ha! Wenn wir Licht 
brauchten und es reichte uns einer ein Feuerzeug — sei 
es ein Luntenfeuerzeug, sei es eine Döbereiner'sche Zünd- 
maschine, sei es eine Schachtel voll schwedischer Zündhölz- 
chen — ein anderer aber reichte uns einen brennenden 
Wachsstock — welchem von beiden wären wir zu grösserem 
Dank verpflichtet? Nicht wahr, dem letzteren? — Denn die 
Lunte kann nicht verfangen, der Phosphor kann abgerieben 
sein, und am Ende haben wir noch die Mühe. 

Mehr Licht! — Bisher hat man uns nur das Feuerzeug 
gereicht. Man hat uns die Nuss gegeben, die wir knacken, 
das Rätsel, das wir selbstdenkend lösen sollen. Vielleicht 
dass es doch gut wäre, wenn nicht bloss das Ding gezeigt 
würde, wie es aussieht, sondern auch die Eigenschaft, die 
an dem Dinge haftet und auf die es eben ankommt, be- 
sonders hervorgehoben und dem Beobachter präsentiert 
werden könnte wie eine reife Frucht — wenn diese Eigen- 
schaft irgendwie symbolisch sichtbar und greifbar gemacht 
werden könnte. Dann hätte der Angeredete nichts mehr 
zu erraten, er hätte nur aufzumerken; er hätte den Gedan- 
ken nicht mehr wie ein Klind von der Mutter zu entbinden, 
er hätte ihn nur aufzuheben wie ein Vater das Knäblein, 
das vor ihm niedergelegt worden ist 

Dann entstünde eine wahre Unterhaltung und ein 
wahrer Gedankenaustausch fände statt — eine neue Sphäre 
und ein neues Reich von logischen Beziehungen und von 
logischen Kategorien thäte sich plötzlich auf — die Sphäre 
der Erkenntnis und eines höheren, gleichsam potenzierten 
Daseins. Denn die Natur ist einfach und ungeteilt, im 
denkenden Menschengeiste tritt ein Zwiefaches in ein Ver- 



— 359 — 

hältnis und erzeugt jene subjektive Übereinstimmung, die 
"Wahrheit genannt wird — es hat sich vor unserer Seele 
wie ein Vorhang weggezogen und wir blicken in eine neue, 
fremdartige Ordnung der Existenz. 

Was ist dcis für eine Ordnung? Welchen Ausdruck 
findet sie in der Sprache? Was geschieht eigentlich in uns, 
wenn wir denken? — 

Des weisesten Mannes tiefste Gedanken und die Fase- 
leien eines Idioten, beide kommen sie mir vor, wie die 
sorgenvollen Wege des Hirten im Evangelium, der hundert 
Schafe hat und dem eins davon abhanden gekommen ist. 
Er geht hin nach dem verlorenen, bis dass er es finde, und 
wenn er es gefunden hat, so legt er es auf seine Achseln 
mit Freuden. Ich will nun annehmen, dass der Mann seine 
hundert Schafe in vier Herden geteilt und fiir die vier 
Herden vier verschiedene Ställe gebaut habe. Wenn er 
also heimkommt, so ruft er erst seine Freunde und Nach- 
barn und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir, denn ich habe 
mein Schaf gefunden, das verloren war; dann aber trägt er 
das Schaf zu der Hürde, wo es hingehört. Der Schäfer 
weiss nicht gleich, welche Hürde das ist. Er sieht sich 
deshalb das Schaf daraufhin recht an — je nach der 
Herde haben nämlich die Schafe Zeichen auf dem Vliesse; 
aber weil es spät geworden ist, so kann er in der Finster- 
nis das Zeichen nicht mehr gut unterscheiden. Endlich 
glaubt er ein rotes A zu sehn und er trägt das Schaf zum 
ersten Stalle; aber die Schafe, die darin stehn, bekennen 
sich nicht dazu. Jetzt hält er den Buchstaben fiir ein B, 
er trägt das Schaf zum zweiten Stalle; aber es ist auch 
nicht der richtige. In dem Augenblicke geht der Mond 
auf und bei seinem Scheine erkennt der Hirte, dass es ein 
D ist. Er trägt also sein Schaf zum vierten Stalle, die 
Schafe blöken, und nun hat die liebe Seele Ruhe. 

So der nachdenkende Mensch. Sein Schaf ist das In- 
dividuum und seine Herden sind die Arten, die er kennt. 
Das Individuum der Art unterzuordnen, zu welcher es 



— 360 - 

gehört, das Schaf in den richtigen Stall zu bringen, ist die 
Hauptsorge des Verstandes. Die Unterbringung erfolgt im 
Urteil. 

Soll nun das Urteil eine äusserliche Gestalt gewinnen, 
so sind offenbar zwei Ausdrücke nötig, einer für das Indi- 
viduum und einer für die Art; das Nebeneinandersetzen 
beider wird die Form sein, in der wir die Identität beider 
Begriffe anerkennen. Die Grammatik verwandelt dann den 
Namen des Individuums in den des Subjekts und den 
Namen der Art in den des Prädikats. Die Verbindung 
des Subjekts mit dem Prädikate nennt sie Satz. 

Dabei scheint es nicht unangemessen, sich das Prädikat 
als einen dem Subjekt inwohnenden Zustand, gewisser- 
massen als das Wesen des Subjekts vorzustellen; mit andern 
Worten: aus dem Prädikat ein Verbum zu machen und 
im Gegensatze dazu das Subjekt ein Nomen und zwar ein 
Nomen Substantivum, respektive ein Pronomen zu 
nennen. Die Sprache wird mithin in vierter Reihe die 
Verknüpfung eines Substantivs mit einem Verbum. 

Und damit ist sie fertig; sie hat nicht mehr, nicht 
weniger vonnöten; in dem Satze, welcher Subjekt und 
Prädikat verbindet, ist alle Beredsamkeit des Demosthe- 
nes enthalten. Zwar vermag die Sprache nicht immer mit 
diesen Elementen der menschlichen Rede auszukommen 
und alle näheren Bestimmungen in die zwei Urredeteile, 
das Substantivum und das Verbum, zu pressen, daher sie 
dann von aussen und unorganisch unzählige neue Partikel- 
chen an das Verbum und an das Substantivum anleimt. 
Aber bedenken wir, dass alle jene näheren Bestimmungen 
einzig und allein Auskunftsmittel und sozusagen Entschul- 
digungen einer Sprache sind, die nicht mit einer unbe- 
schränkten Zeugungskraft begabt ist; und dass selbst wenn 
ganze Sätze in Form von Bedingungen und Gründen ein- 
geschoben werden, der ursprüngliche Satz innerlich doch 
nicht grösser wird, sondern ein einfaches logisches Ver- 
hältnis bleibt. In Ewigkeit dreht sich die Sprache um 



— 361 — 

Substantivum und Verbum, die Identität von Subjekt und Prä- 
dikat. Dagegen entsteht jetzt die grosse Frage. Es fragt sichi 
Wie wird denn nun der Satz realisiert? Wenn die Sprache 
niemals auf etwas anderes als auf die Verknüpfung eines 
Verbums mit einem Substantivum hinausläuft; wenn diese 
beiden Elemente wenigstens den Kern darstellen, an wel- 
chen alle übrigen Redeteile im Laufe der Zeit anschiessen; 
was haben denn die Menschen für Mittel, um Substantivum 
und Verbum darzustellen und perfekt zu machen? — Un- 
vermerkt sehen wir uns hier von neuem vor das schwierige 
Problem des Ursprungs der Sprache gestellt. 

Wer dasselbe aufs Tapet bringt, pflegt zunächst und 
ausschliesslich an die Lautsprache zu denken; er will nur 
Ohren für die Sprache, keine Augen. Wie mag es beim 
Grauen des ersten Tages gewesen sein, als ein Jäger oder 
ein frommer Hirte den patriarchalischen Mund aufthat und 
zum erstenmale ein Subjekt mit einem Prädikat verknüpfte, 
um seinem aufhorchenden Weibe das logische Verhältnis 
zweier Begriffe auseinanderzusetzen? Wie mag die Har- 
monie der ersten menschlichen Rede über die Erde ge- 
zittert haben, als einst Apollo auf der Leier Merkurs die 
ersten Saiten rührte und die Töne mit Worten bögleitete? 
— Nun haben sich allerdings die Laute der menschlichen 
Stimme als der Boden erwiesen, auf welchem das Gewächs 
der Sprache am üppigsten gedeiht; die Lautsprache ist 
unter allen Sprachen die am meisten entwickelte und am 
meisten ausgebildete, man kann sagen, die Sprache par ex- 
cellence und von der gegenwärtigen Phase an die unbe- 
strittene Führerin. Gleichwohl muss anerkannt werden, 
dass die Darstellung des Satzes auch noch mit andern 
Mitteln gelungen ist und dass die Sprache ohne Worte 
nicht gleichsam an der Pforte des Gedankens stehen bleibt, 
sondern ebenfalls die logische Schwelle überschreitet und 
eine regelrechte Nachbildung von Subjekt und Prädikat er- 
möglicht. Ja, man möchte behaupten, dass die Mittel, welche 
die Sprache ohne Worte anwendet und mit denen sie der 



— 362 - 

Lautsprache gewissermassen Konkurrenz macht, natürlicher 
sind und näher liegen als die gesprochenen Worte, deren 
Entstehung eine komplizierte geistige Thätigkeit voraussetzt 
— die Übersetzung der sichtbaren Welt in Laute und 
Lautkomplexe bleibt immer etwas Dunkles und Unverständ- 
liches, es scheint, der Mensch müsse sich erst auf Um- 
wegen zu einem solchen Wagnis entschlossen haben, zu- 
nächst wird jedermann darauf verfallen, das Sichtbare acht- 
bar, das Körperliche körperlich darzustellen. Die beiden 
Darstellungsmittel der Sprache ohne Worte sind: die Ge- 
berde und die Schrift. 

Gegen Ende des XVIL Jahrhunderts bildete sich in 
London ein Klub des Stillschweigens. Als Grundgesetz galt, 
den Mund nicht aufzuthun. Der Präsident war taubstumm; 
wie die andern sprach er mit den Fingern, und selbst diese 
Beredsamkeit durfte nur bei ausserordentlichen Gelegen- 
heiten angewendet werden. Als die vereinigten Heere des 
Prinzen Eugen und Marlboroughs am 13. August 1704 den 
glänzenden Sieg bei Höchstädt errungen hatten, wag^e es 
ein patriotisches Mitglied, die Nachricht laut zu verkündigen; 
alsbald wurde abgestimmt, ob der Frevler noch im Klvh 
des Stillschweigens verbleiben dürfe — die meisten waren für 
sofortige Ausstossung. Sie sprachen ihr Verdikt nach alt- 
römischer Sitte aus, indem sie den Daumen nach unten 
wandten: damit gaben einst die Zuschauer im Amphitheater 
den Befehl zur Erteilung des Todesstosses, wenn der ver- 
wundete Gladiator, um sein Leben bittend, einen Finger in 
die Höhe hob. Auch beim antiken Faustkampf war der 
Kampf entschieden, sobald sich einer der Kämpfer durch 
Emporheben der Hand für besiegt erklärte. Das Zeichen 
der Gewährung war von Seiten der Zuschauer das Schwen- 
ken von Tüchern. 

Ich weiss nicht, wie die londoner Stillschweigenden 
umgekehrt über die Wahl abstimmten, wenn ein neues 
Mitglied in den Klub aufgenommen werden sollte — ob sie 



— 363 — 

aufstanden oder ob sie die Hand aufhoben — ob sie nickten 
oder nach Art der alten Römer dem Vorsehlag beitraten (pedihus 
iverunt in sententiam) — ob sie Kugebi oder Bohnen nahmen. 
Jedenfalls weiss ich, dass sie nicht Ja! gerufen haben, wie 
die alten Deutschen und die Spartaner. 

Die berühmte Koterie wird in England noch heute mit 
Hochachtung genannt. In dem Vestibulum des Klubhauses 
war die Marmorstatue eines Gottes aufgestellt, der den 
Zeigefinger der rechten Hand auf den Mund legte und mit 
der linken ein Hom hielt; sein Haupt schmückte die Lotos- 
blume. Das war der wohlbekannte Harpokrates, der Sohn 
der Isis und des Osiris, dessen Bilder man an den Ein- 
gängen von Tempeln anzubringen pflegte — Horus das 
Kind, ägyptisch Har-pi-kruti, der (vergleiche Seite 230) als 
Kind an seinem Finger nutschte, in dem aber die weisen 
Griechen den Gott des Stillschweigens erkannten und der 
hier dem eintretenden Schüler des Pythagoras die goldenen 
Worte zuzurufen schien: 

Du verzäunest deine Güter mit Domen; warum machst du 
nicht vielmehr deinem Munde Thür und Riegel? — 

Ähnliche gute Sprüche bedeckten die Wände der Ge- 
sellschaftsräume, der Speisezimmer, der Lesehallen; dawaren 
wie in La Trappe die Worte des 139. Psalms zu lesen: 

Vir linguosus non dirigetur in terra; 

da stand das schöne italienische Sprichwort angeschrieben: 

Un bei tacer non fu detto mai, 

ein schönes Schweigen wurde nie gesagt. In Summa, es 
waren schöne Schweiger, echte Jünger der Sprache ohne 
Worte, Vorläufer des Verfassers, der zwar selber Worte 
macht, aber in Worten zeigen will, dass wir der Worte 
nicht bedürfen, um deutsch zu reden, dcis heisst deutlich. 
Nur eins haben sie noch nicht begriffen. Es ist zwar 
schön und dem Herzen der Vereinsmitglieder rühmlich, dass 
sie ihre heiligen Räume durch kein lautes Wort, kein pro- 



— 364 — 

fanes Gespräch entweihen wollen — dass sie nur stille Ge- 
berden, bedeutungsvolle Zeichen zum Ausdruck ihrer Ge- 
danken wählen und Unguis favent: aber darin täuschen sie 
sich, dass sie glauben, das sei keine Sprache, und sich 
mimisch unterhalten heisse schweigen. Die Geberdensprache 
ist eine vollendete Sprache, nur dass die Luft nicht er- 
schüttert wird; und ein absolutes Schweigen tritt erst dann 
ein, wenn der Austausch der Gedanken völlig stockt Das 
hönnten sich auch die Trappisten und alle, die Profession 
vom Schweigen machen, aber nur in Worten schweigen, 
gesagt sein lassen. Wer hätte sich im berliner Opemhause 
noch nicht an einem grossen Ballett ergötzt, an Satanella 
oder an Ellinor und an jenen pantomimischen Tänzen, die 
Cervantes redende Tänze nennt? — Die Kunst der Pantomime 
war bei den alten Römern zu einem Grad der Vollkommen- 
heit gebracht worden, dass ihnen diese stumme Sprache oder 
diese stumme Musik, wie sie dieselbe nannten, deutlicher er- 
schien als die Deklamation selbst. Cassiodor spricht von 
den beredten Händen, den sprechenden Fingern, dem pathetischen, 
Schweigen der Künstler, die gleich ihren Geberden den Namen 
Pantomimen führten. Ein Gesandter des Pontischen Königs 
(der Pontus war seit Mithridates durch sein Völker- und 
Sprachen gemisch bekannt) wohnte in Rom der Aufführung 
eines Pantomimus bei. Er war von der Geschicklichkeit des 
Schauspielers so entzückt, dass er den Kaiser Nero inständig 
bat, ihm den Mann gnädigst zu überlassen. Eure Majestät 
halte mir meine Bitte zu gute, sagte der Gesandte; wir haben 
Barbaren zu Nachharn, deren Sprache niemand versteht und die 
die unsere niemals erlernen werden: dieser Mann, der durch Ge- 
herden zu sprechen weiss, wäre am ersten imstande, ihnen unsern 
Willen beizubringen. Es scheint, dass oft ein einziger Schau- 
spieler das ganze Stück aufführte, denn ein anderer Fremder, 
welcher gleichfalls in Rom ein solches Ballett sah, drückte 
eben einem Pantomimen sein Erstaunen darüber aus, dass 
er es allein gegeben habe — Du hast in Einem Körper mehr 
als Eine Seele, meinte er zu ihm. Und dabei konnten die 



— 365 — 

römischen Pantomimen nicht einmal das Gesicht zu Hilfe 
nehmen, denn sie waren wie alle Schauspieler maskiert. 

Sollte man es glauben, dass es der Schauspieler Ros- 
cius im Ausdruck der Gedanken mit dem Cicero aufnahm? 
— In seinen jungen Jahren erhielt Cicero von Roscius Unter- 
richt; und später pflegten beide oft miteinander zu versuchen, 
wer einen Gedanken am besten und wirkungsvollsten aus- 
zudrücken imstande sei, der Redner mit seiner Beredsam- 
keit oder der Schauspieler mit seinen Gesten. Cicero 
wechselte seine Redensarten, Roscius seine Geberden, ohne 
dass ein Ausdruck weniger passend, weniger kräftig ge- 
wesen wäre. Macrobius, der diese Anekdote erzählt, fügt 
hinzu, Roscius habe durch solche Übungen eine so hohe 
Meinung von seiner Kunst bekommen, dass er ein Werk 
geschrieben habe, in welchem er Beredsamkeit und drama- 
tische Kunst verglich. 

Die Schauspielkunst jener Tage muss wohl gross und 
in vieler Beziehung grösser gewesen sein als jetzt; ja, ich 
stehe nicht an zu behaupten, dass die Pantomimen des alten 
Italiens, von denen uns in den pompejanischen Gemälden 
zahlreiche Gruppen in den mannigfaltigsten Posen, den an- 
mutigsten Attitüden erhalten sind, unsere Balletttänzer nicht 
nur an Kraft und Formenschönheit, sondern auch an Ge- 
wandtheit und an eigentlicher Kunstfertigkeit übertrafen. 
Die ersten Männer des Reichs verfolgten ihre Darstellungen, 
man kann sagen, mit Leidenschaft. Das römische Volk 
aber liebte sie dermassen, dass man unter Kaiser Konstan- 
tius alle Philosophen aus Rom fortjagte, weil angeblich 
Hungersnot vor der Thür stand, aber man behielt sechs- 
tausend Pantomimen, nämlich dreitausend Schauspieler und 
dreitausend Schauspielerinnen. 

Und jedermann bekam etwas ab von dieser Pantomimik; 
oder vielmehr umgekehrt: die Kunst wurzelte in dem Boden 
des Volksgemüts, das von jeher zur Mimik und zur plasti- 
schen Ausdrucksweise neigte. Die Alten nannten die Kunst, 
zu gestikulieren und mit Händen und Füssen zu sprechen, 



— 366 — 

Ghironomiay dcisselbe wie Pantomimik; sie wurde von Grie- 
chen und Römern stark geübt, im Theater, auf der Redner- 
tribüne und im gemeinen Leben auf der Strasse. Sie war 
ihnen notwenig, weil sie die Gewohnheit hatten, zu Volks- 
versammlimgen unter freiem Himmel zu reden — die Mehr- 
zahl hätte den Redner ohne Beihilfe gewisser konventio- 
neller Zeichen kaum verstehen können. Diese Zeichen 
bestanden in eigentümlichen Haltungen der Hände und der 
Finger, deren Sinn allgemein anerkannt und allen Klassen 
geläufig war; von der Rhetorik wurden sie in ein vollstän- 
diges System gebracht. Noch heute findet man im neapo- 
litanischen Volke Spuren dieses Systems: lange Unterhal- 
tungen werden da geführt, ohne dass man ein Wort hörte. 
Die heutigen Neapolitaner sprechen mit Geberden wie die 
Alten, ja teilweise noch mit denselben Geberden wie die 
Alten, und ein gewöhnlicher Lazzarone, den wir mit ins 
Museum nehmen, wird uns häufig, wenn es sich um popu- 
läre Chironomen oder Pantomimen handelt, die beste Auf- 
klärung geben können. Wir erblicken auf einer Vase zwei 
Frauen und einen Satyr: die beiden Frauen zanken sich. 
Die links beugt sich vor und streckt anklagend ihren Zeige- 
finger aus; die rechts macht eine Bewegung rückwärts, 
unterbricht sich im Schlagen des Tamburins und hebt die 
Arme in die Höhe: sie ist überrascht, wenigstens stellt sie 
sich so, als ob sie's wäre. Bis hierher dürfte es wohl ein 
jeder erraten haben. Aber die Veranlassung des Streites? 
Man kann sie gleichfalls an den Fingern der Frauen ab- 
lesen. Es handelt sich um die Liebe, und die Eifersucht ist 
im Spiele. Wenn ein heutiger Neapolitaner den Begriff 
Amore veranschaulichen will, so verbindet er die Spitzen 
des Zeigefingers und des Daumens der linken Hand: eben 
dcis thut die erste Figur, und die zweite drückt nicht nur 
die einfache Überraschung durch ihre Haltung aus, sie 
leugnet auch und ist über die Zumutung entrüstet, und 
zwar indem sie die geöfihete rechte Hand in Schulterhöhe 
hebt: denn das ist die Art und Weise, wie der Neapolitaner 



— 367 — 

etwas ableugnet, besonders wenn ihm die Beschuldigung 
missfällt. So sind diese paar Gesten einem langen Ge- 
spräche gleich. Der Gegenstand des Streites ist ohne Zwei- 
fel der sitzende Satyr, der anscheinend mit grossem Eifer 
zwischen den beiden erzürnten Damen seine Flöte bläst, 
aber der Nymphe mit dem Tamburin einige unvorsichtige 
Avancen machte. Seine alte Leidenschaft, die hinter ihm 
steht, hat ihn ertappt. Auf diese Weise wird das kleine 
Bild ein niedliches Pendant zu dem ersten Relief an der 
Molin'schen Bronzegruppe zweier Messerkämpfer in Stock- 
holm. 

Die Finger sind gleichsam kleine alpartige Geister: in 
dem sächsischen Siebenbürgen wird ein Märchen erzählt, 
wie die vier Finger zusammenausgehen ohne den älteren 
Bruder, den Daumen, und gegen seinen Willen. Als sie 
in Gefahr geraten, ruft der Kleine den Daumen herbei, der 
ihnen mit einer Keule zu Hilfe kommt. Ahnlich heisst es 
in der Bretagne, wer nicht faul sei, habe zu aller Zeit zehn 
Zwerge im Dienst, die für ihn arbeiten, nämlich die zehn 
Finger; und so antwortete der Papst Clemens XIV. auf die 
Fr^e einer Prinzessin, ob er nichts von der Indiskretion 
seiner Sekretäre fürchte: Nein, gnädige Frau, ich fürchte nichts, 
trotzdem ich ihrer drei habe — er zeigte die drei Finger, mit 
denen er schrieb. Bei uns selbst sagen die Kinder: 

Das ist der Daum, 

der schüttelt die Pflaum u. s. w. 

Aber ebenso gut könnte man behaupten, wer stumm sei, 
habe jederzeit zehn kluge Zwerge im Dienst, die fiir ihn 
sprechen und Subjekt und Prädikat blitzschnell und beredt 
nachmachen: die Finger sind wahre Poeten, namentlich in 
Neapel. 

Will der Neapolitaner andeuten, dass sich zwei Per- 
sonen nahe stehen, z. B. Bruder und Schwester und, wie 
es auf italienisch heisst, come le dita della mano, wie zwei 
Finger an einer Hand sind, so legt er die beiden Zeige- 
finger aneinander; er betrachtet seine Hände als Geschwister, 



— 368 — 

genau so wie Signora Francesca in den Bädern von Lucca 
ihre beiden Füsschen wie hölzerne Puppen agieren, von 
einander Abschied nehmen, sich mit den Spitzen küssen 
und die zärtlichsten Dinge sagen lässt. Auch der Franzose 
hat das Sprichwort : Deux bons amis sont comme les äeux daigts 
de la main» 

Man kann dreist sagen, dass die Neapolitaner ebenso 
viel mit Geberden, als mit Worten sprechen; und dass sie 
sich der ersteren auch dann noch bedienen, wenn Worte 
recht gut verstanden werden würden, bloss weil sie ihrem 
Temperamente mehr entsprechen. Fainello sieht seinen 
Freund Carta-carta vorübergehen; er will sagen, er soll 
warten: er sagt das nicht, er erhebt nur seinen Arm. Man 
will die neueste Canzona kaufen, ist sie noch vorrätig? 
Der Buchhändler wirft (dvavevuDv) den Kopf zurück und 
macht den Mund nicht auf. Man will den Herzog Madda- 
loni besuchen und fragt, ob er zu Hause sei. Der Diener 
beginnt sich mit den Fingern Hals und Kinnlade bedauer- 
lich zu kratzen; versteht man die Grimasse nicht und fragt 
noch einmal, so kratzt der Unselige nur noch mehr; fragt 
man immer wieder, so kratzt er weiter, gerade als ob er 
stumm geboren wäre. Ebenderselbe wird, um gar nichts, 
niente affatto auszudrücken, eine im ganzen Orient gebräuch- 
liche Geste wiederholen, nämlich den Nagel des rechten 
Daumens an die Oberzähne ansetzen und ihn durch eine 
rasche Bewegung vorschnellen; nicht minder beliebt ist eine 
abweisende Bewegung des Zeigefingers, synonym mit der 
vorigen, aber mehr unserem is nich entsprechend, wir er- 
wähnten sie bereits auf Seite 263. 

Ja nicht bloss der gemeine Mann ist in Neapel Meister 
der Pantomime, nein auch der Vornehme und selbst Seine 
Majestät. Der Exkönig beider Sizilien, Franz 11., der so- 
genannte Be Bombay legte dereinst bei einem Volksaufstand 
eine glänzende Probe davon ab. Er stand auf seines 
Schlosses Zinnen und wollte sich der Menge verständlich 
machen. Zuerst machte er mit beiden Händen eine Geste, 



— 369 — 

wie wenn man etwas niederschlagen oder beschwichtigen 
will; das hiess: Seid ruhig. Hierauf deutete er auf seine 
eigene Person und spitzte den Mund; das bedeutete: Hört 
auf mich. Als er so ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, 
schlug er die Hände seitwärts auseinander, wie wenn man 
etwas zerstreuen will, das war soviel als: Geht auseinander. 
Nun handelte es sich darum, ihnen das verhängnisvolle Sonst 
zu versinnlichen; er thafs, indem er die Achseln einzog 
und die Hände flach in die Höhe hielt, wie man etwa thut, 
wenn man etwas Furchtbares erblickt und erschreckt davor 
zurückweicht. Sonst, wollte er sagen, werde ich euch durch 
den Polizeidirektor Äjossa, der schon an die 5000 eingesperrt hat, 
ebenfalls hinter Schloss und Riegel bringen lassen. Wie führte 
er das aus? Er hielt die gespreizten Hände kreuzförmig 
vors Gesicht, wodurch ein Gitter abgebildet wurde. 

Mit der affenartigen Beweglichkeit der Neapolitaner 
können wir nun allerdings nicht wetteifern; indessen stumm 
sind unsere Hände darum nicht. Auch wir drohen mit 
dem Finger, indem wir den Zeigefinger wie einen Stock in 
die Höhe halten — auch wir deuten, zeigen, weisen, winken 
mit dem Finger, mit dem eben danach genannten Zeige- 
finger, den wir aufheben und nach uns zu bewegen, wenn 
jemand zu uns kommen soll, während der Italiener zu dem- 
selben Zwecke die Hand in der Richtung nach dem Ge- 
rufenen zu bewegt und das thut, was wir abwinken oder die 
Berliner Schippenrvinken nennen — auch wir zählen uns die 
Gründe an unsern fünf Fingern ab, genau so wie die Ita- 
liener die Finger ausstrecken, um zu rechnen. 

Es ist eine bemerkenswerte Thatsache, dass wir uns 
in der Fremde oder bei der Betrachtung entfernter Zeiten 
gern über Dinge verwundem, die allgemein menschlich und 
bei uns und in der Gegenwart genau so zu finden sind, 
wir haben sie nur in der Heimat nicht beachtet. Das ist 
der Fall mit vielen plastischen Geberden, die uns erst in 
Italien und an den Vasen des Altertums auffallen; das ist 
nicht minder der Fall mit den rohen Zeichnungen, den 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. 24 



— 370 — 

primitiven Medereien, die uns auf der hohen Schule als die 
Anfänge der Schrift gedeutet werden und deren unsere 
eigene, nächste Umgebung voll ist. 

Wenn der Amanuensis erfahrt, dass die chinesische 
Schrift ursprünglich eine einfache Bilderschrift gewesen sei; 
wenn ihm gesagt wird, dass die Hieroglyphen der alten 
Ägfypter mehr oder weniger treue Abbildungen von Gregen- 
ständen allerart darstellen, die auf den Denkmälern einge- 
schnitten oder im Relief aus der Fläche herausgearbeitet 
oder in Farben ausgeführt wurden: so glaubt er etwas 
Besonderes zu lernen, und eine solche Gelehrsamkeit macht 
ihn stolz. Aber, o mein Lieber, begleite mich doch ein 
wenig in die Stadt, so will ich Dir tausend Hieroglyphen 
zeigen, die den ägyptischen nichts nachgeben und die der 
gemeine Mann liest, ohne sich etwas einzubilden. Am 
besten, wir gehen gleich in ein gutes Restaurant, um das 
Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Wollen 
wir hier hineingehen? Da gibt's einen kräftigen Mittägstisch 
und gleich am Eingang Wasser auf unsere Mühle. Denn 
wülst du toissen, wie sicKs lebt in diesem Speisehaus? — Sieh 
nur, sieh nur! Da hängt links das Bild eines mageren Man- 
nes, der zur Thür hineingeht So gehst du Wein. Und rechts 
hängt das Bild eines wohlgenährten dicken Mannes, der 
das Lokal verlässt. So kommst du Waus, Doch so dick 
wollen wir nicht werden, da müssten wir am Ende gar 
Marienbad gebrauchen. Gehen wir zu Kitzing & HeUngy das 
ist ein vornehmes Restaurant. Das sieht man schon daraus, 
dass das Mitbringen von Hunden nicht gestattet ist. Woher 
wissen wir das? Ah, aus einer hieroglyphischen Darstellung, 
die abermals gleich beim Eingang angebracht ist. Das Mit- 
bringen von und ist nicht gestattet ist mit Buchstaben ge- 
schrieben, aber die Hunde, welche Tische und Stühle umwerfen^ 
die Gäste beunruhigen und einen greulichen Skandal verführen sind 
gemalt. Oder gehen wir nach Stadt Dresden, da können 
wir einen Schafkopf spielen. Wie wär^s mit einem gemiUlichen 
Schaf köpf? — lesen wir an der Wand; aber dcis Wort Schaf- 



— 371 — 

köpf ist nicht geschrieben, sondern durch einen wirklichen 
Schafkopf ausgedrückt; darunter sitzen Herren mit Schafköpfen, 
welche spielen. Oder endlich gehen wir in das Restaurant 
auf dem Bayrischen Bahnhof. Du denkst, dort hat man 
keine Zeit zu derlei Kalligraphie? Sieh Dich nur im ersten 
Zimmer um, mein Sohn: ein grosses Messer von Pappe ist 
aufgehängt und da, wo Heft und Klinge zusammenstossen, 
eine Klüngel angebracht; ein Fuchsschwanz dient als Klin- 
gelzug. Und daran wird gezogen, wenn einer mit dem 
grossen Messer aufschneidet. 

Wir mögen hingehen, wohin wir wollen, überall begegnen 
uns Spuren der chinesischen Bilderschrift; wo es sich nur 
fügen will, wird die Buchstabenschrift unterbrochen und 
gemalt, als ob wir nicht lesen könnten: vor der Menagerie 
werden die wilden Tiere, vor dem Puppentheater die Szenen 
aus Doktor Johannes Faust, an den Läden die vorhandenen 
Waren abgebildet: noch heute ist in dem bekannten Deli- 
katessengeschäft von Schwennicke^s Witwe in dem Salzgäss- 
chen die ganze Wand über dem Eingange mit Malereien 
geschmückt, die namhaftesten Delikatessen darstellend, die 
in dem Gewölbe zu haben sind. Es gibt ja Länder und 
Städte, die von lUitteraten voll sind — in Neapel mag es 
gut sein, am Eingange des Theaters das Sujet markig zu 
vergegenwärtigen, statt einen Zettel zu schreiben, den der 
Lazzarone nicht versteht, in Tirol mag man auf das Kreuz- 
lein, welches das Grab eines Verunglückten bezeichnet, die 
zerbrochene Deichsel bilden, in Mariazeil neben das Votiv- 
geschenk Gefahr und Krankheit malen. Aber selbst an 
Mittelpunkten der Zivilisation, wie Leipzig und Berlin, 
scheint das Volk immer wieder in die uranfänglichen Hiero- 
gl)rphen und in die primitiven Bilder zurückzufallen, von 
denen wenigstens unsere gegenwärtige Schrift ausgegangen 
ist. In den römischen Osterien wird wohl ein Hahn oder 
ein Luftballon gemalt und darunter geschrieben, Kredit 
solle gegeben werden, wenn der Hahn krähe oder der 

Luftballon steige: 

24* 



— 372 — 

Quando questo gallo canterä, 
credenza si farä; 

in England auf dem Lande liest man wohl über den Schenk- 
tischen die Trauerbotschaft, dass der arme Kredit tot sei: 

Poor Credit is dead; 

in deutschen Dorfschenken entsinne ich mich, die bündige 
Notiz 

liier wird nicht gepumpt, 

aber statt des letzten Wortes gepumpt ein Bild gesehen zu 
haben, welches einen wsisserpumpenden Mann darstellte. In 
Trietschlers Restaurant in Leipzig ist der Weg zum Pissoir 
durch suchende Herrn bezeichnet; in der Retirade auf dem 
Riesaer Bahnhof sieht man einen Schlüssel abgebildet und 
darunter die Worte geschrieben: beim Portier; auf die Teller, 
auf denen die brennende Zigarre abzulegen ist, wird eine 
Zigarre gemalt; und die Herren schenken sich wohl kleine 
Katzen, Schweine und Hunde als Berlocken, um Katzen- 
jammer und Schweinehund anzudeuten. 

Schimpf und Spott greifen zur Bilderschrift so gern 
wie zur Bildersprache. Die Geige ist ein altes volksmässi- 
ges Sinnbild fiir das Weib, der Fiedelbogen für das männ- 
liche Glied und auf der Geige spielen soviel wie: sich begatten. 

Belege sind in Grimms Wörterbuch (vierten Bandes erste Abteilung, 

zweite Hälfte, Spalte 2573 ff.) reichlich beigebracht. Daher wurde 
gefallenen Mädchen von Amtswegen eine alte Geige an- 
gehängt und bösen Weibern, die am Pranger standen, eine 
Fiedel als Ehrenstrafe überhaupt um Hals und Hände ge- 
legt. So kam es, dass die Geige schlechthin zum Ausdruck 
des Spottes wurde und dass einem die Geige anhängen so viel 
bedeutete, als ihn zum Gelächter machen. Man sag^ auch, 
dass die Geige diesen ihren ehrenrührigen Sinn zugleich 
durch die Spielleute, die Narren und Hanswurste gewesen 
wären, erhalten habe. Nun, in Tirol wird die Geige noch 
heute nicht nur in natura angehängt, sondern mit dem 
Pinsel an die Wand gemalt. Dem Bua, der abschlüpft, das 



— 373 — 

heisst einen Korb bekommt, zeichnet man die Geige an 
die Thür; wer wenig von der Gemeindealm heimbringt, dem 
häng^ dcis Haus voller Geigen» Wie merkwürdig ist diese 
Entvidckelung und unbewusste Erhaltung des obscönen 
Bildes! — 

Aber um recht zu beweisen, wie lustige Brüder aller- 
orten dazu neigen, einander bildlich aufzuziehen und sich 
nicht bloss in Worten und Thaten, sondern auch gleichsam 
in Rebussen zu hänseln, will ich hier ohne Kommentar eine 
kurze Korrespondenz mitteilen, die unlängst per Postkarte 
zwischen einem Westfalen, Herrn Arminius Stieve, welcher 
nach Münster gereist war, und seinem Stammtisch in Leipzig, 
genannt Seehandlung, geführt ward. 

Postkarte No. i. Von Leipzig. In der linken Ecke 
oben eine Sonne, in der rechten Ecke unten ein 
schwarzer Fleck, in der Mitte ein Fragezeichen. Das 
sollte heissen: Wie gehts im finstern Winkel? Wir Sachsen 
sein helle, 
Postkarte No. 2. Von Münster. Links oben der fin- 
stere Winkel, in der Mitte ein Galgen, an welchem 
die Leipziger hängen. Sollte heissen: Im finstern Winkel 
wird man sich freun, wenn ihr Ketzer gehängt werdet, 
Postkarte No. 3. Von Leipzig. Die Ketzer sind im 
Himmel und spielen im Kostüm von Engeln Quodli- 
bet, während sie die Wirtin der Seehandlung als Hebe 
reichlich mit Bier versorgt. Einer fährt erst auf: seine 
Seele schtoinget sich, Rechts unten brät Arminius Stieve 
in der Hölle, wo ihn Teufel festhalten, und breitet 
sehnsüchtig die Arme nach ihnen aus: nur einen Tropfen! 
Postkarte No. 4. Von Münster. Petrus gibt der 
mogelnden Bande einen Fusstritt und schmeisst sie 
zum Himmel hinaus; Teufel lauem auf die fetten 
Bissen, die ihnen zufallen. 
Derselbe Arminius Stieve schickte einem andern Zech- 
bruder, der angeblich flott gelebt und eine grosse Reise 
gemacht, in Wahrheit aber krank zu Hause gelegen hatte. 



— 374 — 

eine Postkarte mit Dichtung und Wahrheit Unter der Dich- 
tung lag der Zechbruder in einem Hotel auf dem Sopha 
und Hess sichs wohl sein. Unter der Wahrheit lag er jäm- 
merlich im Bett und wand sich imter rheumatischen Schmer- 
zen. Notabene, weder Herr Arminius Stieve war ein Maler, 
noch sonst einer von dem berühmten Stammtisch der See- 
Handlung, 

Auch in anderer Beziehung werden wir durch diese 
Schnaken an die Bildersprache des Volkes erinnert Nämlich 
auch insofern, als die Bilderschrift des Volkes gelegentlich 
dazu dient, die Gedanken des Schreibers vor dem Auge 
des Uneingeweihten zu verhüllen. Die Gauner und die 
Spitzbuben haben von jeher ihre eigentümlichen Zeichen 
oder, wie es genannt wird, Zinken gehabt, die sie an auf- 
fallenden Orten, Wirtshäusern, Schlagbäumen, Thoren ein- 
kratzten und einschnitten: die Zeichen der Fahrenden Leute im 
Mittelalter sind zum Teil daraus hervorgegangen. Darunter 
das charakteristische Zeichen der Fahrenden, der Pfeil: die 
Richtung seiner Spitze zeigte den Weg, den der 2^ichner 
genommen; kleine Striche senkrecht auf ihm, oft mit Nullen 
darüber, gaben wahrscheinlich die Personenzahl an. Andere 
Zinken waren uralte deutsche Personenbezeichnungen, wie 
sie als Hausmarken noch jetzt auf den Giebeln alter Gebäude 
zu finden sind. 

Als Herr Jacob Heller in Nürnberg von Lindenast, 
Kjrafft und Vischer drei Zeichnungen geschenkt bekam, bat 
er die freundlichen Geber, ihm das Andenken noch durch 
die Unterschrift ihrer Namen zu erhöhen. Da sagten sie: 
Wir sind Werkmeister, aber keine Schreibmsister, Das Schreiben 
verstehen vnr nicht Sie unterzeichneten sich auf ihre Weise. 
Der eine zeichnete darunter ein paar Fischbein, der andere 
einen Blütenast, den Bienen umschwärmten und der dritte einen 
Atlas, der die Weltkugel trug. 

Genau so schnitt Hans Scheuflfelin auf seinen Blättern 
neben HS eine kleine Schaufel 

Danach lässt sich von vornherein vermuten, dass die 



— 375 — 

Bilderschrift auch in der Sprache der Liebe eine grosse 
Rolle spielen werde — der verschämten Liebe, welche das 
Kind nicht beim rechten Namen zu nennen wagt, ja das 
zehntemal wirklich gar nicht recht weiss, was sie eigentlich 
will. Auf Liebesbriefen zwei von einem Pfeil durchbohrte 
Herzen, entzündete Fackeln, Tauben mit süsser Botschaft 
im Schnabel als Vignette anzubringen, ist ja jungen Leuten 
der mittleren Stände Deutschlands und Italiens bis heute 
ein Bedürfnis; fhiher bedienten sie sich solcher Hieroglyphen 
selbst im Texte. Man beliebe sich einmal die Briefe anzu- 
sehen, welche Fräulein Ursula Freher, die schöne Tochter 
des Stadtsyndikus von Nürnberg und Schwester des ver- 
dienten Historikers Marquard Freher, A. D. 1598 von Nürn- 
berg aus an ihren Bräutigam, den reichen Patrizier Johann 
Adolf von Glauburg in Frankftirt schrieb und welche 
Gustav Frey tag (nach dem Frankfurtischen Archiv von J. C. 
von Fichard 181 1 — 15) in seinen Büdem aus dem JahrhundeH 
der Beformation, Seite 238 ff. abgedruckt hat, so wird man 
bemerken, dass sich die Braut gewöhnlich unterzeichnet: 

Eure getreue im ^ so lange ich lebe, 
Ursula Freherin 

oder auch: 

Eure liebe getreue, so lange ich lebe im ^ ^ 

schwarze Ursula Freherin 

Der naive Pöbel, dem es nicht im Herzen, sondern in 
ganz andern Teilen sitzt, verfehlt nicht (diesen Kuss der 
ganzen Welt!) alle freien Wände, namentlich an gewissen 
Orten, mit Kohlen- und Kreidezeichnungen besagter Teile 
zu bedecken — der Philosoph, der einen Blick auf diese 
erotischen Kritzeleien und Graffiti wirft, weil er nihü humani 
a se älienum putat, muss sich sagen, dass der Kultus des 
Phallus und des Lingam noch keineswegs erloschen ist, 
sondern in allen Ländern und zu allen Zeiten durchbricht. 
Man weiss nicht, ob es die Scheu oder die Eile ist, welche 
diese rohen Hieroglyphen wie andere Buchstaben allmäh- 



— 376 — 

lieh in ganz konventionelle, an sich unverständliche Zeichen 
entarten lässt. Eins der gemeinsten, ein Rhombus mit 
einem Punkt in der Mitte, wird, wenn ich nicht irre, die 
polnische Fünf genannt; die alten Griechen betrachteten um- 
gekehrt das Dreieck oder dcis Delta als ein Symbol des 
weiblichen Gliedes, daher noch die heutigen Neugriechen 
die Zahl Drei nicht aussprechen, ohne fih avfiTcdd'BiOj um 
Vergebung, hinzuzusetzen. In der indischen Religion ist ein 
stehendes Dreieck ein Symbol des Gottes Siva und damit 
des aufgerichteten männlichen Gliedes, unter dessen Gestalt 
Siva angebetet wurde. Auch der Vogel, welcher mit aus- 
gebreiteten Flügeln gleichsam ein Dreieck bildet, ist vom 
Volke zum Symbol des männlichen Gliedes genommen 
worden, eine Thatsache, welche auf gewisse dimkle Hiero- 
glyphen ein überraschendes Licht wirft. Die Bilderschrift 
des Volkes, so frivol und doch so ehrwürdig, so leichtfertig 
und doch mit den tiefsten Problemen der Wissenschaft eng 
verbunden, eine der ältesten Erscheinungen der bewussten 
Sprache ohne Worte und die Mutter der Schrift selbst, wird 
uns als solche in den folgenden Kapiteln noch weiter be- 
schäftigen, zunächst müssen wir uns erkundigen, was aus 
ihrer älteren Schwester, der Pantomimik, geworden ist. 



Zweites Kapitel. 



Die vernünftige Geberdensprache. 

Wllia — TubstMM — liieha. 

Der Mensch ein Baldanders und ein Proteus — Kunststücke des Arabers Ab- 
dallah an Bord eines Nilschiffes — an Proteussen fehlt es nicht — wir haben 
alle etwas von einem Proteus und ahmen gleich ihm sichtbare Gegenstände mit 
unserm ganzen Körper nach — anderemale bilden wir die Gegenstande nur 
plastisch mit Händen und Füssen ab — noch anderemale begnügen wir uns 
damit, sie in der Luft zu zeichnen oder nur darauf hinzuweisen — Gespräch 
zwischen der Bella Maddalena und einem Dienstmädchen im fünften Stocke — 
Disputation eines Pfarrers und eines Schuhmachers in der Fastenzeit auf der 
Kanzel — während wir nur unter besonderen Umständen imd aus Not zur Ge- 
berdensprache greifen, ist sie bei gewissen Menschenklassen, die entweder immer 
in der Not sind oder sich die Not grundsätzlich selber machen, das stehende 
und r^elmässige Mittel der Verständigung — dergleichen Menschenklassen sind: 
einzelne wilde Völker, die Taubstummen und die Cisterzienser Mönche — natür- 
liehe Übereinstimmung dieser drei Klassen in ihren Geberden — merkwürdiges 
Gespräch zwischen einem Dominus Reverendus von Clairvaux, einem Indianer 
vom Lorenzbusen imd einem Zögling des berliner Taubstummeninstituts — wie 
sie Fetter und Wasser, Regen und Hagel, Gott und Seele, sehen und geheimkalten 
zum Ausdruck bringen — Idiotismen der einzelnen Klassen — das Zeichen für 
die Stadt Charlottenburg in dem berliner Taubstummeninstitut — wie die Trap- 
pisten leben und sterben — wie die Indianer den Hund, die Taubstummen das 
Brot^ die Milch und das Kind in der Geberdensprache nennen — das Brot in 
der Lautsprache das Gebraute oder das Gebrochene, in der Geberdensprache das 
Geschnittene — Abbildungen gleicher Gegenstände müssen sich ähnlich sehen — 
wie der liebe Gott nach Eckermann Goethe die Schöpfung hätte überlassen 
kömien, so kann auch der Lehrer der Geberdensprache seine Schüler nur 

machen lassen. 

In unserer Zeit, wo man nach der Insel Sylt reist, 
nicht bloss um zu baden, sondern auch um dem Seehunds- 
sport obzuliegen; wo so mancher Kollege vom grünen 



— 378 — 

Rocke während der Ebbe in Seehundsfellen auf der nassen 
Sandbank liegt und einem edleren Wild auflauert — er- 
innert man sich wohl an den weissagenden Meergreis, 
welcher die Robben der Amphitrite weidet und von dem 
uns Homer erzählt. An den allwissenden Proteus, der alle 
Mittage der Flut entsteigt, auf die Insel Pharos bei Ägyp- 
ten schleicht und hier mitten unter seinen Seehunden, wie 
ein Hirt unter seiner Herde, sein Mittagsschläfchen hält 
Von ihm kann Menelaus alles, was sich auf seine Rück- 
kehr bezieht, erfahren, er muss ihn aber zwingen, denn der 
Greis weissagt nicht freiwillig, und wenn man ihn festhält, 
so sucht er durch Annahme der verschiedensten Gestalten 
zu entkommen. Wie sagen wir doch? Er ist ein wahrer 
Proteus, 

Hans Sachs hat für ihn den Namen Baldanderst (sie) er- 
funden, der an den l4kko7tQ6aaXlog des Homer gemahnt; 
und daher der Baldanders, der zu Simplicissimo kommt und ihn 
mit Mobilien und Immobilien reden und selbige verstehen lernet, als 
wobei er sich bald in eine Eiche, bald in eine Sau, bald in 
ein Kleefeld, bald in einen Teppich, bald in einen Vogel 
verwandelt (Continuatio, neuntes Kapitel). Sollte ich meinen Pro- 
teus nennen, so wäre es nicht ein Baldander s, sondern ein 
Baldalles, ich meine den Araber Abdallah, eine Figur von 
der Dahabiye, die mich einst den Nil hinauf und hinunter 
geleitet hat. Dieser prächtige, ägyptische Matrose, der 
mit seiner enganliegenden Filzkappe auf dem spitzen Kopfe 
wie der Gott Phtha von Memphis aussah, konnte alles und 
machte alles — er verwandelte sich wie Proteus in jegliche 
Kreatur, 

was nur hinieden 
kreucht und fleucht und fleusst und in Feuerflammen von Gott brennt 

(Odyssee IV, 418) — 

er that das sogar ungezwungen, denn er wollte uns unter- 
halten, und er weissagte freiwillig. Er weissagte zum Bei- 
spiel, dass wir der Mannschaft an der nächsten Station 
einen Hammel opfern würden — einen Hammel so so, denn 



— 379 — 

im Augenblicke war er auch schon ein Hammel, das blökte 
"wie ein Hammel, das stiess wie ein Hammel, das blutete 
wie ein Hammel, der mit dem Blick gegen die Sonne ge- 
schlachtet wird. Er weissagte von einem Krokodil, das bei 
Gebel Selsele gesehen worden sei und das er uns wolle 
erlegen helfen — sofort kroch er als Leviathan auf dem 
Verdeck umher, legte die Vorderfusse mit den Gelenken 
aufeinander und schnappte zu. Er weissagte von einem 
Skorpion, der unter dem ersten besten Stein in der Wüste 
verborgen sei, und seine Finger krümmten sich wie Scheren, 
der linke Fuss erhob sich und holte zum Schlage aus, aber 
aug-enbücklich fasste er den Fuss, klemmte ihn zwischen 
zwei Hölzer und klopfte ihm mit einem Steine den Stachel 
ab. "Wie sich Abdallah, als es hiess, dem thue eine Kugel 
nichts, der denke höher hinaus, blitzschnell an den Hals griff 
und die Pantomime des Hängens machte — wie er sich auf 
die Erde duckte und die Hand über den Boden hielt, um 
den Zwerg des Vizekönigs zu beschreiben — wie er, um 
anzudeuten, dass dem Steuermann die Hsmd verwundet 
sei, das Gelenk seiner linken Hand mit der rechten packte 
und schüttelte — wsir er ganz unvergleichlich, ein wahrer 
Affe oder besser, bei der landesüblichen Ausdrucks weise 
zu verbleiben, ein wahrer Proteus, 

An Frot&ussen fehlt es nicht. Wie es Menschen gibt, 
die jeden Naturlaut, jedes unartikulierte Geräusch nachzu- 
ahmen imstande sind, die es machen können, wie es blitzt 
und donnert, wie der Hund bellt, wie der Wagen rollt, 
wie der Hobel stösst, wie die Säge zischt: so gibt es auch 
Menschen, die Lust und Talent haben, wie Gummi in alle 
sichtbaren Formen und Modelle der Natur zu fahren und 
ZM passen; und sich gleichsam selber fortwährend neuzu- 
bilden. Unser Organismus ist ein plastischer Thon, der, 
tausendfach modelliert und tausendfach zerstört, so ge- 
schmeidig ist wie zuvor 5 unendlich bequemer als sonst ein 
Material, in dem der Bildhauer seine aufsteigende Idee ver- 
körpert. Diese Plastizität des Menschenleibes wird bekannt- 



— 380 — 

lieh von jedem Schauspieler verwertet: ein Garrick macht 
sich die Mienen und den Habitus eines Lords mit einer 
Meisterschaft zu eigen, dass er sich für denselben malen 
lassen kann; in Wagners Siegfried kommen die Sänger als 
Götter, Zwerge, Bären und Drachen auf die Bühne; und 
die Herren Squenz der Zimmermann, Schlucker der Schnei- 
der, Schnock der Schreiner, Zettel der Weber, Schnauz der 
Kesselflicker und wie die ehrsamen Athener alle heissen, 
werden nicht nur Fyramus und Thisbe trefflich spielen, wie 
denn Frauenrollen schon im Altertum von Männern ge- 
geben wurden; sie werden es auch fertig bekommen, einen 
reissenden Löwen, einen Mondschein und eine gespaltene Wand 
aus sich zu machen. 

Wir haben wohl alle etwas von einem Proteus — in 
jedem Menschen ist mehr als ein Mensch und eine ganze 
Welt enthalten. Schon die Kinder erinnern uns daran, 
wenn sie Pferd und Wagen spielen — König Heinrich IV. 
von Frankreich, der seine Kinder auf sich reiten lässt, ihnen 
zuliebe auf allen Vieren im Zimmer galoppiert und in dieser 
Stellung von seinem Minister Sully getroffen wird — er ist 
nicht nur ein Vater, er hat dabei speziell etwas vom Vater 
Eidotheas. Wo zu Weihnachten in Deutschland der Knecht 
Ruprecht oder der heilige Nikolaus oder der Pelzmartl von 
Haus zu Haus zieht — wo der leibhafte Gottseibeiuns oder 
ein Gespenst die Spinnstube erschreckt — wo Fliegen und 
Schmetterlinge, Bären und Wölfe unter den Masken auf 
dem Maskenball erscheinen — überall ist der alte Proteus 
der Lehrmeister gewesen; er ist es, der die Menschen fort- 
während treibt sich zu verkleiden und zu maskieren und 
der ihnen alle Metamorphosen der Dichter in den Kopf setzt. 

Nur dass sich der Mensch nicht immer wie Proteus 
Hals über Kopf in die Metamorphose stürzt — dass er nicht 
immer seinen ganzen Leichnam hernimmt, um ihn mit Haut 
und Haar in einen Vogel oder in einen Eichbaum zu ver- 
wandeln, sodass gewissermassen vom Bildhauer gar nichts 
übrig bleibt und nur das Gebilde da ist — gewöhnlich 



— 381 — 

nimmt er nur seine Hand oder seinen Fuss und formt 
daraus ein Museum plastischer Kunstwerke. Er macht sichs 
auch noch bequemer: er verfährt gar nicht wie ein Bild- 
hauer, der ein körperliches Abbild geben will, indem er 
den Gegenstand gar nicht in allen drei Dimensionen nach- 
bildet, sondern nur die Umrisse desselben mit den Fingern 
in die Luft schreibt, ihn gleichsam in der Luft zeichnet, 
wie einen Buchstaben oder wie eine geometrische Figur, 
was eine Art Malerei ist. Er macht sichs vollends bequem, 
wenn er den Gegenstand überhaupt nicht nachahmt, son- 
dern zeigt — wenn er zum Beispiel mit seinem Zeigefinger 
an die Stime tippt, um zu sagen: wo denkst Du hin? — 

Und dass die gewöhnHchen Sterblichen nicht aus- 
schliesslich mit Geberden sprechen — dass ihre Geberden- 
sprache gemeiniglich nicht rein, sondern mit der Lautsprache 
gemischt ist Es ist wahr, alle Menschen fallen gelegent- 
lich in eine Ausdrucksweise zurück, die so natürlich scheint 
und die ihnen in weit höherem Grade angeboren ist als 
die künstliche, ewig problematische Tonmalerei der Stimme; 
aber sie thun es nur, wenn ihnen der Mund versag^: wenn 
sie in der Fremde sind und kein Wort verstehen — wenn 
sie im Gefängnis sitzen und sich nicht laut unterhalten 
dürfen — wenn ihnen ein Dionysius die gewohnte Ver- 
ständigung verbietet — wenn der Angeredete so weit ist, 
dass ihn die träge Schallwelle nicht erreicht. Ich wohnte 
einst in Neapel auf dem Vico Carminello a Chiaia in einem 
funftstöckigen Hause, dessen Giebel zwei Engländerinnen 
innehatten. Wer in das Haus hinein wollte, musste erst 
mit dem Portier oder mit dessen kleiner Frau , der Bella 
Maddalena sprechen und von dieser angekündigt werden. 
Wenn sich nun jemand zu jenem Höhepunkte des Daseins, 
den beiden Damen, versteigen wollte, so entspann sich 
zwischen der Portiersfrau unten und dem Dienstmädchen 
oben folgendes Zwiegespräch. Zunächst klopfte die Bella 
Maddalena mit dem Hammer fünfmal an die Hausthüre, 
"worauf die Zofe an das Fenster trat und mit dem Kopfe 



— 382 — 

wackelte, zum Zeichen, dass sie höre. Nun wollte Madda- 
lena zum Beispiel die Frau Doktor anmelden; statt aber zu 
sagen: la moglie do medico, begnügte sie sich zu rufen: la 
moglie do . . und das medico zu ergänzen, indem sie sich an 
den Puls griff. Oder sie wollte die Frau des Predigers 
anmelden, so rief sie abermals: la moglie do . . und that so, 
als ob sie die Hostie emporhöbe und mit beiden Händen 
segnete. Diese Methode bewährte sich immer trefflich. 
Aber sie war doch nur ein Auskunftsmittel, denn sobald 
die beiden Frauen im Hausflur nebeneinanderstanden, hatten 
sie ein gutes Mundwerk und Hessen ihrer neapolitanischen 
Zunge freien Lauf. Wer hätte auf Reisen nicht so komische 
Szenen erlebt, dass zum Beispiel ein Deutscher in einer 
italienischen Trattoria nicht weiss, was Goihel oder was Bürste 
auf italienisch heisst, und sich nun abmüht, dem Kellner 
diese beiden Gegenstände durch Gesten zu versinnlichen 

— oder dass ein in Österreich reisender Franzose, der ein 
Kissen haben will, zur Postmeisterin gelaufen kommt: Küss! 
Küss! — und da ihn dieselbe verwundert und errötend an- 
sieht, das Missverständnis errät und fortfährt: Nix Küss auf 
die Mund, Küss auf . . . , pantomimisch erläuternd, wohin er 
das Küssen haben wolle? Dass derselbe nach Wien! Wien! 
verlangt und, da man ihn abermals nicht begreift, nach 
einem Weinglase sucht und sich damit verständlich macht? 

— Das sind ja tägliche Vorkommnisse, die auch den träg- 
sten Phlegmatiker und das feisteste Kraut zu einer gewissen 
Fixigkeit nötigen. Indessen sowie die Not vorüber ist, stellt 
der unfreiwillige Künstler seine Posen wieder ein und das 
Mäulchen geht wieder wie eine Klappermühle. 

Dagegen will ich nun hier drei Menschenklassen nam- 
haft machen, die, freiwillig oder unfreiwillig, das Mäulchen 
in der That ihr lebenlang ruhen lassen und die sich 
wie drei Klubs des Stillschweigens das Wort gegeben 
haben, zum ausschliesslichen Ausdruck ihrer Gedanken 
Geberden zu benutzen — drei Menschenklassen, die sonst 
wahrlich nicht viel gemein haben und die vielleicht noch 



— 383 — 

niemals von einem Schriftsteller verglichen worden sind, 
die aber in diesem einen Punkte höchst merkwürdig zu- 
sammentreffen und, soweit es angeht, ihre gemeinsame 
menschliche Natur bekunden: die Wilden, die Taub- 
stummen und die Cisterzienser Mönche. Ihrer ist, ich 
will nicht sagen, das Reich Gottes, aber das Reich des 
Proteus. Der Stummen, weil sie nicht reden können; der 
Wilden, weil sie es nicht ordentlich können; der Cisterzien- 
ser, weil sie es nicht mit gntem Gewissen können — die 
menschliche Stimme weckt die träge Ruhe der klösterlichen 
Hallen; sie sollen schweigen und ihren Mund nicht aufthun; 
ihr Haus soU niederbrennen, ohne dass ein Bruder einen 
Laut ausstosse; wie es in den Reglements des Beligieux de 
choeur de la Congregation Cistercienne, Paragraph 641 heisst: 
Le süence est le fondement de la regularite des maisons religieuses; 
on sera donc tris-exact ä Vobserver, Übrigens erzählt Forster, 
dcLSS der Mönch, der ihn herumführte, durch sein lang- 
jähriges Schweigen das Sprachvermögen geradezu verloren 
habe. 

Und gleich als ob zwischen ihnen eine geheime Über- 
einkunft getroffen worden wäre, alle drei brauchen sie fast 
überall dieselben Bilder und einen gleichen Stil der Geber- 
denmalerei, so dass ein Dominus Reverendissimus von 
Clairvaux, ein Indianer vom Lorenzbusen und ein Zögling 
des berliner Taubstummeninstituts an jedem Winkel der 
Erde eine geistreiche Unterhaltung fiihren können. 

In der Fastenzeit sollte einmal ein Pfarrer mit einem 
andern zusammen predigen; da aber der Amtsbruder aus- 
blieb, liess er den Schuster holen, weil man ihm gesagt 
hatte, dass der kapabel sein würde. Als sie nun beide auf 
der Kanzel stehen, hebt der Geistliche den Daumen in die 
Höhe. Gleich hebt der Schuhmacher den Daumen und den 
Zeigefinger auf. Nun erhebt der Pfarrer drei Finger; der 
Schuhmacher die ganze Faust. Da zieht der Pfarrer einen 
Apfel aus der Tasche, den er bei der Kollation eingesteckt 
hatte; der Schuhmacher lässt sich nicht schimpfen, sondern 



— 384 — 

zieht ein Semmelchen heraus, das er ebenfalls in der Tasche 
hatte. Das wird dem Geistlichen zu arg, er läuft in seine 
Pfarre und gesteht: der Mann ist unüherwindlich im Disputieren: 
ich sagte zu ihm: Es ist Ein Gott; ja, antwortete er, aber in 
zwei Naturen. Da sage ich: In drei Personen. Er erwidert: 
Drei in einem Wesen. Nun sage ich: der Äpfel war aller 
Sünden Anfang. Er spricht: Ja, aber durch das Abend- 
mahl werden sie geheilt. Der gelehrte Schuhmacher er- 
zählte unterdessen die Disputation so: Erst wollte er mir ein 
Auge ausschlagen , ich aber sagte: Zwei schlag ich dir aus. 
Da meinte er: Ich gebe dir einen Nasenstüber. Ich aber 
sagte: Warte nur, von mir bekommst du einen Puff, hier- 
auf that er so, als ob ich mich nährte vne das liehe Vieh, ich 
aber sagte: Bei mir zu Hause esse ich Semmel. 

So wollen wir uns einmal den Spass machen und den 
Fall setzen, es träfen die obengenannten verschiedenartigen 
Individuen meinetwegen auf einer Prairie am Ufer des 
Mississippistromes zusammen: so werden sie unzweifelhaft 
dem Vergnügen Ausdruck geben, das sie haben sich zu 
sehn; zu dem Ende die beiden ersten Finger spreizen und 
sie von den Augen abstossen in Form eines V. Darauf 
werden sie sich gemeinsam im Grase lagern, und der Kan- 
nibale schlägt vor, ein Feuer anzuzünden; er thut dies, in- 
dem er mit den Fingern das Flackern desselben nachahmt 
und von Zeit zu Zeit, gleichsam um die Glut anzufachen, 
unter die Hand bläst. Nun beginnt der Hochwürdige eine 
kleine Predigt zu besonderem Nutz und Frommen des letz- 
teren zu halten und erklärt der versammelten Gemeinde 
die Worte der Schrift (Psalm XLII, 2), womit in der katho- 
lischen Kirche das Formular der Einweihung des Tauf- 
quells anfängt: Wie der Hirsch schreiet nach frischem WorSser. 
so schreiet meine Seele, Gott, zu dir. Um zunächst das Buch 
der Bücher anzudeuten, schliesst er die Handflächen und 
öffnet sie vor dem Gesichte, als ob er lesen wollte. Dann 
setzt er, mit dem eigenen Leibe ein berühmtes christliches 
Symbol erfindend, die Daumen an die Schläfe und breitet 



— 385 — 

die Finger aus. Das frische Wasser ist noch leichter zu be- 
schaffen: er ahmt mit den Fingern eine Wellenbewegung 
nach; wollte er die Fingerspitzen zu wiederholtenmalen ab- 
wärts fuhren, so wäre es Regen; wollte er die Finger 
plötzlich senken und spreizen, so wäre es ein Wasserfall; 
wollte er die linke Hand flach aufhalten, die rechte hoch- 
heben, eine Faust machen und dieselbe auf die geöffnete 
Hand niederfallen lassen, so wäre es Hagel. So schreiet meine 
Seele, Gott, zu dir. Die Seele vertritt die eigene Magen- 
grube, auf die er mit dem rechten Zeigefinger weist; bei 
Gott wird er die Hände falten. Endlich gibt er ihnen mit 
erhobenen Händen seinen Segen und bezeichnet sie mit 
dem Kreuz. Notabene, der Gebrauch der Christen sich zu 
bekreuzen, dcis heisst, mit den Fingern das Kreuzeszeichen 
vor sich hin in die Luft zu bilden, reicht bis ins dritte 
Jahrhundert zurück. Es nähert sich der schmerzliche Augen- 
blick der Trennung, sie verneigen sich und legen die rechte 
Hand an die linke Brust; vielleicht geben sie sich auch 
unter einander den Friedenskuss; auf jeden Fall ersuchen 
sie sich einander um ihre Photographien und bewegen daher 
die Finger der halbgeschlossenen Hand in der Richtung 
ihres Gesichtes, dass sie darauf zukommen wie Sonnen- 
strahlen. Zu allerletzt werden sie schwören, dieses bewun- 
derungswürdige Gespräch geheim zu halten; deshalb stecken 
sie die Hände unter die Falte des linken Busens und 
stossen dann, um zu sagen: das ist abgemacht , die Spitzen 
der Daumen gegeneinander, worauf ein Dritter durchschlägt. 
Das ist nach Art der Gauner, als welche die linke Hand 
nach hinten halten, gleichsam um sie zu verstecken, und 
dabei die Finger zurückklappen. So gehen sie auseinander, 
jeder an seinen Ort; der Abt nach Clairvaux, der Taub- 
stumme nach Berlin, der Indianer in seinen Wald. 

Es gibt indessen besondere Zeichen, namentlich in den 
Klöstern, die nicht überall verstanden werden würden; und 
merkwürdig, wie sich bis in die kleinen Zeichen der Dinge 
die Entsagung dieser, nicht Menschen, sondern Schatten 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. ^O 



- 386 — 

von Menschen malt; wüsste man nicht, dass schliesslich 
doch eine ganz behagliche Realität damit gemeint sei, so 
möchte man glauben, es seien lauter Tantalusse. In der 
grossen Trappe isst man, indem man die drei ersten Finger 
wiederholt dem Munde nähert; man trinkt, indem man die 
Daumenspitze an die Lippen setzt und die Faust wie eine 
Flasche umkippt; man fastet, indem man die Lippen mit 
Daumen und Zeigefinger zusammenpresst ; man ist müde, 
indem man die Arme schlaff herunterhängen lässt; man 
schläft, indem man den Kopf auf die Hand lehnt; man 
steht auf, indem man mit den Knöcheln auf die linke Hohl- 
hand, gleichsam um sie aufzuwecken, pocht; man ist ver- 
driesslich, indem man die kleinen Finger mehreremale mit 
den Spitzen aufeinander stösst; man ist krank, indem man 
sich auf die Seite neigt, den Arm einbiegt und. zuckt; man 
stirbt, indem man den Daumen unter dem Kinn ansetzt 
und die Faust erhebt. Was thun sie, um das Lehen zu 
nennen? Ich kenne keinen Ausdruck. 

Auch den Taubstummen, auch den Rothäuten fehlen 
natürlich ihre Idiotismen nicht, unter denen die Zeichen für 
lokale , subjektive Anschauungen obenanstehen. Kaiser 
Friedrich III. hat bei seiner Rückkehr von Italien die 
Stadt Charlottenburg zur Residenz gewählt. Wenn sich 
die Zöglinge des berliner Taubstummeninstituts darüber 
unterhalten, so wählen sie fiir Charlottenburg ein besonderes 
Zeichen: sie heben das linke Knie in die Höhe und ver- 
binden es. Wie kommen sie dazu? Am Abend des 
2. August A. D. 1854 machte im dortigen Schlossgarten 
der König Friedrich Wilhelm IV. einen Spaziergang und 
stiess sich dabei mit dem einen Fusse an eine steinerne 
Bank. Die Verletzung war anscheinend leicht, aber es er- 
folgte eine rosenartige Entzündung, und seit jener Zeit will 
man die ersten Spuren eines Gehimleidens bei dem Könige 
bemerkt haben. Das ist ein richtiger berliner Idiotismus, 
wie er sich nur in Berlin gebildet haben kann; aber auch 
allgemein bekannte Gegenstände geben wohl zu einem Argot 



— 387 — 

Veranlassung, wenn an ihnen eine besondere, sich sonst 
nicht wiederholende Spezialität hervortritt. Ich will bei- 
spielsweise nur an den Ausdruck erinnern, den die Rothäute 
für die Hunde haben. Wenn die Algonkin von diesen Tieren 
reden, so zerren sie die beiden ersten Finger der rechten 
Hand, als ob es auf dem Boden geschleppte Pfähle wären, 
weil sie sich früher der Hunde zum Ziehen der Zeltpfähle 
bedienten, und dieses Zeichen bewahren sie noch jetzt, ob- 
wohl sie seitdem Pferde kennen gelernt und zu diesem 
Dienste abgerichtet haben. Diese Geberde entspricht dem- 
nach etwa Worten wie Holzträger, Packträger und allen fran- 
zösischen mit dem Imperativ porte, allen italienischen mit 
dem Imperativ porta zusammengesetzten Substantiven. Da- 
gegen würden vielleicht wiederum die Indianer die Geste 
nicht verstehen, welche die Taubstummen für Brot haben; 
sie thun nämlich, als ob sie Brot abschnitten, daher dieses 
Wort in ihrer Anschauungsweise ungefähr so viel bedeutet, 
wie das Oeschnittene, wie der Franzose von Gehacktem ßache) 
und der Italiener von Gebackenem (il fritto) spricht; dem 
deutschen Worte Brot würde, wenn es nach der Etymologie 
und nach mancherlei analogen Ausdrücken in andern 
Sprachen ginge, die Geberde des Brechens angemessener 
sein, weil das Brechen die wesentliche Vorstellung dabei 
ist. Brot (das jetzt mit brauen in einer sehr allgemeinen 
Bedeutung zusammengestellt und darnach für das Gebraute 
oder Gebackene erklärt wird) stammt nämlich nach Grimms 
Deutschem Wörterbuch von angelsächsisch breotan, althoch- 
deutsch priozan brechen, doch noch aus einer Zeit ab, wo 
die Lautverschiebung uneingetreten war; daraus würde fol- 
gen, dass wenn die Schweden ihr dürres und sprödes 
Haferbrot Knackebrot (Knäckebröd) nennen, das ein Pleonas- 
mus ist. Auf der Grimmschen Etymologie beruht wahr- 
scheinlich die Vorschrift des guten Tones, das Brot bei 
Tische nur zu brechen, nicht zu schneiden. 

Ganz so machen die Stummen für Milch die Geberde 

des Melkens, für Kind die des auf dem Arme Wiegens. 

25* ^ 



— 388 — 

Übrigens darf uns diese unvermutete Übereinstimmung 
durchaus nicht wundernehmen, ja sie ist weniger auffällig 
als die Thatsache, dass ein Hindu den Litauer in Inster- 
burg versteht; wo gleiche Zwecke angestrebt und gleiche 
Mittel angewendet werden, muss das Resultat dasselbe 
sein. Es handelt sich um eine einfache Nachahmung 
einfacher und natürlicher Gegenstände in Menschenfleisch. 
Nim ich denke, kein Taubstummer wird bei einem Apfel 
ein Quadrat und bei einem Quadrat eine Kugel machen, 
auch wenn er noch niemals ein Institut besucht hat; kein 
Mönch ein Kreuz für den Papst und eine dreifache Krone 
für den Bischof halten, selbst wenn er niemals die Dienst- 
vorschriften seines Ordens durchgelesen hat; kein Indianer 
Feuerflammen und Wassertropfen imd Bogen und Pfeil 
verwechseln. Vielmehr wie Eckermann versichert: Hätte 
der liebe Qott hei Erschaffung der Welt zu Goethe gesagt: Lieber 
Goethe, ich hin jetzt Gottloh! fertig, ich hohe jetzt alles erschaffen 
bis auf die Vögel und die BäumCy und Du thätest mir eine Liebe, 
wenn Du diese Bagatellen statt meiner machen wolltest — dass 
dann Goethe ebenso gut tme der liehe Gott diese Tiere und Ge- 
wächse ganz im Geiste der übrigen Schöpfung, nämlich die Vögel 
mit Federn und die Bäume grün erschaffen haben vmrde — so 
kann man auch sagen, der Professor der Geberdensprache 
mag nur seine Schüler einmal machen lassen, sie werden 
die Bäume und die Vögel schon herausbringen so gut w4e 
der Professor — um so mehr, als diese Menschenklassen 
aus verschiedenen Gründen grosse Schärfe der Sinne und 
weit mehr Übung haben, die Eigenheiten der Dinge auf- 
zufassen, als wir, die wir durch die Zivilisation abgestumpft 
sind und weder Augen haben um zu sehen, noch Finger 
um zu zeigen. 



Drittes Kapitel. 

^yy^ie so ich dieses schreibe. 



I. Die alte Bilderschrift. 

Die Nachbildung der Dinge auf Flächen mittels Linien und Farben noch er- 
giebiger als die plastische Nachbildung — unsere eigene Schrift beruht darauf 
— wie ein Taubstummer rotes Zelt schreibt — die Figuren eines Zeltes und 
einer Zeltthüre gehen durch die Jahrtausende — was heisst schreiben? — schrei- 
ben heisst kleine Bilder zeichnen, denn Hieroglyphen und Sinogramme, Keile 
und Runen waren von Haus aus Bilder sichtbarer Gegenstände ~ Bilder wie 
die Sudeleien der Schuljungen, die Kritzeleien der Hinterwäldler in Amerika, 
die Schmierereien unserer Narren — es kam nicht darauf an, ob diese Bilder 
gut waren — die roheste Nachbildung genügte, wie sie bei den Croquis der 
Einjährig -Freiwilligen und beim Situationszeichnen genügt — auch unsere 
Kalenderzeichen sind nicht viel besser, im Gegenteil sie stimmen mit den Hiero- 
glyphen und Sinogrammen auf das genaueste überein — Zeichen für Sonne und 
Mond, Planetenzeichen, Apothekerzeichen — wie Feuer und Wasser, ein Tier 
imd ein Baum, unten und oben ausgedrückt wird — der Buchstabe H ein Gitter, 
O ein Auge — die ägyptischen Hieroglyphen und die chinesischen Sinogramme 
sind nichts, was nicht täglich auch bei uns vorkäme — wir alle malen 
Quadrate, Kreuze, Sterne, Pfeile, Hände, Donnerkeile, Spiesse und haben für 
Begriffe, die häufig vorkommen,- konventionelle Bilder — wie in Norwegen 
Kristiania geschrieben wird — Fruchtbarkeit dieser einfachen Bilder: sie drücken 
nicht bloss die Gegenstände selbst, sondern auch alles das aus, was dieselben 
begrifflich einschliessen oder symbolisch darstellen — Götter und Naturkräfte,, 
profane Dinge — sie vertreten leider auch alle Dinge, deren Namen dem Namen 
des Originals gleichlauten, das heisst alle Homonymen. 

Wir haben uns nun, Gottlob, hinreichend überzeugt, 
dass es der Mensch in der plastischen Nachbildung der 
Dinge und demnach in der materiellen Verkörperung des 




— 390 — 

Satzes mit Hilfe seiner eignen Hände und Füsse äenJich 
weit bringt und dass eine höhere, vernünftige Geberden- 
sprache kein Traum ist. Der Ungläubige vernimmt viel- 
leicht mit Staunen, dass im berliner Taubstummeninstitut 
an fünftausend Geberden im Gebrauch sind, dass also die 
Sprache der berliner Taubstummen reicher ist als viele 
Idiome kleiner Stämme, die oft kaum tausend Worte haben. 
Er wird von vornherein vennuten, dass dann die Hiero- 
glyphen des Volkes, die Nachbildungen der Dinge auf 
Flächen mittels Linien und Farben , der leichteren Her- 
stellung wegen, erst recht GlQck machen und ganze grosse 
Sprachen aus äch hervortreiben werden; und doch dürfte 
er vielleicht abermals erstaunen, wenn er erfahrt, dass zum 
Beispiel ein gangbares chinesisches Wörterbuch an 40000 
Sinogramme, genau 42718 klassische Wortcharaktere ent- 
hält, also etwa soviel Bilder, wie die englische Sprache 
Wörter (nach einer Berechnung 43566), Ja, wie würde er 
sich erst verwundem, wenn er hörte, dass alles, was wir 
heute in Europa Schrift nennen , den Karikaturen , womit 
Narrenhände Tisch und Wände beschmieren, seinen Ur- 
sprung dankt; dass ich, indem ich dieses schreibe, nichts 
thue, als kleine alte rohe Bilder nachzeichnen und anein- 
anderreihen, ganz abhängig von der Sprache ohne Worte, 
über die ich mich hoch erhaben dünkte und die ich aus 
eignen Mitteln zu beschreiben und bekannt zu machen 
glaubte. 

Als Tylor eines Tages in eine Taubstummenschule 
trat, nahm er einen Knaben vor und umschrieb in der Lufi 
ein Zelt; hierauf berührte er das Innere seiner Unterlippe, 
um dio ]\irbe anzudeuten; infolgedessen schrieb der Stumme 
auf diis schwarze Brett: Rotes Zelt. 

So /.eichnete einst im greisen Ägyptenlande der weise 
Thoth mit einem Rohr auf sein Täfelchen eine Zeltthürf 
und ein Zeh; die Figuren der Thüre und des Zeltes wurden 
wcitergotragen durch den Strom von Jahrtausenden an die 
Küste Phöniziens, nach Cypem und nach Kreta, nacli 



— 391 — 

Unteritalien und nach Rom, ja bis über den Atlantischen 
Ozean und die Säulen des Herkules hinweg; eine halbe 
Welt wiederholt, druckt und liest diese Zeichen täglich 
millionenmal ; sie wurden die Werkzeuge der Gedanken 
eines Aristoteles, eines Goethe; und in diesem Augenblick 
malt vielleicht derselbe arme Schüler in seinem Schreibe- 
buche die Zeltthüre und das Zelt nach, indem er sich be- 
müht ein D und ein B zu machen. 

In seinem Sehr eibebuche — denn schreiben, das heisst 
mit Tinte und Feder kleine Bilder zeichnen — Bilder nicht 
bloss von Zeltthüren und Zelten, sondern von den tausend 
Gegenständen, von Kamelen und Stierhäuptem, von Fischen 
und Wasserwellen, von Waffen und Ochsenstecken. Man 
glaubt es nicht? Man meint, ich mache Buchstaben, indem 
ich dieses schreibe? O der langen und seltsamen Geschichte 
dieser sechsundzwanzig Buchstaben des Alphabets! Der 
Hieroglyphen Ägyptens, der Sinogramme des Konfiitse, der 
Keile und der Runen! Alle und alle waren sie von Haus 
aus Bilder, nicht viel besser als irgendeine Kritzelei, womit 
ein müssiger Schulbube Tische und Wände schmückt, aber 
entworfen, um an die Stelle einer schwer zu handhabenden 
Wirklichkeit zu treten und entsprechend den Figuren, deren 
flüchtige Linien wir vielleicht ein anderesmal in den Raum 
geschrieben haben. Wenn ich von der Sonne reden will, so 
male ich eine Sonne; wenn ich von der Eide reden will, 
so male ich eine Eule; wenn ich von einem Viereck reden 
will, so male ich ein Viereck, ich bombardiere den Verstand 
mit Realitäten oder Rebus, Das muss offenbar abermals 
ein Weg sein, eine Mitteilung zu machen und Briefe zu 
schreiben, die zu lesen man im Grunde gar nicht lesen ge- 
lernt zu haben braucht. 

Aber wir sind keine Maler; wir haben noch nicht nach 
dem Leben zeichnen gelernt. Unnötige Sorge! Hat es 
Karlchen Miessnik gelernt, wenn er den Klassenlehrer in 
seinen Heften durch geistreiche Croquis verewigt? Haben 
es die Hinterwäldler gelernt, deren Kritzeleien Emanuel 



— 392 — 

Domenech, ein französischer Schriftsteller und Reisender, 
in dem famosen Livre des sauvages für amerikanische Hiero- 
glyphen ausgab?*) Ja, haben es die Narren der ganzen 
Welt gelernt, die, wie es scheint, keine weisse Wand, keine 
leere Fläche ersehen können, sondern sie alsbald mit lusti- 
gen Ideogrammen, mit Kohlen- und Kreidezeichnungen 
beleben? Die roheste, flüchtigste Nachbildung genügt; 
wenns nur zu erkennen ist. Das Bild soll ja nicht schön, 
nicht künstlerisch sein, es soll nur einen Gegenstand augen- 



*) Dieser Mann, geboren 1815, wurde zeitig Priester und ging als IkCsgonär 
nach Texas und Mexiko; bei seiner Rückkehr nach Frankreich war er Domherr 
von Montpellier, 1862 Kaplan der französischen Armee in Mexiko und in der 
Folge Attache des Maximilianschen Kabinetts. Sein Manuscrit pictographiqut 
affiericain, pr Seide cTune notice sur Videographie des Peaux-Rouges (1860) winde 
auf Regienmgskosten gedruckt, nebst einem Faksimile eines Manuskripts in der 
Bibliothek des pariser Arsenals. Er bildete sich ein, diese Figuren seien Schrift- 
züge der amerikanischen Indianer; der deutsche Bibliograph Julius Petzholdt aber 
erklärte sie für völlig unzusammenhängende und bedeutungslose Sudeleien deut- 
scher Schuljungen. Domenech hielt die Authenticität des Manuskriptes aufrecht 
in dem Pamphlet: La verite sur le livre des saiwages (1861), welches Petzholdts, 
ins Französische übersetzte Erwiderung nach sich zog : Le Uvre des sauvages au 
point de vue de la civilisation frangaise (Brüssel i86xj. Das Buch wird jetzt 
thunlichst eingezogen und eingestampft. 

Dieser Fall steht nicht vereinzelt da. Lief da Anfang des XVin. Jahr- 
hunderts eines schönen Tages bei der Academie des Sciences ein kostbares Manu- 
skript ein, das Peter der Grosse schickte. Das Manuskript, in Sibirien, in dea 
Ruinen eines alten Tempels ausgegraben, war ein Codex aureus, den in Peters- 
burg niemand entziffern konnte ; doch vermuteten die Gelehrten, schrieb der Zar, 
er sei in der alten verschollenen Sprache der Tanguten abgefasst. Was? Du 
russischen Gelehrten verstehen kein Tangut? — rief Herr von Fourmont aus. 
Catalamus singulariter nominativo . . . und der Hanswurst von einem Akade- 
miker war unverfroren genug, eine Übersetzung davon zu geben, die mit gleicher 
Unverfrorenheit dem Zar geschickt ward, der sie königlich honorierte. Four- 
mont strich das Geld ein und starb mit dem Ruhme, der einzige Mann auf dem 
Erdenrund zu sein, der die tangutische Sprache kenne. Inzwischen kommen 
Russen, die in Peking gelebt und dort Chinesisch und die Ural-Altaischen 
Sprachen gelernt haben, nach Petersburg zurück. Sie sehen die Handschrift und 
die französische Übersetzung. Sie lesen die erstere ohne Schwierigkeit — es ist 
einfach, wie man damals noch sagte, Tatarisch; die Übersetzung ist Unsinn, 
ohne jede Beziehung zum Original. Die Russen sollten wissen, wie gut sie von 
den Franzosen immer bedient worden sind. 



— 393 — 

blicklich in Erinnerung bringen; unser Streben wird also 
einzig und allein auf die Deutlichkeit und die Bequemlich- 
keit des Bildes gerichtet sein. Hast Du Dich jemals, lieber 
Leser, als Einjährig -Freiwilliger im Situationszeichnen ge- 
übt und ein sogenanntes Croquis angefertigt? — Nun, so 
kennst Du die dabei angewendeten Signaturen; so weisst 
Du, wie man mit ein paar Strichen einen Berg, einen Teich, 
einen Sumpf, eine Wiese, einen weit sichtbaren Baum, 
ein Gebüsch, eine Sandgrube, ein Bahnwärterhäuschen, einen 
Bahneinschnitt, eine Brücke, einen Bahndamm anzudeuten 
pflegt, mit wie einfachen Mitteln man eine Eisenbahn von 
einer Chaussee, einen Laubwald von einem Nadelwald, eine 
Windmühle von einer Wassermühle, ein Gehöft von einem 
Dorfe unterscheidet. Übrigens sind ja die Landkarten selbst 
keine viel vollkommeneren Landschaftsbilder. Oder hast 
Du Dir die alten Kalender angesehen und die sogenannten 
Kalenderzeichen j die Zeichen für Sonne, Mond und die Pla- 
neten, die Tierkreiszeichen und die Aspekten Deiner Auf- 
merksamkeit gewürdigt? — Nun, so weisst Du, dass ein 
einfacher Kreis mit einem Punkt, gleichsam ein runder 
Schild mit einem Buckel in der Mitte oder auch ein Rad*) 
(0) das Zeichen der Sonne, respektive des Sonntags und des 
Goldes; eine Sichel (([) das Zeichen des Mondes y respektive 
des Montags und des Silbers (eigentlich bloss das Zeichen für 
das letzte Viertel, da man den Neumond mit einem Q , den 
Vollmond mit einem ® und das erste Viertel mit einem 2) 
bezeichnet); ein Kreis mit seinem Durchmesser aber (©) das 
Zeichen der Erde mit dem Äquator ist. Gewöhnlich krönt 
man den Erdkreis mit einem Kreuz, wie man ein solches, 
vergleiche Seite 24, anstatt der Nike auf die Weltkugel in 
der Hand der römischen Kaiser oder auf den sogenannten 
Reichsapfel setzte (5, das Wappen der Kartäuser). Bei 



*) Das Rad, altnordisch J/ioif Jol, englisch JVJieel, war bei den alten 
Germanen ein Sinnbild der Sonne; daher wurde das Fest der Wintersonnen- 
wende, gleichsam das Geburtsfest der Sonne, an dessen Stelle das Weihnachts- 
fest trat, das ytä/esi, wörtlich das Radfest genannt. 



— 394 — 

der Venm wird ein Spiegel gemalt ((^), beim Mars ein Schild 
und ein Speer (c^), beim N^tun ein Dreizack (^), beim 
Merkur ein Schlangenstab oder Caducem (J), beim Saturn 
eine Sichel (1)). Alle diese Bilder, Zeichen und Signaturen 
aber, die bei uns die grösste Popularität gemessen, stimmen 
mit denen, welche die alten Ägypter imd Chinesen erfunden 
haben und aus denen unsere jetzige Schrift hervorgegangen 
ist, auf das genaueste überein. 

Man sehe sich nur die ägyptischen und die chinesischen 
Bilderbücher an; da wird nicht lange gefackelt, wenns gilt, 
einen Gegenstand zu zeichnen. Für die Sonnenscheibe 
macht der Ägypter einen Kreis, der Chinese einen mit 
einem Punkt in der Mitte, entsprechend dem Kalender- 
zeichen ; unser entspricht dem phönizischen und hebrä- 
ischen Äi'n und soll ein Äuge sein, das allerdings in den 
Hieroglyphen ziemlich sorgfältig und mit dem charakteristi- 
schen, mandelförmigen Schlitze dargestellt ist. Mit einem 
Blatte charakterisiert der ägyptische Künstler, als ob er 
mit unserm Einjährig-Freiwilligen Croquis zeichnete, einen 
Baum, mit einem geschwänzten Fell ein vierfiissiges Tier; 
eine Wellenlinie, wie wir sie wohl machen, um eine Zeile 
auszustreichen, verwendet er für Wasser, daher noch unser 
Zeichen für Wassermann: ^. Der Italiener sieht in den 
kreuzförmigen Strichen, womit wir eine geschriebene Seite 
für ungültig erklären, vielmehr das Bild eines Gitters, er 
nennt daher etwas ausstreichen: cancellare, gleichsam gUtern: 
man sieht also, was es für eine Kunst war, ein Fenster- 
gitter zu zeichnen, das noch in der lateinischen Majuskel H 
erhalten ist. Zwei Bäume sind in der chinesischen Bilder- 
schrift ein Wald, genau so wie auf unserem Croquis; die 
Begriffe oben und unten werden auf die einfachste Weise 
durch einen Punkt über (_:_) oder unter einer Linie (-r-) 
ausgedrückt. Eine gewisse stillschweigende Übereinkunft 
hilft mit, eine solche Skizze für das gelten zu lassen, -was 
sie bedeuten soll und was sie vielleicht nicht ganz glücklich 
ausdrückt. So ist dem Hindu der mit der Spitze nach oben 



— 395 — 

gekehrte Triangel (a) das Bild der Feuerflamme, der mit 
der Spitze nach unten gekehrte (v) das des Wassers. Und 
dieser umgekehrte Triangel (v) wird noch heute von den 
Ärzten auf den Rezepten bisweilen für Wasser angewendet, 
es ist ein sogenanntes Apothekerzeichen wie Si für Alkohol, ff 
für Zucker. 

Es ist im höchsten Grade wichtig sich klar zu machen, 
dass die ägyptischen Hieroglyphen und die chinesischen 
Sinogramme durchaus nichts Besonderes , Altertümliches, 
dass sie durchaus nichts sind, was nicht täglich mit geringen 
Modifikationen auch bei uns vorkäme. Noch heute zieht 
sich durch unsere Briefe, Zeitungen und Bücher wie ein 
roter Faden die älteste Bilderschrift. Wir alle pflegen das 
Quadratmass durch ein Quadrat (Q) auszudrücken und zum 
Beispiel statt loo Quadratfuss: loo □' zu schreiben. Wir 
alle malen Kreuze oder Sternchen, um eine Anmerkung zu 
machen, Donnerkeile, im Mittelalter Ceraunia genannt, Spiesse 
und Obelisken, um als Kritiker eine Stelle als verdächtig 
hinzustellen, Pfeile, um die Richtung zu bezeichnen und 
Hände, um auf etwas Bemerkenswertes hinzuweisen. Zwei 
ineinandergeschlungene Hände, dieses Bild der Freundschaft, 
bilden sie nicht eine ganz gewöhnliche Handelsmarke? Ich 
entsinne mich, als Schüler in der Geschichtsstunde beim 
Nachschreiben nach allgemeiner Sitte für das Wort Schlacht: 
zwei gekreuzte Schwerter gemacht zu haben, ähnlich wie der 
Chorus in Shakespeares König Heinrich der Fünfte, Vierter 
Aufzug dem Publikum den Namen Agincourt durch vier 
Klingen vergegenwärtigen will. Die Studenten der Theo- 
logie pflegen in ihren Kollegienheften für Christus ein Kreuz 
zu machen, und so schreibt man in Norwegen allgemein 
für Kristiania: Xania, für Kristianssand: Xanssand, Es ist das 
keine blosse Abkürzung, derjenigen analog, mit welcher 
man zum Beispiel in England für Liverpool: Lpl, für Man- 
chester: Mehr, für Birmingham: Bghm, für Feninsular and Oriental 
Company: P & schreibt, ja, in dem letzteren Falle sogar 
auch spricht (hy the P and 0, gesprochen Piano); sondern 



— 396 — 

eine thatsächliche Rückkehr zur alten Bilderschrift und zu 
den kleinen Kunstgriffen, welche dieselbe von Anfang an 
denn Schreibenden nahezulegen schien. 

Es leuchtet ein, in jenen einfachen Bildern besassen die 
Menschen einen wahren Schatz. Nicht nur, dass sie in 
ihnen die Originale selbst zu Händen hatten, sie hatten 
auch implicite alles das zu Händen, was jene Originale be- 
grifflich einschlössen und symbolisch bedeuteten. Es kommt 
wohl vor, dass Korrespondenten grosser Zeitungen in den- 
selben eine bestimmte Chiffre haben und ihre Berichte nicht 
mit ihrem Namen, sondern mit dieser Chiffre unterzeichnen. 
So hatte zum Beispiel Heinrich Heine seinerzeit in der All- 
gemeinen Zeitung als Chiffre den sogenannten Davidsschüd, 
das Bild des Namens Gottes, das am Rhein auch ein Wirts- 
hauszeichen und nicht mit dem Pentagramm (J5C) und dem 
Freimaurerzeichen ()0() zu verwechseln ist: ^ ; Heinrich 
Seuffert, der gleichzeitig mit ihm in Paris war, ebendsiselbst 
das Zeichen des Planeten Venus: 9. Dem Leser der All- 
gemeinen Zeitung galt demnach der Davidsschild für ein 
Symbol von Heinrich Heine, das Planetenzeichen für ein 
Symbol von Heinrich Seuffert. Genau so musste einst dem 
Hindu der mit der Spitze nach obengekehrte Triangel (a), 
das chemische Zeichen des Feuers, für ein Symbol des Feuer- 
gottes Siva; und der Triangel mit der Spitze nach unten 
(v), welcher das Zeichen des Wassers war, für ein Symbol 
des Wassergottes Vischnu gelten. Der Ägypter glaubte in 
dem Heiligen Käfer oder dem Scarabäus, einem Mistkäfer, 
welcher wie alle Arten seiner Gattung seine Eier in Kugeln 
aus frischem Mist legt, die letzteren dann eine Zeitlang 
rollt und schliesslich eingräbt, den Gott zu erkennen, wel- 
cher die Keime des Werdens und des Lichtes in die Materie 
legt ; der Käfer, dessen hieroglyphischer Name Ch^er war, 
bedeutete demnach zugleich den Sonnengott Ghepera, und 
der Reisende, der in Ägypten einen schönen Scarabäus 
kauft, bekommt den Schöpfer Himmels und der Erden mit 
in den Kauf Es ist das ja nicht merkwürdiger, als wenn 



— 397 — 

wir ein Lamm abbilden und damit Jesus Christus meinen 
oder eine Taube malen und den Heiligen Geist darunter 
verstehen. 

In dem Petschaft der Jesuiten befinden sich zwei 
Kegel; der aufrechtstehende zeigt den Glauben, der umge- 
kehrte die Vernunft an. 

Indessen jene kunstlosen Abbildungen erwiesen sich 
noch in anderer Weise fi^uchtbar: sie schlössen nicht nur 
gleiche Begriffe, sondern auch gleiche Laute ein. — In 
Italien ist es wohl Sitte, wir haben dieselbe schon be- 
merkt, dass sich Liebesleute Briefe schreiben, die ein 
durchbohrtes Herz als Vignette tragen; gewöhnlich malen 
sie sich diese Vignette selbst; die Figur eines Herzens 
und eines Pfeiles ist ja allbekannt; die Chinesen besitzen 
die erstere (sin) in 36 Schriftarten. Trotzdem haben die 
alten Ägypter dieses anmutige Bild nicht, sondern drücken 
das Herz durch ein zweihenkeliges Gefäss, die soge- 
nannte Henkelvase, aus; sie liegt beim Totengericht in 
der einen Wagschale , in der anderen die Straussfeder, 
das Symbol der Wahrheit. Sie sind reich an solchen Sym- 
bolen, wenn es überhaupt Symbole und nicht vielmehr 
bloss Homonymen sind, die dem Laute nach zufällig zu- 
sammentreffen und wie wir sie im nächsten Abschnitt 
kennen lernen werden. Wie kommt es zum Beispiel, dass 
der Geier ein Symbol der Mutter ist und ein Korb einen 
Herrn bedeutet? Ein mit einem Korbe gekröntes Haus 
heisst Hausherrin, Neh-hat, und dies ist die Hieroglyphe der 
Göttin Nephthys, Die Stabsäule oder der Nilmesser bedeutet 
Beständigkeit; das sogenannte Henkelkreuz, wie es die Eng- 
länder nennen. Gross and Ball (•9-), welches die ägyptischen 
Götter in den Händen halten und womit man bei uns den 
Planeten Venus bezeichnet, das Lehen (anch). Man heisst 
es auch den Nüschlüssel, und betrachtet es demgemäss als 
das Symbol der Meer und Erde aufschliessenden Allge- 
walt des Sonnengottes, gelegentlich auch als eine Form 
des Phallus. Aber die Sache ist, dass hier eine blosse 



— 398 - 

Homonymie im Spiele ist, das heisst Wörter vorliegen, die 
gleich lauten, aber verschiedene Bedeutung haben. — Die 
Homonymie ist die Klippe der Bilderschrift, durch sie wird 
sie gleichsam verfuhrt, sich selber zu verleugnen, ihrem 
Zwecke luitreu zu werden, und daran scheitert die Sprache 
ohne Worte, die hier ein vorzügliches Ausdrucksmittel ge- 
funden hatte. Ein ganz neues, falsches Prinzip der Schrift 
thut sich hervor, das wir eingehend prüfen müssen. 



II. Übergang der Bilderschrift zur Buchstabenschrift. 

Die phonetische Krankheit — Wort und Sache wird nicht auseinandergehalten 
und infolgedessen das Bild nicht bloss für das Ding, sondern auch für das Wort 
genommen — diese Methode ist uns nicht fremd, auf ihr beruhen die sogenannten 
Rebusse — historische Beispiele aus Frankreich, Spanien und Italien — Charaden, 
wie sie in Deutschland aufgeführt zu werden pflegen — die Ägypter haben 
auch Rebusse gemacht und Bilderrätsel erfunden — wie das Bild ^p Löwen 
für den Begriff Wasser verwendet wird und wie darauf die Sitte zurückzufuhren 
ist, bei öffentlichen Brunnen das Wasser aus Löwenrachen quellen zu lassen — 
die Hinzufägung der Determinativa — derselbe Entwickelungsgang m der 
chinesischen Bilderschrift und in der Keilschrift, aber in der ägyptischen Sduil: 
ist er am deutlichsten — nachdem das Bild auf das 'Wort übertragen worden 
ist, schreitet das Volk dazu, das Bild auf den Anlaut des Wortes zu übertragen 
— so gelangte es zu einem System der Laute überhaupt — für das Ding, ^ 
bisher mit einem einzigen Bilde bezeichnet ward, brauchte man nun so ridc 
Bilder als sein Name Laute enthielt — die ideographischen Zeichen verschwan- 
den damit nicht ganz, aber das frühere System war überwunden, das Volk hatte 
Buchstaben gewonnen — Vergleich mit den Taubstummen, welche die Boch- 

staben des Alphabets erlernen. 

Der Krankheitsprozess, welchem die alte schöne Bilder- 
schrift anheimfiel, durch den sie in ihrem Wesen dauernd 
verändert imd allmählich ganz zerstört ward, fing sich fol- 
gendermassen an. Neben der Bildersprache ging die Laut- 
sprache nebenher, von der wir zwar noch nichts wissen, die 
aber offenbar in der Wirklichkeit nicht auf unsere Erlaub- 
nis gewartet haben wird; man hatte demnach für die Dinge, 



— 399 — 

welche man abbildete, auch Wörter. Dinge und Wörter 
sind nun allerdings zwei Begriffe, die man sorgfältig aus- 
einanderhalten muss; indessen ist dies eine Weisheit, die 
dem naiven Verstand eines Kindes niemals einleuchten 
wird. Wenn ich dem etwa sagen wollte: das Wort Apfel 
ist nicht dasselbe wie ein wirklicher Apfel, und das Pferd 
im Buche und das Pferd am Wagen sind zweierlei, so würde 
es mich gross ansehen und nicht verstehen, was ich wilL 
Der Name hat sich in seinem Bewusstsein noch nicht vom 
Gegenstande losgelöst und der Umstand, dass ich, um von 
dem Dinge selbst zu reden, doch wieder seinen Namen 
aussprechen muss, erschwert das Verständnis ungemein. 
Gerade aber weil man an einen unauflöslichen Zusammen- 
hang zwischen Wort und Sache glaubte, verirrte man sich 
dahin, das erstere gewissermassen zu verselbständigen: man 
that es eben hona fide. Das Bild bedeutete die Sache, das 
leugnete man nicht; nun aber hiess die Sache so und so; 
das Bild musste also doch auch fiir diesen Namen gelten! 
Gefährliche Klippe! Denn was so selbstverständlich und so 
natürlich scheint, beruht dennoch auf einer heillosen Ver- 
w^echselung. Es hätte noch nichts weiter auf sich gehabt, 
w^enn jedes Wort nur in einer einzigen bestimmten Bedeu- 
tung vorgekommen wäre; aber nicht nur, dass dieser Be- 
deutungen oft sehr viele sind, es treffen oft zufällig in 
einem und demselben Lautkomplex ganz heterogene Gegen- 
stände zusammen, wie unser Thor einen nordischen Gott, 
einen Narren und eine Pforte zugleich vertritt, Barden bald 
dünne Speckscheiben, bald gallische Sänger bedeuten kann, 
mehr und Meer, wahr und war fürs Ohr völlig identisch sind. 
Die drei englischen Worte Peas, Erbsen, Peace, Friede und 
Piece, Stück, unterscheiden sich lautlich nicht; und wenn 
einmal ein Russe in einer pariser Buchhandlung les voyages 
de Cyrus verlangte, weil er glaubte, das Buch enthalte les 
voyages de six Busses, so trifft ihn kein anderer Vorwurf als 
der, dass er sich den Titel nicht hatte aufschreiben lassen. 
Ja, tausendmal für einmal ist ein Wort den Lauten nach 



— 400 — 

teilweise in einem anderen enthalten, zum Beispiel Schaf in 
Schaf -fner, Ort in W-ort, an in if-a»-». Hat man sich nun 
einmal darauf eingelassen, die Bilder nicht bloss für die 
Dinge, sondern auch für die Lautkomplexe zu nehmen, so 
wird man sie überall einschieben und einschmuggeln, wo 
sich besagte Lautkomplexe finden, imd man gerät damit 
imwillkürlich auf einen Abweg, in eine von der Bilderschrift 
grundverschiedene Methode. 

Nun ist allerdings diese Methode uns selber keine 
fremde, durchaus keine unerhörte: auf ihr beruhen alle jene 
Wortspiele, welche die Engländer Funs nennen, und nament- 
die schriftlichen Spielereien, deren die Unterhaltungsblätter 
voll sind und die unter dem charakteristischen Namen Bebus 
gehen. Alle Völker lieben Rebusse und pflegen sie, vorab 
die Franzosen; ist doch gerade die französische Sprache 
überreich an Homonymen, die bisweilen noch durch die 
Orthographie auseinandergehalten werden , wie zum Bei- 
spiel ver, vers, vert und vair oder sang, cent, sans, sent, sens 
und sV«; oft aber auch hier zusammenfallen, wie voki- 
fliegen und voler stehlen, louer loben und lauer vermieten, 
fin fein und fin Ende, causer verursachen und causer plaudern. 
Eine pariser Grisette schreibt an ihren Liebsten: Viens de 
hdnne heure; faürai celui de te voir plus tot — wie soll das 
arme Mädchen wissen, dass honheur etwas anderes ist als 
honne heure, da doch eins klingt wie das andere? — Unter 
den Karikaturen, von welchen im Jahre VII, neuen Stils, 
die pariser Zeitungskioske strotzten, bemerkte man eine, 
welche der Erfolg zu einer Prophezeiung gestempelt hat. 
Der Zeichner hatte die Glieder des Direktoriums und dar- 
unter eine Lanzette, Lattich und eine Batte dargestellt. Diese 
drei Gegenstände heissen auf französisch: lancette laitue rat; 
der Eingeweihte aber las: 

tan sept les tuera. 

In Wahrheit kam in diesem Jahre Bonaparte plötzlich von 
Ägypten wieder, und wenn diese unerwartete Rückkehr 
nicht die Direktoren tötete, sagt ein zeitgenössischer Schrift- 



— 401 — 

steller, so tötete sie allerdings das Direktorium und seine 
Macht Das historische Rebus erinnert an das Wappen 
der Familie Racine, das aus einer Ratte (rat) und einem 
Schwan (cygne, gesprochen sign^) bestand. 

Auch in Spanien sind dergleichen graphische Kunst- 
stückchen von jeher Mode gewesen. Den Sklaven brannte 
man einst mit einem glühenden Eisen ein S und einen Nagel 
auf der Schulter ein: ein Nagel heisst auf spanisch clavOy 
das Zeichen war also zu lesen: Es-clavo, das heisst: Sklave, 
Auf unzähligen spanischen Denkmälern, am häufigsten in 
Sevilla, bemerkt man die Devise oder die Empresa der 
Katholischen Könige Ferdinand und Isabella. Sie befindet 
sich gewöhnlich auf zwei Schilden, von denen einer ein 
Bündel Pfeile (FlecJuis), der andere ein Joch (Yugo) darstellt; 
unter den Pfeilen steht in gotischer Schrift ein F, der An- 
fangsbuchstabe von Flechas und Fernando, unter dem Joche 
ein Y, der Anfängsbuchstabe von Yugo und Ysahel, Unter 
der Regierung der Katholischen Könige kamen diese beiden 
Initialen F und Y nicht bloss auf Denkmäler, sondern auch 
auf Waffen und Geräte, so auf die prachtvollen, metallisch 
glänzenden spanisch-maurischen Fayencegefässe zu stehen, 
die ini XV. und XVI. Jahrhundert in mehreren Provinzen 
Spaniens hergestellt wurden. Die Worte TANTO MONTA, 
die man gewöhnlich neben dem Joche liest, sollen wahr- 
scheinlich bedeuten: Tanto monta Fernando como Ysäbel, das 
heisst die beiden Fürsten kommen sich an Grösse und an 
Macht gleich. 

Die Stadt Sevilla, la muy noble ciudad de Sevilla, besitzt 
ihr eignes Wappen vom Jahre 1 3 1 1 ; es stellt den heiligen 
Ferdinand dar, wie er, ein breites Schwert in der rechten 
Hand, auf seinem Throne sitzt, neben ihm stehen die beiden 
Schutzpatrone der Stadt, der heilige Isidorus und der heilige 
Leander; darunter liest man die Devise: 

NO 8 DO. 
Diese Devise oder Empresa, welche die Spanier el Nodo, das 
heisst den Knoten nennen, kehrt ebenfalls auf den Denk- 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. 26 



— 402 — 

mälem Sevillas alle Augenblicke wieder; sie bildet aber- 
mals ein Rebus. 

Als gegen Ende des XIII. Jahrhunderts der König 
Alfons der Weise von seinem Sohne Don Sancho entthront 
worden und die meisten Städte und Provinzen seines 
Reiches von ihm abgefallen waren, blieb ihm Sevilla allein 
treu. Zur Belohnung verlieh Alfons der Stadt den Knoten, 
welcher ihre feste Anhänglichkeit versinnbildlichen sollte; 
einen Knoten sollte die Figur, welche wie eine Acht aus- 
sieht und die zwischen den Silben NO- DO steht, zunächst 
vorstellen. Damit verband sich aber noch ein anderer ge- 
heimer Sinn. Der Knoten hatte die Form eines Gebindes 
Seide, eines sogenannten Stranges oder Strähns, spanisch 
Madexa, Legt man das letztere Wort in die beiden Silben 
ein, so entsteht die Phrase: 

No-madexa-do 

oder anders abgeteilt: 

No m'[h]a dexado, 

und das heisst: sie hat mich nicht verlassen (dexar, verlassen). 
Noch ein Rebus aus Italien und aus der neueren Ge- 
schichte. A. D. 1857 machte Pius IX. seine famose Reise 
durch die Romagna und die übrigen Legationen des Kir- 
chenstaats. Als er nach Bologna kam, erhielt er mit der 
römischen Post einen Brief, in welchem weiter nichts stand 
als: 

Santo Padre! 610. 

Die Zahl bedeutet, Ziffer für Ziffer gelesen, im Italienischen: 

Sei uno zero, 

das ist: heiliger Vater, du bist eine Null, und erinnert an den 
komischen Fehler, welchen Casanova seinem Sekretär Costa 
nie verzieh: der arme Teufel hatte die Stadt Trient, franzö- 
sisch Trente in Ziffern geschrieben: 30! — Es heisst, dass 
Pius IX., der sonst über Pasquinaden zu lachen pflegte, bei 
dieser den Mund verzog. 



— 403 — 

Wie gesagt, das sind Bebusse, wie man sie in Zeit- 
schriften alle Tage liest — Charaden, wie sie Gustav Frey- 
tag in Soll und Haben auffuhren lässt: das Wort Referendarim 
wird durch ein Reh, eine Fee, ein Wettrennen und den König 
Darius, hinter dem Alexander der Grosse steht; das Wort 
Farthenia durch ein Ehepaar, eine Theegesellschaft, eine Dame, 
die Nie und ein Bauermädchen, das Ja sagt, dargestellt, 
während Lenore beidemale als Ganzes, als Referendarim und 
als Farthenia erscheint. Schon recht, nur dass diese Rebusse 
und diese Charaden gar nichts anderes als moderne Hiero- 
glyphen sind — nur dass die geistreiche Dame, die sie 
löst, ohne es zu ahnen, dieselbe Kunst braucht als irgend 
ein Champollion. Die alten Ägypter und Chinesen haben 
eben Rebusse gemacht und Bilderrätsel erfunden, die jede 
Redaktion für ihre Spielecke brauchen könnte. In der hiero- 
glyphischen Schrift verlieren gewisse Zeichen für ein- oder 
mehrsilbige Lautkomplexe ihre ursprüngliche ideographische 
Bedeutung so weit, dass sie auch für andere Wörter oder 
deren Teile, welche denselben Lautkomplex fürs Ohr wie- 
derholen, gebraucht werden. Altägyptisch Mu bedeutet 
Gewässer, Ma Löwe; im Koptischen hiess der letztere Mui, 
sodass beide Worte noch ähnlicher waren. Das Bild des 
Löwen konnte also auch für den Begriff Wasser verwendet 
werden und wurde es nach dem Zeugnisse des Plutarch 
(Symposiaca IV, quaest, 5. ed. Reiske Opera Vol.v, p. 663); ja, ver- 
mutlich ist auf diese Homophonie die bis zu uns gedrungene 
Sitte zurückzuführen, bei öffentlichen Brunnen das Wasser 
aus Löwenrachen hervorquellen zu lassen, welche Sitte 
allerdings auch daraus erklärt wird, dass der Nil zu steigen 
beginnt, wenn die Sonne in das Zeichen des Löwen tritt 
(20. Juli); wenigstens steigt er dann rapid, die Nilschwelle 
beginnt bereits im Juni. Zoäga {Numi Egizi, p. 204) erklärt 
sich die Begriffsverwandtschaft abgeschmackter Weise aus 
den Katarakten des Nil, deren Heftigkeit und Getöse an 
das Löwengebrüll erinnere! — 

Mögliche Zweideutigkeiten werden dann durch ver- 

26* 



— 404 — 

schiedene Hilfsmittel, namentlich durch hinzugefugte Deter- 
minativa, vermieden. Vielleicht lassen sich dadurch die schwie- 
rigsten Probleme der ägyptischen Mythologie sehr einfach 
lösen. Neben den ägyptischen Göttern gehen gewisse Tiere 
und gewisse leblose Gegenstände her, die ihnen bald nur 
als Attribute beigegeben, respektive mit ihnen verschmolzen, 
bald geradezu an ihre Stelle gesetzt werden, so dass sie 
sich unter einander auswechseln. So entspricht dem Homs 
der Sperber, der Hathor die Zmä, dem Phtha der Stier, der 
Facht die Katze, dem Sehek das Krokodü, der Isis der T%ron, 
der Nephthys das mit einem Korbe geschmückte Haus, der Neith 
das Weberschiffchen. Man hat nun namentlich bei den Tie- 
ren, die man ja bekanntlich auch göttlich verehrte, eine 
Analogie ihres Wesens mit den betreffenden Göttern er- 
kennen wollen. Der Sperber eilt, wie die Sonne, durch 
den Luftraum und schwingt sich, gleich ihr, zur Himmels- 
höhe auf; die Kuh ist die grosse Mutter, der Stier der 
Erzeuger, die Katze ein Typus der Verliebtheit, das Kro- 
kodil der des Nilwassers u. s. w. Aber abgesehen davon, 
dass diese Analogie stellenweise hinkt, so sind doch nun 
auch noch die Throne und die Körbe und die Weberschiff- 
chen da, die sich zu ihren Trägem genau wie die hei- 
ligen Tiere verhalten, wo aber jene Symbolik völlig ver- 
sagt. Wie, wenn die ganze Parallele keinen anderen Grund 
als den lautlichen Gleichklang in der armen ägyptischen 
Sprache hätte, in der es von Homonymen wimmelt? Wenn 
die Kombination von Thron und Isis auf dasselbe hinaus- 
liefe wie etwa das Hinzumalen eines Scheunenthores zu 
der Figur des Gottes Thor, damit er leichter erkennbar 
sei? Wenn alle diese Tiere und Geräte eine Art von reden- 
den Wappen darstellten, wie im spanischen Wappen das 
Kastell von Kastüien, der Löwe von Leon und der Granatapfel 
von Granada? In der That ist das um so wahrscheinlicher, 
als dergleichen Determinativzeichen, wie wir sehen werden, 
auch hinter die phonetisch ausgeschriebenen Gruppen als 
erklärende Elemente zu treten pflegen; in unserem Falle 



— 405 — 

würden sie freilich nicht sowohl die Sache als vielmehr den 
Namen andeuten sollen. 

Ähnlich wie die ägyptische ist auch die chinesische 
Bilderschrift von der phonetischen Krankheit, wenn ich 
mich so ausdrücken darf, ergriffen worden. Die chinesische 
Schrift wird in Säulen von oben nach unten und in Zeilen, 
welche sich von rechts nach links aneinanderreihen, ge- 
schrieben. Nun, wer jemals eine solche Zeile, etwa nur auf 
einer Theekiste des Himmlischen Reiches, gelesen hat, der 
weiss, dass sie aus zwei Gattungen von Zeichen zusammen- 
gesetzt sind: aus Begriffszeichen oder wirklichen Bildern 
(wen) und aus Lautzeichen oder Bildern, die ihre ursprüng- 
liche Bedeutung verloren und an ihrer Statt eine phone- 
tische angenommen haben (tse). Die letzteren sind wie 
vorhin aus ersteren hervorgegangen. Die chinesische Schrift 
war ursprünglich eine reine Wortschrift, ein jedes Zeichen 
stellte einen Begriff dar, zum Beispiel die Sonne, •- 
oben, -r- unten, wie die Astronomen den aufsteigenden 
Knoten durch ß, den niedersteigenden durch ^ bezeichnen. 
Die Bilder aber erwiesen sich teils als nicht ausreichend, 
teils als nicht klar; es wurden daher mehrere vereinigt, 
um neue Begriffe und Wörter zu bilden, zum Beispiel zwei 
Bäume um Wald, zwei Weiher um Zanky Mutter und Kind um 
Liehe, Vogel und Mund um Gesang auszudrücken. Weil nun 
diese zusammengesetzten Bilder genauer und vollkommener 
waren, kamen viele einfache Begriffszeichen , deren Aus- 
sprache als allgemein bekannt vorausgesetzt werden konnte, 
ausser Verkehr und dienten nur noch als phonetische 
Komplemente; man setzte sie ohne alle Beziehung auf ihre 
Bedeutung neben die Bilder, und dasselbe Ding fand sich 
einmal seiner Gestalt, da^ anderemal seinem Namen nach 
bezeichnet. Fast alle Blumen, Bäume, Fische, Vögel und 
viele andere Gegenstände, deren rein bildliche Darstellung 
unmöglich gewesen wäre, werden durch dergleichen Misch- 
charaktere ausgedrückt. So bedeutet zum Beispiel ein 
Sinogramm, das li ausgesprochen wird, wenn es allein ge- 



— 406 — 

braucht wird, eine chinesische Meile, zu dem Bild eines 
Fisches hinzugefügt, bildet es den Namen des Fisches li, 
das heisst einer Gattung des Karpfens, ich glaube des 
Goldfisches. Die Ägypter machten ganz dasselbe, nur 
umgekehrt. Sie hatten erst die Hieroglyphe für li ge- 
schrieben und dann den Fisch als Determinativ hinzugefügt. 
Hier jedoch bleiben die Chinesen stehen; in seine Elemente 
haben sie das Wort nie aufgelöst, um so zu der vollendet- 
sten Gattung der Schrift, nämlich der Buchstabenschrift, zu 
gelangen. 

Dagegen ist die Keilschrift, die im hohen Altertum an 
den Ufern des Euphrat und Tigris entstand und hier von 
den Chaldäem*) mit einem dreieckigen Stichel in feuchten 
Thon geritzt ward, Stufe fiir Stufe von einer Bilder- eine 
Wort-, und von einer Wort- eine Buchstabenschrift ge- 
worden: der horizontale und der vertikale Keil sollen ur- 
sprünglich identische Zeichen der Gottheit gewesen sein, 
ersterer bedeutet noch jetzt den Gott wie das Land Assur. 
Jetzt sehen diese Streifen und Striche nun allerdings Buch- 
staben so wenig ähnlich, dass Grrotefend seiner Zeit erst 
beweisen musste, dass sie wirkliche Inschriften und nicht 
blosse Arabesken und Verzierungen seien. Am deutlichsten 
aber lässt sich jener Übergang in der ägyptischen Schrift 
verfolgen, wo er zugleich für uns am interessantesten ist; 
in ihrem merkwürdigen Organismus sind alle Stufen zu- 
gleich in einem ziemlich gleichmässigen Verhältnis ent- 
halten. 

Wer A sagt, muss auch B sagen; hat das Volk ein- 
mal dcLS Wort vom Dinge getrennt und gleichsam eman- 

*) Der Volksname Ckaldäer wird gleich dem hebräischen KascRm mit der 
von den Chaldäern gebrauchten Keilschrift in Zusammenhang gebracht: dialed 
bedeutet im Syrischen eingraben, kasad im Arabischen einschneiden, und chid ist 
in der Sprache der Keilschriften der Pfeil. Da der Keil Symbol des Hermes 
ist, keilförmige Steine auf alten Gräbern vorkommen und die keilförmige Hiero- 
glyphe Hu, das ist Fülle, identisch mit dem Zeichen des Gottes Ao oder des 
Adonis ist, so liegt dieser Schriftform jedenfalls eine religiöse, wahrscheinlich 
phallische Idee zu Grunde. 



— 407 — 

zipiert, so macht es ihm notgedrungen noch weitere Zuge- 
ständnisse und irrt immer mehr von seinem Prinzip ab. 
An dem Lautkomplex, mit dem es das Bild identifiziert, 
fällt ihm vor allem der Laut, mit dem er anhebt, der söge- 
nannte Anlaut auf. Ächom heisst Adler im Ägyptischen, 
MuLag^ Eule ; an Ächom nun scheint Ä , an Mülag* M das 
Charakteristische zu sein. Was Wunder? Diese Buchstaben 
sind gleichsam Häupter und Anführer ihrer Schar. Von 
hier ist es nun nur ein Schritt bis zu dem Wagnis, die oben 
erwähnten Bilder nicht mehr für den gesamten Wortkörper, 
sondern nur für den besagten Kopf, den Adler für A, die 
Eule für M zu brauchen. Ganz analog ist zum Beispiel 
der Krokodilwächter, der auf den altägyptischen Denk- 
mälern häufig erscheint, zum Buchstaben ü geworden. 

Zuerst also sonderte man das Wort vom Dinge, dann 
wieder vom Worte den Anlaut ab. 

Eine Thatsache von unberechenbarer Wichtigkeit! 
Denn indem man nun auf die verschiedenen Arten, wie ein 
Wort anlauten konnte, achtete und von jeder einzelnen 
Akt nahm, gelangte man zu einem gewissen System der 
Laute überhaupt. Man lernte Vokale und Konsonanten 
und unter den letzteren, nach den bei ihrer Hervorbringung 
thätigen Organen, Kehllaute, Gaumenlaute, Zungenlaute, 
Zahnlaute, Lippenlaute unterscheiden — jedem schob man 
das Bild des Wortes unter, welches mit ihm anhob und 
begründete dergestalt ein primitives Alphabet, gewisser- 
massen das Inventar der Lautelemente, welche man besass. 

Die Folge war, dass man nun für ein Ding, das man 
vorher mit einem einzigen Bilde bezeichnete, ebenso viele 
Bilder brauchte, als sein Name Laute enthielt, und diese 
neuen Bilder standen ausser aller Beziehung zu dem Ding 
selber. Eine so prinzipielle Umwälzung konnte nur lang- 
sam vor sich gehen. Die literalen Bilder drangen zunächst 
ins Innere der Wortkörper; denn am Anfange brauchte 
man noch durchgängig das eigene Bild: es musste an- 
stössig und ungerecht erscheinen, ein fi*emdes Bild gerade 



— 408 — 

für den Anfangsbuchstaben zu wählen, während man doch 
überhaupt das eigene Bild so gut wie das fremde zum 
Typus des Buchstabens hätte erheben können. Zum Bei- 
spiel das Wort Änch, das ist Leben, schrieben die Ägypter 
ursprüngUch mit dem Henkelkreuz (-^). Wollten sie es nun 
alphabetisch schreiben, so hätten sie, nach dem Vorigen, 
das Ä durch einen Adler ausdrücken müssen. Das thaten 
sie aber nicht, sondern behielten, während sie n und ch aus 
dem allgemeinen Alphabet ergänzten, für Ä das Henkel- 
kreuz bei. Erst allmählich gelangte das Bild des Adlers, 
so zu sagen, zur Alleinherrschaft und verdrängte die iden- 
tischen Anlautzeichen vollkommen. Und so mit allen an- 
deren Buchstaben. 

Die Anzahl der für die 20 — 22 Laute der Sprache aus- 
gewählten Hieroglyphen, welche in allen Fällen, wo nur der 
einzelne Laut geschrieben werden sollte, gebraucht werden 
konnten, wurde auf ungefähr 30 beschränkt. Man erlaubte 
sich auch hierbei noch einen gewissen Wechsel vollkommen 
homophoner Zeichen zur Bequemlichkeit in der Anordnung 
der Gruppen für das Auge. Die ideographischen Zeichen 
verschwanden damit noch nicht ganz; sie traten, wie vorher 
erwähnt, als Determinativa hinter die phonetisch ausge- 
schriebenen Gruppen, der vielen Homonymen wegen. Das 
vielgenannte Änch bedeutet Leben; aber es bedeutet auch 
Ohr, Spiegel, Ziege u. s. w. Der Leser würde nun leicht 
in Irrtum verfallen und Änch nefer: ein schönes Lehen statt 
eine schöne Ziege übersetzen können, wenn ihm nicht das 
Determinativum zu Hilfe käme. Wie man bei uns, um 
jeder Verwechselung vorzubeugen, hinter den Gott Thor 
etwa einen Hammer und hinter den Thoren eine Narren- 
kappe zeichnen könnte, so malten die alten Ägypter hinter 
Aach, die Ziege, ihr geschwänztes Fell; hinter den Namen 
des Löwen, Mut, das Bild eines Löwen, hinter Äh, Elefant, 
das Bild eines Elefanten. Die Zeder heisst Äsch; weil 
aber Zedemholz duftet, so wurde hinter diese Buchstaben 
nicht nur ein Blatt, das Bild eines Baumes, sondern auch 



— 409 — 

ein Salbenbüchschen gesetzt. Die Trauer heisst Senem; weil 
sich aber die Männer bei der Trauer das Haar abschnitten, 
ward hinter Senem eine Haarlocke gezeichnet. Diese und 
ähnliche Gepflogenheiten erscheinen gewissermassen wie 
Spuren der ursprünglichen Ideographie, welche das Volk 
noch nicht Zeit gehabt hat, völlig zu überwinden und abzu- 
schütteln. Die ägyptischen Buchstaben stehen, so zu sagen, 
noch nicht recht auf ihren eigenen Füssen, sie sind noch 
nicht ganz reif und ausgeboren, sondern noch in der Ge- 
burt begriffen und mit ihren mütterlichen Eihäuten bedeckt. 
Aber den Weg, den sie dabei nehmen, die Stelle, wo sie 
keimen und wo sie das Volk gewissermassen abpflückt, 
haben wir glücklich aufgefunden. 

Es ist genau dieselbe, wo die Taubstummen, wenn sie 
die Buchstaben des Alphabets erlernen, ihre Konsonanten 
pflücken. Während die fünf Vokale gewöhnlich durch die 
fünf Finger der linken Hand repräsentiert werden, geschieht 
die Darstellung der Konsonanten auf folgende Art: B (der 
Anfangsbuchstabe von Barha) durch Berührung des Bartes, 
C (Orinis) durch Berührung des Haares, D (Dens) durch 
Berührung der Zähne, F (Frons) durch Berührung der 
Stime; bei G (Oenu) wird auf das Knie gezeigt, bei H 
(Hvmervs) die linke Schulter berührt, bei L (Lingua) auf die 
Zunge gedeutet, bei M (Manm) die Oberfläche der linken 
Hand, bei N (Nasus) die Spitze der Nase berührt. Die 
übrigen Mitlaute werden durch eine eigentümliche Stellung 
und Verbindung der Finger dargestellt. 



410 



III. Das griechisch-phönizlsche Alphabet. 

Die Schrift tritt in den Dienst der Lautsprache — die Phönizier bekommen die 
ägyptischen Buchstaben in die Hände und geben ihnen neue, aber gleich an- 
lautende Namen — das Beth und das Gimel in den Schulen Karthagos zur 
Zeit der Vandalenherrschaft — aus dem phönizischen Alphabet gehen die ver- 
breitetsten Schriftarten der Erde, die arabische und die lateinische hervor — 
Kadmus bringt sechzehn Buchstaben nach Griechenland — die Figuren werden 
umgekehrt und die Zeichen für Hauchlaute in Zeichen für Vokale verwandelt — 
durch die Griechen Siziliens und Unteritaliens wird das phönizische Alphabet 
den Römern übermittelt — H wird wieder Zeichen der Aspiration — Geschichte 
der Buchstaben F, Y, Z — Verhältnis der beiden Buchstaben C und G — Aus- 
sprache des C im alten Rom — Cicero und die Kichererbsen — Erinnerung an 

die Sizilianische Vesper. 

So trat also die natürliche Schrift, unvollkommene, aber 
ursprüngliche Dolmetscherin der Gedanken, bald nach ihrer 
Entstehung in den Dienst der sogenannten Sprache, um 
die Elemente eines grundverschiedenen Idioms, die Laute, 
zu fixieren und sie bald in Säulen, bald wagerecht, bald 
von rechts nach links, bald von links nach rechts, bald wie 
in Solons Gesetzen ochsenwendig auf Erz und Marmelstein zu 
zaubern. Wer mochte damals den Flug ahnen, den diese 
dreissig ägyptischen Zeichen nehmen würden? Löscht sie 
aus, und eine Welt versinkt in Finsternis. Sie waren nicht 
das Resultat der langen Überlegungen eines sachverstan- 
digen Gelehrten, sie waren nichts weniger als ein Standard- 
Alphabet — vielmehr ganz und gar entwertete und bedeu- 
tungslose Bilder, auf gutes Glück aufgegriffen, weil dem 
ersten besten Wort entsprechend, weder besonders charak- 
teristisch noch besonders einfach, noch besonders vollständig, 
noch überhaupt besonders für ihren Zweck geeignet. Das 
Glück begünstigte sie. Es spielte sie geschickt den Phöni- 
ziern in die Hände, den grossen Kaufleuten und Seefahrern 
des Altertums, die sie vielleicht zuvörderst als Zahlzeichen 
übernahmen, und trieb die alten kanaanitischen Schrift- 
zeichen daraus hervor, die ältesten Buchstaben, von denen 
wir wissen. 



— 411 — 

Phoenices primi, famae si creditur, ausi, 
mansuram rudibus vocem signare figuris. 

Sie entlehnten angeblich dem hieratischen Alphabet 
2 2 Buchstaben, die freilich mit den Hieroglyphen meist gar 
keine Ähnlichkeit besassen und denen sie auch ganz neue 
Namen gaben: dort war A der Adler (Achom), hier ist es 
der Stierkopf (Äleph), wenn dieser Name nicht vielmehr 
Häuptling, gleichsam Anführer der Buchstabenschar, be- 
deutet, wie der Araber die erste Sure des Koran el-Fatiha, 
den Anfang, nennt; dort war B entweder der Fuss oder 
ein Schwimmvogel, der die Seele bedeutet (Bk), hier ist es 
ein Zelt (Beth); dort war M die Eule (Mulag'), hier ist es 
die Wasserwelle (Mem). Dafür fällt bei der oberflächlichsten 
Betrachtung etwas auf: dass auch die phönizischen Buch- 
staben mit dem Anlaut ihrer Namen identisch sind. Doch 
wird man sich hier umgekehrt die Buchstaben als das 
Primäre und die Namen als das Sekundäre zu denken 
haben, und noch' dazu scheint bei der Auswahl sothaner 
Namen oft nur auf den Buchstaben, keineswegs auf das, 
was er darstellte, Rücksicht genommen worden zu sein. 
Zum Beispiel, wir wollen einmal Beth und DcUeth als 
Bilder eines Zeltes und einer Zeltthüre gelten lassen, ob- 
gleich auch dazu schon einige Phantasie gehört; aber in 
dem Oimel einen Kamelhals, in dem Besch einen Kopf, in 
dem Koph ein Axtloch erkennen zu sollen, scheint mir doch 
allzu viel verlangt, und man wird sich denken müssen, 
dass die Phönizier die überkommenen Buchstaben ohne viel 
Federlesens mit den ersten besten gleich anlautenden 
Namen betitelten. Zur Zeit der Vandalenherrschaft stachen 
die syrischen und jüdischen Knaben in den Schulen Kar- 
thagos mit den Fingern in die Luft, um den Sinn eines 
alten Buchstabenrätsels herauszubohren: 

Das Gimel wird das Beth verderben 
und wieder das Beth das Gimel — 

und sie merkten allmählich, dass das Beth die byzantinischen 
Feldherren BasilisJcus und Belisar, das Gimel die beiden 



— 412 — 

Vandalenkönige Genserich und Gelimer bedeute; denn Gen- 
serich schlug den Basiliskus aus dem Lande und Belisar 
den Gelimer. Wie man hier dem Beth und Gimd die vier 
Personennamen substituierte, so mochten die alten Phönizier 
ursprünglich Beth und Oimel selbst den hieratischen Buch- 
stabennamen nur mit Rücksicht auf B und G substituieren. 
Die ganze Hypothese von dem äg^yptischen Ursprünge der 
phönizischen Schrift hängt eigentlich von dem Grrad unserer 
Bereitwilligkeit ab, die Zeichen, wie sie in alten phönizischen 
Inschriften vorliegen , den gleichbedeutenden hieratischen 
der Ägypter ähnlich zu finden. Der französische Agyptolog 
Emanuel de Rouge findet sie ähnlich; Wuttke findet sie 
nicht ähnlich. Er leitet sie aus der Keilschrift ab, welche 
aber nach ihm aus ägyptischen Anregungen entstanden 
ist. Fest steht nur, dass das phönizische Alphabet seiner- 
seits als die Mutter fast aller Alphabete der neueren Kul- 
turvölker zu betrachten ist. 

Aus ihm gingen mittelbar die beiden verbreitetsten 
Schriftarten der Erde, die arabische und die lateinische, 
hervor, die mit dem Koran und mit dem Evangelium über 
alle Lande getragen worden sind. Jene, die sich in der 
Stadt Kufa aus der Schrift der syrischen Christen, dem 
sogenannten Estrangelo, entwickelte, wollen wir einstweflen 
ihrem Schicksal überlassen; die Entstehung dieser, zugleich 
unserer eigenen, müssen wir sofort ausftihrlicher beleuchten. 

Die phönizischen Kaufleute führten viele Schmuck- 
sachen aus Gold und Silber, Edelsteine und herrliche Pur- 
purgewänder nach Griechenland; aber die köstlichste Waren- 
probe brachte wohl der phönizische Prinz Kadmus; er 
brachte sechzehn von den Buchstaben seines Volkes. Ob 
sie Zugriffen, die Hellenen! Sie nahmen ohne Umstände die 
Zeichen mit den Namen. Das Beth wurde Beta, das Gimel: 
Gamma, das Daleth: Delta; Lanibda, der Ochsenstecken, My 
die Welle, Ny der Fisch sind semitische Buchstaben und 
Fremdwörter, wo nur, wie bei r und ud die Figur umge- 
kehrt erscheint, weil die Griechen, die erst ebenfalls von 



— 413 — 

der rechten zur linken Seite, dann nach Art pflügender 
Ochsen (bustrophedon) schrieben, es schon zu Herodots Zeiten 
von der linken zur rechten Seite thaten. Ausserdem aber 
beliebten sie noch eine andere Veränderung des Systems. 
Das phönizische Alphabet bezeichnete vorzugsweise die 
Konsonanten und überliess die Vokale dem Leser zur Er- 
gänzung, weil die Semiten überhaupt die Konsonanten als 
die eigentlichen Träger der Bedeutung eines Wortes be- 
handeln und durch die Vokale nur gewisse Schattierungen 
dieser Grundbedeutung ausdrücken. Anderseits enthielt es 
mehrere Zeichen für Hauchlaute, die im Griechischen nicht 
vorkamen und dem indogermanischen Organe, wie einem 
unvollkommenen. Instrument, abzugehen scheinen. Es fand 
daher eine Fusion von Zeichen für Hauchlaute in Zeichen 
für Vokale statt. Das Äleph wurde zum Rang eines Alpha, 
das Cheth zum Rang eines Eta, das He zum Rang eines 
Epsilon, das Am zum Rang eines Omikron erhoben. Der 
sechste Buchstabe im phönizischen Alphabet hiess Vav, was 
einen Nagel bedeutete; aus ihm entstand das sogenannte 
Digamma (F), welches, wie der Laut V selbst, im späteren 
Griechisch verloren ging, aber an dessen Stelle Pythagoras 
das Ypsilon erfand, um dem Menschen die Scheidung des 
Lebensweges zum Guten und zum Bösen anzudeuten. Da- 
mit endlich kein Jota fehle, ward aus dem phönizischen 
Zeichen für j das griechische I gewonnen. Gleichwohl war 
der gelehrte General Palamedes, der mit Agamemnon gegen 
Troja zog, noch nicht zufrieden, namentlich vermisste er 
das Ix, das der Schleifstein des Schülerverstandes ist. Er, 
der die Würfel, die Wage, die Leuchttürme, die Masse 
und so viele andere nützliche Sachen erfunden hatte, ersanrt 
auch vier schöne Buchstaben, das Theta, das Phi, das Chi 
und das Zi, und beschloss so glorreich das erste Alphabet, 
das fortan nicht nur den griechischen Klassikern zur Auf- 
zeichnung der höchsten Meisterwerke, sondern hemachmals 
auch den Christen des Morgen- und Abendlandes, dem 
koptischen Patriarchen für seine Homilien, dem Apostel der 



— 414 — 

Slaven und dem gotischen Bischof für seine Bibelüber- 
setzung diente. Unter den vielen Formen desselben ge- 
langte die aus 24 Zeichen bestehende ionische, wahrschein- 
lich als Schrift der Homerischen Gresänge, zur alleinigen 
Herrschaft, und wurde zu Athen Ol. 94, 2 angenommen, 
um dieselbe Zeit wohl auch in ganz Griechenland. 

Der besondere Genius dieser dreissig Zeichen, welcher 
dieselben, wie ein guter Vater seine Kinder, zuerst bei 
Kaufleuten, dann bei Schöngeistern und Schriftstellern in 
Pension gegeben, wollte sie nun, wo er sie hinlänglich vor- 
bereitet glaubte, in die grosse Welt einführen: 

pueros ausus Romam portare, docendum 
artes quas doceat qnivis eques atque Senator 
semet prognatos. 

Horaz Satirae I, 6, 76. 

Er Hess sie durch die Griechen Siziliens und Unter- 
italiens in der Residenz vorstellen. Die Römer nahmen 
sie gut auf imd adoptierten sie nach Form, Bedeutung und 
Namen, welche letzteren sie indes häufig abkürzten (Be 
statt Beta). In der That können ja die griechischen und 
lateinischen Zeichen für B, für Jf, für N kaum unterschieden 
werden. Offenbar war die römische Schrift nur eine der 
vielen altitalischen Schriften, die allmählich durch sie ver- 
drängt wurden, die aber doch selbst nicht ohne Einfluss 
auf sie geblieben sind; zum Beispiel sieht das römische B 
dem umgekehrten faliskischen D viel ähnlicher, als dem 
dreieckigen griechischen Delta, das lateinische B erinnert 
durch das Strichlein unten (das sich allerdings auch schon 
an dem Bho von Melos, Korinth, Anaktorion und Athen 
selber findet) durchaus an das faliskische und messapische 
B; und vielleicht sind diese Schriftarten auch direkt von 
der phönizischen beeinflusst worden. Bekannt ist, dass der 
gelehrte Kaiser Claudius drei neue Buchstaben in das rö- 
mische Alphabet einführen wollte : sie wurden während 
seiner Regierung auch wirklich angewendet und fielen mit 
ihm. Übrigens hatten die einzelnen Buchstaben wirklich 



— 415 — 

ihre Schicksale wie die Menschen, ja, teilweise wurde 
sogar die obenerwähnte Fusion der Hauchlaute in Vokale 
wieder rückgängig gemacht. Das H war zwar im älteren 
griechischen Alphabet ebenfalls als Zeichen der Aspira- 
tion, später aber als Eta verwendet worden. In der römi- 
schen Schrift erschien das Zeichen nun wieder fiir den 
Hauch, weil langes und kurzes E verschmolz, und nur der 
Umstand, dass man ihm in der Versmessung keine Geltung 
zukommen liess, erinnert an die geringe Achtung, die man 
vor ihm hatte. Das obenerwähnte Digamma erhielt sich 
unter dem Namen F, anfangs das VaVy dann, nachdem sich 
dieses aus dem Ypsilon entwickelt, den harten Laut des 
griechischen Fhi vertretend; Ypsilon und Zeta erscheinen 
erst gegen das Ende der Republik bei den Römern, welche 
diese Buchstaben an das Ende des Alphabets setzten, und 
nun statt ab ovo usque ad mala auch sagen konnten: von A 
bis Z. DcLS griechische Zeta zeigte in seiner ältesten Form 
(I) viele Ähnlichkeit mit dem phönizischen und hebräischen 
Schriftzeichen des Zam; manche wollen aus eben derselben 
Figur das lateinische S entstanden wissen, so dass sie dann 
im lateinischen Alphabet doppelt vorhanden wäre. Wirk- 
lich lässt sich die altitalische Form des S: Z als eine Ver- 
schiebung jenes J, oder schon das griechische Sigma (E), 
welches auch in altitalischen Schriften wiederkehrt, als ein 
um einen Strich bereichertes Z auffassen, wenn man will. 
Besonders merkwürdig ist die Geschichte des lateinischen 
C Vielleicht hat schon mancher darüber nachgedacht, 
warum es bei uns heisst ABC und im Griechischen Alpha 
Beta Gamma, Nun C ist in der That nicht nur seinem 
Rang, sondern auch seiner Gestalt und Aussprache nach 
der Nachfolger des griechischen Gamma (LECIONES = 
LEGIONES), der aber den verwandten K-Laut schon früh- 
zeitig in sich schloss und daher allmählich für das Kappa 
in Gebrauch kam. Weil nun aber wiederum das G fehlte, 
so schuf man ein solches gegen die Zeit des zweiten Puni- 
schen Krieges aus dem C durch eine leichte graphische 



— 416 — 

Veränderung desselben. Man machte ein (von den moder- 
nen Österreichern, die zum Beispiel die Station Golling: 
COLLINC schreiben, wieder vergessenes) Häkchen an das 
C: G und schob nun das G zwischen f und h an der 
siebenten Stelle ein. Hieraus geht übrigens hervor, dass 
im alten Rom C vor i und e, nicht wie ts, sondern wie k 
gesprochen worden ist , und dass man Kaesar und Kikero 
gesagt hat, wie wir Kaiser und Kichererbsen sagen, daher 
auch Plutarch diese Namen mit Kalaaq und Ktniqoyv trans- 
skribiert. 

Man darf annehmen, dass C während der ganzen Dauer 
des weströmischen Reiches vor allen Vokalen wie K ge- 
klungen hat, ja selbst nachher kann diese Aussprache noch 
nicht gleich verschwunden sein, wie die vielen lateinischen 
ins Deutsche übergegangenen Wörter beweisen, die sich 
erst seit der Völkerwanderung festgesetzt haben können, 
zum Beispiel Kerker (carcer), Keüer (cellarium), Kiste (dsta), 
Kirsche (cerasus) , das ebenerwähnte Kicher (cicer) u. s. w. 
Auch in griechisch geschriebenen Urkunden des VI. und 
VIT. Jahrhunderts sieht man c vor i und e mit k wieder- 
gegeben: cpe'Kir = fecit, q)BVx,(xeQO^ = fecerunt, TcaxeKpcxog = 
pacificus, TCQOvxeg t= crucis, nißcrare = civitate u. s. w. ; erst 
später sieht man rteqra = certa, ivT^sQrog = incertos. Im 
VII. Jahrhundert wird es in den beiden östlichen roma- 
nischen Sprachen üblich geworden sein, c vor e, i, ae und oe 
als harten Palatal (c) und in den vier westlichen ihn als 
Sibilant (g) zu sprechen, und seit dem VIII. Jahrhundert 
mag es dann vor e und i auch im deutschen Alphabet für 
z gegolten haben. 

Es ist bekannt, dass der Name des grossen Redners 
nicht bloss wie Kicher ausgesprochen, sondern ganz eigent- 
lich von dieser Erbsenart (lateinisch cicer) entlehnt worden 
ist, weil der erste Cicero entweder ein fleissiger Bauer der- 
selben war oder, nach Plutarch, weil er an der Nasenspitze 
ein garbanzosartige Kerbe hatte. Nicht minder ist bekannt, 
dass die Kichererbsen eben ihrer Aussprache wegen einmal 



— 417 — 

verhängnisvoll für Tausende geworden sind. Das alte dcer 
lebt in französisch chiche, italienisch cece und cicerchia (latei- 
nisch dcercula) fort; in Sizilien sagt man einfach dceH. Nun 
bei der sizilianischen Vesper gab man den Flüchtlingen 
auf, dieses dceri auszusprechen; die Franzosen konnten dcis 
nicht, sondern brachten nur entweder siseri oder schischeri, 
aber niemals das palatale tschitscheri heraus, und daran 
wurden sie erkannt. Der Kustode von S. Giovanni degli 
Eremiti unterlässt es nicht, den Fremden diese an das 
hebräische Schihholeth erinnernde Anekdote zu erzählen. 



IV. Die lateinische Schrift in Deutschland. 

Durch Ulfilas und Cyrillus kommt die griechische Schrift zu den Germanen und 
zu den Slawen — die Cyrillica bildet die Grundlage der russischen Schrift — 
die ältesten Schriftzeichen der Germanen waren die Runen — sie sind aus dem 
lateinischen Alphabet hervorgegangen — das Futhark — jede Rune hatte einen 
bestimmten Namen, der bald aus der Mythologie, bald aus dem Leben genom- 
men war — die Runen wurden auf Buchstaben eingeritzt, welche man zur Losung 
und Weissagung benutzte — sie galten als Zauberzeichen — allmählich fingen 
die Runen an, nur den Anlaut ihres Namens zu vertreten und wurden schliess- 
lich zu Lautzeichen überhaupt — seit dem V. Jahrhundert wird das Runen- 
alphabet, als ein deutsches und heidnisches, durch das lateinische Alphabet ver- 
drängt — die Mönche, die lange im alleinigen Besitze der Schreibkunst waren, 
machten eine ganz neue Schriftart daraus, die deutsche oder gotische — dieselbe 
ist jedoch nichts Deutsches — von den Klöstern ist auch der Missbrauch aus- 
gegangen, die Hauptwörter gross zu schreiben — die phonetische und die histo- 
rische Schreibweise — man soll nicht dieselben Laute durch verschiedene 
Zeichen, noch verschiedene Laute durch dieselben Zeichen wiedergeben — was 
dasselbe ist: jeder Laut soll nur einunddasselbe Zeichen und jedes Zeichen nur 
einenunddenselben Laut haben — wie viel ein deutsches Kind Unterrichtsstunden 
braucht, um fest in der Orthographie zu werden — Vereinfachung der Zeichen 
— mit allen ihren Mängeln ist doch auch unsere Schrift ein Erbteil uralter 
Weisheit — jedes geschriebene Wort ein optisches Vexierbild — dieses Buch, 
welches die Schrift als einen Ableger der Sprache ohne Worte zu erweisen 
sucht, wäre selbst ohne die Schrift nicht denkbar. 

Während sich so das griechisch-phönizische Alphabet 
im römischen Reiche weiterentwickelte, gelangte es durch 

K 1 e i n p a u I , Sprache ohne Worte. 27 



— 418 — 

das Christentum auch in solche Länder, die in keinem oder 
doch nur in entferntem Zusammenhange mit der Kultur 
der Römer standen. Wir erwähnten bereits oben den go- 
tischen Bischof imd den Apostel der Slawen. Der gotische 
Bischof war Ulfilas, welcher im IV. Jahrhundert die Bibel 
ins Gotische übersetzte und sich zu dem Zweck aus dem 
griechischen Alphabete eine neue Schrift schuf; der Apostel 
der Slawen war Cyrillus, welcher im IX. Jahrhundert die 
Bibel für die Mähren ins Slawische übersetzte und zu dem 
Ende die griechische Majuskelschrift auf das Slawische 
übertrug. Diese sogenannte Cyrillische Schrift oder die Cy- 
rillicay die beim Druck der Kirchenbücher der griechisch- 
katholischen Slawen noch heute angewandt wird, bildet die 
Grundlage der russischen Schrift. Ulfilas hatte seine Schrift 
an Stelle des alten gotischen Runenalphabets gesetzt, von 
dem er mit ehrfiirchtsvoller Schonung soviel beibehielt, als 
nur irgend zulässig war; und dieses Runenalphabet, nach 
den sechs ersten Zeichen Futhark genannt, war seiner- 
seits aus dem lateinischen Alphabet und zwar aus dem 
Kapitalalphabet der ältesten Kaiserzeit gebildet worden — 
in den Eddaliedern werden die Runen, diese Geheimzeichen 
einer frühen Periode, freilich auf Odin oder Wuotan zurück- 
geführt, der sie bevorzugten Menschen mitgeteilt haben 
soll. Gewiss ist, dass die Runen die ältesten Schriftzeichen 
der Germanen gewesen sind und dass sie am ersten das 
darstellen würden, was man als eine nationale, deutsche 
Schrift bezeichnen könnte; denn was gegenwärtig als eine 
solche im Gegensatz zur lateinischen namhaft gemacht und 
zärtlich gehegt uiid gepflegt, ja als dem Auge wohlthuend 
betrachtet wird, ist erst recht nur eine Abart der lateini- 
schen Schrift, die sich etwa zum Runenalphabet verhält, 
wie der heilige Martin zu Allvater. Eine deutsche Schrift 
scheint es überhaupt niemals gegeben zu haben; wenn wirs 
aber nicht anders thun wollen, so müssen wir Odins Runen 
lernen. 

Wir treflFen die Runen genau auf jener Entwicklungs- 



— 419 — 

stufe, auf welcher sich die Hieroglyphen befanden, als sie 
zu den Phöniziern wanderten, nämlich auf der, dass sie keine 
Gegenstände mehr, sondern alle mit ihrem Namen gleich 
anlautenden Wörter bezeichneten. Wie dort das Ö^Bild 
den Namen Gimel und das K-'&ä.d den Namen Koph erhielt, 
so nannten zum Beispiel die alten Angelsachsen das Zeichen 
für Fl Feoh, das ist Vieh, das Zeichen für 0: 6$, das ist 
Gott, das Zeichen für T: Tiv^ das ist Kriegsgott, das Zeichen 
für R: Bad, das ist Wagen, das Zeichen für B: Beorc, das 
ist Birke, das Zeichen für L: Lagu, das ist Meer oder 
Wasserstrom, ohne dabei an eii^e andere Übereinstimmung 
als die im Anfangsbuchstaben zu denken. Es war gleich- 
sam nur eine Fusion der alten mitüberlieferten, aber un- 
verständlichen phonetischen Namen in neue, einheimische. 
Die letzteren wurden nun abermals stabil, so dass jede 
Rune einen bestimmten Namen hatte und, wie eine kon- 
ventionelle Hieroglyphe, das damit gemeinte Ding vertrat. 

Entweder nun, dass diese Runennamen schon vorher 
besonders wichtige Begriffe waren, oder dass man sie erst 
als solche zu bearbeiten und auszudeuten anfing: jedenfalls 
war man allmählich imstande, mit ihnen den ganzen Kreis 
der damals vorhandenen Ideen zu erschöpfen. Zunächst 
benutzte man die logische Elastizität der Begriffe selbst, in- 
dem man zum Beispiel Vieh, gleich dem lateinischen Pecunia, 
für Geld und Reichtum im allgemeinen brauchte; dann aber 
wusste man durch abermalige Determination der solchergestalt 
erweiterten Begriffe neue Wörter zu gewinnen, zum Bei- 
spiel lagu-räd, das ist Meerwagen oder Schiff, räd-os, das ist 
Wagengott oder der Gott Thor; Birke mit Gold zusammen 
bedeutete eine Frau, ein männlicher Baumname mit einem 
S3nionym von feoh zusammen einen Mann u. s. w. Alle 
diese Modifikationen und Kombinationen der Begriffe 
machten nun natürlich auch die Runen durch, welche ihnen- 
gleich waren. 

Diese Runen wurden von den alten Germanen auf 

buchenen Stäben, sogenannten Biichstahen eingeritzt, welche 

27* 



— 420 — 

man dann zur Losung und Weissagung benutzte. Die höl- 
zernen Stäbchen, die man mit unsem bleiernen Lettern 
vergleichen kann, wurden a.uf ein ausgebreitetes Tuch ge- 
schüttet, dann in zufälliger Folge wieder aufgenommen und 
zu Orakeln benutzt. Es galt für die aufgenommenen Runen 
einen Vers zu finden, in welchem die Runenstäbe als Reim- 
Stäbe standen. Die Übertragung des Anlautzeichens auf 
das Stäbchen, auf welchem es eingeritzt wurde, war eme 
sehr natürliche; aber wunderbar, wie sich die längst unver- 
standene Benennung in allen deutschen Sprachen bis auf 
heute erhalten hat; nur im Englischen ist das Wort er- 
loschen und verdrängt durch letter, obgleich hook und staff 
in der Sprache leben. Dafür haben die Engländer die ur- 
alte Bezeichnung für schreiben, to write = reissen, das ist 
einritzen, bewahrt, für die wir das lateinische Fremdwort 

setzten. 

In Italien werden mitunter bei Verlosungen Stäbchen 
an die Mitspieler verkauft, auf denen die Nummern stehen; 
so wie diese stecche, mögen etwa unsere Buchstaben ausge- 
sehen haben. Auch an die Belomantie darf man denken, 
wo mit Pfeilen wahrgesagt ward, die man aus Köchern 
zog, namentlich aber an die ÄstragcUomantie, die Wahrsagung 
mit Würfeln , worauf Buchstaben stehen , aus denen man 
nach jedesmaUgem Würfeln eine Antwort auf die vorge- 
legte Frage zusammensetzt. 

Wie nun durch alle Völker der Glaube geht, dass im 
gebundenen, feierlich gefassten Wort eine zauberische Kraft 
verborgen ruhe, die zu Segen und Fluch gedeihlich ver- 
wendet werden möge, so verehren sie auch ihre Buchstaben, 
solange sie ihnen noch neu sind, als etwas Heiliges und 
Übernatürliches und wie göttliches Geflüster und Greraune. 
Daher wurden unsere Runen zu mystischen Zeichen, die der 
Magier unter bestimmten Gebetesformeln auf Waffen, auf 
Trinkhömer, auf Steuerruder ritzte, etwa wie man noch jetzt 
Drudenfiisse an die Stallthüren zeichnet, um die Hexen ab- 
zuhalten, oder wie man sich bekreuzt, um der Versuchung 



— 421 — 

des Bösen zu entgehen. Die siegbringende Rune Tius grub 
der Germane auf das Schwert, und wenn er sich vor schäd- 
lichem Tranke wahren wollte, so zeichnete er das heimische 
Zeichen des N, die Rune Not, auf den Nagel des Fingers, 
mit dem er das dargebotene Trinkhom ergriff. Doch wurde 
darüber die eigentliche, einfache Bedeutung der Runen 
nicht vergessen, vielmehr machten diese deutschen Buch- 
staben ganz die oben geschilderte normale Entwicklung 
durch: wie die Hieroglyphen, fingen sie an, nur den Anlaut 
ihres Namens zu vertreten und wurden sie schliesslich zu 
Lautzeichen, die für jede Stelle im Wort anwendbar waren. 
Wahrscheinlich geschah dies nicht ohne Einfluss der römi- 
schen Buchstabenschrift, welche die Germanen bei den 
Nachbarvölkern kennen lernten. Doch sind die Runen nie- 
mals in ausgedehnter Weise als Schriftzeichen verwendet 
und meist nur zu kürzeren Inschriften auf Holz, Metall und 
Stein verwendet worden ; die älteste bekannte Runeninschrift 
stand auf einem 1734 bei Gallehuus, unweit Mögeltondern 
in Schleswig, gefundenen, später aber aus der königlichen 
Kunstkammer in Kopenhagen gestohlenen und von den 
Dieben eingeschmolzenen goldenen Hom. Den Fundort 
passiert man auf der Route nach Sylt. Mit Feder und 
Tinte auf Pergament sind Runen nur sehr selten geschrieben 
worden, und sie dienten hinfort nur zu einer Art von Chiffer- 
schrift, in welcher zum Beispiel Ekkehard, damit kein Un- 
berufener ihn lese, einen Brief an seinen Neffen schrieb. 
Denn mit dem Christentum und der römischen Zivili- 
sation fand das lateinische Alphabet bei der grossen Mehr- 
zahl der europäischen Völker Eingang und verdrängte vom 
V. Jahrhundert an unser nationales Futhark» Es war so 
wenig ein unvollkommenes zu nennen, dass im Gegenteil 
andere Alphabete daraus ergänzt worden waren, und die 
Römer selbst, wie Faulmann wahrscheinlich macht, ihr R, 
die Griechen ihr altes B aus unseren Runen entnahmen; 
Ulfilas, welcher im vierten Jahrhundert das griechische 
Alphabet der gotischen Sprache anpasste, nahm die fehlen- 



— 422 — 

den Zeichen ebenfalls aus dem Runenalphabet herüber; und 
wenn der fränkische König Chilperich, ein merovingischer 
Claudius, die vier neuen Buchstaben, die er zur Bezeichnung 
der deutschen Laute: ö, a, th imd w brauchte, nicht selbst 
ersonnen hätte, er würde sicher gleichfalls auf das Alphabet 
seiner Ahnen zurückgegriffen haben. Aber es war freilich 
ein deutsches und heidnisches, zwei Begriffe, die sich deck- 
ten; es musste also ausgerottet werden. Das Christentum 
und Rom unterbrachen die Entwicklxmg unserer Sprache, 
unserer Religion, unserer gesamten Nationalität Sie störten 
auch unsere Schrift. 

Das letztere wäre weniger zu bedauern, wenn wir da- 
durch unser Teil zu der Einheit hinzugethan hätten, welche, 
wie die Münzeinheit, die Einheit des Zahlensystems, ja die 
Einheit der Sprache, im Interesse der Zivilisation und der 
Bequemlichkeit des Völkerverkehrs ist. Fast alle europä- 
ischen Völker bedienen sich des von den Römern entlehn- 
ten Alphabets, und es ist bereits eine Art Standard-Alphabet. 
Leider aber gehen wir dieser Einheit wiederum verlustig, 
weil wir die lateinische Schrift nicht in ihrer ursprüng- 
lichen Einfachheit belassen, sondern die Schnörkeleien und 
die unberufenen Zierereien der Mönche adoptiert haben, 
die lange im alleinigen Besitze der Schreibkunst waren 
und eben eine ganz neue Schriftart, die sogenannte deutsche 
oder gotische, daraus machten — die Franzosen imd die 
Engländer haben solche Verimingen gleichfalls durchge- 
macht, sind aber meistenteils zu den alten, einfachen 
Buchstabenformen zurückgekehrt. Bei uns dagegen wird 
die Antiqua nur vereinzelt und in wissenschaftlichen Wer- 
ken angewendet; ein Buch, das eine weite Verbreitung 
haben soll, und zum Beispiel eine Zeitung wagt kein Ver- 
leger anders als in Fraktur zu drucken, weil sich das deutsche 
Volk erfahrungsmässig an der lateinischen Schrift stösst; 
und ein Fremder muss nun unsere Schrift erst lesen lernen, 
wie Wir die russische. Schliesslich, dass dem einen die 
Antiqua, dem anderen die Fraktur gefällt, ist Geschmack- 



— 423 — 

Sache, und darüber, was dem Auge wohlthut und nicht 
wohlthut, lässt sich nicht rechten. Sanders erklärt die la- 
teinische Schrift für schädlich; andere wollen im Gegenteil, 
mit grösserem Rechte in unserer eckigen Druckschrift die 
Hauptursache der Kurzsichtigkeit erblicken, die notorisch 
in keinem Lande Europas so verbreitet ist, wie in Deutsch- 
land. In der That, wo die lateinische Schrift sanfte, dem 
Auge wohlthuende Rundungen zeigt, ist die deutsche 
scharf und zackig; wo jene einfache, klare, sofort erkenn- 
bare Formen bietet, da ist diese gestrichelt, ineinanderge- 
hakt und gleichsam verfilzt. Man vergleiche nur einmal 

s mit § 

k mit f 

ch mit d^ 

B mit » 

V mit SB 

G mit ® 

K mit t 

C mit 6 

E mit @ 

oder, um einen ganzen Komplex herauszugreifen, 

GASTWIRTSCHAFT mit ®2l®3:aB^s9fi3:®e$2tg3:. 

Beim Lesen eines Buches wirken diese qualvollen und 
schwierigen Buchstabenformen nicht vereinzelt, sondern in 
Masse, und die Reizung, welche sie auf der Netzhaut be- 
dingen, wird ins Unendliche vervielfacht Grimm bemerkt 
in der Einleitung zu seinem Wörterbuch: es verstehe sich von 
selbst, dass die ungestalte und hässliche Schrift, die noch immer 
unsere meinen Bücher gegenüber denen aller übrigen gebildeten 
Völker von atissen barbarisch erscheinen lasse, beseitigt bleiben 
müsse. Aber diese Schrift für etwas deutsches zu halten, 
ist jedenfalls ein Irrtum. 

Viele Leute haben die Gewohnheit, nicht nur ihren 
eigenen Namen, sondern auch fremde Eigennamen bei 
Unterschriften oder auf Briefadressen mit lateinischer Schrift 



— 424 — 

zu schreiben. Das that auch Goethe, der den in seinem 
Namen enthaltenen Umlaut von o demgemäss mit oe statt 
mit ö wiedergab. Dieses oe behielt er dann auch in der 
deutschen Schrift bei, und daher die allgemeine, aber un- 
deutsche Schreibung Goethe, die nur für die Antiqua passt 
In engem Zusammenhange mit der Korruption der 
edlen lateinischen Schrift steht ein anderer Gebrauch, wel- 
cher ebenfalls von den Klöstern ausgegangen und bei uns 
chronisch geworden ist, so dass er uns von allen unseren 
Nachbarn unterscheidet: der die Hauptwörter gross zu 
schreiben. Jakob Grimm sagt: alle Schrift sei ursprünglich 
Majuskel gewesen; man könnte ebenso gut behaupten, sie 
sei ursprünglich Minuskel gewesen; denn die Majuskel ist 
eigentlich das Sekundäre. Wie bei Griechen und Römern, 
so wurden auch im frühen Mittelalter alle Buchstaben der 
Schrift gleich hoch und gross geschrieben. Bald jedoch 
begann man zu Anfang eines Buches, dann der Haupt- 
abschnitte und einzelnen Absätze den ersten Buchstaben 
grösser zu schreiben als die übrigen des Textes und pflegte 
dieselben mit bunten Farben und allerlei Verzierungen, 
welche nicht selten künstlerischen Wert haben, zu schmük- 
ken (Initialen), In Urkunden des XIII. Jahrhunderts findet 
sich die Majuskel bereits ins Innere eingedrungen, wenn 
auch nur vereinzelt bei Eigennamen und dem Namen 
Gottes, bis sie seit dem XIV. Jahrhundert auch in den ge- 
wöhnlichen Handschriften vorkommt. Noch in Handschriften 
und Drucken des XV. und XVI. Jahrhunderts herrscht im Ge- 
brauche der Majuskel vollständige Regellosigkeit. Adjektiva 
stehen gross geschrieben neben kleinen Hauptwörtern und 
selbst neben kleinen Eigennamen; ja Eigennamen werden 
unmittelbar auf einander bald gross, bald klein geschrieben. 
In Luthers Zeit, wie zum Beispiel in dessen Bibel von 1545, 
ist meist alles, was eine religiöse Beziehung hat, durch die 
Älajuskel ausgezeichnet; ja für Jehovah oder Jahve ist in der 
Lutherischen Bibel sogar regelmässig der HEER gesetzt 
Im XVII. Jahrhundert ward es endlich Brauch, alle Sub- 



— 425 — 

stantiva und alle substantivisch gebrauchten Wörter gross 
zu schreiben, sp dass nun nach Grimms anschaulicher Be- 
zeichnung die Eigennamen unter der Menge der Substantiva sich 
verkrochen und die Schrift überhaupt ein buntes y schwerfälliges 
Ansehen gewann, da die Majuskel den doppelten oder dreifachen 
Baum der Minuskel einnimmt. Natürlich verbannt er diese 
sinnlose Verkleisterung der Substantiva ebenfalls aus seinem 
Wörterbuch. 

Übrigens ist vieles faul im Staate Dänemark, ja bleibt 
es trotz aller orthographischen Konferenzen und orthogra- 
phischen Wörterbücher. Man spricht so viel von einer phone- 
tischen und von einer historischen Schreibweise, wovon die 
letzte durch Frankreich und England, die erstere durch 
Italien vertreten sei. Diese Terminologie ist nicht ganz 
zutreffend, weil sie den Irrtum veranlasst, als ob die 
historische Schreibweise der phonetischen entgegengesetzt 
und dem einfachen Grundsatz zuwider sei: schreibe ivie du 
sprichst. Die historische Schreibweise ist in ihrer Art auch 
eine phonetische, und anders zu schreiben als man spricht 
wäre der bare Unsinn. Der Unterschied zwischen den 
beiden Methoden besteht nur darin: dass bei der einen ge- 
schrieben wird, wie man heutzutage spricht, bei der anderen, 
wie man früher einmal gesprochen hat; die historische 
Schreibweise ist ihrerzeit eine phonetische gewesen. Wir 
schreiben in Deutschland unzähligemal, als ob wir für die 
Germanen des Tacitus schrieben. Wie die Franzosen noch 
immer parlent und hommes schreiben, weil sie früher einmal 
so gesagt, so schreiben wir noch Stahl mit h, weil es ein- 
mal stahel geheissen hat, obgleich wir das h nicht mehr 
aussprechen; und Tier mit e, weil das Wort einmal zwei- 
silbig gewesen ist. Diese historische Schreibweise hat ihre 
unleugbare Berechtigung, denn relativ kann man sie auch 
phonetisch nennen; was uns jetzt phonetisch heisst, kommt 
jedenfalls späteren Jahrhunderten wieder historisch vor. 
Nicht nur, dass es nicht Tollheit ist, so hat es ausserdem 
noch Methode. 



— 426 — 

Aber keine Methode hat es, wenn wir in unserer 
phonetischen Schreibweise nicht konsequent sind, sondern 
bald dieselben Laute durch verschiedene Zeichen, bald ver- 
schiedene Laute durch dieselben Zeichen wiedergeben. Eben 
die historische Treue, mit der wir vorhin h in StcM und e 
in Tier festhielten, wurde verführerisch für uns; wir kamen 
auf den falschen Gedanken, h und e seien bloss phonetische 
Hilfsmittel, um die Länge des vorhergehenden Vokals an- 
zuzeigen, und wir wendeten nun diese Buchstaben auch in 
Wörtern an, wo sie eine historische Berechtigung nicht 
hatten; zum Beispiel Wahn ist niemals wahen gesprochen 
worden, sondern wan, siegen niemals dreisilbig, sondern stets 
zweisilbig gewesen (mittelhochdeutsch sigen). Schon das 
ist nun nicht gerade löblich, dass wir besagte historische 
Buchstaben zu bloss phonetischen Zeichen degradieren 
wollen, während man im Mittelhochdeutschen die langen 
Vokale viel rationeller durch den Cirkumflex bezeichnete. 
Aber selbst diese Laune könnte man allenfalls dem Volke 
zugute halten; das h gefällt ihm nun einmal als Dehnungs- 
zeichen, dagegen lässt sich weiter nichts einwenden; aber 
kaum, dass man ihm dieses Spielzeug gelassen hat, wirft 
es dasselbe weg und will ein anderes haben. Das unnötige 
h lassen wir nicht einmal immer an dem Platze stehen, wo 
es noch allenfalls einen Sinn haben könnte, sondern fugen 
es, wenn dem Vokal ein T vorausgeht oder folgt, an dieses 
an: Thal = TaM, Rath = Raht Und neben dem h haben 
wir das e, wir schreiben ihr, aber Thier, ja bei diesem letzten 
Worte machen wir nun gar ein h, nachdem schon ein e 
vorhanden. Immer noch nicht genug; ein drittesmal schrei- 
ben wir weder ein h noch ein e, sondern wir verdoppeln 
den Vokal, zum Beispiel Schaar, Ein viertesmal endlich 
schreiben wir gar nichts, zum Beispiel gar. Also ein halb 
Dutzend verschiedene Zeichen haben wir, um die Länge 
eines Vokals auszudrücken! Dies ist unsystematisch. 

Umgekehrt, um die Kürze eines Vokals auszudrücken, 
verdoppeln wir bald den nachfolgenden Konsonanten, wie 



— 427 — 

zum Beispiel in Mann; ja, man entblödete sich nicht, bis 
ins XVIL Jahrhundert hinein für in: inn, für oft: offtj für 
gescheit: gescheidt, für und: unnd, undt, unndt zu schreiben. Bald 
unterlassen wir es, wie zum Beispiel in ,man. Im Mittel- 
hochdeutschen galt jeder nicht bezeichnete Vokal für kurz, 
und man schrieb die Konsonanten nur im Inlaute zwischen 
zwei Vokalen, deren erster kurz war, doppelt, wo sie auch 
doppelt gesprochen werden. 

Unzähliger solcher Inkonsequenzen machen wir uns 
schuldig, bei denen weder von phonetischer noch von histo- 
rischer Schreibweise, sondern einzig und allein von mangeln- 
der Methode die Rede ist und die zur Folge haben, dass 
ein deutsches Kind, und sollte ihm das Abc, wie in dem 
Basedow'schen Philanthropin , von Lebkuchen gebacken 
werden, 1300 Unterrichtsstunden braucht, um fest in der 
Orthographie zu werden: ein englisches hat allerdings noch 
mehr nötig, nämlich 2306, ein italienisches aber bloss 950. 
Ich will nur noch eine Inkonsequenz erwähnen. Den aspirier- 
ten Lippenlaut schreiben wir bald wie /", bald wie v, ja so- 
gar etymologisch offenbar zusammenhängende Wörter, wie 
füllen und voll, für und vor scheiden wir durch eine ganz 
und gar prinziplose Schreibung. In der That sollten wir, 
wie J. Grimm vorschlägt, w gänzlich eliminieren, an seiner 
Stelle V und überall, wo wir f sprechen» auch f also fer- 
vcUten, ßfuss, ßvissend schreiben. Bei keinem Volke in der 
Welt, sagt er, geht die Vereinfachung der Schrift so schwer 
wie bei uns von statten; in Spanien bedurfte es nur einer 
von wenigen Gelehrten ausgegangenen Feststellvmg der 
Massregel, wonach x mit j vertauscht ward, und jedermann 
w^ar damit einverstanden. 

Mit alledem würden wir nur eine grössere Methode 
und Konsequenz erreichen; aber auch manche wirkliche 
Vereinfachung der Zeichen wäre denkbar, wie sie zum 
Beispiel die Slaven sehr zu ihrem Vorteil mit seh, ch und sz 
vorgenommen haben. Zum Beispiel den Namen Schafarik 
schreiben die Czechen SafaHk, sie drücken also den Zisch- 



— 428 — 

laut schy wie es in sprachwissenschaftlichen Werken und 
im Standard-Alphabet geschieht, durch § aus; es ist der Laut, 
der im deutschen schon, im französischen chat, im englischen 
show gehört wird. 

Der Umstand, dass wir für diese häufigen Verbindungen 
einfacher Zeichen entbehren, während wir gleichzeitig so 
stark zur Verdoppelung der Buchstaben und Einschaltung 
unnötiger Dehnlaute geneigt sind, macht, dass die Darstel- 
lung unserer Laute so breit ins Auge fällt, was bei Versen^ 
und wenn eine fremde Sprache daneben steht, am sicht- 
barsten wird. Kürze und Leichtigkeit des Ausdrucks, die 
im ganzen nicht unser Vorzug sind, werden uns gewisser- 
massen noch durch diese schleppende Orthographie er- 
schwert. Doch wollen wir weiter nicht mäkeln an dem 
Schriftsystem der deutschen Sprache, welches wohl in 
Einzelheiten entstellt und verwirrt sein kann, aber nichts- 
destoweniger auch seinerseits ein Erbteil uralter Weisheit 
ist. Denn wenn ich, indem ich dieses schreibe, wirkUch 
noch die kleinen Gemälde nachmale, die so viel tausend 
Jahre vor mir ein göttlicher Bibliothekar in Ägypten vor- 
gezeichnet hat; wenn ich wirklich noch bei einem ein 
Auge, bei einem Ä einen Stierkopf, bei einem B ein Haus 
mache, und wenn jedes geschriebene Wort gewissermassen 
eines von jenen optischen Vexierbildern vorstellt, die von 
vorn die Liehe, von der rechten Seite den Glauben, von der 
linken Seite die Hoffnung, oder in derselben Reihenfolge 
den Kaiser Wilhelm, Bismarck und Moltke zeigen, während 
sie doch immer nur ein einziges Bild bleiben; wenn ich, 
der ich sie schreibe, diese meine Buchstaben kaum ver- 
stehe, der, welcher sie liest, wenig von ihrer Bedeutung 
weiss, und sie trotzdem den Geist gefangen halten — wie 
sollte mich nicht eine gewisse Bewunderung für diese selt- 
same Mosaikmalerei ergreifen, die nachgerade die erste 
Grossmacht der Erde geworden ist! Auf ihr beruht das 
Gedächtnis und das Selbstbewusstsein des Menschenge- 
schlechts. Vierundzwanzig bewegliche Buchstaben änderten 



— 429 — 

die Welt — ohne sie wäre die verhallende Wortsprache 
wie der Schatten eines Vogels, der spurlos über die er- 
leuchtete Erde hinfleucht. Dieses Buch, das die Kunde 
von der Sprache ohne Worte und damit von der Schrift in 
weiten Kreisen verbreiten möchte , dankt seine Existenz 
nur ihr; denn nur mit ihr kann ich es mir selber deutlich 
machen — wie so ich dieses schreibe. 



V. Tabelle. 



Buch- 
stabe 



Ursprüngliche 

hieroglyphische 

Gestalt 



Nene, aus dem 
Buchstaben ent- 
standene Zeichen 



Gegenstände, auf weiche 

der Name übertragen 

worden ist 



Nationen , denen der 
Buchstabe abgeht 



Stierkopf; die 
beiden Füsse 
stellen die 
Homer vor 



B 



Zelt 



Der Bauch eines a 
im Französischen ty- 
pisch für den ersten 
geringen Anfang ei- 
ner Schrift {n*avoir 
pas fait une pause 
(Va, wie wir sagen: 
keinen Buchstaben ge- 
schrieben haben). 

In Italien sagt man 
von einem Manne, 
der einen grossen 
dicken Bauch hat : 
somiglia un B, 



Chinesen und Neu- 
griechen. Daher 
in einem chine- 
sischen Werke 
über den Krieg 
i^'joi'jiBenedetti 
in Pennitenti 
transscribiert. 
Die Neugriechen 
umschreiben B in 

Fremdwörtern 
mit |M7r, zum Bei- 
spiel fJLTliQa = 
Bier, fiTCQdtao 
= braccioy Elle. 



— 430 



Bach- 
Stabe 



Ursprüngliche 

hieroglyphisohe 

Gestalt 



Nene, aas dem 
Boohstaben ent- 
standene Zeichen 



Gegenstlnde, aof welche 

der Marne übertragen 

worden Ist 



Nationen, denen der 
Bachstabe abgeht 



D 



Zeltthüre 



Fenster 



H 



Kamelhals 



Zaun, Hecke 



Aus d[eleatur]y 
man tilge, 
und aus ä[e- 
»flWi«], Pfen- 
nig, entstand 
das Zeichen 
^. In Eng- 
land schreibt 
man einfach 
d für Penny, 
in Bayern dl. 

Aus lateinisch 
ET entstand 

erstf. \;dann 



AasII[ersc/tel], 
dem Entdek- 
ker des Ura- 
nus, ging das 
Zeichen für 
Uranus 't' 

e 

hervor (ge- 
wöhnlicher S) 



Die Figur des grie- 
chischen £>eUa (J) 
typisch für alles 
Dreieckige, zum Bei- 
spiel für die drei- 
eckigen Landstrecken 
und Inseln an den 

Mündungen der 
Ströme, den drei- 
eckigen Muskel am 
Oberarm, die Harfe 
u. s. w. 



Recks und Galgen 
haben die Figur eines 
griechischen P. Gam- 
f/iaäia nannte man 
im christlichen Alter- 
tum eine kreuzför- 
mige Stickerei auf 
geistlichen Gewän- 
dern, die aus vier 
grossen Gammas zu- 
sammengesetzt war. 

Im Italienischen ty- 
pisch für das Ge- 
ringste, was man von 
einer Sache weiss 
{non sapere un* accd). 
Die Figur trifft mit 
der des griechischen 
Eia zusammen, da- 
her I. H. S., grie- 
chisch /. H. 2,, die 
drei ersten Buchsta- 
ben des Namens Jesu, 
an den Professhäu- 
sem der Jesuiten. 



NeugriecheD,dereii 
6 die Aussprache 
des weichen eng- 
lischen th hat 
Unser d geben sie 
in Fremdwörtern 
durch VT wieder 
(vTißdnov = 
Divariy vto?.ficig 
as* türkisch Dol- 
md). 



Russen, die daher 
in Fremdwörtern 
G an die Stelle 
setzen (Gamburg 
= Hamburg. 



431 — 



Buch- 
stabe 



K 



M 

N 



O 



Ursprüngliche 

hieroglyphische 

Gestalt 



Drei ausge- 
streckte Fin- 
ger, der rohe 

Zug einer 
Hand 



Ausgestreckte 
Hand 

Hirtenstaby 
Ochsenstecken 



Wasserwelle 

Fisch, angeb- 
lich ein ge- 
wundener Aal 

Auge. Danach 
glauben die 
Italiener im 
Gesicht des 
Menschen das 
Wort Omo zu 
sehen (die 
zwei O die 
beidenAugen, 
das M die 
Nase) 



Nene, ans dem 
Bachstaben ent- 
standene Zeichen 



Aus lateinisch 
io, d. i. heisa, 
juchhe, ent- 
stand, indem 
man einen 
Buchstaben 
über den an- 

• 

dem setzte: J 
u. daraus das 
Ausrufungs- 
zeichen: ! 



Gegenstände, auf welche 

der Name Übertragen 

worden ist 



Nationen, denen der 
Buchstabe abgeht 



Das kleine Jota schon 
bei den Griechen 
typisch für den klein- 
sten Teil eines Wor- 
tes, daher mit dem 
Accente zusammen- 
gestellt: ioixcx. BV fj 
fila scsQala ov fi^ 
naQkkd^y änd tov 
vöfiov {Evangelium 
Matthäi V, l8). 



Die Lambdanaht am 
Hinterhaupt hat die 
Form des griechi- 
schen A» 



Das O wird auf alles 
Runde (O- Beine, 
runde Fenster und 
Gebäude) übertragen, 
ja als vollkommener 
Kreis betrachtet (/'O 
di Giotto) und von 
den Alten zum Sym- 
bol der Ewigkeit, 
und der vollkomme- 
nen Zahl, der Drei, 
genommen. 



Perser; in Fremd- 
wörtern geben 
sie es durch R 
wieder, zum Bei- 
spiel das Pippali 

des Sanscrit, 
Pfeffer , durch 
Pippari, 



Die Litauer haben 
kein kurzes 0. 



— 432 — 



Buch- 
stabe 



Ursprüngliche 

hieroglyphische 

Gestalt 



Neue, ans dem Gegenstünde, auf welebe 
Buchstaben ent- der Name Übertragen 
standene Zeichen worden ist 



Nationen, denen der 
Buchstabe al^ht 



Mund, gleich- 
sam ein Kopf; 

der gerade 

i 

Strich ist der ' 
Hals 



Eine vorspringende 
Terrasse im Hippo- 
drom zu Konstanti- 
nopel, welche die 
Form eines griechi- 
schen n hatte, hiess 
Pü Der griechische 
Buchstabe hat auch 
die Form eines Gal- 
gens , daher sagten 
die Römer: y ad 
graecum Pi^ geh zum 
Galgen, zum Henker. 



Axtloch ; das 
Schwänzchen 
ist der Stiel 
(Y). Unrich- 
tig von den 
Engländern 
Tail - htter 
genannt, als 
ob es aus O 
und einem 
Schwänzchen 
(tpitue) ent- 
standen wäre 



A\isQ[uaestio\ 
Frage, ent- 
stand, indem 
man den er- 1 
sten Buch- - 
Stäben über 
den letzten 
setzte , das 
Fragezeichen, 
das eigentlich, | 
wie es im t 
Spanischen 
geschieht, 
über das erste 
Wort der 
I Frage zu ste- t 
, hen kommt: 



Araber; in Fremd- 
wörtern geben 
sie es durch B 
(Bosta = Post) 
oder F wieder 
(Ferdaus = per- 
sisch PardeSf Pa- 
radies). 



— 433 — 



Buch- 
stabe 



Ursprüngliche 

hieroglyphische 

Gestalt 



Neoei aus dem 
BQohstaben ent- 
standene Zeichen 



Gegenstände, anf welche 

der Name fibertragen 

worden ist 



Nationen I denen der 
Buchstabe abgeht 



S(hebr, 
Samech) 



Kopf 



Lehne, Stütze 



Aus r[aäix] 
entstand das 

Wurzelzei- 
chen: y 



Aus S[imilis] 
entstand das 
Zeichen der 
Ähnlichkeit : 
cn, aus S[ig' 
num S[ectio- 
nis] das Para- 
graphzeichen: 
§ , welches 
anderseits als 
Abbreviatur 
von S[ud]- 
S[cripsi] zu 
dem der Na- 
mensunter- 
schrift hinzu- 
gefügten Fa- 
rafe ward 



Die Figur des latei- 
nischen Buchstabens 
ist typisch für schlan- 
genförmige Windun- 
gen, zum Beispiel 
die der Seine in Paris, 
des Tiber in Rom, 
des Nils in Nubien; 
die der dritten Ab- 
teilung des Grimm- 
darms u. s. w. Ein 
Betrunkener, der 
nicht gerade vor- 
wärts gehen kann, 
macht, wie die Fran- 
zogen sagen, des S. 
Nach der älteren Ge- 
stalt des griechischen 
Sigma: C , nannten 
die Römer auch 

halbkreisförmige 
Esstische Sigtnata. 



Chinesen, .die in 
. Fremdwörtern an 
die Stelle des R 
ein L setzen : 
Eulopa = Euro- 
pa^ Kilissetusi=^ 
Christtis, Schon 
daraus kann man 
schliessen , dass 
das Wort Man- 
darin kein chine- 
sisches ist. 



Kleinpaul, Sprache ohne Worte. 



28 



— 434 — 



Bncta- 
stobe 



Ursprüngliche 

hleioglyphUche 

Gestalt 



Nene, ans dem 
Bnohataben ent- 
standene Zeichen 



T 



Kreuz 



Nagel, Pflock 



Gegenetinde, auf welche 

der Name ttbwtnigen 

worden ist 



Aus der Dop- 
pelsetzung 
von V = U 
entstand der 
Buchstabe W 

(englisch 
double u) 



Das griechische Tau 
hat die Form eines 
Kreuzes mit auflie- 
gendem Querbalken 
(T). Dies ist zugleich 
die Gestalt emer 
Knicke, und da sich 
der heilige Antonius 
der Grosse eines sol- 
chen Krückenstocks 
bediente, so wird das 
Tau auch Antomtis- 
kreuz genannt. Weil 
endlich auch der so- 
genannte Nilschlüssel 
oder da^enkelkrttiZj 
das die ägyptischen 
Gottheiten in den 

Händen tragen (■¥■)> 
diese Form hat, so 
wird auch dieses Tau 
genannt {ägyptisches 
Kreuz), 



Oft auf Dinge über- 
tragen, welche einen 
auf dem Scheitel 
stehenden Winkel 
darstellen und, wie 
die Italiener sagen, 
a Vu sind, zum Bei- 
spiel auf das von 
den Zungenwärzchen 
gebildete Zungenvau 
(französisch V lin- 
gt*al). 



Nationen , denen der 
Bachstabe abgeht 



435 



Bach- 
Stabe 



ursprüngliche 

hieioglyphische 

Gestalt 



Neae } aus dem 
Buchstaben ent- 
standene Zeichen 



Gegenstände, auf welche 

der Name tibertragen 

worden ist 



Nationen, denen der 
Baohstabe abgeht 



X 



Z(hebr. 
Zain) 



Der lateinische Buchstabe X ist identisch niit dem griechischen X {Chi), 
Ehe nämlich die Griechen das Zeichen S für Xi annahmen, schriebisn 
sie die Lautverbindmig: K2 oder gewöhnlicher XS, Das ahmten 
die Römer nach und so finden sich in lateinischen Inschriften Formen 
wie MAXSUMÜS PROXSUMUS. Später Hessen die Römer das S 
weg, so dass nur der eine Buchstabe X übrig blieb. Daran erinnert 
noch die spanische Aspirata X, an deren Stelle jetzt J gesetzt wird. 
Das griechische X oder Chi stand einst als Anfangsbuchstabe des 
Namens Christus {XQiaxoq), zugleich als P'orm des Andreaskreuzes, 
in hoher Verehrung. Aus diesem Kreuze als dem Zeichen des Lebens 
ging das Multiplikationszeichen hervor (8 X 8). Das lateinische X 
oder Ix auf einwärts gebogene Beine übertragen, vergleiche Seite 139,. 



Der Buchstabe 
wurde von 
den Griechen 
erfunden und 
dem phönizi- 
schen Alpha- 
bet hinzuge- 
fügt. 



Waffe 



Zeichen an den 
pariser Läden, 
welches Feste 
Preise besagt. 
Gregenwärtig 
selten. 



AusZ[ev$] das 
astronomische 
Zeichen für 
den Planeten 
Jupiter: S\.\ 
der senkrechte 
Strich bedeu- 
tet die Ab' 
kürzung. 



Der griechische Buch- 
stabe (Y) hat die 
Form eines Schacher- 
oder Gabelkreuzes; 
er ist typisch für die 
Scheidung des Le- 
bensweges (vergl. 
Seite 25), für die 
Teilung des Landes 
oder Meeres in Arme 
(holländisch het If), 
für einen Kopf mit 
Hörnern u. s. w. 

Typisch für das Aller- 
geringste, was man 
von einer Sache 
weiss (italienisch non 
intendere una zeta). 
Die französische Ce- 
dille y italienisch Ze- 
diglia (gewöhnlicher 
Codetta , Schwänz- 
chen) ist eigentlich 
ein kleines .Zei: 
früher schrieb man 
nämlich, um dem c 
den Ton eines ss zu 
geben, ein z daneben 
(leczon == legon). 



28* 



Viertes Kapitel. 



Unsere angebornen Ziffern. 

Die Ziffern ein Rest der alten Bilderschrift — ihr Ursprung dunkel — Erinne- 
rung an einen Professor der Mathematik, der die Revolution der Zahlen predigte 

— er behauptete, jede Ziffer müsse so viel Striche haben als Einheiten, danach 
restaurierte er die Ziffern — wie er die Null geschrieben wissen wollte — alle 
Ziffern sind gewissermassen Nullen — der arabische Ursprung unserer Ziffern 

— Unterschied zwischen einfachen und zusammengesetzten Ziffern — nur um 
die ersteren handelt, es sich: auf welchem Wege gewannen die Völker ein- 
fache Ziffern? — erstens auf dem ebenang^ebenen: soviel Striche zu machen 
als Einheiten vorhanden sind — zweitens dadurch , dass sie die Anfangsbuch- 
staben der Zahlwörter zu Ziffern erhoben — drittens, indem sie die Buchstaben des 
Alphabets zu Zahlzeichen benutzten und dieselben die ihrer Stelle entsprechende 
Zahl vertreten liessen — an diese Methode eriimert der Ausdruck KwnmelbläU- 
cheriy eigentlich GimelbläUchen — viertens, indem sie die Ziffern durch Dinge 
ausdrückten, welche erfahrungsgemäss eine bestimmte Anzahl von Einheiten ent- 
hielten — die römische Ziffer V hat die Porm einer Hand, X ist eine doppelte 
Hand — es giebt Dinge, wtlche zufällig die Gestalt von Ziffern haben, sie 
gehen uns nichts an, ebensowenig die Ziffern, welche mit den Fingern nachge- 
macht werden -^ dagegen besteht bei der Hand und der Fünf ein innerer Zu- 
sammenhang, denn die Hand ist eine lebendige Fünf, die Finger sind lebendige 
Einheiten — die italienische Einheit in Neapel — die Dreieinigkeit mit den 
Fingern dargestellt — Hand und Fünf sind in der Sprache des Volkes geradezu 
gleichbedeutend, wie bei den modernen Römern die Beine der Frau die Zahl 
Zwei bedeuten — wie, wenn alle Ziffern aus solchen natürlichen Zahlen hervor- 
gegangen wären? 

Von der alten Bilderschrift, die, ursprünglich ein Organ 
der Sprache ohne Worte, allmählich ihres selbständigen 
Charakters verlustig -gegangen und in den Dienst der Laut- 
sprache getreten ist, ragt noch ein merkwürdiger Rest in 



— 437 — 

unsere Zeit hinein: die Ziffern oder die Zahlzeichen, die noch 
heute offiziell neben den Zahlwörtern hergehen. Ob freilich 
eine arabische i gleichsam ein Bild der Einheit darstellt, 
wie das A einmal das Bild eines Stierkopfs dargestellt hat, 
darüber sind die Meinungen sehr geteilt; man schreibt den 
ZiiFem bald diesen, bald jenen Ursprung zu, der eine will 
sie aus den Zahlwörtern selbst, also doch wieder aus der 
Lautsprache und den gänzlich entwerteten Buchstaben her- 
vorgehen lassen, der andere führt sie auf Dinge zurück, 
die gleichsam natürliche Zahlen sind, wieder ein anderer er- 
kennt in ihnen eigene, einfache, nur durch den Gebrauch 
entstellte Zahlfiguren. Man gestatte mir eine kleine Er- 
innerung aus meiner Studentenzeit. 

Damals lernte ich einen Mathematiker kennen, der 
Professor an einer leipziger Schule war und daneben gut 
Schach, gut Skat, am liebsten aber Sechsundsechzig spielte. 
Nicht dass er dieses letztere Spiel etwa für besonders geist- 
reich und interessant gehalten hätte, aber es gab ihm die 
erwünschte Gelegenheit, sich über die Revolution der Zahlen 
zu verbreiten, die dem guten Manne am Herzen lag. Er 
hatte nämlich ein neues Zahlensystem erfunden, in welchem 
66 die Grundzahl bildete — die Sechs oder wie er sie nannte 
die Seh betrachtete er überhaupt als den Schlüssel zum Welt- 
ganzen, weil sie die verdoppelte Trias oder die verdreifachte 
Dycis, die Regel aller Organisation und die Venuszahl sei. 
Das spreche sich, meinte er, schon in der Gestalt der Ziffer 
Sechs aus, als welche naturgemäss ein Haus vorstelle und 
so aussähe: hier malte er ein kleines Quadrat mit einem 

Dache oben drauf: {J. Diese Figur, aus welcher unsere 
Sechs mit Abschleifung der scharfen Ecken hervorge- 
gangen sei, bestehe aus sechs Strichen, und das sei das 
Wesentliche: jede Ziffer müsse überhaupt genau so viel 
Striche haben als Einheiten, auf diesem Grundsatze, nach 
welchem die Kinder in den Schulen zählen lernen, beruhe 
das ganze Zahlensystem, das in einem Quadrate mit zwei 



— 438 — 

Diagonalen enthalten sei. Die Eins repräsentiere von Haus 
aus einen einfachen'Strich, die Zwei zwei Striche, die Drei 
drei Striche und sofort Nach diesem Prinzip, dass die Zahl 
der Linien mit der Zahl der Einheiten übereinstimme, seien 
alle Zahlzeichen gebildet und nach diesem Prinzip seien sie 
zu restaurieren. Einzelne Ziffern, seine besonderen Stecken- 
pferde, bestätigten die angegebene Methode überraschend: 

so die I , die 5 , die er aus j , und die 8 , die er aus <> 
herleitete; es war doch zu evident, wie diese charakteristi- 
schen Figuren nur in der Kurrentschrift abgestumpft und 
abgerundet worden waren. Aber er blieb die Erklärung 
für keine Ziffer schuldig. Statt der 4 machte er ein Quad- 
rat, statt der 9 zwei durch eine gerade Linie verbundene 
Parallelogramme. Schliesslich war er mit diesen Problemen 
den ganzen Tag über beschäftigt, man sah ihn nichts als 
Ziffern probieren, rektifizieren und emendieren, wobei ihm 
das obenerwähnte Quadrat mit den zwei Diagonalen, oft 
auch ein einfaches Briefkouvert als Schema diente. Er 
glaubte dadurch seiner Schule, ja der Menschheit unschätz- 
bare Dienste zu erweisen, die ohne seine Methode nicht 
Drei zählen könne. 

Die ganze Welt, sagte er, dreht sich um Ziffern; die exakten 
Wissenschaften beruhen auf Ziffern; keine Rechnung, keine Bank- 
note, kein Vermögen ohne Ziffern; durch eine Ziffer kann man 
einen Menschen glücklich und unglücklich machen, Schicksale schaffen 
und vernichten. Und ich sollte nicht alles daransetzen , diese 
heiligen, teuren, unentbehrlichen Zeichen vnederherzustellen und 
meinem Geschlechte die Seh reinzuerhalten? Droht ihm nicht 
völlige Blindheit ohne meine heilsame Reformation? Offenbar hat 
mir die - Vorsehung gerade diese Schule als Pflanzstätte der neuen 
Zahlentheorie gegeben, aber die dummen Jwngen ärgern mich, die 
mich nicht begreifen und mir mit Undank lohnen. Begraben ist 
in ewige Nacht der Erfinder grosser Name gar oft! 

Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Neulich setzte ich in einer 
Klasse den Schlingeln mein System auseinaiider, das so eiwfa^i und 



— 439 — 

so natürlich ist; sie schienens auch zu fassen. Ich schrieb eine 
Ziffer nach der andern aufs Papier und lehrte sie die Striche 
zahlen; es ging gut Zuletzt nahm ich ein weisses Blatt und 
fragte, was das für eine Ziffer wäre. Da sahen sie mich gross 
an, Ihr Esel, sagte ich, seht ihr denn nicht, dass das die NtUl 
ist? Da kommt Einer und faselt, wenn man eine Null schreiben 
wolle, so müsse man ein machen wnd lacht mich a%Ls, Der 
Dummhut! Wenn man nichts ausdrücken wül, so darf man doch 
auch nichts schreiben! Ich gab ihm eine Ohrfeige, 

Ich erlaubte mir dem Herrn Professor zu bemerken, 
dass alle Ziffern gewissermassen Nullen seien, sintemal das 
arabische Wort Ziffer eigentlich leer und Null bedeute und 
mit dem romanischen Zero identisch sei — noch Luther 
brauchte Ziffern im Sinn von Nullen, als er sagte, der Papst 
mache aus den Bischöfen nur Ziffern und Ölgötzen — was an 
den Ausdruck des Horaz {Epistulae I, 2, 2y) erinnert: nos 
numerus sumus, wir sind Nullen. ^ Ich erlaubte mir eben an 
diesen Umstand die Erinnerung an den arabischen Ursprung 
unserer Ziffern überhaupt zu knüpfen, deren Grundformen 
man daher nicht bei uns, sondern im fernen Osten suchen 
müsse, und zwar bis nach Indien hin; denn das arabische 
^fr sei wiederum nur eine Übersetzung des Sanskritwortes 
^nja-s, welches ebenfalls leer und Null bedeute, und mit 
dem griechischen ytevog verwandt sei. Ich bemühte mich 
schliesslich, bezüglich der Null zu konstatieren, dass wir 
gerade bei diesem Zeichen der ältesten, indischen Methode 
folgen, indem wir es wie im Devanagari, das ist der gang- 
baren Sanskritschrift, im Tibetanischen und sonst durch 
einen kleinen leeren ICreis ausdrücken, während die Araber 
den Kreis gewissermassen ausgefüllt und einen Punkt dar- 
aus gemacht haben, welcher sich zwcir dem absoluten 
Nichts nähert, zu dem aber (genau wie im Französischen 
ne zu point) die Negation erst hinzugedacht werden muss: 
nicht einmal einen Punkt, das ist gar nichts. Die Franzo- 
sen sagen, wie wir aus der vorhergehenden Buchstaben- 
tabelle wissen: n^avoir pas fait une panse d^a fiir nichts ge^ 



— 440 — 

schrieben hdben^ wörtlich nicht einmal den Bauch eines Meinen, a; 
dieser Bauch wäre die Figur der indischen Null, und nicht 
undenkbar, dass auch ihr irgend ein solcher geringfügiger 
Buchstabenbestandteil zu Grunde liegt; denn die Buchstaben 
werden überhaupt gern zu Typen des Allergeringfugigsten 
erhoben. Doch fand ich für alle meine Vorstellungen kein 
Gehör — der Professor blieb dabei, dass die Null ihrer 
Natur nach überhaupt nicht geschrieben werden dürfe, dass 
daher auch die Engländer niu" von nine digüs redeten, weil 
die Null nur a cipher sei, und um mich besser zu überfuhren, 
gab er mir ein englisches Rebus auf: er nahm ein weisses 
Blatt Papier und schrieb das Wörtchen ado mehrmals im 
Kreise auf; dann fragte er mich, was das bedeute? — Es 
bedeutete Mtich ado dbout nothing y viel Lärmen um nichts. 

War das nun Tollheit? — Es Hess sich nicht leugnen, 
dass sich im Kopfe dieses modernen Pythagoras wahre und 
irrtümliche Ideen gleichsam kreuzten und einander die 
Wage hielten, ja, dass ihnen eine ganz richtige und frucht- 
bare Beobachtung zu Grunde lag — Kinder und Narren 
reden bekanntlich oft die Wahrheit, und zum Narren fehlte 
nicht gerade viel. Der Einfall mit den Strichen ist in der 
That ein vollkommen gesunder und gar nicht prinzipiell 
von der Hand zu weisen. Der Professor hätte nur seine 
Ziffern nicht a priori konstruieren, sondern historisch ent- 
wickeln sollen. Er brauchte sich in den Zahlensystemen der 
Völker nur ein wenig umzusehen, so fand er wirklich 
Ziffern, die augenscheinlich nach seiner Methode gebildet 
worden waren — ich meine natürlich einfache Ziffern, ele- 
mentare Ziffern, was die Engländer Digits oder Finger nennen. 
Über diese Einschränkung müssen wir zuvörderst eine kurze 
Erklärung geben. 

Man muss offenbar einfache und zusammengesetzte 
Ziffern unterscheiden, das heisst, solche, wo zum Ausdruck 
einer Zahl ein einziges Zeichen verwendet wird, und solche, 
wo man mehrere dazu braucht: zum Beispiel 6 ist eine 
einfache, 666 eine zusammengesetzte Ziffer, M eine einfache. 



— 441 — 

looo eine zusammengesetzte, umgekehrt IV eine zusammen- 
gesetzte, 4 eine einfache Ziffer. Für die sogenannten Zahlen- 
systeme ist nun allerdings die Methode dieser Zusammen- 
setzung das Wichtigste; für den Ursprung der Ziffern aber 
ist sie gänzlich indifferent, da sie auf einer mathematischen 
Operation beruht, welche mit den bereits vorhandenen ein- 
fachen Ziffern vorgenommen wird; denn die Elemente der 
Zusammensetzung sind eben keine neuen, sondern immer 
jene alten Ziffern. Wirklich originelle Schöpfungen waren 
nur die letzteren; bei den komplizierteren Zahlengebilden 
reichte gleichsam die Kunstfertigkeit des Geistes nicht mehr 
aus, er musste zu einer Umschreibung mit bekannten 
Grössen seine Zuflucht nehmen. Eine Ziffer wie 6 verhält 
sich zu einer Ziffer wie i6, genau so wie die beiden Zahl- 
wörter sechs und zehn, welche beide einfach sind, zu dem 
Zahlwort sechzehn, welches aus sechs und zehn zusammen- 
gesetzt ist. Wenn man will, kann man auch überhaupt 
nur die einfachen Ziffern Ziffern, die zusammengesetzten da- 
gegen Zahlen nennen, obgleich das etwas Willkürliches haben 
würde, da man im allgemeinen unter Ziffer, im Gegensatze 
zu Zahl und Zahlwort, das Zahlzeichen schlechthin versteht. 
Wenn wir nun demgemäss die Zifferkomplexe vorderhand 
ganz ausser Betracht lassen und nur fragen: auf wel- 
chem Wege gewannen die Völker einfache Ziffern? 
— so finden wir unter den mehrfachen Wegen, die einge- 
schlagen wurden, in der That den obenangegebenen: so- 
viel Striche zu machen als Einheiten vorhanden 
sind, er ist unstreitig einer der allematürlichsten (i). 

Augenscheinlich beruhen auf dieser Methode die vier 
ersten phönizischen und altgriechischen Zahlzeichen I, II, 
111, IUI, femer die drei ersten römischen Ziffern I, II, III; 
und sie dürfte, nur in anderer Weise als unser Mathematikus 
wollte, auch unseren drei ersten Ziffern, i, 2, 3 zu Grunde 
liegen. Diese sehen in der arabischen (und demnach auch 
in der persischen und türkischen) Schrift so aus: 



— 442 — 

und im Devanagari, mit geringen Abweichungen nach der 
älteren oder neueren Druckschrift: 

Es kann nun, meine ich, auch dem oberflächlichsten 
Betrachter nicht entgehen, dass die i durch einen Haupt- 
strich ausgedrückt und diesem bei der 2 ein einziges, bei 
der 3 ein doppeltes Häkchen hinzugefugt wird: dieses 
doppelte Häkchen bildet mit Weglassung des Grundstrichs 
unsere 3; unsere 2 unterscheidet sich von der arabischen 
Ziffer Y wesentlich nur durch ihre Lage: der gerade Grund- 
strich steht nicht aufrecht wie ein Stiel, sondern hegt wag- 
recht am Boden. Ich gebe zu, dass diese Erklärung vde 
in der lateinischen Schrift nur auf . die drei ersten Ziffern 
passt, denn die folgenden müssen, wenigstens im vorliegen- 
den Stande der Schrift, ihre Entstehung einem andern 
Prinzip verdanken; sie sehen folgendermassen aus: 

4 arabisch 1^ oder ^, indisch 8 



D 




6 


6 




"i 


7 




V 


8 




A 


9 




^ 



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»» 



»1 



>» 



C 



o „ . f, o 

Ich weiss wohl, dass die indischen Zeichen die Anfangs- 
buchstaben der entsprechenden Zahlwörter im Sanskrit ge- 
wesen sein sollen, gemäss einem andern wichtigen 
Prinzip der Zifferbildung (2). Auf ihm beruhen die 
übrigen Zahlzeichen der älteren griechischen Inschriften, 
wie n {nivre) für 5, J {Mm) für 10, H (HsxaTov das ist 
Hmov) für 100, X (Xlhoi) für looo, M {Mvqioi) für loooo; 
und offenbar die beiden römischen C (Centum) für loo und 
M (Mille) für 1000; L für 50 vnrd als die Hälfte von E«C, 
100 erklärt. Für das Auge ist die römische Ziffer L aller- 



— 443 — 

dings der Buchstabe L, den auch der Franzose meint, wenn 
er von einem Mann über die fünfzig sagt: ü en a dans Vaüe, 
Sicher ist auch D, 500 eine solche Hälfte, nämlich die einer 
andern Ziffer für Tausend: CIO, nur kann man darüber in 
Zweifel sein, ob das letztere Zeichen wirklich das Primäre 
und nicht vielmehr das Ganze aus der Verdoppelung der 
Hälfte hervorgegangen ist. CIO wird für etruskisch aus- 
gegeben. 

Nach dieser Analogie hat man also auch die indischen 
Ziffern erklären wollen, wonach, wenn man das Devanagari 
zu Grunde legt, das Zeichen für fünf, yi, der Anfangsbuch- 
stabe von Pauli an j fünf, oder P (u), das Zeichen für sechs, 
€, der Anfangsbuchstabe von Shash, sechs, oder Sh (ir) sein 
müsste und so fort. Bei der Fünf wäre das ziemlich plau- 
sibel, indem da nur der obere Querstrich des Sanskritbuch- 
stabens fehlte; bei der Sechs dagegen müsste man eine so 
g-ewaltsame Verstümmelung der Form annehmen, dass die 
Leugnung jedes Zusammenhangs zwischen Buchstabe und 
Ziffer offenbar mehr Wahrscheinlichkeit für sich hat. Es 
steht zu glauben, dass in der indischen Schrift wie in der 
lateinischen und anderwärts nicht alle Ziffern nach einem 
und demselben Prinzip gebildet worden sind; so scheint 
mir, wenn ich diese Vermutung äussern darf, die indische 
•6 wieder auf die Sprünge von i, 2 und 3 zu kommen: 
lässt man das dritte Häkchen weg, so hat man genau die 
Figur einer umgekehrten Drei: a = 3, e == 6; da die ent- 
gegengesetzte Stellung eines einzigen Häkchens bereits 
genügt, die Ziffer zu charakterisieren, so begnügten sich 
die Araber mit der Figur i, und imsere 6 ist aus der 
letzteren genau so wie unsere 3 aus si entstanden: wir 
Hessen den Grundstrich weg. 

Aber Buchstaben und Zahlzeichen hängen noch auf 
eine andere Art zusammen, und dies führt uns auf einen 
dritten Weg der Zifferbildung, der, ich will nicht 
sagen für die indischen, aber für andere Systeme sehr 
wichtig geworden ist (3). Auf alten Inschriften entlehnten 



— 444 — 

die Griechen ihre Ziffern den Anfangfsbuchstaben der Zahl- 
wörter, wie wir sahen; seit dem fünften Jahrhundert vor 
Christus benutzten sie einfach die Buchstaben des Alphabets 
als Zahlzeichen, indem sie dieselben die ihrer Stelle ent- 
sprechende Zahl, will sagen die Einer, die Zehner und die 
Hunderte vertreten Hessen, also a die i, ß die 2 und so 
fort, i die 10, x die 20 und so fort, q die 100, a die 200 
und so fort; ja sie ergänzten zu diesem Zwecke ihr ioni- 
sches Alphabet durch drei sogenannte Episemen, nämlich 
durch das Digamma F, welches 6, das Koppa 9 , welches 
90, und das sogenannte Sampi, welches 900 vertrat. Genau 
so ist es in der hebräischen Quadratschrift, wo Aleph bis Thet 
I bis 9, Jod bis Sade lo bis 90, Koph bis Taw 100 bis 400 
vertritt; um die Zahlen bis 900 auszufüllen, dienen gewöhn- 
lich die fünf Finalbuchstaben; die Tausende werden durch 
die Einer bezeichnet mit darübergesetzten Punkten, zum 
Beispiel n = 1000. Darauf gründeten die Juden ihre Kab- 
bala, und noch heute erinnert der Name des berüchtigten 
Hazardspiels Kümmelhlättchen an diese Zählmethode: Kümmel- 
hlättchen ist soviel wie Oimelhlättchen , mithin, da der hebrä- 
ische Buchstabe Oimel, als der dritte im Alphabet, die 
Dreizahl bedeutet, soviel wie Dreihlättchen: bekanntHch wer- 
den beim Kümmelhlättchen drei Karten verdeckt aufgelegt. 
Man weiss, dass sich in der Gaunersprache oder dem Bot- 
welsch namentlich hebräische Ausdrücke vorfinden. Nach 
Faulmanns Vermutung waren überhaupt die Zahlzeichen 
das Primäre, die Lautzeichen das Sekundäre, und die Er- 
findung der Buchstabenschrift bestand darin, dass man die 
Ziffern zur Schreibung von Wörtern verwendete (Btich der 
Schrift, S. 77). 

Wäre dem so, so würde der Wert der Zahlzeichen 
nicht auf der Anordnung des Alphabets, sondern umge- 
kehrt die Anordnung des Alphabets auf dem Werte der 
Zahlzeichen beruhen, und in Beziehung auf die letzteren 
stünden wir wieder auf dem alten Flecke. Wie sind sie 
entstanden? Nun, man gestatte mir, wenn die eben ange- 



— 445 — 

gebene Methode in Wegfall kommen soll, eine an ihre 
Stelle zu setzen, welche dann als die dritte zu gelten 
hätte und die wiederum auf einer direkten Abbildung der 
wirklichen Dinge, ohne Vermittlung der Lautsprache, be- 
ruht (4). 

Diese Methode ist, die Ziffern durch Dinge auszu- 
drücken, welche erfahrungsmässig eine bestimmte 
Anzahl von Einheiten enthalten. Hierfür gibt es ein 
sehr hübsches Beispiel: die römische Ziffer V, welche äusser- 
lich mit dem Buchstaben V, wie X mit dem lateinischen 
X und dem griechischen X zusammenfällt — ein X für ein 
U machen bedeutet eigentlich eine römische Zehn statt einer 
römischen Fünfe schreiben; genau so nennt man in Frank- 
reich betrügliches Rechnen allonger les S, das heisst aus den 
s am Ende der Rechnung, welche Sou^s, fs machen, welche 
Francs bedeuten. 

Die Ziffer V hat die Form einer geöffneten Hand, die 
oft damit verglichen wird; X sind zwei Hände. Diese 
Deutung scheint mir mindestens ansprechend; doch wollen 
wir uns bemühen, die Sache recht zu verstehen und die 
Analogie prüfen, wie sie eigentlich gemeint ist. Es gibt 
viele Dinge, welche zufällig die Gestalt von Ziffern haben, 
an uns und ausser uns. Die Acht hat die Gestalt einer 
Brezel, daher hat man das laufende Jahr 1888 das Drei- 
Brezel- Jahr getauft Das an den Schläfen vorgekämmte 
Haar, wie es die preussischen Soldaten tragen müssen, 
nennt man eine premsische Sechse, Im Kladderadatsch befand 
sich Ende November 1880 ein Bild: Statistikers iMst am 
i. Dezember. Der Statistiker weidete sich an dem Anblick 
von mehr als 40 Millionen Zählkarten. Sein Gesicht war 
gleichsam aus Ziffern gebildet. Es stellten vor 

das Obr eine 2 

die Augen eine liegende 8 

der Backenbart eine 9 

die Nase mit Kinn eine 3 

die Stirnlöckchen und Stirne eine 5 



— 446 — 

die Feder hinterm Ohr eine i 
die Nasenlöcher eine 4 
die Schläfe eine 6. 

Dergleichen Analogien gehen uns nichts an, denn die Kör- 
perteile, welche gerade die Gestalt von ZiflFem haben, ver- 
danken diese Gestalt nur einer Laune der Natur, sie ent- 
halten nicht die Einheiten einer Zahl, sie stehen in gar 
keiner Beziehung zu der Zahl, sie sind keine ZahleiL 

Vermöge der vielgerühmten Plastizität unseres Leibes 
vermögen wir femer mit den Fingern neben andern Dingen 
auch Ziffern nachzumachen. Der Gott Janus war ein Son- 
nengott: das deuteten die alten Römer damit an, dass sie 
ihn in der rechten Hand 300, in der linken 65 Steinchen 
zählen Hessen; ursprünglich aber hatten die Finger seiner 
rechten Hand die Zahl 300 (CCC), die Finger seiner linken 
Hand die Zahl 55 (LV) selbst angegeben (Plinius H, N, 
XXXIV, 7). Dergleichen Analogien gehen uns abermals 
nichts an, denn die Hände, welche künstlich zu Ziffern 
gestaltet worden sind, stehen abermals in keiner inneren 
Beziehung zu den Zahlen; die Ziffern, die man sonst in Erz 
und Marmelstein einzugraben pflegt, werden nur zufallig 
einmal am Leibe ausgedrückt. 

Wenn dagegen die römische Ziffer V von der mensch- 
lichen Hand entlehnt und ihre Verdoppelung, die X, auf 
zwei Hände zurückgeführt wird, so besteht zwischen Hand 
und Ziffer in der That ein innerer Zusammenhang. Denn 
die Hand ist gleichsam eine lebendige Fünf, jeder Finger 
eine Einheit, die uns angeboren ist, ja das Zahlwort Fünf 
soll nach Grimm selbst von den fünf Fingern, das Zahlwort 
Zehn von den Fingern beider Hände abgeleitet sein. Als 
im Jahre 1860, am Vorabend der Madonna di Fiedigrotta 
Garibaldi in Neapel einzog und durch Dekret vom 15. Ok- 
tober das Königreich beider Sizilien für einen Bestandteil 
des einen und unteilbaren Italiens erklärte, wurde dies eine 
Italien von den Unterthanen plastisch dargestellt — schon 
vor 1864 dargestellt, wo man es an der Nordseite des 



— 447 — 

königlichen Palastes in Marmor abbildete. Am 21. Oktober 
fand eine allgemeine Volksabstimmung über die Annexion 
statt: die Neapolitaner hatten mit Staunen einen einzigen 
Mann, nur von fünf oder sechs Soldaten begleitet, uner- 
schrocken in die Stadt kommen sehen, wo noch 6000 Prä- 
torianer eines absoluten Königs standen: die lebhaften 
Lazzaroni begeisterten sich für einen Mut, der ihnen so 
ferne lag; sie durchzogen lärmend die Strassen und riefen 
aus Leibeskräften: Itälia unaf Itolia una! — Sie brüllten, bis 
sie nicht mehr konnten; um aber ihren Einheitsbestrebungen 
fort und fort beredten Ausdruck zu geben, hielten sie 
den Zeigefinger in die Höhe. Der Finger war die 
italienische Einheit! — Bekanntlich braucht schon Homer für 
zählen das Wort ftef-iTtatetv , gleichsam fünfern {TtewaCeiv) 
oder abfingern; denn die älteste und einfachste Zählungsart 
ist die, etwas an den fünf Fingern abzuzählen, und es gibt 
Völker, die, sich mit einer Hand begnügend, nur bis zu 
fünf zählen und von sechs bis zehn die nämlichen Wörter 
mit einem Beisatze wiederholen. 

Wenn wir beim Schwur die rechte Hand erheben und 
den Daumen, den Zeige- und den Mittelfinger ausstrecken, 
um die Dreieinigkeit anzudeuten — wenn der Papst zum 
Zeichen derselben Dreieinigkeit mit den erhobenen drei 
ersten Fingern die Völker segnet, während der griechische 
Metropolit, angeblich den Namen ^Iriaovg KgiOTog nach- 
bildend, den Zeige-, den Mittel- und den kleinen Finger 
ausstreckt und den Daumen und den Goldfinger zusammen- 
schliesst: ist es etwa eine andere Zählmethode? — Wie man 
in den Kirchen hin und wieder als Symbol der Dreieinigkeit 
ein Dreieck mit einem Auge abgebildet sieht, so werden 
die Finger als eine leibhaftige Dreieinigkeit gezeigt und, 
wie das Volk sagt, aus fünfen gezogen. 

Daher denn in der Sprache des Volks Hand imd Fünfe 
geradezu gleichbedeutend geworden ist. Wenn man einem 
die Hand drauf gibt, so gibt man ihm Fünfe drauf — wenn 
man einem eine Ohrfeige gibt, so thut man ihm fünfe aus — 



— 448 — 

wenn der französische Vater seinem Sohne zwei Ohrfeigen 
erteilt, so gibt er ihm cinq et quatre, das heisst eine mit der 
flachen Hand und eine andere mit dem Handrücken (wo 
bloss vier Finger treffen) — wenn der Grieche einem Tür- 
ken flucht, so ruft er ihm zu Va Ttevre ^g rä ^fidzid aov, das 
heisst, möchten dir die Fünfe in die Äugen [fahren] und streckt 
die fünf Finger aus wie Proteus, als er seine Robben zählte. 
Wie wenn daher auch eine römische HI nicht drei 
abstrakte Striche, sondern drei lebendige Finger, und, wie 
die Engländer sagen, drei Digits bedeutete, obivohl dieses 
Wort gegenwärtig nicht mehr die Einheiten selber, sondern 
die Ziffern von eins bis neun auszudrücken pflegt? Wie 
wenn alle Ziffern aus Dingen hervorgegangen wären, die 
wie die Hände und die Finger natürliche Zahlen sind? Ein 
Uhr nach Mittag oder nach Mittemacht nennt der Italiener 
il Tocco, das heisst den Schlag, weil die Uhr bloss einmal 
schlägt; und bei der Tombola pflegt das römische Volk die 
Zahl Zwei durch le gambe della donna, die Beine des Weibes 
zu umschreiben. Die Duale sind reichlich gesät, dieser ist 
dem Volke gerade im Gegensatz zum männlichen Ge- 
schlecht charakteristisch. Ha! Mein Mathematiker glaubte 
wohl recht einfach zu sein, indem er die Ziffern aus geraden 
Linien zusammensetzte; aber über die Einfachheit der Natur, 
die uns ohne Worte sprechen und zählen lehrt und die uns 
die Ziffern mit den Zahlwörtern an die Hand gegeben 
hat, geht doch keine Schrift der Welt. 



Sach-Register. 



A. 

Adler, von Karl dem Grossen zum 
Symbol des von ihm gegründeten 
Reiches erhoben 340. Der Dop- 
peladler bezieht sich auf das ost- 
und weströmische Reich 341. 

Affen, Alarmsignale 217. 

Akazie, heiliger Baum 35. Die 
Freimaurer legen ihren Brüdern 
Akazienzweige aufs Grab 36. 

Ameisen, Alarmsignale 217. 

Anspeien oder Ausspeien vor 
einem, Zeichen der Verachtung 
270. 

Antonius, Leichenrede, die er 
Julius Cäsar hielt 282. 

Apokalyptische Reiter 84. 

Aristodicus jagt alle Sperlinge aus 
dem Tempel des Apollo 304. 

Arsch, das Bieten oder Weisen 
desselben, Zeichen der Verachtung 
271. 

Augen, physiognomische Bedeutung 
derselben 115. 

Augustinus, wie er durch eine 
höhere Stimme bekehrt ward 88. 

B. 

Bäcker, was sie für Beine bekom- 
men 138. 
Bäckerbeine 138. 

Kleinpaul, Sprache ohne Worte. 



Besitzergreifung, faktische 288. 

Beth und Gimel, Buchstabenrätsel 
in den Schulen Karthagos zur Zeit 
der Vandalenherrschaft 411. 

Bienen, Zeichen, die sie sich geben 
217. In Wappen 342. 304. 

Blumen, vegetabilische Geschlechts- 
teile 28. 

Blumensprache 316. 

Brandmarkung 329. 401. 

Brazen Head des Roger Bacon zu 
Oxford 237. 

Brief marken spräche 315. 

Brot. Wie die berliner Taubstum- 
men diesen Begriff ausdrücken 387. 

Bülbül, die persische Nachtigall 15. 
21. 

Buckelige, gewöhnlich geistreich 
105. 

Bundschuh, Abzeichen der Bauern 

327- 

G. 

C, Geschichte des lateinischen Buch- 
stabens und Aussprache desselben 

415. 
Cagots, Abzeichen im Mittelalter 

328. 

Ceder, heiliger Baum 35. Die Zitro- 
nen wurden für ihre Früchte ge- 
halten 36. 

Charlottenburg, Zeichen, welches 

29 



— 450 



die Zöglioge des berliner Taub- 
stummeninstituts für diese Stadt 
haben 386. 

Chinesische Schrift 405. 

Chironomia 366. 

Cicero, der Name von den Kicher- 
erbsen 416. Schibboleth bei der 
Sizilianischen Vesper 416. 

Cisterziense r beobachten das Ge- 
lübde des Stillschweigens 383. 

Condianus. Ihm wird seine und 
seines Bruders Ermordung durch 
einen Traum verkündigt 66. 

Croquis der Einjährig- Fr«willigen ; 
lehrreich für die Entstehung der 
Schrift 393. 

Cy presse, heiliger Baum 35. Sym- 
bol des Lebens und der Unsterb- 
lichkeit 36. 

D. 

Dämon als Todesbote 86. 

Daumen, wie ein alter Herzog da- 
mit spricht 314. Das Publikum 
gibt damit im Amphitheater den 
Befehl zur Erteilung des Todes- 
stosses 362. 

Den Daumen beissen, Zeichen 
der Verhöhnung 276. 

Den Daumen stecken 273. 

Davidsschild, Bild des Namens 
Gottes 396. 

Dion, Erscheinung, die er vor sei- 
nem Tode hatte 82. 

Dolman, ungarisches Montierungs- 
stück 336. 

Doppelgänger 89. 

Dreieck, mit der Spitze nach oben, 
Symbol des Feuers und des Gottes 
Siva; mit der Spitze nach unten, 
Symbol des Wassers und des Gottes 
Vischnu 395. Symbol des weib- 
lichen Gliedes 376. Apotheker- 



zeichen 396. Das sehende Drei- 
eck, Symbol der Dreieinigkeit 25. 

Dreieinigkeit, beim Segen mit den 
Fingern dargestellt 447. 

Dreizehn, gefahrliche Zahl, Ur- 
sprung dieses Aberglaubens 53. 

E. 

Ei, Weltsymbol 24. 

Einhorn, Symbol der Keuschheit 
32. Es versinnlicht die Fleisch- 
werdung des göttlichen Wortes im 
Schoose der Jungfrau Maria: Be- 
schreibung eines alten deutschen 
Bildes^ welches die Verkündigung 
Afariä unter dem Bilde einer 
Treibjagd darstellt 33. 

Erbschlüssel; Rest der Coscino- 
mantie 32. 

Erinyen, die personifizierten Flüche 
81. 

Eselbohren, Zeichen des Spottes 
265. 

Eumeniden 81. 

F. 

Fächersprache 320. 

Feige, Symbol der Gebärmutter 
und der weiblichen Scham über- 
haupt 28. 99. 274. Z>ie Feige 
bieten^ Zeichen der Verachtung 273. 
Cato wirft Feigen in den Senat 
280. 

Feigenbaum, heiliger, Symbol der 
Gottheit 26. 

Fica, obscöne Bedeutung dieses 
Wortes im Italienischen 274. 

Finger, die natürliche Einheit 447. 

Durch die Finger sehen, ein 
Auge zudrücken 261. 

Fisch, Typus der Fruchtbarkeit 27. 
Mystisches Zeichen des Christen 
und Christi selbst 43. 



451 



Flüche und Schwüre, absichtlich 
verkleidet und verhüllt 169. 

Franklin schickt dem englischen 
Minister Klapperschlangen 303. 

Frauen, ihr dämonischer Charakter 
80. 

Freitag, bei uns ein Unglückstag, 
in Amerika ein Glückstag 53. Das 
Omen ausgegangen vom Karfreitag 

53. 
Früchte. Bilder der Gebärmutter 

28. 99. 

Fünf und Hand in der Sprache 
des Volkes gleichbedeutend 447. 

Fuss, charakteristisch für die weib- 
liche Scham 108. 



Gauner- und Spitzbubenzinken 

374. 
Geige, volksmässiges Sinnbild für 

das Weib, wurde zum Ausdrucke 

des Spottes 372. 

Gelimer erbittet in seiner Not ein 
Brot , einen Schwamm und eine 
Harfe 302. 

Gemsen zeigen die Gefahr durch 
Pfiffe an 216. 

Geschlechtscharaktere 109. 

Gladiatoren heben einen Finger in 
die Höhe, wenn sie um ihr Leben 
bitten 362. Die Zuschauer geben 
den Befehl zur Erteilung des To- 
desstosses, indem sie den Daumen 
nach unten wenden 362. 

Granatapfel, Symbol der ehelichen 
Fruchtbarkeit 27. 

Guelfen und Ghibellinen, Feld- 
geschrei und Abzeichen 328